Verständnis verleihen in Namibia
IN WIEVIEL Sprachen ist uns schon der Satz „Das verstehe ich nicht“ zu Ohren gekommen? „Hi nokuzuva“, sagte die Hererofrau, die eines der traditionellen langen Kleider und eine hornförmige Kopfbedeckung trägt. „Nghi udite ko“, erwiderte ein Kwanyamamädchen und lächelte dabei. „Kandi uvite ko“, antwortete der Dorfbewohner aus Ndonga mit einem Achselzucken. „Kapi na kuzuvha“, sagte ein Kwangali, der Ziegen hütete.
All diese Menschen sagten: „Das verstehe ich nicht.“ Treffend veranschaulicht das, welch erheblichen Sprachschwierigkeiten sich Jehovas Zeugen in Namibia gegenübersahen, als sie erstmals versuchten, die 1 370 000 Einwohner dieses 824 000 Quadratkilometer großen Gebiets zu erreichen.
Und kein Wunder! Nicht nur die Hereros und Namas, sondern auch die Buschmänner und die Völker der Ovambo, Kavango, Tswana, Caprivian, Himba und Damara, die in Namibia leben, haben ihre eigene Sprache. Die Zeugen hingegen verfügten nur über biblische Literatur in Englisch und Afrikaans. Es lag auf der Hand, daß Übersetzungsarbeiten unerläßlich waren, wollte man mehr Menschen die Wahrheit verständlich machen. Ein kleiner Anfang wurde damit vor vielen Jahren in Windhuk gemacht, der Hauptstadt des damaligen Südwestafrika.
„In Windhuk wurde unserem Zeugniswerk von der Kirche und der Polizei zäher Widerstand entgegengebracht“, erinnert sich Dick Waldron. Zusammen mit seiner Frau kam er 1953 als Absolvent der Wachtturm-Bibelschule Gilead ins Land. „Wir durften nicht in Gebiete gehen, in denen Schwarze wohnten, und wenn wir mit Schwarzen sprachen, wurden wir manchmal belästigt. Schließlich fanden wir einen Ort, an dem man uns in Ruhe ließ — das ausgetrocknete Flußbett des Gammans! Es war nicht weit von der Stadt entfernt. Durch Akazienbüsche vor unliebsamen Blicken geschützt, führten wir dort Bibelstudien durch.“
An jenem Ort wurden auch erstmals Veröffentlichungen der Watch Tower Society in die Landessprachen übersetzt. Dazu gehörten einige Traktate in Nyama sowie die Broschüre „Diese gute Botschaft vom Königreich“ in Nama. Bruder Waldron erinnert sich an ein lustiges Erlebnis in Verbindung mit dieser Broschüre, bei deren Übersetzung ein Interessierter half. Für den Satz: „Adam war ein vollkommener Mensch“ konnte man in Nama keine Entsprechung finden. Daher sagte der Interessierte: „Schreiben Sie einfach, daß Adam wie ein reifer Pfirsich war. Die Namas werden dann verstehen, daß er vollkommen war.“ So begann man also, vielen Einheimischen in Namibia ein Verständnis der Heiligen Schrift zu verleihen. (Vergleiche Daniel 11:33.)
Ein Meilenstein
Ein Meilenstein war Anfang der 70er Jahre die Übersetzung des Buches Die Wahrheit, die zu ewigem Leben führt in Ndonga und Nyama. Dabei handelt es sich um zwei Hauptsprachen, die von den meisten Namibiern im Ovamboland, ungefähr 700 Kilometer nördlich von Windhuk, gesprochen werden. Dann eröffnete man ein Pionierheim in Ondangwa, einer Siedlung im Ovamboland. Um den Interessierten behilflich zu sein, aus der wöchentlichen Bibelbetrachtung anhand des Wachtturms Nutzen zu ziehen, beauftragte man die im Ovamboland dienenden Sonderpioniere, eine Zusammenfassung der englischen Studienartikel ins Ndonga und Nyama zu übersetzen.
Als „Übersetzungsbüro“ diente eine Ecke in einer Garage, wo man mit einem alten Vervielfältigungsapparat Abzüge der übersetzten Artikel aus dem Wachtturm herstellte. Es war nicht leicht, sich auf diese anspruchsvolle Tätigkeit zu konzentrieren, denn die Verhältnisse waren recht primitiv und die Temperaturen schwankten im Sommer zwischen 38 und 44 Grad Celsius. Dessenungeachtet wurden hier neue Broschüren wie auch das Buch Du kannst für immer im Paradies auf Erden leben übersetzt.
Als immer mehr Versammlungen im Ovamboland und im übrigen Namibia gegründet wurden, mußten größere und bessere Einrichtungen beschafft werden. Um den Bedürfnissen in anderen Teilen des Landes Aufmerksamkeit schenken zu können, war es außerdem wünschenswert, an einen zentraler gelegenen Ort zu ziehen. Mittlerweile hatte auch die Voreingenommenheit gegenüber dem Königreichspredigtwerk nachgelassen. Daher holte man die Genehmigung ein, auf einem großen Grundstück in Windhuk zu bauen, das ein Zeuge Jehovas zur Verfügung gestellt hatte. Bald waren über 40 freiwillige Mitarbeiter auf der Baustelle untergebracht, und im Dezember 1990 wurden die Übersetzungsbüros fertiggestellt.
Jetzt geht die Tätigkeit, vielen Verständnis zu verleihen, in schönen Büros und Räumen in diesem modernen Gebäude schneller voran. Ständig wird neue Literatur in Herero und Kwangali übersetzt. In Ndonga und Nyama wird monatlich eine farbige, zweisprachige Ausgabe des Wachtturms herausgegeben. Darin sind alle Studienartikel sowie einige Nebenartikel enthalten. Welch ein Unterschied zu den kleinen Anfängen in dem ausgetrockneten Flußbett vor so vielen Jahren!
„Das verstehe ich nicht“ bekommt man heute nur noch selten zu hören. Über 600 Zeugen Jehovas in Namibia sind ihrem himmlischen Vater sehr dankbar und können jetzt sagen: „Ja, die Enthüllung deiner Worte gibt Licht, läßt die Unerfahrenen Verständnis haben“ (Psalm 119:130).
[Bilder auf Seite 25]
Verkündigung der guten Botschaft unter den Hereros
Christliche Veröffentlichungen werden zum Nutzen der Menschen in Namibia übersetzt
Übersetzungsbüros in Namibia