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  • Missionare — Wodurch sollten sie sich auszeichnen?
    Erwachet! 1994 | 8. Oktober
    • Missionare — Wodurch sollten sie sich auszeichnen?

      DAS Wort „Missionar“ kann starke Emotionen wecken. Einigen flößt es Bewunderung ein, und sie verbinden damit Menschen wie Mutter Teresa oder den verstorbenen Albert Schweitzer.

      Andere reagieren mit Gleichgültigkeit, mit Widerwillen oder sogar mit Zorn. Sie denken bei dem Wort „Missionar“ an psychische Manipulation, und vor ihren Augen wird die Kolonialzeit wieder lebendig.

      Daher stellt sich die berechtigte Frage: Haben sich Missionare als Boten des Lichts oder als Boten der Finsternis erwiesen?

      Was ist ein Missionar?

      Gemäß einem Wörterbuch ist ein Missionar jemand, der „im Auftrag einer Glaubensgemeinschaft zur Verbreitung ihrer Lehre ein geistliches Amt versieht oder humanitäre Dienste leistet“.

      Die Grundlagen für die christliche Missionstätigkeit schuf Jesus Christus, der seine Nachfolger anwies: „Geht daher hin, und macht Jünger aus Menschen aller Nationen.“ Das macht ein weltweites Verkündigen der christlichen Botschaft nötig (Matthäus 28:19).

      Jesus war selbst ein Missionar; er wurde von seinem Vater Jehova vom Himmel auf die Erde gesandt, wo er gewissermaßen eine Auslandszuteilung antrat (Philipper 2:5-8). Folgerichtig sollte sich ein christlicher Missionar eng an das von Jesus Christus vorgelebte Beispiel halten. Der Apostel Paulus, ein Missionar des ersten Jahrhunderts, tat genau das und gab somit ein Beispiel für christliche Missionare späterer Zeit (1. Korinther 11:1).

      Während seines Aufenthalts auf der Erde war Jesus gegenüber den sozialen Problemen, von denen die Menschen geplagt wurden, zwar nicht gleichgültig, aber er räumte deren Lösung nicht die oberste Priorität ein. Hätte er das getan, dann hätte er den Menschen bestenfalls vorübergehend Erleichterung gebracht (Johannes 6:26, 27; 12:8). Etwas anderes war von wesentlich wichtigerer Bedeutung. Jesus sagte zu Pilatus: „Dazu bin ich geboren worden und dazu bin ich in die Welt gekommen, damit ich für die Wahrheit Zeugnis ablege.“ Es kann nicht genug betont werden, von welch unschätzbarem Wert es ist, diese Wahrheit zu erkennen; das hatte Jesus zuvor in einem Gebet mit folgenden Worten zum Ausdruck gebracht: „Dies bedeutet ewiges Leben, daß sie fortgesetzt Erkenntnis in sich aufnehmen über dich, den allein wahren Gott, und über den, den du ausgesandt hast, Jesus Christus“ (Johannes 17:3; 18:37).

      Haben die Missionare der Christenheit dem Beispiel Jesu entsprochen? Haben sie sich wie er als Boten des Lichts erwiesen, indem sie das Licht des Wortes Gottes reflektiert und die Erkenntnis verbreitet haben, die zu ewigem Leben führt? Oder haben sie die Menschen in Finsternis gelassen? Die Antworten auf diese Fragen sollten jeden von uns interessieren, denn die Früchte, die von den angeblich christlichen Missionaren im Laufe der Jahrhunderte hervorgebracht wurden, helfen uns, zwischen der wahren und der falschen Religion zu unterscheiden. Wir freuen uns daher, für die nächsten fünf Ausgaben von Erwachet! eine eingehende Behandlung dieser Thematik anzukündigen.

      Haben sich die Missionare an Christi Beispiel gehalten?

      Missionare haben einen wertvollen Beitrag zur Verbreitung der christlichen Botschaft geleistet. Manche haben beispielsweise die Bibel in einheimische Sprachen übersetzt, so daß es Menschen möglich wurde, selbst in der Bibel zu lesen.

      Heutzutage denken einige Missionare jedoch anscheinend, sozialer Not abzuhelfen sei dringender als das Bestreben, zu predigen oder zu übersetzen. In einem Artikel der Zeitschrift Time hieß es unter der Überschrift „Der moderne Missionar“: „Die Protestanten befassen sich jetzt mehr mit den grundlegenden wirtschaftlichen und sozialen Problemen der Menschen, die die Missionare zu erreichen suchen.“ Was den Katholizismus angeht, erklärte der Leiter der jesuitischen Missionstätigkeit, die von den Vereinigten Staaten ausgeht, die Verbreitung der christlichen Glaubenslehre komme „erst nach dem Dienst am Menschen“. Und ein katholischer Missionssekretär behauptete: „In der Vergangenheit war die sogenannte Erlösung der Seelen unsere Triebfeder. ... Heute glauben wir — Dank sei Gott! —, daß alle Menschen und Religionen die Gunst und Liebe Gottes bereits besitzen und durch Gottes Gnade erlöst werden.“

      Besteht somit keinerlei Notwendigkeit mehr, Gottes Wort zu lehren, so wie Jesus es tat?

      Kein Bedarf mehr?

      Im Rahmen einer „telefonischen Massenmissionierung“, wie sich eine Zeitung ausdrückte, riefen 1985 mehrere hundert Freiwillige rund 18 000 Hamburger Haushalte an. Doch offensichtlich wurden nur magere Ergebnisse erzielt. Im Dezember vergangenen Jahres schrieb die Zeitung The European: „Die Evangelische Kirche in Deutschland ... hat seit 1991 einen Rückgang an Kirchgängern um über 500 000 zu verzeichnen.“

      Nicht nur deutsche Kirchen zeichnen sich durch schrumpfende Gemeinden aus. Weltweit haben Millionen Menschen der Religion den Rücken gekehrt, weil sie der Ansicht sind, die Religion sei — auf das Leben in den 90er Jahren bezogen — wirklichkeitsfremd. Eine Kenntnis des christlichen Glaubens ist jedoch unbedingt nötig, um sich in der Finsternis der heutigen Welt zurechtzufinden und aus der Hoffnung auf eine zukünftige bessere Welt Kraft schöpfen zu können. Das Gebot Jesu, Jünger aus Menschen aller Nationen zu machen, ist ein wirksames Mittel, um einen dringenden Bedarf zu decken.

      Jesus Christus wollte, daß sich christliche Missionare als Boten des Lichts erweisen, nicht als Boten der Finsternis. Haben die Missionare der Christenheit diesem Bild entsprochen? Welchem Vorbild sind sie gefolgt?

      [Bildnachweis auf Seite 3]

      Culver Pictures

  • Missionare — Wer sollte ihr Vorbild sein?
    Erwachet! 1994 | 8. Oktober
    • Missionare — Wer sollte ihr Vorbild sein?

      SCHON bevor Jesus seinen Nachfolgern gebot, Jünger zu machen, führten verschiedene Religionen eine Art Missionstätigkeit durch. Einige waren darin eifriger als andere, denn nicht jede Religion vertritt eine universale religiöse Theorie — mit anderen Worten, nicht jede Religion erhebt den Anspruch, ihre Botschaft gelte prinzipiell für alle Völker.

      Gemäß der Encyclopedia of Religion ist dieser universale Anspruch zum Beispiel weniger ausgeprägt „bei den Stammesreligionen und im Schintoismus und noch weniger offenkundig bei zahllosen Richtungen des Konfuzianismus, des Judaismus und des Zoroastrismus“. Diese Religionen verbreiten sich „eher durch Völkerwanderungen oder durch allmähliches Übergreifen auf unmittelbare Nachbarn als durch organisierte Mission“.

      „Der Hinduismus bildet einen besonderen und überaus komplexen Fall“, heißt es weiter in der Enzyklopädie. „In vielerlei Hinsicht ähnelt er zwar den frühen, nichtmissionierenden Religionen“, da er sich durch allmähliche Annahme unter Nichthindus ausbreitete, andererseits aber hat er „Zeiten dynamischer Missionierung erlebt“.

      Zu den „lebenden Religionen, die von sich behaupten, den höchsten universalen Anspruch zu haben, und die am intensivsten über die heimatliche Basis hinaus Mission treiben“, gehören der Islam und der Buddhismus; das meinte Max L. Stackhouse von der Andover Newton Theological School. Die muslimischen Missionare können den Missionaren der Christenheit jedoch nicht als Vorbild gedient haben, da die islamische Ära erst, circa 590 Jahre nachdem Christus das Gebot des Jüngermachens gegeben hatte, einsetzte. Der Buddhismus dagegen ging dem Christentum um etwa die gleiche Zeitspanne voraus.

      Ein Beispiel für Liberalität

      Der Überlieferung nach soll Buddha eine Missionsbewegung ins Leben gerufen haben, indem er zu seinen Jüngern sagte: „Geht, ihr Mönche, verkündet die edle Lehre, ... keine zwei von euch sollen denselben Weg nehmen.“ Doch obwohl buddhistische Missionare schon im 4. Jahrhundert v. u. Z. in Europa tätig waren, gab es nur wenige ausgedehnte buddhistische Missionsbewegungen. In den meisten Fällen breitete sich der Buddhismus durch einzelne aus — durch reisende Kaufleute, Pilger und Schüler. Über Handelsstraßen zu Land und zu Wasser erreichte er beispielsweise China und verschiedene Gebiete Südostasiens.

      Erik Zürcher von der Universität Leiden (Niederlande) schreibt die Ausbreitung des Buddhismus hauptsächlich drei Faktoren zu. Der erste ist „die liberale Haltung“ des Buddhismus „gegenüber allen anderen Religionen“. Das ermöglichte ohne weiteres die Annahme „nichtbuddhistischer Kredos als vorläufige und teilweise Offenbarungen der Wahrheit“ und sogar die Aufnahme „nichtbuddhistischer Gottheiten in das buddhistische Pantheon“.

      Der zweite Faktor ist die sogenannte Weltflucht der buddhistischen Missionare, das heißt, sie entsagten allen weltlichen Ehren. Und da sie von dem einengenden Kastensystem frei waren, dessen religiöse Bedeutung Buddha ablehnte, konnten sie sich ohne Furcht vor ritueller Verunreinigung unter Fremde mischen.

      Der dritte Faktor besagt, daß die heiligen buddhistischen Schriften nicht an eine bestimmte heilige Sprache gebunden waren. Sie ließen sich problemlos in jede beliebige Sprache übersetzen. „Besonders in China“, merkt Erik Zürcher an, „waren die berühmtesten ausländischen Missionare alle als Übersetzer tätig.“ Sie waren tatsächlich so eifrig im Übersetzen, daß Chinesisch neben Pali und Sanskrit zur dritten Hauptsprache der buddhistischen Literatur wurde.

      Mitte des dritten Jahrhunderts v. u. Z. trug König Aschoka, Herrscher des indischen Reiches, viel dazu bei, daß der Buddhismus breiteren Kreisen zugänglich gemacht wurde, und er intensivierte die Missionstätigkeit. In jenem vorchristlichen Zeitabschnitt blieb das Zentrum des Buddhismus aber hauptsächlich auf Indien und das heutige Sri Lanka beschränkt. Eigentlich gelangte der Buddhismus erst nach der Entstehung des Christentums nach China, Indonesien, in den Iran, nach Japan, Korea, Malaysia, Myanmar, Vietnam und in andere Länder.

      Buddhistische Missionare in China sahen offensichtlich nichts Verkehrtes darin, ihre Glaubenslehre abzuwandeln, um sie anziehender erscheinen zu lassen. Die Encyclopedia of Religion schreibt, daß „buddhistische Haupttexte neu interpretiert wurden; apologetische Literatur, neue Gedichte, Gesetze und Verordnungen wurden veröffentlicht, die gewisse Bestandteile der buddhistischen Botschaft abänderten, ja sogar verwandelten, so daß sie mit den einheimischen Religionen sowie dem Konfuzianismus und dem Taoismus jenes Landes verschmelzen konnten und diese sogar in mancher Hinsicht wiederzubeleben vermochten“.

      Wie künftige Artikel dieser Serie aufzeigen werden, ahmten die Missionare der Christenheit zu gewissen Zeiten ihre buddhistischen Vorgänger nach. Während die Missionare der Christenheit ihre heiligen Schriften in andere Sprachen übersetzten, gestatteten oder förderten sie sogar oft „die Aufnahme heidnischer Glaubenssätze und Riten“ in ihr religiöses Brauchtum, wie der Historiker Will Durant erklärte.

      Dem „Meistermissionar“ folgen

      In dem Buch Judaism and Christian Beginnings wird erklärt, daß das Judentum die Missionstätigkeit nicht in der Weise gefördert hat wie das Christentum, sondern „relativ wenig missionierte“. Wie Samuel Sandmel, Autor des Buches, jedoch anmerkt, „wurden zumindest wiederholte, sporadische Vorstöße in Richtung Mission gemacht“.

      Wie Sandmel ausführt, wird „Vater Abraham in der rabbinischen Literatur oftmals als Meistermissionar beschrieben“. Er kommt zu dem Schluß, daß „dieses Bild von Abraham als Missionar kaum hätte entstehen können, wenn nicht wenigstens in einigen Kreisen des Judentums die Bereitschaft bestanden hätte, die aktive Proselytensuche oder die Aufnahme derer, die aus eigenem Antrieb zu konvertieren suchten, mit Wohlwollen zu betrachten“.a

      Offenbar wurde die Missionsarbeit von den Juden in den zwei Jahrhunderten vor der Zeitenwende besonders in griechischsprachigen Ländern verstärkt, und zwar in dem Maße, wie heidnische Religionen an Anziehungskraft zu verlieren begannen. Die rege Missionierung dauerte bis weit in unsere Zeitrechnung an, bis sie schließlich im 4. Jahrhundert, als man im Römischen Reich eine verwässerte Form des Christentums zur Staatsreligion erklärte, verboten wurde.

      Das Vorbild

      Christlichen Missionaren war jedoch nicht geboten worden, dem Beispiel der jüdischen Missionare zu folgen. Tatsächlich sagte Jesus über die jüdischen Pharisäer seiner Tage: „Ihr reist über Land und Meer, um einen einzigen zu bekehren, und dann macht ihr ihn zweimal so reif für die Vernichtung, wie ihr selbst es seid“ (Matthäus 23:15, Phillips). Obwohl die jüdischen Missionare also in Abraham den „Meistermissionar“ sahen, bekehrten sie andere offensichtlich nicht zu einem Glauben, wie ihn Abraham in Jehova Gott setzte.

      Christliche Missionare sollten dem vollkommenen Beispiel des herausragendsten Meistermissionars, Jesus Christus, folgen. Lange bevor er gebot, Jünger zu machen, schulte er seine ersten Jünger für die internationale Missionstätigkeit, die das Jüngermachen einschließen würde. Da sich diese Missionstätigkeit über mehrere Jahrhunderte hinziehen sollte, war folgende Frage angebracht: Würden die Nachfolger Christi seinem Beispiel folgen?

      Gegen Ende des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung gab es darauf noch keine eindeutige Antwort, ganz im Gegensatz zu heute, wo sich das 20. Jahrhundert seinem Ende nähert. Etwa 1 900 Jahre der Missionstätigkeit angeblicher Nachfolger Christi erteilen ausführliche Auskunft.

      Ausgehend von Palästina, seinem Herkunftsort, breitete sich das Christentum über die ganze Erde aus. Unter anderem zog es westwärts, Richtung Mazedonien. Darüber wird in unserer nächsten Ausgabe berichtet.

      Ein Beispiel dafür, wie die Missionare der Christenheit Mission betrieben, liefert ihr Vorgehen während mehrerer Jahrhunderte in Mexiko. Stellen wir uns beim Lesen des folgenden Berichts die Frage: Haben sie sich als Boten des Lichts oder als Boten der Finsternis erwiesen?

      [Fußnote]

      a In dem Werk A Guide to Jewish Religious Practice ist zu lesen: „Man sieht in Abraham den Vater aller Proselyten ... Proselyten werden gebräuchlicherweise als Sohn oder als Tochter unseres Vaters Abraham bezeichnet.“

      [Bild auf Seite 7]

      Jesus rief das christliche Missionswerk ins Leben; er schulte seine Nachfolger und war das Vorbild, dem sie folgen sollten

  • Die Inquisition in Mexiko — Wie kam es dazu?
    Erwachet! 1994 | 8. Oktober
    • Die Inquisition in Mexiko — Wie kam es dazu?

      DIE Szene spielt vor einem Kirchengericht, das dem Beschuldigten den Glauben an bestimmte Lehren aufzwingen will. Er kennt weder den Anklagegrund, noch weiß er, wer ihn beschuldigt. Und das erfährt er auch nicht — statt dessen setzt man ihn unter Druck, selbst den Grund für seine Verhaftung zu nennen und zu erklären, wie seiner Meinung nach die Beschuldigung lautet und von wem sie stammt.

      Er muß sehr darauf achten, was er sagt, denn er könnte etwas gestehen, dessen er gar nicht angeklagt ist, und dadurch alles noch schlimmer machen. Außerdem könnte er andere hineinziehen, die mit der gegen ihn vorgebrachten Beschuldigung gar nichts zu tun haben.

      Legt der Angeklagte kein Schuldbekenntnis ab, foltert man ihn unter Umständen; gewaltsam wird ihm jede Menge Wasser in den Hals geschüttet, oder man bindet auf der Folterbank seine Gliedmaßen mit Riemen fest, die dann langsam immer mehr angezogen werden, bis der Schmerz unerträglich wird. Sein Vermögen ist schon längst vom Gericht konfisziert worden, und höchstwahrscheinlich wird er es nie wieder zurückerhalten. Das alles geschieht im geheimen. Wenn der Angeklagte für schuldig befunden wird, verweist man ihn entweder des Landes oder verbrennt ihn lebendig.

      Heute, im 20. Jahrhundert, mag man nur schwer verstehen können, daß es sich bei einem so furchtbaren Vorgehen um eine religiöse Tat handelte. Vor mehreren Jahrhunderten jedoch spielten sich in Mexiko solche grausamen Szenen ab.

      Die „Bekehrung“ der einheimischen Bevölkerung

      Als die Spanier im 16. Jahrhundert das Gebiet des heutigen Mexiko eroberten, kam es gleichzeitig zu einer religiösen Eroberung. Die Bekehrung der eingeborenen Völker zum katholischen Glauben war nicht viel mehr als ein Austausch von Traditionen und Riten, denn nur wenige katholische Priester waren damit beschäftigt, die Bibel zu lehren. Sie dachten gar nicht daran, die Sprache der Einheimischen zu lernen oder ihnen die lateinische Sprache beizubringen, in der die Glaubenslehre in schriftlicher Form erhältlich war.

      Einige waren der Meinung, die Indios sollten umfassend im katholischen Glauben unterwiesen werden. Andere dagegen teilten die Ansicht des Mönchs Domingo de Betanzos, der meinte, „der Indio sollte nicht in Latein unterwiesen werden, weil er dann begreifen würde, wie unwissend die Geistlichkeit ist“ (Zumárraga and the Mexican Inquisition von Richard E. Greenleaf).

      Die Inquisition und eingeborene Völker

      Nahm ein Ureinwohner Mexikos die neue Religion nicht bereitwillig an, galt er als Götzenanbeter und wurde schwer verfolgt. Zum Beispiel erhielt ein Eingeborener öffentlich hundert Peitschenhiebe, weil er bei seiner gespielten „christlichen“ Anbetung in Wirklichkeit heidnische Götzenbilder anbetete, die er unter dem Götzenbild der Christenheit vergraben hatte.

      Don Carlos Ometochtzin dagegen, Stammeshäuptling der Texcoco und Enkel des aztekischen Königs Netzahualcóyotl, kritisierte die Kirche. Richard Greenleaf schreibt, daß „Don Carlos die Kirche vor allem dadurch beleidigt hatte, daß er den Eingeborenen von den Ausschweifungen der Mönche berichtete“.

      Als das dem Mönch Juan de Zumárraga, damaliger Inquisitor, zu Ohren kam, ließ er Don Carlos verhaften. Man beschuldigte ihn, ein „dogmatisierender Häretiker“ zu sein, und verbrannte ihn am 30. November 1539 auf dem Scheiterhaufen. Viele andere Eingeborene wurden der Zauberei beschuldigt und bestraft.

      Die Inquisition und Ausländer

      In Mexiko lebende Angehörige eines fremden Landes, die nicht zum katholischen Glauben übertraten, wurden beschuldigt, Ketzer, Lutheraner oder Anhänger des Judaismus zu sein. Als Beispiel dafür diene die aus Portugal stammende Familie Carvajal. Man beschuldigte sie, die jüdische Religion zu praktizieren, und fast alle Familienmitglieder wurden von der Inquisition gefoltert. Folgender Urteilsspruch gegen ein Mitglied dieser Familie vermittelt einen Eindruck von dem Schreckgespenst der Inquisition: „Die besagte Doña Mariana de Carvajal verurteile ... [ich] hiermit ... zur Bestrafung durch die Garrotte [Vorrichtung zum Hinrichten durch Erdrosseln], bis daß der natürliche Tod eintritt; dann übergebe man sie den lodernden Flammen, bis sie zu Asche wird und nicht einmal die Erinnerung an sie zurückbleibt.“ Und genau das geschah.

      Sooft ein Ausländer die Macht der Geistlichkeit zu bedrohen schien, kam er vor Gericht. Don Guillén Lombardo de Guzman wurde beispielsweise beschuldigt, Mexiko befreien zu wollen. Verhaftet und vor Gericht gestellt wurde er hingegen, weil das Heilige Offizium ihn anklagte, ein Astrologe und ein Häretiker, nämlich ein Anhänger Calvins, zu sein. Während seiner Gefangenschaft verlor er den Verstand. Schließlich wurde er am 6. November 1659 lebendig auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

      Don Artemio de Valle-Arizpe beschreibt diese Szene in seinem Buch Inquisición y Crímenes: „Sie gingen daran, die Verurteilten auf dem Scheiterhaufen am Pfahl festzubinden und ihnen das eiserne Halsband anzulegen. ... Das heilige Feuer des Glaubens wurde entzündet, und ein loderndes Inferno aus schwarzem Rauch und roten Flammen schoß empor. Don Guillén ... ließ sich jählings zusammensacken, so daß das Halsband ihn strangulierte, und die mörderische Feuersbrunst leckte seinen Körper auf. Nach siebzehn langen Leidensjahren in den düsteren Gefängnissen des Heiligen Offiziums schied er aus dem Leben. Die Feuer brannten allmählich herunter, die scharlachroten, lodernden Flammen wurden kleiner, und nachdem sie gelöscht worden waren, glimmte in der schwarzen Nacht nur noch ein Gluthaufen.“

      Das „Heilige Offizium“ wirkt in Mexiko

      Wie bereits erwähnt, wurden in Mexiko viele Eingeborene und Ausländer bestraft, etliche sogar mit dem Tod, weil sie Kritik an dem neuen Glauben übten oder sich weigerten überzutreten. Zuerst sorgten die Mönche und später die Bischöfe dafür, daß es in Mexiko zu einer Art Inquisition kam. Der erste Großinquisitor Mexikos, Don Pedro Moya de Contreras, kam jedoch erst 1571 aus Spanien und setzte das Inquisitionstribunal des Heiligen Offiziums offiziell ein. Dieses Gericht stellte seine Tätigkeit 1820 ein. Also wurden in einem Zeitraum von etwa 300 Jahren — von 1539 an gerechnet — diejenigen, die nicht zum Katholizismus übertraten, drangsaliert, gefoltert und getötet.

      Der Beschuldigte wurde so lange gefoltert, bis er gestand. Das Inquisitionsgericht verlangte, daß er seine nichtkatholischen Bräuche aufgab und die Glaubensansichten der katholischen Kirche annahm. Er wurde nur dann freigelassen, wenn er seine Unschuld beweisen konnte, man keinen Schuldbeweis fand oder wenn er seine Schuld letztendlich gestand und bereute. Im letzteren Fall wurde seine Aussage öffentlich verlesen — er verabscheue sein Vergehen und verspreche, sich zu bessern. Auf alle Fälle verlor er sein Vermögen und mußte eine hohe Strafe zahlen. Befand das Gericht ihn für schuldig, wurde er der weltlichen Obrigkeit zur Bestrafung übergeben. In der Regel wurde er lebendig verbrannt, oder man tötete ihn, kurz bevor der Scheiterhaufen angezündet wurde.

      Zur öffentlichen Vollstreckung der Strafen fand jeweils ein großes Autodafé statt. Überall in der Stadt wurde öffentlich verkündet, wann und wo es abgehalten würde, um alle zu informieren. Wenn es soweit war, wurden die Verurteilten — mit einem sambenito (eine Art Umhang) bekleidet, einen Strick um den Hals habend, eine coroza (spitz zulaufender Hut) tragend und eine Kerze in den Händen haltend — aus den Gefängnissen des Tribunals des Heiligen Offiziums geführt. Nachdem die gegen den katholischen Glauben begangenen Verbrechen vorgelesen worden waren, wurden die über jedes Opfer einzeln verhängten Strafen vollstreckt.

      Auf diese Weise wurden viele Menschen im Namen der Religion verurteilt und bestraft. Die Grausamkeit und die Intoleranz der Geistlichkeit waren für die Menschenmengen, die die Opfer auf den Scheiterhaufen sahen, deutlich erkennbar.

      Ein krasser Gegensatz zum Christentum

      Christus Jesus gab seinen Jüngern den Auftrag, Menschen zum wahren Christentum zu bekehren. Er gebot: „Geht daher hin, und macht Jünger aus Menschen aller Nationen, tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu halten, was ich euch geboten habe“ (Matthäus 28:19, 20).

      Allerdings deutete Jesus zu keiner Zeit an, daß es sich dabei um eine gewaltsame Bekehrung handeln sollte. Vielmehr sagte er: „Wo jemand euch nicht aufnimmt noch auf eure Worte hört, da schüttelt den Staub von euren Füßen, wenn ihr aus jenem Haus oder jener Stadt hinausgeht“ (Matthäus 10:14). Letztendlich wird Jehova, der allmächtige Gott, Menschen mit einer ablehnenden Haltung richten, und zwar ohne die Mithilfe von Christen hier auf der Erde.

      Wo immer also ein Inquisitionsgericht tagte, stand die Vorgehensweise ganz offensichtlich in krassem Gegensatz zu christlichen Grundsätzen.

      Die religiöse Toleranz im heutigen Mexiko erlaubt den Menschen dort, die Art und Weise, wie sie Gott anbeten, selbst zu bestimmen. Die Jahrhunderte, in denen die sogenannte heilige Inquisition herrschte, bleiben jedoch ein dunkles Kapitel in der Geschichte der katholischen Kirche Mexikos.

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