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  • Tierversuche — Segen oder Fluch?
    Erwachet! 1990 | 8. Juli
    • Tierversuche — Segen oder Fluch?

      SOFERN du zu den vielen Millionen Menschen gehörst, die das Licht der Welt zu Beginn dieses Jahrhunderts erblickt haben, weißt du höchstwahrscheinlich, daß deine Lebenslänge bei weitem die Lebenserwartung der Menschen, die bei deiner Geburt zugegen waren — Eltern und Arzt oder Hebamme —, übertroffen hat. Wurdest du in den Vereinigten Staaten, in Kanada oder in Europa geboren, dann lag deine Lebenserwartung im Jahr 1900 bei etwa 47 Jahren. In anderen Teilen der Welt war sie noch niedriger. Heute liegt die Lebenserwartung in vielen Ländern bei über 70 Jahren.

      Doch ungeachtet, wie alt wir sind, leben wir in einer paradoxen Zeit. Unsere Großeltern und Urgroßeltern waren Zeuge vieler unkontrollierbarer Krankheiten, die ihre Generation dezimierten. Die Pocken kosteten beispielsweise jährlich Abertausende das Leben und zeichneten Millionen für den Rest ihres Lebens. Grippeepidemien forderten ihren Tribut — bei einer einzigen Epidemie fanden in nur einem Jahr (1918/19) 20 Millionen den Tod. Im Anschluß an den Ersten Weltkrieg raffte eine Typhusepidemie in Rußland 3 Millionen Menschen dahin. In vielen anderen Ländern kam es während des Zweiten Weltkrieges ebenfalls zu Typhusepidemien. Nach Schätzungen erlag jeder vierte Infizierte der Krankheit.

      Die furchtbare Kinderlähmung, auch als Poliomyelitis bekannt, dezimierte die Weltbevölkerung jährlich um etwa 30 000 Menschen, weitere Tausende, besonders Kinder, hat die Krankheit verkrüppelt. Nicht zu vergessen auch die Kinder, die ihre erste Begegnung mit Fleckfieber, Diphtherie, Scharlach, Masern, Keuchhusten oder einer Lungenentzündung nicht überlebten. Die Liste scheint endlos zu sein. Durchschnittlich starben von 100 000 Kindern, die 1915 geboren wurden, 10 000 vor ihrem ersten Geburtstag. Gehirntumoren waren inoperabel. Die Möglichkeit, verstopfte Arterien wieder zu öffnen, war unbekannt. Herzinfarkten standen die Ärzte machtlos gegenüber, und Krebs bedeutete den sicheren Tod.

      Doch trotz der todbringenden Plagen, die die Welt seit dem Ende des letzten Jahrhunderts heimgesucht haben, ist die Lebenserwartung des Menschen um etwa 25 Jahre gestiegen. In vielen Teilen der Welt hat ein Kind, das heute geboren wird, eine Lebenserwartung von ungefähr 70 Jahren.

      Der Preis der Lebensverlängerung

      An den tödlichen Krankheiten, auf deren Konto der vorzeitige Tod vieler Angehöriger früherer Generationen ging, erkranken glücklicherweise die jungen Menschen heute kaum noch. Allerdings würde es ihnen sicherlich keine große Freude machen, zu erfahren, daß viele ihrer Streicheltiere — wie z. B. Hunde, Katzen und Kaninchen — für die medizinische Forschung geopfert wurden, auf daß „der Mensch länger und gesünder lebe“, wie die Wissenschaftler es gern ausdrücken.

      So gut wie alle Krankheiten, die man in diesem Jahrhundert ausgemerzt oder unter Kontrolle gebracht hat (Kinderlähmung, Diphtherie, Mumps, Masern, Röteln, Pocken und andere), wurden mittels Tierversuchen besiegt. Narkotika und Schmerzmittel, die intravenöse Ernährung und Medikation, Strahlen- und Chemotherapie gegen Krebs — alles wurde zuerst an Tieren erprobt. Und das ist nur eine kleine Auswahl.

      „Es gibt praktisch keine bedeutendere Behandlungsmethode oder Operationstechnik in der modernen Medizin, die ohne Tierversuche hätte entwickelt werden können“, erklärte der namhafte Neurologe Dr. Robert J. White. „Die Arbeit mit Hunden und anderen Tieren führte zu der Entdeckung des Insulins und der Kontrollierbarkeit des Diabetes, zu Operationen am offenen Herzen, Herzschrittmachern und dem ganzen Gebiet der Organverpflanzung. Kinderlähmung ... ist in den Vereinigten Staaten durch vorbeugende Impfung, die an Affen optimiert wurde, fast ausgemerzt worden. Durch Tierversuche konnten die Forscher den Heilerfolg bei Kindern, die an akuter lymphatischer Leukämie leiden, von 4 Prozent im Jahr 1965 auf heute 70 Prozent steigern.“

      Die Rolle der Tierforschung wird von dem früheren Laborassistenten Harold Pierson bestätigt, der unter Dr. F. C. Robbins an der Western-Reserve-Universität (Cleveland, Ohio, Vereinigte Staaten) gearbeitet hat. Wie er Erwachet! berichtete, schloß ein Programm zur Entwicklung einer Polio-Schluckimpfung Tests an Affennieren ein. Das Gewebe einer Niere konnte für Tausende von Tests verwandt werden. Er erklärte: „Die Affen wurden immer unter humanen Bedingungen gehalten, und sie wurden ausschließlich unter Narkose operiert. Mit Sicherheit gab es keine vorsätzliche Grausamkeit. Allerdings waren sie infolge der Operationen unfreiwillige Opfer der wissenschaftlichen Grausamkeit.“

      Herzoperationen und Alzheimer-Krankheit

      Als eine direkte Folge der Tierversuche wurden neue Operationstechniken entwickelt, die es ermöglichen, durch Cholesterinablagerungen verstopfte Arterien durchgängig zu machen. Dadurch wurde vielen Herzinfarkten — der führenden Todesursache in der westlichen Welt — vorgebeugt. In Tierversuchen haben Ärzte gelernt, größere Gehirntumoren zu entfernen und abgetrennte Glieder wie Arme, Beine, Hände und Finger wieder anzunähen. Dr. Michael DeBakey, der die erste erfolgreiche Bypassoperation an einer Herzkranzarterie durchgeführt hat, sagte: „Auf meinem Gebiet der klinischen Forschung beruhte praktisch jede bahnbrechende Entwicklung in der Herz-Kreislauf-Chirurgie auf Tierversuchen.“

      Über die Alzheimer-Krankheit äußerte sich Dr. Zaven Khachaturian vom Amerikanischen Gerontologischen Institut wie folgt: „Vor acht Jahren waren wir noch am Nullpunkt. Der unglaubliche Fortschritt bei der Alzheimer-Krankheit beruht auf unserem Engagement in der Gehirn-Grundlagenforschung, die bis in die 30er Jahre zurückreicht.“ Bei einem Großteil der Arbeit wurden Tiere eingesetzt, und Dr. Khachaturian bemerkte, daß sie bei weiteren Fortschritten die Schlüsselrolle spielen dürften.

      Aids und die Parkinson-Krankheit

      Die intensivste Forschung, für die Wissenschaftler wie Immunologen sich verausgaben, gilt einem Impfstoff gegen das tödliche Aids, das nach Schätzungen einiger Fachleute allein in den Vereinigten Staaten bis 1991 etwa 200 000 Opfer fordern wird. 1985 gelang es Wissenschaftlern am New England Regional Primate Center, bei Makaken (Rhesusaffen) das Virus STLV-3 (SAIDS, Affen-Aids) zu isolieren und anderen Affen zu übertragen. Dr. Norman Letvin, Immunologe an diesem Zentrum, erklärte: „Nachdem jetzt das Virus isoliert worden ist, haben wir ein Tiermodell, an dem wir Impfstoffe für Affen und Menschen entwickeln können. Man kann weit mehr aus einer kontrollierten Untersuchung einer sehr kleinen Anzahl Tiere lernen als aus der Beobachtung hunderter menschlicher Aidspatienten.“

      Ärzte am Yerkes Regional Primate Research Center an der Emory-Universität in Atlanta waren die ersten, die anhand ihrer Studien mit Rhesusaffen nachgewiesen haben, daß es möglich ist, die Parkinson-Krankheit zu behandeln, indem man Dopamin produzierendes Gewebe ins Gehirn implantiert. Seit 1985 führen Neurochirurgen im Emory-Universitätsklinikum diese Operationen an Menschen durch. Nach Meinung der Ärzte könnte dies zu einem Durchbruch im Hinblick auf die Heilung der Krankheit führen.

      Der Mensch hat sich in seiner Suche nach den Antworten auf die komplexen Fragen, wie sein eigenes unvollkommenes Leben — und wenn auch nur für begrenzte Zeit — verbessert und erhalten werden kann, den Tieren zugewandt. Die Verwendung von Tieren in der medizinischen Forschung wirft jedoch schwerwiegende moralische und ethische Fragen auf, die nicht so leicht zu lösen sind.

      [Kasten auf Seite 5]

      Tierversuche — eine alte Praxis

      DER weitverbreitete Einsatz von Tieren, der Ärzten und Wissenschaftlern zu einem besseren Verständnis der menschlichen Physiologie verhelfen soll, ist keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Seit mindestens 2 000 Jahren werden Tiere für die medizinische Forschung gebraucht. Aufzeichnungen aus dem Alexandria (Ägypten) des dritten Jahrhunderts v. u. Z. deuten an, daß der Philosoph und Wissenschaftler Erasistratos Tiere verwandte, um deren Körperfunktionen zu studieren, die, wie er herausfand, denen des Menschen gleichen. Im vierten Jahrhundert sammelte Aristoteles bei seinen Tieruntersuchungen wertvolle Informationen über den Aufbau und die Funktion des menschlichen Körpers. Fünf Jahrhunderte später benutzte der griechische Arzt Galen Affen und Schweine, um seine Theorie zu beweisen, daß in den Venen Blut und nicht Luft transportiert wird.

  • Tierversuche — Heftige Reaktionen
    Erwachet! 1990 | 8. Juli
    • Tierversuche — Heftige Reaktionen

      WÄRE die genaue Zahl der vierbeinigen Kreaturen bekannt, die jedes Jahr weltweit in Laborversuchen und als Modelle für die medizinische Forschung eingesetzt werden, es würde einen erschüttern. Nach Schätzungen werden allein in den Vereinigten Staaten jährlich mindestens 17 Millionen Tiere — darunter Hunde, Katzen, Primaten, Meerschweinchen und Kaninchen — für die Forschung verwendet. Ratten und Mäuse machen 85 Prozent davon aus. Da es keine genauen Aufzeichnungen darüber gibt, wo und wie viele Tiere verwendet werden, halten einige Fachleute die Zahl für bestenfalls schlecht geschätzt. Einige Quellen setzen die Gesamtzahl für die Vereinigten Staaten eher bei 100 Millionen an. Schockieren dich diese Zahlen?

      Läßt dich der bloße Gedanke daran erschaudern, selbst wenn diese Opfer nicht zwecklos sind? Betrachtest du das Abschlachten als immoralisch? Tierversuche sind Millionen von Menschen ein Greuel. Einige argumentieren, der Mißbrauch von Tieren sei Speziesismus. Speziesismus ist gemäß dem Spiegel eine „Sonderform des Rassismus“, der sich zugunsten der eigenen Spezie gegen andere richtet. Tierschützern zufolge glauben Speziesisten, daß „der Zweck die Mittel heilige und daß [den Tieren] Leiden zugefügt werden müßten, um Gutes [für die Menschen] zu erreichen“.

      Auf der anderen Seite kann der wissenschaftliche Standpunkt in folgenden Fragen zusammengefaßt werden: Lehnst du ein System ab, das das Töten von Tieren befürwortet, wenn es darum geht, neue Operationstechniken für den Menschen zu erforschen oder der Ausbreitung tödlicher Krankheiten vorzubeugen? Bist du bereit, auf neue, lebensrettende Medikamente zu verzichten, nur weil du weißt, daß sie zuerst an Tieren erprobt wurden? Würdest du zustimmen, ja es sogar vorziehen, daß eher dein gehirntotes, aber lebendes Kind oder ein im gleichen Zustand befindlicher Elternteil für operative Experimente benutzt wird als ein Tier? Und letztendlich: Würdest du Tierversuche ablehnen, die dich oder einen deiner Lieben vor einer qualvollen Krankheit oder dem Tod bewahren könnten, in der Überzeugung, es sei immoralisch, ein Tier zu opfern, um einen Menschen zu retten? Für viele ist es eine Zwickmühle, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint.

      Tierrechtsbewegung

      Wie auch immer, in den 80er Jahren wuchs der Unmut über die Tierversuche. Heute artikuliert sich der Unmut in einem weltweiten Netzwerk aktiver Gruppen, die an Zahl und Stärke immer weiter zunehmen. Lautstark fordern sie den völligen Verzicht auf den Einsatz von Tieren für medizinische Versuche oder Laborexperimente.

      Die Vorkämpfer der Tierrechte machen unüberhörbar auf sich aufmerksam — durch Demonstrationen, politische Einflußnahme, Presse, Funk und Fernsehen und, besonders auffällig, durch militante Aktionen. Ein bekannter kanadischer Tierversuchsgegner sagte über die Bewegung: „Sie breitet sich in ganz Europa, Australien und Neuseeland schnell aus; in den Vereinigten Staaten gewinnt sie an Stärke; das Wachstum in Kanada ist phänomenal. Es gibt eine Reihe globaler Netzwerke, und der Trend geht weltweit in Richtung aggressiverer Tierrechtsbewegungen.“

      Einige der „aggressiven Netzwerke“ sind bereit, ihren Forderungen mit Gewalt Geltung zu verschaffen. In den letzten Jahren wurden mindestens 25 Forschungslabors in den Vereinigten Staaten von Tierversuchsgegnern mutwillig beschädigt. In Universitätslabors gingen Bomben hoch. Die Aktionen verursachten Schäden in Millionenhöhe; wichtige Protokolle und wertvolle Daten gingen verloren. Versuchstiere wurden gestohlen und freigelassen. Einer solchen Aktion fielen wertvolle Forschungsergebnisse über Blindheit bei Kindern zum Opfer. Teure Ausrüstungen im Wert von Hunderttausenden von Dollar wurden zerstört.

      In einem offenen Brief an die Universitätsleitung und die Medien brüstete sich eine militante Gruppe damit, die Zerstörung des 10 000 Dollar teuren Mikroskops mit einer 5 Dollar teuren Eisenstange in etwa zwölf Sekunden sei „die Investition für die Stange wirklich wert gewesen“. In einer anderen Forschungsstätte fanden die Ärzte und die Wissenschaftler ihre Aufzeichnungen und ihr Forschungsmaterial mit Blut übergossen vor und die Wände mit Parolen der Tierversuchsgegner besprüht. Ein Bericht spricht von „Belästigungen der Wissenschaftler und ihrer Familien, die bis zu Morddrohungen reichen“. Tierversuchsgegner in den Vereinigten Staaten haben mehr als ein Dutzend Mord- oder Gewaltandrohungen gegen einzelne Wissenschaftler ausgesprochen. In einer Radiosendung der Londoner BBC sagte 1986 ein Kommentator: „Was die aktiven Gegner einigt, ist die Überzeugung, daß direkte Aktionen — die Zerstörung von Eigentum und sogar von Leben — in dem Krieg zur Befreiung der Tiere moralisch gerechtfertigt sind.“

      Eine Führerin der Tierversuchsgegner meinte 1986: „Bisher wurde keiner verletzt, aber die Gefahr ist groß ... Früher oder später wird jemand zurückschlagen, und dann können Menschen zu Schaden kommen.“ In dem gleichen Interview sagte sie Gewalttaten in Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland voraus. Bombenanschläge und andere Gewalttaten bestätigten ihre Voraussagen. In den Vereinigten Staaten wurden bereits Anschläge auf das Leben eines Mannes verübt, in dessen Unternehmen Tierversuche durchgeführt werden. Nur das schnelle Eingreifen der Polizei bewahrte ihn davor, einem Bombenanschlag zum Opfer zu fallen. Doch nicht alle Tierversuchsgegner sind mit diesen gewalttätigen und illegalen Methoden einverstanden.

      Warum ihr Widerstand?

      Gemäß dem Journal of the American Medical Association „kann man die Personen, die sich über die Verwendung von Tieren für die biomedizinische Forschung Gedanken machen, in zwei grundlegende Kategorien einteilen: erstens solche, die sich um das Wohl der Tiere sorgen, die nicht gegen biomedizinische Forschung an sich sind, aber die Gewähr haben möchten, daß man die Tiere so human wie möglich behandelt, daß die Anzahl der Tiere auf das absolut notwendige Minimum reduziert wird und daß nur Tiere verwandt werden, wenn es wirklich nötig ist“. Nach jüngsten Umfragen bildet diese Gruppe die weniger „lautstarke“ Mehrheit.

      Zur zweiten Gruppe würden Personen gehören, „denen es um die Rechte der Tiere geht, die eine radikalere Position einnehmen und die den Einsatz von Tieren für die biomedizinische Forschung total ablehnen“. „Tiere haben fundamentale, unveräußerliche Rechte“, erklärte einer der Führer einer solchen Gruppe. „Wenn ein Tier Schmerz verspüren oder Angst haben kann, dann hat es das Recht, keinen Schmerzen und beängstigenden Situationen ausgesetzt zu werden.“ „Es gibt keine Grundlage für die Behauptung, der Mensch habe besondere Rechte“, sagte ein anderer Sprecher. „Ob Ratte, Schwein, Hund oder Mensch — es sind alles Säugetiere.“

      Viele überzeugte Tierschützer sind dagegen, Tiere als Nahrungsmittel, für Kleidung, im Sport oder auch nur als Haustiere zu verwenden. Angler wurden von Leuten, die gegen das Fangen und Essen von Fischen sind, ins Wasser geworfen. Personen, die einen Pelzmantel oder einen anderen Gegenstand aus Tierhaut getragen haben, sind auf der Straße beschimpft worden. Tierschützer mit eher radikalen Ansichten über den Gebrauch und Mißbrauch von Tieren sind in Geschäfte eingebrochen und haben teure Pelzmäntel ruiniert. Einer meinte: „Ich esse keine Eier zum Frühstück und trage kein Leder.“ „Praktisch hinter jeder Scheibe Speck und jedem harmlos aussehenden Ei verbirgt sich eine lange Geschichte unbeschreiblichen Leidens“, heißt es in einem Mitteilungsblatt der Humane Society (Gesellschaft zur Verhinderung von Grausamkeiten an Tieren) der Vereinigten Staaten. Gestützt auf Fotos von Säuen und Hühnern, die in enge Verschläge und Käfige eingepfercht sind, wird in dem Blatt die Anschuldigung erhoben, daß diese Bedingungen, die in der Schweine- und Geflügelindustrie gang und gäbe sind, „Eier mit Speck zu einem ‚Frühstück der Grausamkeit‘ machen“. Offensichtlich spielen bei der Verteidigung der Tierrechte starke und aufrichtige Gefühle eine Rolle.

      Schreckensgeschichten

      Viele glauben, die Ablehnung von Tierversuchen sei völlig gerechtfertigt. In einem der schändlichsten Fälle an einer angesehenen amerikanischen Universität ging es um ein Labor für Kopfverletzungen. Videobänder, die bei einer Tierbefreiungsaktion gestohlen worden waren, zeigten „Affen, deren Kopf mit einer ‚Schlagmaschine‘ malträtiert wurde, während Forscher über die spastischen Bewegungen der gehirngeschädigten Kreaturen lachten“, berichtete die Zeitschrift Kiwanis im September 1988. Als Folge davon wurde dem Labor die öffentliche Unterstützung entzogen.

      Dann gibt es den berüchtigten Draize-Test, mit dem die Kosmetika-, Shampoo-, Waschmittel- und Laugenhersteller nur allzu vertraut sind. Bei diesem Test soll festgestellt werden, was das betreffende Produkt bewirkt, falls etwas davon aus Versehen jemandem ins Auge gerät. Typisch ist z. B. eine Versuchsreihe, bei der sechs bis neun Albinokaninchen in einem „Pranger“ stecken, aus dem nur der Kopf hervorguckt. Das verhindert, daß sie sich mit den Pfoten die Augen reiben, nachdem man ihnen eine Chemikalie in die Augen geträufelt hat. Nach Berichten schreien die Kaninchen vor Schmerzen. Selbst viele Forscher lehnen diesen Test ab und versuchen, ihn zu stoppen. Viele Schreckensgeschichten aus den Tierversuchslabors wurden von Tierrechtsgruppen dokumentiert.

      Die Tierschützer haben keine sehr hohe Meinung von dem im vorigen Artikel zitierten Neurologen Dr. Robert White. Die Amerikanische Gesellschaft der Vivisektionsgegner schrieb, er sei „der berüchtigte Vivisezierer von Cleveland, der Affenköpfe transplantiert und Affengehirne außerhalb des Körpers in einer Flüssigkeit am Leben erhalten“ habe.

      Wie bei vielen Kontroversen gibt es auch hier zwei Extreme, aber auch einen Mittelweg: Man versucht, sich die besten Seiten zunutze zu machen und das Schlechteste auszuschließen. Gibt es denn irgendwelche praktikablen Alternativen zu Tierversuchen? Ist die völlige Ablehnung von Tierversuchen die einzige praktikable, ausgeglichene Lösung? Diesen Fragen wird in dem nächsten Artikel nachgegangen.

      [Kasten auf Seite 9]

      Unterschiedliche Standpunkte

      „ICH glaube, daß Tiere Rechte haben, die sich zwar von unseren unterscheiden, aber genauso unveräußerlich sind. Ich glaube, Tiere haben das Recht, daß wir sie nicht Schmerzen aussetzen, sie nicht in Angst versetzen und sie nicht unter einem körperlichen Entzug leiden lassen. ... Sie haben das Recht, daß sie nicht in irgendeiner Weise als Nahrungslieferant, für die Unterhaltung oder irgendeinen anderen Zweck brutal behandelt werden“ (Naturschützer Roger Caras, ABC-TV-Nachrichten, USA [Newsweek, 26. Dezember 1988]).

      „Betrachte ich das Gesamtbild, so kann ich all das Gute nicht leugnen, das die Forschung bewirkt hat. Impfstoffe, Behandlungsmethoden, Operationstechniken und -methoden, die in den Labors entwickelt wurden, haben im letzten Jahrhundert die Lebenserwartung drastisch erhöht ... In diesem Licht betrachtet, könnte man den Nichteinsatz von Tierversuchen als die inhumanere Wahl ansehen: Wir haben die Möglichkeit, zu lernen, wie wir Krankheiten lindern können, nutzen sie aber nicht“ (Marcia Kelly, Health Sciences, Herbst 1989, Universität von Minnesota).

      „Ich sage nein zu Tierversuchen. Nicht nur aus ethischen, sondern hauptsächlich aus wissenschaftlichen Gründen. Es hat sich gezeigt, daß sich Ergebnisse aus Tierversuchen in keiner Weise auf Menschen anwenden lassen. Es gibt ein Naturgesetz in Verbindung mit dem Stoffwechsel ..., gemäß dem biochemische Reaktionen, die bei einer Art festgestellt werden, nur für diese spezielle Art zutreffen und für keine andere. ... Tierversuche sind irreführend, sinnlos, teuer und außerdem grausam“ (Gianni Tamino, Forscher an der bedeutendsten medizinischen Fakultät Italiens, die zur Universität Padua gehört).

      [Bild auf Seite 7]

      Eingesperrte Kaninchen, an deren Augen der Draize-Test durchgeführt wird

      [Bildnachweis]

      PETA

      [Bildnachweis auf Seite 8]

      UPI/Bettmann Newsphotos

  • Tierversuche — Eine ausgeglichene Ansicht
    Erwachet! 1990 | 8. Juli
    • Tierversuche — Eine ausgeglichene Ansicht

      OBWOHL der zu zahlende Preis Gegenstand heftiger Kontroversen ist, sind doch die meisten der Auffassung, daß Tierversuche sehr viel Gutes für die Menschheit bewirkt haben. Selbst diejenigen, die Gewalt gegen Tierversuche befürworten, sind Nutznießer neuer medizinischer Kenntnisse, neuer Operationsmethoden und Medikamente.

      Martin Stephens von der Humane Society der Vereinigten Staaten erklärte: „Wir müssen ehrlich sein und anerkennen, daß Tierversuche einigen Nutzen gebracht haben. Doch unser Endziel ist der vollständige Ersatz der Tiere“ (Parade Magazine, 9. Oktober 1988). „Ich gebe zu“, sagte Vicki Miller, Präsidentin der Humane Society von Toronto, „daß so um die Jahrhundertwende herum mit Tieren einiges Gutes erreicht wurde. Die Kontrollierbarkeit des Diabetes geht einwandfrei auf Tierversuche zurück. Doch heute, wo wir alle möglichen Alternativtechnologien haben, gibt es keine Notwendigkeit mehr dafür“ (The Sunday Star, Toronto, Kanada).

      Die gleiche Tierversuchsgegnerin wurde gefragt, wie sie auf folgende Argumente reagieren würde: Wenn eine Ratte sterben muß, um das Leben eines Säuglings zu retten, dann ist es die Sache wert; wenn Tiere aus der Forschung herausgehalten werden, sterben Kinder, damit Ratten gerettet werden. Ihre Antwort gegenüber der Torontoer Globe and Mail lautete: „Das ist eine solch emotionsgeladene Streitfrage, und aus diesem Blickwinkel heraus ist es fast unmöglich, sie zu lösen ... Wenn dann die Ratte-oder-Kind-Frage kommt, verliert man immer.“

      Im vorigen Artikel wurde die Frage aufgeworfen: „Würdest du Tierversuche ablehnen, die dich oder einen deiner Lieben vor einer qualvollen Krankheit oder dem Tod bewahren könnten?“ John Kaplan, Professor für Recht an der Stanford-Universität in Kalifornien, ging darauf in der Zeitschrift Science (November 1988) ein: „Die Tierversuchsgegner sind meistens nicht so konsequent, ihre Ärzte zu bitten, keine Erkenntnisse aus Tierversuchen zu nutzen, wenn es um sie selbst oder ihre Angehörigen geht, noch sind sie bereit, für sich den künftigen Errungenschaften, die auf Tierversuchen beruhen, abzuschwören. Man kann die Prinzipien bewundern, die Jehovas Zeugen veranlassen, Bluttransfusionen abzulehnen, ... und Gegner der Pelztierjagd dazu bewegen, auf Pelzmäntel zu verzichten. Aber wir müssen energisch die Ideologie bekämpfen, die die Tierversuchsgegner dazu bringt, ihr Ziel nicht so sehr durch ihr Beispiel zu erkämpfen als vielmehr durch den Kampf mit unehrlichen Argumenten, der alle um den Nutzen bringen soll.“

      „Der Öffentlichkeit sollte gesagt werden“, schrieb der Herausgeber von Science (10. März 1989), „daß Tierversuche auch Tieren zugute kommen. Ein Impfstoff gegen Rinderpest, ein Virus, durch das Millionen von Rindern langsam und unter Schmerzen zugrunde gegangen sind, wurde beispielsweise in Tierversuchen entwickelt. Heute sorgt die Weltgesundheitsorganisation dafür, daß Millionen von Rindern in Afrika diesen Impfstoff verabreicht bekommen.“

      Der biblische Standpunkt

      Nach der weltweiten Flut in den Tagen Noahs gab Jehova Gott Noah und seinen Nachkommen, zu denen auch unsere Generation gehört, folgende Anweisung: „Jedes sich regende Tier, das am Leben ist, möge euch zur Speise dienen. Wie im Fall der grünen Pflanzen gebe ich euch gewiß das alles. Nur Fleisch mit seiner Seele — seinem Blut — sollt ihr nicht essen“ (1. Mose 9:1, 3, 4). Auch durften Tierhäute zur Bekleidung benutzt werden. Das würde nicht die dem Menschen von Gott gegebene Herrschaft über das Tierreich verletzen (1. Mose 3:21).

      In der Zeitschrift Erwachet! vom 22. September 1980 hieß es dazu: „Wenn der Mensch Tiere essen darf, um sich am Leben zu erhalten, müßte man logischerweise meinen, daß sie auch für medizinische Versuche, deren Ziel die Rettung von Menschenleben ist, verwendet werden dürfen. Doch er hat kein Recht, Versuche durchzuführen, denen keine Grenzen gesetzt sind, die oft wertlos sind oder früher schon gemacht wurden und mit großen Schmerzen und Leiden für die Tiere verbunden sind.“ Aus der Sicht der Bibel kann herzlose Grausamkeit an Tieren sicherlich nicht gerechtfertigt werden (2. Mose 23:4, 5, 12; 5. Mose 25:4; Sprüche 12:10).

      Viele Ärzte und Wissenschaftler stimmen dem zu, daß die radikale Bewegung gegen Tierversuche viel Positives bewirkt hat. „Eine Unmenge der Punkte, die die Tierschutzbewegung vorbringt, sind zwar extrem, aber zutreffend“, räumte ein Wissenschaftler ein. Der amerikanische Wissenschaftler Jeremy J. Stone erklärte: „Sicherlich zählen Leben und Leiden der Tiere auch.“ Und der britische Physiologe Dr. D. H. Smith meinte damit übereinstimmend: „Für manche Kenntnisse wird ein zu hoher Preis bezahlt.“ „Wir gehen mit dem Wunsch einig, die Forschung weniger schmerzhaft zu machen, sich gut um die Tiere zu kümmern und die Zahl der bei den Experimenten verwendeten Tiere zu reduzieren“, sagte Dr. J. B. Wyngaarden von den Nationalen Gesundheitsinstituten der Vereinigten Staaten. Und ein Tierschützer erklärte: „Es war schon fast eine Frage der Männlichkeit, Tiere zu verwenden, ohne sich dabei etwas zu denken. Heutzutage wird das Nachdenken über Alternativen als das Gebot der Stunde betrachtet.“

      Alternativen — das ist das Schlüsselwort. Nach Aussage von Wissenschaftlern wird man wahrscheinlich nie so weit kommen, daß überhaupt keine Tierversuche mehr benötigt werden, doch wo immer es möglich ist, sucht man nach Alternativen. Zum Beispiel werden für Schwangerschaftstests keine Kaninchen mehr verwandt, da es inzwischen eine chemische Methode gibt. Auch braucht man nicht länger Meerschweinchen für die Isolierung von Tuberkelbazillen. Laborkulturen bewahren heute das Leben dieser Tiere. Andere Verfahren mit Gewebekulturen haben Testreihen ersetzt, für die Mäuse verwandt wurden. Viele Kaninchen, die für den schmerzhaften Draize-Test vorgesehen sind, werden dem möglicherweise entgehen, dank dem alternativen Einsatz von Hühnereimembranen als Testoberfläche. Wem das Leiden der Tiere nahegeht, hofft sicherlich, daß viele weitere Alternativen gefunden werden, und das recht bald.

      Die hervorragendste Alternative zu Tierversuchen ist jedoch das lang erwartete irdische Paradies, worum wahre Christen seit langem beten. Jehova Gott, unser liebevoller Schöpfer, hat verheißen, daß alle Krankheiten und selbst der Tod für immer beseitigt werden. In Gottes verheißener neuer Welt werden Menschen und Tiere für immer in Frieden miteinander leben; nichts wird ihnen Furcht einjagen. Da es keine Krankheiten mehr geben wird, wird es auch keine Notwendigkeit für Tierexperimente geben. Grausamkeit wird der Vergangenheit angehören (Jesaja 25:8; 33:24; 65:25; Matthäus 6:9, 10).

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