Auf der Suche nach Orchideen in Europa
VON UNSEREM KORRESPONDENTEN IN DEN NIEDERLANDEN
ÜBERALL ist man von Orchideen fasziniert. Die exotische Schönheit und die Farbenpracht dieser Pflanzen sind geradezu sprichwörtlich. Das geheimnisvolle Etwas, das sie umgibt, ist zum Teil ihrem Vorkommen in undurchdringlichen tropischen Wäldern zuzuschreiben. Nur wenige sind sich bewußt, daß man Orchideen auch außerhalb der Tropen in den gemäßigten Zonen unseres Planeten findet, zum Beispiel in Europa.
Von Island am Rande der Arktis bis zum subtropischen Griechenland — also in sehr unterschiedlichen Gebieten — gedeihen Orchideen. Man kennt in Europa insgesamt etwa 350 Arten. Im Gegensatz zu vielen tropischen Arten sind die europäischen Arten terrestrisch, das heißt, sie wurzeln im Boden. Die meisten tropischen Orchideen sind Epiphyten und wachsen auf Bäumen. Tropische Arten haben oft große, prächtige Blüten, während die Blüten der europäischen Orchideen wesentlich kleiner sind.
Auf einer Reise durch Europa nach Orchideen zu suchen kann eine angenehme Freizeitbeschäftigung sein, da viele Arten in einer herrlichen Umgebung wachsen. Zahlreiche Orchideen sind Indikatorpflanzen, deren Vorkommen auf bestimmte Umweltbedingungen hinweist. Nicht wenige Arten sind auf Standorte von besonderer ökologischer Beschaffenheit beschränkt. Sumpforchideen, wie zum Beispiel die Dactylorhiza incarnata, wachsen nur in Gegenden, wo das Wasser im Boden genügend Kalk enthält. Das erklärt, warum manche Arten seltener sind als andere. Eine Orchideenart, die ganz spezielle Anforderungen an ihre Umwelt stellt, wird man nicht so häufig antreffen wie eine anspruchslosere Art.
Wenn wir in Gedanken eine Reise von den Niederlanden nach Süditalien machen, kommen wir vorwiegend durch Gebiete, in denen es Orchideen gibt. Beginnen wir mit den Niederlanden. In diesem tiefgelegenen westeuropäischen Land findet man noch ausgedehnte Moore, feuchte Mulden zwischen Dünen sowie Weideland. Wegen des reichen Bestands an Orchideen der Gattung Dactylorhiza schimmern manche Stellen im Mai und im Juni rosarot und violett. Eine wunderschöne, stattliche Art ist die Dactylorhiza praetermissa. Sie kann einen Meter hoch werden und bis zu 60 Blüten tragen. Orchideen sind auch in den noch bestehenden Torfmoor- und Heidegebieten heimisch. Auf feuchtem Heidegelände gedeiht mitunter in großer Zahl die Dactylorhiza maculata. Die winzigen grünen Blüten der Hammarbya paludosa entdeckt man nur, wenn man in Torfmooren gründlich danach sucht. Diese kleine Orchidee wächst an kaum zugänglichen Stellen.
Wir setzen unsere Reise fort und kommen zu den Mittelgebirgen in Deutschland. Umgeben von einer Vielfalt an Laubbäumen, stoßen wir hier auf mehrere Vertreter der Gattung Epipactis. Einige wachsen im Dunkel des Waldes, andere, wie zum Beispiel die Epipactis muelleri, ziehen die Waldränder vor. Mit dem Aufblühen der Epipactis-Arten im Spätsommer und im Herbst geht die Orchideenzeit in Europa zu Ende. Geradezu voll von Orchideen sind bestimmte trockene Kalkhänge mit Graswuchs. Dort kann man im Mai und im Juni Dutzende von Arten finden, unter anderem die herrliche Orchis militaris und die Orchis ustulata.
Nun durchreisen wir Süddeutschland und erreichen die Alpen. Die Alpenwiesen sind für ihren Blumenreichtum bekannt. Dazu trägt auch das häufige Vorkommen von Orchideen bei. Manche Wiesen, beispielsweise in den Dolomiten in Italien, tragen im Juli ein purpurnes Kleid aus Orchideen. Die Nigritella nigra ist dort in den verschiedensten Farbschattierungen reichlich vertreten. Sie duftet intensiv nach Vanille, was uns daran erinnert, daß Vanille aus den Früchten einer tropischen Orchidee gewonnen wird.
Selbst in über 3 000 Meter Höhe wachsen noch Orchideen. Es ist nicht auszuschließen, daß man in einer solchen Höhe eine der kleinsten Orchideen der Welt zu Gesicht bekommt, die Chamorchis alpina. Ihre Blüten haben einen Durchmesser von nur etwa einem halben Zentimeter. Wegen ihrer grünlichen Färbung fallen sie kaum auf. Dennoch hat diese Art eine ganz bestimmte Funktion im Ökosystem des alpinen Bereichs.
Jenseits der Alpen kommen wir in das Mittelmeergebiet. Hier gibt es mehr Orchideenarten als im übrigen Europa, und ihre Vielfalt ist überwältigend. Die hier beheimateten wärmeliebenden Arten blühen nur zu Beginn des Frühjahrs. Im niederschlagsarmen Sommer vertrocknet die Vegetation einschließlich der Orchideen, so daß man blühende Pflanzen fast völlig vermißt. Erst wenn im Herbst die Regenfälle einsetzen, erscheint wieder frisches Grün.
Der Herbstregen kommt auch den Orchideen zugute. Viele Arten treiben in dieser Jahreszeit Blätter und überwintern als Rosette. Sobald das Frühjahr beginnt, entfalten sie ihre prächtigen Blüten. Die Arten der Gattung Ophrys sind für die Pflanzenwelt am Mittelmeer charakteristisch. Zu einem großen Teil werden sie nur von männlichen Insekten bestäubt, die die Blüten, deren Aussehen an ein Insekt erinnert, für paarungsbereite Weibchen halten. Mehrere der betreffenden Arten sind nach den Tieren benannt, mit denen sie Ähnlichkeit haben, zum Beispiel die Spinnenragwurz, die Fliegenragwurz und die Hummelragwurz (Ophrys sphegodes, insectifera und bombyliflora). Nach der Scheinkopulation trägt das Insekt die an ihm haftenden Pollenpakete ahnungslos zu einer anderen Blüte derselben Art. Die Blüte wird befruchtet, und die Samenbildung kann beginnen. Man staunt, mit welcher Präzision dieser Bestäubungsmechanismus abläuft.
Von einigen Ophrys-Arten sind verschiedene Unterarten bekannt. Jede Unterart wird von speziellen Insekten bestäubt. Diese besuchen keine ihnen fremde Unterart, auch wenn deren Blüten ganz ähnlich aussehen. Hin und wieder kommt es allerdings zu einem „Mißgeschick“, indem versehentlich eine andere Art bestäubt wird, was zur Entstehung von Hybriden führt. Manche Hybriden produzieren fruchtbaren Samen und vermehren sich enorm.
Eine weitere typische Gattung des Mittelmeerraums ist der Zungenstendel (Serapias). Die Arten dieser Gattung werden von Insekten bestäubt, die in dem röhrenförmigen Blüteninnern übernachten. Bis das Insekt erwacht, haben sich die Pollenpakete an seinem Körper festgesetzt, so daß in der nächsten Nacht eine andere Blüte bestäubt wird.
Auf unserer Reise durch Europa haben wir eine Menge herrlicher, urwüchsiger Orchideengebiete gesehen. Ihre Zahl ist jedoch deutlich zurückgegangen. In dem stark industrialisierten, dichtbesiedelten und landwirtschaftlich hochentwickelten Europa ist nahezu jedes noch unberührte Gebiet in mehrfacher Hinsicht gefährdet. Saurer Regen, Dürre, maximale Nutzung des Agrarlands, Tourismus und Verstädterung fordern ihren Tribut an Orchideen. Viele Arten sind selten geworden. In einigen Ländern stehen verschiedene Arten unter Naturschutz.
Lediglich etwas durch Gesetze zu verbieten ist aber keine große Hilfe. Eigentlich sollte der Mensch die Schöpfung mit Respekt behandeln. Im gegenwärtigen, unvollkommenen System der Dinge, in dem es oft an Respekt vor dem Schöpfer und seiner Schöpfung fehlt, ist nicht zu erwarten, daß sich die Natur voll entfaltet. Erst in Gottes neuem System wird es gerechtgesinnten Menschen möglich sein, die in der Schöpfung herrschende Harmonie zu genießen (Jesaja 35:1). Dann wird man auch die vielen Orchideenarten gebührend schätzen.
[Bilder auf Seite 8, 9]
Auf dieser Doppelseite sind Orchideen abgebildet, die (1) in Italien, (2) in den Niederlanden, (3) auf Alpenwiesen, (4) auf kalkigem Grasland und (5) in Heidegebieten vorkommen; (6) die Schmetterlingsorchis