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Ich habe gelernt, auf Gott zu vertrauenErwachet! 2006 | April
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Ins Gefängnis und dann nach Sibirien
Alma und ich packten in Ruhe ein paar Sachen zusammen und aßen noch eine Kleinigkeit. Die KGB-Beamten staunten darüber und meinten: „Ihr weint noch nicht einmal! Ihr sitzt da einfach so und esst.“ Wir sagten zu ihnen: „Wir gehen in unser neues Gebiet, und außerdem wissen wir nicht, wann wir wieder etwas zu essen bekommen.“ Ich nahm eine Decke mit, aus der ich später warme Socken und Handschuhe machte. Nach monatelangem Gefängnisaufenthalt wurde ich im August 1951 zusammen mit anderen estnischen Zeugen in die Verbannung geschickt.c
Von Estland wurden wir mit dem Zug nach Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, gebracht und von da aus weiter in das berüchtigte Zwangsarbeitslager Workuta in der Republik Komi, nördlich vom Polarkreis. In unserer Gruppe waren wir als Zeuginnen zu dritt. Ich hatte in der Schule Russisch gelernt und mich seit meiner Verhaftung auch wieder in dieser Sprache geübt. Als wir in den Lagern ankamen, sprach ich daher fließend Russisch.
In Workuta trafen wir eine junge Ukrainerin, die in einem KZ der Nationalsozialisten in Polen eine Zeugin Jehovas geworden war. 1945 hatte man sie und 14 weitere Zeugen auf ein Schiff verfrachtet, das die Deutschen in der Ostsee versenken wollten. Doch das Schiff kam sicher in Dänemark an. Nach ihrer Rückkehr nach Russland wurde sie, weil sie predigte, verhaftet und nach Workuta geschickt. Dort machte sie uns immer wieder Mut.
Außerdem fragten zwei Frauen auf Ukrainisch: „Sind hier Zeugen Jehovas dabei?“ Uns war sofort klar, dass es unsere Glaubensschwestern waren. Sie ermunterten uns und kümmerten sich um uns. Andere Gefangene meinten, es wäre so, als hätten wir eine Familie, die uns schon erwartete.
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Ich habe gelernt, auf Gott zu vertrauenErwachet! 2006 | April
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Ende der 1950er und während der 60er und 70er Jahre kehrten immer wieder Glaubensbrüder aus der Verbannung zurück. Ende der 80er Jahre waren wir in Estland mehr als 700 Zeugen Jehovas.
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Ich habe gelernt, auf Gott zu vertrauenErwachet! 2006 | April
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c Die meisten Zeugen Jehovas in Estland waren schon Anfang April 1951 verbannt worden. Siehe Erwachet! vom 22. April 2001, die Seiten 6 bis 8, sowie das Video In Prüfungen die Treue bewahrt — Jehovas Zeugen in der Sowjetunion.
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