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Die atomare Bedrohung — Endlich vorbei?Der Wachtturm 1994 | 1. August
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Friedliche „Zeitbomben“ und „Todesfallen“
Anfang 1992 wurden 420 Kernreaktoren zur Energieerzeugung friedlich genutzt; weitere 76 befanden sich im Bau. Doch im Lauf der Jahre wurde in der Folge von Reaktorunfällen über zunehmende Krankheiten, über Fehlgeburten und über Mißbildungen berichtet. Laut Forschungsergebnissen gelangten bis 1967 bei Unfällen in einer sowjetischen Plutoniumfabrik dreimal soviel radioaktive Substanzen in die Umwelt wie bei der Katastrophe von Tschernobyl (Ukraine).
Freilich machte dieser spätere Unfall in Tschernobyl (im April 1986) die größeren Schlagzeilen. Grigori Medwedew, in den 70er Jahren stellvertretender Hauptingenieur im Kernkraftwerk Tschernobyl, erklärt, die in die Atmosphäre geschleuderte „gewaltige Ansammlung langlebiger radioaktiver Nuklide“ habe „zehn Hiroshima-Bomben in der Langzeitwirkung“ entsprochen.
In seinem Buch Verbrannte Seelen — Die Katastrophe von Tschernobyl führt Medwedew 11 schwerwiegende Störfälle in Kernreaktoren der früheren Sowjetunion bis Mitte der 80er Jahre auf sowie weitere 12 Störfälle in den USA. Zu den letzteren gehört auch der entsetzliche Unfall im amerikanischen Kernkraftwerk Three Mile Island im Jahr 1979. Über diese Havarie bemerkt Medwedew: „Sie versetzte der Kernenergie den ersten schweren Schlag, und viele Menschen hörten damals auf, sich über die Sicherheit von Kernkraftwerken Illusionen zu machen. Aber eben nicht alle.“
Das erklärt, weshalb es immer noch zu Störfällen kommt. 1992 nahm ihre Zahl in Rußland um fast 20 Prozent zu. Nach einem dieser Störfälle, und zwar im März jenes Jahres im Kraftwerk Sosnovy Bore von St. Petersburg (Rußland), stieg die Strahlenbelastung im Nordosten Englands um 50 Prozent und überstieg in Estland und in Südfinnland die gesetzlich festgelegten Grenzwerte um das Doppelte. Professor John Urquhart von der Universität Newcastle räumt ein: „Ich kann nicht beweisen, daß Sosnovy Bore die Ursache für den Anstieg war. Aber was sonst soll die Ursache gewesen sein, wenn nicht Sosnovy Bore?“
Manche Fachleute behaupten, Reaktoren vom Typ Tschernobyl seien fehlerhaft konstruiert und es sei einfach zu gefährlich, sie zu betreiben. Trotzdem sind noch über ein Dutzend in Betrieb, um den riesigen Energiebedarf zu decken. Einigen Reaktorbetreibern wird sogar vorgeworfen, die Sicherheitssysteme vorsätzlich abgeschaltet zu haben, um den Energieausstoß zu erhöhen. Derlei Berichte sorgen in Ländern wie Frankreich, das 70 Prozent seiner Elektrizität in Kernkraftwerken erzeugt, für Angst und Schrecken. Noch ein „Tschernobyl“, so befürchtet man, und viele Kraftwerke in Frankreich müßten stillgelegt werden.
Selbst „sichere“ Reaktoren werden offenbar mit zunehmendem Alter zu einem Sicherheitsrisiko. Bei Inspektionsarbeiten Anfang 1993 entdeckte man in Rohrleitungen im Kernkraftwerk Brunsbüttel, einem der ältesten deutschen Atommeiler, mehr als hundert Risse. Ähnliche Schäden fanden sich in Reaktoren in Frankreich und in der Schweiz. Der erste schwerwiegende Störfall in einer japanischen Kernkraftanlage ereignete sich 1991 und war möglicherweise unter anderem auf alterungsbedingte Schäden zurückzuführen. Das läßt für die Vereinigten Staaten, wo zwei Drittel aller kommerziell genutzten Reaktoren mehr als zehn Jahre alt sind, Böses ahnen.
Reaktorunfälle können überall und jederzeit vorkommen. Je mehr Reaktoren, desto massiver die Bedrohung; je älter die Reaktoren, desto größer die Gefahr. Nicht umsonst wurden sie in einer Zeitung als „tickende Zeitbomben“ und als „radioaktive Todesfallen“ bezeichnet.
Wohin mit dem Müll?
Besucher eines Picknickplatzes an einem Flußufer in den französischen Alpen fanden diesen kürzlich zu ihrer Überraschung durch einen hohen Zaun abgesperrt und von der Polizei bewacht vor. Die Erklärung dafür war in der Zeitung The European zu lesen: „Routineuntersuchungen, die nach dem Tod einer Anwohnerin infolge von Berylliumvergiftung vor zwei Monaten angeordnet worden waren, ergaben eine hundertmal höhere Strahlenbelastung am Picknickplatz als in der Umgebung.“
Beryllium, ein außergewöhnlich leichtes Metall, das durch unterschiedliche Verfahren gewonnen wird, setzt man in der Luftfahrt und — nach radioaktiver Bestrahlung — in Kernkraftwerken ein. Offenbar hatte eine Firma, die Beryllium herstellt, Abfälle des gefährlichen Bestrahlungsverfahrens auf dem Picknickplatz oder in dessen Nähe entsorgt. „Berylliumstaub“, so der European, „gehört, selbst wenn er nicht bestrahlt wurde, zu den giftigsten Industrieabfällen überhaupt.“
Indes sollen über einen Zeitraum von 30 Jahren etwa 17 000 Container mit radioaktivem Müll vor der Küste der Insel Nowaja Semlja — die Anfang der 50er Jahre von den Sowjets als atomares Testgelände genutzt wurde — im Meer versenkt worden sein. Außerdem wurden radioaktiv verseuchte Teile von Atom-U-Booten und Teile von mindestens einem Dutzend Atomreaktoren in diese praktische „Müllkippe“ geworfen.
Radioaktive Verschmutzung ist immer gefährlich, ob absichtlich verursacht oder nicht. Über ein U-Boot, das 1989 vor der norwegischen Küste gesunken ist, hieß es im Nachrichtenmagazin Time warnend: „Aus dem Wrack tritt bereits Cäsium-137 aus, ein karzinogenes Isotop. Bis jetzt wird die Leckage als zu gering eingeschätzt, als daß sie der Meeresflora und -fauna oder der Gesundheit des Menschen gefährlich würde. Doch die Komsomolez hatte auch zwei mit Atomsprengköpfen bestückte Torpedos an Bord, und die sind mit 13 kg Plutonium beschickt, das eine Halbwertszeit von 24 000 Jahren hat und so giftig ist, daß bereits ein winziges Teilchen einen Menschen töten kann. Russische Fachleute warnten davor, daß das Plutonium schon 1994 ins Meerwasser gelangen und riesige Gebiete des Ozeans verseuchen könnte.“
Die Entsorgung radioaktiver Abfälle stellt natürlich nicht nur Frankreich und Rußland vor Probleme. Die Vereinigten Staaten verfügen über „Berge von heißem Müll, aber über keine geeignete Endlagerstätte“, berichtet die Time. Eine Million Fässer mit tödlichen Substanzen, so der Bericht, befänden sich in Zwischenlagern, wobei „Verlust, Diebstahl und Verseuchung der Umwelt durch unsachgemäße Handhabung“ eine ständige Gefahr seien.
Welche Gefahren damit verbunden sind, wurde nur allzu deutlich, als im April 1993 in einer ehemaligen Waffenfabrik in Tomsk (Sibirien) ein Kessel mit radioaktivem Abfallgemisch explodierte — ein Unfall, der das Schreckgespenst eines zweiten Tschernobyl hervorrief.
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Die atomare Bedrohung — Endlich vorbei?Der Wachtturm 1994 | 1. August
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[Bild auf Seite 5]
Selbst die friedliche Nutzung der Kernenergie birgt Gefahren in sich
[Bildnachweis]
Hintergrund: U.S. National Archives photo
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