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RusslandJahrbuch der Zeugen Jehovas 2008
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„IHR HABT ‚HEILIGES WASSER‘ “
Für ihr Predigen kamen die Zeugen oft in Straflager. Nikolaj Kalibaba verbrachte viele Jahre in solchen Lagern: „Wir kamen zu viert in ein Straflager im Dorf Wichorewka in der Oblast Irkutsk. Dort saßen circa 70 Brüder ein. Es gab kein Trinkwasser; die einzige Wasserleitung war mit der Kanalisation verbunden. Das Wasser war also eigentlich ungenießbar. Mit dem Essen war es nicht anders; doch Jehova half uns. Keiner der Lagerinsassen zeigte sich je arbeitswillig — nur wir Zeugen! Und wir waren gute Arbeiter. Das fiel der Lagerverwaltung auf und man schickte uns zu Arbeitseinsätzen in andere Lagerzonen. Von dort konnten wir eimerweise Trinkwasser mitbringen. Viele kamen und meinten: ‚Wir haben gehört, ihr habt „heiliges Wasser“. Gebt uns wenigstens ein halbes Glas!‘ Natürlich haben wir das Wasser mit ihnen geteilt.
Etliche Häftlinge hatten ein gutes Herz. Einige waren früher Diebe oder sonst wie kriminell gewesen. Sie lernten die Wahrheit kennen und wurden Zeugen Jehovas. Andere stellten sich zunächst ganz offen gegen die Wahrheit und uns. Aber als im Lager ein Vortrag gegen Jehovas Zeugen gehalten wurde, nahmen sie uns in Schutz und sagten, der Redner hätte Lügen über die Zeugen erzählt.“
„WIR KOMMEN IN MEHREREN GRUPPEN“
Die Brüder baten Jehova ständig um Weisheit, wie sie ihre Situation für die Königreichsinteressen nutzen konnten. Dazu Nikolaj weiter: „Wir hörten, dass wir demnächst in ein Lager nach Mordowien, nicht weit von Moskau, kommen würden. Doch vor unserem Transport dorthin passierte etwas Außergewöhnliches. Einige Soldaten und Wachleute, die die Zeugen mehrere Jahre lang bewacht hatten, baten uns zu unserem großen Erstaunen, ihnen doch einige unserer Lieder vorzusingen und auch etwas mehr über unseren Glauben zu erklären. ‚Wir kommen in mehreren Gruppen, von 10 bis 20 Leuten oder noch mehr‘, meinten sie.
Aus Angst vor möglichen Konsequenzen für sie und uns wollten sie in der Zeit Wachposten abstellen. Wir meinten, dass wir in solchen Sachen ja eigentlich mehr Erfahrung hätten und ebenfalls Wachposten aufstellen würden. Ihre Wachleute hatten das gleiche System wie wir: Sie stellten sich in regelmäßigen Abständen zwischen dem Wachhaus und unserem Treffpunkt auf. Das muss man sich einmal vorstellen: Eine Gruppe Zeugen singt einer Gruppe Offizieren und Wachleuten Königreichslieder vor, danach hält ein Bruder eine kurze Rede über ein biblisches Thema. Uns war, als ob wir in einem Königreichssaal saßen! Diese Szene wiederholte sich mehrmals mit weiteren Gruppen Interessierter. Das zeigte uns, dass Jehova nicht nur viel an uns, sondern auch an diesen aufrichtigen Menschen lag!
Wir konnten von dort jede Menge Zeitschriften ins Lager nach Mordowien mitnehmen, wo es viele Zeugen gab. Für die Literatur gaben mir die Brüder einen Koffer mit Geheimfach, und wir achteten darauf, dass er bei einer Durchsuchung nicht groß auffallen würde. In Mordowien wurden wir gründlichst durchsucht. Ein Wachmann nahm meinen Koffer und rief: ‚Der ist aber schwer! Da müssen ja Schätze drin sein!‘ Er stellte ihn dann aber überraschenderweise mit ein paar anderen Sachen zur Seite und durchsuchte die Habseligkeiten der anderen weiter. Nach der Durchsuchung sagte ein anderer Wachmann zu mir: ‚Nimm deine Sachen und geh!‘ So wurde mein Koffer gar nicht durchsucht und ich konnte mit einem vollen Nachschub an neuer, dringend benötigter geistiger Speise in die Baracke einziehen.
Doch das ist nur eine von vielen Geschichten. Mehr als einmal hatte ich handgeschriebene Traktate in den Stiefeln versteckt. Da ich große Füße habe, war in meinen Stiefeln Platz für viele Seiten. Ich legte sie unter die Einlegesohle und rieb meine Stiefel ordentlich mit einem Fett ein, das sehr glitschig war und entsetzlich stank. Das hat die Wachleute von meinen Stiefeln ferngehalten.“
„DIE WACHLEUTE ÜBERWACHTEN UNS, UND ICH ÜBERWACHTE SIE“
Nikolaj erzählte weiter: „Im Lager in Mordowien wurde ich dazu ausersehen, die Vervielfältigung der Literatur zu beaufsichtigen. Dazu gehörte, Obacht zu geben, ob einer der Wachmänner kam, damit die abschreibenden Brüder schnell alles verschwinden lassen konnten. Die Wachleute überwachten uns, und ich überwachte sie. Einige waren darauf erpicht, uns auf frischer Tat zu ertappen, und tauchten des Öfteren aus heiterem Himmel in der Baracke auf. Sie waren am schwersten im Auge zu behalten. Andere kamen einmal am Tag vorbei. Sie waren toleranter und machten uns keinen Ärger.
Wir schrieben damals von den Originalen ab, die wir an einem sicheren Ort, zum Beispiel in Öfen, versteckten. Einige versteckten wir sogar im Ofen im Kontor des Lagerkommandanten. Die Brüder, die bei ihm saubermachten, hatten im Ofen ein spezielles Fach konstruiert, in dem die kostbaren Originale vieler Wachttürme aufbewahrt wurden. Egal, wie gründlich wir durchsucht wurden, die Originale lagen stets sicher im Kontor des Lagerkommandanten.“
Die Brüder wurden wahre Meister im Verstecken der Literatur. Ein Lieblingsplatz dafür war das Fensterbrett. Sie lernten sogar, Literatur in Zahnpastatuben unterzubringen. Nur zwei, drei Brüder wussten, wo die Originale lagen. Wenn nötig, holte sie einer, dann wurde eine Abschrift davon angefertigt und das Original wieder zurückgebracht. So waren die Originale immer an einem sicheren Platz. Die meisten Brüder betrachteten es als Ehre, die Literatur abzuschreiben — auch wenn sie dafür 15 Tage Einzelhaft riskierten. Viktor Gutschmidt zog Bilanz: „Von 10 Jahren Lager verbrachte ich 3 Jahre in Einzelhaft.“
EXTREM FEIN GESCHRIEBENE WACHTTÜRME
Die Lagerverwaltung hatte allem Anschein nach ein spezielles System entwickelt, um bei den Brüdern biblische Literatur aufzuspüren. Einige Offiziere hatten es regelrecht darauf abgesehen. Dazu wusste Iwan Klimko manches zu sagen: „Im Lagpunkt Nr. 19 in Mordowien wurden die Brüder von Soldaten mit Hunden aus der Lagerzone hinausgeführt und gründlich durchsucht. Alles, was sie am Leib trugen, mussten sie ausziehen, sogar die Fußlappen. Einige Brüder hatten jedoch handgeschriebene Zettel an ihre Fußsohlen geklebt, die von den Wachsoldaten unbemerkt blieben. Außerdem hatten sie Broschüren im Kleinstformat hergestellt, die zwischen den Fingern Platz hatten. Als sie sich mit hocherhobenen Händen hinstellen mussten, behielten sie die kleinen Broschüren zwischen den Fingern, und so konnten einige davon gerettet werden.“
Auch auf andere Weise wurde der Nachschub an geistiger Speise gesichert. Das erzählte Aleksej Nepotschatow: „Einige Brüder konnten extrem fein schreiben — in der sogenannten Spinnennetzschrift. Mit einem scharf gespitzten Stift brachten sie auf Linienpapier zwischen 2 Linien jeweils 3 bis 4 Zeilen unter. 5 bis 6 solcher extrem fein geschriebenen Wachttürme in Miniaturausgabe passten in eine Streichholzschachtel. Für diese Arbeit brauchte man exzellente Augen. Und man musste lange angestrengt arbeiten können. Sobald die Lichter aus waren und alle schliefen, fingen die Brüder unter der Bettdecke an zu schreiben. Die einzige Lichtquelle war eine Funzel am Eingang der Baracke. Wenn man das einige Monate lang machte, konnte man sein Augenlicht ruinieren. Manchmal bekam ein Wachposten dieses nächtliche Abschreiben spitz, und wenn er uns mochte, sagte er nur: ‚Seid ihr immer noch am Schreiben? Wann schlaft ihr denn mal?‘ “
Bruder Klimko erzählte: „Einmal gingen uns jede Menge Literatur und sogar eine Bibel verloren. Sie waren in der Beinprothese eines Bruders versteckt gewesen. Doch die Wachmänner hatten ihn gezwungen, sie abzumachen, und sie dann zerschlagen. Die verstreut liegenden Seiten wurden fotografiert und in der Lagerzeitung veröffentlicht. Das war sogar gut, denn auf diese Weise wurde wieder einmal bestätigt, dass Jehovas Zeugen rein religiös tätig sind. Nach dem Fund sagte der triumphierende Lagerverwalter hämisch zu den Brüdern: ‚Da habt ihr euer Harmagedon!‘ Aber schon am nächsten Tag meldete ihm jemand, dass sich die Zeugen wie gehabt trafen, miteinander lasen und Lieder sangen.“
UNTERHALTUNG MIT DEM GENERALSTAATSANWALT
Ende 1961 kam der Generalstaatsanwalt der Russischen SFSR ins Lager nach Mordowien zur Inspektion. Dabei ging er auch in die Baracke der Zeugen. Er gestattete ihnen, Fragen zu stellen. Viktor Gutschmidt erzählte: „Ich fragte ihn: ‚Denken Sie, dass die Religion der Zeugen Jehovas volksfeindlich ist?‘
‚Nein, das denke ich nicht‘, antwortete er. Im Lauf der Unterhaltung rutschte ihm jedoch heraus, dass allein der Oblast Irkutsk 1959 für die Überwachung der Zeugen 5 Millionen Rubel bewilligt worden waren.
Damit gab er zu verstehen, dass die Behörden genau wussten, wer wir waren, schließlich hatte der Staat 5 Millionen Rubel investiert, um die Zeugen auszukundschaften. Das war eine enorme Summe. Damals bekam man für 5 000 Rubel ein nettes Auto oder ein komfortables Haus. In Moskau wusste man ohne Frage, dass Jehovas Zeugen nicht gefährlich waren.
Der Generalstaatsanwalt meinte dann: ‚Wenn wir dem sowjetischen Volk freie Hand ließen, würden sie euch samt und sonders eliminieren.‘ Damit wollte er sagen, dass das sowjetische Volk uns sehr negativ gegenüberstand. Was wiederum zeigte, dass die atheistische Ideologie und Propaganda bei Millionen Menschen gefruchtet hatte.
Wir sagten: ‚Warten wir doch erst einmal ab, was die Zukunft bringt. Eines Tages werden die Zeugen von Moskau bis Wladiwostok Kongresse abhalten.‘
Worauf er meinte: ‚Vielleicht habt ihr ja irgendwann eine halbe Million auf eurer Seite — aber alle anderen bleiben auf unserer Seite.‘
Mit diesem Schlusswort endete unsere Unterhaltung mit dem Generalstaatsanwalt. Er lag gar nicht einmal so falsch. Heute besuchen über 700 000 Personen in allen Territorien der ehemaligen Sowjetunion die Zusammenkünfte der Zeugen Jehovas. Dort hören sie keine Propaganda, sondern die reine Wahrheit der Bibel.“
„EIN KURORT FÜR DIE ZEUGEN“
Viktor erzählte weiter: „Der Lagerkommandant zeigte dem Generalstaatsanwalt die Blumenbeete und Bäume, die die Zeugen gepflanzt hatten — und auch die Pakete, die sie erhalten hatten und in der Baracke aufbewahrten. Er sagte ihm, dass davon nie etwas gestohlen wurde. Der Mann schaute sich alles mit unverhohlenem Erstaunen an. Später erfuhren wir allerdings, dass er die Lagerleitung angewiesen hatte, die Blumenbeete zu vernichten und die Bäume umzuhauen. ‚Das ist kein Arbeitslager mehr, sondern ein Kurort für die Zeugen‘, hatte er zum Lagerkommandanten gesagt. Er verbot außerdem den Empfang von Paketen und ließ den kleinen Laden schließen, in dem sich die Zeugen Lebensmittel dazukaufen konnten.
Zur Freude der Brüder befolgte der Kommandant aber nicht alle Anweisungen. Die Schwestern durften weiter Blumen pflanzen. Im Herbst banden sie dann immer Blumensträuße für die Lagerangestellten und deren Kinder. Es war zu schön, wenn die Eltern ihren Kindern am Torhaus den Blumenstrauß übergaben und diese dann mit glücklichen Gesichtern zur Schule rannten. Sie mochten die Zeugen.
1964 ließ uns ein Wachmann, dessen Bruder beim KGB arbeitete, wissen, dass die Regierung eine groß angelegte Kampagne gegen uns plante. Doch im Herbst jenes Jahres wurde Nikita Chruschtschow urplötzlich als Regierungschef abgesetzt, und die Verfolgung ebbte ab.“
KÖNIGREICHSLIEDER IM LAGER MIT SONDERREGIME
In den 1960er-Jahren durften die Insassen eines Spezlagers in Mordowien nur einmal im Jahr Pakete empfangen und auch dann nur als „besondere Belohnung“. Es kam ständig zu Durchsuchungen. Sowie man bei jemand ein Stück Papier mit einem Bibeltext entdeckte, hieß es 10 Tage Einzelhaft. Auch die Essensration war dort kleiner als in anderen Lagern. Und die Arbeit war härter: Die Zeugen mussten die Wurzelwerke riesiger Bäume ausgraben. Aleksej Nepotschatow meinte rückblickend: „Wir waren oft am Rand der Erschöpfung, aber wir blieben auf der Hut und ließen uns nicht unterkriegen. Unter anderem half uns das Singen von Königreichsliedern, den Mut nicht sinken zu lassen. Wir bildeten einen mehrstimmigen Männerchor, der sich auch ohne Frauenstimmen unglaublich schön anhörte. Die Lieder munterten nicht nur die Zeugen auf, sondern sogar die Offiziere, und sie baten die Brüder, bei der Arbeit zu singen. Einmal waren wir beim Bäumefällen, als der Begleitposten zu uns kam und sagte: ‚Singt ein paar Lieder! Befehl vom Begleitkommandoführer höchstpersönlich.‘
Dieser Mann hatte die Brüder schon oft Königreichslieder singen gehört. Der Befehl kam genau im rechten Augenblick, denn wir waren völlig erschöpft. Freudig stimmten wir Lieder zur Ehre Jehovas an. Wenn wir im Lager sangen, kamen die Offiziersfrauen oft aus den Nachbarhäusern heraus und hörten uns lange zu. Besonders gut gefiel ihnen das Lied Nr. 6 aus einem alten Liederbuch: ‚Die Erde preise Gott‘. Es hatte einen ansprechenden Text und eine wunderschöne Melodie.“
„DU BIST HIER IN EINER ANDEREN WELT“
Mitunter kam es zu höchst ungewöhnlichen Situationen, wo jeder sehen konnte, was für Menschen Jehovas Zeugen wirklich sind. So erzählte Viktor Gutschmidt: „Wir hatten eine volle Arbeitswoche hinter uns und saßen gerade etwas im Garten, als einige teure elektrische Geräte angeliefert wurden. Der Fahrer war kein Bruder, stammte aber aus unserem Lager. Mit ihm kam ein Einkäufer aus einem anderen Lager. Das Magazin war geschlossen und der zuständige Verwalter im Urlaub, also wurden wir gebeten, die Lieferung zu bestätigen und die Ware abzuladen.
Wir deponierten sie neben dem Magazin, nahe der Baracke der Brüder. Der Einkäufer hatte große Bedenken, die Ware ohne Empfangsbestätigung vom Magazinverwalter dazulassen. Doch der Fahrer redete ihm gut zu: ‚Keine Sorge, hier kommt nichts weg. Du bist hier in einer anderen Welt. Vergiss die Welt da draußen! Hier kannst du sogar deine Uhr liegen lassen, du würdest sie morgen an derselben Stelle wiederfinden.‘ Der Einkäufer wollte die Ware trotzdem keinesfalls ohne Unterschrift zurücklassen, denn sie war immerhin eine halbe Million Rubel wert.
Kurz danach verlangten ein paar Leute von der Lagerverwaltung, dass der Lkw das Lager verließ. Einer von ihnen sagte dem Einkäufer, er solle die Rechnung dalassen und sie am nächsten Tag wieder abholen. Er tat es widerstrebend. Am nächsten Morgen wollte er ins Lager hinein, um sich die Unterschrift zu holen, doch schon am Eingang händigte ihm der Wärter die unterschriebene Rechnung aus.
Später erzählte uns der Wärter, der Mann habe eine halbe Stunde fassungslos dagestanden und immer wieder aufs Tor und auf seine Papiere geschaut, sich zum Gehen gewandt, wieder zurück aufs Tor gestarrt und so weiter. So etwas war ihm wahrscheinlich in seinem ganzen Leben noch nicht passiert. Die wertvolle Ware war tatsächlich vollständig abgeliefert und ihr Empfang bestätigt worden — und zwar absolut ehrlich und ganz ohne sein Dazutun. Aber das Sensationellste daran war, dass sich das alles in einem Lager mit Sonderregime abgespielt hatte, wo sogenannte gemeingefährliche Verbrecher ihre Strafe abbüßten. Ganz gleich also, was für Propaganda gegen die Zeugen gemacht wurde, in solchen und ähnlichen Momenten war für alle klar ersichtlich, was für Menschen Jehovas Zeugen wirklich sind.“
„NUN PREDIGEN SIE WIEDER“
1960, nur wenige Tage nachdem die Brüder zum Lagpunkt Nr. 1 in Mordowien gebracht worden waren, wurden mehr als 100 von ihnen in ein Sonderlager im nahe gelegenen Dorf Udarny verlegt, zum Lagpunkt Nr. 10. Das Ganze war als „Testlauf“ für Methoden zur Umerziehung der Zeugen gedacht. Sie mussten dort wie die Häftlinge in den NS-Konzentrationslagern gestreifte Kleidung tragen und neben vielen anderen Arbeiten im Wald riesige Baumstümpfe ausgraben. Als Tagespensum waren pro Person mindestens 11 bis 12 Baumstümpfe angesetzt. Doch oftmals gelang es nicht einmal einer ganzen Arbeitskolonne von Brüdern, auch nur einen einzigen Baumstumpf, beispielsweise den einer gigantischen Eiche, auszuheben, obwohl sie den ganzen Tag schufteten. Oft sangen sie Königreichslieder, um sich gegenseitig Mut zu machen. Manchmal schrie der Lagerverwalter dann: „Für euch Zeugen ist heute das Abendbrot gestrichen, dann wird euch das Singen bestimmt gleich vergehen. Ich werde euch das Arbeiten schon noch beibringen!“ Ein Bruder, der diese Zeit miterlebte, sagte: „Aber Jehova stand uns bei. Trotz der schlimmen Zustände ließen wir im Glauben nicht nach und munterten uns gegenseitig immer wieder mit dem schönen Gedanken auf, dass wir uns in der Streitfrage um das universelle Herrscherrecht auf Jehovas Seite gestellt hatten“ (Spr. 27:11).
In dem Lager gab es etliche „Umerzieher“. Daneben hatte jede Zelle noch ihren eigenen Umerzieher: einen Offizier mindestens im Rang eines Hauptmanns. Ihr Ziel war es, die Zeugen zur Aufgabe ihres Glaubens zu bewegen. Wer nachgab, also seinem Glauben abschwor, würde freikommen. Monat für Monat schrieben die Umerzieher über jeden einzelnen Zeugen eine Beurteilung, die von mehreren Angestellten unterzeichnet wurde. Doch bei jeder Beurteilung mussten sie schreiben: „Reagiert nicht auf Umerziehungsmaßnahmen; steht fest zu seiner Überzeugung.“ Iwan Klimko erzählte: „Von insgesamt 10 Jahren habe ich 6 Jahre hier zugebracht und wurde wie andere Brüder auch als ‚gemeingefährlicher Wiederholungstäter‘ eingestuft. Wie uns die Offiziere sagten, machte man uns das Leben bewusst extrem schwer, um zu sehen, wie wir uns verhielten.“
Ijow Andronik, der dort 5 Jahre interniert war, fragte den Lagerkommandanten einmal: „Wie lange werden wir hier bleiben?“ Der Mann zeigte auf den Wald und sagte: „Bis wir euch alle da hinausgetragen haben.“ Ijow erzählte weiter: „Wir wurden von den anderen isoliert, damit wir keinem predigen konnten. Man ließ uns nicht aus den Augen. Auch wenn nur einer von uns im Lager von A nach B musste, ging das nur in Begleitung eines Aufsehers. Als wir Jahre später in ein weniger strenges Lager überführt wurden, meinten einige Häftlinge, die keine Zeugen waren, zur Lagerleitung: ‚Jehovas Zeugen haben den Kampf gewonnen! Ihr hattet sie isoliert, aber nun predigen sie wieder.‘ “
EIN OFFIZIER ERKENNT SEINE BIBEL WIEDER
Es war äußerst schwierig, in den Lagpunkt Nr. 10 Literatur hineinzubekommen, geschweige denn eine Bibel. An das Wort Gottes heranzukommen schien den Brüdern schier unmöglich. Ein Bruder, der dort einige Jahre einsaß, sagte: „Für Jehova ist nichts unmöglich. Er erhörte unsere Gebete. Wir waren 100 Zeugen im Lager und hatten um mindestens eine Bibel gebetet; doch am Ende hatten wir sogar zwei!“ (Mat. 19:26). Wie kam es dazu?
Ein Oberst war als Umerzieher einberufen worden. Doch wie sollte jemand, der keine Ahnung von der Bibel hatte, die Zeugen „umerziehen“? Er beschaffte sich daher von irgendwoher eine Bibel. Sie war allerdings recht zerfleddert, deshalb gab er sie einem älteren Lagerinsassen, der Baptist war, zur Reparatur. Dieser sollte sie für ihn neu binden, solange er im Urlaub war. Und er wies die Aufseher an, dem Mann die Bibel nicht wegzunehmen. Der Baptist protzte bei den Brüdern mit der Bibel und ließ sich überreden, sie ihnen kurze Zeit auszuleihen, damit sie einen Blick darauf werfen konnten. Als die Brüder diesen kostbaren Schatz in den Händen hatten, nahmen sie die Bibel flugs auseinander und verteilten die Seiten untereinander zum Abschreiben. In den darauffolgenden Tagen verwandelten sich alle Zeugenzellen in betriebsame Schreibstuben. Jede Seite wurde zweimal von Hand abgeschrieben. Ein Bruder erzählte aus der Zeit: „Nachdem alle Seiten wieder eingesammelt waren, hatten wir 3 Bibeln! Der Oberst bekam seine neu gebundene Bibel und wir hatten unsere beiden Kopien. Die eine nahmen wir zum Lesen, die andere versteckten wir in unserem ‚Safe‘: Das waren ein paar Kabelkanäle für Hochspannungsleitungen! Dort hatten wir einige Verstecke eingebaut, denn die Wachleute wagten sich nicht einmal in die Nähe dieser Leitungen. Die Hochspannung war ein verlässlicher Wächter für unsere Literatursammlung.“
Einmal fiel dem Oberst allerdings bei einer Durchsuchung eine handgeschriebene Seite seiner Bibel in die Hände. Als ihm klar wurde, was da passiert war, rief er frustriert: „Und ich hab die Bibel auch noch selbst ins Lager gebracht!“
FEIER DES GEDÄCHTNISMAHLS
Jedes Jahr versuchten die Brüder, in den Lagern das Gedächtnismahl abzuhalten. In einem Lager in Mordowien hat in all den Jahren keiner der Brüder je ein Gedächtnismahl versäumt. Die Lagerleitung wollte das Gedächtnismahl natürlich verhindern. Sie kannte jeweils das Datum und versetzte an dem Tag gewöhnlich das ganze Lagerpersonal in Alarmbereitschaft. Gegen Abend waren es die meisten Wachleute jedoch leid, die Brüder ständig im Auge zu behalten, zumal keiner wusste, wann und wo genau das Gedächtnismahl stattfinden würde.
Die Brüder bemühten sich stets um Wein und ungesäuertes Brot. Einmal entdeckte eine Wacheinheit die Symbole am Gedächtnismahltag in einer Schublade und konfiszierte sie. Doch als die Ablösung kam, konnte ein Bruder, der das Kontor des Kommandoführers der Einheit putzte, die Symbole unbemerkt zurückholen. Die Brüder warteten noch die nächste Wachablösung ab und feierten dann das Gedächtnismahl — mit Symbolen! Das war auch wichtig, denn einer der Brüder war ein Gesalbter.
GEDÄCHTNISMAHLFEIER IM FRAUENLAGER
In anderen Lagern war es nicht weniger schwierig. Walentina Garnowskaja erzählte, wie schwer es im Frauenlager von Kemerowo war, das Gedächtnismahl abzuhalten: „Wir waren dort ungefähr 180 Schwestern. Es war uns nicht erlaubt, uns zu treffen. In 10 Jahren gelang es uns nur zweimal, das Gedächtnismahl zu feiern. Einmal wollten wir es in einem der Büros feiern, wo ich putzte. Die Schwestern fanden sich dort über mehrere Stunden hinweg eine nach der anderen heimlich ein. Etwa 80 Schwestern konnten sich wegstehlen. Auf dem Schreibtisch hatten wir ungesäuertes Brot und trockenen Rotwein stehen.
Wir beschlossen, kein Lied zu singen, und fingen mit einem Gebet an. Alles begann würdig und es herrschte große Freude. Doch auf einmal gab es draußen einen Tumult. Uns wurde klar, dass wir vom Wachpersonal gesucht wurden. Plötzlich sahen wir im Fenster das Gesicht des Kommandoführers, obwohl das Fenster ziemlich hoch lag. Gleichzeitig hämmerte es an der Tür, und uns wurde befohlen, sie aufzumachen. Schließlich stürmten sie herein, griffen sich die Schwester, die die Ansprache hielt, und führten sie in die Strafzelle weg. Eine zweite Schwester nahm mutig ihren Platz ein und setzte die Ansprache fort, aber auch sie wurde gepackt und abgeführt. Rasch sprang eine dritte Schwester ein und versuchte, die Ansprache weiter zu halten. Da pferchten sie uns alle in einen Raum und drohten uns mit Einzelhaft. In dem Raum konnten wir das Gedächtnismahl noch mit Lied und Gebet abschließen.
Als wir in die Baracken zurückgingen, riefen uns die anderen Häftlinge entgegen: ‚Als ihr plötzlich alle weg wart, dachten wir schon, dass Harmagedon gekommen ist und Gott euch in den Himmel geholt hat und wir nun vernichtet werden.‘ Sie kannten uns schon etliche Jahre und hatten von der Wahrheit nie groß etwas wissen wollen. Doch von da an hatten einige ein offenes Ohr dafür.“
SIE RÜCKTEN ENG ZUSAMMEN
In einem Lager in Workuta waren viele Zeugen aus der Ukraine, Moldawien, dem Baltikum und anderen Sowjetrepubliken untergebracht. Iwan Klimko erzählte: „Es war im Winter 1948. Wir besaßen zwar keinerlei biblische Literatur, hatten uns aber heimlich auf kleinen Zetteln notiert, woran wir uns aus alten Zeitschriften erinnern konnten. Die Wachleute wussten allerdings von den Zetteln, und das hieß für uns: endlose nervenaufreibende Durchsuchungsaktionen. An kalten Wintertagen wurden wir nach draußen gejagt und mussten uns dort in Fünferreihen aufstellen. Oft wurden wir dann immer und immer wieder durchgezählt. Wahrscheinlich dachten sie sich, eher würden wir die Zettel herausrücken, als in der Eiseskälte stehen zu bleiben. Während sie uns ständig neu durchzählten, rückten wir eng zusammen und unterhielten uns über einen Punkt aus der Bibel. Wir waren ständig in Gedanken mit der Wahrheit beschäftigt. Jehova hat uns geholfen, ihm treu zu bleiben. Nach einiger Zeit gelang es unseren Brüdern sogar, eine Bibel ins Lager einzuschleusen. Wir teilten sie in mehrere Teile auf, damit uns im Fall einer Durchsuchung nicht gleich die ganze Bibel weggenommen wurde.
Einigen Wachleuten war klar, dass Jehovas Zeugen nicht in ein Gefangenenlager gehörten. Sie waren sehr menschenfreundlich und halfen uns, wo sie nur konnten. Bekam einer von uns ein Päckchen, drückten manche von ihnen einfach beide Augen zu. In jedem Päckchen waren in der Regel ein bis zwei Wachtturm-Seiten versteckt. Diese Seiten, die nur wenige Gramm wogen, waren ungleich kostbarer als viele Kilogramm Lebensmittel. Körperlich gesehen hatten wir Zeugen in jedem Lager immerzu Mangel, aber geistig gesehen waren wir sehr reich“ (Jes. 65:13, 14).
ER TEILT ALLES IN 50 STÜCKE
Mit denen, die an der Wahrheit interessiert waren, studierten die Brüder jede Woche die Bibel. Eine ganze Reihe Häftlinge wussten, dass nach 19 Uhr in den Baracken Bibelstunde war, und sogar die, die das nicht interessierte, verhielten sich dann immer möglichst leise. Ijow Andronik sagte über diese Zeit: „Es war deutlich zu sehen, dass Jehova auf uns achtgab und sein Werk vorantrieb. Wir strengten uns auch an, in Liebe miteinander umzugehen und biblische Grundsätze umzusetzen. Zum Beispiel teilten wir uns die Lebensmittelpäckchen, was in den Lagern damals ganz und gar nicht üblich war.
In einem Lager war Mykola Pjatocha für die Verteilung der Lebensmittel unter den Brüdern zuständig. Ein KGB-Mann sagte einmal: ‚Gibt man dem Mykola ein Bonbon, teilt er es gleich in 50 Stücke.‘ So waren die Brüder! Sie teilten alles, was sie bekamen — ob für das leibliche oder das geistige Wohl. Das half uns und warf ein gutes Licht auf die Wahrheit, sodass sich ehrliche Menschen davon angezogen fühlen konnten“ (Mat. 28:19, 20; Joh. 13:34, 35).
BONUS FÜR GUTES BENEHMEN
In einem Lager erhielten die Angestellten, die direkt mit Zeugen Jehovas zu tun hatten, einen Bonus von bis zu 30 Prozent mehr Gehalt. Wofür der Bonus war, erklärte Viktor Gutschmidt: „Eine ehemalige Kassiererin vom Lager erzählte mir, man habe das Personal in Lagern, wo viele Zeugen einsaßen, angewiesen, nicht die Beherrschung zu verlieren und nicht zu fluchen, sondern stets taktvoll und höflich zu sein. Dann würden sie diesen Bonus bekommen. Damit wollte man beweisen, dass nicht nur Zeugen Jehovas mustergültig leben und dass andere ihnen in nichts nachstehen. Deshalb wurden die Angestellten für ihr gutes Benehmen bezahlt. Im Lager haben viele gearbeitet: medizinisches Personal, Handwerker, Buchhalter, Vorarbeiter — insgesamt waren es um die 100. Keiner wollte sich die Gelegenheit, sich etwas dazuzuverdienen, entgehen lassen.
Eines Tages hörte ein Bruder bei einem Arbeitseinsatz außerhalb des Lagers einen Brigadier lauthals fluchen. Am nächsten Tag traf er ihn im Lager und sagte zu ihm: ‚Da hat Sie im Wachhaus gestern wohl jemand sehr geärgert, so laut wie Sie geflucht haben.‘ Worauf der Mann zugab: ‚Nein, in mir hatte sich nur im Lauf des Tages alles aufgestaut, und ich musste einfach Dampf ablassen, darum bin ich aus dem Lager rausgegangen.‘ Die Leute taten sich wirklich sehr schwer damit, sich so zu benehmen wie Jehovas Zeugen.“
PREDIGEN HINTER GLAS
Die Brüder nutzten jede Gelegenheit zum Predigen und wurden bisweilen sehr dafür belohnt. Das bestätigte Nikolaj Guzuljak: „Wir haben des Öfteren in dem kleinen Laden im Lager Lebensmittel geholt. Immer wenn ich an der Reihe war, versuchte ich, ein paar Worte über die Bibel fallenzulassen. Die Frau, die mir die Lebensmittel aushändigte, hörte jedesmal aufmerksam zu, und einmal bat sie mich sogar, ihr etwas vorlesen. Drei Tage später wurde ich zum Tor gerufen. Ich sollte zusammen mit einem Bruder im Haus des Lagerkommandanten eine Glasscheibe einsetzen.
In Begleitung von drei Soldaten gingen der Bruder und ich in die Stadt zu der Adresse. Die Tür öffnete sich und wer stand dort? Ebendie Frau, die im Laden arbeitete. Es war die Frau des Lagerkommandanten! Ein Soldat bezog in der Wohnung Posten, die anderen beiden auf der Straße neben dem Fenster. Die Frau machte uns Tee und bat uns, ihr mehr aus der Bibel zu erklären. An jenem Tag setzten wir die Glasscheibe ein und erzählten ihr ausführlich von der Wahrheit. Hinterher sagte sie: ‚Von mir haben Sie nichts zu befürchten. Meine Eltern waren auch so gottesfürchtige Menschen wie Sie!‘ Sie las unsere Publikationen heimlich, ohne Wissen ihres Mannes, der uns Zeugen hasste.“
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RusslandJahrbuch der Zeugen Jehovas 2008
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Wir machten die „Zeltpflöcke“ so stark wie möglich
DMITRIJ LIWYJ
GEBURTSJAHR: 1921
TAUFE: 1943
KURZPORTRÄT: Diente über 20 Jahre im Landeskomitee von Russland und ist heute Ältester in einer Versammlung in Sibirien.
ES WAR im Jahr 1944 — sechs Monate vor Ende des Zweiten Weltkriegs. Ich stand wegen meiner Neutralität als Christ vor einem Militärgericht und wurde zum Tod durch Erschießen verurteilt. Anschließend wandelte man die Strafe in 10 Jahre Haft in Besserungsarbeitslagern um.
Im Januar 1945 kam ich in ein Lager im nördlichen Russland in der Republik Komi, und zwar in der Stadt Petschora. Unter den Hunderten von Gefangenen waren zehn Brüder. Leider wurde mir mein einziger Wachtturm weggenommen, und so waren wir ohne jede geistige Speise. Ich war körperlich derart geschwächt, dass ich arbeitsunfähig war. Beim Waschen im Badehaus sagte ein Bruder zu mir, ich sei nur noch Haut und Knochen. Ich sah tatsächlich so elend aus, dass ich nach Workuta in einen Lagpunkt für Invaliden kam.
Nach einer Weile ging es mir etwas besser und ich wurde zur Arbeit in die Sandgrube geschickt. Aber nach nicht einmal einem Monat war ich erneut zum Skelett abgemagert. Der Arzt dachte, ich würde mein Essen gegen Tabak eintauschen. Ich erklärte ihm jedoch, dass ich als Zeuge Jehovas nicht rauchte. In diesem Lager war ich mehr als zwei Jahre. Zwar war ich der einzige Zeuge dort, doch es gab immer jemand, der gern etwas von der Wahrheit hören wollte, und einige fühlten sich von der guten Botschaft angesprochen.
Eines Tages schickten mir Verwandte mit einem Päckchen einen handgeschriebenen Wachtturm. Wie kam er trotz der strengen Kontrollen durch? Er lag zweimal gefaltet im doppelten Boden einer Dose unter einer dicken Fettschicht. Der Wachmann durchstach die Dose, konnte aber nichts Verdächtiges entdecken und übergab sie mir. Dieses ‘lebendige Wasser’ hielt mich eine ganze Weile aufrecht (Joh. 4:10).
Im Oktober 1949 wurde ich vorzeitig entlassen; im November ging ich dann heim in die Ukraine.
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Ich hatte nie eine eigene feste Bleibe
WALENTINA GARNOWSKAJA
GEBURTSJAHR: 1924
TAUFE: 1967
KURZPORTRÄT: Verbrachte 21 Jahre ihres Lebens in Haftanstalten und Lagern, 18 davon vor ihrer Taufe. Konnte im Lauf ihres Lebens 44 Menschen helfen, die Wahrheit kennenzulernen. Starb 2001.
MEINE Mutter und ich wohnten im Westen Weißrusslands. Ich lernte Zeugen Jehovas im Februar 1945 kennen. Ein Bruder kam dreimal zu uns nach Hause und zeigte uns etwas aus der Bibel — das war alles. Danach habe ich ihn nie wieder gesehen, aber ich habe von da an Nachbarn und Bekannten gepredigt. Man nahm mich fest und verurteilte mich zu 8 Jahren Lagerhaft. Dazu brachte man mich in die Oblast Uljanowsk.
Im Lager hielt ich Augen und Ohren offen, ob unter meinen Mitgefangenen Zeugen Jehovas waren. 1948 bekam ich mit, wie eine Lagerinsassin von Gottes Königreich erzählte. Sie hieß Asja. Ich war so glücklich, mich mit ihr über biblische Themen unterhalten zu können. Kurz danach kamen drei weitere Schwestern ins Lager. Wir besaßen so gut wie keine Publikationen und versuchten deshalb, so viel Zeit wie möglich miteinander zu verbringen.
1953 kam ich frei, 3 1/2 Jahre später wurde ich allerdings erneut verhaftet und zu 10 Jahren verurteilt, weil ich gepredigt hatte. 1957 verlegte man mich in das Lager Kemerowo, wo ungefähr 180 Schwestern einsaßen. Wir waren nie ohne Literatur. Im Winter vergruben wir sie im Schnee, im Sommer im Gras oder in der Erde. Wurde ich durchsucht, hielt ich die Abschriften in meinen Händen versteckt, mit denen ich auch die Enden eines dicken Schals umklammerte, den ich mir umgelegt hatte. Ging es von Lager zu Lager, trug ich in einer selbst genähten Mütze mehrere Wachttürme bei mir.
Eines Tages kam ich in ein Lager in Mordowien. Dort gab es eine Bibel — in einem sicheren Versteck. Lesen durfte man sie nur in Gegenwart der Schwester, die die Aufgabe hatte, sie sicher zu verstecken. Bis dahin hatte ich nur ein einziges Mal eine Bibel zu Gesicht bekommen: bei dem Bruder, der mich 1945 mit der Wahrheit bekannt gemacht hatte.
1967 kam ich frei und zog nach Angren in Usbekistan. Dort konnte ich mich zum Zeichen meiner Hingabe endlich taufen lassen. Damals traf ich zum ersten Mal wieder Brüder. Denn die ganze Zeit über war ich nur in Frauenlagern gewesen. Die Brüder und Schwestern in der Versammlung waren alle eifrig im Dienst und sind mir schnell ans Herz gewachsen. Im Januar 1969 wurden 8 Brüder und 5 Schwestern aus unserer Versammlung verhaftet, weil sie gepredigt hatten. Ich gehörte dazu. Man stufte mich als „gemeingefährliche Verbrecherin“ ein und verurteilte mich zu 3 Jahren. Viele Male kam ich in Einzelhaft, weil ich predigte.
War jemand interessiert, studierten wir die Bibel heimlich unter der Bettdecke. Wenn wir draußen unterwegs waren, durften wir nicht miteinander reden. Wer dabei ertappt wurde, kam in den Karzer. Wir hatten nur handgeschriebene Literatur und schrieben sie ständig neu ab.
Ich hatte nie eine eigene feste Bleibe. Alle meine Habseligkeiten befanden sich in einem einzigen Koffer, aber ich war glücklich und zufrieden, weil ich Jehova dienen durfte.
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