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1945-1990 Vielen den richtigen Weg zeigen (Dan. 12:3) (Teil 3)Jahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
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das Schild „Königreichssaal“ an. Schon bald waren 30 Interessierte regelmäßig anwesend.
Es bestand allerdings immer noch die Gefahr, verhaftet zu werden. Deshalb predigten die Brüder anfangs etwas verhalten. Mit der Zeit wurden sie jedoch mutiger. Allein 1973 hatte diese kleine Versammlung 6 000 Traktate abgegeben. Später boten die Verkündiger Zeitschriften auch in Büros und Geschäftsvierteln an. Allmählich verstanden Regierungsbeamte und die Öffentlichkeit, dass Jehovas Zeugen keine Bedrohung sind, und sie schätzten ihre Arbeit. Am 15. Dezember 1993 zahlte sich die Ausdauer und Geduld aus: Die Christliche Vereinigung der Zeugen Jehovas in Guinea wurde rechtlich anerkannt.
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1945-1990 Vielen den richtigen Weg zeigen (Dan. 12:3) (Teil 4)Jahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
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SIERRA LEONE UND GUINEA
1945-1990 Vielen den richtigen Weg zeigen (Dan. 12:3) (Teil 4)
Schwerpunkt Lese- und Schreibunterricht
Bei seiner zweiten Reise nach Sierra Leone Anfang 1963 sprach Milton Henschel den Analphabetismus an, ein Problem, das den Zweig schon länger beschäftigte. Er bat sie dringend, noch gezielter dagegen vorzugehen.
In einigen Versammlungen wurde Lese- und Schreibunterricht in Englisch gegeben. Doch nach dem Besuch von Bruder Henschel wurden auch Kurse in der jeweiligen Muttersprache angeboten. Manche Versammlungen gaben sogar Unterricht in 2 oder 3 Sprachen. Die Kurse waren so beliebt, dass ein Drittel der Verkündiger im Land daran teilnahmen.
1966 arbeiteten Brüder in Liberia für Kissi-Kurse eine Lesefibel mit Bildern aus, die sie im zuständigen Ministerium vorstellten. Die Beamten waren dermaßen beeindruckt, dass sie die Fibel drucken und kostenlos verbreiten ließen. So konnten Hunderte Kissi in Guinea, Liberia und Sierra Leone Lesen und Schreiben lernen. Später wurden auch Fibeln für andere Sprachen ausgearbeitet oder angepasst. Dadurch konnten noch viel mehr unterrichtet werden.
Sia hatte als Merkhilfe im Dienst eine rote und eine schwarze Schnur dabei
Durch die Kurse lernten die Menschen nicht nur Lesen und Schreiben, sie machten auch in der Wahrheit schneller Fortschritte. Nehmen wir nur mal die 50-jährige Sia Ngallah. Sie war ungetaufte Verkündigerin. Wie berichtete sie als Analphabetin über ihren Predigtdienst? Sia hatte immer eine schwarze und eine rote Schnur dabei. Nach einer Stunde Dienst machte sie einen Knoten in die schwarze, nach einem Rückbesuch einen Knoten in die rote Schnur. Dann besuchte Sia aber einen Lese- und Schreibkurs und die Schnüre waren Vergangenheit. Sie ließ sich taufen und wurde beim Predigen und Lehren immer besser.
Bis heute werden in vielen Versammlungen in Sierra Leone und Guinea solche Kurse abgehalten. In Sierra Leone ließ ein hoher Regierungsbeamter das Zweigbüro wissen: „Dass Sie neben Ihrer Bibelarbeit den Menschen auch noch Lesen und Schreiben beibringen, ist ein lobenswerter Dienst am Gemeinwohl!“
„So stumm wie Steine“
Es lernten nun immer mehr Menschen aus verschiedenen Volksstämmen Lesen und Schreiben. Dadurch tauchte ein neues Problem auf: Übersetzungen mussten her. Für Gebildete in Sierra Leone gab es ja weltliche Literatur in Englisch und in Guinea in Französisch. Die anderen hatten allerdings wenig, wenn überhaupt etwas, in ihrer Stammessprache. Was konnte man tun, um sie mit biblischem Lesestoff zu versorgen?
1959 übersetzten 2 Missionare ein Traktat und eine Broschüre in die Sprache Mende. Es wurden aber nur wenige Exemplare abgegeben. 10 Jahre später gab es dann die Broschüren „Diese gute Botschaft vom Königreich“ und In der Hoffnung auf eine gerechte neue Welt leben in Kissi. Rund 30 000 Broschüren konnten abgegeben und als Studienbegleiter eingesetzt werden.
1975 wurden dann Wachtturm-Studienartikel in Kissi veröffentlicht. Die Brüder waren begeistert! Einer schrieb: „Jehova ist großartig! Von uns ist ja keiner zur Schule gegangen. Und irgendwie fühlten wir uns immer stumm wie Steine. Doch jetzt haben wir den Wachtturm in Kissi. Endlich können wir viel leichter über Jehovas große Taten sprechen“ (Luk. 19:40). Verschiedene andere Veröffentlichungen wurden ebenfalls ins Kissi übersetzt.
Die meisten in Sierra Leone und Guinea bevorzugen immer noch Englisch oder Französisch und in diesen Sprachen finden auch die Zusammenkünfte statt. Aber neuerdings sind Übersetzungen in Stammessprachen förmlich explodiert. Biblische Literatur gibt es jetzt in Kissi, Kpelle, Krio, Maninkakan, Mende, Pular und Susu. In allen diesen Sprachen gibt es die Broschüren Höre auf Gott und lebe für immer und Höre auf Gott. Diese Studienbegleiter machen einem den Dienst ganz leicht und sie sind ideal für Menschen, die nicht so gut lesen können. Damit kann jeder die großartige Botschaft der Bibel verstehen und lieben lernen.
Ein Zweigbüro wird gebaut
Anfang der 1960er-Jahre sahen sich die Brüder in Freetown nach einem Grundstück für ein neues Zweiggebäude um. 1965 wurden sie schließlich in der Wilkinson Road fündig: ein Grundstück in einer der schönsten Wohngegenden — mit Blick aufs Meer.
In dem schönen Gebäudekomplex waren ein Königreichssaal, ein Missionarheim und Büros untergebracht. Während der Bauphase kam der Verkehr auf der ohnehin schon überfüllten Wilkinson Road oft fast zum Stehen, weil alle unbedingt den Bau sehen wollten. Am 19. August 1967 fand dann die Bestimmungsübergabe statt, bei der fast 300 anwesend waren. Darunter auch einflussreiche Leute aus der Umgebung und einige „Oldtimer“, die 1923 von „Bibel-Brown“ getauft worden waren.
Zweigbüro und Missionarheim in Freetown (1965–1997)
Durch das neue Zweiggebäude sahen viele das Werk der Zeugen Jehovas positiver. Außerdem wurden einige Kritiker zum Schweigen gebracht, die behauptet hatten, die Zeugen würden nicht lange in Sierra Leone bleiben. Doch der Bau stellte klar: Jehovas Zeugen bleiben!
Engagierte Missionare beleben das Werk
Im Dienst gehts auch mal quer durchs matschige Reisfeld
Ab Mitte der 1970er-Jahre kam ein Gileadabsolvent nach dem anderen nach Sierra Leone und Guinea. Das gab dem Werk gewaltigen Schwung. Manche waren vorher schon in Afrika und lebten sich schnell ein. Für andere war es Neuland. Wie würde es ihnen im „Grab des weißen Mannes“ ergehen? Hier ein kleiner Einblick:
„Diese einfachen und bescheidenen Menschen brauchten Jehova ganz dringend. Es hat so gutgetan, mitzuerleben, wie die Wahrheit ihr Leben verbessert hat“ (Hannelore Altmeyer).
„Es war schon schwer, mit dem Klima und den Krankheiten zurechtzukommen. Aber die Freude, die man verspürt, wenn man aufrichtigen Menschen helfen kann, Jehova zu dienen, ist jede Mühe wert“ (Cheryl Ferguson).
„Ich habe gelernt, gelassener zu sein. Einmal habe ich eine Schwester gefragt, wann ihr Besuch denn kommen würde. Ihre Antwort: ‚Vielleicht heute, vielleicht morgen, vielleicht aber auch erst übermorgen.‘ Ich muss schon ziemlich schockiert geguckt haben, denn sie sagte: ‚Aber sie kommen — ganz sicher!‘ “ (Christine Jones).
„Im Missionarheim in Freetown lebten wir zu Vierzehnt unter einem Dach, bunt zusammengewürfelt aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen. Wir teilten uns 2 Toiletten, eine Dusche, eine Waschmaschine und eine Küche. Lebensmittel waren knapp und miserabel. Oft fiel der Strom aus, manchmal tagelang. Malaria und andere tropische Krankheiten erwischten fast jeden von uns. Das klingt vielleicht alles ganz furchtbar, aber dadurch lernten wir, miteinander auszukommen, zu vergeben und trotz allem den Humor zu bewahren. Der Predigtdienst war einfach toll. Das hat die Missionare zusammengeschweißt“ (Robert und Pauline Landis).
Pauline Landis und ihre Bibelschüler
„Sierra Leone war ein Highlight in unserem Leben. Wir bereuen nichts. Wir bedauern nur, dass wir nicht mehr dort sein können“ (Benjamin und Monica Martin).
„Wir übernachteten einmal bei einer Interessierten, die uns etwas ganz Seltsames zum Essen vorsetzte: ‚Es gibt Schlange‘, sagte sie. ‚Die Giftzähne hab ich rausgezogen. Probiert doch mal.‘ Wir lehnten höflich ab, aber keine Chance! Wir mussten essen. Solche Erfahrungen waren manchmal schon etwas unangenehm. Aber weil die Gastgeber so herzlich und freigebig waren, wuchsen sie uns sehr ans Herz“ (Frederick und Barbara Morrisey).
„In meinen 43 Jahren Missionardienst habe ich mit mehr als 100 Missionaren zusammengewohnt. Es war mir eine Ehre, so viele Menschen kennenzulernen. Wir haben zwar alle unterschiedliche Persönlichkeiten, aber ein Ziel! Es ist so schön, mit Jehova zu arbeiten und anderen die Wahrheit näherzubringen“ (Lynette Peters).
„Es ist so schön, mit Jehova zu arbeiten und anderen die Wahrheit näherzubringen“
Seit 1947 dienten 154 Missionare in Sierra Leone und 88 in Guinea. Weil in diesen Ländern ein großer Bedarf an Predigern war, kamen noch viele andere Brüder und Schwestern. Zurzeit sind in Sierra Leone 44 Missionare und in Guinea 31. Ihre unermüdliche, selbstlose und hingebungsvolle Arbeit hat das Leben unzähliger Menschen verändert. Alfred Gunn, ein langjähriges Mitglied des Zweigkomitees, sagt: „Uns wird ganz warm ums Herz, wenn wir an sie denken.“
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Kongressabzeichen als ReisepassJahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
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SIERRA LEONE UND GUINEA
Kongressabzeichen als Reisepass
„IN Guinea besuchten 1987 mehr als 1 000 den Bezirkskongress ‚Göttlicher Frieden‘ in Guéckédou. Viele Besucher aus Sierra Leone und Liberia wollten jeden Tag zum Kongress pendeln, weil er nahe der Grenze stattfand. Nur: Ihnen fehlten die nötigen Reisepapiere. Also verhandelten verantwortliche Brüder mit den Grenzbehörden. Sie einigten sich schließlich darauf, die Besucher bräuchten nur eines — ihr Kongressabzeichen! Sobald die Grenzbeamten die auffallende gelbe Plakette sahen, gaben sie freie Fahrt“ (Everett Berry, damals Missionar).
Auf dem Kongress hats den Brüdern gut geschmeckt
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1991-2001 Im „Schmelzofen der Trübsal“ (Jes. 48:10) (Teil 1)Jahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
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SIERRA LEONE UND GUINEA
1991-2001 Im „Schmelzofen der Trübsal“ (Jes. 48:10) (Teil 1)
Bürgerkrieg
In den 1980er-Jahren führten soziale, politische und wirtschaftliche Probleme in ganz Westafrika zu massiven Spannungen. In Liberia hinterließ der Krieg eine Spur der Verwüstung und viele flohen nach Sierra Leone. Dort kümmerte sich das Zweigbüro um die Brüder, die geflüchtet waren. Sie kamen in Privatunterkünften und in Königreichssälen unter und wurden von den einheimischen Brüdern versorgt.
Auch wenn dies eine schwere Zeit für die Flüchtlinge war, so gab es doch auch amüsante Episoden. Isolde Lorenz, eine langjährige Missionarin, erzählt: „Auf dem Gelände des Zweigbüros war hinter dem Königreichssaal ein Garten mit einer Feuerstelle. Ein Bruder schickte seinen Sohn dorthin zum Essenaufwärmen. Als der Junge zurückkam, rief er: ‚Es gibt kein Essen!‘ Sein Papa wollte wissen, wieso nicht. ‚Weil Jehova mich vor dem Maul des Löwen gerettet hat!‘ Was war passiert? Als er seinem Vater das Essen bringen wollte, lief ihm Lobo über den Weg. Dem Jungen blieb vor Schreck fast das Herz stehen. Lobo gehörte zum Bethelinventar und war ein großer, aber ziemlich harmloser Schäferhund. Aus Angst streckte er die Schüssel mit dem Essen Richtung Hund, um ihn in Schach zu halten. Doch das hieß für Lobo eindeutig: ‚Bedien dich.‘ Und genau das tat Lobo auch!“
Weil sich der Krieg in Liberia immer mehr ausbreitete, entflammte er am 23. März 1991 in Sierra Leone einen Bürgerkrieg, der schließlich 11 Jahre anhielt. Eine Gruppe von Rebellen, die sogenannte Revolutionäre Vereinigte Front (RUF), rückte schnell bis nach Kailahun und Koindu vor. Daraufhin flohen die meisten nach Guinea, darunter etwa 120 Brüder und Schwestern. Gleichzeitig flohen Verkündiger von Liberia nach Sierra Leone in bis dahin relativ sichere Gebiete.
„Monatelang kamen im Bethel in Freetown Gruppen ausgemergelter, völlig erschöpfter und hungriger Brüder an“, erinnert sich der damalige Zweigkoordinator Billie Cowan. „Viele hatten ganz Entsetzliches durchgemacht und sich mit wilden Kräutern am Leben erhalten. Sofort wurden sie mit Essen und Kleidung versorgt. Wir kümmerten uns auch um ihre Verwandten und Interessierten. Die Brüder hießen die Flüchtlinge willkommen und nahmen sie gern bei sich auf. Die Flüchtlinge beteiligten sich sofort am Predigtdienst und unterstützten die Versammlungen. Die meisten verließen uns zwar wieder, aber wir denken gern an die Zeit mit ihnen zurück, weil sie uns wirklich gestärkt haben.“
Der Bürgerkrieg wütete 11 Jahre in Sierra Leone
Trösten und Hoffnung geben
Das Zweigbüro schickte den Zeugen in Flüchtlingslagern im Süden Guineas Nahrungsmittel, Medikamente, Baumaterial, Werkzeug und Geräte; und eine große Kleiderspende aus Frankreich. „Meine Kinder haben getanzt und gesungen und Jehova gedankt“, schrieb ein Vater. „Sie hatten für die Versammlung neue Sachen!“ Andere sagten: „Noch nie waren wir so gut angezogen.“
Doch noch mehr war nötig, denn Jesus sagte ja: „Nicht von Brot allein soll der Mensch leben, sondern von jeder Äußerung, die durch den Mund Jehovas ausgeht“ (Mat. 4:4). Deswegen sandte das Zweigbüro Literatur und organisierte Kreis- und Bezirkskongresse. Auch wurden Pioniere und reisende Aufseher dorthin geschickt.
Der Kreisaufseher André Baart besuchte das Lager in Koundou (Guinea), wo er von einem Verantwortlichen gebeten wurde, einen Vortrag zu halten. Um die 50 waren anwesend und hörten sich den Vortrag „Bei Jehova Zuflucht suchen“ an, basierend auf Psalm 18. Zum Schluss stand eine ältere Frau auf und sagte: „Du hast uns sehr glücklich gemacht. Reis löst unsere Probleme nicht. Wir brauchen die Bibel. Sie zeigt uns, dass wir auf Gott hoffen können. Wir danken dir von ganzem Herzen, dass du uns getröstet und uns Hoffnung gegeben hast.“
Als die Missionare William und Claudia Slaughter in Guéckédou (Guinea) ankamen, war die Versammlung mit über 100 Flüchtlingen „glühend im Geist“ (Röm. 12:11). „Viele junge Männer wollten Fortschritte machen“, sagt William. „Fiel jemand in der Predigtdienstschule aus, waren 10 bis 15 junge Brüder bereit einzuspringen. Große Gruppen waren fleißig im Dienst unterwegs. Einige dieser eifrigen jungen Männer wurden später Sonderpioniere und Kreisaufseher.“
Bauarbeiten mitten im Krieg
Kurz nach Beginn des Bürgerkriegs kauften die Brüder in Freetown ein circa 6 000 Quadratmeter großes Grundstück in der Wilkinson Road 133, nur ein paar Häuser entfernt vom Zweigbüro. „Wir wollten dort ein neues Bethel bauen, waren aber unschlüssig wegen des Kriegs“, sagt Alfred Gunn. „Bruder Lloyd Barry von der leitenden Körperschaft war damals gerade zu Besuch und wir sprachen mit ihm über unsere Bedenken. Er sagte: ‚Von einem Krieg lassen wir uns nicht aufhalten, sonst würden wir ja nie was schaffen!‘ Seine aufrüttelnden Worte machten uns Mut, unsere Pläne zu verwirklichen.“
Hunderte arbeiteten mit, darunter über 50 Freiwillige aus 12 Ländern und viele von den einheimischen Brüdern. Das Bauprojekt startete im Mai 1991. „Beobachter waren von der hochwertigen Bauweise total beeindruckt. Die Stahlkonstruktion war in dieser Gegend etwas Neues“, sagt der Bauleiter Tom Ball. „Aber was die Leute noch mehr beeindruckte, waren die Bauarbeiter aus nah und fern: Schwarz und Weiß arbeiteten hier glücklich Hand in Hand an ein und derselben Sache.“
Am 19. April 1997 versammelten sich Brüder aus aller Welt zur Bestimmungsübergabe. Nur einen Monat später, der Krieg tobte bereits seit 5 Jahren, stürmte die RUF nun auch Freetown.
Das Zweigbüro in Freetown im Bau und heute
Der Kampf um Freetown
Tausende RUF-Kämpfer mit verfilzten Haaren und roten Stirnbändern durchkämmten die Stadt. Sie plünderten, vergewaltigten und töteten. „Die Lage war äußerst angespannt“, erinnert sich Alfred Gunn. „Die meisten Missionare wurden eiligst evakuiert. Als Letztes sollten Billie und Sandra Cowan, Jimmie und Joyce Holland sowie Catherine und ich gehen.
Wir beteten noch mit den einheimischen Betheliten, die bleiben wollten. Dann ging es nichts wie weg zur Sammelstelle, von wo aus wir evakuiert werden sollten. Unterwegs stoppten uns ungefähr 20 Rebellen. Sie waren betrunken und sahen wild aus. Wir gaben ihnen Zeitschriften und Geld, dann ließen sie uns durch. An dem schwer bewachten Kontrollpunkt der US-Marine trafen wir mit mehr als 1 000 anderen zusammen. Wir bestiegen einen Militärhubschrauber, der uns schnellstens zu einem US-Kriegsschiff brachte. Später sagte uns ein Schiffsoffizier, das sei die größte Evakuierung von Zivilisten gewesen, die die US-Marine seit dem Vietnamkrieg durchgeführt habe. Am nächsten Tag flog uns ein Hubschrauber nach Conakry in Guinea. Dort richteten wir ein provisorisches Zweigbüro ein.“
Alfred und Catherine Gunn bei der Evakuierung
Besorgt warteten die Missionare auf Neuigkeiten aus Freetown. Schließlich kam ein Brief: „Hier herrscht Chaos. Trotzdem verbreiten wir die Königreichs-Nachrichten Nr. 35, Wird jemals unter allen Menschen Liebe herrschen?. Die Leute reagieren positiv, selbst einige Rebellen studieren die Bibel. Wir haben beschlossen, uns im Dienst noch mehr anzustrengen.“
Jonathan Mbomah, der damals im Kreisdienst war, erinnert sich: „Wir organisierten sogar einen Tagessonderkongress in Freetown. Das Programm hat allen so viel Kraft gegeben, da bin ich auch in die kriegsgeplagten Städte Bo und Kenema gereist, um dort Kongresse abzuhalten. Die Brüder dankten Jehova für diese Kraftquelle.
Ende 1997 hatten wir dann in Freetown einen Bezirkskongress im Nationalstadion. Am letzten Tag kamen Soldaten der RUF und befahlen uns, das Stadion zu verlassen. Wir wollten den Kongress auf keinen Fall vorzeitig beenden und baten sie eindringlich, uns diese Zeit noch zu geben. Nach langem Hin und Her lenkten sie schließlich ein und zogen ab. Auf dem Kongress waren über 1 000 anwesend und 27 wurden getauft. Einige Brüder machten sich auf die gefährliche Reise nach Bo und hörten sich das Programm dort noch mal an. Diese Kongresse waren wunderbar und einfach herzergreifend.“
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1991-2001 Im „Schmelzofen der Trübsal“ (Jes. 48:10) (Teil 2)Jahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
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SIERRA LEONE UND GUINEA
1991-2001 Im „Schmelzofen der Trübsal“ (Jes. 48:10) (Teil 2)
Das Bethel unter Beschuss!
Im Februar 1998 startete die Regierung gemeinsam mit Truppen der ECOMOG (Economic Community of West African States Monitoring Group) eine radikale Offensive gegen die Rebellen, um sie aus Freetown zu vertreiben. Es ging schrecklich zu. Leider kam dabei auch ein Bruder durch Granatsplitter ums Leben.
Ungefähr 150 Verkündiger suchten Zuflucht in den Missionarheimen in Kissy und Cockerill. Was im Bethel passierte, erzählt Laddie Sandy, einer der Nachtwächter: „Philip Turay und ich hatten Dienst. Plötzlich tauchten 2 bewaffnete RUF-Rebellen auf und verlangten von uns, die Glastüren zur Lobby zu öffnen. Sofort brachten wir uns in Sicherheit. Die beiden schossen immer wieder auf das Türschloss. Seltsamerweise ging es nicht kaputt. Sie kamen aber auch nicht auf die Idee, die Glasscheiben zu zerschießen. Genervt zogen sie wieder ab.
In der übernächsten Nacht kamen die zwei wieder, gefolgt von rund 20 entschlossenen, gut ausgerüsteten Kumpanen. Wir alarmierten sofort die anderen 5 Betheliten und rannten zum ausgemachten Versteck im Keller. Hinter den 2 großen Fässern war es stockfinster. Wir zitterten am ganzen Leib. Die Rebellen schossen sich den Weg ins Gebäude frei. Das hielt selbst das hartnäckige Türschloss nicht aus. ‚Findet diese Zeugen und schneidet ihnen die Kehle durch!‘, bellte einer. Wir saßen zusammengekauert und wagten nicht, auch nur einen Mucks von uns zu geben. 7 Stunden lang durchwühlten und verwüsteten sie alles. Endlich zogen sie wieder ab!
Wir packten unsere Siebensachen und liefen zum Cockerill-Missionarheim, dem alten Bethel, das nur ein paar Häuser entfernt war. Unterwegs wurden wir von einer anderen Rebellen-Gang überfallen und ausgeraubt. Völlig verstört, aber froh, noch am Leben zu sein, kamen wir endlich an. Wir ruhten uns ein paar Tage aus und gingen dann zurück, um das Chaos im Bethel zu beseitigen.“
Nach 2 Monaten, inzwischen hatten die ECOMOG-Truppen alles unter Kontrolle, trafen die ersten Missionare aus Guinea wieder ein. Sie ahnten allerdings nicht, wie kurz ihr Aufenthalt werden würde.
„Operation No Living Thing“
Acht Monate später, im Dezember 1998, fand im Freetowner Nationalstadion der Kongress „Gottes Weg des Lebens“ statt, den Hunderte besuchten. Plötzlich war ein dumpfer Knall zu hören und in den Bergen stieg Rauch auf. Die Rebellen waren zurück!
In den nächsten Tagen wurde die Lage in der Stadt immer kritischer. Das Zweigkomitee charterte ein kleines Flugzeug, mit dem 12 Missionare, 8 ausländische Betheldiener und 5 Bauhelfer nach Conakry ausgeflogen wurden. 3 Tage später, am 6. Januar 1999, starteten die Rebellentruppen ihren Todesfeldzug „Operation No Living Thing“. Die Todesschwadronen verwüsteten Freetown und metzelten gnadenlos rund 6 000 Zivilisten nieder. Wahllos hackten sie Arme und Beine ab, entführten Hunderte Kinder und zerstörten Tausende Häuser.
Edward Toby, ein sehr beliebter Bruder, wurde brutal ermordet. Mehr als 200 traumatisierte Brüder und Schwestern kamen entweder im Bethel oder im Cockerill-Missionarheim unter. Andere versteckten sich in ihrem Haus. Die Zeugen, die sich im Kissy-Missionarheim versteckt hielten, brauchten dringend Medikamente. Doch die Straßen Freetowns waren lebensgefährlich und Kissy lag genau am anderen Ende der Stadt. Wer würde das Risiko auf sich nehmen? Laddie Sandy und Philip Turay, die mutigen Nachtwächter!
„In der Stadt ging es chaotisch zu“, erinnert sich Philip. „An vielen Stellen wurden die Leute von den Rebellensoldaten kontrolliert und nach Lust und Laune schikaniert. Wegen der Ausgangssperre hatten wir tagsüber nur wenige Stunden, um weiterzukommen. 2 Tage später erreichten wir unser Ziel. Doch was uns erwartete, war ein geplündertes und ausgebranntes Missionarheim.
Als wir uns in der Umgebung umsahen, fanden wir Bruder Andrew Caulker. Er war schwer am Kopf verletzt, weil ihn Rebellen gefesselt und wiederholt mit einer Axt auf ihn eingeschlagen hatten. Erstaunlicherweise überlebte er diese Tortur und konnte sich befreien. Wir brachten ihn schleunigst ins Krankenhaus, wo er sich langsam wieder erholte. Später wurde er Pionier.“
Von links nach rechts: Laddie Sandy, Andrew Caulker und Philip Turay
Andere Zeugen kamen unversehrt davon, weil sie als neutral bekannt waren. Ein Bruder berichtet: „Die Rebellen verlangten von meiner Frau und mir, auf der Straße mit einem weißen Tuch um den Kopf für ihre Sache zu tanzen. ‚Wenn ihr euch weigert, dann hacken wir euch ein Bein oder einen Arm ab! Oder wir legen euch gleich um!‘, drohten sie uns. Schockiert machten wir einen Schritt zur Seite und schickten ein Stoßgebet zum Himmel. Ein Nachbarsjunge erkannte unsere verzwickte Lage und sagte dem Anführer: ‚Der Mann ist harmlos. Der macht bei politischen Sachen nicht mit. Wir übernehmen das Tanzen für ihn.‘ Der Anführer gab sich damit zufrieden und wir stürzten nach Hause.“
Eine unheimliche Stille legte sich über die Stadt. Vorsichtig gingen die Brüder wieder in die Zusammenkünfte und in den Dienst. Weil sie Kongressabzeichen trugen, erkannte man sie an den Kontrollstellen sofort. Dort gab es lange Warteschlangen und viele wurden richtige Experten, wenn es darum ging, biblische Gespräche anzufangen.
Weil überall in der Stadt die Vorräte ausgingen, schickte das britische Zweigbüro 200 Hilfspakete per Luftfracht. Billie Cowan und Alan Jones flogen von Conakry nach Freetown, um die Lieferung durch die vielen Kontrollstellen zu begleiten. Gerade noch rechtzeitig vor der Ausgangssperre schafften sie es ins Bethel. James Koroma diente als Kurier und brachte Literatur und anderes Wichtiges aus Conakry mit. Auch die Brüder im abgelegenen Bo und Kenema bekamen Literatur.
Die Hilfspakete kommen in Freetown an
Am 9. August 1999 kamen die ersten Missionare aus Conakry zurück nach Freetown. Im folgenden Jahr trieb eine britische Eingreiftruppe die Rebellen aus der Stadt. Zwar wurde noch vereinzelt weitergekämpft, doch im Januar 2002 wurde der Krieg dann für beendet erklärt. In diesen 11 Jahren verloren 50 000 Menschen ihr Leben, 20 000 wurden verstümmelt, 300 000 Häuser wurden zerstört und 1,2 Millionen wurden aus ihrer Heimat vertrieben.
Wie erging es Gottes Volk im Krieg? Jehova schenkte seinen Schutz und Segen. Rund 700 ließen sich taufen. Obwohl Hunderte ihre Heimat verlassen mussten, nahm die Zahl der Verkündiger um 50 Prozent zu. In Guinea waren es sogar über 300 Prozent! Vor allem aber sind die Brüder ihrem Gott unerschütterlich treu geblieben. Trotz „Schmelzofen der Trübsal“ waren sie unzertrennlich und standen einander liebevoll bei. Sie ließen sich nicht davon abbringen, fleißig „zu lehren und die gute Botschaft“ zu verkündigen (Jes. 48:10; Apg. 5:42).
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Früher Kindersoldat, heute PionierJahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
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SIERRA LEONE UND GUINEA
Früher Kindersoldat, heute Pionier
MIT 16 wurde ich gezwungen, mich den Rebellen anzuschließen. Sie versorgten uns immer mit genügend Alkohol und Drogen. So kämpfte ich nicht selten im Rausch. Ich habe in vielen Gefechten mitgekämpft und anderen Grausames angetan — das tut mir unendlich leid.
Eines Tages predigte ein älterer Zeuge Jehovas in unserer Kaserne. Die meisten Menschen machten aus Angst und Verachtung einen großen Bogen um uns. Doch er wollte uns Gott näherbringen. Als er mich in die Zusammenkunft einlud, bin ich hin. Ich weiß nicht mehr, um was es ging, aber ich vergesse nie, wie herzlich ich empfangen wurde.
Als die Kämpfe immer hitziger wurden, verlor ich den Kontakt zu den Zeugen. Dann wurde ich schwer verletzt, erholte mich aber wieder. Noch vor Kriegsende flüchtete ich in eine von der Regierung kontrollierte Gegend. Dort nahm man mich in ein Programm zur Entwaffnung, Demobilisierung und Wiedereingliederung ehemaliger Kämpfer auf.
Ich sehnte mich unwahrscheinlich nach Gott. Deswegen ging ich zur Pfingstgemeinde, aber dort schimpften sie mich „Satan“! Also machte ich mich auf die Suche nach den Zeugen. Ich fing ein Bibelstudium an und besuchte die Zusammenkünfte. Als ich den Brüdern alles Schlimme gestand, trösteten sie mich mit den Worten Jesu: „Gesunde benötigen keinen Arzt, wohl aber die Leidenden. . . . ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder“ (Mat. 9:12, 13).
Das tat so gut! Daraufhin gab ich meinem Bibellehrer meinen Dolch und sagte: „Den hatte ich noch — aus Angst vor Rache. Jetzt, wo ich weiß, dass Jehova und Jesus mich lieben, will ich ihn nicht mehr.“
Die Brüder brachten mir Lesen und Schreiben bei. Ich ließ mich taufen und wurde Pionier. Wenn ich heute mit Ex-Rebellen über meinen Glauben spreche, sagen sie mir: „Alle Achtung! Du hast dein Leben in Ordnung gebracht.“ Ich konnte sogar mit dem Kommandanten meiner damaligen Einheit studieren.
Als Soldat zeugte ich 3 Jungs. Jetzt wollte ich auch ihnen von der Wahrheit erzählen. 2 haben die Wahrheit angenommen, davon ist einer Hilfspionier und der andere ungetaufter Verkündiger. Ich bin so glücklich!
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2002-2013 Bis heute (Teil 1)Jahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
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SIERRA LEONE UND GUINEA
2002-2013 Bis heute (Teil 1)
„Danke, Jehova!“
Langsam stabilisierte sich die Lage in Sierra Leone. Die Brüder kehrten zurück in ihre Häuser oder was noch davon übrig war. Besonders im kriegsgebeutelten Osten wurde eine Versammlung nach der anderen wieder ins Leben gerufen. Aus einem Gebiet berichteten Sonderpioniere: „16 waren bei der ersten Zusammenkunft anwesend, 36 bei der nächsten und 56 bei der übernächsten. Zum Gedächtnismahl kamen 77! Wir waren begeistert!“ Es wurden 9 neue Versammlungen gegründet, damit waren es insgesamt 24. Frischen Wind bekam das Werk dann durch 10 neue Missionare. 2004 kamen 7 594 zum Gedächtnismahl — über 5-mal so viele wie Verkündiger! Aus Guinea wurde Ähnliches berichtet.
Unverzüglich stellte die leitende Körperschaft für die heimkehrenden Flüchtlinge Gelder zur Verfügung (Jak. 2:15, 16). Teams von Freiwilligen bauten oder reparierten 12 Königreichssäle und einen Kongresssaal in Koindu. Außerdem bauten sie 42 einfache Unterkünfte aus Lehmziegeln, um dort obdachlos gewordene Familien unterzubringen. Eine verwitwete Schwester Mitte 70 weinte vor lauter Glück, als sie ihr neues Haus mit Wellblechdach sah, und rief aus: „Danke, Jehova! Danke, Jehova! Danke, Brüder!“
Das Zweigbüro griff auf Gelder aus dem Bauprogramm für Länder mit begrenzten Mitteln zurück und fing an, zusätzliche Königreichssäle zu bauen. Saidu Juanah, Ältester und Pionier in der Versammlung Bo-West, erzählt: „Eine Schwester sagte mir: ‚Wenn wir einen neuen Königreichssaal bekommen, klatsche ich mit meinen Händen und mit meinen Füßen!‘ Als ich den Bau dann bekannt gab, sprang die Schwester auf und applaudierte und tanzte — sie ‚klatschte‘ tatsächlich mit ihren Händen und ihren Füßen!“
2010 weihte die Versammlung Waterloo einen Königreichssaal ein, der auch zu einem Kongresssaal mit 800 Sitzplätzen erweitert werden kann. Noch am gleichen Tag, an dem die Brüder das Gelände kauften, erhielt die Eigentümerin ein höheres Angebot. Ihre Reaktion? „Lieber habe ich ein religiöses Zentrum auf meinem Grundstück, als dass darauf Handel getrieben wird.“
Dank des Bauprogramms wurden 17 Königreichssäle in Sierra Leone und 6 in Guinea gebaut. Diese einfachen, aber würdigen Anbetungsstätten sind so einladend, dass viel mehr Menschen die Zusammenkünfte besuchen.
Jehovas „verlorene Schafe“ ausfindig machen
Weil das Predigtwerk ins Rollen kam, startete das Zweigbüro eine besondere Aktion: 2 Monate Predigtdienst in selten bearbeiteten Gebieten. Dabei wurden fast 15 000 Bücher abgegeben und viele schöne Erfahrungen gemacht. Einige erkundigten sich, ob es nicht auch Versammlungen in ihrer Nähe geben könnte. Daraufhin wurden 2 Versammlungen gegründet. In einem abgelegenen Dorf wurden 2 Schwestern ausfindig gemacht, die während des Krieges flüchten mussten und so den Kontakt zur Organisation verloren hatten. Sofort organisierten die Brüder in diesem Dorf regelmäßige Zusammenkünfte und fingen mit einigen ein Bibelstudium an.
2009 erfuhr das Zweigbüro von einem Dorf tief in den Regenwäldern Guineas, wo angeblich Zeugen Jehovas lebten. Brüder wurden dorthin geschickt, um sich ein Bild zu machen. Sie berichteten dem Zweigbüro von einem mittlerweile verstorbenen Bruder, der als Rentner in sein Heimatdorf zurückgekehrt war. Er hatte mit mehreren Männern studiert. Einer nahm die Wahrheit an und erzählte anderen, was er alles aus der Bibel gelernt hatte. Er hielt auch Zusammenkünfte ab und gebrauchte dafür die Literatur des verstorbenen Bruders. 20 Jahre vergingen, bis die Gruppe schließlich von einem Verkündiger entdeckt wurde. Der Zweig verlor keine Zeit und schickte umgehend Brüder, um sie zu stärken. Beim Gedächtnismahl 2012 waren in diesem Dorf 172 anwesend.
In letzter Zeit fand man immer mehr „verlorene Schafe“ — Diener Jehovas, die sich von der Wahrheit entfernt hatten oder ausgeschlossen worden waren. Viele von ihnen änderten ihr Leben und sind wieder zurückgekommen. Ihre Brüder empfingen sie mit offenen Armen (Luk. 15:11-24).
Moslems öffnen sich für die Wahrheit
Paulus ist beim Predigen „Menschen von allen Arten alles geworden“ (1. Kor. 9:22, 23). So auch die Brüder in Sierra Leone und Guinea: Sie passen sich an, damit sie mit den unterschiedlichsten Menschen ins Gespräch kommen. Der Großteil der Bevölkerung in beiden Ländern bekennt sich ja zum Islam. Wie unterhalten sich einige Verkündiger denn beispielsweise mit toleranten Moslems?
Saidu Juanah, der selbst Moslem war, erklärt: „Moslems glauben, dass Adam zwar aus Staub erschaffen wurde, aber zuerst im Paradies im Himmel gelebt hat. Damit sie selbst zum richtigen Schluss kommen, frage ich sie: ‚Wo gibt es Staub?‘
‚Auf der Erde‘, antworten sie.
‚Wo muss Adam also erschaffen worden sein?‘
‚Auf der Erde‘, sagen sie.
Um das zu stützen, lese ich 1. Mose 1:27, 28 vor und frage: ‚Kann man im Himmel Kinder bekommen?‘
‚Nein. Im Himmel gibt es nur Engel, keine Männer oder Frauen‘, erwidern sie dann.
‚Gott wollte, dass Adam und Eva Kinder bekommen. Wo nur war das möglich?‘
‚Auf der Erde‘, lautet ihre Antwort.
‚Wenn Gott also vom Paradies spricht, wo nur kann das sein?‘, frage ich dann.
‚Hier auf der Erde‘, schlussfolgern sie.“
Saidu stellt fest: „Argumentiert man so mit der Bibel, unterhalten sich aufgeschlossene Moslems meistens weiter und nehmen etwas zu lesen.“
Momoh war ein solcher Moslem. Er wollte einmal Imam werden. Als Missionare sich mit ihm über die Bibel unterhielten, machte ihn das neugierig. Er besuchte für ein paar Stunden einen Kreiskongress und ihm gefiel, was er da hörte. 4 Tage später gingen er, seine Frau Ramatu und seine 5 Kinder zum Gedächtnismahl. Jetzt machte Momoh Nägel mit Köpfen und fing ein Bibelstudium an. Schon bald konnte man in seinem Laden keine Zigaretten mehr kaufen. Er sagte seinen Kunden, dass Rauchen schädlich ist und Gott nicht gefällt. Außerdem studierte Momoh mit seiner Frau und seinen Kindern die Bibel — und zwar in seinem Laden. Kam ein Kunde, bat Momoh ihn, sich zu setzen und zu warten. Er erklärte ihm dann, wie wichtig das Studium für seine Familie sei. Als Momoh und Ramatu ihre Partnerschaft legalisieren ließen, kam heftigster Gegenwind von der Familie. Doch sie gaben ihren Verwandten unerschrocken Zeugnis, und schließlich wurden sie wegen ihres guten Verhaltens respektiert. Momoh ließ sich 2008 taufen und Ramatu 2011.
Blut ist heilig
Jehovas Zeugen richten sich mutig nach den Wertmaßstäben der Bibel, auch beim Thema Blut (Apg. 15:29). Sowohl in Sierra Leone als auch in Guinea respektiert mittlerweile immer mehr medizinisches Fachpersonal unsere Überzeugung.
Brüder stehen einer Schwester im Krankenhaus bei
In ganz Sierra Leone wurde 1978 die Broschüre Jehovas Zeugen und die Blutfrage an Ärzte, Pflegepersonal, Krankenhausverwaltungen, Rechtsanwälte und Richter übergeben. Nur kurze Zeit später hatte eine Schwester während der Wehen innere Blutungen, aber die Ärzte weigerten sich, sie ohne Bluttransfusion zu behandeln. Ein Arzt war jedoch dazu bereit, weil er sich mit den überzeugenden Informationen in der Broschüre beschäftigt hatte. Die Schwester brachte einen gesunden Jungen zur Welt und erholte sich wieder völlig.
Ungefähr 1991 las Dr. Bashiru Koroma, Chirurg in einem Krankenhaus in Kenema, die Broschüre Wie kann Blut dein Leben retten?. Er war vom Inhalt so beeindruckt, dass er anfing, die Bibel zu studieren und zu den Zusammenkünften zu gehen. Als ein 9-jähriger Junge bei einem Unfall einen Milzriss erlitt, lehnten die Ärzte eine Operation ohne Bluttransfusion ab. Sie sagten seinen Eltern: „Nehmen Sie Ihr Kind zum Sterben mit nach Hause!“ Die Eltern baten Dr. Koroma um Hilfe. Die Operation verlief erfolgreich.
Aus Doktor Koroma wurde schon bald Bruder Koroma — ein überzeugter Verfechter der bluttransfusionsfreien Medizin. Dafür musste er von anderen Ärzten scharfe Kritik einstecken. Seine Patienten erholten sich jedoch alle wieder, und zwar ausnahmslos. Später baten ihn sogar einige Kollegen bei schwierigen Eingriffen um seine Unterstützung.
Seit 1994 hat der Krankenhausinformationsdienst im Zweigbüro in Freetown für Sierra Leone und Guinea Krankenhaus-Verbindungskomitees eingerichtet. Diese Komitees haben vielen kranken Brüdern und Schwestern liebevoll zur Seite gestanden. Und sie haben zahlreiche Mediziner davon überzeugen können, unsere Ansicht zum Thema Blut zu respektieren.
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2002-2013 Bis heute (Teil 2)Jahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
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SIERRA LEONE UND GUINEA
2002-2013 Bis heute (Teil 2)
Gehörlose erreichen
In Sierra Leone soll es bis zu 5 000 und in Guinea Hunderte Gehörlose geben. Jehova möchte, „dass alle Arten von Menschen gerettet werden“. Doch wie erreicht man Gehörlose mit der guten Botschaft? (1. Tim. 2:4).
Die Gilead-Missionarin Michelle Washington kam 1998 nach Sierra Leone. Sie erzählt: „Mein Mann Kevin und ich wurden in eine Versammlung geschickt, wo auch 4 Gehörlose waren. Weil ich die Amerikanische Gebärdensprache konnte, half ich ihnen. Die Brüder vom Zweigbüro baten mich, in Zusammenkünften und auf Kongressen zu dolmetschen und informierten die umliegenden Versammlungen. Außerdem organisierten sie Gebärdensprachkurse, damit noch mehr mithelfen konnten. Wir machten uns auf die Suche nach Gehörlosen und studierten mit ihnen die Bibel. Vielen in der Nachbarschaft gefiel, was wir für diese Menschen taten — aber längst nicht allen. Ein Pfarrer stempelte uns zum Beispiel als ‚falsche Propheten‘ ab und warnte seine gehörlosen Schäfchen eindringlich vor uns. Einigen wurde sogar gedroht, keine finanzielle Unterstützung mehr zu bekommen. Es dauerte nicht lange und es gab 2 Lager: Die einen, die zum Pfarrer hielten; und die anderen, die nicht zu ihm hielten, weil sie uns kannten. Von der zweiten Gruppe nahmen manche die Wahrheit an und ließen sich taufen.“
Da wäre zum Beispiel Femi. Er kam gehörlos zur Welt und konnte sich nur mit ein paar einfachen Gesten verständigen. Femi traute niemandem, schon gar nicht einem Hörenden. Er war unglücklich und dachte, keiner mag ihn. Doch dann fingen Brüder aus der Gebärdensprachgruppe ein Bibelstudium mit ihm an. Schon bald ging Femi regelmäßig in die Versammlung und lernte, richtig zu gebärden. Er ließ sich schließlich taufen und heute predigt er ganz glücklich anderen Gehörlosen.
Femi (ganz rechts) gebärdet ein Königreichslied
Im Juli 2010 wurde die Gebärdensprachgruppe in Freetown eine Versammlung. In Bo und Conakry gibt es auch Gebärdensprachgruppen.
Arm, aber trotzdem reich
Wie die Bibel zeigt, waren die meisten Christen im 1. Jahrhundert arm. Jakobus schrieb: „Hat Gott etwa nicht diejenigen, die hinsichtlich der Welt arm sind, dazu auserwählt, reich zu sein im Glauben?“ (Jak. 2:5). Auch den Brüdern in Sierra Leone und Guinea gibt der Glaube an Jehova Hoffnung und Halt.
Wie zeigt sich ihr Glaube? Viele arme Familien in abgelegenen Gebieten sparen monatelang auf den Bezirkskongress. Einige finanzieren sich die Reise durch den Anbau von Getreide. Nicht selten zwängen sich bis zu 30 Kongressbesucher in einen kleinen Laster. Die Fahrt kann 20 Stunden oder länger dauern. Sie nehmen Hitze und Staub in Kauf und sind danach völlig durchgeschüttelt. Andere nehmen einen kilometerlangen Fußmarsch auf sich. „Die ersten 80 Kilometer gingen wir zu Fuß, mit einer großen Ladung Bananen im Gepäck“, erzählt ein Bruder. „Unterwegs verkauften wir die Bananen. So hatten wir weniger zu tragen und genug Geld, um den Rest der Strecke auf einem Laster mitzufahren.“
Auf einem Laster gehts zum Bezirkskongress
Natürlich ist es verlockend, in ein wohlhabenderes Land zu ziehen. Doch viele widerstehen der Versuchung. Warum? Sie haben einen starken Glauben. „Jehova wird für uns sorgen, daran glauben wir ganz fest“, sagt Emmanuel Patton, ein Absolvent der Bibelschule für ledige Brüder. „Hier werden Verkündiger so dringend gebraucht. Wir merken immer wieder, wie wertvoll unser Dienst in Wirklichkeit ist“ (Mat. 6:33). Emmanuel ist Ältester, und zusammen mit seiner Frau Eunice setzt er sich voll für Jehova ein. Auch Familienväter entscheiden sich ganz bewusst gegen einen Umzug, weil ihnen der Zusammenhalt in der Familie und ein starker Glaube viel wichtiger sind. „Arbeit, bei der ich für eine gewisse Zeit weg von der Familie gewesen wäre, lehnte ich immer ab“, sagt Timothy Nyuma, der Sonderpionier und stellvertretender Kreisaufseher war. „Unsere Kinder hätten woanders vielleicht eine bessere Schulbildung bekommen können. Meine Frau Florence und ich wollten aber die Erziehung nicht anderen überlassen.“
Andere Brüder und Schwestern beweisen ihren Glauben dadurch, dass sie Jehova trotz Schwierigkeiten weiter dienen. Kevin Washington bemerkt dazu: „Viele gehen regelmäßig in den Dienst und haben in der Versammlung eine Menge Aufgaben. Sie machen das, obwohl sie womöglich Grund hätten, missmutig zu Hause zu bleiben. Manche sind zum Beispiel chronisch krank, können hier aber medizinisch nicht so gut versorgt werden. Andere kostet es sehr viel Mühe, Lesen und Schreiben zu lernen. Wenn ich dann mal an einem Programmpunkt etwas auszusetzen habe, frage ich mich: ‚Müsste ich Vollzeit arbeiten, wäre gesundheitlich nicht auf der Höhe, müsste ohne Brille auskommen, hätte kaum was an Literatur und keinen Strom — hätte ich das so gut hinbekommen?‘ “
Die Brüder und Schwestern in Sierra Leone und Guinea preisen Jehova wirklich in den unterschiedlichsten Lebenslagen. Wie schon bei den ersten Christen erkennt man bei ihnen, dass sie Gottes Diener sind, „durch das Ausharren in vielem, in Drangsalen, in Notlagen, . . . als Arme, die aber viele reich machen, als solche, die nichts haben und doch alles besitzen“ (2. Kor. 6:4, 10).
Eine vielversprechende Zukunft
Vor über 90 Jahren berichteten Alfred Joseph und Leonard Blackman über die Felder Sierra Leones, „dass sie weiß sind zur Ernte“ (Joh. 4:35). Rund 35 Jahre später schrieb Manuel Diogo aus Guinea: „Es gibt hier sehr viel zu tun.“ Und heute? In beiden Ländern sind Jehovas Diener davon überzeugt, dass noch viele weitere auf die gute Botschaft reagieren werden.
2012 besuchten in Guinea 3 479 das Gedächtnismahl, über viereinhalbmal so viele wie Verkündiger. In Sierra Leone gibt es 2 030 Verkündiger und fast viermal so viele kamen zum Gedächtnismahl, nämlich 7 854. An diesem Abend war auch die 93-jährige Sonderpionierin Winifred Remmie anwesend. Gemeinsam mit ihrem Mann Lichfield kam sie 1963 nach Sierra Leone. Nach 60 Jahren im Vollzeitdienst meinte sie: „Wer hätte gedacht, dass es in Sierra Leone jemals so viele glaubensstarke Brüder und Schwestern geben würde?! Ich bin zwar alt, aber ich will unbedingt dabei mithelfen, dass es noch mehr werden.“a
Jehovas Zeugen in Sierra Leone und Guinea empfinden wie Winifred. Sie sind entschlossen, auch in Zukunft wie stattliche, saftig-grüne Bäume Frucht zu tragen und Jehova zu preisen (Ps. 1:3). Mit seiner Kraft werden sie auch weiterhin die einzige Hoffnung auf Freiheit verkündigen, die „herrliche Freiheit der Kinder Gottes“ (Röm. 8:21).
Zweigkomitee (von links nach rechts): Collin Attick, Alfred Gunn, Tamba Josiah und Delroy Williamson
a Winifred Remmie verstarb, während dieser Bericht zusammengestellt wurde.
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Jehova hat mich aufgerichtetJahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
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SIERRA LEONE UND GUINEA
Jehova hat mich aufgerichtet
Jay Campbell
GEBURTSJAHR: 1966
TAUFE: 1986
KURZPORTRÄT: Pionier trotz Kinderlähmung
MEINE Mutter und ich lebten in Freetown. Wir waren arm. Weil ich von der Hüfte abwärts gelähmt war, genierte ich mich vor anderen. Ich hatte Angst davor, was sie von mir denken. Deshalb traute ich mich in meinen ersten 18 Jahren nur ein Mal auf die Straße.
Als ich dann 18 war, stand Pauline Landis, eine Missionarin, an unserer Tür. Sie wollte mir helfen, die Bibel kennenzulernen. Weil ich aber nicht lesen und schreiben konnte, wollte sie mir auch dabei helfen. Das gefiel mir.
Was ich aus der Bibel erfuhr, machte mich so glücklich. Einmal fragte ich Pauline, ob ich ins Buchstudium mitkommen könnte; es war nur ein paar Häuser entfernt. „Ich laufe einfach mit meinen Holzklötzen dorthin“, sagte ich.
Als Pauline mich abholte, machten meine Mutter und die Nachbarn eine ganz besorgte Miene. Ich nahm meine kleinen Holzklötze, setzte sie vor mich auf den Boden, stützte mich fest darauf, lehnte mich vor und schwang meine Beine nach vorn. Dann setzte ich die Klötze wieder vor mich. So ging es Stück für Stück vorwärts. Meine Nachbarn fauchten Pauline an: „Lass sie in Ruhe! Sie schafft das nicht.“
„Jay, möchtest du mit?”, fragte Pauline ganz lieb.
„Ja! Ich will unbedingt mit!“
Meine Nachbarn beobachteten alles mucksmäuschenstill. Als ich dann das Gebäude verließ, waren sie völlig aus dem Häuschen und klatschten ganz begeistert.
Ach, war das Buchstudium schön! Jetzt wollte ich in den Königreichssaal! Das hieß aber, bis zum Ende der Straße zu „laufen“, ein Taxi zu nehmen und Brüder zu finden, die mich den steilen Weg hochtrugen. Oft kam ich nass und verschmutzt im Saal an und musste mich erst mal umziehen. Später schickte mir eine liebe Schweizer Schwester einen Rollstuhl. Damit kam ich viel würdevoller von der Stelle.
Immer wenn ich etwas über Brüder las, die sich trotz Behinderung für Jehova einsetzten, bekam ich richtig Lust, auch mehr zu tun. Also wurde ich 1988 Pionier. Ich hatte ein Ziel und Jehova sollte mir dabei helfen: Ich wollte jemand aus meiner Familie und jemand aus meinem Gebiet helfen, ein Diener Jehovas zu werden. Jehova hat meine Bitte erfüllt: Eine Frau, die ich im Straßendienst angesprochen hatte, und zwei meiner Neffen kamen in die Wahrheit.
Meine Arme sind inzwischen müde geworden, deshalb brauche ich jetzt immer jemand, der meinen Rollstuhl schiebt. Und ich hab ständig Schmerzen. Mein Gegenmittel? Ich spreche über Jehova. Das tröstet mich und macht meine Schmerzen erträglicher. Jehova hat mich aufgerichtet. Jetzt hat mein Leben einen Sinn.
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Wir entkamen den RebellenJahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
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SIERRA LEONE UND GUINEA
Wir entkamen den Rebellen
Andrew Baun
GEBURTSJAHR: 1961
TAUFE: 1988
KURZPORTÄT: Bei Kriegsbeginn 1991 Pionier in Pendembu im Osten von Sierra Leone
EINES Nachmittags überfielen Rebellen unsere Stadt. Etwa 2 Stunden lang schossen sie in die Luft. Manche Soldaten waren gerade mal Teenager, konnten kaum ihre Waffen tragen. Sie sahen aus wie ein Haufen Wilder, total dreckig und verwahrlost, und sie wirkten wie unter Drogen.
Am nächsten Tag ging das Gemetzel los. Menschen wurden brutal verstümmelt, hingerichtet und vergewaltigt. Es war ein furchtbares Chaos. Bruder Amara Babawo, seine Familie und 4 Bibelschüler suchten bei mir Unterschlupf. Wir hatten alle Angst.
Bald erschien ein Rebellenführer und befahl uns, am nächsten Morgen zur Militärausbildung zu erscheinen. Für uns war klar: Wir bleiben neutral, auch wenn das den Tod bedeutet. In dieser Nacht haben wir kaum geschlafen, nur gebetet. Wir standen früh auf, besprachen den Tagestext und warteten auf die Rebellen. Sie kamen nicht.
„Ihr lest den Tagestext? Dann seid ihr ja Zeugen Jehovas!“
Später kam ein anderer Anführer und besetzte mit 4 Männern mein Haus. Weil wir bleiben sollten, führten wir weiter unsere Zusammenkünfte zu Hause durch und besprachen den Tagestext. Einige der Soldaten sagten: „Ihr lest den Tagestext? Dann seid ihr ja Zeugen Jehovas!“ Sie interessierten sich nicht für die Bibel, respektierten uns aber.
Eines Tages kam ein Oberbefehlshaber, um die Soldaten zu inspizieren, die in meinem Haus einquartiert waren. Er salutierte Bruder Babawo und schüttelte ihm die Hand. Danach brüllte er die Soldaten an: „Dieser Mann hier ist unser Boss! Wenn ihm oder einem seiner Leute auch nur ein Haar gekrümmt wird, seid ihr dran. Verstanden?“ „Verstanden, Sir!“, gaben sie zurück. Der Oberbefehlshaber übergab uns dann einen Brief für die RUF. Darin hieß es, dass wir friedliche Bürger sind und man uns nichts zuleide tun darf.
Als einige Monate später Rebellengruppen anfingen, aufeinander loszugehen, flohen wir nach Liberia. Dort wurden wir wieder von Rebellen bedroht. „Wir sind Zeugen Jehovas“, sagten wir. „So? Was steht in Johannes 3:16?“, fragte einer. Als wir ihm den Text aufsagten, ließ er uns gehen.
Danach trafen wir auf einen anderen Rebellenführer, der Bruder Babawo und mir befahl mitzukommen. Wir dachten, unsere letzte Stunde hätte geschlagen. Dann eröffnete er uns, dass er vor dem Krieg die Bibel studiert hatte. Er gab uns Geld und erklärte sich bereit, unseren Brief einer nahe gelegenen Versammlung zu überbringen. Kurz darauf trafen 2 Brüder mit Hilfsgütern ein und brachten uns in Sicherheit.
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Der Wachtturm-MannJahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
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SIERRA LEONE UND GUINEA
Der Wachtturm-Mann
James Koroma
GEBURTSJAHR: 1966
TAUFE: 1990
KURZPORTRÄT: Diente im Bürgerkrieg als Kurier
1997 tobten in Freetown Kämpfe zwischen den Rebellen und den staatlichen Truppen. Damals mussten Briefe von Freetown ins provisorische Zweigbüro nach Conakry in Guinea gebracht werden. Dafür stellte ich mich zur Verfügung.
Am Busbahnhof bestieg ich mit einigen anderen Männern den Bus. In der Ferne waren Schüsse zu hören. Das machte uns richtig Angst. Beim Durchqueren der Stadt gerieten wir in einen heftigen Schusswechsel. Der Fahrer machte kehrt und nahm eine andere Route. Kurz darauf wurden wir von bewaffneten Rebellen angehalten und wir sollten alle aussteigen. Sie verhörten uns, dann ließen sie uns durch. Später hielten uns andere Rebellen an. Einer von uns kannte den Anführer und wir durften weiterfahren. Am Stadtrand trafen wir auf die dritte Rebellentruppe, die uns zwar verhörte, dann aber auch das Kommando zur Weiterfahrt gab. Auf dem Weg gen Norden kamen wir an vielen weiteren Straßensperren vorbei. Schließlich rollte unser schmutziges Gefährt früh am Abend in Conakry ein.
Bei meinen nächsten Trips hatte ich auch Literaturkartons, Büromaterial, Dokumente und Hilfsgüter im Gepäck. Meistens war ich mit dem Auto oder im Kleinbus unterwegs. Ging es mit der Literatur allerdings durch Regenwald und Flüsse, leisteten mir Träger und Kanus gute Dienste.
Als ich wieder mal nach Conakry unterwegs war, wurde mein Minibus an der Grenze von Rebellen angehalten. Mit einem misstrauischen Blick auf mein Gepäck fing einer an, Fragen zu stellen. In diesem Augenblick erkannte ich einen Ex-Schulkameraden unter den Rebellen. Die Soldaten nannten ihn „Brutalo“ und wirklich — keiner sah so furchterregend aus wie er. Ich sagte meinem Verhörer, ich wäre wegen „Brutalo“ hier. Als ich laut nach ihm rief, erkannte er mich sofort und rannte auf mich zu. Wir drückten uns und lachten. Doch plötzlich wurde er ernst.
„Gibts Probleme?“, fragte er.
„Ich will nur nach Guinea“, antwortete ich.
Sofort gab er den Befehl, uns weiterfahren zu lassen.
Wenn ich von da an über diese Grenze wollte, befahl „Brutalo“ seinen Leuten jedes Mal mich durchzulassen. Sie nahmen immer gern die Zeitschriften von mir. Es dauerte nicht lange und ich war bei ihnen der „Wachtturm-Mann“.
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Viel wertvoller als DiamantenJahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
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SIERRA LEONE UND GUINEA
Viel wertvoller als Diamanten
Tamba Josiah
GEBURTSJAHR: 1948
TAUFE: 1972
KURZPORTRÄT: Früher Diamantenschürfer, heute im Zweigkomitee
1970 arbeitete ich für eine britische Diamantenfirma in Tongo Fields, eine diamantenreiche Gegend nördlich von Kenema. Auch in meiner Freizeit schürfte ich nach Diamanten. Sobald ich welche fand, putzte ich mich heraus, verkaufte die Steine in Kenema und stürzte mich ins Vergnügen.
1972 fing ich ein Bibelstudium mit Zeugen Jehovas an. 5 Monate später war ich bereit für die Taufe. Ich hatte aber keine Urlaubstage mehr. Also bat ich einen Kollegen, meine Schicht zu übernehmen, damit ich mich auf dem Bezirkskongress taufen lassen konnte. Er war einverstanden, allerdings nur, wenn er dafür meinen Wochenlohn bekommen würde. Ich sagte sofort zu. Meine Taufe war mir wichtiger als Geld. Als ich vom Kongress zurückkam, wollte er das Geld nicht mehr, denn er meinte, Gott zu dienen wäre genau das Richtige. Nach 6 Monaten gab ich meinen gut bezahlten Job auf, um als Sonderpionier Schätze im Himmel zu sammeln (Mat. 6:19, 20).
In den nächsten 18 Jahren diente ich in den verschiedensten Teilen des Landes als Sonderpionier und Kreisaufseher, und ich heiratete Christiana. Meine treue Gefährtin schenkte mir unsere wunderbare Tochter Lynette.
Früher träumte ich von Diamanten. Ich fand aber etwas viel Wertvolleres: Schätze im Himmel
Während des Bürgerkriegs in Sierra Leone waren Christiana und ich Pioniere in Bo, einem anderen großen Diamantengebiet. Hier fanden wir viele „Diamanten“: durch und durch echte Christen. In nur 4 Jahren wuchs unsere Versammlung um mehr als 60 Prozent. Heute hat Bo 3 blühende Versammlungen.
2002 wurde ich ins sierra-leonische Zweigkomitee berufen. Meine Frau und ich wohnen ganz in der Nähe des Zweigbüros. Christiana ist Sonderpionier und ich pendle jeden Tag ins Bethel. Lynette arbeitet dort im Krio-Übersetzungsteam.
Früher träumte ich von buchstäblichen Diamanten. Ich fand aber etwas viel Wertvolleres: Schätze im Himmel. Außerdem durfte ich 18 Menschen — wahre Diamanten — zur Taufe führen. Jehova hat mich wirklich mit Segen überschüttet!
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Jehova sollte nie zu kurz kommenJahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
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SIERRA LEONE UND GUINEA
Jehova sollte nie zu kurz kommen
Philip Tengbeh
GEBURTSJAHR: 1966
TAUFE: 1997
KURZPORTRÄT: Als Flüchtling am Bau von 5 Königreichssälen beteiligt
ALS 1991 Rebellen unsere Stadt Koindu in Sierra Leone stürmten, rannten meine Frau Satta und ich um unser Leben. Die folgenden acht Jahre verbrachten wir in verschiedenen Flüchtlingslagern. Dort machte uns einiges zu schaffen: wenig Essen, Krankheiten und die Unmoral um uns herum.
In jedem Lager fragten wir nach, ob wir einen Königreichssaal bauen dürften. Manchmal bekamen wir ein Ja, manchmal ein Nein. Einen Ort, an dem wir uns treffen konnten, hatten wir jedoch immer — Jehova sollte nämlich nie zu kurz kommen. Schließlich bauten wir in den Lagern 4 Säle.
Bei Kriegsende konnten wir nicht nach Hause zurück. Von Koindu war nach den jahrelangen Kämpfen nichts mehr übriggeblieben. Wir wurden in ein anderes Lager in der Nähe von Bo geschickt. Dort bauten wir unseren fünften Königreichssaal, der vom Zweigbüro finanziert wurde.
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Verliebt in Sierra LeoneJahrbuch der Zeugen Jehovas 2014
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SIERRA LEONE UND GUINEA
Verliebt in Sierra Leone
Cindy McIntire
GEBURTSJAHR: 1960
TAUFE: 1974
KURZPORTRÄT: Seit 1992 Missionarin: erst in Guinea und Senegal, jetzt in Sierra Leone
ZWEI Wochen genügten und ich war bis über beide Ohren in Sierra Leone verliebt. Ich staunte, mit welcher Grazie und Leichtigkeit die Menschen schwere Lasten auf dem Kopf trugen. Überall wimmelte es von Menschen. Kinder spielten und tanzten auf der Straße, klatschten und hopsten nach lebhaften Rhythmen. Alles war bunt, in Bewegung und voller Musik.
Doch was mir hier am besten gefällt, ist der Dienst. Es ist den Menschen eine Ehre, Fremde willkommen zu heißen. Sie haben Achtung vor der Bibel und hören gern zu. Sie bitten mich oft herein. Zum Abschied begleiten mich einige sogar noch ein ganzes Stück. Ihre liebenswürdige Art hilft mir über kleinere Unannehmlichkeiten hinweg, wie der Mangel an Wasser und Strom.
Weil ich ledig bin, werde ich manchmal gefragt, ob ich mich auch mal einsam fühle. Aber für Einsamkeit hatte ich bisher gar keine Zeit! Mein Leben ist reich — voller Inhalt.
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