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Das ehemalige JugoslawienJahrbuch der Zeugen Jehovas 2009
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Slowenien
Slowenien liegt im Nordwesten des ehemaligen Jugoslawien. Nachdem es 1991 die Unabhängigkeit erlangt hatte, ging es mit der Wirtschaft stetig bergauf. Seit 2004 ist Slowenien Mitglied der EU. Das Land ist zwar relativ klein, aber reich an landschaftlichen Kontrasten. Da gibt es Hochgebirge, Bergseen, dichte Wälder, riesige Tropfsteinhöhlen und die reizvolle Slowenische Riviera. Wandert man von den Alpen zur Adriaküste hinunter, wechselt man innerhalb einer guten Stunde von eisiger Bergluft zu einem milden mediterranen Klima mit den typischen Olivenhainen und Weinbergen. Kulturgeschichtliche Sehenswürdigkeiten, Naturparks und historische Städte laden zu Erkundungstouren ein. Aber auch über Jehovas Zeugen in Slowenien gibt es einiges zu erfahren.
KÖNIGREICHSSÄLE UND PIONIERE
Maribor ist uns vielleicht noch als die Stadt in Erinnerung, in der die „Bibelfriseure“ ihren neuen Glauben publik machten. Es formierte sich eine kleine Gruppe, die sich in einem Restaurant traf. Diese Gaststätte erhielt später den bezeichnenden Namen „Novi Svet“ (Neue Welt). Heute sind die slowenischen Brüder und Schwestern Jehova dankbar, dass sie sich in schönen Königreichssälen versammeln können. Die relativ stabile politische Lage in den 1990er-Jahren und die wachsende Verkündigerzahl führte dazu, dass ein regionales Baukomitee gegründet wurde. Durch den Einsatz von über 100 Helfern und mit finanzieller Unterstützung aus dem Ausland konnten seit 1995 immerhin 14 Königreichssäle renoviert oder gebaut werden.
Nicht nur die Zahl der Verkündiger stieg, sondern auch die der Pioniere — von 10 im Jahr 1990 auf 107 im Jahr 2000. Zu ihnen gehörte Anica Kristan, die sich früher politisch stark engagiert hatte.
Brüder und Schwestern aus dem Ausland haben die Verkündigung der guten Botschaft enorm vorangetrieben. Die ersten Missionare, Franco und Debbie Dagostini, trafen 1992 ein. Als sie nach Afrika versetzt wurden, kamen die österreichischen Missionare Daniel und Karin Friedl ins Land. Danach sind noch Geoffrey und Tonia Powell sowie Jochen und Michaela Fischer dazugestoßen. Diese Gileadmissionare und die Sonderpioniere aus Italien, Österreich und Polen haben eine tiefe Liebe zu Jehova und den brennenden Wunsch, anderen zu helfen.
KRANKENHAUS-VERBINDUNGSKOMITEES
1994 wurde im Bethel der Krankenhausinformationsdienst eingerichtet und zwei Krankenhaus-Verbindungskomitees (KVKs) wurden gegründet. Man kam mit dem Gesundheitsminister zusammen, der daraufhin alle Klinikdirektoren Sloweniens zu einem Treffen einlud. Dort konnten die Brüder erklären, wie ein KVK arbeitet und warum Jehovas Zeugen Bluttransfusionen ablehnen. Nach diesem Treffen waren die Ärzte eher bereit, unseren Standpunkt zu respektieren, und in Fachzeitschriften erschienen Artikel über Behandlungen ohne Bluttransfusion.
1995 wurde in Slowenien die erste Operation am offenen Herzen ohne Bluttransfusion durchgeführt. Die Medien berichteten über diesen erfolgreichen Eingriff und der Chirurg schrieb zusammen mit dem Anästhesisten einen Fachartikel darüber. Seitdem gibt es immer mehr kooperative Ärzte.
VOM KLEINEN BÜRO ZUM GROSSEN BETHEL
Nach den politischen Veränderungen im Jahr 1991 entschied die leitende Körperschaft, in Slowenien ein Büro zu eröffnen, damit die Predigttätigkeit besser koordiniert werden konnte. Man kaufte im Zentrum der Hauptstadt Ljubljana ein eingeschossiges Gebäude und renovierte es. Am 1. Juli 1993 konnte die Bethelfamilie einziehen. Die Zahl der Bethelmitarbeiter stieg innerhalb von zehn Jahren von 10 auf 35. Deshalb mietete man in der Nähe ein Haus, in dem die Küche, der Speisesaal und die Wäscherei untergebracht wurden. Gleichzeitig zogen mehrere Bethelmitarbeiter in nahe gelegene Wohnungen um, damit man mehr Bürofläche hatte. 1997 wurde aus diesem Bethel ein Zweigbüro.
Als die leitende Körperschaft den Bau eines neuen Bethels genehmigte, suchte man ein geeignetes Grundstück. Die Brüder sahen sich 40 Bauplätze an und entschieden sich dann für ein Grundstück bei Kamnik, das 20 Kilometer von der Hauptstadt entfernt am Fuß der Alpen liegt. Man stellte den Bauantrag, bekam die Genehmigung, schloss einen Vertrag mit einer Baufirma und lud internationale Baufachleute ein. Es konnte losgehen — so schien es jedenfalls.
Nachdem die Öffentlichkeit von dem Projekt erfahren hatte, regte sich in der Nachbarschaft Widerstand. An dem Tag, als die Bauarbeiten anfangen sollten, versperrten Demonstranten die Zufahrt zur Baustelle. Außerdem hängten sie überall Transparente auf. Sechs Tage später, um die Mittagszeit, kamen städtische Arbeiter in Begleitung von 30 Polizisten, um die Barrikaden zu entfernen. Die Polizisten wurden von den Demonstranten wüst beschimpft. Inzwischen war der Baubeginn aber verschoben worden, sodass zu dem Zeitpunkt weder die Brüder noch die Baufirma vor Ort waren. Durch die Verzögerung beruhigte sich die Lage und man bemühte sich um eine friedliche Lösung.
Insgesamt drei Mal wurde der Bauzaun von Demonstranten abgerissen. Doch nach einem Monat konnte man endlich mit Bauen anfangen und von da an verlief alles ziemlich ruhig. Die Angriffe auf Jehovas Zeugen hatten einen positiven Nebeneffekt, weil ein Medienereignis daraus wurde. Es gab über 150 Fernseh-, Rundfunk- und Zeitungsberichte zu dem Projekt. Nach ungefähr elf Monaten war der Bau fertig, und im August 2005 konnte die Bethelfamilie einziehen.
Seither lebt man in bestem Einvernehmen miteinander. Viele Nachbarn haben das Bethel besichtigt. Ein ehemaliger Gegner interessierte sich sehr für das Projekt. Er erkundigte sich, wer wir sind und was wir da drinnen machen. Bei einer Besichtigung war er von der Freundlichkeit der Mitarbeiter und der Sauberkeit des Gebäudes tief beeindruckt. Er sagte zu den Brüdern: „Die Nachbarn fragen mich andauernd, ob ich jetzt auf eurer Seite bin. Ich sage dann immer, dass ich so, wie ich früher gegen euch war, jetzt für euch bin, weil ihr einfach nette Menschen seid.“
Am 12. August 2006 herrschte große Freude, als Theodore Jaracz von der leitenden Körperschaft die Ansprache zur Bestimmungsübergabe hielt. Es waren 144 Brüder und Schwestern aus 20 Ländern mit dabei. Außerdem sprach er bei einer besonderen Zusammenkunft in Ljubljana zu 3 097 Zuhörern aus Slowenien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina.
ES GEHT WEITER VORAN!
Jehovas Zeugen in Slowenien vertrauen voll und ganz darauf, dass ihr Vater im Himmel ihnen auch künftig beistehen und sie segnen wird. Als sie 2004 auf dem Bezirkskongress die Neue-Welt-Übersetzung der Christlichen Griechischen Schriften in Slowenisch erhielten, waren sie überglücklich. Durch ihr gut ausgestattetes neues Bethel und die vielen fleißigen Pioniere können sie den Auftrag, zu predigen und Jünger zu machen, noch besser ausführen (Mat. 28:19, 20).
Slowenien ist zwar ein katholisches Land, doch unter der kommunistischen Herrschaft sind etliche zu Atheisten geworden. Bei vielen dreht sich alles nur um den täglichen Überlebenskampf oder um das Geld. Für andere ist Sport und Freizeit das Wichtigste im Leben. Die Brüder treffen aber immer wieder auf Menschen, die gern erfahren möchten, was die Bibel über die Zukunft sagt.
Es geht weiter voran! Im August 2008 wurde eine Höchstzahl von 1 935 Verkündigern erreicht. Ein Viertel von ihnen stand in irgendeiner Art des Pionierdienstes. Außer in Slowenisch wird auch in Albanisch, Chinesisch, Englisch, Kroatisch, Serbisch und in der Slowenischen Gebärdensprache gepredigt. Aus den zwei Friseuren, die das Verkündigen der guten Botschaft in Slowenien in Gang gebracht haben, ist eine riesige multikulturelle Gruppe von Verkündigern geworden. Sie setzen alles daran, Menschen zu dem wahren Gott, Jehova, hinzuführen (Mat. 10:11).
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Das ehemalige JugoslawienJahrbuch der Zeugen Jehovas 2009
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[Kasten/Bild auf Seite 249, 250]
Jehova muss ihnen die Augen verschlossen haben
JANEZ NOVAK
GEBURTSJAHR: 1964
TAUFE: 1983
KURZPORTRÄT: Er brachte wegen seines Glaubens drei Jahre im Gefängnis zu. Heute gehört er zum slowenischen Zweigkomitee.
IM Dezember 1984 wurde ich wiederholt einberufen. Schließlich steckte man mir den Einberufungsbescheid an die Tür und drohte mir, mich von der Militärpolizei abholen zu lassen. Da beschloss ich, mich in der Kaserne zu melden, um meinen Standpunkt zu erklären. Das nützte allerdings nichts. Man wollte mit allen Mitteln einen Soldaten aus mir machen. Ich wurde kahl rasiert. Man nahm mir die Zivilkleidung weg und hielt mir eine Uniform hin. Als ich mich weigerte, sie zu nehmen, zog man sie mir mit Gewalt an. Dann bekam ich einen Stift in die Hand gedrückt und sollte unterschreiben, Soldat zu werden. Ich lehnte ab.
Ich weigerte mich auch, morgens an den Übungen und am Fahnengruß teilzunehmen. Als mich vier Soldaten auf den Kasernenhof führten und mir befahlen mitzumachen, hob ich nicht einmal die Hände. Daraufhin zerrten sie an meinen Armen, bis ihnen klar wurde, wie lächerlich das eigentlich war. Dann richteten sie ein Gewehr auf mich und drohten mir, mich zu erschießen. Manchmal versuchten sie auch, mich mit Kaffee und Kuchen zu bestechen.
Meine Entschlossenheit trieb manchen Tränen der Verzweiflung in die Augen. Andere wurden wütend, als ich mich weigerte, auf ein Bild von General Tito zu spucken, das sie mir vors Gesicht hielten. Ein paar Tage später sollte ich eine Waffe tragen, was ich ebenfalls ablehnte. Das galt als Gehorsamsverweigerung und ich wurde für einen Monat in der Kaserne unter Arrest gestellt. Danach wartete ich einige Wochen lang in einer Gefängniszelle in Zagreb auf die Urteilsverkündung. In der Zelle brannte die ganze Nacht eine rote Lampe. Nur wenn der Verantwortliche bei guter Laune war, durfte ich zur Toilette gehen.
Ich wurde zu drei Jahren Haft auf der Adriainsel Goli verurteilt. Dorthin kamen nur Schwerverbrecher. Man lieferte mich mit Ketten an den Händen ein, weil ich mich geweigert hatte zu kämpfen. Das Gefängnis war für die Brutalität seiner Häftlinge bekannt. Ich traf dort vier Glaubensbrüder, die ebenfalls wegen ihrer neutralen Haltung in Haft saßen.
Wir durften keine Bibel und auch sonst nichts zu lesen mitbringen. Eine Bibel war jedoch vorhanden. Meine Familie schickte mir in einem Karton mit doppeltem Boden den Wachtturm. Die Wachen haben unsere Literatur nie entdeckt und auch nicht gemerkt, dass wir Zusammenkünfte abhielten. Wenn sie hereinkamen, lag manchmal direkt vor ihrer Nase etwas zu lesen. Doch Jehova muss ihnen die Augen verschlossen haben.
Ein Jahr später wurde ich nach Slowenien verlegt, um meine Haftstrafe dort zu Ende abzusitzen. Noch im Gefängnis heiratete ich. Nach meiner Entlassung fingen Rahela und ich gleich mit dem Pionierdienst an. Seit 1993 sind wir im slowenischen Bethel.
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