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Der plötzliche Kindstod — Auf der Suche nach Symptomen und UrsachenErwachet! 1988 | 22. Januar
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Doch wie ein anderer Bericht zeigt, war bei 11 von 42 Zwillingspaaren „das spätere SIDS-Opfer mehr als 300 g leichter als das überlebende Geschwisterchen“. Man kam zu dem Schluß, daß die einzigen Merkmale, durch die sich SIDS-Kinder von den anderen Kindern unterschieden, folgende waren: „im Durchschnitt niedrigeres Gewicht und geringere Größe bei der Geburt, vorheriges Auftreten von Zyanose [blaurote Verfärbung der Haut und der Schleimhäute infolge Sauerstoffmangels im Blut] oder Blässe während des Schlafes und wiederholte nächtliche Schweißausbrüche“.
In einem Bericht über 16 Fälle von SIDS in England erklärte eine Gruppe von Ärzten: „SIDS tritt gewöhnlich zwischen dem 1. und dem 6. Lebensmonat auf, vorwiegend aber zwischen dem 2. und dem 4. Monat. ... Andere bereits genannte Faktoren, die mit SIDS in Zusammenhang stehen, sind Rauchen der Mutter während der Schwangerschaft, jugendliches Alter und Ledigsein der Mutter, Kinderreichtum und niedriger sozioökonomischer Status.“ Außerdem sagten sie: „SIDS wird auch häufiger von Jungen gemeldet und tritt vermehrt in den Herbst- und Wintermonaten auf.“ Doch Bernard Knight gab zu bedenken: „Es muß betont werden, daß der plötzliche Kindstod in jeder Familie auftreten kann — und auch auftritt —, ungeachtet der Stellung in der sozialen Hierarchie.“
Pathologen versuchen, das Geheimnis zu enträtseln
Wenn ein Säugling ohne ersichtliche Ursache stirbt, wird der Leichenbeschauer gewöhnlich einen Pathologen bestellen, der den Körper untersucht und eine Autopsie durchführt. Der Grund dafür besteht darin, daß man die genaue Todesursache festzustellen versucht und dieses Wissen einsetzen möchte, um künftige Fälle zu verhindern. Was haben Pathologen in vielen Fällen herausgefunden?
Im Laufe der Jahre hat man verschiedene Fährten verfolgt. Eine Zeitlang führte man SIDS auf Erstickung durch Bettzeug oder durch falsche Körperhaltung zurück. Dies verwarf man, als erwiesen war, daß sich Babys normalerweise aus jeder Haltung herauswinden, die zur Erstickung führen könnte. Und das Bettzeug ist gewöhnlich so luftdurchlässig, daß die Atmung nicht behindert wird. Dann hielt man das Füttern mit der Flasche und die Verwendung von Kuhmilch für die Ursache. Doch Babys, die gestillt wurden, starben auch an SIDS. Lange Zeit galt Apnoe, Atemstillstand, als Grund. Nun ist man weitgehend davon abgekommen, dies als Hauptursache zu betrachten.
Vor einigen Jahren dachten Pathologen, „eine Infektion der Atemwege sei die eigentliche Todesursache ... Zwar ist man heute [1983] allgemein der Ansicht, daß die Infektion eher der Auslöser als die eigentliche Ursache ist, aber es besteht kein Zweifel, daß bei einem Großteil der Fälle von SIDS eine leichte Entzündung der Atemwege vorliegt“ (Sudden Death in Infancy).
Professor Knight kam zu dem Schluß, daß „es offensichtlich keine alleinige Ursache für den Krippentod gibt“, daß aber „mehrere Faktoren bei einem bestimmten Baby in einer bestimmten Phase zusammentreffen und den Tod verursachen. Einige Faktoren kennen wir, andere nicht.“ Die Sucharbeit wird also fortgesetzt, und man ist weiteren Hinweisen auf der Spur. Vor kurzem wurde indessen eine neue Entdeckung gemacht.
Hämoglobinwechsel — Ursache oder Symptom?
Über diese neue Annahme wurde im New England Journal of Medicine vom 30. April 1987 berichtet. Es hieß darin: „Eine anhaltende Erhöhung des Gehalts an fetalem Hämoglobin (Hämoglobin F) bei SIDS-Opfern könnte auf eine Sauerstoffunterversorgung empfindlicher Gewebsstellen hindeuten.“a Der Bericht zeigte, daß nach der Geburt normalerweise das fetale Hämoglobin durch Hämoglobin A ersetzt wird, das der Körper des Babys selbst erzeugt — sein eigenes Sauerstoff transportierendes Hämoglobin. Bei den SIDS-Opfern hingegen wies ein bedeutender Anteil einen erhöhten Gehalt an dem weniger wirksamen fetalen Hämoglobin auf. Zu welchem Schluß kamen die Ärzte daher?
„Wir deuten diese Feststellung dahin gehend, daß sich SIDS-Kinder durch eine merkliche Verzögerung des Wechsels von Hämoglobin F zu Hämoglobin A auszeichnen — ein Phänomen, das den eigentlichen chronischen Zustand widerspiegeln mag.“ Warum geschieht dies? „Der Grund für die unnormale Beibehaltung von Hämoglobin F ist ungewiß.“
Obgleich man dies nicht als eine Ursache von SIDS ansieht, gilt es doch als nützliches Erkennungsmerkmal für die Babys, die eher SIDS-gefährdet sind, „besonders diejenigen mit über 50 Lebenswochen, von der Empfängnis an gerechnet“.
Die Ärzte, die diese Untersuchung ins Leben gerufen haben, erklären, daß „Studien des plötzlichen Kindstodes einen Zusammenhang zwischen SIDS und niedrigem Geburtsgewicht, Frühgeburt, verzögertem Wachstum und Rauchen der Mutter nahelegen“.
Dieser letzte Punkt ist beachtenswert. Dr. Bernard Knight von der Universität von Wales (Cardiff) schrieb: „Es hat sich ein enger Zusammenhang zwischen Rauchen und SIDS gezeigt, obwohl es auch hier wieder schwierig ist, festzustellen, ob eine direkte Verbindung besteht oder lediglich ein Zusammenhang mit sozialen Faktoren.“ Er führte jedoch aufschlußreiche Statistiken an. Bei einer Untersuchung von 50 000 Geburten in der Stadt Cardiff betrug die Rate für SIDS bei Nichtraucherinnen oder Exraucherinnen 1,18 pro 1 000 Lebendgeburten. Bei Müttern, die mehr als 20 Zigaretten täglich rauchten, stieg die Zahl hingegen auf 5,62 pro 1 000 Lebendgeburten an — fünfmal mehr!
Viele Mütter fragen: „Wie steht es mit dem Stillen? Ist dadurch ein größerer Schutz vor SIDS gegeben?“ Dr. Bergman, der in den Vereinigten Staaten für seine Forschung auf dem Gebiet von SIDS bekannt ist, sagte: „Ich bin vom Stillen überzeugt, und ich denke, daß es aus vielen Gründen zu bevorzugen ist; aber ich denke nicht, daß man gegenüber einer Mutter, die ihr Baby durch den Krippentod verloren hat, andeuten sollte, daß es noch am Leben sein könnte, wenn sie es nur gestillt hätte.“
Gibt es angesichts des Erwähnten etwas, was Eltern tun können, um die Gefahr von SIDS abzuwenden? Kann man den Krippentod verhüten?
[Fußnote]
a Hämoglobin ist der Blutbestandteil, der den Farbstoff der roten Blutkörperchen ausmacht, und er besteht aus einer Verbindung von Eiweiß und Sauerstoff. Er führt dem Körper Sauerstoff von der Lunge zu.
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Der plötzliche Kindstod — Auf der Suche nach Symptomen und UrsachenErwachet! 1988 | 22. Januar
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Aber selbst heute, wo man mehr über dieses Thema weiß, sagt Dr. Smialek: „Obgleich SIDS nun weithin als Geschehen akzeptiert wird, das die Eltern weder voraussehen noch verhüten können, ist das gleichzeitige Auftreten des Todes bei Zwillingssäuglingen ein Phänomen, das immer noch Verwirrung und Verdacht hervorruft.“
Doch warum sind Zwillinge anfälliger für SIDS? Der Pathologe Bernard Knight antwortet: „Es handelt sich oft um Frühgeburten, und sie haben oft Untergewicht. Sie kommen eher in der Entbindungsklinik auf die Intensivstation. ... Alle diese Faktoren tragen dazu bei, daß sie für den plötzlichen Kindstod anfälliger sind.“
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