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Es gelang mir, Gott zu dienenErwachet! 2005 | 22. April
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In den umliegenden Dörfern wurden die Zeugen Jehovas, die der Einberufung in die rumänische Armee nicht Folge leisteten, wegen Wehrdienstverweigerung verhaftet. Die meisten wurden zu 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Die Polizei lud meinen Vater vor und verprügelte ihn brutal, weil er Zeuge Jehovas war. Ich selbst wurde von der Schule abgeholt und gezwungen, den Gottesdienst in der Kirche zu besuchen.
Dann wendete sich das Blatt. Im März 1944 eroberte die Rote Armee den Norden Bessarabiens. Bis August war schon das ganze Land besetzt. Ich war damals 16 Jahre alt.
Jetzt zog die sowjetische Armee alle tauglichen Männer in unserem Dorf ein. Jehovas Zeugen wollten neutral bleiben und wurden zu 10 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Im Mai 1945 endete der Krieg in Europa mit der Kapitulation Deutschlands. Doch viele Zeugen Jehovas in Moldawien waren bis 1949 noch nicht auf freiem Fuß.
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Es gelang mir, Gott zu dienenErwachet! 2005 | 22. April
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Mit der zunehmenden Tätigkeit der Zeugen beobachtete man sie auch genauer. Unser Predigen und die Weigerung, uns politisch zu betätigen oder Militärdienst zu leisten, hatten zur Folge, dass die sowjetische Regierung unsere Häuser nach biblischer Literatur durchsuchen ließ und uns verhaftete. 1949 wurden Zeugen aus Nachbarversammlungen nach Sibirien deportiert. Wiederum mussten wir, die wir zurückblieben, den Predigtdienst sehr vorsichtig durchführen.
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Es gelang mir, Gott zu dienenErwachet! 2005 | 22. April
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Danach wurde ich über 3 000 Kilometer westlich, rund 400 Kilometer südöstlich von Moskau, nach Mordwinien in einen riesigen Straflagerkomplex gebracht. Zu meiner Freude war ich dort mit treuen Zeugen aus verschiedenen Teilen der Sowjetunion zusammen.
Die Sowjets sahen eines ein: Der freie Umgang der Zeugen mit anderen Internierten bewirkte, dass einige von diesen Zeugen Jehovas wurden. In dem mordwinischen Lagerkomplex, der aus vielen Lagern im Umkreis von etwa 30 Kilometern bestand, wollte man uns deshalb von Mithäftlingen fern halten. So wurden in unserem Lager über 400 Zeugen zusammengelegt. Ein paar Kilometer weiter waren in einem anderen Lager rund 100 unserer Glaubensschwestern untergebracht.
Ich beschäftigte mich zusammen mit anderen im Lager rege mit der Vorbereitung von christlichen Zusammenkünften und der Vervielfältigung der eingeschmuggelten biblischen Schriften. Diese Tätigkeit muss der Lagerleitung aufgefallen sein. Kurz danach, im August 1961, wurde ich zu einem Jahr in dem berühmt-berüchtigten zaristischen Gefängnis in Wladimir, fast 200 Kilometer nordöstlich von Moskau, verurteilt. Unter den Insassen war dort bis Februar 1962 auch der amerikanische Pilot Francis Gary Powers, dessen Aufklärungsflugzeug am 1. Mai 1960 über Russland abgeschossen worden war.
In Wladimir reichte die Essensration gerade zum Überleben. Hunger hatte ich in jungen Jahren schon erlebt und kam daher damit zurecht, doch die extreme Kälte im Winter von 1961/62 war für mich schwer zu ertragen. Die Heizungsrohre platzten und die Temperatur in meiner Zelle sank unter den Gefrierpunkt. Als ein Arzt meinen kritischen Zustand sah, ließ er mich für die härtesten Wochen der Kälteperiode in eine Zelle verlegen, die nicht ganz so kalt war.
Gestärkt, um weiterzumachen
Nach monatelanger Haft können negative Gedanken aufkommen und sich entmutigend auswirken, was sich die Gefängnisleitung auch erhoffte. Ich betete jedoch viel und wurde durch Jehovas Geist und durch die Schriftstellen, die ich mir ins Gedächtnis zurückrief, gestärkt.
Im Wladimirer Gefängnis spürte ich ganz besonders, was es bedeutet, „auf jede Weise bedrängt, doch nicht bewegungsunfähig eingeengt“ und „ratlos, doch nicht gänzlich ohne Ausweg“ zu sein, wie der Apostel Paulus schrieb (2. Korinther 4:8-10). Nach einem Jahr wurde ich wieder in dem mordwinischen Straflagerkomplex untergebracht, wo meine 12-jährige Freiheitsstrafe am 8. April 1966 endete. Bei meiner Entlassung stufte man mich als „unverbesserlich“ ein. Das war für mich der amtliche Beweis dafür, dass ich Jehova treu geblieben war.
Man fragt mich oft, wie trotz aller Gegenmaßnahmen die biblische Literatur in die sowjetischen Lager und Gefängnisse hineingelangte und danach vervielfältigt wurde. Das ist ein Geheimnis, das nur wenigen bekannt ist, wie auch eine lettische politische Gefangene bemerkte, die 4 Jahre in einem Frauenlager bei Potma verbrachte. „Irgendwie bekamen die Zeugen immer wieder eine ganze Menge Literatur“, schrieb sie nach ihrer Entlassung 1966. „Es sah so aus, als kämen nachts Engel angeflogen und ließen sie fallen“, sagte sie abschließend. Unsere Tätigkeit war nur mit Gottes Hilfe möglich!
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