-
Die faszinierende Welt der MiniaturbücherErwachet! 1998 | 22. April
-
-
Die faszinierende Welt der Miniaturbücher
VON UNSEREM KORRESPONDENTEN IN GROSSBRITANNIEN
VON Extremen geht eine gewisse Faszination aus: der höchste Berg, die tiefste Stelle im Meer, das größte Gebäude, der längste Tunnel ... Wie steht es aber mit dem kleinsten Buch? Ein Miniaturbuch ist einfach bezaubernd! Es sind Millionen solcher Bücher zu jedem denkbaren Thema und in mindestens 20 Sprachen gedruckt worden. Wem sich die Welt der Miniaturbücher noch nicht eröffnet hat, der hat jetzt die Gelegenheit, einen kurzen Blick hineinzuwerfen.
Was genau ist ein Miniaturbuch? Darunter ist anerkanntermaßen ein Buch zu verstehen, das in der Höhe und in der Breite nicht größer als 76,2 Millimeter ist. Diese Maßangabe beinhaltet die Größe des Einbands, wenn auch ausgesprochene Puristen unter den Sammlern lieber nach den Maßen der Seite gehen. Warum wurden überhaupt Miniaturbücher gedruckt?
Facetten der Kunst
Wider Erwarten sind die meisten Miniaturbücher von beachtlicher Leserlichkeit. Miniaturalmanache, Klassiker, Romane, Theaterstücke, Wörterbücher oder religiöse Schriften kann man somit immer bei sich haben und ohne viel Aufwand lesen. Vor Jahren war das wohl ein Hauptgrund für die Anschaffung solch winziger Bücher, für den modernen Sammler zählt allerdings eher ein anderer Aspekt der Miniaturbücher: das enorme Geschick derer, die sie gedruckt und gebunden haben.
Drucker mußten viele technische Probleme überwinden, um eine Drucktype zu entwerfen und herzustellen, die mit oder ohne Vergrößerungsglas lesbar ist. Hauptsächlich ihrer Arbeit ist es zu verdanken, daß wunderschöne Bücher entstanden. Auch Papier- und Druckfarbenhersteller brachten gemeinsam ihr ganzes Können ein, um den tadellos klaren Druck einer Seite zu gewährleisten.
Nachdem ein Buch gedruckt worden ist, wird es gebunden; und der Einband eines Miniaturbuchs kann außerordentlich kunstvoll sein. Winzige Einbände aus geprägtem Leder, aus Gold- oder Silberfiligran, Schildpatt oder aus kunstvoller Email zeugen von großem handwerklichen Geschick. Andere Einbände sind aus Samt oder aus Seide, mit Stickereien versehen oder sogar mit Perlen und Pailletten verziert; manche Bücher liegen geschützt in einem Schuber.
Die Graveure, die die Texte illustrierten, schufen unglaublich detaillierte, oft nur zwei Quadratzentimeter große Bilder. Als Beispiel sei das Porträt des englischen Lexikographen Dr. Samuel Johnson in dem 368seitigen Werk Bryce’s Thumb English Dictionary erwähnt, das in den 1890er Jahren gedruckt wurde. Ein weiteres Beispiel ist die Illustration auf dem Frontispiz in Shakespeares Werk King Richard III, gewidmet der englischen Schauspielerin Ellen Terry im Jahr 1909.
Die Bibliothèque Portative du Voyageur, herausgegeben in Paris, ist eine Miniaturbibliothek, von der man annimmt, Napoleon Bonaparte habe sie auf seinen Feldzügen dabeigehabt. Die 49 Bände befinden sich in einem mit Leder überzogenen Kasten, der, wenn er geschlossen ist, aussieht wie ein großer Foliant.
„Thumb Bibles“
Bei den sogenannten „thumb Bibles“ handelt es sich nicht unbedingt um vollständige Bibeln. Manche enthalten nur das „Neue Testament“. Andere enthalten kleine, gekürzte biblische Geschichten oder die gesamte biblische Geschichte, zusammengerafft in etwa 7 000 Wörtern; sie waren vor allem für Kinder gedacht. Die Bändchen haben Titel wie The Bible in Miniature, The History of the Holy Bible und The Child’s Bible.
Wie ist es zu dem Namen „thumb Bible“ gekommen? Da das englische Wort thumb Daumen bedeutet, scheint die Erklärung geradezu auf der Hand zu liegen, denn die Bibel ist nur wenig größer als der vordere Teil des Daumens. Doch in dem Buch Three Centuries of Thumb Bibles wird die Ansicht geäußert, der Ausdruck sei möglicherweise nach dem Englandbesuch des berühmten amerikanischen Zwerges Charles Stratton geprägt worden, der besser als „General Tom Thumb“ bekannt ist. Für diese Annahme spricht, daß Tom Thumb England im Jahr 1844 besuchte und der Ausdruck „thumb Bible“ offenbar 1849 in London zum ersten Mal auftauchte.
Ausgefallene Bibelbände
Eine kuriose Bereicherung der Welt der kleinen Bibeln ist das Finger New Testament, das etwa um die Jahrhundertwende gedruckt wurde. Der Band ist nur 30 Millimeter breit und 90 Millimeter hoch — eine Fingerlänge —, daher der Name. Da die Höhe jedoch 76,2 Millimeter überschreitet, handelt es sich strenggenommen nicht um ein Miniaturbuch, auch wenn es in der Regel zu den Miniaturbibeln gezählt wird. Der Druck dieses Bändchens in der 4-Punkt-Schrift ist gestochen scharf und für viele auch ohne Vergrößerungsglas mühelos lesbar.
Ein ausgefallenes Beispiel liefert auch das Werk The Illustrated Bible mit Versen, betitelt: „Railway to Heaven“ (Eisenbahn zum Himmel). Der Band wurde in den Anfangsjahren der britischen Eisenbahn herausgebracht und erschien über 50 Jahre lang. Der Autor nutzte die Eisenbahnbegeisterung aus und überschrieb ein zwei Seiten langes Gedicht: „To Point You to Another Line“ (Auf einen and’ren Strang seid verwiesen). Jener andere Strang wird kenntlich gemacht als „Jesus Christ, Jehovah’s Son“ (Jesus Christus, Jehovas Sohn). Das Gedicht schließt mit den Worten: “My son, says God, give me thy heart. Make haste—or else the train will start” (Wohlan, sagt Gott, schenk mir dein Herz geschwind — sonst fährt der Zug noch ohne dich, mein Kind).
Ein weiterer außergewöhnlicher Band ist My Morning Counsellor aus dem Jahr 1900. Er enthält einen Bibelspruch für jeden Tag, und jeder Monat wird mit einer Form des göttlichen Namens eingeleitet. Die Form für Februar beispielsweise lautet: „Jehovah-Shalom“. Nicht nur dieser Band, auch die zuvor erwähnte Illustrated Bible belegt, daß der Gottesname Jehova vor hundert Jahren in Großbritannien allgemein gebräuchlich war.
Das kleinste Buch?
Im Lauf der Jahrhunderte gab es viele Bücher, die als das kleinste gedruckte Buch galten. Der erste berechtigte Anspruch auf diesen Titel wurde 1674 erhoben, als das Buch Bloem-Hofje (von C. van Lange) in winziger Type gedruckt wurde. In dem Buch Miniaturbücher wird es als „ein fingernagelgroßes Bändchen“ beschrieben. Es sollte den Rekord 200 Jahre lang halten.
Eine berühmte Ausgabe von Dantes La Divina Commedia wurde in einer 2-Punkt-Schrift gedruckt, die die winzigste Type sein soll, die je verwendet wurde — kaum lesbar für das bloße Auge. Das Buch wurde 1878 in Padua (Italien) produziert. Man brauchte einen Monat, um 30 Seiten zu drucken, und für jede neue Druckform waren neue Typen notwendig. Dennoch wurden 1 000 Exemplare gedruckt.
Die Formate wurden immer kleiner. 1978 brachte die Gleniffer Press in Paisley (Schottland) schließlich den Kinderreim „Three Blind Mice“ als Buch heraus, das das „kleinste Buch der Welt“ wurde. Die limitierte Auflage wurde 1985 von derselben Druckerei noch übertroffen, als sie 85 Exemplare eines anderen Kinderreims, „Old King Cole!“, herausgab. Jede Ausgabe ist nur 1 Quadratmillimeter groß. Man kann die Seiten umdrehen — wenn man eine Nadel zu Hilfe nimmt!
Solche klitzekleinen Bücher, von denen Louis Bondy schreibt, daß sie „kaum größer sind als Staubkörnchen“, sind ein beredtes Zeugnis für unendliche Geduld und unglaubliches Geschick. Derart winzige Bücher gehen allerdings über das hinaus, was ursprünglich hinter der Idee der Miniaturbücher stand, nämlich Bücher herzustellen, die leserlich und gleich bei der Hand sind.
In Museen kann man Sammlungen herrlicher Miniaturbücher bewundern, und viele weitere sind in privater Hand. Wer sich jemals in die faszinierende Welt der kleinen Bücher begibt, sollte nicht vergessen, sie mit größter Sorgfalt zu behandeln. Es sind echte Kunstwerke!
-
-
Die faszinierende Welt der MiniaturbücherErwachet! 1998 | 22. April
-
-
Fotomechanische Verkleinerung
David Bryce brachte 1895 in Glasgow (Schottland) das kleinste „Neue Testament“ heraus, das je angefertigt wurde. Sein Format ist 19 mal 16 Millimeter, und es ist nur 8 Millimeter dick. Wie war es möglich, so etwas zu drucken? „Es ist in photomechanischer Verkleinerung ausgezeichnet klar gedruckt“, erklärt Louis Bondy in dem Buch Miniaturbücher. Da die Fotografie vor hundert Jahren noch in den Kinderschuhen steckte, war das eine beachtliche Leistung.
David Bryce druckte nach demselben Verfahren auch eine Reihe vollständiger „thumb Bibles“. Für diejenigen, die Schwierigkeiten mit dem feinen Schriftbild haben, ist in jeder Bibel ein kleines Vergrößerungsglas in den Einband eingelegt. Damit kann man in der Bibel lesen, wenn man nicht so schnell aufgibt.
Bemerkenswerterweise leisteten fotomechanisch verkleinerte Publikationen Jehovas Zeugen gute Dienste, als sie im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten und später von den Kommunisten verfolgt wurden. Das abgebildete Bibelstudienhilfsmittel ist unter Anwendung dieses Verfahrens gedruckt worden. In einer Streichholzschachtel versteckt, wurde es Zeugen Jehovas in einem NS-Konzentrationslager zugespielt.
Dieser Band, der in eine Streichholzschachtel paßt, wurde in ein Konzentrationslager geschmuggelt
-