Verschwunden in einer Sekunde!
WIR wandern im grünen Zwielicht zwischen den Stützpfeilern der Bäume, die bis zu 15 Stockwerke hoch aufragen. Über uns eine verwirrende Vielfalt an Leben, die dichteste, reichste Ökosphäre der Erde! Lianen — teilweise Hunderte von Metern lang — hängen an den Bäumen, auf deren Stämmen und Zweigen überall Pflanzen wachsen, die mit ihren Wurzeln ihren „Gastgeber“ umschlingen. Üppige tropische Blüten erfüllen die unbewegliche Treibhausluft mit ihrem Duft.
Das ist der tropische Regenwald. Doch er ist mehr als ein schönes Fleckchen Erde, mehr als gewölbte Galerien nebligen Waldes, von Lichtlanzen durchlöchert. Es ist ein Mechanismus von unglaublicher Komplexität, dessen einzelne Teile geschäftig und präzise zusammenarbeiten.
Die verschwenderische Vielfalt an Leben hier ist einzigartig auf dem Festland unseres Planeten. Obwohl die Regenwälder nur sechs Prozent der Landfläche bedecken, beherbergen sie mehr als die Hälfte aller Pflanzen- und Tierarten und produzieren ein Drittel der Biomasse des Festlandes. Der grüne Baldachin hoch über uns ist das Zuhause von exotischen Insekten und Vögeln, von Affen und anderen Säugetieren, von denen die meisten nie auf den Boden herunterkommen. Die Bäume ernähren und beherbergen sie, während sie als Gegenleistung für die Befruchtung der Bäume sorgen sowie die Früchte fressen und auf diese Weise mit ihren Ausscheidungen die Samen verteilen.
Der tägliche Regen tränkt die Wälder, treibt ihren ausgeklügelten Lebenskreislauf an und wäscht eine nährstoffreiche Brühe mit Blättern und Abfallstoffen die Stämme hinunter. Davon ernähren sich Pflanzen, die auf den Bäumen wachsen und die man Epiphyten nennt. Sie wiederum helfen den Bäumen, ihre Hauptnahrung, den Stickstoff, aus der Luft zu gewinnen. Viele Epiphyten haben „Blätterreservoire“, die einige Liter Wasser fassen können und in luftiger Höhe kleine Tümpel bilden, an denen Baumfrösche, Salamander und Vögel leben.
Welche Nahrung auch immer den Waldboden erreicht — sie wird sofort zersetzt. Säugetiere, Schwärme von Insekten und Bakterien verarbeiten gemeinsam Nüsse, Tierkadaver und Blätter zu Kompost. Dann macht sich der Boden selbst darüber her. Schiebt man das Material, das den Boden bedeckt, etwas zur Seite, findet man darunter ein dickes, schwammartiges Geflecht aus weißen Fasern, ein Netzwerk aus Wurzeln und Pilzen. Mit Hilfe der Pilze nehmen die Wurzeln die Nährstoffe schneller auf, als der Regen sie wegspülen kann.
Aber stellen wir uns vor, unsere Wanderung durch den Regenwald wäre auf ein kleines Gebiet von der Größe eines Fußballfeldes beschränkt. Plötzlich verschwindet auf dieser Fläche der gesamte Wald. Er ist vollständig zerstört — in einer einzigen Sekunde! Entsetzt sehen wir, wie in der nächsten Sekunde eine gleich große Fläche nebenan ausradiert wird und eine weitere in der darauffolgenden Sekunde und noch eine und noch eine und immer weiter. Schließlich stehen wir allein in einer trostlosen Öde, der Boden hartgebacken von der brennenden tropischen Sonne.
Schätzungen zufolge ist das das Tempo, in dem die Regenwälder der Erde vernichtet werden. Einige meinen, es gehe noch schneller. Gemäß der Süddeutschen Zeitung wird jedes Jahr eine Waldfläche von der Größe der Bundesrepublik Deutschland vernichtet. In der Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft wird in der Novemberausgabe 1989 von einem Gebiet, „größer als die Schweiz und die Niederlande zusammen“, gesprochen.
Doch wie auch immer, der Schaden ist erschreckend. Die Entwaldung erregt weltweit Aufsehen, wobei hauptsächlich ein Land im Brennpunkt steht.
Brennpunkt Brasilien
Satellitenaufnahmen vom Amazonasbecken, die 1987 gemacht wurden, ließen erkennen, daß in diesem Gebiet mehr Wald verlorengegangen ist, als von einigen für die gesamte Erde prognostiziert worden war. Tausende von Brandrodungsfeuern erhellten die Nacht. Die Rauchwolke hatte die Größe von Indien und war so dicht, daß einige Flughäfen geschlossen werden mußten. Wie eine Berechnung ergeben hat, geht im Amazonasbecken jedes Jahr eine Regenwaldfläche von der Größe Belgiens verloren.
Der brasilianische Umweltschützer José Lutzenberger nannte es „den größten Holocaust in der Geschichte des Lebens“. Weltweit sind die Umweltschützer alarmiert worden, und sie haben den gepeinigten Regenwald in das Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit gerückt. Auf T-Shirts und in Rockkonzerten hieß es: „Rettet den Regenwald!“ Dann kam wirtschaftlicher Druck.
Brasilien ist mit über einer Milliarde Dollar im Ausland verschuldet, und allein 40 Prozent der Exporterlöse müssen für Zinszahlungen aufgewandt werden. Das Land ist auf Hilfe und Kredite aus dem Ausland dringend angewiesen. Daher haben internationale Banken begonnen, Kredite zurückzuhalten, mit denen möglicherweise die Zerstörung der Wälder finanziert werden sollte. Die Industrienationen haben Brasilien angeboten, ihm einige Schulden zu erlassen unter der Bedingung, daß mehr für die Umwelt getan wird. Der Präsident der Vereinigten Staaten, Bush, bat sogar Japan, Brasilien keine Kredite für den Bau einer Hauptverkehrsstraße durch den jungfräulichen Regenwald zur Verfügung zu stellen.
Ein globales Dilemma
Für viele Brasilianer haftet alldem der Geruch der Heuchelei an. Die Industrienationen haben seit langem ihre eigenen Wälder dezimiert und hätten sich wohl kaum von einer ausländischen Macht davon abhalten lassen. Im Moment sind die Vereinigten Staaten dabei, ihre letzten eigenen Regenwälder zu zerstören. Es sind zwar keine tropischen Regenwälder, sondern Wälder in der gemäßigten nordwestlichen Region an der Pazifikküste, aber auch dort wird es zum Artensterben kommen.
Die Waldzerstörung ist, wie man sieht, ein globales Problem und kein rein brasilianisches. Die Verluste an tropischen Regenwäldern sind jetzt äußerst bedenklich. Über die Hälfte dieser Verluste gehen nicht auf das Konto Brasiliens, sondern anderer Länder. In den anderen beiden Regionen der Welt mit größeren Regenwaldbeständen, Zentralafrika und Südostasien, schwinden die Bestände ebenfalls rapide.
Auch die Auswirkungen sind globaler Natur. Für Millionen bedeuten sie Hunger, Durst und Tod. Es ist ein Problem, das sich auch auf unser Leben auswirkt. Es berührt unsere Nahrungsmittel, unsere Medizin, das Wetter in der Gegend, in der wir leben, ja vielleicht sogar die Zukunft der Menschheit.
Doch man mag sich fragen: Wie können die Regenwälder einen so weitreichenden Einfluß ausüben? Was geschieht, wenn sie in wenigen Jahrzehnten verschwinden, wie von einigen Experten vorhergesagt wird? Wird es wirklich so schlimm werden?
Bevor diese Fragen beantwortet werden können, bedarf eine andere Frage der Klärung: Was sind überhaupt die Ursachen für die Zerstörung?
[Karte/Diagramm auf Seite 5]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
Schwindende Regenwälder
Vor der Entwaldung
Gegenwärtiger Bestand
Im Jahr 2000 bei gleichbleibender Vernichtungsrate