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RusslandJahrbuch der Zeugen Jehovas 2008
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UNTERHALTUNG MIT DEM GENERALSTAATSANWALT
Ende 1961 kam der Generalstaatsanwalt der Russischen SFSR ins Lager nach Mordowien zur Inspektion. Dabei ging er auch in die Baracke der Zeugen. Er gestattete ihnen, Fragen zu stellen. Viktor Gutschmidt erzählte: „Ich fragte ihn: ‚Denken Sie, dass die Religion der Zeugen Jehovas volksfeindlich ist?‘
‚Nein, das denke ich nicht‘, antwortete er. Im Lauf der Unterhaltung rutschte ihm jedoch heraus, dass allein der Oblast Irkutsk 1959 für die Überwachung der Zeugen 5 Millionen Rubel bewilligt worden waren.
Damit gab er zu verstehen, dass die Behörden genau wussten, wer wir waren, schließlich hatte der Staat 5 Millionen Rubel investiert, um die Zeugen auszukundschaften. Das war eine enorme Summe. Damals bekam man für 5 000 Rubel ein nettes Auto oder ein komfortables Haus. In Moskau wusste man ohne Frage, dass Jehovas Zeugen nicht gefährlich waren.
Der Generalstaatsanwalt meinte dann: ‚Wenn wir dem sowjetischen Volk freie Hand ließen, würden sie euch samt und sonders eliminieren.‘ Damit wollte er sagen, dass das sowjetische Volk uns sehr negativ gegenüberstand. Was wiederum zeigte, dass die atheistische Ideologie und Propaganda bei Millionen Menschen gefruchtet hatte.
Wir sagten: ‚Warten wir doch erst einmal ab, was die Zukunft bringt. Eines Tages werden die Zeugen von Moskau bis Wladiwostok Kongresse abhalten.‘
Worauf er meinte: ‚Vielleicht habt ihr ja irgendwann eine halbe Million auf eurer Seite — aber alle anderen bleiben auf unserer Seite.‘
Mit diesem Schlusswort endete unsere Unterhaltung mit dem Generalstaatsanwalt. Er lag gar nicht einmal so falsch. Heute besuchen über 700 000 Personen in allen Territorien der ehemaligen Sowjetunion die Zusammenkünfte der Zeugen Jehovas. Dort hören sie keine Propaganda, sondern die reine Wahrheit der Bibel.“
„EIN KURORT FÜR DIE ZEUGEN“
Viktor erzählte weiter: „Der Lagerkommandant zeigte dem Generalstaatsanwalt die Blumenbeete und Bäume, die die Zeugen gepflanzt hatten — und auch die Pakete, die sie erhalten hatten und in der Baracke aufbewahrten. Er sagte ihm, dass davon nie etwas gestohlen wurde. Der Mann schaute sich alles mit unverhohlenem Erstaunen an. Später erfuhren wir allerdings, dass er die Lagerleitung angewiesen hatte, die Blumenbeete zu vernichten und die Bäume umzuhauen. ‚Das ist kein Arbeitslager mehr, sondern ein Kurort für die Zeugen‘, hatte er zum Lagerkommandanten gesagt. Er verbot außerdem den Empfang von Paketen und ließ den kleinen Laden schließen, in dem sich die Zeugen Lebensmittel dazukaufen konnten.
Zur Freude der Brüder befolgte der Kommandant aber nicht alle Anweisungen. Die Schwestern durften weiter Blumen pflanzen. Im Herbst banden sie dann immer Blumensträuße für die Lagerangestellten und deren Kinder. Es war zu schön, wenn die Eltern ihren Kindern am Torhaus den Blumenstrauß übergaben und diese dann mit glücklichen Gesichtern zur Schule rannten. Sie mochten die Zeugen.
1964 ließ uns ein Wachmann, dessen Bruder beim KGB arbeitete, wissen, dass die Regierung eine groß angelegte Kampagne gegen uns plante. Doch im Herbst jenes Jahres wurde Nikita Chruschtschow urplötzlich als Regierungschef abgesetzt, und die Verfolgung ebbte ab.“
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RusslandJahrbuch der Zeugen Jehovas 2008
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So erzählte Viktor Gutschmidt: „Wir hatten eine volle Arbeitswoche hinter uns und saßen gerade etwas im Garten, als einige teure elektrische Geräte angeliefert wurden. Der Fahrer war kein Bruder, stammte aber aus unserem Lager. Mit ihm kam ein Einkäufer aus einem anderen Lager. Das Magazin war geschlossen und der zuständige Verwalter im Urlaub, also wurden wir gebeten, die Lieferung zu bestätigen und die Ware abzuladen.
Wir deponierten sie neben dem Magazin, nahe der Baracke der Brüder. Der Einkäufer hatte große Bedenken, die Ware ohne Empfangsbestätigung vom Magazinverwalter dazulassen. Doch der Fahrer redete ihm gut zu: ‚Keine Sorge, hier kommt nichts weg. Du bist hier in einer anderen Welt. Vergiss die Welt da draußen! Hier kannst du sogar deine Uhr liegen lassen, du würdest sie morgen an derselben Stelle wiederfinden.‘ Der Einkäufer wollte die Ware trotzdem keinesfalls ohne Unterschrift zurücklassen, denn sie war immerhin eine halbe Million Rubel wert.
Kurz danach verlangten ein paar Leute von der Lagerverwaltung, dass der Lkw das Lager verließ. Einer von ihnen sagte dem Einkäufer, er solle die Rechnung dalassen und sie am nächsten Tag wieder abholen. Er tat es widerstrebend. Am nächsten Morgen wollte er ins Lager hinein, um sich die Unterschrift zu holen, doch schon am Eingang händigte ihm der Wärter die unterschriebene Rechnung aus.
Später erzählte uns der Wärter, der Mann habe eine halbe Stunde fassungslos dagestanden und immer wieder aufs Tor und auf seine Papiere geschaut, sich zum Gehen gewandt, wieder zurück aufs Tor gestarrt und so weiter. So etwas war ihm wahrscheinlich in seinem ganzen Leben noch nicht passiert. Die wertvolle Ware war tatsächlich vollständig abgeliefert und ihr Empfang bestätigt worden — und zwar absolut ehrlich und ganz ohne sein Dazutun. Aber das Sensationellste daran war, dass sich das alles in einem Lager mit Sonderregime abgespielt hatte, wo sogenannte gemeingefährliche Verbrecher ihre Strafe abbüßten. Ganz gleich also, was für Propaganda gegen die Zeugen gemacht wurde, in solchen und ähnlichen Momenten war für alle klar ersichtlich, was für Menschen Jehovas Zeugen wirklich sind.“
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