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    Jahrbuch der Zeugen Jehovas 2008
    • „SIND UNTER EUCH JONADABE?“

      Auch viele Schwestern, die sich eifrig im Dienst Jehovas einsetzten, kamen ins Lager (Ps. 68:11). Sinaida Kosyrewa beschrieb die Liebe der Schwestern zueinander und zu den anderen im Lager: „1959, nicht einmal ein Jahr nach meiner Taufe, kamen Wera Michailowa, Ljudmila Jewstafjewa und ich in ein Lager in Kemerowo in Sibirien, wo es 550 Gefangene gab. Bei unserer Ankunft standen einige Frauen am Eingang.

      ‚Sind unter euch Jonadabe?‘, fragten sie.

      Es waren unsere lieben Schwestern! Sie gaben uns schnell etwas zu essen und stellten uns viele Fragen. Sie strahlten eine Herzenswärme und Liebe aus, die ich in meiner Familie nie erlebt hatte, und standen uns Neuankömmlingen von Anfang an zur Seite (Mat. 28:20). Wir merkten gleich, dass die geistige Versorgung hier sehr gut organisiert war.

      Wir wurden eine echte Familie. Besonders schön war es im Sommer bei der Heuernte. Die Lagerverwaltung hatte keinerlei Bedenken, dass wir weglaufen oder die Regeln brechen würden, und stellte für uns 20 bis 25 Schwestern lediglich einen Wachsoldaten ab. In Wirklichkeit bewachten wir ihn! Sowie nämlich jemand kam, weckten wir ihn schnell auf, denn wenn man ihn schlafend erwischt hätte, wäre er bestraft worden. Dafür konnten wir uns in der Pause, während er schlief, ausgiebig über die Bibel unterhalten. Auf diese Weise war allen geholfen — ihm und uns!

      Ende 1959 kamen einige Schwestern und ich in ein Lager mit strengem Regime. Man steckte uns in eine kalte Zelle. Im Fenster war keine Scheibe und wir schliefen auf Brettern. Tagsüber mussten wir arbeiten: Wir hatten Gemüse zu sortieren und wurden dabei genau beobachtet. Als man merkte, dass wir im Gegensatz zu den anderen Häftlingen nichts stahlen, bekamen wir etwas Heu für unser Nachtlager und ins Zellenfenster wurde eine Scheibe eingesetzt. Nach einem Jahr verlegte man uns in ein Lager mit normalem Regime in Irkutsk.

      Dort gab es um die 120 Schwestern. Hier blieben wir 15 Monate. Der erste Winter war bitterkalt und brachte viel Schnee. Wir mussten in einer Holzfabrik schwer arbeiten. Die Wachen durchsuchten uns oft nach Literatur. Wie es aussah, war das ihr einziger Zeitvertreib. Wir waren mittlerweile richtig gut im Verstecken geworden, manchmal zu gut. Einmal versteckten Wera und ich die Zettel mit dem Tagestext so gut in unserer Arbeitsjacke, das wir sie selbst nicht mehr fanden — dafür aber eine Wache! Und so kamen Wera und ich 5 Tage in den Karzer. Draußen waren mehr als 40 Grad minus und die Wände der ungeheizten Zelle waren vereist.

      In der Zelle gab es nur kleine Betonbänke, auf denen man gerade so sitzen konnte. Wenn uns sehr kalt wurde, setzten wir uns Rücken an Rücken und stemmten uns mit den Beinen gegen die Wände. Oft schliefen wir dabei ein, schreckten allerdings immer wieder aus dem Schlaf hoch und sprangen dann aus Angst zu erfrieren auf. Den ganzen Tag über bekamen wir nur ein einziges Glas heißes Wasser und 300 Gramm Schwarzbrot. Trotzdem waren wir glücklich, denn Jehova gab uns ‘die Kraft über das Normale hinaus’ (2. Kor. 4:7). Als wir wieder zurück in die Baracke durften, kümmerten sich die Schwestern besonders lieb um uns. Sie hatten schon etwas Warmes zum Essen vorbereitet und für warmes Wasser gesorgt, damit wir uns waschen konnten.“

      „EIN VERTRÄGLICHER MENSCH“

      Sinaida erzählte weiter: „Im Lager zu predigen war schwierig, denn es war nicht sehr groß und alle kannten die Zeugen. Hier galt das Prinzip aus 1. Petrus 3:1. Wir nannten es: Predigen ohne Worte. Wir hielten unsere Baracke ordentlich und sauber und gingen freundlich und liebevoll miteinander um (Joh. 13:34, 35). Auch kamen wir mit allen anderen im Lager gut aus. Wir strengten uns an, uns so zu verhalten, wie es in Gottes Wort steht, und auf die Bedürfnisse anderer einzugehen. Eine Schwester half anderen beispielsweise gern, wenn sie etwas ausrechnen mussten. Viele merkten, dass sich Jehovas Zeugen von anderen Religionen unterscheiden.

      1962 wurden wir von Irkutsk in ein Lager nach Mordowien überführt. Auch hier bemühten wir uns, jederzeit ordentlich auszusehen und auf Hygiene zu achten. Unsere Betten waren stets gemacht und immer sauber. In unserer Baracke lebten ungefähr 50 Insassen, die meisten davon Schwestern. Sie putzten allerdings als Einzige die Baracke. Die anderen wollten diese Arbeit nicht machen. Der Boden in der Baracke war immer frisch geputzt und mit Sand gescheuert. Die Lagerführung stellte uns dafür alles zur Verfügung. Mit uns in der Baracke lebten Nonnen und Intellektuelle. Die Nonnen lehnten die Mithilfe beim Putzen rundweg ab und auch die Intellektuellen waren nicht dazu gewillt. So lag es im Wesentlichen bei uns, für gute hygienische Bedingungen in der Baracke zu sorgen. Wann immer eine Schwester freikam, wurde in ihrer Akte vermerkt, sie sei ‚anpassungsfähig und ein verträglicher Mensch‘.“

      EIN BLUMENGARTEN ALS SICHTSCHUTZ

      Sinaidas Geschichte ging noch weiter: „Einmal schrieben ein paar Schwestern nach Hause und baten um Samen von Blumen mit großen Blüten. Wir erzählten der Lagerverwaltung von unserer Idee, hübsche Blumen zu pflanzen, und fragten, ob wir dafür Schwarzerde bekommen könnten. Zu unserer Überraschung war die Lagerverwaltung von der Idee begeistert und ließ die Humuserde ins Lager bringen. Wir bepflanzten Blumenbeete entlang der Baracken und legten dazwischen lange Wege an. Bald wuchsen im Lager dicht an dicht langstielige Rosen, allerliebste Bartnelken und andere hübsche und vor allem hohe Blumen. Im farbenfrohen Hauptbeet blühten wunderschöne Dahlien und dicke Stauden hoher Margeriten. Hier gingen wir spazieren, studierten im Schutz der Blumen die Bibel und versteckten in den üppigen Rosenhecken unsere Literatur.

      Unsere Zusammenkünfte hielten wir im Gehen ab. Dazu bildeten wir Fünfergruppen. Jede Schwester hatte zuvor einen anderen Absatz aus einer Publikation auswendig gelernt. Nach einem Gebet sagten wir sie uns gegenseitig auf und unterhielten uns darüber. Zum Schluss beteten wir noch einmal und gingen dann weiter spazieren. Den Wachtturm gab es in Form von winzigen Heftchen [wie auf dem Foto auf Seite 161 zu sehen]. Jeden Tag lasen und studierten wir etwas, allem voran den Tagestext. Oder wir zitierten aus dem Kopf die Absätze für die Zusammenkünfte, die dreimal in der Woche stattfanden. Wir versuchten sogar, ganze Bibelkapitel auswendig zu lernen, und sagten sie uns dann zur gegenseitigen Stärkung auf. Dadurch war es nicht so tragisch, wenn bei einer Durchsuchung doch einmal Literatur beschlagnahmt wurde.

      Die Lagerleitung versuchte zwar, über andere Häftlinge herauszufinden, wie wir organisiert waren. Viele Gefangene waren jedoch auf unserer Seite. Mit in unserer Baracke lebte Olga Iwinskaja, die Freundin des berühmten Dichters und Schriftstellers Boris Pasternak, der den Nobelpreis für Literatur erhielt. Sie war ebenfalls Schriftstellerin. Sie mochte uns, und es gefiel ihr, wie gut wir organisiert waren. Jehova gab uns Weisheit — vor allem, wenn es um die geistige Speise ging“ (Jak. 3:17).

      „JETZT WIRD’S MIR ABER ZU BUNT!“

      „Die Publikationen kamen auf verschiedenen Wegen ins Lager hinein“, fügte Sinaida noch hinzu. „Ganz oft war klar ersichtlich, dass Jehova selbst darüber wachte — wie er es ja versprochen hat: ‚Ich will dich keineswegs im Stich lassen noch dich irgendwie verlassen‘ (Heb. 13:5). So waren die Wachposten manchmal einfach wie mit Blindheit geschlagen. Im Winter kam zum Beispiel einmal unsere Brigade zurück von der Arbeit und wurde von den Wachposten am Tor wie üblich durchsucht. Dazu mussten wir uns jedes Mal komplett ausziehen. Ich war die Letzte und hatte unter zwei Hosen neue Literatur versteckt.

      Es war kalt und ich war nach dem Zwiebelsystem eingemummelt. Als Erstes durchsuchte die Wächterin meinen Wintermantel, dann meine ärmellose, wattierte Jacke darunter. Ich beschloss, das Ganze so lange wie möglich hinzuziehen, in der Hoffnung, dass sie der Sache leid wurde. Gemächlich zog ich erst den einen Pullover, dann den anderen aus. Während sie die Pullover sorgfältig kontrollierte, entledigte ich mich in aller Seelenruhe mehrerer Schals und Tücher, dann einer Weste, einer Bluse und noch einer Bluse. Blieben noch zwei Hosen und meine Filzstiefel! Umständlich zog ich erst den einen Stiefel aus, dann den anderen, und genauso bedächtig die erste Hose. Ich dachte mir: ‚Was nun? Wenn sie jetzt will, dass ich die andere Hose ausziehe, muss ich wohl losrennen und die Literatur den Schwestern zuwerfen.‘ Doch wie ich mit der ersten Hose gerade fertig war, schrie sie verärgert: ‚Jetzt wird’s mir aber zu bunt! Verschwinde!‘ Flink zog ich mich wieder an und rannte ins Lager.

      Woher bekamen wir die Literatur? Die Brüder brachten sie zu einem vereinbarten Ort, und wir wechselten uns dabei ab, sie von dort ins Lager zu bringen. Wenn sie erst einmal im Lager war, versteckten wir sie an einem sicheren Platz. Ab und zu änderten wir das Versteck. Außerdem schrieben wir die Publikationen ständig von Hand ab — und zwar unter der Bettdecke im Licht einer Straßenlampe, die durch das Fenster hereinschien. Die Kopien versteckten wir ebenfalls. Wir hielten uns permanent beschäftigt, um keine einzige Minute zu vergeuden. Sogar auf dem Weg zur Lagerkantine trug jeder von uns stets ein Stück Papier mit einem Bibeltext bei sich.“

  • Russland
    Jahrbuch der Zeugen Jehovas 2008
    • [Kasten/Bild auf Seite 158, 159]

      „Ihr seid tatsächlich ganz anders“

      SINAIDA KOSYREWA

      GEBURTSJAHR: 1919

      TAUFE: 1958

      KURZPORTRÄT: Verbrachte viele Jahre in unterschiedlichen Lagern. Starb 2002.

      SCHON von klein auf war es mein Herzenswunsch, Gott zu dienen. 1942 führte mich eine Freundin, die es gut mit mir meinte, in die russisch-orthodoxe Kirche ein, damit ich „nicht eines Tages in der Hölle lande“, wie sie sagte. Als der Priester aber hörte, dass ich Ossetin bin, wollte er mich nicht taufen. Er änderte seine Meinung erst, als meine Freundin ihm Geld dafür gab. Auf der Suche nach der Wahrheit hatte ich Kontakt zu Adventisten, Pfingstlern und Baptisten. Deswegen wurde ich zu Zwangsarbeit verurteilt. Im Arbeitslager lernte ich Zeugen Jehovas kennen und überzeugte mich schnell von der Wahrheit. 1952 kam ich wieder frei, kehrte heim und fing an, die gute Botschaft zu predigen.

      Im Dezember 1958 klopfte es plötzlich in aller Frühe bei uns an der Tür. Soldaten stürmten herein, zwei von ihnen drängten mich in eine Ecke und bewachten mich dort, der Rest durchsuchte das Haus. Mein Vater wurde aus dem Schlaf gerissen und bekam große Angst um seine Familie, vor allem um seine Söhne. Meine Eltern hatten 5 Söhne, ich war die einzige Tochter. Als er sah, dass die Soldaten alle Zimmer und den Dachboden durchwühlten, vermutete er, dass das etwas mit meinem Glauben zu tun hatte. Er griff sich ein Gewehr, legte auf mich an und schrie: „Amerikanische Spionin!“ Doch die Soldaten rissen ihm das Gewehr weg. Ich konnte es nicht fassen, dass mein eigener Vater mich erschießen wollte. Nach der Durchsuchung wurde ich auf einen Lkw verfrachtet, aber ich war froh, dass ich lebte. Für meine religiöse Betätigung bekam ich 10 Jahre Haft.

      Im Dezember 1965 wurde ich vorzeitig aus der Haft entlassen. Meine Eltern freuten sich, mich wiederzusehen, allerdings wollte Vater nicht, dass ich bei ihnen wohnte. Seltsamerweise verlangte der KGB von meinem Vater jedoch, meinen Wohnsitz bei ihm anzumelden, und vermittelte mir sogar eine Arbeit. Vater war nach wie vor feindselig, doch nach einer Weile änderte sich das. Er lernte die Brüder und Schwestern kennen, die mich besuchten. Meine leiblichen Brüder waren arbeitsscheu, trinklustig und streitsüchtig. Eines Tages sagte Vater: „Ihr seid tatsächlich ganz anders, als ich dachte. Ich möchte dir gern ein eigenes Zimmer geben, damit ihr dort eure Zusammenkünfte abhalten könnt.“ Ich traute meinen Ohren nicht. Er zeigte mir ein großes Zimmer, das er für mich gedacht hatte, und sagte: „Keine Angst! Wenn ihr eure Zusammenkunft habt, stehe ich draußen Wache, da kommt keiner rein!“ Genauso war es auch, denn Vater war für sein raues Wesen bekannt.

      So hielten wir unter dem Schutz Jehovas und meines Vaters in meinen eigenen vier Wänden unsere Zusammenkünfte ab. Wir waren oft bis zu 30 Personen, denn so viele Zeugen gab es damals in Nordossetien. Es war ein schönes Gefühl, aus dem Fenster zu schauen und meine Eltern vor dem Haus sitzen zu sehen, die Wache hielten. Zurzeit zählen wir in Nordossetien um die 2 600 eifrige Verkündiger, die Jehovas Königreich bekannt machen (Jes. 60:22).

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