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    Erwachet! 1987 | 8. November
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      Berechnungen haben ergeben, daß sich die Zahl der Hungernden in der Welt von 1970 bis 1980 jährlich um ungefähr 1,5 Millionen erhöht hat. Doch in der ersten Hälfte der 80er Jahre stieg diese Zahl jedes Jahr um 8 Millionen — auf insgesamt 512 Millionen im Jahre 1985 —, und das obwohl der Welternährungsrat der Vereinten Nationen 1974 beschlossen hatte, den Hunger in der Welt innerhalb von 10 Jahren zu beseitigen.

      Heute propagiert man die Befreiungstheologie als Lösung — die Kirchen sollen sich an dem Kampf um Veränderungen der innenpolitischen und der gesellschaftlichen Strukturen beteiligen, an einem Kampf gegen die Ursachen der Armut.

      In der Erwachet!-Ausgabe vom 8. August 1987 wurde bereits angeschnitten, welche Auswirkungen die Befreiungstheologie auf die Armut in der dritten Welt hat. In der vorliegenden Abhandlung setzt unser Korrespondent in Mexiko die Untersuchung der Frage fort, ob die Befreiungstheologie den Armen wirklich nützen kann.

  • Der Dritte-Welt-Katholizismus — Wie gefestigt ist er?
    Erwachet! 1987 | 8. November
    • „ALLE Christen sind Jünger eines politischen Gefangenen, der am Kreuz ermordet wurde.“ „Papst Johannes Paul II. ist der politischste Papst, den wir je hatten.“ „Es ist unmöglich, nach unserem Glauben zu leben und sich aus der Politik herauszuhalten.“ Das sind nur einige der zahlreichen strittigen Aussagen, die katholische Theologen vor einem Forum im Dezember 1986 in Mexiko machten.

      Nicht alle Teilnehmer stimmten den Rednern zu. Manche verteidigten die katholische Amtskirche mit Zwischenrufen, aber auch die Gasttheologen erhielten Beifall. Anderen fehlten angesichts der mangelnden Einigkeit die Worte. Der südafrikanische Priester Bonganjalo Goba durchbrach die Verwirrung mit dem Zwischenruf: „Brüder, es sieht so aus, als ob Katholiken gegen Katholiken kämpften!“

      Wie konnte eine solche Situation entstehen? Worüber stritt man sich?

      Die Streitfrage

      Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Praxis der Befreiungstheologie — ein Kampf, der von Priestern und Theologen in aller Welt gefördert wird, um die Armen und Unterdrückten in den Ländern der dritten Welt von „den sozioökonomischen Mechanismen, durch die man sich auf Kosten der Armen Wohlstand schafft“, zu befreien.

      Für die einen ist diese Theologie radikal oder revolutionär, für die anderen dagegen „eine neue Ausdrucksform der römisch-katholischen Kirche“. Auf der zweiten Lateinamerikanischen Bischofskonferenz in Medellín (Kolumbien) wurde 1968 erklärt, daß an dem Leid der Menschen in den Ländern der dritten Welt „Strukturen der Sünde“ schuld seien und daß die Kirche, wenn sie Christus nachfolgen wolle, „eine vorrangige Entscheidung für die Armen“ treffen müsse. Aber was kann das einschließen?

      Der brasilianische Priester Leonardo Boff weist gemäß einer in Mexiko-City erscheinenden Zeitung darauf hin, daß „Gewalt die Alternative ist, wenn eine ungeteilte Gesellschaft anders nicht erreicht werden kann“. Auch sagt er, daß diese Gewalt „zu verantworten ist, wenn fundamentale Rechte verletzt werden“. Leonardo Boff und andere Befürworter der Befreiungstheologie in den Ländern der dritten Welt schließen nicht aus, daß die Armen nötigenfalls durch Terrorismus, Revolution und Krieg aus ihrem „Elend“ befreit werden müssen.

      Laut einem Bericht des Magazins Newsweek entfesselt jedoch „die Befreiungstheologie starke Kräfte, die die Katholiken entzweien“. Das wurde auf dem Treffen in Mexiko-City deutlich.

  • Die Befreiungstheologie — Nützt sie den Armen?
    Erwachet! 1987 | 8. November
    • „DIE Zukunft der Kirche scheint bei den Armen zu liegen.“ So schreibt das Magazin Newsweek. Manche meinen, daß diese „neue Kirche“, die für die Befreiung der Armen eintritt, möglicherweise „die einzig wahre Hoffnung“ für die Armen ist, die einzige Hoffnung, daß sich in ihrem Land ein friedlicher Wechsel vollziehen wird. Ist sie das wirklich?

      Es empfiehlt sich, die Befreiungstheologie zunächst aus der Sicht ihrer Befürworter zu betrachten. Weshalb glauben sie, daß die Armen unter Umständen nur durch bewaffneten Kampf befreit werden können? Unter welchen Voraussetzungen soll die Befreiungstheologie zu rechtfertigen sein?

      Armut und Unterdrückung

      Zwei Drittel der Weltbevölkerung — überwiegend in Lateinamerika, Afrika und Asien — leben in menschenunwürdiger Armut. Berichte über politische Gewaltmaßnahmen in diesen Teilen der Erde sind an der Tagesordnung. Armut, Leid und Gefangenschaft gehören für „diese gedemütigten Menschen“ von jeher zum Alltag. Vorliegende Berichte sollen dies zeigen:

      ◻ Der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff sagt, daß in seinem Land „alle 22 Stunden ein Bauer ermordet wird“.

      ◻ „In Nicaragua versucht man, einen Staat zu errichten, der für die Menschen eintritt, die seit Generationen unterdrückt werden — 80 Prozent der Bevölkerung.“ Doch laut Berichten fließen über 40 Prozent der Staatseinnahmen in die Landesverteidigung.

      ◻ Gemäß der in Mexiko-City erscheinenden Tageszeitung El Universal leben in Mexiko 40 Millionen Menschen zufolge „sozialer Ungerechtigkeit“ in Armut. Vierzig Prozent der Bevölkerung sollen nur „das Existenzminimum“ erreichen, und lediglich 18 Prozent können sich „ausgewogen ernähren“.

      ◻ In Guatemala besitzen, wie aus einer Statistik hervorgeht, 2 Prozent der Bevölkerung 80 Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen. Einundachtzig Prozent der Kinder unter fünf Jahren leiden an Fehlernährung. In den vergangenen 30 Jahren wurden 100 000 politische Gewaltakte und 38 000 Fälle von Menschenraub registriert.

      ◻ Auf den Philippinen verfügen 2 Prozent der Bevölkerung über 75 Prozent der materiellen Güter des Landes. „Wenn wir dieses Problem nicht lösen“, so die philippinische Nonne Maria Johanna Mananzan, „lösen wir kein einziges.“

      In zahlreichen Ländern leben die Menschen ständig in Angst vor Regierungsbehörden, inoffiziellen Streitkräften und Selbstschutzgruppen. Tausende sind in Nachbarländer geflüchtet.

      Damit begründen einige katholische Prälaten, warum sie „Partei ergreifen für die Armen“. „Wir haben viel über Bekenner, Jungfrauen und Propheten gehört“, sagt Leonardo Boff und fragt: „Wie steht es aber mit den Arbeitern und Bauern?“ Doch welches Mittel verordnen die Befreiungstheologen gegen diesen Zustand? Was bedeutet es, sich auf die Seite der Armen zu stellen?

      Die Kämpfe in der dritten Welt

      „Armut ist ein Unrecht“, verteidigen sich die Befreiungstheologen. Die „vorrangige Entscheidung für die Armen“ ist demnach, „ihnen bei ihrem Trachten nach einem würdigen Leben zu helfen, das ihnen zusteht“. In dem Buch Die historische Macht der Armen schreibt der Peruaner Gustavo Gutiérrez, der als Begründer der Befreiungstheologie gilt: „Mehr denn je haben wir heute an der Seite derer zu stehen, die Widerstand leisten und kämpfen, glauben und hoffen.“ Aber gemäß der Aussage von Befreiungstheologen kann den Armen nur geholfen werden, wenn „durch tiefgreifende Veränderungen der Gesellschaftsstrukturen soziale Gerechtigkeit verwirklicht wird“. Wie geht man in verschiedenen Teilen der Erde dabei vor?

      ◻ Auf Haiti soll die katholische Kirche beim Sturz der Duvalier-„Tyrannei“ mitgewirkt haben.

      ◻ Der Erzbischof von Manila, Jaime Kardinal Sin, hat Berichten zufolge „mehr als jeder andere auf den Philippinen zum Sturz der Diktatur von Ferdinand Marcos“ beigetragen.

      ◻ Bonganjalo Goba aus Südafrika sagt: „Wir kennen Leute, die mit der Bibel in der einen Hand und mit dem Gewehr in der anderen heranrücken und geloben, Gott eine Kirche zu bauen, falls er ihnen das Land gibt.“

      Armut ist jedoch nur eines von zahlreichen Problemen. Analphabetismus, Arbeitslosigkeit, Hunger und Krankheiten sind in vielen Ländern weitere Folgen eines schwachen gesellschaftlich-wirtschaftlichen Systems. Wegen all dem begehren die Armen und Unterdrückten auf.

      Wie stehen Befreiungstheologen wie Gutiérrez und Boff zur Argumentation anhand der Bibel?

      Befreiungstheologen und die Bibel

      „Befreiung ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Bibel“, erklärte der südkoreanische Priester Augustine Ham Sei Ung. Gutiérrez betonte allerdings, „die [biblische] Geschichte ... müsse aus der Sicht der Armen neuverstanden werden“, um sie erklären zu können.

      Die Befreiungstheologen behaupten somit, daß es sich bei bestimmten biblischen Ereignissen wie der „Befreiung Israels“ um politische Aktionen gehandelt habe. „Gott ... offenbart sich durch ... den Armen und den Geringen“, sagte Gutiérrez. Daher meinen viele, daß „die Kirche, wenn sie dem Gott Jesu Christi die Treue halten will, ihr Selbstverständnis von unten aufbauen muß, aus der Sicht der Armen dieser Welt“. „Gottes Liebe zu seinem Volk“, so argumentieren sie, könnte auch heute „politisch zum Ausdruck kommen“.

      Wie sehen die Befreiungstheologen das Verhältnis zwischen der Bibel und der Politik? Leonardo Boff erklärte gegenüber Erwachet!, daß „der Bibel nicht die Rolle eines Buches zukommt, das zum Ersinnen politischer Taktiken oder politischer Alternativen inspiriert, sondern daß die Bibel eine Quelle der Inspiration in bezug auf die Suche nach gerechteren menschlichen Beziehungen ist“. Was ist aber durch die Beteiligung der Geistlichkeit an gesellschaftlichen Reformbestrebungen erreicht worden?

      Gewalt und Tod gehen oft Hand in Hand. Man darf nicht übersehen, daß Geistliche jahrhundertelang in der Weltpolitik nach Belieben schalten und walten konnten. Sie haben mit den Königen der Erde, mit Diktatoren und mit den herrschenden Klassen, die alle das arme Volk unterdrückt haben, gemeinsame Sache gemacht. Zahllose Todesopfer waren die Folge.

  • Ein Dilemma für aufrichtige Katholiken
    Erwachet! 1987 | 8. November
    • Ein Dilemma für aufrichtige Katholiken

      Im Jahre 1984 veröffentlichte der Vatikan eine Instruktion mit dem Ziel, die Befreiungstheologie anzuprangern. Und Leonardo Boff, dem Befreiungstheologen „mit der umstrittensten Haltung“, wurde ein einjähriges „Bußschweigen“ auferlegt — eine Disziplinarmaßnahme der Kirche, mit der man ihm untersagte, seine fragwürdige Theologie durch Publikationen, Interviews oder auf andere Weise in der Öffentlichkeit bekanntzumachen.

      Aber 1986, einen Monat bevor das „Schweigejahr“ ablief, gewährte man Boff einen Straferlaß. Die Instruktion über die christliche Freiheit und Befreiung kam heraus, und ihr zufolge ist es „vollauf berechtigt, daß diejenigen, die an der Unterdrückung durch die Besitzer des Reichtums oder der politischen Macht leiden, sich mit moralisch erlaubten Mitteln dafür einsetzen, Strukturen und Institutionen zu erlangen, in denen ihre Rechte wirklich respektiert werden“. „Der bewaffnete Kampf“ wurde als „ein letzter Ausweg“ gebilligt. Sollte dies bedeuten, daß sich die Kirche korrigieren würde?

      Joseph Kardinal Ratzinger, Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, unter dessen Leitung die neue Instruktion verfaßt wurde, weist diesen Verdacht von sich. „Die erste Instruktion verliert nichts von ihrem Wert“, betont er. „Das zweite Dokument ist eine Ergänzung.“ Nach Meinung von Journalisten und anderen enthält die zweite Instruktion dagegen „einen neuen Standpunkt zur ‚Befreiungstheologie‘“. Warum vertritt man solch gegensätzliche Auffassungen?

      Aus dem sorgfältig formulierten Wortlaut der neuen Instruktion läßt sich Unterschiedliches herauslesen. So heißt es darin beispielsweise: „Es gehört nicht zur Aufgabe der Hirten der Kirche, bei der Errichtung einer politischen Ordnung und bei der Organisation des gesellschaftlichen Lebens direkt einzugreifen.“ Das Magazin Newsweek bemerkt dazu ganz offen: „Derartige Formulierungen gewähren findigen Prälaten großen Handlungsspielraum.“

      In einem anderen Bericht wird gesagt, daß die Kirche praktisch jedem etwas bietet, dem er zustimmen kann. Ein Liberationist wie Gutiérrez könnte heute darauf hinweisen, daß „die südamerikanische Befreiungstheologie ein Zeichen der Zeit ist, das die Kirche als solches erkennt“, wohingegen ein konservativer Katholik sich freuen könnte, daß seine Kirche nach wie vor „dem marxistischen Kollektivismus widersteht, der die Freiheit des Menschen verneint“. Wie dem auch sei, die verschiedenen Auffassungen der Befreiungstheologie stehen im Widerspruch zur Tradition der Kirche und tragen weiterhin dazu bei, daß sich Katholiken entzweien.

      Der Apostel Paulus ermahnte wahre Christen im Gegensatz dazu: „Seid alle einmütig ..., seid ganz eines Sinnes und einer Meinung.“ „[Seid] eines Sinnes ..., einmütig und einträchtig“ (1. Korinther 1:10; Philipper 2:2).a Was ist deine Meinung? Sind die Katholiken „alle einmütig“?

      [Fußnote]

      a Die Bibelzitate sind der katholischen Neuen Jerusalemer Bibel entnommen.

      [Bilder auf Seite 7]

      Sind in der Kirche „alle einmütig“?

      [Bildnachweis]

      Foto: UNO

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