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  • Hat Gott unser Geschick bereits festgelegt?
    Der Wachtturm 1995 | 15. Februar
    • Hat Gott unser Geschick bereits festgelegt?

      „SO VIELE eingebildete Probleme könnten vermieden werden, wenn man den häufig mißverstandenen Ausdruck ‚Prädestination‘ überhaupt nicht verwenden würde.“ Wer den Ausdruck „Prädestination“ schon einmal verwendet oder gehört hat, fragt sich vielleicht, was diese Aussage bedeuten soll.

      Die Empfehlung, das Wort „Prädestination“ besser nicht zu gebrauchen, stammt aus der kürzlich herausgegebenen französischen katholischen Enzyklopädie Théo. In einem anderen Buch wird gesagt: „Heutzutage steht die Prädestination, wie es scheint, — selbst bei den meisten Protestanten — nicht mehr im Mittelpunkt der theologischen Debatten.“

      Allerdings haben sich im Lauf der Jahrhunderte viele Menschen über die Frage der Prädestination den Kopf zerbrochen. Sie gehörte zu den Hauptpunkten der Kontroverse, durch die die Reformation in Gang gesetzt wurde, und selbst innerhalb der katholischen Kirche war sie jahrhundertelang Gegenstand hitziger Auseinandersetzungen. Auch wenn man heute nicht mehr soviel darüber diskutiert, stellt sie doch nach wie vor ein Problem dar. Wer möchte schließlich nicht wissen, ob sein Geschick im voraus festgelegt worden ist?

      Was das Wort „Prädestination“ bedeutet

      Wie definieren die Kirchen das Wort „Prädestination“? Gemäß dem Dictionnaire de théologie catholique bezeichnet es „die Absicht Gottes, bestimmte, namentlich benannte Personen zu ewigem Leben zu führen“. Allgemein wird angenommen, bei den „namentlich benannten“ Erwählten handle es sich um diejenigen Personen, auf die der Apostel Paulus im Römerbrief mit folgenden Worten Bezug nimmt: „Wir wissen, daß Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt, bei denen, die nach seinem ewigen Plan berufen sind; denn alle, die er im voraus erkannt hat, hat er auch im voraus dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben ... Die aber, die er vorausbestimmt hat, hat er auch berufen, und die er berufen hat, hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht“ (Römer 8:28-30, Einheitsübersetzung).

      Schon vor ihrer Geburt sollen demnach einige Menschen von Gott erwählt worden sein, mit Christus im Himmel an dessen Herrlichkeit teilzuhaben. Dadurch erhebt sich die seit langem diskutierte Frage: Bestimmt Gott willkürlich, wen er retten will, oder besitzen die Menschen Willensfreiheit und müssen ihren Teil dazu beitragen, Gottes Gunst zu erlangen und zu behalten?

      Augustinus, der Vater der Prädestination

      Obgleich schon andere Kirchenväter über die Prädestination geschrieben hatten, wird doch allgemein Augustinus (354—430 u. Z.) als derjenige betrachtet, der die Grundlage für die Prädestinationslehre der katholischen wie auch der protestantischen Kirchen legte. Gemäß Augustinus sind die Gerechten von aller Ewigkeit her von Gott im voraus dazu bestimmt, ewige Segnungen zu erhalten. Die Ungerechten hingegen müssen — obwohl von Gott nicht im strengen Sinn des Wortes vorherbestimmt — die verdiente Strafe für ihre Sünden, die Verdammung, empfangen. Die Erklärung des Augustinus ließ kaum Platz für Willensfreiheit und öffnete damit vielen Streitigkeiten Tür und Tor.

      Die Erben des Augustinus

      Der Meinungsstreit um Prädestination und Willensfreiheit flammte während des Mittelalters immer wieder auf und spitzte sich während der Reformation zu. Luther sah in der Prädestination des Individuums eine freie Willensentscheidung von seiten Gottes, ohne daß dieser künftige Verdienste oder gute Werke der Erwählten vorausgesehen habe. Calvin kam zu einer radikaleren Schlußfolgerung mit seiner Vorstellung von der doppelten Prädestination: Einige sind zum ewigen Heil vorherbestimmt, andere zur ewigen Verdammung. Allerdings hielt auch Calvin die Entscheidung Gottes für willkürlich, ja für unbegreiflich.

      Der Streit um die Prädestination und die eng damit verwandte Frage der „Gnade“ (Begriff, den die Kirchen in Verbindung mit dem Heil und der Rechtfertigung des Menschen durch Gott gebrauchen) eskalierte derart, daß der Heilige Stuhl im Jahre 1611 untersagte, zu diesem Thema irgend etwas ohne seine ausdrückliche Erlaubnis zu veröffentlichen. Innerhalb der katholischen Kirche wurden die Lehren des Augustinus von den französischen Jansenisten im 17. und 18. Jahrhundert vehement vertreten. Sie traten für eine sehr strenge und elitäre Form des Christentums ein, und sogar Adelige zählten zu ihren Anhängern. Doch der Meinungsstreit konnte nicht beigelegt werden. König Ludwig XIV. ordnete die Zerstörung des Klosters Port-Royal an, des geistigen Zentrums der Jansenisten.

      Auch innerhalb der reformierten, protestantischen Kirchen war die Diskussion alles andere als beendet. Gruppen wie die Remonstranten, Anhänger des Jakob Arminius, glaubten, der Mensch müsse zu seinem Heil selbst etwas beitragen. Die Dordrechter Synode der Reformierten Kirchen (1618—1619) setzte mit der Annahme einer strengen Form kalvinistischer Orthodoxie einen vorläufigen Schlußstrich unter den Richtungsstreit. Gemäß dem Buch L’Aventure de la Réforme — Le monde de Jean Calvin hatte der Streit über Prädestination und Willensfreiheit in Deutschland über viele Jahre hinweg „erfolglose Versuche der Versöhnung sowie Beschimpfungen und die Inhaftierung oder Verbannung von Theologen“ zur Folge.

      Prädestination oder Willensfreiheit?

      Von Anfang an waren die einander diametral entgegengesetzten Vorstellungen von Prädestination und Willensfreiheit Gegenstand vieler heftiger Auseinandersetzungen. Augustinus hatte die Unvereinbarkeit nicht erklären können. Und auch Calvin sah darin einen Ausdruck des souveränen Willens Gottes und hielt sie demnach für nicht erklärbar.

      Ermöglicht jedoch das, was die Bibel über Gottes Eigenschaften und seine Persönlichkeit offenbart, ein besseres Verständnis der genannten Fragen? Der folgende Artikel beschäftigt sich damit im einzelnen.

      [Bilder auf Seite 4]

      Calvin

      Luther

      Jansen

      [Bildnachweis]

      Fotos: Bibliothèque Nationale (Paris)

  • Läßt sich die Prädestination mit Gottes Liebe vereinbaren?
    Der Wachtturm 1995 | 15. Februar
    • Läßt sich die Prädestination mit Gottes Liebe vereinbaren?

      „PRÄDESTINATION nennen wir das ewige Dekret Gottes, wodurch er bei sich beschlossen hat, was nach seinem Willen aus jedem Menschen werden soll. Denn nicht alle werden mit der gleichen Bestimmung geschaffen: sondern den einen ist das ewige Leben, den anderen die ewige Verdammung im voraus zugeordnet.“

      So definierte der Reformator Johannes Calvin in dem Werk Institutio Christianae Religionis (Unterricht in der christlichen Religion) seine Vorstellung von der Prädestination. Sie gründet sich auf den Glauben, daß Gott allwissend ist und daß die Handlungen seiner Geschöpfe seine Vorsätze nicht in Frage stellen oder ihn dazu verpflichten könnten, diese zu ändern.

      Entspricht dies aber wirklich dem, was die Bibel über Gott erkennen läßt? Wichtiger noch: Ist eine solche Erklärung mit Gottes Eigenschaften vereinbar, insbesondere mit seiner Haupteigenschaft, der Liebe?

      Ein Gott, der die Zukunft vorhersagen kann

      Gott kann die Zukunft vorhersagen. Er bezeichnet sich selbst als derjenige, „der von Anfang an den Ausgang kundtut und von alters her die Dinge, die nicht getan worden sind; der spricht: ‚Mein eigener Beschluß wird bestehen, und alles, was mir gefällt, werde ich tun‘“ (Jesaja 46:10). Im Verlauf der Menschheitsgeschichte ließ Gott seine Prophezeiungen aufzeichnen, um zu beweisen, daß er von seinem Vorherwissen Gebrauch machen und Ereignisse vorhersagen kann, bevor sie eintreten.

      Als beispielsweise der Prophet Daniel in den Tagen Belsazars, des Königs von Babylon, in einem Traum ein wildes Tier sah, das von einem anderen verdrängt wurde, ließ ihn Jehova folgende Deutung wissen: „Der Widder, den du sahst, der die zwei Hörner hatte, steht für die Könige von Medien und Persien. Und der haarige Ziegenbock steht für den König von Griechenland“ (Daniel 8:20, 21). Offensichtlich machte Gott von seinem Vorherwissen Gebrauch, um die Aufeinanderfolge der Weltmächte zu offenbaren. Das damals herrschende babylonische Weltreich würde von Medo-Persien abgelöst werden, worauf Griechenland folgen sollte.

      Prophezeiungen können auch eine Einzelperson zum Gegenstand haben. Der Prophet Micha erklärte zum Beispiel, der Messias werde in Bethlehem geboren werden (Micha 5:2). Auch in diesem Fall machte Gott von seinem Vorherwissen Gebrauch. Jenes Ereignis wurde allerdings zu einem bestimmten Zweck angekündigt: Der Messias sollte dadurch kenntlich gemacht werden. Dieser Fall läßt sich nicht verallgemeinern und als Stütze für die Lehre verwenden, jedes Individuum unterliege der Prädestination.

      Im Gegenteil, aus der Heiligen Schrift geht hervor, daß sich Gott in bestimmten Situationen dafür entscheidet, den Ausgang nicht vorherzusehen. Kurz vor der Vernichtung Sodoms und Gomorras erklärte er: „Ich bin fest entschlossen, hinabzugehen, um zu sehen, ob sie ganz nach dem darüber erhobenen Geschrei handeln, das zu mir gekommen ist, und wenn nicht, kann ich es erfahren“ (1. Mose 18:21). Dieser Text beweist eindeutig, daß Gott das Ausmaß der Verderbtheit in jenen Städten nicht vorherwußte, bevor er die Angelegenheit untersuchte.

      Gott kann zweifelsohne gewisse Ereignisse vorhersehen, doch in vielen Fällen hat er sich dafür entschieden, von seinem Vorherwissen keinen Gebrauch zu machen. Da Gott allmächtig ist, steht es ihm frei, seine Fähigkeiten nach seinem Gutdünken einzusetzen statt nach den Vorstellungen unvollkommener Menschen.

      Ein Gott, der Dinge richtigstellen kann

      Wie Calvin behaupten einige, Gott habe den Sündenfall des Menschen vor dessen Erschaffung vorherbestimmt und die „Erwählten“ schon vor jenem Sündenfall auserwählt. Hätte Gott aber — sofern dies zuträfe — nicht geheuchelt, als er Adam und Eva ewiges Leben in Aussicht stellte, wohl wissend, daß sie es nie erreichen könnten? Überdies wird nirgendwo in der Heiligen Schrift geleugnet, daß das erste Menschenpaar tatsächlich frei wählen konnte, entweder der göttlichen Anleitung zu folgen und ewig zu leben oder sie zu verwerfen und zu sterben (1. Mose, Kapitel 2).

      Wurde indes der Vorsatz Gottes durch die Sünde Adams und Evas wirklich vereitelt? Nein, denn unmittelbar nachdem sie gesündigt hatten, kündigte Gott an, er werde einen „Samen“ erwecken, der Satan und dessen Handlanger vernichten würde, und er werde die Angelegenheiten auf der Erde richtigstellen. So, wie ein paar Schädlinge einen Landwirt nicht davon abhalten können, gute Erträge zu erzielen, genausowenig wird sich Gott durch den Ungehorsam Adams und Evas daran hindern lassen, aus der Erde ein Paradies zu machen (1. Mose, Kapitel 3).

      Gott offenbarte später, es werde eine Königreichsregierung geben, die einem Nachkommen König Davids anvertraut werden würde, und an diesem Königreich würden noch weitere Personen teilhaben. Jene Personen werden „die Heiligen des Allerhöchsten“ genannt (Daniel 7:18; 2. Samuel 7:12; 1. Chronika 17:11).a

      Vorhersagen ist nicht gleichbedeutend mit Vorherbestimmen

      Gott entschied sich nicht dafür, im voraus zu wissen, welchen Lauf die Menschen einschlagen würden, was ihn andererseits jedoch nicht davon abhielt, vorherzusagen, welche Auswirkungen die guten und die schlechten Handlungen des Menschen haben würden. Ein Kfz-Mechaniker, der einen Autofahrer warnt, weil dessen Fahrzeug in einem schlechten Zustand ist, kann nicht verantwortlich gemacht werden, wenn dann ein Unfall passiert, noch kann er beschuldigt werden, er hätte diesen vorherbestimmt. Genausowenig kann man Gott beschuldigen, er habe die traurigen Folgen der Handlungsweise einer Person vorherbestimmt.

      Das gleiche traf auf die Nachkommen des ersten Menschenpaares zu. Bevor Kain seinen Bruder umbrachte, stellte Jehova ihn vor die Wahl. Würde er der Sünde Herr werden, oder würde die Sünde die Herrschaft über ihn erlangen? Nirgendwo in dem Bericht wird auch nur angedeutet, Jehova hätte vorherbestimmt, daß Kain eine schlechte Wahl treffen und seinen Bruder umbringen würde (1. Mose 4:3-7).

      Die Israeliten wurden in späterer Zeit durch das mosaische Gesetz darauf aufmerksam gemacht, was geschehen würde, wenn sie sich von Jehova abwenden und beispielsweise Frauen von den heidnischen Nationen nehmen würden. Was vorhergesagt worden war, trat ein, wie am Beispiel Salomos deutlich wird, der im Alter durch seine fremdländischen Frauen so weit beeinflußt wurde, daß er Götzendienst trieb (1. Könige 11:7, 8). Ja, Gott warnte zwar seine Diener, aber er bestimmte nicht im voraus, wie jeder einzelne von ihnen handeln würde.

      Die erwählten Christen werden aufgefordert auszuharren, wenn sie die verheißene Belohnung, mit Christus im Himmel zu regieren, nicht verlieren wollen (2. Petrus 1:10; Offenbarung 2:5, 10, 16; 3:11). Treffend warfen einige Theologen in der Vergangenheit die Frage auf: Welchen Sinn hätten solche Ermahnungen, wenn die Berufung der Erwählten doch unabänderlich wäre?

      Die Prädestination und Gottes Liebe

      Dem Menschen, erschaffen „im Bilde Gottes“, wurde Willensfreiheit verliehen (1. Mose 1:27). Willensfreiheit war unerläßlich, wenn die Menschen Gott aus Liebe ehren und ihm aus Liebe dienen sollten, nicht wie Roboter, bei denen jede Bewegung im voraus festgelegt ist. Die ihm von vernunftbegabten, freien Geschöpfen erwiesene Liebe würde es Gott ermöglichen, ungerechte Anschuldigungen zu widerlegen. Er sagt: „Sei weise, mein Sohn, und erfreue mein Herz, damit ich dem, der mich höhnt, eine Antwort geben kann“ (Sprüche 27:11).

      Wären die Diener Gottes vorherbestimmt — sozusagen programmiert —, ließe sich dann nicht an der Echtheit ihrer Liebe zum Schöpfer zweifeln? Würde es zudem nicht auch der Unparteilichkeit Gottes zuwiderlaufen, wenn er jemand zu himmlischer Herrlichkeit und Glückseligkeit vorherbestimmen und erwählen würde, ohne dessen Verdienste zu berücksichtigen? Wenn einige eine derart bevorzugte Behandlung genießen würden, während andere zu ewiger Verdammung vorherbestimmt wären, würde dies außerdem in den Erwählten wohl kaum aufrichtige Gefühle der Dankbarkeit hervorrufen (1. Mose 1:27; Hiob 1:8; Apostelgeschichte 10:34, 35).

      Und schließlich gebot Christus seinen Jüngern, die gute Botschaft der gesamten Menschheit zu predigen. Würde der Eifer der Christen im Evangelisierungswerk nicht gedämpft, wenn Gott bereits alle, die gerettet werden sollen, erwählt hätte? Würde das Predigtwerk dadurch nicht im wesentlichen sinnlos sein?

      Unparteiische Liebe von seiten Gottes ist die stärkste Kraft, die Menschen dazu veranlassen kann, seine Liebe zu erwidern. Der größte Ausdruck der Liebe Gottes bestand darin, seinen Sohn zugunsten der unvollkommenen, sündigen Menschheit zu opfern. Gottes Vorherwissen in bezug auf seinen Sohn ist ein besonderer Fall, doch wird uns dadurch zugesichert, daß sich die auf Jesus gestützten Verheißungen einer Wiederherstellung wirklich erfüllen werden. Setzen wir daher unseren Glauben auf den Sohn, und nahen wir uns Gott. Zeigen wir unsere Wertschätzung, indem wir Gottes Einladung annehmen und ein gutes Verhältnis zu ihm, unserem Schöpfer, entwickeln. Diese Einladung läßt Gott heute an alle ergehen, die ihre Willensfreiheit gebrauchen und ihre Liebe zu ihm beweisen möchten.

      [Fußnote]

      a Wenn Jesus sagt, das Königreich sei „von der Grundlegung der Welt an“ bereitet (Matthäus 25:34), muß sich das auf einen Zeitpunkt nach der ersten Sünde beziehen. In Lukas 11:50, 51 wird mit der „Grundlegung der Welt“, das heißt der Grundlegung der durch ein Lösegeld erlösbaren Menschenwelt, auf die Zeit Abels Bezug genommen.

      [Kasten auf Seite 7]

      ALS EINE KLASSE VORHERBESTIMMT

      „Alle, die er im voraus erkannt hat, hat er auch im voraus dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben, damit dieser der Erstgeborene von vielen Brüdern sei. Die aber, die er vorausbestimmt hat, hat er auch berufen, und die er berufen hat, hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht“ (Römer 8:29, 30, Einheitsübersetzung). Wie ist der von Paulus in diesen Versen verwendete Ausdruck „vorausbestimmt“ zu verstehen?

      Die Argumentation des Paulus an dieser Stelle ist kein zwingender Beweis für eine Prädestination des Individuums. In dem vor einigen Jahrzehnten erschienenen Werk Dictionnaire de théologie catholique werden die Argumente des Paulus (aus Römer, Kapitel 9⁠—⁠11) wie folgt erklärt: „Bei immer mehr katholischen Gelehrten setzt sich die Ansicht durch, daß die eigentliche Vorstellung einer Prädestination zum ewigen Leben nicht dargelegt wird.“ Im gleichen Nachschlagewerk wird dann M. Lagrange mit den Worten zitiert: „Die von Paulus hauptsächlich erörterte Frage dreht sich gar nicht um Prädestination oder Reprobation, sondern einzig und allein um die Berufung der Heiden zur Gnade des Christentums, wovon der Unglaube der Juden die Antithese ist. ... Es handelt sich um Gruppen, die Heiden, die Juden, und nicht direkt um bestimmte Individuen“ (Kursivschrift von uns).

      In jüngerer Zeit wurde in der Jerusalemer Bibel die gleiche Schlußfolgerung bezüglich dieser Kapitel (9—11) gezogen, wenn es dort heißt: „Es geht also in diesem Abschnitt nicht um die Frage nach der Vorherbestimmung des einzelnen zur Herrlichkeit oder auch zum Glauben, sondern um das Problem der heilsgeschichtlichen Rolle Israels, das allein sich von den Aussagen des A[lten] T[estaments] her stellte.“

      Die letzten Verse von Römer, Kapitel 8 stehen im gleichen Kontext. Somit können diese Verse uns richtigerweise daran erinnern, daß Gott die Existenz einer Klasse oder Gruppe von Menschen vorhersah, die dazu berufen sein würden, mit Christus zu regieren, sowie die Anforderungen, die sie erfüllen müßten — und zwar ohne im voraus bestimmte Einzelpersonen zu bestimmen, die erwählt werden würden, denn das liefe der Liebe und der Gerechtigkeit Gottes zuwider.

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