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Das Sudeck-Syndrom — Eine rätselhafte, schmerzhafte KrankheitErwachet! 1997 | 8. September
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Das Sudeck-Syndrom — Eine rätselhafte, schmerzhafte Krankheit
Von unserem Korrespondenten in Kanada
DAS Sudeck-Syndrom ist „eines der rätselhaftesten, schmerzhaftesten und möglicherweise eines der kräftezehrendsten Syndrome in der Medizin“, schrieb Allison Bray in der Zeitung Winnipeg Free Press. „Oft wird es einfach deshalb nicht erkannt, weil man die Krankheit nicht richtig versteht“, sagte die Patientin Anna Alexander gemäß dem British Medical Journal. In derselben Zeitschrift hieß es, daß das Sudeck-Syndrom bei Kindern wahrscheinlich häufig falsch diagnostiziert wird. Jahrelang dachten Ärzte sogar, die Schmerzen seien psychisch bedingt oder psychosomatischer Natur.
Wer an dieser mysteriösen Krankheit leidet, hat rasende Schmerzen, weiß aber mitunter gar nicht, was der Auslöser für diese Qualen gewesen sein könnte. Sarah Arnold schrieb in der Publikation Accent on Living: „Ursache der Krankheit ist eine Verletzung oder eine Wunde in einer Körperregion, die reich an Nervenendigungen ist, wie zum Beispiel Hände oder Füße. Die Verletzung kann von etwas so Simplem wie einem Nadelstich herrühren oder von etwas so Komplexem wie einer Operation. Das erste Anzeichen der Krankheit sind anhaltende Schmerzen, die stärker sind als die Schmerzen bei der Verletzung. Die Symptome sind heftige, brennende, lokal begrenzte Schmerzen, starke Temperatur- und Lichtempfindlichkeit, Veränderungen an der Behaarung und an den Nägeln und eine veränderte Hautfarbe.“
Die Krankheit durchläuft mehrere Stadien. Am Anfang schwillt die betroffene Region an und rötet sich, und es wachsen Haare, wo vorher kein Haarwuchs zu sehen war. Das kann ein bis zwei Monate andauern. Danach wird die Stelle bläulich und kalt, und die Bänder und Gelenke werden steifer und schmerzen stärker. Es kann zu Osteoporose kommen. Schließlich bilden sich die betroffenen Muskeln zurück, die Sehnen ziehen sich zusammen, und die Extremität verkümmert.
Nach Ansicht von Dr. Howard Intrater, Leiter der Schmerzklinik am Medizinischen Forschungszentrum von Winnipeg, lassen sich irreversible Schäden abwenden. Der Sympathikus müsse daran gehindert werden, Schmerzsignale auszusenden.a Die Winnipeg Free Press berichtete, daß „es ein breites Spektrum von Therapien gibt: Elektrostimulation, Betablocker, Epiduralstimulatoren (eine Elektrode wird im Rückenmark implantiert, um die betroffene Region zu stimulieren) bis hin zur Sympathikusblockade durch Injektionen“. Physiotherapie und Akupunktur werden angewandt, um den Schmerz zu lindern und die Beweglichkeit zu erhöhen. Dem British Medical Journal zufolge „besteht eine erfolgreiche Therapie aus einer Kombination von elektrischer Nervenstimulation, medikamentöser Sympathikusblockade, Psychotherapie und intensiver Physiotherapie“.
Eine frühzeitige Diagnose ist offensichtlich von Vorteil. Allerdings sagten Ärzte gemäß dem American Journal of Sports Medicine, daß die Ergebnisse bei Patienten, die zum Zeitpunkt der Diagnose weniger als 6 Monate Symptome aufwiesen, gegenüber den Ergebnissen bei Patienten, die seit 6 bis 12 Monaten oder sogar seit mehr als 12 Monaten Symptome hatten, „fast identisch waren. Dies widerspricht der gängigen Meinung, wonach Symptome, die länger als 1 Jahr angedauert haben, bevor die Behandlung einsetzt, eine schlechte Prognose nahelegen.“
Es bleibt zu hoffen, daß das Sudeck-Syndrom mit zunehmenden medizinischen Erkenntnissen an Rätselhaftigkeit verliert und sich erfolgreicher behandeln läßt.
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Der Kampf, mit dem Sudeck-Syndrom zu lebenErwachet! 1997 | 8. September
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Der Kampf, mit dem Sudeck-Syndrom zu leben
ICH bin Anfang 40 und arbeite als freiwillige Mitarbeiterin ganztags in einem Büro am Computer. Vor ein paar Jahren wurde ich an der Wirbelsäule operiert und glaubte eigentlich zu wissen, was Schmerzen sind. Als ich daher im Januar 1994 wegen eines Überbeins am linken Handgelenk unters Messer mußte, rechnete ich mit leichten Schmerzen und etwas Unbehagen und dachte an nichts Schlimmes.
In den ersten Wochen nach der Operation, die gut verlaufen war, spürte ich auf einmal heftige Schmerzen im linken Arm. Der Arm schwoll außerdem an und bekam eine fahle Farbe. Meine Fingernägel wurden lang und brüchig, und ich konnte sie wegen der Schmerzen nicht schneiden. An Schlaf war fast nicht zu denken. Anfangs standen die Ärzte und der Physiotherapeut vor einem Rätsel, doch dann erkannte der Chirurg, daß ich am Sudeck-Syndrom litt. Seit der Operation waren inzwischen drei Monate vergangen.
Wie man sich mit dem Sudeck-Syndrom fühlt
Ich hatte noch nie vom Sudeck-Syndrom gehört, aber ich mußte am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet: SCHMERZEN, Schmerzen schlimmster Art. Ich hatte unaufhörliche Schmerzen in der Hand und im Arm. Schmerzen, als meine Hand auf das Dreifache ihrer normalen Größe anschwoll. Ständige brennende Schmerzen. Mir war, als befände ich mich in einem brennenden Haus und könnte nicht fliehen. Ich übertreibe nicht. Es waren die schlimmsten und anhaltendsten Schmerzen, die ich mir vorstellen kann. Ich spürte viele Arten von Schmerzen unterschiedlichen Grades. Einmal war mir, als würde mich ein ganzer Bienenschwarm auf einmal stechen. Ein andermal fühlte ich mich wie von einem Schraubstock zerquetscht oder als würden mir Rasierklingen ins Fleisch schneiden. Ich konnte es nicht einmal ertragen, daß mein langes Haar meine Haut berührte. Es fühlte sich an wie Dornenstiche. Ich suchte verzweifelt nach Erleichterung von der Qual.
Einmal litt ich so sehr unter den ständigen rasenden Schmerzen, daß ich mit dem Gedanken spielte, mir im Bad den Arm zu amputieren. Ich fragte mich, wieviel Schnitte ich machen müßte, um die Qual loszuwerden. (Später sagten mir die Ärzte, daß sich das Problem durch Amputation nicht löst.) Ich fühlte mich wie ein Fuchs in einer Falle, der sich zu befreien versucht und deshalb sein eingeklemmtes Bein abbeißt.
Endlich etwas Erleichterung
Als letzte Möglichkeit überwies man mich schließlich in eine Schmerzklinik zur Behandlung. Dort lernte ich Dr. Mathew Lefkowitz kennen, einen Schmerzspezialisten und Anästhesisten, der in Brooklyn Heights (New York) praktiziert. Er war sehr mitfühlend und verständnisvoll. Die Schmerzklinik wurde für mich zum Zufluchtsort, zumal ich meine Krankheit und die Behandlung allmählich verstand.
Dr. Lefkowitz begann mit einer schmerzbetäubenden Behandlung. Ich erhielt regelmäßig Injektionen in einen Halsnerv, um die schmerzverursachenden Nervenimpulse vorübergehend zu blockieren. Er erklärte mir, der Schmerz werde vom Sympathikus ausgelöst. Es handle sich um eine normale Schutzreaktion des Gehirns auf Verletzungen oder chirurgische Eingriffe. Man geht davon aus, daß dieses System wie ein Tor funktioniert. Die Nervenempfindungen werden nur so lange durchgelassen, bis die Wunde abgeheilt ist. Zu einem bestimmten Zeitpunkt, wo das Gehirn keine Nervenimpulse mehr aussendet, schließt sich das Tor, und der Schmerz verschwindet. Beim Sudeck-Syndrom schließt sich das Tor nicht. Der Sympathikus beruhigt sich nicht mehr. Er verhält sich so, als wäre die Verletzung noch da. Der Arzt sagte mir, ich solle sofort in die Klinik kommen, wenn sich die Schmerzen verschlimmern würden. Ich erhielt also eine ganze Zeit lang regelmäßig schmerzblockierende Injektionen.
Die Spritzen halfen mir, die Physiotherapie zu ertragen, durch die der Arm ein gewisses Maß an Beweglichkeit behielt. Physiotherapie ist für diese Krankheit sehr hilfreich. Mit der Zeit konnte ich mit beiden Armen und Händen einfache Tätigkeiten verrichten. Es war ein positiver Anfang.
Was können die Folgen sein?
Die ständigen Schmerzen hatten verschiedene Auswirkungen. Ich wollte weglaufen und allein sein, aber wohin ich auch ging, die Schmerzen begleiteten mich. Das war also nicht die Lösung. Mein Arm kam mir allmählich wie ein Fremdkörper vor, der mir mein Leben und meine Ehe schwermachte. Mein Mann traute sich nicht einmal, mich in den Arm zu nehmen. Er war wirklich geduldig und mitfühlend. Aus mir war eine einarmige Ehefrau geworden, die nichts mehr tun konnte. Mit der linken Hand ein Blatt Papier aufzuheben war schon eine Qual.
Bislang gibt es keine Heilung für das Sudeck-Syndrom, doch mitunter klingt die Krankheit spontan ab. Im Endstadium kommt es zu Osteoporose und Atrophie der Extremität. Deshalb ist intensive Physiotherapie so hilfreich. Glücklicherweise ist diese Phase bei mir bisher nicht eingetreten.
Wie ich damit lebe
Zwar habe ich noch Schmerzen, aber nicht so heftige wie in der schlimmsten Zeit. Allerdings könnte ich sie ohne die Spritzen nicht aushalten. Was hat mir geholfen, all das zu ertragen? Die positive Einstellung von Ärzten, Therapeuten und Freunden. Auch habe ich mir Bewältigungsstrategien angeeignet. Um mir mein Selbstwertgefühl und meine Würde zu bewahren, brauchte ich trotz meines unnormalen Zustands eine gewisse Normalität im Leben. Der Umgang mit Arbeitskollegen, die mich unterstützten, ohne mich unter Druck zu setzen, brachte mir zu Bewußtsein, daß ich nach wie vor produktiv sein kann. Ich habe auch festgestellt, daß mir beruhigende Musik und entspannende Atemübungen helfen. Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist, mich bequem so hinzulegen, daß ich den Himmel und die ständig wechselnden Wolkenbilder betrachten kann. Dann denke ich über vieles nach und begebe mich in meiner Phantasie auf die Reise an schöne Orte. Lachen ist immer eine gute Medizin und eine positive Einstellung ebenfalls, noch dazu, wenn man sich der liebevollen Unterstützung von Angehörigen und Freunden gewiß ist. Es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, daß man sich vom Sudeck-Syndrom nicht besiegen lassen muß. Gute Ärzte und Therapeuten können einem helfen, den Kampf zu gewinnen.
Das, was ich durchmache, motiviert mich, mehr Mitgefühl für andere zu haben, die unter Schmerzen leiden, ihnen zu helfen und sie zu trösten. Meine Glaubensansichten sind mir eine große Hilfe. Ich weiß, warum ich mich in diesem Zustand befinde. Gott hat mich nicht als Opfer herausgesucht. Er hat keine Schuld. Schmerzen gehören zu den Unglücksfällen des Lebens, die jeden treffen können. Inbrünstig zu beten tut mir sehr gut. Ich glaube fest, daß die Zeit kommt, in der es keine Schmerzen mehr geben wird. Anderen, denen ich begegne, davon zu erzählen hilft mir sehr. Obwohl mich das Sudeck-Syndrom immer noch vor Herausforderungen stellt, bin ich dankbar, daß es mir bessergeht (Offenbarung 21:1-4). (Von Karen Orf erzählt.)
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Der Kampf, mit dem Sudeck-Syndrom zu lebenErwachet! 1997 | 8. September
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Aus der Sicht eines Arztes
Erwachet! bat Dr. Lefkowitz um ein Interview über die Therapie. Er erklärte: „Wir behandeln alle Arten von Schmerzen, nicht nur das Sudeck-Syndrom. Am häufigsten sind Schmerzen im unteren Rückenbereich, die oft zu äußerst schmerzhaftem Ischias führen. Schmerzen haben zwar ganz offensichtlich physiologische Ursachen, aber oft spielen auch psychische Einflüsse eine Rolle.“
Erwachet!: Kommt das Sudeck-Syndrom in allen Altersgruppen und bei beiden Geschlechtern unterschiedslos vor?
Dr. Lefkowitz: Ja, diese Krankheit macht keine Unterschiede. Man kann nicht sagen, wer eher dafür disponiert ist. Was ich jedoch weiß, ist, daß Frauen Schmerzen in der Regel besser ertragen als Männer. Sie haben anscheinend eine höhere Schmerzschwelle.
Erwachet!: Welche Schmerztherapie empfehlen Sie?
Dr. Lefkowitz: Es können verschiedene Methoden angewandt werden, je nach Ursache und Heftigkeit der Schmerzen. Schließlich sind Schmerzen gleichbedeutend mit Leiden, und diese Leiden müssen wir lindern. Manchmal setzen wir steroidfreie Tabletten wie zum Beispiel Aspirin oder etwas Ähnliches ein. In anderen Fällen wie bei Karen Orf lösen wir durch Medikamente eine lokale Nervenblockade aus. In Extremfällen greifen wir eventuell auf ein Opiat zurück. Der Nachteil dabei ist, daß wir die Möglichkeit einer Suchtentwicklung im Auge behalten müssen.
Erwachet!: Durchläuft das Sudeck-Syndrom unausweichlich alle Krankheitsphasen?
Dr. Lefkowitz: Nein, nicht unbedingt. Wenn wir die Krankheit im Anfangsstadium feststellen, können wir sie unterdrücken. Frau Orf zum Beispiel befindet sich in einer mittleren Phase, und es ist nicht gesagt, daß sie in das Endstadium der Atrophie eintritt.
Erwachet!: Was raten Sie einem Patienten, damit er mit der Situation besser fertig werden kann?
Dr. Lefkowitz: Genau das, was Frau Orf getan hat. Sie hat die Schmerzen auf der psychischen Ebene bekämpft, indem sie sich mit angenehmen Gedanken und Vorstellungen abgelenkt hat. Außerdem macht sie Physiotherapie. Und ich denke, ihr Glaube ist ihr eine große Stütze. Er hilft ihr, positiv an die Situation heranzugehen. Ich kann nicht genug betonen, wie wichtig der Glaube ist.
Erwachet!: Vielen Dank, daß Sie sich für uns Zeit genommen haben!
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