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  • 1991-2001 Im „Schmelzofen der Trübsal“ (Jes. 48:10) (Teil 1)
    Jahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
    • 1991-2001 Im „Schmelzofen der Trübsal“ (Jes. 48:10) (Teil 1)

      Bürgerkrieg

      In den 1980er-Jahren führten soziale, politische und wirtschaftliche Probleme in ganz Westafrika zu massiven Spannungen. In Liberia hinterließ der Krieg eine Spur der Verwüstung und viele flohen nach Sierra Leone. Dort kümmerte sich das Zweigbüro um die Brüder, die geflüchtet waren. Sie kamen in Privatunterkünften und in Königreichssälen unter und wurden von den einheimischen Brüdern versorgt.

      Übersicht auf Seite 130

      Auch wenn dies eine schwere Zeit für die Flüchtlinge war, so gab es doch auch amüsante Episoden. Isolde Lorenz, eine langjährige Missionarin, erzählt: „Auf dem Gelände des Zweigbüros war hinter dem Königreichssaal ein Garten mit einer Feuerstelle. Ein Bruder schickte seinen Sohn dorthin zum Essenaufwärmen. Als der Junge zurückkam, rief er: ‚Es gibt kein Essen!‘ Sein Papa wollte wissen, wieso nicht. ‚Weil Jehova mich vor dem Maul des Löwen gerettet hat!‘ Was war passiert? Als er seinem Vater das Essen bringen wollte, lief ihm Lobo über den Weg. Dem Jungen blieb vor Schreck fast das Herz stehen. Lobo gehörte zum Bethelinventar und war ein großer, aber ziemlich harmloser Schäferhund. Aus Angst streckte er die Schüssel mit dem Essen Richtung Hund, um ihn in Schach zu halten. Doch das hieß für Lobo eindeutig: ‚Bedien dich.‘ Und genau das tat Lobo auch!“

      Weil sich der Krieg in Liberia immer mehr ausbreitete, entflammte er am 23. März 1991 in Sierra Leone einen Bürgerkrieg, der schließlich 11 Jahre anhielt. Eine Gruppe von Rebellen, die sogenannte Revolutionäre Vereinigte Front (RUF), rückte schnell bis nach Kailahun und Koindu vor. Daraufhin flohen die meisten nach Guinea, darunter etwa 120 Brüder und Schwestern. Gleichzeitig flohen Verkündiger von Liberia nach Sierra Leone in bis dahin relativ sichere Gebiete.

      „Monatelang kamen im Bethel in Freetown Gruppen ausgemergelter, völlig erschöpfter und hungriger Brüder an“, erinnert sich der damalige Zweigkoordinator Billie Cowan. „Viele hatten ganz Entsetzliches durchgemacht und sich mit wilden Kräutern am Leben erhalten. Sofort wurden sie mit Essen und Kleidung versorgt. Wir kümmerten uns auch um ihre Verwandten und Interessierten. Die Brüder hießen die Flüchtlinge willkommen und nahmen sie gern bei sich auf. Die Flüchtlinge beteiligten sich sofort am Predigtdienst und unterstützten die Versammlungen. Die meisten verließen uns zwar wieder, aber wir denken gern an die Zeit mit ihnen zurück, weil sie uns wirklich gestärkt haben.“

      Bilder auf Seite 132

      Der Bürgerkrieg wütete 11 Jahre in Sierra Leone

      Trösten und Hoffnung geben

      Das Zweigbüro schickte den Zeugen in Flüchtlingslagern im Süden Guineas Nahrungsmittel, Medikamente, Baumaterial, Werkzeug und Geräte; und eine große Kleiderspende aus Frankreich. „Meine Kinder haben getanzt und gesungen und Jehova gedankt“, schrieb ein Vater. „Sie hatten für die Versammlung neue Sachen!“ Andere sagten: „Noch nie waren wir so gut angezogen.“

      Doch noch mehr war nötig, denn Jesus sagte ja: „Nicht von Brot allein soll der Mensch leben, sondern von jeder Äußerung, die durch den Mund Jehovas ausgeht“ (Mat. 4:4). Deswegen sandte das Zweigbüro Literatur und organisierte Kreis- und Bezirkskongresse. Auch wurden Pioniere und reisende Aufseher dorthin geschickt.

      Der Kreisaufseher André Baart besuchte das Lager in Koundou (Guinea), wo er von einem Verantwortlichen gebeten wurde, einen Vortrag zu halten. Um die 50 waren anwesend und hörten sich den Vortrag „Bei Jehova Zuflucht suchen“ an, basierend auf Psalm 18. Zum Schluss stand eine ältere Frau auf und sagte: „Du hast uns sehr glücklich gemacht. Reis löst unsere Probleme nicht. Wir brauchen die Bibel. Sie zeigt uns, dass wir auf Gott hoffen können. Wir danken dir von ganzem Herzen, dass du uns getröstet und uns Hoffnung gegeben hast.“

      Als die Missionare William und Claudia Slaughter in Guéckédou (Guinea) ankamen, war die Versammlung mit über 100 Flüchtlingen „glühend im Geist“ (Röm. 12:11). „Viele junge Männer wollten Fortschritte machen“, sagt William. „Fiel jemand in der Predigtdienstschule aus, waren 10 bis 15 junge Brüder bereit einzuspringen. Große Gruppen waren fleißig im Dienst unterwegs. Einige dieser eifrigen jungen Männer wurden später Sonderpioniere und Kreisaufseher.“

      Bauarbeiten mitten im Krieg

      Kurz nach Beginn des Bürgerkriegs kauften die Brüder in Freetown ein circa 6 000 Quadratmeter großes Grundstück in der Wilkinson Road 133, nur ein paar Häuser entfernt vom Zweigbüro. „Wir wollten dort ein neues Bethel bauen, waren aber unschlüssig wegen des Kriegs“, sagt Alfred Gunn. „Bruder Lloyd Barry von der leitenden Körperschaft war damals gerade zu Besuch und wir sprachen mit ihm über unsere Bedenken. Er sagte: ‚Von einem Krieg lassen wir uns nicht aufhalten, sonst würden wir ja nie was schaffen!‘ Seine aufrüttelnden Worte machten uns Mut, unsere Pläne zu verwirklichen.“

      Hunderte arbeiteten mit, darunter über 50 Freiwillige aus 12 Ländern und viele von den einheimischen Brüdern. Das Bauprojekt startete im Mai 1991. „Beobachter waren von der hochwertigen Bauweise total beeindruckt. Die Stahlkonstruktion war in dieser Gegend etwas Neues“, sagt der Bauleiter Tom Ball. „Aber was die Leute noch mehr beeindruckte, waren die Bauarbeiter aus nah und fern: Schwarz und Weiß arbeiteten hier glücklich Hand in Hand an ein und derselben Sache.“

      Am 19. April 1997 versammelten sich Brüder aus aller Welt zur Bestimmungsübergabe. Nur einen Monat später, der Krieg tobte bereits seit 5 Jahren, stürmte die RUF nun auch Freetown.

      Bilder auf Seite 135

      Das Zweigbüro in Freetown im Bau und heute

      Der Kampf um Freetown

      Tausende RUF-Kämpfer mit verfilzten Haaren und roten Stirnbändern durchkämmten die Stadt. Sie plünderten, vergewaltigten und töteten. „Die Lage war äußerst angespannt“, erinnert sich Alfred Gunn. „Die meisten Missionare wurden eiligst evakuiert. Als Letztes sollten Billie und Sandra Cowan, Jimmie und Joyce Holland sowie Catherine und ich gehen.

      Wir beteten noch mit den einheimischen Betheliten, die bleiben wollten. Dann ging es nichts wie weg zur Sammelstelle, von wo aus wir evakuiert werden sollten. Unterwegs stoppten uns ungefähr 20 Rebellen. Sie waren betrunken und sahen wild aus. Wir gaben ihnen Zeitschriften und Geld, dann ließen sie uns durch. An dem schwer bewachten Kontrollpunkt der US-Marine trafen wir mit mehr als 1 000 anderen zusammen. Wir bestiegen einen Militärhubschrauber, der uns schnellstens zu einem US-Kriegsschiff brachte. Später sagte uns ein Schiffsoffizier, das sei die größte Evakuierung von Zivilisten gewesen, die die US-Marine seit dem Vietnamkrieg durchgeführt habe. Am nächsten Tag flog uns ein Hubschrauber nach Conakry in Guinea. Dort richteten wir ein provisorisches Zweigbüro ein.“

      Bilder auf Seite 138

      Alfred und Catherine Gunn bei der Evakuierung

      Besorgt warteten die Missionare auf Neuigkeiten aus Freetown. Schließlich kam ein Brief: „Hier herrscht Chaos. Trotzdem verbreiten wir die Königreichs-Nachrichten Nr. 35, Wird jemals unter allen Menschen Liebe herrschen?. Die Leute reagieren positiv, selbst einige Rebellen studieren die Bibel. Wir haben beschlossen, uns im Dienst noch mehr anzustrengen.“

      Jonathan Mbomah, der damals im Kreisdienst war, erinnert sich: „Wir organisierten sogar einen Tagessonderkongress in Freetown. Das Programm hat allen so viel Kraft gegeben, da bin ich auch in die kriegsgeplagten Städte Bo und Kenema gereist, um dort Kongresse abzuhalten. Die Brüder dankten Jehova für diese Kraftquelle.

      Ende 1997 hatten wir dann in Freetown einen Bezirkskongress im Nationalstadion. Am letzten Tag kamen Soldaten der RUF und befahlen uns, das Stadion zu verlassen. Wir wollten den Kongress auf keinen Fall vorzeitig beenden und baten sie eindringlich, uns diese Zeit noch zu geben. Nach langem Hin und Her lenkten sie schließlich ein und zogen ab. Auf dem Kongress waren über 1 000 anwesend und 27 wurden getauft. Einige Brüder machten sich auf die gefährliche Reise nach Bo und hörten sich das Programm dort noch mal an. Diese Kongresse waren wunderbar und einfach herzergreifend.“

      Blutdiamanten

      SIERRA LEONE ist reich an Diamanten. Während des 11-jährigen Bürgerkriegs finanzierten damit verschiedene Gruppen ihre Feldzüge. Zu diesem Ergebnis kam die Wahrheits- und Versöhnungskommission von Sierra Leone. Blutdiamanten, auch Konfliktdiamanten genannt, wurden ins Ausland geschmuggelt und dort von Händlern ungeachtet ihrer Herkunft weiterverkauft. Tragischerweise wurde dadurch der Krieg am Leben erhalten.

      Ganzseitiges Bild auf Seite 140, 141
  • Früher Kindersoldat, heute Pionier
    Jahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
    • SIERRA LEONE UND GUINEA

      Früher Kindersoldat, heute Pionier

      Bild auf Seite 147

      MIT 16 wurde ich gezwungen, mich den Rebellen anzuschließen. Sie versorgten uns immer mit genügend Alkohol und Drogen. So kämpfte ich nicht selten im Rausch. Ich habe in vielen Gefechten mitgekämpft und anderen Grausames angetan — das tut mir unendlich leid.

      Eines Tages predigte ein älterer Zeuge Jehovas in unserer Kaserne. Die meisten Menschen machten aus Angst und Verachtung einen großen Bogen um uns. Doch er wollte uns Gott näherbringen. Als er mich in die Zusammenkunft einlud, bin ich hin. Ich weiß nicht mehr, um was es ging, aber ich vergesse nie, wie herzlich ich empfangen wurde.

      Als die Kämpfe immer hitziger wurden, verlor ich den Kontakt zu den Zeugen. Dann wurde ich schwer verletzt, erholte mich aber wieder. Noch vor Kriegsende flüchtete ich in eine von der Regierung kontrollierte Gegend. Dort nahm man mich in ein Programm zur Entwaffnung, Demobilisierung und Wiedereingliederung ehemaliger Kämpfer auf.

      Ich sehnte mich unwahrscheinlich nach Gott. Deswegen ging ich zur Pfingstgemeinde, aber dort schimpften sie mich „Satan“! Also machte ich mich auf die Suche nach den Zeugen. Ich fing ein Bibelstudium an und besuchte die Zusammenkünfte. Als ich den Brüdern alles Schlimme gestand, trösteten sie mich mit den Worten Jesu: „Gesunde benötigen keinen Arzt, wohl aber die Leidenden. . . . ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder“ (Mat. 9:12, 13).

      Das tat so gut! Daraufhin gab ich meinem Bibellehrer meinen Dolch und sagte: „Den hatte ich noch — aus Angst vor Rache. Jetzt, wo ich weiß, dass Jehova und Jesus mich lieben, will ich ihn nicht mehr.“

      Die Brüder brachten mir Lesen und Schreiben bei. Ich ließ mich taufen und wurde Pionier. Wenn ich heute mit Ex-Rebellen über meinen Glauben spreche, sagen sie mir: „Alle Achtung! Du hast dein Leben in Ordnung gebracht.“ Ich konnte sogar mit dem Kommandanten meiner damaligen Einheit studieren.

      Als Soldat zeugte ich 3 Jungs. Jetzt wollte ich auch ihnen von der Wahrheit erzählen. 2 haben die Wahrheit angenommen, davon ist einer Hilfspionier und der andere ungetaufter Verkündiger. Ich bin so glücklich!

  • 1991-2001 Im „Schmelzofen der Trübsal“ (Jes. 48:10) (Teil 2)
    Jahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
    • 1991-2001 Im „Schmelzofen der Trübsal“ (Jes. 48:10) (Teil 2)

      Das Bethel unter Beschuss!

      Im Februar 1998 startete die Regierung gemeinsam mit Truppen der ECOMOG (Economic Community of West African States Monitoring Group) eine radikale Offensive gegen die Rebellen, um sie aus Freetown zu vertreiben. Es ging schrecklich zu. Leider kam dabei auch ein Bruder durch Granatsplitter ums Leben.

      Ungefähr 150 Verkündiger suchten Zuflucht in den Missionarheimen in Kissy und Cockerill. Was im Bethel passierte, erzählt Laddie Sandy, einer der Nachtwächter: „Philip Turay und ich hatten Dienst. Plötzlich tauchten 2 bewaffnete RUF-Rebellen auf und verlangten von uns, die Glastüren zur Lobby zu öffnen. Sofort brachten wir uns in Sicherheit. Die beiden schossen immer wieder auf das Türschloss. Seltsamerweise ging es nicht kaputt. Sie kamen aber auch nicht auf die Idee, die Glasscheiben zu zerschießen. Genervt zogen sie wieder ab.

      In der übernächsten Nacht kamen die zwei wieder, gefolgt von rund 20 entschlossenen, gut ausgerüsteten Kumpanen. Wir alarmierten sofort die anderen 5 Betheliten und rannten zum ausgemachten Versteck im Keller. Hinter den 2 großen Fässern war es stockfinster. Wir zitterten am ganzen Leib. Die Rebellen schossen sich den Weg ins Gebäude frei. Das hielt selbst das hartnäckige Türschloss nicht aus. ‚Findet diese Zeugen und schneidet ihnen die Kehle durch!‘, bellte einer. Wir saßen zusammengekauert und wagten nicht, auch nur einen Mucks von uns zu geben. 7 Stunden lang durchwühlten und verwüsteten sie alles. Endlich zogen sie wieder ab!

      Wir packten unsere Siebensachen und liefen zum Cockerill-Missionarheim, dem alten Bethel, das nur ein paar Häuser entfernt war. Unterwegs wurden wir von einer anderen Rebellen-Gang überfallen und ausgeraubt. Völlig verstört, aber froh, noch am Leben zu sein, kamen wir endlich an. Wir ruhten uns ein paar Tage aus und gingen dann zurück, um das Chaos im Bethel zu beseitigen.“

      Nach 2 Monaten, inzwischen hatten die ECOMOG-Truppen alles unter Kontrolle, trafen die ersten Missionare aus Guinea wieder ein. Sie ahnten allerdings nicht, wie kurz ihr Aufenthalt werden würde.

      „Operation No Living Thing“

      Acht Monate später, im Dezember 1998, fand im Freetowner Nationalstadion der Kongress „Gottes Weg des Lebens“ statt, den Hunderte besuchten. Plötzlich war ein dumpfer Knall zu hören und in den Bergen stieg Rauch auf. Die Rebellen waren zurück!

      In den nächsten Tagen wurde die Lage in der Stadt immer kritischer. Das Zweigkomitee charterte ein kleines Flugzeug, mit dem 12 Missionare, 8 ausländische Betheldiener und 5 Bauhelfer nach Conakry ausgeflogen wurden. 3 Tage später, am 6. Januar 1999, starteten die Rebellentruppen ihren Todesfeldzug „Operation No Living Thing“. Die Todesschwadronen verwüsteten Freetown und metzelten gnadenlos rund 6 000 Zivilisten nieder. Wahllos hackten sie Arme und Beine ab, entführten Hunderte Kinder und zerstörten Tausende Häuser.

      Edward Toby, ein sehr beliebter Bruder, wurde brutal ermordet. Mehr als 200 traumatisierte Brüder und Schwestern kamen entweder im Bethel oder im Cockerill-Missionarheim unter. Andere versteckten sich in ihrem Haus. Die Zeugen, die sich im Kissy-Missionarheim versteckt hielten, brauchten dringend Medikamente. Doch die Straßen Freetowns waren lebensgefährlich und Kissy lag genau am anderen Ende der Stadt. Wer würde das Risiko auf sich nehmen? Laddie Sandy und Philip Turay, die mutigen Nachtwächter!

      „In der Stadt ging es chaotisch zu“, erinnert sich Philip. „An vielen Stellen wurden die Leute von den Rebellensoldaten kontrolliert und nach Lust und Laune schikaniert. Wegen der Ausgangssperre hatten wir tagsüber nur wenige Stunden, um weiterzukommen. 2 Tage später erreichten wir unser Ziel. Doch was uns erwartete, war ein geplündertes und ausgebranntes Missionarheim.

      Als wir uns in der Umgebung umsahen, fanden wir Bruder Andrew Caulker. Er war schwer am Kopf verletzt, weil ihn Rebellen gefesselt und wiederholt mit einer Axt auf ihn eingeschlagen hatten. Erstaunlicherweise überlebte er diese Tortur und konnte sich befreien. Wir brachten ihn schleunigst ins Krankenhaus, wo er sich langsam wieder erholte. Später wurde er Pionier.“

      Bild auf Seite 143

      Von links nach rechts: Laddie Sandy, Andrew Caulker und Philip Turay

      Andere Zeugen kamen unversehrt davon, weil sie als neutral bekannt waren. Ein Bruder berichtet: „Die Rebellen verlangten von meiner Frau und mir, auf der Straße mit einem weißen Tuch um den Kopf für ihre Sache zu tanzen. ‚Wenn ihr euch weigert, dann hacken wir euch ein Bein oder einen Arm ab! Oder wir legen euch gleich um!‘, drohten sie uns. Schockiert machten wir einen Schritt zur Seite und schickten ein Stoßgebet zum Himmel. Ein Nachbarsjunge erkannte unsere verzwickte Lage und sagte dem Anführer: ‚Der Mann ist harmlos. Der macht bei politischen Sachen nicht mit. Wir übernehmen das Tanzen für ihn.‘ Der Anführer gab sich damit zufrieden und wir stürzten nach Hause.“

      Eine unheimliche Stille legte sich über die Stadt. Vorsichtig gingen die Brüder wieder in die Zusammenkünfte und in den Dienst. Weil sie Kongressabzeichen trugen, erkannte man sie an den Kontrollstellen sofort. Dort gab es lange Warteschlangen und viele wurden richtige Experten, wenn es darum ging, biblische Gespräche anzufangen.

      Weil überall in der Stadt die Vorräte ausgingen, schickte das britische Zweigbüro 200 Hilfspakete per Luftfracht. Billie Cowan und Alan Jones flogen von Conakry nach Freetown, um die Lieferung durch die vielen Kontrollstellen zu begleiten. Gerade noch rechtzeitig vor der Ausgangssperre schafften sie es ins Bethel. James Koroma diente als Kurier und brachte Literatur und anderes Wichtiges aus Conakry mit. Auch die Brüder im abgelegenen Bo und Kenema bekamen Literatur.

      Bild auf Seite 145

      Die Hilfspakete kommen in Freetown an

      Am 9. August 1999 kamen die ersten Missionare aus Conakry zurück nach Freetown. Im folgenden Jahr trieb eine britische Eingreiftruppe die Rebellen aus der Stadt. Zwar wurde noch vereinzelt weitergekämpft, doch im Januar 2002 wurde der Krieg dann für beendet erklärt. In diesen 11 Jahren verloren 50 000 Menschen ihr Leben, 20 000 wurden verstümmelt, 300 000 Häuser wurden zerstört und 1,2 Millionen wurden aus ihrer Heimat vertrieben.

      Wie erging es Gottes Volk im Krieg? Jehova schenkte seinen Schutz und Segen. Rund 700 ließen sich taufen. Obwohl Hunderte ihre Heimat verlassen mussten, nahm die Zahl der Verkündiger um 50 Prozent zu. In Guinea waren es sogar über 300 Prozent! Vor allem aber sind die Brüder ihrem Gott unerschütterlich treu geblieben. Trotz „Schmelzofen der Trübsal“ waren sie unzertrennlich und standen einander liebevoll bei. Sie ließen sich nicht davon abbringen, fleißig „zu lehren und die gute Botschaft“ zu verkündigen (Jes. 48:10; Apg. 5:42).

  • Wir entkamen den Rebellen
    Jahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
    • SIERRA LEONE UND GUINEA

      Wir entkamen den Rebellen

      Andrew Baun

      • GEBURTSJAHR: 1961

      • TAUFE: 1988

      • KURZPORTÄT: Bei Kriegsbeginn 1991 Pionier in Pendembu im Osten von Sierra Leone

      Bild auf Seite 148

      EINES Nachmittags überfielen Rebellen unsere Stadt. Etwa 2 Stunden lang schossen sie in die Luft. Manche Soldaten waren gerade mal Teenager, konnten kaum ihre Waffen tragen. Sie sahen aus wie ein Haufen Wilder, total dreckig und verwahrlost, und sie wirkten wie unter Drogen.

      Am nächsten Tag ging das Gemetzel los. Menschen wurden brutal verstümmelt, hingerichtet und vergewaltigt. Es war ein furchtbares Chaos. Bruder Amara Babawo, seine Familie und 4 Bibelschüler suchten bei mir Unterschlupf. Wir hatten alle Angst.

      Bald erschien ein Rebellenführer und befahl uns, am nächsten Morgen zur Militärausbildung zu erscheinen. Für uns war klar: Wir bleiben neutral, auch wenn das den Tod bedeutet. In dieser Nacht haben wir kaum geschlafen, nur gebetet. Wir standen früh auf, besprachen den Tagestext und warteten auf die Rebellen. Sie kamen nicht.

      „Ihr lest den Tagestext? Dann seid ihr ja Zeugen Jehovas!“

      Später kam ein anderer Anführer und besetzte mit 4 Männern mein Haus. Weil wir bleiben sollten, führten wir weiter unsere Zusammenkünfte zu Hause durch und besprachen den Tagestext. Einige der Soldaten sagten: „Ihr lest den Tagestext? Dann seid ihr ja Zeugen Jehovas!“ Sie interessierten sich nicht für die Bibel, respektierten uns aber.

      Eines Tages kam ein Oberbefehlshaber, um die Soldaten zu inspizieren, die in meinem Haus einquartiert waren. Er salutierte Bruder Babawo und schüttelte ihm die Hand. Danach brüllte er die Soldaten an: „Dieser Mann hier ist unser Boss! Wenn ihm oder einem seiner Leute auch nur ein Haar gekrümmt wird, seid ihr dran. Verstanden?“ „Verstanden, Sir!“, gaben sie zurück. Der Oberbefehlshaber übergab uns dann einen Brief für die RUF. Darin hieß es, dass wir friedliche Bürger sind und man uns nichts zuleide tun darf.

      Als einige Monate später Rebellengruppen anfingen, aufeinander loszugehen, flohen wir nach Liberia. Dort wurden wir wieder von Rebellen bedroht. „Wir sind Zeugen Jehovas“, sagten wir. „So? Was steht in Johannes 3:16?“, fragte einer. Als wir ihm den Text aufsagten, ließ er uns gehen.

      Danach trafen wir auf einen anderen Rebellenführer, der Bruder Babawo und mir befahl mitzukommen. Wir dachten, unsere letzte Stunde hätte geschlagen. Dann eröffnete er uns, dass er vor dem Krieg die Bibel studiert hatte. Er gab uns Geld und erklärte sich bereit, unseren Brief einer nahe gelegenen Versammlung zu überbringen. Kurz darauf trafen 2 Brüder mit Hilfsgütern ein und brachten uns in Sicherheit.

  • Der Wachtturm-Mann
    Jahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
    • SIERRA LEONE UND GUINEA

      Der Wachtturm-Mann

      James Koroma

      • GEBURTSJAHR: 1966

      • TAUFE: 1990

      • KURZPORTRÄT: Diente im Bürgerkrieg als Kurier

      Bild auf Seite 150

      1997 tobten in Freetown Kämpfe zwischen den Rebellen und den staatlichen Truppen. Damals mussten Briefe von Freetown ins provisorische Zweigbüro nach Conakry in Guinea gebracht werden. Dafür stellte ich mich zur Verfügung.

      Am Busbahnhof bestieg ich mit einigen anderen Männern den Bus. In der Ferne waren Schüsse zu hören. Das machte uns richtig Angst. Beim Durchqueren der Stadt gerieten wir in einen heftigen Schusswechsel. Der Fahrer machte kehrt und nahm eine andere Route. Kurz darauf wurden wir von bewaffneten Rebellen angehalten und wir sollten alle aussteigen. Sie verhörten uns, dann ließen sie uns durch. Später hielten uns andere Rebellen an. Einer von uns kannte den Anführer und wir durften weiterfahren. Am Stadtrand trafen wir auf die dritte Rebellentruppe, die uns zwar verhörte, dann aber auch das Kommando zur Weiterfahrt gab. Auf dem Weg gen Norden kamen wir an vielen weiteren Straßensperren vorbei. Schließlich rollte unser schmutziges Gefährt früh am Abend in Conakry ein.

      Bei meinen nächsten Trips hatte ich auch Literaturkartons, Büromaterial, Dokumente und Hilfsgüter im Gepäck. Meistens war ich mit dem Auto oder im Kleinbus unterwegs. Ging es mit der Literatur allerdings durch Regenwald und Flüsse, leisteten mir Träger und Kanus gute Dienste.

      Als ich wieder mal nach Conakry unterwegs war, wurde mein Minibus an der Grenze von Rebellen angehalten. Mit einem misstrauischen Blick auf mein Gepäck fing einer an, Fragen zu stellen. In diesem Augenblick erkannte ich einen Ex-Schulkameraden unter den Rebellen. Die Soldaten nannten ihn „Brutalo“ und wirklich — keiner sah so furchterregend aus wie er. Ich sagte meinem Verhörer, ich wäre wegen „Brutalo“ hier. Als ich laut nach ihm rief, erkannte er mich sofort und rannte auf mich zu. Wir drückten uns und lachten. Doch plötzlich wurde er ernst.

      „Gibts Probleme?“, fragte er.

      „Ich will nur nach Guinea“, antwortete ich.

      Sofort gab er den Befehl, uns weiterfahren zu lassen.

      Wenn ich von da an über diese Grenze wollte, befahl „Brutalo“ seinen Leuten jedes Mal mich durchzulassen. Sie nahmen immer gern die Zeitschriften von mir. Es dauerte nicht lange und ich war bei ihnen der „Wachtturm-Mann“.

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