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  • Gefängnisse in der Krise
    Erwachet! 2001 | 8. Mai
    • Manche Menschen ziehen die Wirksamkeit von Gefängnissen in Frage. Sie beobachten, daß die Zahl der Gefängnisinsassen weltweit auf über acht Millionen angestiegen ist und trotz alledem die Kriminalitätsrate in vielen Ländern nicht deutlich sinkt. Außerdem sei zwar eine große Anzahl der Straffälligen wegen Drogendelikten im Gefängnis, dennoch gebe die Verfügbarkeit von Drogen auf der Straße nach wie vor Anlaß zu großer Sorge.

  • Ist die Lösung Teil des Problems?
    Erwachet! 2001 | 8. Mai
    • Ist die Lösung Teil des Problems?

      „Häftlinge zu erniedrigen und zu demoralisieren ist die denkbar schlechteste Art, sie auf die Welt draußen vorzubereiten“ (LEITARTIKEL IN DER ATLANTA CONSTITUTION).

      IN VIELEN Fällen bedeuten Gefängnisse nur eine Einschränkung — und zwar lediglich eine vorübergehende. Hat ein Häftling bis zu seiner Entlassung wirklich für sein Verbrechen gebüßt?a Wie steht es mit den Opfern und ihren Angehörigen und Freunden? „Mein Kind ist umgebracht worden“, sagte Rita mit flehentlicher Stimme, als der für schuldig befundene Mörder ihres 16jährigen Sohnes nach einer nur dreijährigen Freiheitsstrafe freigelassen wurde. „Bitte halten Sie einen Moment inne. Denken Sie nach. Können Sie sich auch nur im entferntesten vorstellen, was das bedeutet?“ Ritas Beispiel verdeutlicht, daß Tragödien lange fortbestehen, auch nachdem die Gerichte die Akten geschlossen haben und der Fall aus den Schlagzeilen verschwunden ist.

      Dieses Thema geht nicht nur Menschen an, die direkt von Verbrechen betroffen sind, sondern jedermann. Denn ob ehemalige Strafgefangene wirklich resozialisiert worden sind oder ob sie durch ihre Erfahrungen hinter Gittern nicht lediglich noch abgebrühter geworden sind, hat letztendlich einen direkten Einfluß auf den Seelenfrieden, wenn nicht gar auf die persönliche Sicherheit jedes einzelnen.

      Schulen für Kriminelle

      Das Gefängnissystem bezwingt kriminelles Verhalten nicht immer. „Investiert man das Geld in den Bau einer weiteren Gefängniszelle statt in den Aufbau des Selbstbildes eines Häftlings, ist dies oft nur der Auftakt zu weiteren und schlimmeren Verbrechen“, schreibt Jill Smolowe in dem Magazin Time. Peterb, der 14 Jahre hinter Gittern verbracht hat, würde dieser Aussage zustimmen. „Die meisten meiner Mithäftlinge fingen ihre Laufbahn mit kleineren Straftaten an, rückten dann zu Eigentumsdelikten auf und machten schließlich ihren Meister durch Kapitalverbrechen gegen ihre Mitmenschen“, meint er. „Für sie sind Gefängnisse wie Gewerbeschulen. Diese Leute sind hinterher schlimmer als vorher.“

      Die Gefängnisse holen Kriminelle zwar eine Weile von der Straße, aber auf lange Sicht scheinen sie wenig, wenn überhaupt etwas, gegen das Verbrechen auszurichten. Für die Jungen und jungen Männer aus den Innenstadtbezirken gilt ein Gefängnisaufenthalt oft als Aufnahmeprüfung in die Clique. Sehr häufig enden sie dann als unverbesserliche Verbrecher. „Das Gefängnis resozialisiert einen überhaupt nicht“, sagt Larry, der während eines Großteils seines Lebens immer wieder ins Gefängnis wanderte. „Die Jungs kommen raus und machen genau das gleiche wieder.“

      Diese „Drehtür“ erklärt vielleicht, warum laut einer Studie in den Vereinigten Staaten 50 Prozent aller Schwerverbrechen von ungefähr 5 Prozent der Verbrecher verübt werden. „Haben die Häftlinge keine konstruktive Beschäftigung“, bemerkt die Time, „verbringen sie die Stunden damit, Groll in sich aufstauen zu lassen, ganz abgesehen davon, daß sie sich ein Repertoire an kriminellen Techniken zulegen, das . . . sie dann wieder mit auf die Straße nehmen.“

      Das ist nicht nur in den Vereinigten Staaten so. Giánnis Watis, Arzt in einem Militärgefängnis in Griechenland, erklärt: „Unsere Gefängnisse sind mittlerweile Brutstätten für gemeingefährliche, gewalttätige und bösartige Menschen. Die meisten Häftlinge wollen nach ihrer Entlassung mit der Gesellschaft abrechnen.“

      Die Kosten für die Gesellschaft

      Die Gefängniskrise macht sich in unserem Geldbeutel bemerkbar. In den Vereinigten Staaten zum Beispiel kostet jeder Häftling die Steuerzahler jährlich schätzungsweise 21 000 Dollar. Häftlinge, die über 60 Jahre alt sind, können sogar das Dreifache kosten. Das Vertrauen der Öffentlichkeit in das Strafvollzugssystem schwindet in vielen Ländern noch aus weiteren Gründen. Man hat Bedenken in Verbindung mit Straftätern, die frühzeitig entlassen werden oder einer Gefängnisstrafe entgehen, weil irgendein gewiefter Rechtsanwalt einen juristischen Formfehler entdeckt hat. Gewöhnlich fühlen sich die Opfer vor weiteren Übergriffen nicht ausreichend geschützt, und möglicherweise haben sie wenig Mitspracherecht, was das Rechtsverfahren angeht.

      Besorgnis der Öffentlichkeit wächst

      Die unmenschlichen Verhältnisse, unter denen viele Häftlinge leben (siehe nebenstehenden Kasten), sind dem Vertrauen der Öffentlichkeit in das Gefängnissystem ebenfalls nicht gerade förderlich. Häftlinge, die während ihrer Haftzeit ungerecht behandelt wurden, sind wohl kaum aussichtsreiche Kandidaten für eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Eine Reihe von Menschenrechtsgruppen sind zudem besorgt wegen des unverhältnismäßig hohen Anteils von Personen aus Minderheitsgruppen, die sich in Haft befinden. Sie fragen sich, ob das Zufall ist oder die Folge rassischer Diskriminierung.

      In einem Bericht der Associated Press von 1998 wurde auf die Misere ehemaliger Häftlinge des Holmesburger Gefängnisses (Pennsylvanien, USA) aufmerksam gemacht, die während ihrer Haftzeit angeblich als Versuchskaninchen für chemische Experimente dienten. Und was ist über die Wiedereinführung von Sträflingskolonnen in den Vereinigten Staaten zu sagen? In einem Bericht von Amnesty International hieß es: „Die Arbeit in der Sträflingskolonne dauert 10 bis 12 Stunden, oftmals in der prallen Sonne, mit sehr kurzen Unterbrechungen, um Wasser zu trinken, und mit einer Stunde Mittagspause. . . . Die einzige Toilette, die den aneinandergeketteten Sträflingen zur Verfügung steht, ist ein Nachttopf hinter einer provisorischen Trennwand. Die Sträflinge bleiben während der Notdurft aneinandergekettet. Ist kein Nachttopf verfügbar, sind die Sträflinge gezwungen, in aller Öffentlichkeit einfach in die Hocke zu gehen.“ Natürlich ist das nicht in allen Gefängnissen der Fall. Eine derartige Menschen verachtende Behandlung entmenschlicht jedoch nicht nur die Häftlinge, sondern auch diejenigen, die sie so behandeln.

      Ist den Interessen der Kommunen gedient?

      Natürlich fühlen sich die meisten Kommunen sicherer, wenn gefährliche Kriminelle hinter Gittern sind. Manche Gemeinden sind jedoch noch aus anderen Gründen für Gefängnisse. Als ein Gefängnis in der kleinen australischen Stadt Cooma geschlossen werden sollte, gingen die Leute auf die Barrikaden. Warum? Weil das Gefängnis der Gemeinde, die sich wirtschaftlich kaum über Wasser halten konnte, Arbeitsplätze bot.

      Um Kosten zu sparen, haben einige Regierungen in letzter Zeit ihre Gefängnisse privatisiert. Beklagenswerterweise sind mehr Häftlinge und längere Haftstrafen gut für das Geschäft. Aus diesem Grund können Gerechtigkeit und kommerzielle Interessen leicht verwechselt werden.

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