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Wie kann ich mich vor sexueller Gewalt schützen?Fragen junger Leute — praktische Antworten, Band 1
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Mit Schuldgefühlen umgehen
Annette hat immer noch Schuldgefühle. „Ich mach mich ständig selber fertig“, sagt sie. „In Gedanken spiele ich diesen Abend immer und immer wieder durch. Ich hab das Gefühl, ich hätte mich noch heftiger wehren sollen. Aber als er zustach, war ich vor Angst wie gelähmt. Ich konnte einfach nichts tun. Trotzdem bleibt da das Gefühl, ich hätte noch mehr kämpfen müssen.“
Auch Natalie leidet unter Schuldgefühlen. „Ich war viel zu naiv“, erzählt sie. „Meine Eltern haben meiner Schwester und mir eingeschärft, dass wir immer zusammenbleiben sollen, wenn wir draußen spielen. Aber ich hab nicht auf sie gehört. Jetzt werfe ich mir vor, dass der Nachbarjunge dadurch ein leichtes Spiel mit mir hatte. Meine ganze Familie hat unter dem Vorfall gelitten, und ich geb mir die Schuld, dass ich ihnen so viel Kummer gemacht habe. Das ist für mich das Schlimmste.“
Wie kannst du mit deinen Schuldgefühlen umgehen, falls du etwas Ähnliches durchgemacht hast wie Annette oder Natalie? Zunächst einmal ist es ganz wichtig, dir klar vor Augen zu halten, dass du gezwungen wurdest und kein williges Opfer warst. Manche Leute verharmlosen die Sache nach dem Motto „Jungs sind halt so“ oder „Die Opfer wollten das ja nicht anders“. Tatsache ist: Niemand hat es verdient, vergewaltigt zu werden. Falls du Opfer einer so schrecklichen Tat geworden bist — es ist nicht deine Schuld!
Das sagt sich zwar leicht, aber wahrscheinlich ist es für dich alles andere als leicht, das auch wirklich zu akzeptieren. Manche verschließen sich völlig und zermartern sich mit Vorwürfen oder anderen zerstörerischen Gedanken. Doch wem nützt ein Rückzug in die Welt des Schweigens: dem Opfer oder dem Täter? Wäre es nicht besser, sich jemandem anzuvertrauen?
Erzähl es jemandem
Wie wir aus der Bibel erfahren, sagte der gerechte Hiob auf dem Höhepunkt seiner traumatischen Erlebnisse: „Ich will meiner Besorgnis um mich freien Lauf lassen. Ich will in der Bitterkeit meiner Seele reden!“ (Hiob 10:1). Das wird auch dir guttun. Mit jemandem zu sprechen, dem du vertraust, kann dir helfen, das Erlebte zu verarbeiten und den Schmerz nicht mehr so intensiv zu empfinden.
Wenn du eine Zeugin Jehovas bist, ist es wichtig, dass du mit einem Ältesten über den Vorfall sprichst. Die tröstenden Worte eines liebevollen Hirten können dir versichern, dass nicht du dich schmutzig fühlen musst, sondern der andere, der gesündigt hat. Annette hat das so erlebt: „Ich hab mich einer guten Freundin anvertraut und sie hat mir dringend geraten, mit Ältesten in meiner Versammlung zu reden. Ich bin froh, dass ich das gemacht hab. Sie haben sich mehrmals mit mir zusammengesetzt und mir genau das gesagt, was ich brauchte: dass es nicht meine Schuld war — dass nichts davon meine Schuld war.“
Über das Geschehene und deine Gefühle zu reden kann dich davor bewahren, dass dich Wut und Verbitterung innerlich kaputtmachen (Psalm 37:8). Dir kann dadurch — vielleicht zum ersten Mal seit Jahren — leichter ums Herz werden. So ging es Natalie, als sie mit ihren Eltern über den Missbrauch sprach. „Sie haben mich richtig aufgefangen und mich ermutigt, über die Sache zu reden“, erzählt sie. „Das hat mir geholfen, mich nicht mehr so traurig und wütend zu fühlen.“ Auch im Gebet hat Natalie Trost gefunden. Sie sagt: „Mit Gott zu reden hat mir echt geholfen, vor allem als ich mich niemandem sonst öffnen konnte. Ihm kann ich einfach alles sagen. Wenn ich bete, werde ich ganz ruhig und spüre inneren Frieden.“e
Auch du kannst die Erfahrung machen, dass es „eine Zeit zum Heilen“ gibt (Prediger 3:3). In Jesaja 32:2 wird von den Ältesten gesagt, dass sie „wie ein Bergungsort vor dem Wind und ein Versteck vor dem Regensturm“ sind. In der Versammlung findest du viele Freunde, auf die diese Beschreibung ebenso zutrifft. Halte dich an sie. Vernachlässige auch nicht deinen Körper und deine emotionalen Bedürfnisse und achte darauf, dass du genügend Ruhe bekommst. Vor allem vertraue auf Jehova, den Gott allen Trostes. Er verspricht uns eine neue Welt, in der die Worte wahr werden: „Die Übeltäter, sie werden weggetilgt, die aber auf Jehova hoffen, sind es, die die Erde besitzen werden“ (Psalm 37:9).
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Wie kann ich mich vor sexueller Gewalt schützen?Fragen junger Leute — praktische Antworten, Band 1
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e Missbrauchsopfer leiden oft an Depressionen. In so einem Fall kann es ratsam sein, ärztliche Hilfe zu suchen. Wertvolle Hinweise, wie du mit belastenden Gefühlen umgehen kannst, findest du auch in Kapitel 13 und 14.
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