Der „Nikolaustag“ — Woher stammt er?
WENN man Anfang Dezember in Belgien durch die Straßen geht, bietet sich einem ein außergewöhnlicher Anblick: Kinder gehen in kleinen Gruppen von Haus zu Haus und singen kurze „Nikolauslieder“. Die Hausbewohner belohnen die niedlichen Kinder mit Früchten, Süßigkeiten oder Geld.
Der Anlaß? Der „Nikolaustag“. In den Vereinigten Staaten und in anderen Ländern gehört „Sankt Nikolaus“ oder „Santa Claus“ zum Weihnachtstag. Doch in Belgien wie auch in anderen europäischen Ländern ist dem bärtigen „Heiligen“ ein eigener Tag gewidmet. „Sankt Nikolaus“ (sinterklaas oder Sint Nicolaas), dessen Feiertag auf den 6. Dezember fällt, gehört in Belgien und in den Niederlanden zu den populärsten „Heiligen“. Viele Kirchen, Kapellen, Straßen und Stadtviertel sind nach ihm benannt. Er gilt traditionell als „der große Freund der Kinder“, der an seinem Feiertag bereitwillig Geschenke an sie austeilt.
Am Vorabend stellen die kleinen Kinder unter Absingen kurzer Lieder einen ihrer Haus- oder Straßenschuhe in die Nähe des Schornsteins. Man hat ihnen gesagt, daß in jener Nacht „Sankt“ Nikolaus und sein schwarzer Diener (Schwarzer Piet genannt) mit dem Dampfschiff aus Spanien eintreffen werden. Der „Heilige“ reitet dann auf seinem grauen Pferd über die Dächer, gefolgt vom Schwarzen Piet, der eine Rute und einen großen Sack mit Spielsachen und Süßigkeiten trägt. Nikolaus bringt auch Nüsse, Äpfel und andere Früchte. Oft läßt er verschieden geformte braune Gewürzkekse zurück, speculaas oder Bischofskekse genannt.
Wer wird beschenkt? Kinder, die im Verlauf des Jahres brav gewesen sind. Die ungezogenen sollen dagegen die Rute erhalten — oder noch schlimmer, in den Sack des Schwarzen Piet gesteckt und mitgenommen werden. Verständlicherweise sind die Kinder darauf bedacht, die nächtlichen Besucher zu beschwichtigen. Daher steht für den „Heiligen“ ein Glas Gin bereit, und daneben liegt eine Karotte oder etwas Zucker für sein Pferd.
In Belgien halten viele Eltern den „Nikolaustag“ für den schönsten Tag des Jahres. Sie freuen sich, die erwartungsvollen Gesichter ihrer Kinder zu sehen, die gespannt sind, was der „gute Heilige“ ihnen gebracht hat. Deshalb geben sie die Legenden an ihre Nachkommen weiter, ohne so recht zu wissen, woher die Bräuche stammen. Wenn sie es wüßten, wären sie wahrscheinlich schockiert.
„Sankt“ Nikolaus und Odin
In dem Werk Oosthoeks Encyclopedia heißt es: „Ursprung des [Nikolaus-]Festes zu Hause war das Kirchenfest (einschließlich der Überraschungen für die Kinder), das sich wiederum aus vorchristlichen Elementen zusammensetzte. Sankt Nikolaus, der über die Dächer reitet, ist der heidnische Gott Wodan [Odin]. ... Sankt Nikolaus war auch der Anführer der Wilden Jagd, in der die Seelen der Verstorbenen die Erde besuchten.“
Die Germanen glaubten, daß ihr Hauptgott, Odin oder Wodan, während der „Zwölf Nächte“ — die Zeit zwischen Weihnachten und dem Dreikönigsfest (6. Januar) — die Seelen der Verstorbenen auf einem wilden Ritt durch die Lande anführte. Der darauf folgende Sturm trug nach ihrer Vorstellung den Samen der Feldfrüchte mit sich und förderte die Fruchtbarkeit. Was bedeuten die Äpfel, die Nüsse und die anderen Herbstfrüchte, die am „Nikolaustag“ verschenkt werden? Es sind tatsächlich Fruchtbarkeitssymbole. In alter Zeit glaubten die Menschen, sie könnten ihre Götter günstig stimmen, wenn sie ihnen während der kalten, dunklen Wintertage Geschenke machten; dadurch würde die Fruchtbarkeit der Menschen und Tiere sowie des Erdbodens gesteigert.
Odin wurde von seinem Diener Eckart begleitet, der ebenfalls eine Rute trug und das Vorbild für den Schwarzen Piet war. Bis ins Mittelalter hielt sich der Volksglaube, daß bestimmte Bäume und Pflanzen Menschen fruchtbar machen könnten und daß eine Frau, die mit dem Zweig eines solchen Baumes geschlagen wurde, schwanger werde.
Das Buch Feest-en Vierdagen in kerk en volksgebruik (Fest- und Feiertage in Kirche und Brauchtum) erwähnt weitere Parallelen zwischen Odin und „Sankt“ Nikolaus: „Auch Wodan füllte die Stiefel und Holzschuhe, die an den Schornstein gestellt wurden — allerdings mit Gold. Für Wodans Roß wurden Heu und Stroh in die Holzschuhe gelegt. Die letzte Garbe des Feldes war ebenfalls für das Pferd bestimmt.“
In dem Werk Sint Nicolaas von B. S. P. van den Aardweg wird auf einige andere auffallende Parallelen hingewiesen:
„St. Nikolaus: eine große, kräftige Gestalt auf einem weißen Pferd. Er hat einen langen weißen Bart, trägt einen Bischofsstab in der Hand, hat eine Bischofsmütze auf dem Kopf ... und ist mit einem weiten Bischofsgewand bekleidet.
Wodan: eine Person von großer Statur mit einem weißen Bart. Er trägt einen Hut mit breiter Krempe, den er tief über die Augen gezogen hat. In der Hand hält er seine Zauberlanze. Bekleidet ist er mit einem weiten Mantel, und er reitet auf seinem treuen grauen Pferd Sleipnir.
Es gibt noch weitere offensichtliche Parallelen: Wodan ritt auf seinem grauen Pferd durch die Luft, und die furchtsamen Menschen boten ihm gefüllte Kuchen sowie Fleisch und Feldfrüchte an. St. Nikolaus reitet über die Dächer, und die Kinder stellen Heu, Karotten und Wasser für das Pferd bereit. Ingwerwaffeln und die Rute waren schon Fruchtbarkeitssymbole, lange bevor das Nikolausfest eingeführt wurde.“
Neuzeitliche Fruchtbarkeitsriten
Eine Reihe anderer Bräuche in Verbindung mit „Sankt“ Nikolaus verraten ebenfalls heidnischen Ursprung. Beispielsweise gehen in Nordbelgien am 4. Dezember die 12- bis 18jährigen Jungen auf die Straße. Die maskierten Jungen in ihren grotesken Kostümen, die mit Federn, Muscheln und anderen Produkten aus der Region verziert sind, stellen „kleine St. Nikolause“ oder Sunne Klaezjen dar. Am folgenden Tag sind die Männer ab 18 Jahre an der Reihe. Am frühen Abend ziehen sie durch die Straßen. Mit Besen, Büffelhörnern und Knüppeln vertreiben sie alle Frauen, Mädchen und Jungen, die sie antreffen. Junge Mädchen läßt man tanzen oder über einen Stock springen.
Worum geht es dabei? Ebenfalls um die Fruchtbarkeit — die immer wiederkehrende Sorge der alten Völker. Der Winter war eine dunkle, beunruhigende Jahreszeit, in der, wie vielfach angenommen wurde, der Fruchtbarkeitsgott schlief oder tot war. Man glaubte, der Gottheit durch verschiedene Mittel neues Leben geben oder ihr zumindest etwas helfen zu können. Durch Geschenke, Tänze, Lärm und Schläge mit der Fruchtbarkeitsrute wollte man die bösen Geister austreiben und die Fruchtbarkeit von Mensch, Tier und Erdboden steigern.
Wenn junge Mädchen über den Stock springen, ahmen sie daher ihre Vorfahren nach, die glaubten, die Höhe solcher Sprünge gebe Auskunft darüber, wie hoch der Flachs würde. Und durch das Vertreiben von Frauen und Kindern lassen die jungen Männer den Ritus der Vertreibung böser Geister wieder aufleben.
Die Entscheidung wahrer Christen
Warum haben diese Riten in das sogenannte Christentum Eingang gefunden? Weil die Missionare der Kirche in früheren Jahrhunderten von ihren Bekehrten nicht verlangten, das biblische Gebot zu befolgen: „Geht aus ihrer Mitte hinaus und sondert euch ab ..., und hört auf, das Unreine anzurühren“ (2. Korinther 6:17). Statt heidnische Praktiken auszumerzen, haben die Missionare der Christenheit sie sogar beibehalten und weiterhin gepflegt, wenn auch in veränderter Form. Diese Bräuche haben sich dann über die ganze Welt verbreitet.
So brachten niederländische Auswanderer das Nikolausfest mit nach Nordamerika. Im Laufe der Zeit wurde „Sankt Nikolaus“ in „Santa Claus“ abgeändert. Aus dem stattlichen Bischof wurde ein rotwangiger, beleibter Bursche in einem leuchtendroten Anzug. Die Bischofsmütze wurde gegen eine Zipfelmütze ausgetauscht und das weiße Pferd gegen einen von Rentieren gezogenen Schlitten. Santa Claus blieb ein Gabenbringer, auch wenn sein Besuch auf den Weihnachtsabend verschoben wurde.
In protestantischen Gebieten Deutschlands ersetzte der neutralere „Weihnachtsmann“ den katholischen „Heiligen“ Nikolaus. Die heidnischen Elemente sind aber bis auf den heutigen Tag deutlich zu erkennen.
Jesus Christus sagte, daß wahre „Anbeter den Vater mit Geist und Wahrheit anbeten werden“ (Johannes 4:23). Für aufrichtige Christen sind die Nikolausbräuche eine echte Herausforderung: Wollen sie die alten Praktiken des Odinkults beibehalten, oder möchten sie sich von den Überresten des Heidentums frei machen? Jetzt ist die geeignetste Zeit des Jahres, über diese ernsten Fragen nachzudenken.
[Bildnachweis auf Seite 26]
Harper’s Weekly