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Hat das Fernsehen uns persönlich verändert?Erwachet! 1991 | 22. Mai
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Fernsehen und Moral
Die Feststellung, daß im amerikanischen Fernsehen immer mehr sexuelle Handlungen zu sehen sind, dürfte wohl niemanden überraschen. Eine Studie, die 1989 im Journalism Quarterly erschien, zeigte auf, daß in 66 Stunden bester Sendezeit insgesamt 722mal sexuelle Handlungen angedeutet, erwähnt oder wirklich gezeigt wurden. Die Bandbreite reichte von sinnlichen Berührungen bis zum Geschlechtsakt oder zu Masturbation, Homosexualität und Inzest. Im Durchschnitt in jeder Stunde 10,94mal!
Die Vereinigten Staaten stehen da keineswegs allein. Französische Fernsehfilme zeigen offen sexuellen Sadismus, im italienischen Fernsehen sind Stripteasevorführungen zu sehen, und das Nachtprogramm des spanischen Fernsehens bringt Gewalt- und Erotikfilme. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.
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Hat das Fernsehen uns persönlich verändert?Erwachet! 1991 | 22. Mai
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Gewalt zieht Zuschauer an. Sex ebenfalls. Daher serviert das Fernsehen beides in reichlich bemessenen Portionen — freilich nicht zuviel und nicht zu schnell, damit sich die Zuschauer nicht abgestoßen fühlen. In dem Buch Prime Time, Our Time schreibt Donna McCrohan: „Die meisten Sendungen gehen so weit wie möglich, was unflätige Sprache, Sex, Gewalt und Themenwahl anbelangt. Wenn sie dann die Grenze erreicht haben, bauen sie die Grenze ab, und schon ist die Öffentlichkeit reif, eine neue, hinausgeschobene Grenze zu akzeptieren.“
Das Thema Homosexualität lag beispielsweise früher für das Fernsehen jenseits der Grenze des guten Geschmacks. Doch als die Zuschauer sich erst einmal daran gewöhnt hatten, waren sie bereit, noch mehr hinzunehmen. Ein französischer Journalist erklärte: „Kein Produzent würde sich heute wagen, Homosexualität als unnormal darzustellen ... Eher ist es die Gesellschaft und ihre Intoleranz, die seltsam sind.“ Im amerikanischen Kabelfernsehen startete 1990 in elf Städten eine Homosexuellenserie mit Szenen, in denen Männer zusammen im Bett gezeigt wurden. Der Produzent sagte gegenüber dem Nachrichtenmagazin Newsweek, solche Szenen würden von Homosexuellen gemacht, um „das Publikum zu desensibilisieren, damit die Leute verstehen, daß wir wie alle anderen sind“.
Wunschbild gegen Realität
Gemäß den Autoren der Studie, über die im Journalism Quarterly berichtet wurde, sind im Fernsehen so gut wie nie die Folgen außerehelichen Geschlechtsverkehrs zu sehen. Das „Sperrfeuer prickelnder sexueller Darstellungen“ komme daher einer Desinformationskampagne gleich. Sie zitieren eine weitere Studie, in der man zu dem Schluß gelangt war, die herausragende Botschaft der Fernsehserien sei: Sex ist für nicht miteinander Verheiratete, und niemand zieht sich dadurch eine Krankheit zu.
Sieht so die Welt aus, wie wir sie kennen? Vorehelicher Geschlechtsverkehr ohne Schwangerschaften bei Minderjährigen und ohne Geschlechtskrankheiten? Homosexualität und Bisexualität ohne Angst, Aids zu bekommen? Gewalt und Zerstörung, woraus der Held siegreich und der Schurke gedemütigt hervorgeht — beide oft merkwürdigerweise unverletzt? Das Fernsehen zeichnet eine Welt der seligen Unbeschwertheit, in der nichts Konsequenzen nach sich zieht. Das Gesetz des Gewissens, der Moral und der Selbstbeherrschung wird durch das Gesetz der sofortigen Befriedigung ersetzt.
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