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Aus Elend geborenErwachet! 1996 | 22. August
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Das eben Geschilderte erleben heutzutage Millionen von Menschen. Nach Angaben des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) gibt es weltweit 27 Millionen Menschen, die vor Krieg oder vor Verfolgung geflüchtet sind. Weitere 23 Millionen wurden innerhalb ihres Heimatlandes umgesiedelt. Alles in allem sieht sich einer von 115 Erdbewohnern gezwungen zu flüchten. Meistens handelt es sich um Frauen und Kinder. Flüchtlinge, aus Krieg und Elend geboren, sind einer Welt preisgegeben, die sie nicht haben will, einer Welt, die sie abweist, nicht auf Grund dessen, wer sie sind, sondern, was sie sind.
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Immer mehr FlüchtlingeErwachet! 1996 | 22. August
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Immer mehr Flüchtlinge
KRIEGE, Hunger und Verfolgung haben der Menschheitsgeschichte zu den meisten Zeiten ein häßliches Gesicht verliehen. Infolgedessen gab es immer Menschen, die Aufnahme und Schutz nötig hatten. In der Vergangenheit haben Nationen und Völker Notleidenden Asyl gewährt.
Gesetze, die Asyl vorsahen, waren bei den Azteken, den Assyrern, den Griechen, den Hebräern, den Muslimen und bei anderen hoch angesehen. Der griechische Philosoph Platon schrieb vor über 2 300 Jahren: „Denn ohne Freunde und Verwandte dastehend, erregt der Fremde größeres Mitleid bei Menschen und Göttern ... Wem ... nur ein bißchen Voraussicht innewohnt, der wird sich sehr in acht nehmen, damit er ans Ziel des Lebens gelangt, ohne darin auch nur ein einziges Vergehen gegen Fremde begangen zu haben.“
Im 20. Jahrhundert ist die Zahl der Flüchtlinge sprunghaft gestiegen. In dem Bemühen, für die etwa 1,5 Millionen Flüchtlinge zu sorgen, die aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen waren, wurde 1951 die Organisation des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen errichtet. Sie sollte drei Jahre bestehenbleiben, denn man rechnete damit, daß sich die Flüchtlinge nach kurzer Zeit in die Gesellschaften integriert haben würden, die ihnen Asyl gewährt hatten. Danach, so dachte man, könne der UNHCR wieder aufgelöst werden.
Im Laufe der Jahrzehnte stieg die Zahl der Flüchtlinge jedoch ständig. 1975 gab es 2,4 Millionen Flüchtlinge. 1985 war die Zahl auf 10,5 Millionen angewachsen. Und 1995 belief sich die Zahl der Menschen, denen der UNHCR Schutz und Hilfe bot, schließlich auf 27,4 Millionen.
Viele hofften, daß mit dem Ende des kalten Krieges die Zeit anbrechen würde, in der das globale Flüchtlingsproblem gelöst werden würde; dem ist nicht so. Statt dessen haben historische oder ethnische Grenzen Völker gespalten, was zu Konflikten geführt hat. Angesichts grausamer Kriege begaben sich Menschen auf die Flucht, wissend, daß ihre Regierung ihnen keinen Schutz bieten konnte oder wollte. 1991 flohen zum Beispiel 2 Millionen Iraker in benachbarte Länder. Seit dieser Zeit sind schätzungsweise 735 000 Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien geflohen. 1994 sahen sich mehr als die Hälfte der 7,3 Millionen Ruander durch den Bürgerkrieg in ihrem Land zur Flucht aus ihrer Heimat gezwungen. Etwa 2,1 Millionen Ruander suchten Zuflucht in Nachbarländern.
Warum verschlimmert sich das Problem?
Es gibt mehrere Faktoren, die zu der Zunahme an Flüchtlingen beitragen. In manchen Ländern, zum Beispiel in Afghanistan und in Somalia, brach die Regierung zusammen. Infolgedessen brachten bewaffnete Milizen das Land unter ihre Kontrolle und plünderten die ländlichen Gegenden erbarmungslos, wodurch panikartige Fluchtbewegungen ausgelöst wurden.
In anderen Regionen haben Konflikte ihre Ursache in komplexen ethnischen oder religiösen Differenzen, wobei es den verfeindeten Parteien unter anderem hauptsächlich darum geht, die Zivilbevölkerung zu vertreiben. Ein UN-Vertreter sagte Mitte 1995 über den Krieg im ehemaligen Jugoslawien bedauernd: „Vielen fällt es ziemlich schwer, die Ursachen dieses Krieges zu verstehen, zum Beispiel, wer kämpft, und warum. Erst kommt es zu einem Massenexodus auf der einen Seite, drei Wochen später dann zu einem auf der anderen Seite. Da kommen selbst Leute kaum noch mit, die die Ereignisse mitverfolgen müssen.“
Moderne Waffen mit sehr zerstörerischer Kraft — wie Mehrfachraketenwerfer, Marschflugkörper oder Artillerie — vergrößern das Blutbad, und Konflikte weiten sich aus. Die Folge: noch mehr Flüchtlinge. Ungefähr 80 Prozent der Gesamtzahl an Flüchtlingen sind in letzter Zeit aus Entwicklungsländern in benachbarte Länder geflohen, die selbst Entwicklungsländer sind und nicht die Möglichkeiten haben, Asylsuchende zu betreuen.
Bei vielen Konflikten ist auch Nahrungsmangel für das Flüchtlingsproblem verantwortlich. Wenn Menschen hungern, weil zum Beispiel Konvois mit Hilfsgütern nicht durchgelassen werden, sind sie gezwungen zu fliehen. Die New York Times schrieb: „In Gegenden wie dem Horn von Afrika haben Dürre und Krieg das Land dermaßen zugerichtet, daß es nicht mehr genug zum Leben abwirft. Ob die Hunderttausende von Flüchtlingen nun vor dem Hunger oder vor dem Krieg fliehen, ist unerheblich.“
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