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Nicht nur ein grausamer FeindErwachet! 1994 | 22. Juni
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Nicht nur ein grausamer Feind
UNAUFHÖRLICHE Schmerzen können das Leben zur Qual machen. Sie bringen einen Menschen um seinen Frieden und seine Lebensfreude und gefährden seine Existenzgrundlage; Schmerzen machen manchen Menschen das Leben dermaßen schwer, daß für diese der letzte Ausweg Selbstmord heißt. Der Missionsarzt Albert Schweitzer kam zu dem Schluß: „Der Schmerz ist ein furchtbarerer Herr als der Tod.“
Buchstäblich Abermillionen von Menschen leiden unter unvorstellbar starken Schmerzen. „Könnten wir im zeitlosen Raum über einem Abgrund schweben, aus dem die Geräusche von der sich drehenden Erde an unser Ohr dringen würden, so würden wir einen ureigenen Schrei hören, den die leidende Menschheit wie aus einem Mund vor Schmerzen ausstößt“, sagte einmal ein französischer Chirurg.
Das, was der Apostel Paulus vor über 1 900 Jahren schrieb, ist heute eindeutig von sogar noch größerer Gültigkeit als damals: ‘Die gesamte Schöpfung seufzt zusammen fortgesetzt und liegt zusammen in Schmerzen bis jetzt’ (Römer 8:22).
Ein ernstes gesundheitliches Problem
Jeder achte Amerikaner muß die furchtbaren Schmerzen ertragen, die durch Osteoarthritis hervorgerufen werden, die häufigste Form von Arthritis. Und noch mehr Menschen werden von schlimmen Rückenschmerzen gequält. Andere leiden unter den schmerzhaften Folgen einer Krebs- oder Herzerkrankung.
Weitere Millionen werden von unerträglichen Kopf-, Zahn- oder Ohrenschmerzen, von Hämorrhoiden oder einer Vielzahl anderer Krankheiten und Verletzungen gepeinigt. Wen wundert es daher, daß die Amerikaner unlängst allein in einem Jahr 2,1 Milliarden Dollar für rezeptfreie Schmerzmittel ausgegeben haben und daß der Schmerz als „Amerikas heimliche Epidemie“ bezeichnet wird!
John J. Bonica, wahrscheinlich die herausragendste Autorität auf dem Gebiet der Schmerzforschung, sagte: „Unter dem Gesichtspunkt der Kosten und des menschlichen Leids betrachtet, spielen chronische Schmerzen eine bedeutendere Rolle als praktisch alle anderen gesundheitlichen Probleme zusammengenommen.“
Ein Leben ohne Schmerzen?
Angesichts der rauhen Realität mag die Behauptung, ein Leben ohne Schmerzen sei möglich, gewagt erscheinen. Vielleicht halten wir daher das, was die Bibel diesbezüglich sagt, für etwas weit hergeholt: „ [Gott] wird jede Träne von ihren Augen abwischen, ... noch wird Trauer, noch Geschrei, noch Schmerz mehr sein“ (Offenbarung 21:4).
Die Möglichkeit eines Lebens ohne Schmerzen ist jedoch nicht an den Haaren herbeigezogen. Doch überlegen wir einen Moment. Was bedeutet dieser Bibeltext wirklich? Es gibt Menschen, die keine Schmerzwahrnehmung besitzen. Sie wurden ohne die Fähigkeit, Schmerz zu empfinden, geboren. Sind sie deshalb zu beneiden? Der Anatom Allan Basbaum sagte: „Keine Schmerzen zu spüren ist eine Katastrophe.“
Spürten wir keinen Schmerz, würden wir wahrscheinlich erst dann merken, daß wir eine Brandblase haben, wenn aus dieser bereits ein eitriges Geschwür geworden ist. In einer Nachrichtenmeldung hieß es, daß die Eltern eines kleinen Mädchens, das keine Schmerzwahrnehmung besaß, „manchmal verbranntes Fleisch rochen und entdeckten, daß ihre Tochter unbekümmert am Herd lehnte“. Der Schmerz ist daher nicht nur ein grausamer Feind. Er kann genausogut ein Segen sein.
Wie ist es aber zu verstehen, wenn es in der Bibel heißt: „... noch [wird] Schmerz mehr sein.“? Sollten wir uns wirklich die Erfüllung dieser Verheißung wünschen?
Ein Leben ohne Tränen?
Beachten wir, was der Kontext sagt: „[Gott] wird jede Träne von ihren Augen abwischen“ (Offenbarung 21:4). Das ist eine bedeutsame Aussage, denn Tränen sind äußerst wichtig. Sie dienen zu unserem Schutz, genauso wie die Schmerzempfindung.
Tränen halten die Augen feucht und verhindern, daß zwischen Lid und Augapfel eine Reibung entsteht. Ferner waschen sie Fremdkörper weg. Die Tränenflüssigkeit enthält Lysozym, das bakterizid wirkt und die Augen vor Infektionen schützt. Die Fähigkeit, Tränen zu vergießen, ist also — wie auch die Schmerzwahrnehmung — ein bemerkenswertes Merkmal unseres einmalig geschaffenen Körpers (Psalm 139:14).
Tränen stehen jedoch auch in engem Zusammenhang mit Leid, Trauer und Kummer. „Die ganze Nacht hindurch schwemme ich mein Ruhebett“, klagte König David aus biblischer Zeit. „Mit meinen Tränen lasse ich meinen eigenen Diwan überfließen“ (Psalm 6:6). Selbst Jesus „brach in Tränen aus“, als ein Freund von ihm gestorben war (Johannes 11:35). Jehova hatte ursprünglich nicht vorgesehen, daß Menschen vor Kummer Tränen vergießen. Es ist der Sünde Adams, des ersten Menschen, zuzuschreiben, daß die Menschheitsfamilie unvollkommen ist und sich in einem Zustand des Sterbens befindet (Römer 5:12). Daher wird es jene Tränen nicht mehr geben, die aufgrund der Unvollkommenheit und des zum Tod führenden Alterungsprozesses vergossen werden.
Die Bibel spricht also davon, daß es eine bestimmte Art von Tränen nicht mehr geben wird. Werden aber die Menschen nicht zumindest gelegentlich Schmerzen haben, die Traurigkeit hervorrufen und Anlaß zum Weinen geben? Wie wird sich dann die Verheißung erfüllen, daß Schmerz nicht mehr sein wird?
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Der Schmerz, der nicht mehr sein wirdErwachet! 1994 | 22. Juni
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Der Schmerz, der nicht mehr sein wird
DURCH die Erfüllung der biblischen Verheißung wird jener Schmerz beseitigt werden, zu dem es infolge der Unvollkommenheit des ersten Menschen gekommen ist. Dieser Schmerz schließt die Schmerzempfindung ein, die man als chronischen Schmerz bezeichnen kann.
Chronischer Schmerz hat nichts mit dem Warnsystem zu tun, das eine Krankheit oder eine Verletzung anzeigt; vielmehr wird er mit einem „blinden Alarm“ verglichen, der sich einfach nicht abstellen läßt. Es ist diese Art von Schmerz, derentwegen Betroffene — in der Hoffnung, Erleichterung zu finden — jährlich Unsummen ausgeben und die das Leben von Millionen ruiniert.
Der Schmerzexperte Dr. Richard A. Sternbach schrieb: „Im Gegensatz zum akuten Schmerz ist der chronische Schmerz kein Symptom; er ist kein Warnsignal.“ Und die Zeitschrift Emergency Medicine betonte: „Chronischer Schmerz dient überhaupt keinem Zweck.“
Viele Ärzte sind daher im Laufe der vergangenen Jahre zu der Ansicht gelangt, daß chronischer Schmerz eine echte eigenständige Beschwerde darstellt. „Im Fall von akutem Schmerz ist der Schmerz ein Symptom für eine Krankheit oder für eine Verletzung“, erklärt Dr. John J. Bonica in dem Buch The Management of Pain, dem heutigen Standardwerk über Schmerzen. „Beim chronischen Schmerz dagegen ist der Schmerz an sich die Krankheit.“
Was ist Schmerz?
Bis heute besitzt man kein umfassendes Verständnis des Phänomens Schmerz. „Der ewige Reiz, den Schmerz zu ergründen, hält Wissenschaftler intensiv beschäftigt“, hieß es in der Zeitschrift American Health. Vor einigen Jahrzehnten nahmen Wissenschaftler an, der Schmerz sei eine Art Sinneswahrnehmung wie das Sehen, das Hören und das Tasten — spezielle Nervenendigungen in der Haut würden den Schmerzreiz spüren und die Impulse durch besondere Nervenfasern an das Gehirn übertragen. Diese stark vereinfachte Vorstellung vom Schmerz stellte sich jedoch als falsch heraus. Wodurch?
Unter anderem gelangte man aufgrund einer Studie an einem jungen Mädchen, das schmerzunempfindlich war, zu einem neuen Verständnis. Nachdem es 1955 gestorben war, führte eine Untersuchung des Gehirns und des Nervensystems zu einer völlig neuen Auffassung über die Ursache von Schmerzen. Ärzte „suchten nach den Nervenendigungen“, erklärte die Zeitung The Star Weekly Magazine (30. Juli 1960). „Wären keine vorhanden gewesen, hätte das die Schmerzunempfindlichkeit des Mädchens erklärt. Aber man fand Nervenendigungen, die anscheinend auch vollkommen normal funktionierten.
Als nächstes untersuchten die Ärzte die Nervenfasern, von denen man annimmt, daß sie eine Verbindung zwischen Nervenendigungen und Gehirn herstellen. Man war sich sicher, eine Schädigung der Nervenfasern festzustellen. Dem war aber nicht so. Soweit feststellbar, waren alle Fasern intakt, außer denen, die durch eine Verletzung entartet waren.
Schließlich untersuchte man noch das Gehirn des Mädchens, und wiederum konnte kein Schaden entdeckt werden. Gemäß dem heutigen Wissen und der bestehenden Theorie hätte das Mädchen eigentlich wie jeder andere auch Schmerzen spüren müssen, doch es spürte nicht einmal ein Kitzeln.“ Allerdings konnte es über die Haut Druck spüren und unterscheiden, ob der Druck von dem Kopf oder von der Spitze einer Nadel stammte, obwohl das durch die Nadelspitze hervorgerufene Stechen nicht schmerzte.
Ronald Melzack, der in den 60er Jahren eine neue Theorie über den Schmerz mitbegründete, die großen Anklang fand, lieferte ein anderes Beispiel für die Komplexität des Schmerzes. Er erklärte: „Frau Hull wies immer wieder auf ihren Fuß hin, den es gar nicht gab [er war amputiert worden], und beschrieb einen brennenden Schmerz; es fühle sich an, als würde ein glühender Schürhaken durch die Zehen gezogen.“ Gegenüber der Zeitschrift Maclean’s sagte Melzack 1989, daß er „immer noch nach einer Erklärung für das suche, was er als Phantomschmerz bezeichne“. Dann gibt es noch den sogenannten fortgeleiteten Schmerz — ein bestimmter Körperteil mag erkrankt sein, die Schmerzen werden jedoch in einem nicht betroffenen Körperteil empfunden.
Geist und Körper beteiligt
Heute definiert man Schmerzen als „außerordentlich komplexe Interaktion von Geist und Körper“. Mary S. Sheridan schreibt in ihrem 1992 erschienenen Buch Pain in America, daß „die Schmerzerfahrung einer derart psychologischen Natur ist, daß der Geist den Schmerz manchmal leugnen kann, manchmal kann er ihn dagegen auch hervorrufen und aufrechterhalten, und das, lange nachdem eine Verletzung geheilt ist“.
Jemandes Persönlichkeit, seine momentane Stimmung, seine Konzentrationsfähigkeit, ob er auf Anregungen anspricht oder nicht — all das und andere Faktoren spielen eine bedeutende Rolle bei der Frage, wie er auf Schmerz reagiert. „Angst und innere Unruhe sorgen für eine Überreaktion“, bemerkte Dr. Bonica, Experte auf dem Gebiet der Schmerzforschung. Man kann also lernen, Schmerz wahrzunehmen. Dr. Wilbert Fordyce, Professor für Psychologie, der sich auf das Gebiet der Schmerzforschung konzentriert hat, erklärte:
„Es geht nicht darum, ob die Schmerzen real sind. Natürlich sind sie das. Es geht vielmehr darum, durch welche hauptsächlichen Faktoren sie beeinflußt werden. Wenn ich kurz vor dem Essen jemandem von einem Schinkenbrot erzähle, läuft meinem Gegenüber das Wasser im Mund zusammen. Das ist sehr real. Aber dazu kommt es aufgrund der Konditionierung. Denn von einem Schinkenbrot ist im Moment ja gar nichts zu sehen. Der Mensch reagiert äußerst empfindsam auf die Konditionierung. Sie hat Einfluß auf das soziale Verhalten, auf den Speichelfluß, den Blutdruck, die Geschwindigkeit, mit der Nahrung verdaut wird, auf Schmerz, praktisch auf alles.“
Schmerzen lassen sich durch Gefühle und durch die Gemütsverfassung intensivieren, sie lassen sich dadurch aber auch unterdrücken oder abschwächen. Betrachten wir ein Beispiel: Ein Neurochirurg erzählte, er habe als Jugendlicher einmal mit einem Mädchen auf einer vereisten Mauer gesessen und sei von ihr so gefesselt gewesen, daß er weder die eisige Kälte noch die Schmerzen im Gesäß spürte. „Ich war halb erfroren“, berichtete er. „Wir müssen dort ungefähr eine Dreiviertelstunde gesessen haben, und ich habe absolut nichts gespürt.“
Beispiele dieser Art sind zahlreich. Fußballspieler, die völlig im Spiel aufgehen, oder Soldaten, die sich mitten in einem Kampf befinden, mögen schwer verletzt sein und dennoch zuerst wenig oder gar keine Schmerzen haben. David Livingstone, der berühmte Afrikaerforscher, beschrieb, wie er von einem Löwen angegriffen wurde; dieser schüttelte ihn, „wie ein Terrier eine Ratte schüttelt. Der Schock ... bewirkte eine Art Benommenheit, die keinen Schmerz kannte.“
Bemerkenswerterweise haben einige Diener Jehovas, die gelassen und voller Vertrauen zu ihm aufblicken, ebenfalls die Erfahrung gemacht, daß ihre Schmerzen abgeschwächt wurden. Ein Christ, der geschlagen wurde, berichtete: „So unwahrscheinlich es auch klingen mag: Nach einigen Schlägen spürte ich die Schmerzen nicht mehr. Statt dessen war mir so, als würde ich die Schläge nur noch hören, ähnlich wie die Schläge einer Trommel in der Ferne“ (Erwachet! vom 22. Februar 1994, Seite 21).
Wie Schmerzempfindungen modifiziert werden
Ronald Melzack, Professor für Psychologie, und Patrick Wall, Professor für Anatomie, versuchten, einige verwirrende Aspekte des Schmerzes zu entwirren, und formulierten daraufhin 1965 die überaus gefeierte Gate-Control-Theorie (Theorie der Torkontrolle). In Dr. Bonicas Lehrbuch über Schmerz (Ausgabe von 1990) heißt es, daß diese Theorie „zu den außerordentlichsten Entwicklungen auf dem Gebiet der Schmerzforschung und -therapie gehört“.
Die Theorie lautet wie folgt: Durch das Sichöffnen oder Sichschließen eines theoretischen Tors im Rückenmark wird die Übertragung von Schmerzsignalen an das Gehirn entweder zugelassen oder blockiert. Sammeln sich in diesem Tor noch zahlreiche andere Empfindungen, dann ist es wahrscheinlich, daß die Schmerzsignale das Gehirn in abgeschwächter Stärke erreichen. Wenn man sich beispielsweise den Finger leicht verbrannt hat, läßt sich der Schmerz durch Reiben oder Schütteln des Fingers lindern, weil dadurch noch andere Signale außer den Schmerzsignalen zum Rückenmark gesandt werden und diese die Übertragung der Schmerzsignale stören.
Im Jahre 1975 fand man heraus, daß unser Körper morphinähnliche Substanzen, Endorphine genannt, produziert; das trug zu einem noch besseren Verständnis des Rätsels Schmerz bei. Zum Beispiel spüren einige Menschen nur einen leichten oder gar keinen Schmerz, weil ihr Körper Endorphine im Überschuß produziert. Die Existenz der Endorphine löst möglicherweise auch das Rätsel, warum Akupunktur — ein Heilverfahren durch Einstiche mit feinen Nadeln in bestimmte Körperstellen — zu einer Schmerzlinderung oder -beseitigung führt. Gemäß Augenzeugenberichten wurden Operationen am offenen Herzen durchgeführt, während die Patienten hellwach und entspannt waren; die Akupunktur war das einzige Narkosemittel. Wieso spürten diese Patienten keinen Schmerz?
Nach Ansicht einiger aktivieren die Nadeln die Produktion von Endorphinen, die dann zeitweilig den Schmerz ausschalten. Eine weitere Erklärung ist, daß die Nadeln Nervenfasern stimulieren, die andere Signale als Schmerzsignale übertragen. Diese Signale drängen sich in den Toren im Rückenmark und lassen die Schmerzsignale nicht zum Gehirn durch, wo es zur Schmerzwahrnehmung kommt.
Die Gate-Control-Theorie sowie die Tatsache, daß der Körper seine eigenen Schmerzmittel herstellt, mögen auch entschlüsseln, wieso jemandes Gemütsverfassung, seine Gedanken und seine Gefühle die Schmerzintensität beeinflussen. Der Schock, plötzlich von einem Löwen angegriffen zu werden, kurbelte bei Livingstone möglicherweise die Produktion von Endorphinen an und bombardierte das Rückenmark mit anderen Signalen als Schmerzsignalen. Aufgrund dessen wurden seine Schmerzen abgeschwächt.
Wie jedoch bereits ausgeführt, können die Gemütsverfassung und die Gefühle auch einen gegenteiligen Effekt haben. Zuviel Alltagsdruck, hervorgerufen durch das moderne Leben, kann zu Beklemmungen, zu Anspannung und zu Muskelkontraktionen führen, wodurch jemand möglicherweise schneller auf Schmerzreize reagiert.
Glücklicherweise haben Schmerzgepeinigte jedoch Grund, optimistisch zu sein. Dem ist so, weil viele Schmerzpatienten heute von verbesserten Behandlungsmethoden profitieren. Der Fortschritt resultiert daraus, daß man eine umfassendere Kenntnis über Schmerzen, diese unangenehmen Beschwerden, hat. Dr. Sridhar Vasudevan, Präsident der Amerikanischen Akademie für Schmerzmedizin, erklärte: „Die Auffassung, daß in manchen Fällen der Schmerz selbst die Krankheit ist, hat die Behandlung von Schmerzpatienten in den 80er Jahren revolutioniert.“
Inwiefern hat sich die Behandlung von Schmerzen grundlegend geändert? Und welche Behandlungsmethoden haben sich als wirkungsvoll erwiesen?
[Bild auf Seite 7]
Wie lassen sich Schmerzen durch Akupunktur lindern oder beseitigen?
[Bildnachweis]
H. Armstrong Roberts
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Fortschritte in der Behandlung von SchmerzenErwachet! 1994 | 22. Juni
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Fortschritte in der Behandlung von Schmerzen
BIS vor kurzem waren nur wenige Ärzte mit dem Thema Schmerz wirklich vertraut, und vielen fehlt es immer noch an umfassendem Wissen. Dr. John Liebeskind, früherer Präsident der Internationalen Schmerzstiftung, bemerkte vor wenigen Jahren: „Ich glaube nicht, daß es auch nur eine einzige medizinische Fakultät in der Welt gibt, an der die Studenten innerhalb von vier Jahren mehr als vier Stunden über die Diagnose und die Behandlung von Schmerzen unterrichtet werden.“
Es wurde hingegen nicht nur ein Durchbruch in der Schmerzerforschung erzielt, sondern gleichzeitig hat man auch versucht, die Schmerzbehandlung zu verbessern. Das ist für Schmerzpatienten ein Lichtblick. „Wir können alle dankbar sein“, war in der Zeitschrift American Health zu lesen, „daß chronischer Schmerz in der Medizin jetzt nicht mehr als bloßes Symptom gilt, sondern als eigenständige Krankheit anerkannt wird, die zu behandeln ist.“ Aufgrund dessen ist es zu einer enormen Zunahme an Kliniken gekommen, die sich der Schmerzbehandlung verschrieben haben.
Wo Schmerzen behandelt werden
Dr. John J. Bonica eröffnete die erste interdisziplinäre Schmerzklinik in den Vereinigten Staaten. „Im Jahre 1969 gab es in der ganzen Welt nur 10 solcher Kliniken“, berichtet er. Die Zahl der Kliniken, in der Schmerzen behandelt werden, ist in den letzten 25 Jahren enorm gestiegen. Heute gibt es über tausend Schmerzkliniken, und wie ein Sprecher einer nationalen Vereinigung zur Bekämpfung von chronischem Schmerz sagte, „öffnen fast täglich neue Kliniken ihre Tore“.a
Überlegen wir einmal, was das bedeutet. „Patienten, die früher Hunderte oder Tausende von Kilometern zurücklegen mußten, um wenigstens zum Teil von ihren quälenden Schmerzen befreit zu werden, brauchen jetzt nicht mehr weit zu reisen“, bemerkte Dr. Gary Feldstein, ein Anästhesiologe in New York. Bist du von Schmerzen geplagt, dann ist es ein wirklicher Segen für dich, wenn ein Team von Spezialisten, das in der Behandlung von Schmerzen geschult ist, dir helfen kann.
Linda Parsons, die Frau eines reisenden Aufsehers der Zeugen Jehovas, litt jahrelang an Rückenschmerzen. Sie konsultierte einen Arzt nach dem anderen, doch die Schmerzen blieben unverändert. An einem Tag im Mai letzten Jahres griff ihr Mann, der Verzweiflung nahe, nach dem Telefonbuch und schaute unter „Schmerz“ nach. Er stieß auf die Telefonnummer einer Schmerzklinik, die von dem Tätigkeitsfeld des Ehepaars in Südkalifornien nicht weit entfernt lag. Ein Termin wurde vereinbart, und wenige Tage später traf Linda mit einem Arzt zusammen, der das erste Beratungsgespräch führte und eine Diagnose stellte.
Man arrangierte alles so, daß Linda als ambulante Patientin behandelt werden konnte. Sie fuhr dreimal wöchentlich zur Behandlung in die Klinik und führte zu Hause ein Behandlungsprogramm durch. Schon nach einigen Wochen ging es ihr merklich besser. Ihr Mann sagt: „Ich erinnere mich daran, daß sie eines Abends ganz erstaunt sagte, sie würde fast keine Schmerzen mehr spüren.“ Nach mehreren Monaten konnte sie die regelmäßigen Besuche in der Schmerzklinik einstellen.
Zahlreiche interdisziplinäre Schmerzkliniken bieten ähnliche Hilfe, wie Linda sie erhielt, damit Patienten mit ihren Schmerzen richtig umgehen können. In diesen Schmerzkliniken arbeitet ein Stab fähiger Ärzte, was laut Dr. Bonica „die beste Voraussetzung dafür ist, das Problem chronischer Schmerz anzugehen“. Welche Behandlung erhielt Linda beispielsweise?
Mögliche Schmerzbehandlungsformen
In einer Broschüre jener Klinik wird die Verfahrensweise beschrieben: „Jeder Patient wird von einem Arzt beurteilt, um einschätzen zu können, welche Ursache dem Schmerz zugrunde liegt; dann werden realistische Ziele gesteckt und Behandlungsmethoden ausgearbeitet. ... Man bedient sich spezieller Techniken und Vorgehensweisen, um den Körper zur Freisetzung von Endorphinen (körpereigene chemische Substanzen) anzuregen, die den Schmerz und die innere Unruhe hemmen und einer Schmerzmittelabhängigkeit entgegenwirken.“
Bei Linda kam unter anderem die Akupunktur und die TNS (transkutane [durch die Haut hindurch] Nervenstimulation) zur Anwendung. Mit diesem elektrischen Stimulationsverfahren wurde sie in der Klinik behandelt, und man gab ihr ein kleines TNS-Gerät, das sie zu Hause einsetzen konnte. Biofeedback bildete ebenfalls einen Teil der Behandlung — dabei lernt der Patient, die Körperreaktionen zu regulieren und sie in die gewünschte Richtung zu lenken, um die Schmerzstärke zu verringern.
Auch die Physiotherapie, einschließlich Bindegewebsmassage, gehörte zum Heilverfahren. Nach einiger Zeit war Linda soweit, daß sie mit gymnastischen Übungen in der Sporthalle der Klinik beginnen konnte; das wurde ein wichtiger Teil ihrer Behandlung. Wie man festgestellt hat, ist körperliche Aktivität deshalb so entscheidend, weil sich dadurch die Endorphinvorräte des Körpers wieder auffüllen lassen, wenn sie infolge eines chronischen Schmerzzustands erschöpft sind. Die Herausforderung besteht allerdings darin, Schmerzpatienten zu helfen, ein ausgeglichenes Bewegungsprogramm aufzustellen.
Viele Patienten mit chronischen Schmerzen, die in Schmerzkliniken Hilfe suchen, nehmen hohe Dosen an Schmerzmitteln, und in Lindas Fall war es nicht anders. Doch nach kurzer Zeit konnte sie die Schmerzmittel absetzen, was eine wichtige Zielsetzung der Schmerzkliniken ist. Bei Linda traten keine Entzugserscheinungen auf; doch ihr Fall bildet keine Ausnahme. Der Schmerzexperte Dr. Ronald Melzack sagte, daß gemäß einem Bericht über mehr als 10 000 Patienten mit schweren Verbrennungen „kein einziger Fall späteren Drogenmißbrauchs auf die Medikation während des Krankenhausaufenthalts zurückgeführt werden [konnte]“.
Da bei chronischen Schmerzen der psychologische Aspekt eine wichtige Rolle spielt, bemüht man sich in Schmerzkliniken, den Patienten beizubringen, die Schmerzen praktisch zu vergessen. „Worüber man nachdenkt, welche Erwartungen man hegt, wie sehr man sich auf die Schmerzen konzentriert, all das hat einen enormen Einfluß auf den tatsächlich empfundenen Schmerz“, erklärte Dr. Arthur Barsky, Professor an der medizinischen Fakultät der Harvarduniversität. Daher wird Patienten geholfen, sich statt auf ihre Schmerzen auf etwas anderes zu konzentrieren.
Heilungsaussichten
Bieten die neu errichteten Schmerzkliniken die Lösung für die Schmerzproblematik der Menschheit? Die hier beschriebenen Methoden der Schmerzbehandlung mögen zwar eine Besserung herbeiführen, doch sollte man darauf achten, eine Schmerzklinik auszusuchen, in der fachkundige Hilfe geboten wird, beziehungsweise einen kompetenten Schmerzspezialisten konsultieren. Und selbst dann müssen die Erwartungen realistisch bleiben.
Das verdeutlicht ein typischer Fall einer erfolgreichen Behandlung: Stephen Kaufman, ehemaliger Olympiateilnehmer im Gewichtheben, wurde von einem Straßenräuber in den Hals geschossen; die chronischen Schmerzen, die darauf folgten, machten ihn beinahe zum Invaliden. Nachdem er acht Monate lang ein Programm zur Schmerzbehandlung durchgeführt hatte, konnte er wieder ganztags arbeiten und war sogar im Gewichtheben wieder wettbewerbsfähig. Allerdings sagte er: „Ich spüre in den Zehen ziemlich oft einen brennenden Schmerz, so als würde ich in kochendem Wasser stehen.“
Offensichtlich übersteigt es trotz der erstaunlichen Fortschritte das Vermögen des Menschen, die biblische Verheißung zu erfüllen, daß ‘der Schmerz nicht mehr sein wird’ (Offenbarung 21:4). Wie läßt sich dieses Ziel aber dann verwirklichen?
[Fußnote]
a Erwachet! empfiehlt keine bestimmte Schmerzklinik oder Behandlungsform.
[Bilder auf Seite 9]
Methoden der Schmerzbehandlung, darunter die transkutane Nervenstimulation
[Bildnachweis]
Mit frdl. Gen.: Pain Treatment Centers (San Diego)
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Bald ein Leben ohne Schmerzen!Erwachet! 1994 | 22. Juni
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Bald ein Leben ohne Schmerzen!
DIE komplexen Mechanismen unseres Körpers, die uns vor Schaden bewahren, sind unbestreitbar ein Wunderwerk. Ein eingehenderes Studium dieser Mechanismen sollte uns drängen, den Schöpfer zu preisen, so wie es der Psalmist tat: „Ich werde dich lobpreisen, weil ich auf furchteinflößende Weise wunderbar gemacht bin“ (Psalm 139:14). In der Tat, einzig und allein Gott kann ein Leben ohne Schmerzen ermöglichen! Aber wie?
Beachten wir, daß die Bibel, unmittelbar bevor sie die Beseitigung von Schmerz und Tränen verheißt, von einem ‘neuen Himmel und einer neuen Erde’ spricht und hinzufügt: „Der frühere Himmel und die frühere Erde waren vergangen“ (Offenbarung 21:1, 4). Damit ist natürlich nicht gemeint, daß der buchstäbliche Himmel und die buchstäbliche Erde vergehen werden. Vielmehr wird dadurch in wenigen Worten gesagt, daß das gegenwärtige System durch ein völlig neues System der Dinge ersetzt werden wird. Ja, eine neue, übermenschliche Regierung wird es möglich machen, daß die Menschen sich hier auf der Erde eines schmerzfreien Lebens erfreuen.
Die Bibel beschreibt diese Regierung, indem sie sagt: „Der Gott des Himmels [wird] ein Königreich [oder eine Regierung] aufrichten, das ... alle diese Königreiche zermalmen und ihnen ein Ende bereiten [wird], und selbst wird es für unabsehbare Zeiten bestehen“ (Daniel 2:44). Als Jesus Christus auf der Erde war, lehrte er seine Nachfolger, um dieses Königreich zu beten; er sagte: „Betet ihr nun also: Unser Vater, der du bist in den Himmeln, geheiligt werde dein Name; dein Reich komme; dein Wille geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden“ (Matthäus 6:9, 10, Elberfelder Bibel).
Inwiefern kann die Erhörung dieses Gebets für dich ein Leben ohne Schmerzen bedeuten?
Ein Herrscher mit übermenschlicher Kraft
Da derjenige, den Gott an die Spitze seiner Regierung gestellt hat, Weisheit und Macht besitzt, wird ein Leben ohne Schmerzen möglich sein. Dabei handelt es sich um Jesus Christus. Eine biblische Prophezeiung sagt über ihn: „Die Herrschaft ruht auf seiner Schulter ... Die Mehrung der Herrschaft und der Friede werden kein Ende haben“ (Jesaja 9:6, 7, EB).
Die Weisheit, die Jesus — der jetzt im Himmel ist — besitzt, ist weitaus größer als die Weisheit aller menschlichen Ärzte zusammengenommen. Er versteht die Vorgänge im menschlichen Körper ganz genau, darunter auch das körpereigene System zum Schutz vor Verletzungen. Als er vor über 1 900 Jahren auf der Erde war, gab es keine einzige Krankheit und kein einziges körperliches Leiden, das er nicht heilen konnte. Dadurch vermittelte er eine Vorstellung davon, was er als Herrscher des Königreiches Gottes in größerem Ausmaß vollbringen wird. Die Bibel schildert folgende Begebenheit:
„Dann kamen große Volksmengen zu ihm, die Lahme, Krüppel, Blinde, Stumme und viele andere bei sich hatten, und sie warfen sie förmlich vor seine Füße, und er heilte sie, so daß die Volksmenge staunte, als sie sah, daß Stumme redeten und Lahme gingen und Blinde sahen“ (Matthäus 15:30, 31). Zu den Beschwerden, die Jesus während seiner Königreichsherrschaft heilen wird, gehören auch quälende chronische Schmerzen.
Welch ein Segen das doch sein wird! Und es werden nicht nur ein paar wenige Menschen Nutzen daraus ziehen. Der Schöpfer hat verheißen: „Kein Bewohner wird sagen: ‚Ich bin krank‘“ (Jesaja 33:24). Zu jener Zeit, unter der Herrschaft des Königreiches Gottes, wird sich die Verheißung erfüllen, daß ‘Schmerz nicht mehr sein wird’ (Offenbarung 21:4).
Unter der glorreichen Herrschaft Christi werden die vielen Mechanismen im menschlichen Körper — einschließlich der Mechanismen, die eine Schutzfunktion erfüllen — perfekt funktionieren, weil es die ererbte Sünde nicht mehr geben wird. Das Warnsystem unseres Körpers wird sich nie mehr in einen Peiniger verwandeln. Wie froh können wir sein, daß wir gemäß biblischen Prophezeiungen, die sich heute erfüllen, an der Schwelle dieser neuen Welt stehen, in der der Schmerz nie mehr Leiden verursachen wird! (Matthäus 24:3-14, 36-39; 2. Timotheus 3:1-5; 2. Petrus 3:11-13).
Du kannst dich unter der Herrschaft des Königreiches Gottes des Lebens erfreuen; dann wird es die Art von Schmerz nicht mehr geben, die heute Millionen von Menschen peinigt. Allerdings mußt du dafür etwas tun. Jesus Christus wies auf eine grundlegende Voraussetzung hin, als er in einem Gebet zu Gott sagte: „Dies bedeutet ewiges Leben, daß sie fortgesetzt Erkenntnis in sich aufnehmen über dich, den allein wahren Gott, und über den, den du ausgesandt hast, Jesus Christus“ (Johannes 17:3).
Jehovas Zeugen werden dir gern beim Erlangen dieser lebenswichtigen Erkenntnis behilflich sein. Frage einen von ihnen in deiner näheren Umgebung, oder schreibe an die Herausgeber dieser Zeitschrift; teile deinen Wunsch nach einem Bibelstudium in deiner Wohnung oder an einem anderen geeigneten Ort mit. Auf diese Weise kannst du mehr über Gottes Vorsätze lernen, die unter anderem darin bestehen, daß sich die Menschen eines schmerzfreien Lebens erfreuen.
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