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Aus Elend geborenErwachet! 1996 | 22. August
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Aus Elend geboren
WAS heißt es, ein Flüchtling zu sein? Nehmen wir einmal folgendes an: Wir führen ein ungestörtes Leben; doch plötzlich gerät unsere Welt aus den Fugen. Über Nacht werden Nachbarn zu Feinden. Soldaten sind im Anmarsch, die unser Haus ausplündern und niederbrennen werden. Uns bleiben zehn Minuten zum Packen, dann müssen wir um unser Leben fliehen. Wir können nur eine kleine Tasche mitnehmen, weil wir das Gepäck viele Kilometer weit tragen müssen. Was packen wir ein?
Jetzt machen wir uns auf den Weg, Geschützdonner dringt an unser Ohr. Wir schließen uns anderen an, die ebenfalls flüchten. Tage vergehen; wir schleppen uns vorwärts, ausgehungert, durstig und unsagbar müde. Um zu überleben, müssen wir von unserem erschöpften Körper das eigentlich Unmögliche verlangen. Wir schlafen auf dem Boden. Auf Feldern suchen wir nach etwas Eßbarem.
Schließlich erreichen wir die Grenze zu einem sicheren Land, doch die Grenzposten lassen uns nicht hinüber. Sie durchsuchen unsere Tasche und nehmen uns alles Wertvolle weg. Wir machen einen anderen Grenzübergang ausfindig, wo wir die Grenze passieren können. Man steckt uns in ein schmutziges Flüchtlingslager, eingezäunt mit Stacheldraht. Obwohl wir mit Menschen zusammen sind, die unser Los teilen, sind wir verstört und fühlen uns allein gelassen.
Unsere Angehörigen und Freunde fehlen uns. Wir sind ganz und gar auf fremde Hilfe angewiesen. Es gibt keine Arbeit für uns, wir haben nichts zu tun. Wir kämpfen gegen Gefühle der Hoffnungslosigkeit, der Verzweiflung, des Zorns. Wir machen uns Sorgen um unsere Zukunft, weil wir wissen, daß wir wahrscheinlich nur vorübergehend in dem Lager bleiben werden. Schließlich ist das Lager kein Zuhause — es ist wie ein Warteraum oder ein Lagerhaus für Menschen, die überall unerwünscht sind. Wir fragen uns, ob wir gezwungenermaßen dorthin zurückkehren werden, von wo wir gekommen sind.
Das eben Geschilderte erleben heutzutage Millionen von Menschen. Nach Angaben des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) gibt es weltweit 27 Millionen Menschen, die vor Krieg oder vor Verfolgung geflüchtet sind. Weitere 23 Millionen wurden innerhalb ihres Heimatlandes umgesiedelt. Alles in allem sieht sich einer von 115 Erdbewohnern gezwungen zu flüchten. Meistens handelt es sich um Frauen und Kinder. Flüchtlinge, aus Krieg und Elend geboren, sind einer Welt preisgegeben, die sie nicht haben will, einer Welt, die sie abweist, nicht auf Grund dessen, wer sie sind, sondern, was sie sind.
Das Vorhandensein von Flüchtlingen ist ein Indikator für eine tiefgreifende Umwälzung, die sich weltweit vollzieht. Der UNHCR ließ verlauten: „Flüchtlinge sind das deutlichste Anzeichen für den Zerfall sozialer Strukturen. Sie bilden das letzte, augenfälligste Glied in einer Kette von Ursachen und Wirkungen, was das Ausmaß des sozialen und politischen Zusammenbruchs eines Landes anzeigt. Weltweit betrachtet, sind sie ein Barometer des momentanen Zustandes der menschlichen Zivilisation.“
Fachleute sagen, das Flüchtlingsproblem habe ein beispielloses Ausmaß angenommen und werde sich noch weiter verschärfen und ein Ende sei nicht abzusehen. Was hat zu dieser Situation geführt? Gibt es eine Lösung? Damit werden sich die nachfolgenden Artikel befassen.
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Immer mehr FlüchtlingeErwachet! 1996 | 22. August
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Immer mehr Flüchtlinge
KRIEGE, Hunger und Verfolgung haben der Menschheitsgeschichte zu den meisten Zeiten ein häßliches Gesicht verliehen. Infolgedessen gab es immer Menschen, die Aufnahme und Schutz nötig hatten. In der Vergangenheit haben Nationen und Völker Notleidenden Asyl gewährt.
Gesetze, die Asyl vorsahen, waren bei den Azteken, den Assyrern, den Griechen, den Hebräern, den Muslimen und bei anderen hoch angesehen. Der griechische Philosoph Platon schrieb vor über 2 300 Jahren: „Denn ohne Freunde und Verwandte dastehend, erregt der Fremde größeres Mitleid bei Menschen und Göttern ... Wem ... nur ein bißchen Voraussicht innewohnt, der wird sich sehr in acht nehmen, damit er ans Ziel des Lebens gelangt, ohne darin auch nur ein einziges Vergehen gegen Fremde begangen zu haben.“
Im 20. Jahrhundert ist die Zahl der Flüchtlinge sprunghaft gestiegen. In dem Bemühen, für die etwa 1,5 Millionen Flüchtlinge zu sorgen, die aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen waren, wurde 1951 die Organisation des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen errichtet. Sie sollte drei Jahre bestehenbleiben, denn man rechnete damit, daß sich die Flüchtlinge nach kurzer Zeit in die Gesellschaften integriert haben würden, die ihnen Asyl gewährt hatten. Danach, so dachte man, könne der UNHCR wieder aufgelöst werden.
Im Laufe der Jahrzehnte stieg die Zahl der Flüchtlinge jedoch ständig. 1975 gab es 2,4 Millionen Flüchtlinge. 1985 war die Zahl auf 10,5 Millionen angewachsen. Und 1995 belief sich die Zahl der Menschen, denen der UNHCR Schutz und Hilfe bot, schließlich auf 27,4 Millionen.
Viele hofften, daß mit dem Ende des kalten Krieges die Zeit anbrechen würde, in der das globale Flüchtlingsproblem gelöst werden würde; dem ist nicht so. Statt dessen haben historische oder ethnische Grenzen Völker gespalten, was zu Konflikten geführt hat. Angesichts grausamer Kriege begaben sich Menschen auf die Flucht, wissend, daß ihre Regierung ihnen keinen Schutz bieten konnte oder wollte. 1991 flohen zum Beispiel 2 Millionen Iraker in benachbarte Länder. Seit dieser Zeit sind schätzungsweise 735 000 Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien geflohen. 1994 sahen sich mehr als die Hälfte der 7,3 Millionen Ruander durch den Bürgerkrieg in ihrem Land zur Flucht aus ihrer Heimat gezwungen. Etwa 2,1 Millionen Ruander suchten Zuflucht in Nachbarländern.
Warum verschlimmert sich das Problem?
Es gibt mehrere Faktoren, die zu der Zunahme an Flüchtlingen beitragen. In manchen Ländern, zum Beispiel in Afghanistan und in Somalia, brach die Regierung zusammen. Infolgedessen brachten bewaffnete Milizen das Land unter ihre Kontrolle und plünderten die ländlichen Gegenden erbarmungslos, wodurch panikartige Fluchtbewegungen ausgelöst wurden.
In anderen Regionen haben Konflikte ihre Ursache in komplexen ethnischen oder religiösen Differenzen, wobei es den verfeindeten Parteien unter anderem hauptsächlich darum geht, die Zivilbevölkerung zu vertreiben. Ein UN-Vertreter sagte Mitte 1995 über den Krieg im ehemaligen Jugoslawien bedauernd: „Vielen fällt es ziemlich schwer, die Ursachen dieses Krieges zu verstehen, zum Beispiel, wer kämpft, und warum. Erst kommt es zu einem Massenexodus auf der einen Seite, drei Wochen später dann zu einem auf der anderen Seite. Da kommen selbst Leute kaum noch mit, die die Ereignisse mitverfolgen müssen.“
Moderne Waffen mit sehr zerstörerischer Kraft — wie Mehrfachraketenwerfer, Marschflugkörper oder Artillerie — vergrößern das Blutbad, und Konflikte weiten sich aus. Die Folge: noch mehr Flüchtlinge. Ungefähr 80 Prozent der Gesamtzahl an Flüchtlingen sind in letzter Zeit aus Entwicklungsländern in benachbarte Länder geflohen, die selbst Entwicklungsländer sind und nicht die Möglichkeiten haben, Asylsuchende zu betreuen.
Bei vielen Konflikten ist auch Nahrungsmangel für das Flüchtlingsproblem verantwortlich. Wenn Menschen hungern, weil zum Beispiel Konvois mit Hilfsgütern nicht durchgelassen werden, sind sie gezwungen zu fliehen. Die New York Times schrieb: „In Gegenden wie dem Horn von Afrika haben Dürre und Krieg das Land dermaßen zugerichtet, daß es nicht mehr genug zum Leben abwirft. Ob die Hunderttausende von Flüchtlingen nun vor dem Hunger oder vor dem Krieg fliehen, ist unerheblich.“
Die unerwünschten Millionen
Obwohl die Idee vom Asyl im Prinzip hochgehalten wird, versetzt die große Zahl Flüchtlinge die Länder in Schrecken. Diese Situation hat eine Parallele im alten Ägypten. Als Jakob und seine Familie in Ägypten Zuflucht suchten, um den verheerenden Auswirkungen einer 7 Jahre dauernden Hungersnot zu entkommen, wurden sie willkommen geheißen. Pharao ließ sie „im allerbesten Landesteil“ wohnen (1. Mose 47:1-6).
Mit der Zeit wurden die Israeliten jedoch immer zahlreicher, „so daß das Land mit ihnen gefüllt wurde“. Die Ägypter reagierten darauf mit Härte, doch „je mehr man sie [die Israeliten] ... bedrückte, um so mehr vermehrten sie sich und um so mehr breiteten sie sich ständig aus, so daß es ihnen [den Ägyptern] vor den Söhnen Israels graute“ (2. Mose 1:7, 12).
Ähnlich es ist heute: Angesichts der stetig wachsenden Zahl von Flüchtlingen graut es den Staaten vor ihnen. Ein Hauptgrund für ihre Besorgnis ist der wirtschaftliche Aspekt. Millionen Flüchtlinge mit Nahrung und Kleidung zu versorgen, sie unterzubringen und ihnen Schutz zu bieten kostet eine Menge Geld. Von 1984 bis 1993 sind die jährlichen Ausgaben des UNHCR von 444 Millionen Dollar auf 1,3 Milliarden Dollar gestiegen. Das meiste Geld wird von wohlhabenden Ländern gespendet, von denen einige selbst wirtschaftliche Probleme haben. Die Klage der Spenderländer lautet manchmal: „Wir haben alle Mühe, den Obdachlosen auf unseren eigenen Straßen zu helfen. Wie können wir da für die Obdachlosen der ganzen Welt verantwortlich sein, vor allem wenn das Problem statt kleiner eher größer wird?“
Was kompliziert die Sache?
Die Flüchtlinge, die ein wohlhabendes Land erreichen, stellen häufig fest, daß sich ihre Lage durch die vielen tausend Menschen, die aus wirtschaftlichen Gründen in das gleiche Land emigriert sind, kompliziert. Diese Wirtschaftsmigranten flüchten nicht vor Krieg oder vor Hunger. Sie sind vielmehr auf der Suche nach einem besseren Leben — nach einem Leben ohne Armut. Da sie oftmals vorgeben, Flüchtlinge zu sein, und die Anlaufstellen für Asylsuchende mit ihren falschen Behauptungen beschäftigt halten, erschweren sie es den echten Flüchtlingen, eine faire Chance zu bekommen und angehört zu werden.a
Die zahllosen Flüchtlinge und Migranten sind mit zwei Strömen verglichen worden, die über Jahre nebeneinander in die wohlhabenden Länder flossen. Der Strom der Wirtschaftsmigranten ist jedoch durch immer strengere Einwanderungsgesetze gestoppt worden. Somit hat er sich mit dem Strom der Flüchtlinge vereinigt, und der neu entstandene Strom ist über die Ufer getreten und hat zu einer Überflutung geführt.
Da die Wirtschaftsmigranten wissen, daß die Bearbeitung ihres Asylantrags Jahre dauern kann, sagen sie sich, daß sie aus ihrer Situation so oder so einen Vorteil ziehen werden. Wird ihr Antrag bewilligt, dürfen sie in einem wirtschaftlich stärkeren Land bleiben. Wird er abgewiesen, haben sie zumindest in der Zwischenzeit etwas Geld verdient und sich Fertigkeiten angeeignet, die sie in ihrer Heimat gebrauchen können.
Je stärker der Strom der echten und der angeblichen Flüchtlinge anschwillt, desto mehr Länder verschließen ihre Tore. Einige Länder weisen Flüchtlinge an der Grenze ab. Andere haben Gesetze erlassen oder Verfahrensweisen angeordnet, die genauso wirksam sind, wenn es darum geht, Flüchtlingen die Einreise zu verweigern. Wieder andere Länder haben Flüchtlinge in das Land abgeschoben, aus dem sie geflohen sind. In einer Veröffentlichung des UNHCR heißt es: „Der nicht nachlassende Anstieg der Zahlen sowohl tatsächlicher Flüchtlinge als auch von Wirtschaftsmigranten hat die 3500 Jahre alte Tradition des Asyls einer schweren Belastungsprobe ausgesetzt und sie fast zum Zusammenbruch gebracht.“
Haß und Angst
Das Los der Flüchtlinge wird noch verschlimmert durch das Schreckgespenst Xenophobie — die Angst vor Fremden oder der Haß auf sie. In vielen Ländern sind die Leute der Meinung, Fremde würden ihre nationale Identität, ihre Kultur und ihre Arbeitsplätze gefährden. Ängste dieser Art entladen sich manches Mal in Gewalt. Die Zeitschrift Flüchtlinge schrieb: „Alle drei Minuten findet in Europa ein rassistisch motivierter Überfall statt. Ziel ist oftmals ein Aufnahmezentrum für Asylsuchende.“
In einem mitteleuropäischen Land gibt es ein Plakat, das eine tiefe Feindlichkeit zum Ausdruck bringt, eine Feindlichkeit, die in vielen Ländern zunehmend zu beobachten ist. Die gehässige Botschaft zielt auf Ausländer ab. Sie lautet: „Sie sind ein ekelhafter und schmerzhafter Abszeß in unserem Land, eine Volksgruppe ohne jede Kultur, ohne moralische und religiöse Ideale, eine Bande von Nomaden, die nur stehlen und rauben. Schmutzig und verlaust wie sie sind, bevölkern sie Straßen und Bahnhöfe. Sollen sie doch ihre dreckigen Lumpen packen und für immer fortgehen!“
Natürlich würden die meisten Flüchtlinge nichts lieber tun als für immer fortgehen. Nur zu gern würden sie in ihre Heimat zurückkehren. Sie sehnen sich danach, ein friedliches und normales Leben mit ihren Angehörigen und Freunden zu führen. Aber sie haben kein Zuhause, wohin sie gehen könnten.
[Fußnote]
a Im Jahr 1993 wendeten allein die westeuropäischen Regierungen 11,6 Milliarden Dollar für die Aufnahme von Asylsuchenden und die Bearbeitung von Asylanträgen auf.
[Kasten/Bild auf Seite 6]
Das Los der Flüchtlinge
„Wußten Sie, daß Hunderttausende von Flüchtlingskindern jede Nacht hungrig einschlafen müssen? Daß nur jedes achte Flüchtlingskind jemals eine Schule besuchen konnte? Die meisten dieser Kinder sind noch nie im Kino gewesen, oder in einem Park, schon gar nicht in einem Museum. Viele wachsen hinter Stacheldraht oder in Lagern auf, isoliert von der Außenwelt. Noch nie haben sie eine Kuh oder einen Hund gesehen. Zu viele Flüchtlingskinder kennen Gras nur als etwas, das man essen kann, nicht als Spielfeld zum Herumtollen. Die Arbeit für Flüchtlingskinder bildet den traurigsten Teil meiner Aufgabe“ (Sadako Ogata, Hohe Flüchtlingskommissarin der Vereinten Nationen).
[Bildnachweis]
Foto: U.S. Navy
[Kasten auf Seite 8]
Jesus war ein Flüchtling
Joseph und Maria wohnten mit ihrem Sohn Jesus in Bethlehem. Astrologen aus dem Osten brachten Jesus Geschenke — Gold, duftendes Harz und Myrrhe. Nach ihrer Abreise erschien Joseph ein Engel und sagte zu ihm: „Steh auf, nimm das kleine Kind und seine Mutter, und flieh nach Ägypten, und halte dich dort auf, bis ich dir Bescheid gebe; denn Herodes ist im Begriff, nach dem kleinen Kind zu suchen, um es zu vernichten“ (Matthäus 2:13).
Die drei machten sich schnell auf und baten um Asyl in einem fremden Land — sie wurden Flüchtlinge. Herodes war sehr zornig darüber, daß die Astrologen ihm nicht berichtet hatten, wo derjenige zu finden war, der, wie vorausgesagt, König der Juden werden sollte. Herodes, der den Tod Jesu wollte, befahl seinen Männern, alle kleinen Jungen in und um Bethlehem umzubringen — doch Jesus entkam.
Joseph blieb mit seiner Familie in Ägypten, bis Gottes Engel ihm erneut in einem Traum erschien. Er sagte: „Steh auf, nimm das kleine Kind und seine Mutter, und zieh in das Land Israel, denn die, die dem kleinen Kind nach der Seele trachteten, sind tot“ (Matthäus 2:20).
Offensichtlich beabsichtigte Joseph, sich in Judäa niederzulassen, denn dort hatte er mit seiner Familie vor der Flucht nach Ägypten gelebt. Er wurde jedoch in einem Traum gewarnt, daß dies gefährlich sei. Somit war ihr Leben erneut von Gewalt bedroht. Joseph, Maria und Jesus begaben sich in den Norden, nach Galiläa, wo sie sich in der Stadt Nazareth niederließen.
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Ein Modell für die Behandlung von FlüchtlingenErwachet! 1996 | 22. August
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Ein Modell für die Behandlung von Flüchtlingen
DAS Gesetz, das Jehova Gott der Nation Israel gab, erinnerte die Israeliten an ihre Lage als Flüchtlinge in Ägypten (2. Mose 22:21; 23:9; 5. Mose 10:19). Sie wurden durch das Gesetz angewiesen, ansässige Fremdlinge freundlich zu behandeln, sogar wie Brüder.
Gottes Gesetz lautete: „Falls ein ansässiger Fremdling [bei dem es sich häufig um einen Flüchtling handelte] bei dir in eurem Land als Fremdling weilt, sollt ihr ihn nicht schlecht behandeln. Der ansässige Fremdling, der als Fremdling bei euch weilt, sollte euch wie einer eurer Einheimischen werden; und du sollst ihn lieben wie dich selbst, denn ansässige Fremdlinge wurdet ihr im Land Ägypten“ (3. Mose 19:33, 34).
Jehova, der wußte, daß sich ansässige Fremdlinge oftmals in einer unsicheren und hilflosen Lage befanden, erließ speziell zu ihrem Schutz und Wohlergehen Gesetze. Betrachten wir, welche Rechte ihnen garantiert wurden.
DAS RECHT AUF EINE FAIRE BEHANDLUNG VOR GERICHT: „E i n e richterliche Entscheidung sollte für euch gelten. Es sollte sich erweisen, daß der ansässige Fremdling so wie der Einheimische ist.“ „Das Recht des ansässigen Fremdlings ... sollst du nicht beugen“ (3. Mose 24:22; 5. Mose 24:17).
DAS RECHT AUF EINEN ANTEIL AM ZEHNTEN: „Am Ende von drei Jahren wirst du den ganzen Zehnten deines Ertrages in jenem Jahr herausbringen, und du sollst ihn innerhalb deiner Tore niederlegen. Und der Levit — weil er weder Anteil noch Erbbesitz mit dir hat — und der ansässige Fremdling und der vaterlose Knabe und die Witwe, die innerhalb deiner Tore sind, sollen kommen, und sie sollen essen und sich sättigen“ (5. Mose 14:28, 29).
DAS RECHT AUF ANGEMESSENEN LOHN: „Du sollst einen Lohnarbeiter, der Not leidet und arm ist, nicht übervorteilen, sei er einer deiner Brüder oder deiner ansässigen Fremdlinge, die sich in deinem Land, innerhalb deiner Tore, befinden“ (5. Mose 24:14).
DAS RECHT AUF ASYL FÜR EINEN UNABSICHTLICHEN TOTSCHLÄGER: „Den Söhnen Israels und dem ansässigen Fremdling und dem Ansiedler in ihrer Mitte werden diese sechs Städte zur Zuflucht dienen, damit jeder dorthin flieht, der eine Seele unabsichtlich erschlägt“ (4. Mose 35:15).
DAS RECHT AUF DAS SAMMELN DER NACHLESE: „Wenn ihr die Ernte eures Landes einbringt, sollst du den Rand deines Feldes nicht ganz abernten, und du sollst keine Nachlese deiner Ernte halten. Auch sollst du das Übriggebliebene von deinem Weingarten nicht sammeln, und du sollst die zerstreuten Trauben deines Weingartens nicht auflesen. Dem Niedergedrückten und dem ansässigen Fremdling solltest du sie überlassen. Ich bin Jehova, euer Gott“ (3. Mose 19:9, 10).
Ganz gewiß hat unser Schöpfer, Jehova Gott, Mitleid mit Flüchtlingen, und er sieht es gern, wenn wir ebenso reagieren. „Werdet Nachahmer Gottes“, schrieb der christliche Apostel Paulus, „und wandelt weiterhin in der Liebe“ (Epheser 5:1, 2).
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Was ist die Lösung?Erwachet! 1996 | 22. August
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Was ist die Lösung?
DIE Lage der Flüchtlinge ist nicht gänzlich hoffnungslos. Weltweit bemühen sich humanitäre Organisationen, den auf Grund von Krieg oder von anderen Problemen Vertriebenen zu helfen. Das tun sie unter anderem hauptsächlich dadurch, daß sie Flüchtlinge bei der Rückkehr in ihre Heimatländer unterstützen.
Flüchtlinge verlassen ihr Heim, ihren Wohnort und ihr Land aus Angst vor Mord, Folter, Vergewaltigung, Gefängnis, Sklaverei, Raub oder dem Hungertod. Demnach müssen zuerst die Probleme, die sie zur Flucht veranlaßt haben, gelöst werden, bevor sie ohne Bedenken nach Hause zurückkehren können. Selbst wenn ein bewaffneter Konflikt beigelegt ist, hält das Fehlen von Gesetz und Ordnung die Menschen oft davon ab heimzukehren. Agnes, Mutter von sechs Kindern und Flüchtling aus Ruanda, sagte: „Uns nach Ruanda zurückzubringen würde bedeuten, uns ins Grab zu bringen.“
Immerhin sind seit 1989 mehr als 9 Millionen Flüchtlinge in ihr Heimatland zurückgekehrt. Etwa 3,6 Millionen davon kehrten vom Iran und von Pakistan nach Afghanistan zurück. Weitere 1,6 Millionen Flüchtlinge kehrten aus sechs verschiedenen Ländern nach Mosambik heim, einem Land, das durch einen 16 Jahre dauernden Bürgerkrieg ruiniert wurde.
Die Heimkehr ist nicht einfach. Oftmals sind die Länder, in die die Flüchtlinge zurückgehen, verwüstet — Dörfer liegen in Trümmern, Brücken sind zerstört, Straßen und Felder sind mit Minen gespickt. Somit müssen die Flüchtlinge ganz von vorn anfangen; sie müssen nicht nur ihr Leben reorganisieren, sondern auch Häuser, Schulen, Krankenhäuser und alles andere wieder aufbauen.
Doch selbst wenn an einem Ort die Flammen eines Konflikts gelöscht sind und die Menschen zurückkehren können, brechen irgendwo anders neue Konflikte aus, die neue Flüchtlingsströme auslösen. Das Flüchtlingsproblem zu lösen setzt daher voraus, die mit Krieg, mit Unterdrückung, mit Haß, mit Verfolgung und mit anderen Faktoren zusammenhängenden Probleme zu lösen, die Menschen zur Flucht veranlassen.
In dem Werk Zur Lage der Flüchtlinge in der Welt 1995/96 wird eingeräumt: „Niemand kommt ... an der Tatsache vorbei, daß Lösungen [der Flüchtlingskrise] letztlich von politischen, militärischen und wirtschaftlichen Faktoren abhängig sind, auf die humanitäre Organisationen keinen Einfluß haben.“ Gemäß der Bibel kann keine irdische Organisation, sei es eine humanitäre oder eine andere, Lösungen bieten.
Eine Welt ohne Flüchtlinge
Es gibt jedoch eine Lösung. Wie die Bibel zeigt, interessiert sich Jehova Gott für diejenigen, die aus ihrer Heimat vertrieben und von ihren Angehörigen getrennt werden. Im Gegensatz zu den menschlichen Regierungen besitzt Gott sowohl die Macht als auch die Weisheit, all die vielschichtigen Probleme der Menschheit zu lösen. Das wird er durch sein Königreich tun — die himmlische Regierung, die bald die Kontrolle über die Angelegenheiten auf der Erde übernehmen wird.
Gottes Königreich wird alle menschlichen Regierungen ablösen. An Stelle vieler Regierungen auf der Erde — wie das heute der Fall ist — wird es nur eine einzige Regierung geben, die über den gesamten Planeten herrschen wird. Die Bibel sagt voraus: „Der Gott des Himmels [wird] ein Königreich aufrichten, das nie zugrunde gerichtet werden wird. Und das Königreich selbst wird an kein anderes Volk übergehen. Es wird alle diese Königreiche zermalmen und ihnen ein Ende bereiten, und selbst wird es für unabsehbare Zeiten bestehen“ (Daniel 2:44).
Womöglich kennen wir das Mustergebet, das in der Bibel in Matthäus 6:9-13 aufgezeichnet ist. Darin heißt es auszugsweise: „Dein Königreich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auch auf der Erde.“ Im Einklang mit diesem Gebet wird Gottes Königreich bald „kommen“, um Gottes Vorsatz in bezug auf die Erde auszuführen.
Unter der liebevollen Herrschaft des Königreiches Gottes werden weltweit Frieden und Sicherheit herrschen. Haß und Kämpfe zwischen Völkern und Nationen wird es nicht mehr geben (Psalm 46:9). Nie mehr werden Millionen Menschen um ihres Lebens willen fliehen müssen oder in Lagern dahinvegetieren.
Gottes Wort verheißt, daß der König des Königreiches Gottes, Christus Jesus, „den Armen befreien [wird], der um Hilfe ruft, auch den Niedergedrückten und jeden, der keinen Helfer hat. Es wird ihm leid sein um den Geringen und den Armen, und die Seelen der Armen wird er retten. Von Bedrückung und von Gewalttat wird er ihre Seele erlösen, und ihr Blut wird kostbar sein in seinen Augen“ (Psalm 72:12-14).
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