-
Die Reformation — Die Suche nach Gott auf neuen WegenDie Suche der Menschheit nach Gott
-
-
Die Entstehung des Kalvinismus
34. (a) Wer war Johannes Calvin? (b) Welches wichtige Buch verfaßte er?
34 In der Schweiz machte die Reformation unter Führung des Franzosen Jean Cauvin oder Johannes Calvin (1509 bis 1564) weitere Fortschritte. Calvin kam während seiner Studienzeit in Frankreich mit den Lehren des Protestantismus in Berührung. Im Jahre 1534 verließ er Paris, um der religiösen Verfolgung zu entgehen, und ließ sich in Basel nieder. Er schrieb zur Verteidigung des Protestantismus die Institutio Christianae Religionis, in der er die Gedanken der alten Kirchenväter und der mittelalterlichen Theologen zusammenfaßte sowie die Lehren Luthers und Zwinglis. Das Werk wurde die Dogmatik aller reformierten Kirchen, die später in Europa und in Amerika gegründet wurden.
35. (a) Wie erklärte Calvin seine Prädestinationslehre? (b) Wie spiegelte sich die Strenge dieser Lehre in anderen Aspekten seiner Lehren wider?
35 In der Institutio legte er auch seine Theologie dar. Gott ist für Calvin der absolute Souverän, dessen Wille alles bestimmt und beherrscht. Der Mensch dagegen ist sündig und völlig unwürdig. Das Heil ist deshalb nicht von den guten Werken des Menschen abhängig, sondern von Gott — das erklärt Calvins Prädestinationslehre, über die er schrieb:
„Was also die Schrift klar zeigt, sagen wir: daß durch einen ewigen und unveränderlichen Ratschluß Gott einmal festgesetzt hat, welche er einst einmal zum Heile annehmen, umgekehrt, welche er dem Untergang weihen wollte. Wir behaupten, daß dieser Ratschluß, sofern er sich auf die Erwählten bezieht, in seiner gnädigen Barmherzigkeit ohne irgendwelche Rücksicht auf menschliche Würdigkeit begründet ist. Denen aber, die er der Verdammnis überantwortet, wird durch einen freilich gerechten und unanfechtbaren, aber unverstehbaren Richterspruch Gottes selbst der Zugang zum Leben verschlossen.“
Die Strenge einer solchen Lehre spiegelt sich auch auf anderen Gebieten wider. Gemäß Calvin müssen Christen ein heiliges und tugendhaftes Leben führen. Sie müssen sich nicht nur der Sünde, sondern auch der Genüsse und jeglicher Leichtfertigkeit enthalten. Ferner erklärte er, daß die Kirche, die aus den Erwählten bestehe, von allen staatlichen Restriktionen befreit werden müsse und daß nur durch die Kirche eine wahrhaft gottgefällige Gesellschaft errichtet werden könne.
36. (a) Was beabsichtigten Calvin und Farel aus Genf zu machen? (b) Welche strengen Vorschriften wurden erlassen? (c) Welcher berüchtigte Fall war die Folge von Calvins drastischen Maßnahmen, und wie rechtfertigte er sein Vorgehen?
36 Kurz nachdem Calvin seine Institutio veröffentlicht hatte, wurde er von Guillaume Farel (ebenfalls ein Reformator aus Frankreich) überredet, sich in Genf niederzulassen. Gemeinsam bemühten sie sich, den Kalvinismus zu verwirklichen. Sie beabsichtigten, aus Genf eine Stadt Gottes zu machen, eine Theokratie oder Gottesherrschaft, indem die Aufgaben der Kirche und des Staates miteinander vereint wurden. Sie erließen für alles strenge Vorschriften, die bei Nichtbeachtung Strafen nach sich zogen, angefangen von der religiösen Unterweisung und dem Gottesdienst in der Kirche bis hin zu der öffentlichen Moral, ja sogar für solche Dinge wie Gesundheitswesen und Brandschutz. In einem Geschichtswerk wird berichtet, daß „eine Friseuse zum Beispiel zwei Tage ins Gefängnis mußte, weil sie eine Braut in einer Weise frisiert hatte, die als unziemlich empfunden wurde, ebenso erging es der Mutter und zwei Freundinnen, die der Friseuse geholfen hatten. Der Stadtrat bestrafte auch Tanzen und Kartenspielen.“ Hart ging man mit denen um, die Calvins Theologie widersprachen. Der berüchtigtste Fall ist der des Spaniers Miguel Serveto (Michel Servet), der verbrannt wurde. (Siehe Kasten, Seite 322.)
37. Wie kam es, daß sich Calvins Einfluß weit über die Grenzen der Schweiz hinaus erstreckte?
37 Calvin vertrat in Genf bis zu seinem Tod im Jahre 1564 sein reformiertes Bekenntnis, und die reformierte Kirche wurde fest begründet. Protestantische Reformatoren, die anderswo verfolgt wurden, kamen nach Genf, lernten die Lehren Calvins kennen und riefen dann reformatorische Bewegungen in ihren Heimatländern ins Leben. Der Kalvinismus verbreitete sich bald in Frankreich, wo die Hugenotten (Bezeichnung für die französischen kalvinistischen Protestanten) von den Katholiken grausam verfolgt wurden. In den Niederlanden trugen die Kalvinisten zur Gründung der Niederländischen Reformierten Kirche bei. In Schottland wurde unter der Führung eines ehemaligen Priesters, des eifrigen John Knox, die kalvinistisch ausgerichtete presbyterianische Kirche von Schottland gegründet. Der Kalvinismus spielte auch bei der Reformation in England eine Rolle, und von dort aus wurde er durch die Puritaner nach Nordamerika getragen. Man kann sagen, daß Calvin einen größeren Einfluß auf die Entwicklung der Reformation hatte als Luther, obschon Luther sie in Gang setzte.
-
-
Die Reformation — Die Suche nach Gott auf neuen WegenDie Suche der Menschheit nach Gott
-
-
Weil Servet offen gegen die Trinität sprach, wurde er von der katholischen Kirche verurteilt. Verhaftet aber haben ihn die Kalvinisten, die ihm auch den Prozeß machten und ihn an einem Pfahl langsam verbrannten. Calvin rechtfertigte sein Vorgehen mit den Worten: „Wenn schon die Papisten sich als solch heftige und leidenschaftliche Verteidiger ihres Aberglaubens erweisen, daß sie in so schrecklicher Raserei unschuldiges Blut vergießen; sollte es die christliche Obrigkeit nicht mit tiefer Scham erfüllen, denselben im Eifer für die Erhaltung der rechten Wahrheit so gar nichts voraus zu haben?“ Calvins religiöser Fanatismus und sein Haß verhinderten ein gerechtes Urteil und die Anwendung christlicher Grundsätze. (Vergleiche Matthäus 5:44.)
[Bilder]
Johannes Calvin (links) ließ Michel Servet (rechts) als Ketzer zu Asche verbrennen
-