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  • Jehova ist vernünftig
    Der Wachtturm 1994 | 1. August
    • Jehova ist vernünftig

      „Die Weisheit von oben ... [ist] vernünftig“ (JAKOBUS 3:17).

      1. Wodurch hat man Gott als unvernünftig hingestellt, und was ist von einer solchen Ansicht über Gott zu halten?

      WAS für einen Gott betest du an? Hältst du ihn für einen Gott, der unerbittlich und streng auf Gerechtigkeit pocht, der ernst und hart ist? So muß sich der Reformator Johannes Calvin Gott vorgestellt haben. Calvin behauptete, Gott habe für jeden Menschen einen „ewigen und unveränderlichen Plan“ und es sei jedem vorherbestimmt, ob er für immer in Glück lebe oder ewig in der Hölle gequält werde. Man stelle sich das einmal vor: Wenn das stimmen würde, wäre es unmöglich, an dem seit langem feststehenden, strengen Plan, uns und unsere Zukunft betreffend, etwas zu ändern, so angestrengt wir uns auch bemühten. Würden wir uns zu solch einem unvernünftigen Gott hingezogen fühlen? (Vergleiche Jakobus 4:8.)

      2, 3. (a) Wie könnte man die Unvernünftigkeit menschlicher Einrichtungen und Organisationen veranschaulichen? (b) Was offenbart die Vision Hesekiels vom himmlischen Wagen Jehovas über Jehovas Anpassungsfähigkeit?

      2 Wie erleichtert sind wir doch, zu erfahren, daß der Gott der Bibel im höchsten Grad vernünftig ist! Nicht Gott, sondern die durch ihre eigenen Unvollkommenheiten eingeschränkten Menschen neigen zu Härte und Unerbittlichkeit. Menschliche Organisationen können so schwerfällig sein wie ein Güterzug. Wenn ein langer Güterzug auf ein über den Gleisen liegendes Hindernis zurollt, kann er unmöglich ausweichen, und rechtzeitiges Anhalten ist ebenfalls so gut wie ausgeschlossen. Manche Züge haben eine solche Bewegungsenergie, daß sie nach Betätigung der Bremsen erst nach mehr als einem Kilometer zum Stehen kommen. Und ein Supertanker fährt nach dem Maschinenstopp sogar noch gut acht Kilometer weiter. Selbst bei voller Fahrt zurück wird er noch bis zu drei Kilometer weiter durch das Wasser pflügen. Doch beschäftigen wir uns jetzt einmal mit einem Fahrzeug, das weit ehrfurchtgebietender ist als die beiden erwähnten — mit einem Fahrzeug, das Gottes Organisation veranschaulicht.

      3 Vor über 2 600 Jahren hatte der Prophet Hesekiel eine Vision, in der Jehova ihn eine Darstellung seiner aus Geistgeschöpfen bestehenden himmlischen Organisation sehen ließ. Es handelte sich dabei um einen Wagen von ehrfurchtgebietender Größe, um Jehovas eigenes „Fahrzeug“, das er jederzeit unter Kontrolle hat. Höchst interessant war die Art und Weise, wie es sich vorwärts bewegte. Jedes der riesigen Räder zeigte in vier Richtungen und war voller Augen, so daß die Räder überallhin sehen und die Richtung sofort ändern konnten, ohne anzuhalten oder zu wenden. Und dieses gigantische Fahrzeug erreichte nicht nur die mäßige Geschwindigkeit eines Supertankers oder eines Güterzugs. Es konnte sich mit Lichtgeschwindigkeit fortbewegen und sogar rechtwinklige Richtungsänderungen vornehmen! (Hesekiel 1:1, 14-28). Jehova unterscheidet sich von dem Gott, den Calvin predigte, so sehr wie Gottes Wagen von schwerfälligen, von Menschen hergestellten Maschinen. Jehova ist vollkommen anpassungsfähig. Wenn wir diesen Aspekt seiner Persönlichkeit im Sinn behalten, wird uns das gewiß helfen, anpassungsfähig zu bleiben und uns vor der Schlinge der Unvernünftigkeit zu hüten.

      Jehova — die anpassungsfähigste Person des Universums

      4. (a) Inwiefern zeigt bereits Jehovas Name, daß er ein anpassungsfähiger Gott ist? (b) Welche Titel trägt Jehova Gott, und warum sind sie passend?

      4 Bereits Jehovas Name weist auf seine Anpassungsfähigkeit hin. „Jehova“ bedeutet eigentlich „Er veranlaßt zu werden“. Damit ist offensichtlich gemeint, daß sich Jehova veranlaßt, der Erfüller all seiner Verheißungen zu werden. Als Moses Gott nach dessen Namen fragte, machte dieser zur Bedeutung seines Namens folgende nähere Angaben: „Ich werde mich erweisen, als was ich mich erweisen werde“ (2. Mose 3:14). In der Übersetzung von Rotherham heißt es treffend: „Ich will werden, was immer mir gefällt.“ Jehova erweist sich als das oder erwählt sich, das zu werden, was immer erforderlich ist, um seine gerechten Vorsätze und Verheißungen zu verwirklichen. Deshalb trägt er eine beeindruckende Zahl von Titeln wie Schöpfer, Vater, Souveräner Herr, Hirte, Jehova der Heerscharen, Hörer des Gebets, Richter, Großer Unterweiser und Rückkäufer. Er hat sich zu alldem und zu noch mehr gemacht, um seine liebevollen Vorsätze auszuführen (Jesaja 8:13; 30:20; 40:28; 41:14; Psalm 23:1; 65:2; 73:28; 89:26; Richter 11:27; siehe auch Neue-Welt-Übersetzung, Anhang 1J).

      5. Warum sollten wir aus der Anpassungsfähigkeit Jehovas nicht schließen, daß sich seine Wesensart oder seine Maßstäbe ändern?

      5 Bedeutet das, daß sich Gottes Wesensart oder seine Maßstäbe ändern? Nein; gemäß Jakobus 1:17 gibt es bei ihm „keine Veränderung von der Drehung des Schattens“. Besteht hier ein Widerspruch? Keineswegs. Welche liebevollen Eltern schlüpfen zum Nutzen ihrer Kinder nicht in die unterschiedlichsten Rollen? Im Tagesverlauf mag der Vater oder die Mutter Ratgeber, Koch, Haushälter, Lehrer, Zurechtweiser, Freund, Handwerker oder Krankenpfleger sein — und die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen. Die Eltern ändern aber nicht ihre Persönlichkeit, wenn sie diese Rollen einnehmen; der Vater oder die Mutter paßt sich lediglich den aktuellen Bedürfnissen an. So verhält es sich auch mit Jehova, natürlich in weit größerem Maßstab. Es gibt keine Beschränkungen darin, wozu er sich zum Nutzen seiner Geschöpfe machen kann. Die Tiefe seiner Weisheit ist wirklich überwältigend! (Römer 11:33).

      Vernünftigkeit — ein Kennzeichen der göttlichen Weisheit

      6. Was ist die wörtliche Bedeutung des griechischen Worts, das Jakobus bei der Beschreibung der göttlichen Weisheit gebrauchte, und welche weiteren Bedeutungen hat es?

      6 Der Jünger Jakobus gebrauchte ein interessantes Wort, um die Weisheit dieses höchst anpassungsfähigen Gottes zu beschreiben. Er sagte: „Die Weisheit von oben ... [ist] vernünftig“ (Jakobus 3:17). Das hier verwendete griechische Wort (epieikés) ist schwer zu übersetzen. Manche Bibelübersetzer haben es mit „gelinde“, „milde“, „nachgiebig“ oder „gütig“ wiedergegeben. In der Neuen-Welt-Übersetzung wird es mit „vernünftig“ übersetzt, und in der Fußnote findet sich der Hinweis, daß es wörtlich „nachgiebig“, „nachsichtig“ bedeutet.a Das Wort vermittelt auch den Sinn, nicht auf dem Buchstaben des Gesetzes zu bestehen, nicht ungebührlich streng oder unnachgiebig zu sein. Der Gelehrte William Barclay sagt dazu in seinem Werk Begriffe des Neuen Testaments: „Wesentlich und grundlegend an epieikeia ist, daß diese Eigenschaft auf Gott zurückgeht. Wo wären wir, wenn Gott auf seinem Recht bestünde, wenn Gott nur den unbeugsamen Maßstab des Gesetzes an uns anlegen würde? Gott selbst ist das beste Beispiel für die segensreiche Anwendung von epieikeia.“

      7. Wodurch bewies Jehova im Garten Eden Vernünftigkeit?

      7 Denken wir an die Zeit, als sich die Menschen gegen die Souveränität Jehovas auflehnten. Wie leicht wäre es für Gott gewesen, die drei undankbaren Rebellen — Adam, Eva und Satan — hinzurichten! Wieviel Herzensschmerz hätte er sich dadurch ersparen können! Und wer hätte sein Recht in Frage ziehen können, ein so strenges Gericht zu üben? Trotzdem hat Jehova seine wagenähnliche himmlische Organisation niemals auf einen starren, nicht anpassungsfähigen Maßstab der Gerechtigkeit festgelegt. Deshalb wurden die Menschen und damit alle Aussichten auf eine glückliche Zukunft für die Menschheit nicht unerbittlich von diesem Wagen „überrollt“. Keineswegs — Jehova steuert seinen Wagen bekanntlich so schnell wie das Licht. Sofort nach der Rebellion umriß Jehova Gott seinen langfristigen Vorsatz, der allen Nachkommen Adams Barmherzigkeit gewährte und Hoffnung bot (1. Mose 3:15).

      8. (a) Wieso hat die Christenheit, gemessen an der echten Vernünftigkeit Jehovas, eine falsche Vorstellung von Vernünftigkeit? (b) Warum können wir sagen, daß Vernünftigkeit für Jehova nicht bedeutet, seine eigenen Grundsätze preiszugeben?

      8 Vernünftigkeit bedeutet für Jehova jedoch nicht, seine eigenen Grundsätze preiszugeben. Die Kirchen der Christenheit halten sich heute wahrscheinlich für vernünftig, wenn sie Unsittlichkeit ignorieren, nur um sich bei ihren eigensinnigen Herden lieb Kind zu machen. (Vergleiche 2. Timotheus 4:3.) Jehova bricht seine Gesetze nie, noch weicht er von seinen Grundsätzen ab. Er zeigt statt dessen die Bereitschaft, nachgiebig zu sein, sich den Umständen anzupassen, so daß diese Grundsätze gerecht und barmherzig angewandt werden können. Stets ist er darauf bedacht, daß sich die Äußerungen seiner Gerechtigkeit und Macht mit seiner Liebe und mit seiner von Vernünftigkeit zeugenden Weisheit im Gleichgewicht halten. Wir wollen einmal drei Gebiete betrachten, auf denen Jehova Vernünftigkeit beweist.

      „Zum Vergeben bereit“

      9, 10. (a) Was hat die Bereitschaft zu vergeben mit Vernünftigkeit zu tun? (b) Welchen Nutzen zog David aus Jehovas Bereitschaft zu vergeben, und was veranlaßte Jehova dazu?

      9 David schrieb: „Denn du, o Jehova, bist gut und zum Vergeben bereit; und überströmend ist die liebende Güte all denen gegenüber, die dich anrufen“ (Psalm 86:5). Als die griechische Übersetzung der Hebräischen Schriften entstand, wurde das Wort für „zum Vergeben bereit“ mit epieikés oder „vernünftig“ wiedergegeben. Ja, zum Vergeben bereit zu sein und Barmherzigkeit zu erweisen ist vielleicht das wichtigste Gebiet, auf dem Vernünftigkeit bewiesen werden kann.

      10 David war sich völlig bewußt, wie vernünftig Jehova in dieser Hinsicht ist. Als er mit Bathseba Ehebruch beging und dafür sorgte, daß ihr Mann umkam, hätten er und Bathseba eigentlich die Todesstrafe verdient (5. Mose 22:22; 2. Samuel 11:2-27). Wäre der Fall von strengen menschlichen Richtern behandelt worden, hätten wahrscheinlich beide das Leben verloren. Doch Jehova bewies Vernünftigkeit (epieikés), und dieses Wort beschreibt, wie W. E. Vine sagt, „jene Rücksichtnahme, die ‚die Fakten eines Falls menschlich und vernünftig abwägt‘“ (An Expository Dictionary of Biblical Words). Zu den Umständen, die Jehovas barmherzige Entscheidung beeinflußt haben mögen, gehörten wahrscheinlich die aufrichtige Reue der Übeltäter und die Barmherzigkeit, die David bereits anderen gegenüber erwiesen hatte (1. Samuel 24:4-6; 25:32-35; 26:7-11; Matthäus 5:7; Jakobus 2:13). Im Einklang mit der Beschreibung, die Jehova gemäß 2. Mose 34:4-7 von sich selbst gegeben hat, war es jedoch erforderlich, daß er David zumindest eine Zurechtweisung erteilte. Jehova sandte seinen Propheten Nathan mit einer strengen Botschaft zu David, durch die ihm deutlich vor Augen geführt wurde, daß er das Wort Jehovas mißachtet hatte. David bereute und starb daher nicht wegen seiner Sünde (2. Samuel 12:1-14).

      11. Warum war Jehova im Fall Manasses zum Vergeben bereit?

      11 Das Beispiel des Königs Manasse von Juda ist in dieser Hinsicht sogar noch bemerkenswerter, weil er sich im Gegensatz zu David über einen langen Zeitraum als durch und durch böse erwies. Manasse förderte im Land abscheuliche religiöse Riten, zu denen sogar Menschenopfer gehörten. Möglicherweise war er dafür verantwortlich, daß der treue Prophet Jesaja zersägt wurde (Hebräer 11:37). Zur Strafe ließ Jehova zu, daß Manasse als Gefangener nach Babylon gebracht wurde. Im Gefängnis bereute Manasse dann und bat um Barmherzigkeit. Aufgrund der aufrichtigen Reue war Jehova selbst in diesem extremen Fall „zum Vergeben bereit“ (2. Chronika 33:9-13).

      Änderung des Vorgehens aufgrund neuer Umstände

      12, 13. (a) Welche Wende der Ereignisse veranlaßte Jehova, sein Vorgehen in Verbindung mit Ninive zu ändern? (b) Wodurch zeigte Jona, daß er längst nicht so vernünftig war wie Jehova Gott?

      12 Jehovas Vernünftigkeit zeigt sich auch in seiner Bereitschaft, ein erwogenes Vorgehen zu ändern, wenn sich neue Umstände ergeben. Als der Prophet Jona beispielsweise durch die Straßen des alten Ninive ging, hatte er eine ganz einfache inspirierte Botschaft: Die mächtige Stadt sollte in 40 Tagen vernichtet werden. Es trat jedoch eine dramatische Wende der Ereignisse ein. Die Niniviten bereuten (Jona, Kapitel 3).

      13 Es ist aufschlußreich, zu betrachten, wie unterschiedlich Jehova und Jona auf die veränderten Umstände reagierten. Jehova korrigierte tatsächlich die Fahrtrichtung seines himmlischen Wagens. In diesem Fall paßte er sich an, er vergab die Sünden, statt zu einem „Kriegsmann“ zu werden (2. Mose 15:3). Jona war dagegen nicht so flexibel. Er hielt nicht mit dem Wagen Jehovas Schritt, sondern ähnelte eher dem bereits erwähnten Güterzug oder dem Supertanker. Da er den Untergang verkündet hatte, sollte dieser nun auch kommen! Vielleicht glaubte er, durch einen Kurswechsel bei den Niniviten das Gesicht zu verlieren. Jehova erteilte seinem hartherzigen Propheten jedoch eine einprägsame Lektion in Vernünftigkeit und Barmherzigkeit (Jona, Kapitel 4).

      14. Warum wich Jehova von dem ab, was er mit dem Propheten Hesekiel vorhatte?

      14 Auch bei anderen Gelegenheiten ist Jehova von seinem beabsichtigten Vorgehen abgewichen — selbst wegen relativ geringfügiger Dinge. Als er beispielsweise den Propheten Hesekiel beauftragte, ein prophetisches Drama darzustellen, gab er ihm unter anderem die Anweisung, seine Speise über einem Feuer zuzubereiten, dem menschliche Exkremente als Brennstoff dienten. Doch das war für den Propheten zuviel; er rief aus: „Ach, o Souveräner Herr Jehova!“ Und er bat darum, nicht etwas so Widerwärtiges tun zu müssen. Jehova schob die Empfindungen des Propheten nicht als unbegründet beiseite; er gestattete Hesekiel statt dessen, Rinderdung zu verwenden — ein in vielen Ländern bis auf den heutigen Tag üblicher Brennstoff (Hesekiel 4:12-15).

      15. (a) Welche Beispiele zeigen Jehovas Bereitschaft, Menschen zuzuhören und entsprechend zu reagieren? (b) Welche Lehre sollten wir daraus ziehen?

      15 Ist es nicht herzerwärmend, über die Demut Jehovas, unseres Gottes, nachzudenken? (Psalm 18:35). Er steht unendlich weit über uns; trotzdem hört er unvollkommenen Menschen geduldig zu und ändert daraufhin manchmal sogar sein Vorgehen. Jehova gestattete Abraham, ihm wegen der Vernichtung Sodoms und Gomorras umfangreiche Bitten vorzutragen (1. Mose 18:23-33). Und er ließ Moses gegen sein Vorhaben, die rebellischen Israeliten zu vernichten und statt dessen Moses zu einer mächtigen Nation zu machen, Einwände erheben (2. Mose 32:7-14; 5. Mose 9:14, 19; vergleiche Amos 7:1-6). Dadurch gab er seinen menschlichen Dienern ein vollkommenes Beispiel: Sie sollten mit der gleichen Bereitschaft auf andere hören, wenn es vernünftig und möglich ist. (Vergleiche Jakobus 1:19.)

      Vernünftigkeit beim Ausüben von Autorität

      16. Wie übt Jehova im Gegensatz zu vielen Menschen seine Autorität aus?

      16 Ist uns schon einmal aufgefallen, daß manche Menschen immer unvernünftiger werden, je mehr Autorität ihnen übertragen wird? Im Gegensatz dazu ist Jehova, obwohl er die höchste Autoritätsstellung im Universum einnimmt, das absolute Vorbild an Vernünftigkeit. Er übt seine Autorität auf vollkommen vernünftige Weise aus. Da Jehova in bezug auf seine Autorität niemals unsicher ist, fühlt er sich nicht gezwungen, eifersüchtig darüber zu wachen — wogegen viele Menschen gleich ihre eigene Autorität gefährdet sehen, wenn anderen auch ein gewisses Maß an Autorität gewährt wird. Als es neben Jehova nur e i n anderes Wesen im Universum gab, übertrug er diesem ein sehr großes Maß an Autorität. Er machte den Logos zu seinem „Werkmeister“ und brachte von da an alle Dinge durch seinen geliebten Sohn ins Dasein (Sprüche 8:22, 29-31; Johannes 1:1-3, 14; Kolosser 1:15-17). Später gab er ihm „alle Gewalt im Himmel und auf der Erde“ (Matthäus 28:18; Johannes 5:22).

      17, 18. (a) Warum sandte Jehova Engel nach Sodom und Gomorra? (b) Warum bat Jehova die Engel um Vorschläge, wie man Ahab betören könnte?

      17 In ähnlicher Weise betraut Jehova viele seiner Geschöpfe mit Aufgaben, die er selbst viel besser ausführen könnte. Als er beispielsweise zu Abraham sagte: „Ich bin fest entschlossen, hinabzugehen [nach Sodom und Gomorra], um zu sehen, ob sie ganz nach dem darüber erhobenen Geschrei handeln, das zu mir gekommen ist“, meinte er damit nicht, daß er persönlich dorthin gehen wollte. Jehova erwählte es sich statt dessen, Autorität zu übertragen, und beauftragte Engel, Informationen für ihn zu sammeln. Er verlieh ihnen die Autorität, diese Mission zur Feststellung der Fakten durchzuführen und ihm dann davon zu berichten (1. Mose 18:1-3, 20-22).

      18 Als Jehova bei einer anderen Gelegenheit beschloß, sein Strafurteil an dem bösen König Ahab zu vollstrecken, forderte er bei einer Zusammenkunft im Himmel seine Engel auf, Vorschläge zu machen, wie man den abtrünnigen König „betören“ könnte, sich an dem Kampf zu beteiligen, in dem er umkommen sollte. Gewiß benötigte Jehova, der Quell aller Weisheit, keine Hilfe, um die beste Vorgehensweise zu ergründen. Doch er ehrte seine Engel mit dem Vorrecht, Lösungsvorschläge zu unterbreiten, sowie mit der Autorität, gemäß dem von ihm ausgewählten Vorschlag zu handeln (1. Könige 22:19-22).

      19. (a) Warum begrenzt Jehova die Zahl der Gesetze, die er erläßt? (b) Wie zeigt Jehova seine Vernünftigkeit in dem, was er von uns erwartet?

      19 Jehova benutzt seine Autorität nicht dazu, andere ungebührlich zu kontrollieren. Auch dadurch beweist er seine unvergleichliche Vernünftigkeit. Er begrenzt sorgfältig die Zahl der Gesetze, die er erläßt, und er untersagt seinen Dienern, ‘über das hinauszugehen, was geschrieben steht’, also eigene, bedrückende Gesetze hinzuzufügen (1. Korinther 4:6; Apostelgeschichte 15:28; vergleiche im Gegensatz dazu Matthäus 23:4). Jehova verlangt von seinen Geschöpfen nie blinden Gehorsam, sondern liefert normalerweise genügend Informationen, um sie anzuleiten — er unterrichtet sie über den Nutzen des Gehorsams und die Folgen des Ungehorsams und läßt ihnen dann die Wahl (5. Mose 30:19, 20). Statt Menschen durch Schuld-, Scham- oder Angstgefühle zu etwas zu zwingen, bemüht er sich, ihr Herz zu erreichen; er wünscht, daß man ihm aus echter Liebe und nicht aus Zwang dient (2. Korinther 9:7). Da sämtlicher aufrichtige Dienst Gottes Herz erfreut, ist er keineswegs in unvernünftiger Weise „schwer zufriedenzustellen“ (1. Petrus 2:18; Sprüche 27:11; vergleiche Micha 6:8).

      20. Wozu veranlaßt uns die Vernünftigkeit Jehovas?

      20 Ist es nicht bemerkenswert, daß Jehova Gott, der mehr Macht hat als irgendein Geschöpf, diese Macht niemals unvernünftig ausübt, sie nie dazu gebraucht, andere einzuschüchtern? Doch die im Vergleich zu ihm winzigen Menschen beherrschen einander bereits jahrtausendelang (Prediger 8:9). Die Vernünftigkeit ist eindeutig eine kostbare Eigenschaft, die uns bewegt, Jehova noch mehr zu lieben. Deshalb sollten wir uns veranlaßt fühlen, an Vernünftigkeit zuzunehmen. Wie können wir das tun? Das wird im nächsten Artikel behandelt.

      [Fußnote]

      a Der Lexikograph John Parkhurst definierte bereits 1769 das Wort als „nachgiebig, zum Nachgeben bereit, gelinde, milde, geduldig“. Auch andere Gelehrte führen „nachgiebig“ als Bedeutung an.

  • An Vernünftigkeit zunehmen
    Der Wachtturm 1994 | 1. August
    • An Vernünftigkeit zunehmen

      „Laßt eure Vernünftigkeit allen Menschen bekanntwerden. Der Herr ist nahe“ (PHILIPPER 4:5).

      1. Warum ist es in der heutigen Welt schwer, vernünftig zu sein?

      „DER vernünftige Mensch“ — für den englischen Journalisten Sir Alan Patrick Herbert war dieser eine Sagengestalt. Ja, manchmal hat man den Eindruck, daß es in der durch Streitigkeiten entzweiten Welt keine vernünftigen Menschen mehr gibt. Die Bibel sagte voraus, daß in den gegenwärtigen kritischen „letzten Tagen“ die Menschen „brutal“, „unbesonnen“ und „für keine Übereinkunft zugänglich“ wären — mit anderen Worten, alles andere als vernünftig (2. Timotheus 3:1-5). Wahre Christen schätzen dagegen Vernünftigkeit sehr, da sie wissen, daß diese ein Kennzeichen der göttlichen Weisheit ist (Jakobus 3:17). Wir sind nicht der Ansicht, daß es in einer unvernünftigen Welt unmöglich ist, vernünftig zu sein. Statt dessen nehmen wir voll und ganz die Herausforderung an, die der inspirierte Rat des Apostels Paulus aus Philipper 4:5 beinhaltet: „Laßt eure Vernünftigkeit allen Menschen bekanntwerden.“

      2. Wie helfen uns die Worte des Apostels Paulus aus Philipper 4:5 bei der Überprüfung, ob wir vernünftig sind?

      2 Beachten wir, wie uns die Worte des Paulus helfen, uns persönlich zu überprüfen, ob wir vernünftig sind. Es geht nicht so sehr um die Frage, wie wir uns selbst sehen; es geht vielmehr darum, wie uns andere sehen, wofür wir bekannt sind. In der Übersetzung von Phillips wird dieser Vers wie folgt wiedergegeben: „Steht in dem Ruf, vernünftig zu sein.“ Jeder von uns sollte sich fragen: Wofür bin ich bekannt? Stehe ich in dem Ruf, vernünftig, flexibel und freundlich zu sein? Oder gelte ich als harter, barscher, unbesonnener Mensch?

      3. (a) Was bedeutet das auch mit „Vernünftigkeit“ übersetzte griechische Wort, und warum ist diese Eigenschaft so anziehend? (b) Wie kann ein Christ lernen, an Vernünftigkeit zuzunehmen?

      3 Der Ruf, den wir in dieser Hinsicht haben, ist ein einfacher Gradmesser dafür, inwieweit wir Jesus Christus nachahmen (1. Korinther 11:1). Jesus ahmte auf der Erde das alles überragende Beispiel, das sein Vater in bezug auf Vernünftigkeit gibt, vollkommen nach (Johannes 14:9). Als Paulus von der „Milde und Freundlichkeit des Christus“ sprach, gebrauchte er für Freundlichkeit ein Wort (epieikía), das auch „Vernünftigkeit“ oder wörtlich „Nachgiebigkeit“ bedeutet (2. Korinther 10:1). In einem Werk wird es als „eines der großen, den Charakter beschreibenden Wörter im N[euen] T[estament]“ bezeichnet (The Expositor’s Bible Commentary). Das Wort steht für eine so ansprechende Eigenschaft, daß es ein Gelehrter mit „wohltuende Vernünftigkeit“ wiedergegeben hat. Wir wollen daher drei Gebiete behandeln, auf denen Jesus wie sein Vater, Jehova, Vernünftigkeit bewies. Vielleicht können wir daraus lernen, wie wir selbst an Vernünftigkeit zunehmen können (1. Petrus 2:21).

      „Zum Vergeben bereit“

      4. Wodurch zeigte Jesus, daß er „zum Vergeben bereit“ war?

      4 Jesus bewies wie sein Vater dadurch Vernünftigkeit, daß er immer wieder „zum Vergeben bereit“ war (Psalm 86:5). Denken wir an die Begebenheit, als Jesus in der Nacht seiner Festnahme und Verurteilung von Petrus, einem seiner vertrauten Gefährten, dreimal verleugnet wurde. Bei einer früheren Gelegenheit hatte Jesus gesagt: „Wer immer mich ... vor den Menschen verleugnet, den will auch ich vor meinem Vater verleugnen“ (Matthäus 10:33). Wandte Jesus diese Regel im Fall des Petrus hart und unbarmherzig an? Nein; Jesus suchte nach seiner Auferstehung Petrus persönlich auf, offensichtlich, um den reumütigen, verzweifelten Apostel zu trösten und zu beruhigen (Lukas 24:34; 1. Korinther 15:5). Jesus ließ Petrus bald darauf große Verantwortung übernehmen (Apostelgeschichte 2:1-41). Hier wurde wohltuende Vernünftigkeit in höchstem Grade bewiesen. Ist es nicht tröstlich, zu wissen, daß Jehova Jesus als Richter der ganzen Menschheit eingesetzt hat? (Jesaja 11:1-4; Johannes 5:22).

      5. (a) Welchen Ruf sollten die Ältesten unter den Schafen haben? (b) Welchen Stoff könnten Älteste vor der Behandlung von Rechtsfällen betrachten, und warum?

      5 Wenn Älteste in der Versammlung als Richter amten, bemühen sie sich, die vorbildliche Vernünftigkeit Jesu nachzuahmen. Sie möchten von den Schafen nicht als „Bestrafer“ gefürchtet werden. Statt dessen ahmen sie Jesus nach, damit sich die Schafe bei ihnen, den liebevollen Hirten, sicher fühlen. Vernünftigkeit und die Bereitschaft zu vergeben sind bei Rechtsfällen unerläßlich. Manche Älteste haben festgestellt, daß es eine Hilfe ist, vor der Behandlung eines solchen Falls die Artikel „Jehova, der unparteiische ‚Richter der ganzen Erde‘“ und „Ihr Ältesten, richtet mit Gerechtigkeit“ im Wachtturm vom 1. Juli 1992 noch einmal zu betrachten. Sie werden dadurch an das erinnert, was zusammenfassend über Jehovas Vorgehensweise beim Richten gesagt wurde: „Festigkeit, wo nötig; Barmherzigkeit, wo möglich.“ Es ist kein Fehler, bei einem Rechtsfall der Barmherzigkeit zuzuneigen, wenn ein vernünftiger Grund dafür vorhanden ist (Matthäus 12:7). Es ist dagegen ein schwerer Fehler, hart oder unbarmherzig zu sein (Hesekiel 34:4). Älteste hüten sich somit davor, einen Fehler zu machen, wenn sie innerhalb der Grenzen der Gerechtigkeit bewußt so liebevoll und barmherzig wie möglich verfahren. (Vergleiche Matthäus 23:23; Jakobus 2:13.)

      Flexibilität bei veränderten Umständen

      6. Wie bewies Jesus Vernünftigkeit in Verbindung mit der Nichtjüdin, deren Tochter dämonisiert war?

      6 Jesus bewies, daß er wie Jehova sein Vorgehen schnell ändern und sich anpassen konnte, sobald neue Umstände eintraten. Bei einer Gelegenheit bat ihn eine Nichtjüdin, ihre stark dämonisierte Tochter zu heilen. Zunächst zeigte Jesus ihr auf dreifache Weise, daß er ihr nicht helfen wollte — erstens dadurch, daß er ihr nicht antwortete, zweitens durch seine Aussage, er sei nicht zu den Nationen, sondern zu den Juden gesandt worden, und drittens durch eine Veranschaulichung, in der er denselben Gedanken in freundlicher Form wiederholte. Doch die Frau ließ sich durch all das nicht entmutigen, wodurch sie einen außergewöhnlichen Glauben bewies. Angesichts der besonderen Umstände konnte Jesus sehen, daß es in diesem Fall unangebracht gewesen wäre, eine allgemeine Regel anzuwenden; hier galt es mit Rücksicht auf höhere Grundsätze, flexibel zu sein.a Deshalb tat Jesus genau das, was er dreimal abgelehnt hatte. Er heilte die Tochter der Frau (Matthäus 15:21-28).

      7. Wodurch könnten Eltern Vernünftigkeit zeigen, und warum?

      7 Sind auch wir für unsere Bereitschaft bekannt, flexibel zu sein, wenn es angebracht ist? Eine solche Vernünftigkeit wird von Eltern immer wieder gefordert. Da jedes Kind anders ist, mögen Methoden, die bei einem Kind wirkungsvoll sind, bei einem anderen ungeeignet sein. Wenn die Kinder heranwachsen, ändern sich auch ihre Bedürfnisse. Sollte eine andere Uhrzeit festgelegt werden, wann ein Jugendlicher spätestens zu Hause sein muß? Würde sich eine lebendigere Gestaltung des Familienstudiums positiv auswirken? Sind Vater und Mutter bereit, eine Angelegenheit demütig richtigzustellen, wenn sie wegen einer geringfügigen Verfehlung überempfindlich reagiert haben? Eltern, die in dieser Hinsicht flexibel sind, vermeiden es, ihre Kinder unnötig zu reizen und sie Jehova zu entfremden (Epheser 6:4).

      8. Wie können Versammlungsälteste die Führung übernehmen, wenn es darum geht, sich den Bedürfnissen des Gebiets anzupassen?

      8 Auch Älteste müssen sich anpassen, wenn sich neue Umstände ergeben, natürlich ohne eindeutige Gesetze Gottes zu verwässern. Achtet ihr bei der Beaufsichtigung des Predigtwerks auf Veränderungen im Gebiet? Wenn sich die Lebensweise der Menschen in eurer Umgebung ändert, sollten gegebenenfalls der Abenddienst, der Straßendienst oder andere Formen des Zeugnisgebens gefördert werden. Uns entsprechend anzupassen ist eine Hilfe, unseren Predigtauftrag noch wirkungsvoller auszuführen (Matthäus 28:19, 20; 1. Korinther 9:26). Paulus war ebenfalls darauf bedacht, sich im Predigtdienst allen Arten von Menschen anzupassen. Tun wir es ihm gleich, beispielsweise dadurch, daß wir uns mit der Religion und der Kultur der Menschen in unserem Gebiet so weit vertraut machen, daß wir ihnen helfen können? (1. Korinther 9:19-23).

      9. Warum sollte ein Ältester nicht darauf bestehen, Probleme weiterhin so zu behandeln wie früher?

      9 Da die gegenwärtigen letzten Tage immer kritischer werden, müssen sich die Hirten nötigenfalls auf einige der unglaublich tiefgreifenden und unangenehmen Probleme einstellen, mit denen die Herde heute konfrontiert wird (2. Timotheus 3:1). Ihr Ältesten, heute ist nicht die Zeit für Unnachgiebigkeit! Kein Ältester sollte darauf bestehen, Probleme weiterhin so zu behandeln wie früher, wenn seine Methoden inzwischen überholt sind oder wenn es der „treue und verständige Sklave“ für angebracht gehalten hat, zu den entsprechenden Themen aktuellen Stoff zu veröffentlichen (Matthäus 24:45; vergleiche Prediger 7:10; 1. Korinther 7:31). Ein treuer Ältester bemühte sich aufrichtig, einer depressiven Schwester zu helfen, die unbedingt einen guten Zuhörer benötigte. Er schenkte ihren Depressionen jedoch keine große Beachtung und wartete mit ziemlich vereinfachten Lösungen auf. Dann veröffentlichte die Gesellschaft biblischen Aufschluß über genau das Problem, das die Schwester hatte. Der Älteste sprach unverzüglich noch einmal mit ihr, wobei er den neuen Aufschluß berücksichtigte und Mitgefühl für sie wegen ihres Leidens zeigte. (Vergleiche 1. Thessalonicher 5:14, 15.) Welch ein vortreffliches Beispiel für Vernünftigkeit!

      10. (a) Inwiefern müssen Älteste im Umgang miteinander und mit der Ältestenschaft flexibel sein? (b) Wie sollte die Ältestenschaft diejenigen betrachten, die sich unvernünftig verhalten?

      10 Älteste müssen auch im Umgang miteinander flexibel sein. Wie wichtig ist es doch, daß bei einer Zusammenkunft der Ältestenschaft kein Ältester das Vorgehen allein bestimmt! (Lukas 9:48). Der Bruder, der den Vorsitz hat, muß sich in dieser Hinsicht besondere Zurückhaltung auferlegen. Und wenn ein oder zwei Älteste mit einer Entscheidung der übrigen Ältesten nicht einiggehen, werden sie nicht darauf bestehen, ihren eigenen Weg zu gehen. Solange kein biblischer Grundsatz verletzt wird, werden sie statt dessen nachgeben und daran denken, daß Älteste vernünftig sein müssen (1. Timotheus 3:2, 3). Andererseits sollte die Ältestenschaft im Sinn behalten, daß Paulus die Versammlung in Korinth scharf rügte, weil sie ‘Unvernünftige ertrug’, die sich für ‘superfeine Apostel’ hielten (2. Korinther 11:5, 19, 20). Älteste sollten daher bereit sein, einem Mitältesten, der sich eigensinnig oder unvernünftig verhält, Rat zu erteilen, aber das sollte natürlich mit Milde und Freundlichkeit geschehen (Galater 6:1).

      Vernünftigkeit beim Ausüben von Autorität

      11. Auf welche unterschiedliche Weise übten seinerzeit die jüdischen geistlichen Führer und Jesus Autorität aus?

      11 Als sich Jesus auf der Erde befand, kam seine Vernünftigkeit gewiß durch die Art und Weise zum Ausdruck, wie er die ihm von Gott übertragene Autorität ausübte. Wie sehr er sich doch von den geistlichen Führern seiner Tage unterschied! Betrachten wir ein Beispiel: Gemäß Gottes Gesetz war am Sabbat jegliche Arbeit untersagt, selbst das Holzsammeln (2. Mose 20:10; 4. Mose 15:32-36). Die geistlichen Führer wollten bestimmen, wie das Volk das Gesetz anzuwenden hatte. Deshalb legten sie sogar genau fest, was jemand am Sabbat heben durfte. Ihre Regel lautete: Man darf nichts heben, was schwerer ist als zwei getrocknete Feigen. Sie verboten sogar, mit Nägeln beschlagene Sandalen zu tragen, mit der Begründung, daß das Hochheben des zusätzlichen Gewichts der Nägel eine Arbeit darstellt! Die Rabbiner sollen dem Gesetz Gottes über den Sabbat 39 Regeln hinzugefügt und zu diesen Regeln wiederum endlose Zusätze gemacht haben. Jesus versuchte dagegen das Volk nicht dadurch zu beherrschen, daß er es beschämt beziehungsweise endlose einschränkende Regeln aufgestellt oder strenge, unerreichbare Maßstäbe festgelegt hätte (Matthäus 23:2-4; Johannes 7:47-49).

      12. Warum können wir sagen, daß Jesus nicht von den gerechten Maßstäben Jehovas abrückte?

      12 Sollten wir daraus schließen, daß sich Jesus nicht unbedingt an Gottes gerechte Maßstäbe hielt? Mit Sicherheit hielt er daran fest! Ihm war allerdings klar, daß Gesetze dann am wirkungsvollsten sind, wenn sich Menschen die Grundsätze zu Herzen nehmen, die hinter den Gesetzen stehen. Während die Pharisäer darauf bedacht waren, die Menschen durch unzählige Regeln zu beherrschen, bemühte sich Jesus, das Herz zu erreichen. Er war sich durchaus bewußt, daß bei göttlichen Gesetzen wie zum Beispiel „Flieht vor der Hurerei“ keine Flexibilität möglich ist (1. Korinther 6:18). Deshalb warnte er das Volk vor Gedanken, die zu Unsittlichkeit führen können (Matthäus 5:28). Für solch eine Belehrung war weit mehr Weisheit und Unterscheidungsvermögen erforderlich als für das einfache Festlegen starrer, schablonenhafter Regeln.

      13. (a) Warum sollten sich Älteste davor hüten, starre Gesetze und Regeln aufzustellen? (b) Auf welchen Gebieten ist es wichtig, das Gewissen des einzelnen zu respektieren?

      13 Auch heute sind Brüder, die Verantwortung tragen, daran interessiert, Herzen zu erreichen. Aus diesem Grund hüten sie sich davor, willkürliche, starre Regeln aufzustellen oder ihre persönlichen Ansichten und Meinungen zum Gesetz zu erheben. (Vergleiche Daniel 6:7-16.) Freundliche Hinweise, die beispielsweise die Kleidung und die sonstige äußere Erscheinung betreffen, mögen von Zeit zu Zeit passend und angebracht sein, doch ein Ältester könnte seinen Ruf als vernünftiger Mann riskieren, wenn er dauernd davon redet oder etwas vorschreiben möchte, was lediglich seinem persönlichen Geschmack entspricht. Ja, alle in der Versammlung sollten sich davor hüten, über andere herrschen zu wollen. (Vergleiche 2. Korinther 1:24; Philipper 2:12.)

      14. Wie zeigte Jesus, daß er bei dem, was er von anderen erwartete, vernünftig war?

      14 Älteste sollten sich auch in anderer Hinsicht überprüfen: „Ist das vernünftig, was ich von anderen erwarte?“ Jesus war in dieser Hinsicht gewiß vernünftig. Er zeigte seinen Nachfolgern immer wieder, daß er von ihnen nicht mehr verlangte als ihre aufrichtigen Bemühungen und daß er diese sehr schätzte. Er lobte die arme Witwe, obwohl sie nur Münzen von geringem Wert spendete (Markus 12:42, 43). Als seine Jünger die kostspielige Gabe Marias kritisierten, wies er sie zurecht und sagte: „Laßt sie. ... Sie hat getan, was sie konnte“ (Markus 14:6, 8). Er war vernünftig, selbst als seine Nachfolger ihn enttäuschten. So forderte er in der Nacht seiner Verhaftung seine drei vertrautesten Apostel auf, mit ihm zu wachen, doch sie enttäuschten ihn, weil sie wiederholt einschliefen. Trotzdem äußerte er die mitfühlenden Worte: „Der Geist ist zwar voller Eifer, aber das Fleisch ist schwach“ (Markus 14:34-38).

      15, 16. (a) Warum sollten sich Älteste davor hüten, die Herde unter Druck zu setzen oder einzuschüchtern? (b) Was veranlaßte eine treue Schwester, von anderen nicht mehr soviel zu erwarten?

      15 Es stimmt, Jesus ermunterte seine Nachfolger, ‘alle Kraft daranzusetzen’ (Lukas 13:24, Albrecht). Aber er zwang sie niemals, das zu tun. Statt dessen regte er sie dazu an, gab ihnen ein Beispiel, übernahm die Führung und war darauf bedacht, ihr Herz zu erreichen. Er vertraute darauf, daß die Macht des Geistes Jehovas das übrige tun würde. Ebenso sollten Älteste heute die Herde zwar ermuntern, Jehova mit ungeteiltem Herzen zu dienen, aber sie müssen sich davor hüten, Schuld- oder Schamgefühle zu wecken, um die Herde einzuschüchtern, beispielsweise indem sie andeuten, daß das, was die Brüder und Schwestern gegenwärtig im Dienst für Jehova tun, in irgendeiner Hinsicht ungenügend oder unannehmbar sei. Wer mit Strenge dazu antreibt, immer noch mehr zu tun, kann diejenigen entmutigen, die bereits alles tun, was ihnen möglich ist. Wie traurig wäre es, wenn sich ein Ältester den Ruf erwerben würde, „schwer zufriedenzustellen“ zu sein — von Vernünftigkeit könnte man dann kaum noch sprechen! (1. Petrus 2:18).

      16 Wir alle sollten vernünftig sein und nicht zu hohe Erwartungen an andere stellen. Eine Schwester schrieb, nachdem sie und ihr Mann aus dem Missionardienst ausgeschieden waren, weil sie sich um ihre kranke Mutter kümmern mußten: „Die gegenwärtigen Zeiten sind für die Verkündiger hier draußen in den Versammlungen wirklich schwierig. Uns, die wir im Kreis- und Bezirksdienst vor vielen dieser Belastungen geschützt gewesen sind, wurde das unvermittelt und schmerzlich bewußt. Früher dachte ich beispielsweise oft bei mir: ‚Warum bietet die Schwester in diesem Monat nicht die richtigen Veröffentlichungen an? Liest sie denn nicht den Königreichsdienst?‘ Jetzt weiß ich, warum. Für manche ist es schon eine Leistung, überhaupt in den Dienst zu gehen.“ Wieviel besser ist es doch, unsere Brüder für das, was sie tun, zu loben, statt sie wegen etwas zu richten, was sie nicht tun!

      17. Wodurch gibt uns Jesus ein Beispiel für Vernünftigkeit?

      17 Betrachten wir ein letztes Beispiel, wie Jesus seine Autorität auf vernünftige Weise gebraucht. Wie sein Vater wacht Jesus nicht eifersüchtig über seine Autorität. Auch er zeichnet sich dadurch aus, daß er anderen Autorität überträgt, und so hat er seine treue Sklavenklasse über „seine ganze Habe“ hier auf der Erde gesetzt, damit sie sich darum kümmert (Matthäus 24:45-47). Und er hat keine Angst davor, sich die Meinung anderer anzuhören. Oft fragte er seine Zuhörer: „Was denkt ihr?“ (Matthäus 17:25; 18:12; 21:28; 22:42). So sollte es auch heute unter allen Nachfolgern Christi sein. Keine noch so große Autorität sollte sie veranlassen, das Zuhören für überflüssig zu halten. Ihr Eltern, hört zu! Ihr Ehemänner, hört zu! Ihr Ältesten, hört zu!

      18. (a) Wie könnten wir feststellen, ob wir in dem Ruf stehen, vernünftig zu sein? (b) Was sollten wir uns alle vornehmen?

      18 Gewiß möchte jeder von uns „in dem Ruf [stehen], vernünftig zu sein“ (Philipper 4:5, Phillips). Doch wie können wir herausfinden, ob wir in diesem Ruf stehen? Nun, als Jesus wissen wollte, was die Menschen über ihn sagten, fragte er seine vertrauten Gefährten (Matthäus 16:13). Warum nicht sein Beispiel nachahmen? Wir können jemand fragen, auf dessen Offenheit wir vertrauen, ob wir den Ruf haben, ein vernünftiger, flexibler Mensch zu sein. Sicher können wir alle viel tun, um Jesu vollkommenes Beispiel für Vernünftigkeit noch genauer nachzuahmen. Besonders wenn wir in einem gewissen Umfang Autorität über andere haben, müssen wir uns unbedingt an das Beispiel halten, das Jehova und Jesus geben, wir müssen Autorität stets auf vernünftige Weise ausüben und jederzeit bereit sein, zu vergeben, uns zu beugen oder nachzugeben, wenn es angebracht ist. Ja, jeder von uns sollte sich bemühen, vernünftig zu sein (Titus 3:2).

      [Fußnote]

      a In dem Buch Begriffe des Neuen Testaments heißt es: „Ein Mensch, der epieikes ist, weiß, daß manchmal etwas nach dem Gesetz durchaus gerecht und trotzdem moralisch völlig verkehrt sein kann. Ein Mensch, der epieikes ist, weiß, wann das Gesetz unter dem Zwang einer Macht gemildert werden muß, die höher und größer ist als das Gesetz.“

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