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„Was ist Wahrheit?“Der Wachtturm 1995 | 1. Juli
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„Was ist Wahrheit?“
DIE beiden Männer, die sich gegenüberstanden, hätten kaum unterschiedlicher sein können. Der eine war Politiker — ein zynischer, ehrgeiziger und wohlhabender Mann, zu allem bereit, was seiner Karriere hätte förderlich sein können. Der andere war ein Lehrer, der Reichtum und Ansehen verschmähte und bereit war, sein Leben zu opfern, um anderen das Leben zu retten. Daß diese beiden Männer grundverschiedener Ansicht waren, versteht sich von selbst. Besonders über e i n e Frage dachten sie völlig gegensätzlich: die Frage der Wahrheit.
Bei den Männern handelte es sich um Pontius Pilatus und Jesus Christus. Jesus stand als ein verurteilter Verbrecher vor Pilatus. Weshalb? Jesus erklärte, der Grund dafür — ja sogar der Grund, weshalb er überhaupt auf die Erde gekommen sei und seinen Dienst durchgeführt habe — sei, auf den Punkt gebracht, die Wahrheit. Er sagte: „Dazu bin ich geboren worden und dazu bin ich in die Welt gekommen, damit ich für die Wahrheit Zeugnis ablege“ (Johannes 18:37).
Pilatus erwiderte mit der denkwürdigen Frage: „Was ist Wahrheit?“ (Johannes 18:38). War er wirklich an einer Antwort interessiert? Wahrscheinlich nicht. Jesus war ein Mensch, der auf jede aufrichtig an ihn gestellte Frage eine Antwort geben konnte, doch Pilatus gab er keine Antwort. Und die Bibel berichtet, daß Pilatus nach seiner Frage abrupt den Raum verließ. Vermutlich war die Frage des römischen Statthalters ein Ausdruck ungläubigen Zynismus, als habe er sagen wollen: „Wahrheit? Was ist das? Das gibt es doch gar nicht!“a
Die skeptische Ansicht des Pilatus in Sachen Wahrheit ist auch heutzutage nicht selten zu beobachten. Viele sind der Ansicht, Wahrheit sei relativ, oder anders ausgedrückt, was für den einen wahr sei, sei für den anderen unwahr, so daß letztlich beide irgendwo „recht“ hätten. Wie weit verbreitet diese Ansicht ist, zeigt die Tatsache, daß dafür eigens ein Begriff geprägt wurde — Relativismus. Entspricht dies auch deiner Ansicht über Wahrheit? Wenn ja, könnte es dann sein, daß du diese Ansicht übernommen hast, ohne sie gründlich zu hinterfragen? Bist du dir bewußt, wie stark diese Philosophie dein Leben beeinflußt — sogar dann, wenn du anderer Ansicht bist?
Ein Angriff auf die Wahrheit
Pontius Pilatus war keineswegs der erste, der die Vorstellung von absoluter Wahrheit in Frage stellte. Griechische Philosophen der Antike machten es buchstäblich zu ihrem Lebenswerk, Zweifel zu lehren. Fünfhundert Jahre vor Pilatus vertrat Parmenides (der als Vater der Metaphysik in Europa bezeichnet worden ist) den Standpunkt, echte Erkenntnis sei unerreichbar. Demokrit, gerühmt als „der größte Philosoph der Antike“, behauptete: „In der Tiefe liegt die Wahrheit. ... Wir aber erfassen in Wahrheit nichts Untrügliches.“ Und Sokrates, der vielleicht berühmteste von allen, erklärte, mit Bestimmtheit wisse er nur, daß er nichts wisse.
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„Was ist Wahrheit?“Der Wachtturm 1995 | 1. Juli
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a Der Bibelgelehrte R. C. H. Lenski sagt über Pilatus: „Sein Ton ist der eines gleichgültigen, weltlich eingestellten Menschen, der mit seiner Frage zum Ausdruck bringen will, jegliche Betrachtungen über religiöse Wahrheit seien sinnlose Spekulation.“
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