Ein neues Lied am „Vogelfluß“
DIE Indianer nannten ihn Vogelfluß. Noch heute kann man an seinen Ufern das Trillern der Lerche, das Gurren der Taube, die aus fünf Tönen bestehende Melodie des spatzenähnlichen Chincol und das variantenreiche Gezwitscher des gelbbäuchigen Benteveo hören. Im Laufe der Zeit bezog man den Namen „Vogelfluß“ — URUGUAY in der Sprache der Tupí-Indianer — auch auf das Land am Ostufer des Flusses.
Doch heute wird am „Vogelfluß“ ein „neues Lied“ gesungen. Von einem solchen Lied sprach Jesaja vor langer Zeit prophetisch. Er sagte: „Singt Jehova ein neues Lied, seinen Lobpreis vom äußersten Ende der Erde her, ihr, die ihr hinabgeht zum Meer und zu dem, was es füllt, ihr Inseln und die ihr sie bewohnt“ (Jesaja 42:10). Wie kam dieses „neue Lied“ über die Aufrichtung des Königreiches Gottes nach Uruguay?
Das „neue Lied“ kommt nach Uruguay
Im Jahre 1923 begann man in Uruguay — zunächst allerdings noch recht leise —, die machtvolle Botschaft vom Königreich zu vernehmen. In jenem Jahr reiste ein Zeuge Jehovas durch das Land und verbreitete etwa hundert Broschüren. Im September 1924 traf der Spanier Juan Muñiz ein, ein ehemaliger katholischer Priester, der sich aus Enttäuschung von seiner Kirche abgewandt hatte und in die Vereinigten Staaten gegangen war. Dort wurde seine Liebe zur Bibel durch die Königreichsbotschaft neu belebt, die er im Jahre 1916 von den Bibelforschern (heute Zeugen Jehovas) hörte. Juan Muñiz kehrte nach Spanien zurück, um das Gelernte an andere weiterzugeben. Er stieß jedoch auf so großen Widerstand, daß ihm der Präsident der Watch Tower Society empfahl, nach Südamerika zu gehen. Ihm wurde die Verantwortung für das Königreichspredigtwerk in Argentinien, Paraguay und Uruguay übertragen.
Bruder Muñiz war ein außergewöhnlich befähigter Redner. Wie man sagt, konnte er seine Zuhörer stundenlang fesseln. Er benötigte weder Notizen noch einen Redeplan, sondern nur die Bibel. Als Juan Muñiz sah, daß die Bevölkerung Uruguays beachtliches Interesse zeigte, bat er die Gesellschaft, Hilfe zu senden.
Das war der Grund, warum Bruder Ott 1925 Deutschland verließ und nach Südamerika ging. Acht Jahre konzentrierte er seine Tätigkeit in erster Linie auf Uruguay. Um so viele Menschen wie möglich zu erreichen, machte Bruder Ott ausgiebig Gebrauch vom Rundfunk. Ein Rundfunksender erklärte sich sogar bereit, Vorträge unentgeltlich zu übertragen. Beginnend mit diesen bescheidenen Anfängen, dehnte sich das Werk in alle 19 Verwaltungsbezirke Uruguays aus.
Der Samen der Wahrheit wurde auch unter den Einwanderern ausgestreut. Zum Beispiel gab es im Norden Uruguays eine Anzahl russische Familien, die während der Wirren des Ersten Weltkriegs ihre Heimat verlassen hatten. Ein Mann namens Nikifor Tkachenco nahm die Broschüre Wo sind die Toten? entgegen und erkannte den deutlichen Klang der Wahrheit. Ohne zu zögern, begann er, auch seinen Landsleuten von seinem neuen Glauben zu erzählen. Viele von ihnen nahmen die Wahrheit an. Sie bildeten die Grundlage der Versammlungen in den beiden größeren Städten Salto und Paysandú.
Im Jahre 1939 wurden sechs deutsche Pioniere nach Uruguay gesandt. Es dauerte jedoch sechs Jahre, bis sie das ihnen zugeteilte Gebiet erreichten; die Nationalsozialisten hatten sie kreuz und quer durch Europa gehetzt. Als sie endlich in Uruguay eintrafen, gingen sie sofort ans Werk. Zunächst versuchten sie, deutsche Familien ausfindig zu machen und diesen Zeugnis zu geben. Dann benutzten sie — da sie mit der Landessprache noch nicht so gut vertraut waren — eine spanische „Zeugniskarte“, auf der ihre Mission kurz erklärt wurde.
Die eifrige kleine Gruppe bearbeitete das ganze Land. Als Transportmittel dienten Fahrräder; Literatur wurde gegen Lebensmittel eingetauscht, und wenn niemand sie aufnahm, übernachteten sie am Straßenrand in kleinen Zelten. Ihre Fahrräder waren mit ausreichend Kleidung, einem kleinen Spirituskocher und Küchengeschirr sowie mit einem Plattenspieler und Schallplatten mit biblischen Vorträgen beladen. Sie trotzten Kälte, Hitze, Wind und Überschwemmungen. Doch so wurde der Samen der Wahrheit überall im Land ausgestreut. Bald stimmten auch andere in den Chor derer ein, die das „neue Lied“ sangen.
Missionare beschleunigen das Wachstum
Im März 1945 besuchten N. H. Knorr und F. W. Franz als Vertreter der Watch Tower Society zum erstenmal Uruguay und gaben erbauenden Rat. Zur selben Zeit traf in Uruguay auch der erste Gileadabsolvent ein, nämlich Russell S. Cornelius. Er konnte anfangs zwar nur ein paar Brocken Spanisch, aber schon nach eineinhalb Monaten war er in der Lage, einen öffentlichen Vortrag zu halten. Er machte stetige Fortschritte und war eine große Hilfe bei der Leitung des Königreichswerkes. Bald trafen weitere junge Missionare ein, bis sie zu 27 — fast so viele, wie es Verkündiger gab — auf engstem Raum in einem gemieteten Haus wohnten, das als Bethel und Missionarheim diente. Natürlich machten die ausländischen Missionarinnen Eindruck auf die Menschen in der Stadt. Eine Zeitung witzelte, daß „blonde Engel“ in Montevideo eingeflogen seien.
Eine von diesen war Mabel Jones. Als sie im Jahre 1950 einen Kongreß in Salto besuchte, sprach sie mit Carola Beltramelli und Catalina Pomponi, zwei freundlichen Nachbarinnen, über die Königreichshoffnung. Beide besuchten daraufhin nicht nur den Kongreß in Salto, sondern auch einen weiteren, der einen Monat später im 500 km entfernten Montevideo abgehalten wurde. Sie machten in geistiger Hinsicht sehr schnell Fortschritte. Carolas Söhne kamen ebenfalls in die Wahrheit. Einer von ihnen, Delfos, nahm den Vollzeitdienst auf und absolvierte 1965 die Gileadschule. Er dient heute als Koordinator des Zweigkomitees. Luis, der jüngere Sohn, ist Ältester in einer Versammlung. Schwester Pomponi wurde 1953 Pionier und konnte mehr als 80 Personen helfen, sich Jehova hinzugeben.
Insgesamt 82 Gileadabsolventen dienten bisher in Uruguay. Zwar mußten einige aus dem einen oder dem anderen Grund nach Hause zurückkehren, aber man kann sagen, daß ihre Tätigkeit Früchte getragen hat. Noch heute hört man in Uruguay altgediente Brüder sagen: „Als Mary Batko damals mit mir die Bibel studierte, waren meine Kinder noch nicht einmal so alt wie heute meine Enkel.“ Oder: „Ich ging noch in die Schule, als Jack und Jane Powers mich sonntags mit in den Predigtdienst nahmen.“
Wachstum und Ausdehnung
Das „neue Lied“ hatte für viele Ohren einen angenehmen Klang. Gerardo Escribano, ein junger Atheist, erhielt 1949 eine Einladung zu einer Zusammenkunft, in der die Bibel studiert wurde. Er nahm die Einladung an, stellte aber von vornherein klar, daß er kein zweites Mal käme, wenn es dort Bilder gäbe oder er Gebete hersagen müsse. Das, was er hörte, beeindruckte ihn so sehr, daß er sich schließlich taufen ließ. Heute steht er im Bezirksdienst und ist ein Glied des Zweigkomitees.
Im Jahre 1956 wurde der Film Die Neue-Welt-Gesellschaft in Tätigkeit in fast allen größeren und kleineren Städten des Landes gezeigt. Bruder Liber Berrueta führte diesen Film Hunderte von Malen vor — in Königreichssälen, Privatwohnungen, öffentlichen Parks und provisorisch hergerichteten Sälen. Er war auch maßgeblich an den Bemühungen beteiligt, die dazu führten, daß die Gesellschaft in Uruguay gesetzlich eingetragen wurde, und bis zu seinem Tod diente er als ihr erster Präsident.
Gegen Ende 1961 — es gab jetzt 1 570 Zeugen im Land — wurde ein bedeutsamer Schritt getan: Ein neues Bethelheim wurde der Bestimmung übergeben. Nach der Fertigstellung fühlte sich Justino Apolo, der Architekt des Gebäudes, gedrängt, seine Hingabe an Gott durch die Taufe zu symbolisieren. Er wurde später Ältester und hat den Bau von etwa 40 Königreichssälen in Uruguay großzügig unterstützt.
Avelino Filipponi, ein Baufachmann, und seine Frau nahmen nach Beendigung des Projekts den Vollzeitdienst auf. Heute steht er im Kreisdienst. Auch er hat beim Bau vieler Königreichssäle mitgeholfen, und unlängst beaufsichtigte er die Erweiterungsarbeiten am Bethel.
Ein Anbau an das Zweiggebäude
Der Anbau ist zweigeschossig und hat einen geräumigen Keller. Mit 790 m2 Geschoßfläche ist er tatsächlich größer als das ursprüngliche Bethel. Die Druckerei, die Versand- und die Zeitschriftenabteilung, das Literaturlager, eine Reparaturwerkstatt und ein schöner Königreichssaal sind darin untergebracht. Das Baumaterial wurde größtenteils von Brüdern gespendet, und alle Arbeiten wurden von etwa 500 Freiwilligen geleistet. Zeugen Jehovas mit den unterschiedlichsten Berufen — unter ihnen Maurer, Schlosser und Schreiner — setzten ihre Zeit und ihr Können ein, um das Gebäude zu entwerfen, zu errichten, auszugestalten und einzurichten.
Am 4. Februar 1985 wurde der Anbau seiner Bestimmung übergeben. Grant Miller, ein Glied des Zweigkomitees, gab zunächst einen kurzen Überblick über die Geschichte Uruguays und über das Wachstum des Königreichspredigtwerkes im Land des „Vogelflusses“. Anschließend wurden schöne Erfahrungen erzählt und Einzelheiten in Verbindung mit dem Bau des neuen Gebäudes erwähnt. Voller Wertschätzung hörten schließlich die 250 Anwesenden den Vortrag „Ein glückliches Volk mit einem Ziel“, den Delfos Beltramelli hielt. Welch ein denkwürdiger Tag!
Ausblick
Doch was ist über die Zukunft des Werkes in Uruguay zu sagen? Man beachte, wie schnell es bisher gewachsen ist. Im Jahre 1964 gab es 2 000 Zeugen. Bis 1974 hatte sich die Zahl verdoppelt. Die Höchstzahl des Jahres 1985 betrug 5 329. Und es besteht Aussicht auf weiteres Wachstum, denn 1985 versammelten sich zum Gedenken an den Tod Christi 15 243 Personen — jeder 190. Bewohner des Landes!
Noch begeisternder ist die ausgezeichnete christliche Einstellung, die unsere Brüder in Uruguay offenbaren. Jahrelang mußten sie zum Beispiel nach Brasilien reisen, wenn sie die alljährlichen Kongresse besuchen wollten, da die Regierung von Uruguay keine Erlaubnis für Kongresse erteilte. Im Jahre 1982 verfügte die Regierung, daß alle Bürger und alle im Land Ansässigen beim Grenzübertritt eine Steuer entrichten müssen. Für viele Brüder bedeutete das eine schwere finanzielle Belastung. Aber bessergestellte Brüder halfen den ärmeren Familien. Eine Gruppe von Zeugen führte in der Freizeit sogar Reparaturarbeiten aus, um andere unterstützen zu können. So war es etwa 3 500 Brüdern aus Uruguay möglich, den Kongreß in Brasilien zu besuchen.
Nach einem überraschenden Umschwung erhielten die Brüder in der Woche vor der Bestimmungsübergabe des Bethelanbaus die Erlaubnis, in Montevideo einen Kongreß abzuhalten. Alles mußte in nur 20 Tagen vorbereitet werden: die Zuteilung der Programmpunkte, das Organisieren der Kongreßabteilungen sowie das Herrichten und die Reinigung der unbenutzten und in Verfall geratenen Tribüne der Pferderennbahn. Aber welch eine Freude war es für die 6 245 Personen, sich zu versammeln!
Wir vertrauen darauf, daß Jehova die vereinten Bemühungen unserer Brüder weiterhin segnen wird, die glorreiche Botschaft von Gottes Königreich am „Vogelfluß“ — in Uruguay — erschallen zu lassen.
[Karten/Bild auf Seite 27]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
URUGUAY
Salto
Paysandu
Montevideo
[Karte]
Südamerika
[Bild auf Seite 29]
Der neue Königreichssaal im Zweiggebäude in Uruguay