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    Jahrbuch der Zeugen Jehovas 2008
    • [Bild auf Seite 184, 185]

      In einem Lager in Mordowien hat in all den Jahren keiner der Brüder je ein Gedächtnismahl versäumt

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    Jahrbuch der Zeugen Jehovas 2008
    • „WIR KOMMEN IN MEHREREN GRUPPEN“

      Die Brüder baten Jehova ständig um Weisheit, wie sie ihre Situation für die Königreichsinteressen nutzen konnten. Dazu Nikolaj weiter: „Wir hörten, dass wir demnächst in ein Lager nach Mordowien, nicht weit von Moskau, kommen würden. Doch vor unserem Transport dorthin passierte etwas Außergewöhnliches. Einige Soldaten und Wachleute, die die Zeugen mehrere Jahre lang bewacht hatten, baten uns zu unserem großen Erstaunen, ihnen doch einige unserer Lieder vorzusingen und auch etwas mehr über unseren Glauben zu erklären. ‚Wir kommen in mehreren Gruppen, von 10 bis 20 Leuten oder noch mehr‘, meinten sie.

      Aus Angst vor möglichen Konsequenzen für sie und uns wollten sie in der Zeit Wachposten abstellen. Wir meinten, dass wir in solchen Sachen ja eigentlich mehr Erfahrung hätten und ebenfalls Wachposten aufstellen würden. Ihre Wachleute hatten das gleiche System wie wir: Sie stellten sich in regelmäßigen Abständen zwischen dem Wachhaus und unserem Treffpunkt auf. Das muss man sich einmal vorstellen: Eine Gruppe Zeugen singt einer Gruppe Offizieren und Wachleuten Königreichslieder vor, danach hält ein Bruder eine kurze Rede über ein biblisches Thema. Uns war, als ob wir in einem Königreichssaal saßen! Diese Szene wiederholte sich mehrmals mit weiteren Gruppen Interessierter. Das zeigte uns, dass Jehova nicht nur viel an uns, sondern auch an diesen aufrichtigen Menschen lag!

      Wir konnten von dort jede Menge Zeitschriften ins Lager nach Mordowien mitnehmen, wo es viele Zeugen gab. Für die Literatur gaben mir die Brüder einen Koffer mit Geheimfach, und wir achteten darauf, dass er bei einer Durchsuchung nicht groß auffallen würde. In Mordowien wurden wir gründlichst durchsucht. Ein Wachmann nahm meinen Koffer und rief: ‚Der ist aber schwer! Da müssen ja Schätze drin sein!‘ Er stellte ihn dann aber überraschenderweise mit ein paar anderen Sachen zur Seite und durchsuchte die Habseligkeiten der anderen weiter. Nach der Durchsuchung sagte ein anderer Wachmann zu mir: ‚Nimm deine Sachen und geh!‘ So wurde mein Koffer gar nicht durchsucht und ich konnte mit einem vollen Nachschub an neuer, dringend benötigter geistiger Speise in die Baracke einziehen.

      Doch das ist nur eine von vielen Geschichten. Mehr als einmal hatte ich handgeschriebene Traktate in den Stiefeln versteckt. Da ich große Füße habe, war in meinen Stiefeln Platz für viele Seiten. Ich legte sie unter die Einlegesohle und rieb meine Stiefel ordentlich mit einem Fett ein, das sehr glitschig war und entsetzlich stank. Das hat die Wachleute von meinen Stiefeln ferngehalten.“

      „DIE WACHLEUTE ÜBERWACHTEN UNS, UND ICH ÜBERWACHTE SIE“

      Nikolaj erzählte weiter: „Im Lager in Mordowien wurde ich dazu ausersehen, die Vervielfältigung der Literatur zu beaufsichtigen. Dazu gehörte, Obacht zu geben, ob einer der Wachmänner kam, damit die abschreibenden Brüder schnell alles verschwinden lassen konnten. Die Wachleute überwachten uns, und ich überwachte sie. Einige waren darauf erpicht, uns auf frischer Tat zu ertappen, und tauchten des Öfteren aus heiterem Himmel in der Baracke auf. Sie waren am schwersten im Auge zu behalten. Andere kamen einmal am Tag vorbei. Sie waren toleranter und machten uns keinen Ärger.

      Wir schrieben damals von den Originalen ab, die wir an einem sicheren Ort, zum Beispiel in Öfen, versteckten. Einige versteckten wir sogar im Ofen im Kontor des Lagerkommandanten. Die Brüder, die bei ihm saubermachten, hatten im Ofen ein spezielles Fach konstruiert, in dem die kostbaren Originale vieler Wachttürme aufbewahrt wurden. Egal, wie gründlich wir durchsucht wurden, die Originale lagen stets sicher im Kontor des Lagerkommandanten.“

      Die Brüder wurden wahre Meister im Verstecken der Literatur. Ein Lieblingsplatz dafür war das Fensterbrett. Sie lernten sogar, Literatur in Zahnpastatuben unterzubringen. Nur zwei, drei Brüder wussten, wo die Originale lagen. Wenn nötig, holte sie einer, dann wurde eine Abschrift davon angefertigt und das Original wieder zurückgebracht. So waren die Originale immer an einem sicheren Platz. Die meisten Brüder betrachteten es als Ehre, die Literatur abzuschreiben — auch wenn sie dafür 15 Tage Einzelhaft riskierten. Viktor Gutschmidt zog Bilanz: „Von 10 Jahren Lager verbrachte ich 3 Jahre in Einzelhaft.“

      EXTREM FEIN GESCHRIEBENE WACHTTÜRME

      Die Lagerverwaltung hatte allem Anschein nach ein spezielles System entwickelt, um bei den Brüdern biblische Literatur aufzuspüren. Einige Offiziere hatten es regelrecht darauf abgesehen. Dazu wusste Iwan Klimko manches zu sagen: „Im Lagpunkt Nr. 19 in Mordowien wurden die Brüder von Soldaten mit Hunden aus der Lagerzone hinausgeführt und gründlich durchsucht. Alles, was sie am Leib trugen, mussten sie ausziehen, sogar die Fußlappen. Einige Brüder hatten jedoch handgeschriebene Zettel an ihre Fußsohlen geklebt, die von den Wachsoldaten unbemerkt blieben. Außerdem hatten sie Broschüren im Kleinstformat hergestellt, die zwischen den Fingern Platz hatten. Als sie sich mit hocherhobenen Händen hinstellen mussten, behielten sie die kleinen Broschüren zwischen den Fingern, und so konnten einige davon gerettet werden.“

      Auch auf andere Weise wurde der Nachschub an geistiger Speise gesichert. Das erzählte Aleksej Nepotschatow: „Einige Brüder konnten extrem fein schreiben — in der sogenannten Spinnennetzschrift. Mit einem scharf gespitzten Stift brachten sie auf Linienpapier zwischen 2 Linien jeweils 3 bis 4 Zeilen unter. 5 bis 6 solcher extrem fein geschriebenen Wachttürme in Miniaturausgabe passten in eine Streichholzschachtel. Für diese Arbeit brauchte man exzellente Augen. Und man musste lange angestrengt arbeiten können. Sobald die Lichter aus waren und alle schliefen, fingen die Brüder unter der Bettdecke an zu schreiben. Die einzige Lichtquelle war eine Funzel am Eingang der Baracke. Wenn man das einige Monate lang machte, konnte man sein Augenlicht ruinieren. Manchmal bekam ein Wachposten dieses nächtliche Abschreiben spitz, und wenn er uns mochte, sagte er nur: ‚Seid ihr immer noch am Schreiben? Wann schlaft ihr denn mal?‘ “

      Bruder Klimko erzählte: „Einmal gingen uns jede Menge Literatur und sogar eine Bibel verloren. Sie waren in der Beinprothese eines Bruders versteckt gewesen. Doch die Wachmänner hatten ihn gezwungen, sie abzumachen, und sie dann zerschlagen. Die verstreut liegenden Seiten wurden fotografiert und in der Lagerzeitung veröffentlicht. Das war sogar gut, denn auf diese Weise wurde wieder einmal bestätigt, dass Jehovas Zeugen rein religiös tätig sind. Nach dem Fund sagte der triumphierende Lagerverwalter hämisch zu den Brüdern: ‚Da habt ihr euer Harmagedon!‘ Aber schon am nächsten Tag meldete ihm jemand, dass sich die Zeugen wie gehabt trafen, miteinander lasen und Lieder sangen.“

      UNTERHALTUNG MIT DEM GENERALSTAATSANWALT

      Ende 1961 kam der Generalstaatsanwalt der Russischen SFSR ins Lager nach Mordowien zur Inspektion. Dabei ging er auch in die Baracke der Zeugen. Er gestattete ihnen, Fragen zu stellen. Viktor Gutschmidt erzählte: „Ich fragte ihn: ‚Denken Sie, dass die Religion der Zeugen Jehovas volksfeindlich ist?‘

      ‚Nein, das denke ich nicht‘, antwortete er. Im Lauf der Unterhaltung rutschte ihm jedoch heraus, dass allein der Oblast Irkutsk 1959 für die Überwachung der Zeugen 5 Millionen Rubel bewilligt worden waren.

      Damit gab er zu verstehen, dass die Behörden genau wussten, wer wir waren, schließlich hatte der Staat 5 Millionen Rubel investiert, um die Zeugen auszukundschaften. Das war eine enorme Summe. Damals bekam man für 5 000 Rubel ein nettes Auto oder ein komfortables Haus. In Moskau wusste man ohne Frage, dass Jehovas Zeugen nicht gefährlich waren.

      Der Generalstaatsanwalt meinte dann: ‚Wenn wir dem sowjetischen Volk freie Hand ließen, würden sie euch samt und sonders eliminieren.‘ Damit wollte er sagen, dass das sowjetische Volk uns sehr negativ gegenüberstand. Was wiederum zeigte, dass die atheistische Ideologie und Propaganda bei Millionen Menschen gefruchtet hatte.

      Wir sagten: ‚Warten wir doch erst einmal ab, was die Zukunft bringt. Eines Tages werden die Zeugen von Moskau bis Wladiwostok Kongresse abhalten.‘

      Worauf er meinte: ‚Vielleicht habt ihr ja irgendwann eine halbe Million auf eurer Seite — aber alle anderen bleiben auf unserer Seite.‘

      Mit diesem Schlusswort endete unsere Unterhaltung mit dem Generalstaatsanwalt. Er lag gar nicht einmal so falsch. Heute besuchen über 700 000 Personen in allen Territorien der ehemaligen Sowjetunion die Zusammenkünfte der Zeugen Jehovas. Dort hören sie keine Propaganda, sondern die reine Wahrheit der Bibel.“

      „EIN KURORT FÜR DIE ZEUGEN“

      Viktor erzählte weiter: „Der Lagerkommandant zeigte dem Generalstaatsanwalt die Blumenbeete und Bäume, die die Zeugen gepflanzt hatten — und auch die Pakete, die sie erhalten hatten und in der Baracke aufbewahrten. Er sagte ihm, dass davon nie etwas gestohlen wurde. Der Mann schaute sich alles mit unverhohlenem Erstaunen an. Später erfuhren wir allerdings, dass er die Lagerleitung angewiesen hatte, die Blumenbeete zu vernichten und die Bäume umzuhauen. ‚Das ist kein Arbeitslager mehr, sondern ein Kurort für die Zeugen‘, hatte er zum Lagerkommandanten gesagt. Er verbot außerdem den Empfang von Paketen und ließ den kleinen Laden schließen, in dem sich die Zeugen Lebensmittel dazukaufen konnten.

      Zur Freude der Brüder befolgte der Kommandant aber nicht alle Anweisungen. Die Schwestern durften weiter Blumen pflanzen. Im Herbst banden sie dann immer Blumensträuße für die Lagerangestellten und deren Kinder. Es war zu schön, wenn die Eltern ihren Kindern am Torhaus den Blumenstrauß übergaben und diese dann mit glücklichen Gesichtern zur Schule rannten. Sie mochten die Zeugen.

      1964 ließ uns ein Wachmann, dessen Bruder beim KGB arbeitete, wissen, dass die Regierung eine groß angelegte Kampagne gegen uns plante. Doch im Herbst jenes Jahres wurde Nikita Chruschtschow urplötzlich als Regierungschef abgesetzt, und die Verfolgung ebbte ab.“

      KÖNIGREICHSLIEDER IM LAGER MIT SONDERREGIME

      In den 1960er-Jahren durften die Insassen eines Spezlagers in Mordowien nur einmal im Jahr Pakete empfangen und auch dann nur als „besondere Belohnung“. Es kam ständig zu Durchsuchungen. Sowie man bei jemand ein Stück Papier mit einem Bibeltext entdeckte, hieß es 10 Tage Einzelhaft. Auch die Essensration war dort kleiner als in anderen Lagern. Und die Arbeit war härter: Die Zeugen mussten die Wurzelwerke riesiger Bäume ausgraben. Aleksej Nepotschatow meinte rückblickend: „Wir waren oft am Rand der Erschöpfung, aber wir blieben auf der Hut und ließen uns nicht unterkriegen. Unter anderem half uns das Singen von Königreichsliedern, den Mut nicht sinken zu lassen. Wir bildeten einen mehrstimmigen Männerchor, der sich auch ohne Frauenstimmen unglaublich schön anhörte. Die Lieder munterten nicht nur die Zeugen auf, sondern sogar die Offiziere, und sie baten die Brüder, bei der Arbeit zu singen. Einmal waren wir beim Bäumefällen, als der Begleitposten zu uns kam und sagte: ‚Singt ein paar Lieder! Befehl vom Begleitkommandoführer höchstpersönlich.‘

      Dieser Mann hatte die Brüder schon oft Königreichslieder singen gehört. Der Befehl kam genau im rechten Augenblick, denn wir waren völlig erschöpft. Freudig stimmten wir Lieder zur Ehre Jehovas an. Wenn wir im Lager sangen, kamen die Offiziersfrauen oft aus den Nachbarhäusern heraus und hörten uns lange zu. Besonders gut gefiel ihnen das Lied Nr. 6 aus einem alten Liederbuch: ‚Die Erde preise Gott‘. Es hatte einen ansprechenden Text und eine wunderschöne Melodie.“

      „DU BIST HIER IN EINER ANDEREN WELT“

      Mitunter kam es zu höchst ungewöhnlichen Situationen, wo jeder sehen konnte, was für Menschen Jehovas Zeugen wirklich sind. So erzählte Viktor Gutschmidt: „Wir hatten eine volle Arbeitswoche hinter uns und saßen gerade etwas im Garten, als einige teure elektrische Geräte angeliefert wurden. Der Fahrer war kein Bruder, stammte aber aus unserem Lager. Mit ihm kam ein Einkäufer aus einem anderen Lager. Das Magazin war geschlossen und der zuständige Verwalter im Urlaub, also wurden wir gebeten, die Lieferung zu bestätigen und die Ware abzuladen.

      Wir deponierten sie neben dem Magazin, nahe der Baracke der Brüder. Der Einkäufer hatte große Bedenken, die Ware ohne Empfangsbestätigung vom Magazinverwalter dazulassen. Doch der Fahrer redete ihm gut zu: ‚Keine Sorge, hier kommt nichts weg. Du bist hier in einer anderen Welt. Vergiss die Welt da draußen! Hier kannst du sogar deine Uhr liegen lassen, du würdest sie morgen an derselben Stelle wiederfinden.‘ Der Einkäufer wollte die Ware trotzdem keinesfalls ohne Unterschrift zurücklassen, denn sie war immerhin eine halbe Million Rubel wert.

      Kurz danach verlangten ein paar Leute von der Lagerverwaltung, dass der Lkw das Lager verließ. Einer von ihnen sagte dem Einkäufer, er solle die Rechnung dalassen und sie am nächsten Tag wieder abholen. Er tat es widerstrebend. Am nächsten Morgen wollte er ins Lager hinein, um sich die Unterschrift zu holen, doch schon am Eingang händigte ihm der Wärter die unterschriebene Rechnung aus.

      Später erzählte uns der Wärter, der Mann habe eine halbe Stunde fassungslos dagestanden und immer wieder aufs Tor und auf seine Papiere geschaut, sich zum Gehen gewandt, wieder zurück aufs Tor gestarrt und so weiter. So etwas war ihm wahrscheinlich in seinem ganzen Leben noch nicht passiert. Die wertvolle Ware war tatsächlich vollständig abgeliefert und ihr Empfang bestätigt worden — und zwar absolut ehrlich und ganz ohne sein Dazutun. Aber das Sensationellste daran war, dass sich das alles in einem Lager mit Sonderregime abgespielt hatte, wo sogenannte gemeingefährliche Verbrecher ihre Strafe abbüßten. Ganz gleich also, was für Propaganda gegen die Zeugen gemacht wurde, in solchen und ähnlichen Momenten war für alle klar ersichtlich, was für Menschen Jehovas Zeugen wirklich sind.“

      „NUN PREDIGEN SIE WIEDER“

      1960, nur wenige Tage nachdem die Brüder zum Lagpunkt Nr. 1 in Mordowien gebracht worden waren, wurden mehr als 100 von ihnen in ein Sonderlager im nahe gelegenen Dorf Udarny verlegt, zum Lagpunkt Nr. 10. Das Ganze war als „Testlauf“ für Methoden zur Umerziehung der Zeugen gedacht. Sie mussten dort wie die Häftlinge in den NS-Konzentrationslagern gestreifte Kleidung tragen und neben vielen anderen Arbeiten im Wald riesige Baumstümpfe ausgraben. Als Tagespensum waren pro Person mindestens 11 bis 12 Baumstümpfe angesetzt. Doch oftmals gelang es nicht einmal einer ganzen Arbeitskolonne von Brüdern, auch nur einen einzigen Baumstumpf, beispielsweise den einer gigantischen Eiche, auszuheben, obwohl sie den ganzen Tag schufteten. Oft sangen sie Königreichslieder, um sich gegenseitig Mut zu machen. Manchmal schrie der Lagerverwalter dann: „Für euch Zeugen ist heute das Abendbrot gestrichen, dann wird euch das Singen bestimmt gleich vergehen. Ich werde euch das Arbeiten schon noch beibringen!“ Ein Bruder, der diese Zeit miterlebte, sagte: „Aber Jehova stand uns bei. Trotz der schlimmen Zustände ließen wir im Glauben nicht nach und munterten uns gegenseitig immer wieder mit dem schönen Gedanken auf, dass wir uns in der Streitfrage um das universelle Herrscherrecht auf Jehovas Seite gestellt hatten“ (Spr. 27:11).

      In dem Lager gab es etliche „Umerzieher“. Daneben hatte jede Zelle noch ihren eigenen Umerzieher: einen Offizier mindestens im Rang eines Hauptmanns. Ihr Ziel war es, die Zeugen zur Aufgabe ihres Glaubens zu bewegen. Wer nachgab, also seinem Glauben abschwor, würde freikommen. Monat für Monat schrieben die Umerzieher über jeden einzelnen Zeugen eine Beurteilung, die von mehreren Angestellten unterzeichnet wurde. Doch bei jeder Beurteilung mussten sie schreiben: „Reagiert nicht auf Umerziehungsmaßnahmen; steht fest zu seiner Überzeugung.“ Iwan Klimko erzählte: „Von insgesamt 10 Jahren habe ich 6 Jahre hier zugebracht und wurde wie andere Brüder auch als ‚gemeingefährlicher Wiederholungstäter‘ eingestuft. Wie uns die Offiziere sagten, machte man uns das Leben bewusst extrem schwer, um zu sehen, wie wir uns verhielten.“

      Ijow Andronik, der dort 5 Jahre interniert war, fragte den Lagerkommandanten einmal: „Wie lange werden wir hier bleiben?“ Der Mann zeigte auf den Wald und sagte: „Bis wir euch alle da hinausgetragen haben.“ Ijow erzählte weiter: „Wir wurden von den anderen isoliert, damit wir keinem predigen konnten. Man ließ uns nicht aus den Augen. Auch wenn nur einer von uns im Lager von A nach B musste, ging das nur in Begleitung eines Aufsehers. Als wir Jahre später in ein weniger strenges Lager überführt wurden, meinten einige Häftlinge, die keine Zeugen waren, zur Lagerleitung: ‚Jehovas Zeugen haben den Kampf gewonnen! Ihr hattet sie isoliert, aber nun predigen sie wieder.‘ “

      EIN OFFIZIER ERKENNT SEINE BIBEL WIEDER

      Es war äußerst schwierig, in den Lagpunkt Nr. 10 Literatur hineinzubekommen, geschweige denn eine Bibel. An das Wort Gottes heranzukommen schien den Brüdern schier unmöglich. Ein Bruder, der dort einige Jahre einsaß, sagte: „Für Jehova ist nichts unmöglich. Er erhörte unsere Gebete. Wir waren 100 Zeugen im Lager und hatten um mindestens eine Bibel gebetet; doch am Ende hatten wir sogar zwei!“ (Mat. 19:26). Wie kam es dazu?

      Ein Oberst war als Umerzieher einberufen worden. Doch wie sollte jemand, der keine Ahnung von der Bibel hatte, die Zeugen „umerziehen“? Er beschaffte sich daher von irgendwoher eine Bibel. Sie war allerdings recht zerfleddert, deshalb gab er sie einem älteren Lagerinsassen, der Baptist war, zur Reparatur. Dieser sollte sie für ihn neu binden, solange er im Urlaub war. Und er wies die Aufseher an, dem Mann die Bibel nicht wegzunehmen. Der Baptist protzte bei den Brüdern mit der Bibel und ließ sich überreden, sie ihnen kurze Zeit auszuleihen, damit sie einen Blick darauf werfen konnten. Als die Brüder diesen kostbaren Schatz in den Händen hatten, nahmen sie die Bibel flugs auseinander und verteilten die Seiten untereinander zum Abschreiben. In den darauffolgenden Tagen verwandelten sich alle Zeugenzellen in betriebsame Schreibstuben. Jede Seite wurde zweimal von Hand abgeschrieben. Ein Bruder erzählte aus der Zeit: „Nachdem alle Seiten wieder eingesammelt waren, hatten wir 3 Bibeln! Der Oberst bekam seine neu gebundene Bibel und wir hatten unsere beiden Kopien. Die eine nahmen wir zum Lesen, die andere versteckten wir in unserem ‚Safe‘: Das waren ein paar Kabelkanäle für Hochspannungsleitungen! Dort hatten wir einige Verstecke eingebaut, denn die Wachleute wagten sich nicht einmal in die Nähe dieser Leitungen. Die Hochspannung war ein verlässlicher Wächter für unsere Literatursammlung.“

      Einmal fiel dem Oberst allerdings bei einer Durchsuchung eine handgeschriebene Seite seiner Bibel in die Hände. Als ihm klar wurde, was da passiert war, rief er frustriert: „Und ich hab die Bibel auch noch selbst ins Lager gebracht!“

      FEIER DES GEDÄCHTNISMAHLS

      Jedes Jahr versuchten die Brüder, in den Lagern das Gedächtnismahl abzuhalten. In einem Lager in Mordowien hat in all den Jahren keiner der Brüder je ein Gedächtnismahl versäumt. Die Lagerleitung wollte das Gedächtnismahl natürlich verhindern. Sie kannte jeweils das Datum und versetzte an dem Tag gewöhnlich das ganze Lagerpersonal in Alarmbereitschaft. Gegen Abend waren es die meisten Wachleute jedoch leid, die Brüder ständig im Auge zu behalten, zumal keiner wusste, wann und wo genau das Gedächtnismahl stattfinden würde.

      Die Brüder bemühten sich stets um Wein und ungesäuertes Brot. Einmal entdeckte eine Wacheinheit die Symbole am Gedächtnismahltag in einer Schublade und konfiszierte sie. Doch als die Ablösung kam, konnte ein Bruder, der das Kontor des Kommandoführers der Einheit putzte, die Symbole unbemerkt zurückholen. Die Brüder warteten noch die nächste Wachablösung ab und feierten dann das Gedächtnismahl — mit Symbolen! Das war auch wichtig, denn einer der Brüder war ein Gesalbter.

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