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Kurzinformation zu Sierra Leone und GuineaJahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
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SIERRA LEONE UND GUINEA
Kurzinformation zu Sierra Leone und Guinea
Landesnatur: Typisch für beide Länder sind Sumpfgebiete entlang der Küste, Savannen, fruchtbare Hochebenen und mächtige Berge im Landesinnern. In Guinea entspringen die drei Hauptströme Westafrikas: der Gambia, der Niger und der Senegal.
Bevölkerung: In Sierra Leone bilden die Mende und die Temne die zwei größten der 18 einheimischen Volksstämme. Die Nachkommen freigelassener Sklaven sind die Krio (Kreolen), die überwiegend in und um Freetown leben. In Guinea gibt es ungefähr 30 Ethnien. Zu den größten Bevölkerungsgruppen zählen die Fulbe, die Malinke und die Susu.a
Religion: Rund 60 Prozent der Sierra Leoner sind Muslime, die anderen vorwiegend Christen. In Guinea bekennen sich um die 90 Prozent zum Islam. In beiden Ländern werden aber auch afrikanische Bräuche und Riten praktiziert.
Landessprache: Jede Ethnie hat ihre eigene Sprache. Die Verkehrssprache in Sierra Leone ist Krio, ein Mix aus Englisch und anderen europäischen und afrikanischen Sprachen. Die Amtssprache in Guinea ist Französisch. In beiden Ländern leben circa 60 Prozent Analphabeten.
Wirtschaft: In Sierra Leone betreiben die meisten Landwirtschaft für den Eigenbedarf. Diamanten machen fast die Hälfte der Exporteinnahmen aus. Guinea hat mit die größten Bauxitvorkommen der Welt.
Typische Kost: Was man oft hört, ist: „Ein Essen ohne Reis ist doch kein Essen!“ Beliebt ist auch Fufu. Dazu kocht und stampft man Kassawa (Maniok), bis ein fester, etwas klebriger Brei entsteht. Beilagen sind Fleisch, Okra und säuerliche Soße.
Klima: Schwülheiß an der Küste, kühl im Hochland. In der Trockenzeit weht der Harmattan, ein Wind aus der Sahara. Er lässt die Temperatur sinken und begräbt das Land unter einer Staubschicht.
a Teilweise auch unter anderen Namen bekannt.
SIERRA LEONE
GUINEA
FLÄCHE (km2)
71 740
245 857
EINWOHNER
6 092 000
11 745 000
VERKÜNDIGER (2013)
2 039
748
VERKÜNDIGER ZU EINWOHNERN
2 988
15 702
GEDÄCHTNISMAHLANWESENDE (2013)
8 297
3 609
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1915-1947 Kleine Anfänge (Teil 1)Jahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
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SIERRA LEONE UND GUINEA
1915-1947 Kleine Anfänge (Teil 1)
Das Licht der Wahrheit erhellt das Land
Durch biblischen Lesestoff aus England fand 1915 die gute Botschaft das erste Mal ihren Weg nach Sierra Leone. Mitte des Jahres traf in Freetown dann der erste getaufte Diener Jehovas ein: der 31-jährige Alfred Joseph aus Guyana (Südamerika). Er hatte sich erst vor Kurzem auf der westindischen Insel Barbados taufen lassen. In Freetown angekommen, arbeitete er als Lokomotivführer und wohnte in einer Arbeitersiedlung der Eisenbahn in Cline Town, etwa 3 km vom Cotton Tree entfernt. Er legte gleich damit los, seinen Nachbarn von der Botschaft der Bibel zu erzählen.
Alfred hatte die Wahrheit durch Elvira Hewitt kennengelernt. Ihr Sohn, Leonard Blackman, kam 1916 nach Freetown. Alfred und Leonard waren schon auf Barbados Arbeitskollegen. Jetzt wohnten sie Tür an Tür und hatten jede Woche zu zweit ihre kleine Bibelrunde. Sie gaben auch gern anderen etwas zum Lesen.
Schon bald stellten sie fest: Freetowns Felder waren „weiß . . . zur Ernte“ (Joh. 4:35). Also schrieb Alfred 1923 an die Weltzentrale in New York: „Hier sind sehr viele an der Bibel interessiert. Könnt Ihr uns jemand schicken, der sich um diese Menschen kümmern kann und uns dabei hilft, das Werk in Sierra Leone voranzutreiben?“ Die Antwort: „Wir schicken jemand!“
William „Bibel-Brown“ und seine Frau Antonia
Alfred erzählte, wie es weiterging: „Einige Monate danach, an einem Samstag, klingelte plötzlich spätabends das Telefon.
,Haben Sie bei der Watch Tower Society wegen Predigern angefragt?‘, hieß es am anderen Ende.
,Ja.‘
,Nun, hier bin ich!‘, schallte es aus dem Hörer.
Das war William R. Brown. Er rief aus dem Gainford Hotel an, kurz nachdem er mit seiner Frau Antonia und seiner kleinen Tochter angekommen war.
Gleich am nächsten Vormittag — Leonard und ich waren gerade in unser Bibelstudium vertieft — stand auf einmal eine imposante Erscheinung in der Tür: William R. Brown. Er war so Feuer und Flamme für die Wahrheit, dass er bereits am nächsten Tag einen öffentlichen Vortrag halten wollte. Wir mieteten sofort den größten Saal in Freetown: die Wilberforce Memorial Hall. Am folgenden Donnerstagabend sollte Bruder Brown den ersten von vier Vorträgen halten.
Unsere kleine Truppe machte sofort tüchtig Werbung für die Vorträge: in der Zeitung, durch Faltblätter und Mundpropaganda. Wir waren gespannt, wie die Menschen reagieren würden, aber es gab keinen Grund zur Sorge. Etwa 500 drängten sich in den Saal, darunter viele Geistliche von Freetown. Wir waren überglücklich!“
Während des einstündigen Vortrags gebrauchte Bruder Brown fleißig die Bibel und projizierte gleichzeitig die Schriftstellen auf eine Leinwand. Dabei betonte er immer wieder: „Das sagt nicht Brown, sondern die Bibel.“ Die Zuhörer waren hin und weg und applaudierten nach jeder einzelnen Erklärung. Es war nicht seine grandiose Art zu reden, die sie beeindruckte, sondern dass er alles hieb- und stichfest mit der Bibel bewies. Ein junger Theologiestudent im Publikum brachte es auf den Punkt: „Herr Brown kennt die Bibel!“
1930
Bruder Browns Vorträge waren das Gesprächsthema der Stadt und sie zogen die Massen nur so an. Am Sonntag darauf — der Saal war wieder brechend voll — hielt er den Vortrag: „In die Hölle und zurück! Wer ist dort?“ Diese biblische Wahrheit war so machtvoll, dass sogar viele Prominente aus ihrer Kirche austraten.
Der vierte und letzte Vortrag „Millionen jetzt Lebender werden nie sterben“ fand ein besonders großes Echo. Ein Freetowner erzählte später: „Die Kirchen mussten ihre Abendgottesdienste ausfallen lassen, weil alle ihre Mitglieder bei Bruder Browns Vortrag waren.“
William R. Brown und die Bibel waren unzertrennlich. Immer wieder betonte er, dass sie die oberste Autorität ist. Deshalb bekam er den Spitznamen „Bibel-Brown“. Mit der Zeit war der Name in ganz Westafrika ein Begriff. Diesen Namen trug Bruder Brown bis ans Ende seines Lebens auf der Erde voller Stolz.
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1915-1947 Kleine Anfänge (Teil 2)Jahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
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SIERRA LEONE UND GUINEA
1915-1947 Kleine Anfänge (Teil 2)
Aufstand der Gladiatoren
Als die Geistlichen in Freetown merkten, wie gern ihre Schäfchen den Vorträgen von Bruder Brown lauschten, packte sie der Neid und sie wurden richtig sauer. The Watch Tower vom 15. Dezember 1923 beschrieb es so: „Die Geistlichkeit hat ihren Knüppel ausgepackt und mithilfe der Presse auf die Wahrheit eingeprügelt. Bruder Brown bot jedes Mal Paroli und die Zeitungen druckten eifrig die Beiträge beider Parteien.“ Es wurde klar, wie verkehrt die Argumente der Kirchenvertreter waren. Danach gab die Geistlichkeit endlich Ruhe. Die Wahrheit aus der Bibel verbreitete sich wie ein Lauffeuer und viele Zeitungsleser baten um Literatur. Die Geistlichen wollten Jehovas Volk zum Schweigen bringen. Doch Jehova sorgte dafür, dass sie selbst in die Grube fielen, die sie für seine Diener gegraben hatten (Ps. 94:21-23).
Eine Jugendgruppe wollte ihre Kirchenoberhäupter verteidigen und plante eine Reihe von öffentlichen Veranstaltungen. Diese jungen Eiferer tauften sich „die Gladiatoren“. Ihr Ziel? Dem „Russellismus“ — wie sie die Königreichsbotschaft nannten — einen Riegel vorzuschieben. Bruder Brown gab Kontra: Er forderte die Gladiatoren öffentlich auf, mit ihm über verschiedene Themen zu debattieren. Das lehnten sie ab, knüpften sich aber den Herausgeber der Zeitung vor, weil er die Aufforderung Bruder Browns abdrucken ließ. Außerdem verweigerten sie Bruder Brown den Eintritt zu ihren Veranstaltungen. Also ging Alfred Joseph hin.
Die Veranstaltungen fanden in der renommierten Methodistenkirche Buxton Memorial Chapel statt. Alfred erzählte: „Ich hinterfragte die Glaubensbekenntnisse der anglikanischen Kirche, die Dreieinigkeitslehre und andere unbiblische Lehren. Doch dann wurde die Fragestunde abrupt beendet.“
Einer der anwesenden Gladiatoren war Melbourne Garber. Das war genau der Theologiestudent, der bei einem der Vorträge von Bruder Brown sagte: „Herr Brown kennt die Bibel!“ Nachdem er sich die Argumente beider Parteien angehört und miteinander verglichen hatte, erkannte er die Wahrheit. Deshalb bat er um ein Bibelstudium. Bruder Brown lud ihn zu sich nach Hause zum wöchentlichen Wacht-Turm-Studium ein. Obwohl Melbourne von seiner Familie verstoßen wurde, machte er schnell Fortschritte und ließ sich bald mit einigen anderen taufen.
Satan wollte das Predigtwerk schon im Keim ersticken, doch er hatte keine Chance. Der Bürgermeister von Freetown sagte den Gladiatoren quasi: „Wenn dieses Unterfangen oder dieses Werk von Menschen ist, wird es umgestürzt werden; wenn es aber von Gott ist, werdet ihr sie nicht stürzen können“ (Apg. 5:38, 39).
Die Brown-Gemeinde
Anfang Mai 1923 telegrafierte Bruder Brown dem Zweigbüro in London und bat um mehr Literatur. Kurz darauf kamen 5 000 Bücher. Weitere Lieferungen folgten. Auch hörte Bruder Brown nicht auf, Vorträge zu halten. Tausende strömten hin.
Ende des Jahres berichtete The Watch Tower: „Das Werk [in Sierra Leone] macht sehr schnell Fortschritte. Deshalb bat Bruder Brown um Verstärkung. Bruder Claude Brown aus Winnipeg, gebürtig aus der Karibik, befindet sich jetzt auf dem Weg dorthin.“
Claude Brown war ein erfahrener Prediger und treuer Diener Jehovas. Im Ersten Weltkrieg wurde er wegen seiner neutralen Haltung in kanadischen und englischen Gefängnissen schwer misshandelt. In Sierra Leone diente er 4 Jahre, wo er den Brüdern und Schwestern eine große Stütze war.
Pauline Cole berichtete: „Bevor ich mich 1925 taufen ließ, wollte Bruder Claude auf Nummer sicher gehen:
‚Schwester Cole, verstehst du, was du in den Schriftstudien gelesen hast? Wir wollen ja nicht, dass du von der Wahrheit abgleitest, nur weil du die Lehren der Bibel nicht verstanden hast.‘
,Bruder Claude‘, antwortete ich. ,Ich habe sie gelesen. Nicht nur ein Mal. Meine Entscheidung steht fest!‘ “
Pauline Cole
Pauline diente Jehova mehr als 60 Jahre, die meiste Zeit als Sonderpionier. Ihr Dienst auf der Erde endete 1988.
Auch „Bibel-Brown“ achtete darauf, in anderen gute christliche Gewohnheiten zu fördern. Alfred Joseph erzählte: „Wenn ich frühmorgens Bruder Brown begegnete, dann lief das Gespräch ungefähr so: ,Morgen, Bruder Jo. Wie geht es dir? Wie lautet der Bibeltext für heute?‘ Wenn ich die Antwort nicht wusste, betonte er, wie wichtig es ist, den Tagestext aus dem Buch Täglich Manna zu kennen [heute: Täglich in den Schriften forschen]. Damit mich Bruder Brown nicht wieder so unvorbereitet erwischte, las ich am nächsten Morgen gleich als Erstes den Tagestext. Zuerst habe ich diese wertvollen Hinweise nicht so richtig geschätzt, später dafür umso mehr.“
All die Schulung hatte sich gelohnt: Noch im Jahr 1923 wurde in Freetown eine Versammlung gegründet und 14 Personen ließen sich taufen. Einer davon war George Brown. Ab da gab es 3 Familien mit dem Namen „Brown“. Ihr unermüdlicher Einsatz veranlasste viele Freetowner, die Bibelforscher als „Brown-Gemeinde“ zu bezeichnen.
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1915-1947 Kleine Anfänge (Teil 3)Jahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
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SIERRA LEONE UND GUINEA
1915-1947 Kleine Anfänge (Teil 3)
Freetown war erst der Anfang
Die Versammlung in Freetown war so von der Wahrheit angetan, dass sie sich voll und ganz dafür einsetzte (Apg. 18:5). Alfred Joseph erzählte: „Oft habe ich einfach einen Bücherkarton an meinem großen Motorrad befestigt. Mit Bruder Thomas oder Sylvester Grant hinten drauf gings ab zum Predigen aufs Land und in die kleinen Städte rund um Freetown.“
Bis 1927 hatten die Verkündiger vorwiegend in und um Freetown gepredigt, einem Gebiet, das sich damals „die Kolonie“ nannte. Doch ab 1928 mietete sich die Versammlung immer vor der Regenzeit einen Bus und fuhr zum Predigen aufs Land. Die Führung übernahm Melbourne Garber. Diejenigen, die nicht mitkommen konnten, beteiligten sich an den Reisekosten. Mit dem Bus klapperten die Brüder Städte und Dörfer ab: im Osten bis Kailahun und im Süden bis fast an die Grenze von Liberia. An jedem ersten Sonntag im Monat wurden dann die Interessierten weiter betreut.
Ungefähr zu dieser Zeit brachte Bruder Brown von den westindischen Inseln etwas Außergewöhnliches mit: ein Automobil mit einer beeindruckenden Lautsprecheranlage — ideal zum öffentlichen Zeugnisgeben. Bruder Brown parkte den Wagen dort, wo viel los war, und spielte eine Musikdarbietung ab, um auf sich aufmerksam zu machen. Dann hielt er eine kurze Ansprache oder ließ einen Vortrag laufen. Zum Schluss bot er Literatur an. Der sprechende Wagen — wie man ihn mit der Zeit nannte — war die Attraktion! Scharen kamen und lauschten.
Furchtlose Prediger
Als Nächstes kümmerte sich Bruder Brown um ein komplett unbearbeitetes Gebiet: die anderen englischsprachigen Länder Westafrikas. Ende 1920 machte er einige Predigtreisen: nach Gambia, Ghana, Liberia und Nigeria. Überall stieß er auf hörende Ohren, doch Nigeria schien besonders vielversprechend zu sein. Also zog er 1930 mit seiner Familie von Freetown nach Lagos. Von dort aus betreute er das Königreichswerk in Westafrika.
Heute gibt es in Westafrika mehr als 500 000 Zeugen Jehovas
Als Bruder Brown 1950 aus gesundheitlichen Gründen wieder zurück nach Jamaika musste, hinterließ er ein gewaltiges Vermächtnis. In den 27 Jahren hatten seine Frau und er miterlebt, wie die Verkündigerzahl in Westafrika von 2 auf 11 000 anstieg. Sie hatten gesehen, wie sich Jesajas Worte buchstäblich erfüllten: „Der Kleine selbst wird zu einem Tausend werden und der Geringe zu einer mächtigen Nation“ (Jes. 60:22). Heute, über 60 Jahre später, gibt es in Westafrika eine „mächtige Nation“ von mehr als 500 000 Zeugen Jehovas.
Standhaft trotz Verbot
Der Zweite Weltkrieg ging an Afrika nicht spurlos vorbei. Auch in Sierra Leone verhielten sich Jehovas Diener neutral (Mi. 4:3; Joh. 18:36). Großbritannien stufte sie zu Unrecht als staatsfeindlich ein. Deshalb wurden die Brüder überwacht und man verbot ihre Literatur. Zollbeamte in Freetown beschlagnahmten eine Lieferung und verbrannten sie. Einige Brüder wurden verhaftet, weil sie verbotene Literatur besaßen, sind aber bald wieder freigelassen worden.a
Doch das Verbot hielt die Brüder nicht vom Predigen ab. Pauline Cole erklärte: „Ein Bruder war Steward auf einem Schiff, das regelmäßig nach Freetown kam. Er versorgte uns immer mit dem Wachtturm. Wir tippten den Wachtturm für die Zusammenkünfte ab. Außerdem druckten wir Handzettel über biblische Themen und brachten sie unter die Leute. Und vor allem in den abgelegenen Dörfern hielten die Brüder weiter Vorträge und spielten Aufnahmen von Bruder Rutherfords Rundfunkvorträgen ab.“
Auch wenn den Brüdern Grenzen gesetzt waren, hatte ihr Einsatz eindeutig Jehovas Segen. James Jarett, ein langjähriger Ältester und Sonderpionier, blickt zurück: „Während des Kriegs arbeitete ich als Steinmetz. Eine ältere Schwester gab mir damals die Broschüre Flüchtlinge. Da ständig Flüchtlinge nach Freetown kamen, machte mich der Titel neugierig. In der gleichen Nacht hatte ich das Heftchen durch und wusste sofort: Das ist die Wahrheit! Am nächsten Morgen machte ich die Schwester ausfindig und besorgte mir noch 3 Broschüren für meine Brüder. Wir kamen alle 4 in die Wahrheit.“
Bei Kriegsende 1945 hatte die Versammlung Freetown 32 Verkündiger. Die Brüder waren treu geblieben und nicht untätig geworden. Nichts konnte sie jetzt davon abhalten weiterzumachen.
Vortragsfeldzug
In der Predigtdienst-Zusammenkunft am 29. August 1945 besprach die Versammlung Freetown den englischen Informator von Dezember 1944 (heute: Unser Königreichsdienst). Darin wurde ein neuer Feldzug bekanntgegeben. Die Versammlung sollte demnach in jeder Stadt und in jedem Dorf 4 aufeinanderfolgende öffentliche Zusammenkünfte ankündigen und abhalten. In jeder Zusammenkunft würde dann ein Bruder einen einstündigen Vortrag halten. Die Eignung? Mindestens 18 Jahre alt und ein guter Redner in der Theokratischen Predigtdienstschule. Nach den 4 Zusammenkünften sollten die Brüder Bibelstudiengruppen einrichten, um die Interessierten vor Ort zu betreuen.
Wie reagierten die Verkündiger auf diese neue Anweisung? In den Unterlagen der Freetowner Predigtdienst-Zusammenkunft findet man folgende Aufzeichnungen:
Vorsitzender: „Was meint Ihr, wie könnte man diesen Feldzug bei uns durchführen?“
Bruder Eins: „Wir sollten nicht mit demselben Ergebnis rechnen wie in Amerika. Die Menschen hier sind anders.“
Bruder Zwei: „Ich seh das genauso.“
Bruder Drei: „Warum es nicht wenigstens mal versuchen?“
Bruder Vier: „Das wird aber nicht einfach.“
Bruder Fünf: „Wir müssen uns schon daran halten, was Jehovas Organisation uns sagt.“
Bruder Sechs: „Aber in unserem Land spricht doch alles dagegen.“
Schwester Eins: „Der Informator sagt eigentlich klipp und klar, was zu tun ist. Wir probieren es einfach!“
Gesagt, getan! Von Freetown an der Küste über Bo im Südosten bis nach Kabala im nördlichen Hochland hielten die Brüder Zusammenkünfte ab: in Klassenzimmern, auf Marktplätzen und bei den Menschen zu Hause. Dieser Feldzug gab der Versammlung neuen Schwung. Mit welchem Ergebnis? „Das Wort Jehovas . . . wuchs weiterhin und breitete sich aus“ (Apg. 12:24).
Doch den Verkündigern fehlte noch allerhand Schulung. Und genau dafür sorgte Jehova dann.
a Das Verbot wurde 1948 aufgehoben.
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1945 bis 1990 Vielen den richtigen Weg zeigen (Dan. 12:3) (Teil 1)Jahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
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SIERRA LEONE UND GUINEA
1945 bis 1990 Vielen den richtigen Weg zeigen (Dan. 12:3) (Teil 1)
Die ersten Missionare kommen
Im Juni 1947 trafen 3 Absolventen der Wachtturm-Bibelschule Gilead in Freetown ein: Charles Fitzpatrick, George Richardson und Hubert Gresham. Nach und nach kamen viele weitere Missionare.
Die Gileadabsolventen bemerkten, wie gern die Verkündiger predigten. Ihnen fehlte allerdings noch der letzte Schliff (Mat. 28:20). Die Missionare zeigten ihnen, wie man dem Interesse nachgeht und Bibelstudien durchführt. Außerdem brachten sie die Verkündiger in puncto theokratische Organisation auf den neuesten Stand. Dann fand eine öffentliche Zusammenkunft in der Wilberforce Memorial Hall statt. Es kamen 450! Die Missionare waren begeistert. Später führten sie einen wöchentlichen Zeitschriftentag ein. Diese ganze Schulung war für die Brüder hoch motivierend. Der Weg für künftiges Wachstum war geebnet.
Eins machte den Missionaren allerdings das Leben schwer — das Klima. In einem Bericht des Zweigbüros von 1948 steht: „Die klimatischen Verhältnisse in Sierra Leone sind schwer zu ertragen. Während sechs Monaten des Jahres ist Regenzeit, und der Regen ist heftig, sintflutartig und anhaltend. Manchmal regnet es unaufhörlich zwei Wochen lang. Während der trockenen Jahreszeit ist es hier sehr heiß und schwül.“ Nicht ohne Grund wurde Sierra Leone von den ersten Europäern als das Grab des weißen Mannes bezeichnet. Malaria, Gelbfieber und andere Tropenkrankheiten griffen schnell um sich. So wurde ein Missionar nach dem anderen krank und musste das Land verlassen.
Das machte die einheimischen Brüder natürlich sehr traurig. Sie gaben deswegen aber nicht auf. Zwischen 1947 und 1952 stieg die Höchstzahl der Verkündiger von 38 auf 73. In Waterloo, unweit von Freetown, wurde dank der harten Arbeit von Pionieren eine Versammlung gegründet. In Kissy und Wellington am Stadtrand von Freetown entstanden neue Gruppen. Wie es aussah, war Sierra Leone jetzt bereit für mehr. Nur, was sollte das Werk ins Rollen bringen?
Was für ein Besuch!
Im November 1952 legte ein kleines Schiff in Freetown an. Mit an Bord war ein großer, schlanker Amerikaner Anfang 30. Es war Milton G. Henschel aus der Weltzentrale. Seine ersten Eindrücke vom Getümmel der Stadt beschrieb er so: „Ich war ganz überrascht, eine so moderne Stadt vorzufinden, die viel sauberer aussah als viele in den meisten Teilen der Welt. . . . Läden, wo geschäftig das Leben wogte, gepflasterte Straßen, neue Autos und ein endloser Strom von Leuten zogen vorüber.“
Bruder Henschel ging zum Missionarheim, zwei Blocks vom berühmten Cotton Tree entfernt. Dort informierte er die anwesenden Brüder, dass Sierra Leone mehr Unterstützung bekommen würde. Am nächsten Sonntag versammelten sich 253 Personen in der Wilberforce Memorial Hall, um die aufregenden Neuigkeiten zu erfahren: Sierra Leone würde künftig ein eigenes Zweigbüro, einen eigenen Kreisdiener und eigene Kreisversammlungen haben. In Kissy sollte eine Versammlung gegründet werden und zum Predigen würde man sich noch mehr auf das Protektorat, also auf das Landesinnere, konzentrieren. Die Freude der Zuhörer kannte keine Grenzen!
Dazu berichtete Bruder Henschel: „Immer wieder sagten sie kusheh, was ein sehr ausdrucksvolles Wort ist und den Sinn von ‚bravo‘ hat. Sie waren bester Stimmung. In Grüpplein zogen sie in der Dunkelheit des Abends vom Saale weg . . . und einige der Kongressbesucher sangen unterwegs Lieder.“
Schon bald wurde ein Neuankömmling mit der Aufsicht des Zweigbüros betraut: der Missionar William Nushy. Früher hatte er in vielen Städten der Vereinigten Staaten an Kasino-Spieltischen gearbeitet. Als er Zeuge Jehovas wurde, gab er diese Arbeit auf und trat konsequent für gerechte Maßstäbe ein. Für diese Eigenschaft liebten und respektierten ihn die Verkündiger in Sierra Leone später sehr.
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Sie wollten ihn unbedingt sehenJahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
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SIERRA LEONE UND GUINEA
Sie wollten ihn unbedingt sehen
1956 führten die Brüder in Freetown den Film Die Neue-Welt-Gesellschaft in Tätigkeit vor. Sie berichteten:
„Wir mieteten den größten Saal in Freetown und verteilten 1 000 Einladungen. Wie viele würden wohl kommen? Wir waren sehr gespannt. Eine halbe Stunde vor Programmbeginn waren gerade mal 25 anwesend. In den nächsten 15 Minuten kamen aber noch 100. Ruck, zuck waren alle 500 Plätze belegt. Weitere 100 blieben stehen. Doch draußen standen noch mal 500! Würden sie auf eine zweite Vorführung warten? ‚Ja‘, sagten sie. Und das taten sie dann auch — trotz Regen!“
Über die Jahre sahen in Sierra Leone mehr als 80 000 diesen und andere bemerkenswerte Filme.
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1945-1990 Vielen den richtigen Weg zeigen (Dan. 12:3) (Teil 2)Jahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
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1945-1990 Vielen den richtigen Weg zeigen (Dan. 12:3) (Teil 2)
Die Ehe — ein Geschenk Gottes
William Nushy bemerkte bald, dass sich einige Verkündiger nicht an Jehovas Maßstab für die Ehe hielten. Manche lebten einfach zusammen, ließen ihre Partnerschaft also nicht rechtlich eintragen. Andere wollten sicherstellen, dass Nachwuchs garantiert ist. Deshalb heirateten sie ihre Partnerin erst, als sie schwanger wurde. So war es Brauch.
Daher schrieb das Zweigbüro im Mai 1953 jede Versammlung an. Es wurde unmissverständlich erklärt, was die Bibel zum Thema Ehe sagt (1. Mo. 2:24; Röm. 13:1; Heb. 13:4). Wollten Paare noch ein Teil der Versammlung sein, mussten sie ihre Ehe innerhalb einer bestimmten Frist legalisieren lassen (1. Kor. 5:11, 13).
Die meisten freuten sich über diese klare Linie. Andere wiederum sahen die ganze Sache nicht so eng und fühlten sich unnötig eingeschränkt. In 2 Versammlungen zog sich mehr als die Hälfte der Verkündiger von Jehovas Organisation zurück. Ging es mit dem Werk deswegen bergab? Im Gegenteil. Diejenigen, die treu geblieben waren, engagierten sich jetzt noch mehr. Jehova stand ihnen eindeutig bei.
Dann setzten die Brüder alle Hebel in Bewegung und bekamen die Genehmigung, Eheschließungen im Freetowner Königreichssaal vorzunehmen. Die erste fand am 3. September 1954 statt. Später erhielten qualifizierte Brüder das Recht, in sieben Distrikten überall im Land Heiratsurkunden auszustellen. Nun konnten mehr Interessierte ihre Ehe legalisieren lassen und waren damit auch für den Predigtdienst geeignet.
Ein Hochzeitspaar vor dem Königreichssaal
Außerdem gab es Interessierte, die in Polygamie lebten. Sie unternahmen Schritte, um den Maßstäben Jehovas zu entsprechen. Samuel Cooper aus Bonthe erzählt: „1957 fing ich an, mit meinen beiden Frauen in die Zusammenkünfte zu gehen. Ich machte auch bald in der Predigtdienstschule mit. Einmal bekam ich eine Aufgabe über die Ehe. Beim Nachforschen wurde mir dann klar: Ich musste mich von meiner zweiten Frau trennen. Unsere Verwandten fanden diese Entscheidung gar nicht gut und stellten sich geschlossen gegen mich. Meine erste Frau konnte nämlich keine Kinder bekommen, von meiner zweiten hatte ich aber eine Tochter. Ich war trotzdem fest entschlossen, nach der Bibel zu leben. Als meine zweite Frau wieder bei ihrer Familie war, wurde meine erste Frau schwanger. Damit hätte ich nie gerechnet! Jetzt haben wir 5 wunderbare Kinder.“
Gleich hinter der Grenze in Guinea lebte Honoré Kamano. Er trennte sich von 2 seiner 3 Frauen. Das beeindruckte seine erste Frau sehr. Von nun an hatte sie mehr Achtung vor der Bibel. Eine der beiden Exfrauen war zwar über die Trennung sehr traurig, rechnete es Honoré aber hoch an, dass ihm Gottes Grundsätze so wichtig waren. Sie studierte die Bibel und ließ sich später taufen.
Jehovas Zeugen sind dafür bekannt, dass ihnen die Ehe heilig ist
Heute sind Jehovas Zeugen in ganz Sierra Leone und Guinea dafür bekannt, dass ihnen die Ehe heilig ist. Sie bleiben ihrem Ehepartner treu und machen dadurch Gott als Stifter der Ehe und als Ratgeber alle Ehre (Mat. 19:4-6; Tit. 2:10).
Auflehnung in Freetown
1956 kamen die Gileadabsolventen Charles und Reva Chappell nach Freetown. Auf dem Weg zum Missionarheim sahen sie ein großes Schild, das einen biblischen Vortrag in der Wilberforce Memorial Hall ankündigte. Charles erzählt: „Der Redner war C.N.D. Jones, ein Beauftragter der ‚Ekklesia der Zeugen Jehovas‘.“ Sie waren schockiert.
C.N.D. Jones zählte sich zu den Gesalbten und führte eine Gruppe an, die sich einige Jahre zuvor von der Freetowner Versammlung abgesplittert hatte. Sie behaupteten, die „echten“ Zeugen zu sein. Die Missionare und alle, die die Beauftragten der Organisation treu unterstützten, wurden von ihnen als „Betrüger“ abgestempelt und „Gilead-Cowboys“ geschimpft.
Die Lage spitzte sich zu, als C.N.D. Jones und einige seiner Anhänger ausgeschlossen wurden. „Manche Brüder reagierten auf die Bekanntmachung entsetzt, denn sie meinten, man hätte die Unruhestifter tolerieren müssen“, berichtet Charles. „Einzelne machten öffentlich ihrem Ärger Luft. Sie und einige andere blieben mit den Rebellen in Kontakt und versuchten, die Versammlungs- und Predigtdienstzusammenkünfte zu stören. Während des Programms setzten sie sich immer in dieselbe Reihe, die sogenannte Rebellenreihe. Die meisten von ihnen verließen schließlich die Wahrheit. Einige aber kamen zur Besinnung und wurden wieder fleißige Verkündiger.“
Weil die Mehrheit jedoch loyal zu Jehova gehalten hatte, konnte der Geist ungehindert fließen. Als im Jahr darauf der Zonenaufseher Harry Arnott in Freetown war, stellte er fest: „Zum ersten Mal seit Jahren hat Sierra Leone ein beachtliches Wachstum. Das lässt hoffen.“
Mit der Bibel bei den Kissi
Nicht lange nach dem Zonenbesuch bekam Charles Chappell Post von einem Bruder aus Liberia, der dem Kissi-Stamm angehörte. Er wollte, dass man auch seine Stammesangehörigen in Sierra Leone mit der guten Botschaft erreichte. Die Kissi lebten im hügeligen Waldgebiet im Dreiländereck von Sierra Leone, Liberia und Guinea. Sie schienen sich sehr für die Bibel zu interessieren.
Die meisten waren jedoch Analphabeten. Also gab man in Koindu Lese- und Schreibunterricht. Vielen Kissi wurden so biblische Grundlehren beigebracht. Hunderte wollten mitmachen. „Im Nu hatte die Gruppe 5 neue Verkündiger, dann 10, dann 15, dann 20“, erzählt Charles rückblickend. „Sie kamen so schnell in die Wahrheit, dass mir die ganze Sache etwas suspekt war. Aber ich lag falsch. Die meisten waren nicht nur treu und aufrichtig, sondern auch mit Leib und Seele dabei.“
Diese unaufhaltsamen neuen Verkündiger hatten die gute Botschaft schon bald über Koindu hinaus bis ins Nachbarland Guinea verbreitet. Sie gingen stundenlang bergauf, bergab, über Stock und Stein und predigten überall, wo sie Menschen antrafen. „Wochen, manchmal Monate, war weit und breit kein Motorengeräusch zu hören“, sagt der damalige Kreisaufseher Eleazar Onwudiwe.
Je mehr Kissi-Brüder und -Schwestern den Königreichssamen aussäten und begossen, desto mehr ließ Jehova ihn wachsen (1. Kor. 3:7). Ein junger Mann, der blind war, erfuhr von der Wahrheit. Umgehend lernte er die 32 Seiten der Broschüre „Diese gute Botschaft vom Königreich“ auswendig. Später konnte er im Predigtdienst und bei seinen Bibelstudien x-beliebige Absätze aus dem Effeff aufsagen — sehr zum Staunen seiner Zuhörer. Eine gehörlose Frau nahm die Wahrheit an und veränderte ihr Leben grundlegend. Ihre Schwägerin war enorm beeindruckt und fing an, die Zusammenkünfte zu besuchen. Dafür nahm sie 10 Kilometer Fußmarsch auf sich.
Ja, das Werk explodierte förmlich. Bald hatten die Kissi nicht eine, nicht zwei, sondern drei Versammlungen. Etwa 30 wurden Pionier. Auch der Ortsvorsteher von Koindu zeigte Interesse und spendete ein Stück Land für den Bau eines Königreichssaals. Und weil bei einem Kongress in Kailahun 500 anwesend waren, wurde dort die nächste Versammlung gegründet. Obwohl die Kissi nur 2 Prozent der Bevölkerung von Sierra Leone ausmachten, bestand die Hälfte der Zeugen aus diesem Stamm.
Doch dieses Wachstum gefiel nicht jedem, vor allem nicht den religiösen Führern der Kissi. Sie fühlten sich in ihrer Vormachtstellung bedroht. Ihr Neid war so groß, dass sie fest entschlossen waren, diese Bedrohung aus der Welt zu schaffen. Die Frage war nur: wann und wie?
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1945-1990 Vielen den richtigen Weg zeigen (Dan. 12:3) (Teil 3)Jahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
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SIERRA LEONE UND GUINEA
1945-1990 Vielen den richtigen Weg zeigen (Dan. 12:3) (Teil 3)
Dem Poro-Bund die Stirn bieten
In einem Dorf unweit von Koindu war es dann so weit. Dort studierten einige Männer die Bibel und besuchten regelmäßig die Zusammenkünfte. Wie die meisten Kissi-Männer, gehörten sie zu dem hochgradig okkulten Geheimbund Poro. „Als sie sich weigerten, bei spiritistischen Riten mitzumachen, wurde der Poro-Leiter fuchsteufelswild“, erklärt der Missionar James Mensah. „Vom Oberhäuptling angestachelt, schlugen der Anführer und seine Gefolgsleute auf die Männer ein, raubten ihren Besitz, fackelten ihre Hütten ab, legten sie in Ketten und überließen sie im Busch dem Hungertod. Trotz dieser Misshandlungen ließen sie sich nicht unterkriegen.“
Die Brüder in Koindu meldeten den Vorfall der Polizei. Kurz darauf saß der Poro-Leiter mit seinen Komplizen und dem Oberhäuptling hinter Gittern. Das Gericht erteilte ihnen einen Verweis und der Häuptling wurde für fast ein Jahr abgesetzt. Das war ein Sieg für die Brüder. Diese Nachricht machte schnell die Runde und viele trauten sich jetzt, die Zusammenkünfte zu besuchen. Später änderte der Oberhäuptling seine Einstellung und interessierte sich für die Wahrheit. Als dann in seinem Stammesgebiet ein Kreiskongress abgehalten wurde, stellte er Schlafgelegenheiten zur Verfügung und spendete sogar eine große Kuh.
Andere Poro-Anführer versuchten es mit dieser Strategie: hinterlistig das Gesetz missbrauchen, um Unheil zu schmieden (Ps. 94:20). Politiker, die auch Poro-Mitglieder waren, wollten Jehovas Zeugen verbieten lassen und reichten deshalb einen Antrag beim Parlament ein. „Doch der Oberhäuptling ernannte sich selbst zu unserem Verteidiger und sagte freiheraus, er studiere seit 2 Jahren mit uns die Bibel“, erzählt Charles Chappell. „Er erklärte, unsere Organisation sei politisch absolut neutral, sie würde die Menschen sogar bilden und ihnen eine höhere Moral vermitteln. Vor versammelter Mannschaft eröffnete er seinen Wunsch, eines Tages selbst ein Zeuge zu werden. Ein anderes Parlamentsmitglied, das auch mit uns studiert hatte, unterstützte ihn. Zum Schluss wurde der Antrag abgelehnt.“
„Soll doch Gott dir was zu essen geben!“
Verließ jemand einen Geheimbund, blühte ihm von seiner Familie schlimmster Widerstand. Ein Beispiel ist Jonathan Sellu, ein Teenager aus Koindu. Sein Vater war in der vierten Generation Fetischpriester und Jonathan sollte langsam aber sicher in seine Fußstapfen treten. Er fing jedoch an, die Bibel zu studieren, und hörte deshalb mit okkulten Praktiken auf. Seine Familie machte ihm das Leben extrem schwer. Sie nahmen ihn von der Schule und verweigerten ihm an Versammlungstagen das Essen. Gehässig sagten sie: „Soll doch Gott dir was zu essen geben!“ Jonathan blieb tapfer. Er hatte immer genug zu essen. Und er lernte Lesen und Schreiben! Später wurde er sogar Pionier und als sich seine Mutter taufen ließ, freute er sich riesig.
Mehrung im ganzen Land
1960 gab es überall im Land Versammlungen und abgelegene Gruppen: in Bo, Freetown, Kissy, Koindu, Lunsar, Magburaka, Makeni, Moyamba, Port Loko, Waterloo und auch ganz im Norden in Kabala. Allein in diesem Jahr schnellte die Verkündigerzahl von 182 auf 282. Viele Sonderpioniere aus Ghana und Nigeria trafen ein, um den Versammlungen unter die Arme zu greifen.
Die Frischgetauften gehörten hauptsächlich 2 Volksgruppen an: den Krio in und um Freetown und den Kissi im Osten. Die gute Botschaft breitete sich aus und zog immer mehr Ethnien an, darunter die Kuranko, die Limba, die Temne im Norden sowie die Mende im Süden.
1961 weihte die Versammlung Freetown-Ost ihren Königreichssaal ein. Danach weihte die Versammlung Koindu ihren Saal ein. Mit seinen 300 Sitzplätzen konnte dieser Bau aus Lehmziegeln auch als Kongresssaal verwendet werden. Kurz darauf fand in Sierra Leone die erste Königreichsdienstschule statt, an der 40 Älteste teilnahmen. Dieses ereignisreiche Jahr wurde dann mit einer erfolgreichen Aktion abgerundet: Im Predigtdienst wurde die Neue-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift angeboten.
Königreichsdienstschule in Sierra Leone 1961. William Nushy (hintere Reihe, Mitte), Charles Chappell (mittlere Reihe, Zweiter von rechts) und Reva Chappell (vordere Reihe, Dritte von rechts)
Jehova stand eindeutig hinter seinem Volk. Am 28. Juli 1962 wurde in Sierra Leone die Internationale Bibelforscher-Vereinigung (eine Rechtskörperschaft von Jehovas Zeugen in vielen Ländern) offiziell eingetragen.
Weg frei für Guinea
Kommen wir jetzt zum Nachbarn Guinea (früher Französisch-Guinea). Vor 1958 hatten hier nur Brüder gepredigt, die auf der Durchreise waren. Weil unser Werk der französischen Kolonialregierung ein Dorn im Auge war, konnte es nicht richtig Fuß fassen. Doch 1958 öffneten sich dann Tür und Tor: Guinea sagte sich von Frankreich los und wurde eine unabhängige Republik.
Noch im selben Jahr traf der Französisch sprechende Bruder Manuel Diogo aus Dahomey (heute Benin) ein. Er war Anfang 30 und fand Arbeit im Bauxit-Bergbau in Fria, einer Stadt rund 80 Kilometer Luftlinie nördlich der Hauptstadt Conakry. Manuel wollte unbedingt in diesem unangetasteten Gebiet predigen und bat deshalb das Zweigbüro in Frankreich um Literatur und um Unterstützung durch Sonderpioniere. Seinen Brief schloss er mit den Worten: „Ich bete darum, dass Jehova das Werk segnet, denn es gibt hier sehr viel zu tun.“
Das französische Zweigbüro machte Manuel durch einen Brief Mut und bat ihn, so lange wie nur möglich in Guinea zu bleiben. Außerdem wurde ihm ein Sonderpionier an die Seite gestellt, der ihn im Dienst schulen sollte. Manuel fühlte sich sehr gestärkt und predigte in Fria unermüdlich bis zu seinem Tod 1968.
Als der Zonenaufseher Wilfred Gooch 1960 Conakry besuchte, predigten dort noch zwei weitere afrikanische Brüder. Aufgrund seiner Empfehlung betreute ab 1. März 1961 nicht mehr Frankreich, sondern das Zweigbüro in Sierra Leone das Werk in Guinea. Einen Monat später wurde in Conakry die erste Versammlung gegründet.
Das Licht der Wahrheit durchdringt den Regenwald
Auch im Süden Guineas hatte sich einiges getan. Falla Gbondo ist ein Kissi und lebte in Liberia. Er kehrte zurück nach Guinea in sein Heimatdorf Fodédou, etwa 13 Kilometer westlich von Guéckédou. Mit im Gepäck hatte er das Buch Vom verlorenen Paradies zum wiedererlangten Paradies. Falla konnte zwar nicht lesen, sehr wohl aber seinen Stammesangehörigen die Bilder erklären. „Das Buch sorgte für viel Gesprächsstoff“, erinnert er sich. „Sie nannten es das ‚Adam-und-Eva‘-Buch.“
Als Falla wieder in Liberia war, ließ er sich taufen und wurde schließlich Sonderpionier. Zweimal im Monat ging er nach Fodédou und studierte dort mit einer Gruppe von ungefähr 30 Personen die Bibel. Kurze Zeit später unterstützte ihn Borbor Seysey, auch ein Kissi und Sonderpionier aus Liberia. Gemeinsam konnten sie eine weitere Gruppe in Guéckédou einrichten. Beide Gruppen wurden später Versammlungen.
Immer mehr Kissi wurden Zeugen. Ihr gutes Verhalten blieb bei den Dorfhäuptlingen nicht unbemerkt. Die Brüder arbeiteten hart, waren ehrlich und förderten ein friedliches Miteinander in ihren Dörfern. Die Folge? Als die Brüder einen Königreichssaal in Fodédou bauen wollten, gaben ihnen die Häuptlinge gern 3 Hektar Land. Anfang 1964 stand der Saal — der erste in Guinea.
Unruhen in Conakry
In der Zwischenzeit zogen in Conakry dunkle Wolken am Horizont auf. Politische Unruhen veranlassten Regierungsbeamte, Ausländern gegenüber misstrauisch zu sein. Vier Missionare beantragten eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Doch ihr Antrag wurde abgelehnt und sie wurden des Landes verwiesen. Zwei Brüder aus Ghana wurden aufgrund von Falschanklagen verhaftet und für fast 2 Monate eingesperrt.
Kaum freigelassen, wurde Emmanuel Awusu-Ansah wieder eingesperrt. Aus einer dreckigen Zelle und unter entsetzlichen Bedingungen schrieb er: „Ich habe zwar immer noch Fieber, aber mein Glaube ist stark. Predigen kann ich nach wie vor. Letzten Monat habe ich 67 Stunden im Felddienst verbracht. Zwei, mit denen ich die Bibel studiere, predigen jetzt auch.“ Einer kam in die Wahrheit. Bruder Awusu-Ansah war nach 5 Monaten wieder auf freiem Fuß und wurde nach Sierra Leone abgeschoben. Jetzt gab es in Conakry nur noch einen Verkündiger.
Als sich 1969 die politische Lage entspannt hatte, kamen wieder Sonderpioniere nach Conakry. Mit Genehmigung der Behörden brachten die Brüder an einem Gebäude das Schild „Königreichssaal“ an. Schon bald waren 30 Interessierte regelmäßig anwesend.
Es bestand allerdings immer noch die Gefahr, verhaftet zu werden. Deshalb predigten die Brüder anfangs etwas verhalten. Mit der Zeit wurden sie jedoch mutiger. Allein 1973 hatte diese kleine Versammlung 6 000 Traktate abgegeben. Später boten die Verkündiger Zeitschriften auch in Büros und Geschäftsvierteln an. Allmählich verstanden Regierungsbeamte und die Öffentlichkeit, dass Jehovas Zeugen keine Bedrohung sind, und sie schätzten ihre Arbeit. Am 15. Dezember 1993 zahlte sich die Ausdauer und Geduld aus: Die Christliche Vereinigung der Zeugen Jehovas in Guinea wurde rechtlich anerkannt.
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GeheimbündeJahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
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SIERRA LEONE UND GUINEA
Geheimbünde
GEHEIMBÜNDE sind in Westafrika weit verbreitet, ganz unabhängig von Kultur, Sprache und Stammeszugehörigkeit. Sie bestimmen über das soziale Leben, die Bildung und die politische Ausrichtung ihrer Mitglieder. Ihre Hauptaufgabe ist jedoch religiöser Natur. Zu den größten Geheimbünden zählen der Poro für Männer und der Sandea für Frauen. Der Poro-Bund verfolgt das Ziel, „die Geisterwelt in Schach zu halten und dafür zu sorgen, dass sie einen positiven Einfluss auf das Leben der Menschen hat“ (Initiation, 1986).
Beim Poro-Bund werden neue Mitglieder in die Geheimnisse der Geisterwelt und schwarzer Magie eingeweiht. Ein Ritual ist das Ritzen der Haut. Beim Frauenbund Sande werden die Neuen ebenfalls in okkulte Riten eingeweiht. Üblich ist auch die Genitalverstümmelung, wobei das in manchen Regionen nachlässt.
Andere Bünde beeinflussen das Sexualleben und versuchen, Geisteskrankheiten und andere Leiden mit Spiritismus zu heilen. In Sierra Leone behauptete im Bürgerkrieg ein Bund, seine Mitglieder wären gegen Geschosse immun. Waren sie aber nicht.
Das Wissen und die Riten müssen strengstens geheimgehalten werden. Wer gegen die Gesetze und Verhaltensregeln des Bundes verstößt, riskiert den Tod.
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Das bringt dich noch ins Grab!Jahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
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SIERRA LEONE UND GUINEA
Das bringt dich noch ins Grab!
Zachäus Martyn
GEBURTSJAHR: 1880
TAUFE: 1942
KURZPORTRÄT: Wurde mit 72 Pionier
MIT Zachäus hatte nie jemand die Bibel studiert. Nachdem er die Bücher Die Rettung und Die Harfe Gottes gelesen hatte, war er überzeugt, die Wahrheit gefunden zu haben.
1941 machte sich Zachäus an einem frühen Sonntagmorgen auf den Weg zu seiner ersten Zusammenkunft. Er wohnte oben auf einem Berg, 8 km weit weg vom Königreichssaal. Weil er nicht wusste, wann das Programm losging, kam er einige Stunden zu früh. Also setzte sich Zachäus hin und wartete. Nachdem er drei Mal sonntags in der Versammlung gewesen war, trat er aus der anglikanischen Kirche aus.
Ein guter Freund aus der Kirche schimpfte mit ihm: „Alter Mann, wenn du weiter die 8 km zu dem Saal dieser Leute rauf- und runtersteigst, bringt dich das dieses Jahr noch ins Grab!“ Er beobachtete, wie Zachäus 5 Jahre lang zweimal die Woche den steilen Berg rauf- und runterging. Dann starb wirklich jemand — und zwar der Freund! Und Zachäus? Er fühlte sich 25 Jahre später immer noch topfit!
Zachäus diente Jehova treu bis er mit 97 starb.
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Er war der „Bibel-Brown“Jahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
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SIERRA LEONE UND GUINEA
Er war der „Bibel-Brown“
William R. Brown
GEBURTSJAHR: 1879
TAUFE: 1908
KURZPORTRÄT: Vorkämpfer für das Predigtwerk in Westafrika
WILLIAM war Arbeiter beim Bau des Panamakanals, als er 1907 zufällig an einer Straßenecke einen Vortrag hörte. Der Redner war Isaiah Richards, ein Bibelforscher, wie Zeugen Jehovas damals genannt wurden. Er stützte seinen Vortrag auf die „Karte der Zeitalter“, mit der er Gottes Vorhaben erklärte. William kam ganz schnell in die Wahrheit. Er ging zurück nach Jamaika, um seiner Mutter und Schwester von seinem neuen Glauben zu erzählen. Nicht lange danach wurden auch sie Bibelforscher.
William diente einige Zeit in Panama-Stadt. Dort traf er Evander J. Coward, der als reisender Beauftragter der Bibelforscher Vorträge hielt. Bruder Coward war ein Redner, der seine Zuhörer begeistern und mitreißen konnte. Massen strömten zu seinen Vorträgen. Als er sah, mit welchem Elan sich William für die Wahrheit einsetzte, nahm er ihn mit auf eine Predigtreise nach Trinidad.
William war Pionier und bereiste in den nächsten 10 Jahren die Westindischen Inseln und machte den kleinen Gruppen dort Mut. 1920 heiratete er Antonia, eine treue Glaubensschwester. 2 Tage nach der Hochzeit nahm das frisch vermählte Paar ein Segelboot zur kleinen Insel Montserrat, die zu den Leeward-Inseln gehört. Mit im Gepäck hatten sie das „Photo-Drama der Schöpfung“ — eine vierteilige biblische Vorführung, bei der Lichtbilder und Filme gezeigt wurden. Zusätzlich predigten sie auch auf den Inseln Barbados, Dominica und Grenada. Das waren für sie herrliche Flitterwochen im Dienst für Jehova.
Zwei Jahre später schrieb William an Joseph F. Rutherford, der damals das weltweite Werk beaufsichtigte: „Mit der Hilfe Jehovas habe ich nun auf fast allen Inseln des Karibischen Meeres Zeugnis gegeben und viele Jünger gemacht. Soll ich die Inseln nochmals durcharbeiten?“ Nur wenige Tage später kam die Antwort: „Fahre mit Frau und Kind nach Sierra Leone.“
In den 27 Jahren Westafrika war für Bruder Brown die Büroarbeit eher ein notwendiges Übel, denn er war durch und durch ein Prediger. Weil er immer betonte, wie wichtig die Bibel ist, gab man ihm den Spitznamen „Bibel-Brown“.
1950 ging der 71-jährige William Brown mit seiner Frau zurück nach Jamaika und sie dienten dort als Pioniere. Bruder Brown blieb im Vollzeitdienst, bis sein Leben 1967 auf der Erde endete. Wie sehr er den Pionierdienst doch liebte! Er war überzeugt: Der Pionierdienst ehrt den Menschen wie kaum etwas anderes.
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