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RusslandJahrbuch der Zeugen Jehovas 2008
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„DEIN JEHOVA WIRD DICH HIER NICHT RAUSHOLEN“
Pjotr Kriwokulskij erzählte über den Sommer 1945: „Die Brüder kamen nach ihrer Verhandlung in verschiedene Lager. In meinem Lager waren viele an der Wahrheit interessiert. Einer von ihnen, ein Geistlicher, erfasste die Wahrheit schnell und stellte sich auf Jehovas Seite.
Das Lagerleben selbst war allerdings sehr hart. Einmal wurde ich in eine winzige Zelle gesteckt, in der man kaum stehen konnte. Man nannte sie das Wanzenhaus, weil es da von Bettwanzen nur so wimmelte. Es waren so viele, dass sie einem wahrscheinlich das ganze Blut aus den Adern hätten saugen können. Vor der Zelle stand der Aufseher und meinte zu mir: ‚Dein Jehova wird dich hier nicht rausholen.‘ Meine Tagesration bestand aus 300 Gramm Brot und einem Becher Wasser. In die Zelle kam keinerlei Luft. Nur in der kleinen Tür war ein winziger Riss. Ich lehnte mich dagegen und sog begierig die Luft ein. Gleichzeitig spürte ich, wie mich die Bettwanzen aussaugten. In den 10 Tagen im Wanzenhaus habe ich Jehova immer wieder gebeten, mir die Kraft zum Durchhalten zu geben (Jer. 15:15). Schließlich öffnete sich die Zellentür wieder und in dem Moment wurde ich ohnmächtig. Als ich wieder zu mir kam, war ich in einer anderen Zelle.
Danach wurde ich vom Lagergericht ‚wegen antisowjetischer Agitation und Propaganda‘ zu 10 Jahren Straflager mit strengem Regime verurteilt. Dort durfte man keine Briefe erhalten oder versenden. In dem Lager saßen meist Schwerverbrecher ein wie Mörder. Man sagte mir, wenn ich meinem Glauben nicht abschwörte, würde man diese Leute auf mich hetzen. Ich wog gerade noch 36 Kilo und konnte mich nur mit Mühe auf den Beinen halten. Doch sogar hier fand ich aufrichtige Menschen, deren Herz für die Wahrheit schlug.
Einmal legte ich mich ins Gebüsch, um zu beten, da kam ein älterer Mann zu mir und fragte: ‚Was hast du denn angestellt, dass du in dieser Hölle gelandet bist?‘ Als ich ihm sagte, ich sei ein Zeuge Jehovas, setzte er sich zu mir und drückte und küsste mich. Dann sagte er: ‚Mein Junge, wie lange möchte ich schon die Bibel kennenlernen! Würdest du mir dabei helfen?‘ Ich war außer mir vor Freude. Ich hatte einige zerfledderte Seiten aus den Evangelien in meine zerlumpte Kleidung eingenäht und holte sie sofort heraus. Ihm kamen die Tränen. Wir unterhielten uns an jenem Abend sehr lange. Er erzählte mir, dass er in der Lagerkantine arbeite und mich mit Essen versorgen würde. Wir wurden gute Freunde. Er kam zum Glauben und ich wieder zu Kräften. Für mich war es keine Frage, dass Jehova dafür gesorgt hatte. Er kam nach einigen Monaten frei und ich wurde in ein anderes Lager in der Oblast Gorki überführt.
Dort waren die Lebensbedingungen erheblich besser. Am meisten hat mich aber gefreut, dass ich mit vier Insassen die Bibel studieren konnte. 1952 wurden wir allerdings erwischt. Ich wurde vernommen und dabei in eine hermetisch verschlossene Kiste gesteckt. Fing ich an, nach Luft zu japsen, ging die Kiste kurz auf, damit ich etwas Luft bekam, dann klappte sie wieder zu. Ich sollte meinem Glauben abschwören. Wir wurden alle verurteilt. Als das Urteil verlesen wurde, geriet keiner von den vieren in Panik. Ich war darüber sehr froh! Alle vier wurden zu 25 Jahren Lagerhaft verurteilt. Ich bekam eine noch härtere Strafe, die dann aber in 25 weitere Jahre Speziallager und 10 Jahre Verbannung umgewandelt wurde. Anschließend gingen wir aus dem Raum und bedankten uns erst einmal gemeinsam bei Jehova für seinen Beistand. Die Wärter wunderten sich, worüber wir so glücklich waren. Wir wurden voneinander getrennt und in verschiedene Lager gebracht. Ich kam ins Spezlager in Workuta.“
DIE CHRISTLICHE NEUTRALITÄT RETTET LEBEN
Das Lagerleben war brutal. Viele Nichtzeugen begingen Selbstmord. Iwan Krylow erzählte: „Nach meiner Zeit im Lager mit Sonderregime besuchte ich unsere Brüder und Schwestern, die in verschiedenen Kohlenbergwerken arbeiten mussten. Sobald es einem von ihnen gelang, einige Zeitschriften abzuschreiben, gab er die Abschriften an die anderen weiter. Die Zeugen predigten in jedem Lager. Viele Menschen waren interessiert und einige ließen sich nach ihrer Freilassung in der Workuta taufen.
Unser Glaube an Jehova und sein Königreich ist immer wieder auf eine Bewährungsprobe gestellt worden. 1948 organisierten Häftlinge in einem Lager von Workuta einen Aufstand. Den größten Erfolg hätte die Revolte, so meinten sie, wenn sich alle Häftlinge in Gruppen zusammentun würden, beispielsweise nach Nationalität oder Religionszugehörigkeit. Wir waren damals zu fünfzehnt im Lager und erklärten den Aufständischen, dass Jehovas Zeugen Christen seien und wir sie deshalb nicht dabei unterstützen könnten. Die ersten Christen hätten sich auch nicht an Revolten gegen die Römer beteiligt. Für viele war das natürlich befremdend, aber wir ließen uns nicht beirren.“
Der Aufstand endete tragisch. Die Soldaten schlugen die Revolte nieder, trieben die Rebellen in eine Baracke, übergossen diese mit Benzin und steckten sie in Brand. Fast alle kamen um. Doch den Brüdern wurde kein Haar gekrümmt.
„Im selben Jahr traf ich im Dezember in einem anderen Lager 8 Brüder, die 25 Jahre Haft bekommen hatten“, berichtete Iwan weiter. „Der Winter war bitterkalt und die Arbeit im Bergbau sehr hart. Doch in ihren Augen las ich Vertrauen und große Zuversicht. Ihre positive Grundhaltung gab sogar den anderen Häftlingen Kraft.“
VERBANNUNG NACH SIBIRIEN
Trotz der unmenschlichen Unterdrückung seitens der Behörden predigten die Zeugen die gute Botschaft von Jehovas Königreich unverdrossen weiter — sehr zum Ärger der Moskauer Zentralregierung und vor allem des MGB (Ministerium für Staatssicherheit — später KGB). In einer Notiz des MGB an Stalin vom 19. Februar 1951 hieß es: „Zwecks Unterbindung einer weiteren antisowjetischen Tätigkeit des jehovistischen Untergrunds hält es das MGB der UdSSR ... für notwendig, namhaft gemachte Jehovisten samt ihren Familien ... in die Oblaste Irkutsk und Tomsk auszusiedeln.“ Das MGB kannte die Namen der Zeugen Jehovas und ließ sich von Stalin grünes Licht dafür geben, 8 576 Zeugen aus 6 Sowjetrepubliken nach Sibirien zu verbannen.
Magdalina Beloschizkaja erzählte aus der Zeit: „Am Sonntag, dem 8. April 1951, hämmerte es um 2 Uhr morgens an der Tür. Mama sprang aus dem Bett und lief hin. Vor uns stand ein Polizeibeamter. ‚Sie werden nach Sibirien verbannt, weil Sie an Gott glauben‘, tönte es aus seinem Mund. ‚Sie haben zwei Stunden zum Packen. Alles, was im Raum ist, dürfen Sie mitnehmen — nur kein Mehl, kein Getreide, keine Möbel, keine Nähmaschine, keine Holzgegenstände und auch nichts vom Hof. Kommen Sie mit Ihrem Bettzeug, Ihrer Kleidung und Ihrem Gepäck dann nach draußen.‘
Wir hatten in unseren Publikationen ja gelesen, dass es im Osten des Landes noch viel zu tun gab. Nun war uns klar, dass die Zeit dafür gekommen war.
Keiner von uns klagte oder weinte. Der Beamte sagte verwundert: ‚Sie haben ja nicht einmal die kleinste Träne vergossen!‘ Wir erklärten ihm, dass wir seit 1948 damit gerechnet hatten. Wir baten ihn um Erlaubnis, wenigstens ein lebendes Huhn mitzunehmen. Doch stattdessen nahmen die Beamten unser Kleinvieh an sich und teilten unsere Hühner vor unseren Augen untereinander auf. Einer nahm 5, einer 6, noch einer 3 oder 4, bis nur noch 2 übrig blieben, die auf Befehl des Beamten geschlachtet und uns mitgegeben wurden.
Unsere 8 Monate alte Tochter lag in einer Holzwiege, deshalb baten wir darum, die Wiege mitzunehmen. Doch er ließ sie zerlegen und gab uns nur den Teil mit, in dem das Baby lag.
Die Nachbarn bekamen mit, was passierte. Als wir losfuhren, warf uns einer einen Beutel mit geröstetem Brot auf den Karren. Aber der wachhabende Soldat sah es und warf ihn zurück. Wir waren zu sechst: Mama, meine beiden Brüder, mein Mann, unsere 8 Monate alte Tochter und ich. Hinter dem Dorf ging es in einem Auto weiter zum nächsten Verwaltungszentrum, wo unsere Papiere ausgefüllt wurden. Danach transportierte man uns auf einem Lastwagen zum Bahnhof.
Es war ein herrlich sonniger Tag. Der Bahnhof war voller Menschen — Exilierte und Zuschauer. Unser Lastwagen fuhr direkt zu einem Waggon, in dem sich bereits Brüder befanden. Schließlich war der Zug voll und alle wurden zur Kontrolle mit Familiennamen aufgerufen. In unserem Waggon waren 52 Personen. Die Leute, die uns verabschiedeten, weinten, einige sogar heftig. Dabei kannten wir viele von ihnen nicht einmal! Aber sie wussten, dass wir Zeugen Jehovas waren und nach Sibirien deportiert wurden. Die Dampflok ließ einen durchdringenden Pfiff ertönen. Wir fingen an, auf Ukrainisch zu singen: ‚Die Liebe Christi sei mit euch! Geben wir Jesus Christus den Ruhm, sehn wir uns wieder in seinem Königtum.‘ Die meisten von uns waren voller Zuversicht und Vertrauen, dass Jehova uns nicht im Stich lassen würde. Wir sangen mehrere Strophen. Es war so ergreifend, dass sogar einige Soldaten Tränen in den Augen hatten. Schließlich setzte sich der Zug in Bewegung.“
„MAN ERREICHTE GENAU DAS GEGENTEIL“
Dr. Gordijenko, Professor an der Herzen-Universität in Sankt Petersburg, beschrieb in seinem Buch das Resultat der Front gegen die Zeugen: „Man erreichte genau das Gegenteil von dem, was man erwartet hatte. Die Organisation der Zeugen Jehovas in der UdSSR sollte geschwächt werden, wurde aber in Wirklichkeit nur stärker. In den Umsiedlungsgebieten, wo ihre Religion bis dahin völlig unbekannt war, ‚infizierten‘ sie die Ortsansässigen mit ihrem Glauben und ihrer Gesinnungstreue.“
Viele Zeugen passten sich den neuen Umständen schnell an. Sie gründeten kleine Versammlungen und erstellten Predigtdienstgebiete. Nikolaj Kalibaba schilderte das so: „Eine Zeit lang gingen wir in Sibirien tatsächlich von Haus zu Haus, genauer gesagt übersprangen wir dabei immer zwei, drei Häuser. Doch das war riskant. Wie gingen wir vor? Nach dem ersten Kontakt ließen wir circa einen Monat verstreichen und fragten die Leute erst einmal, ob sie Hühner, Ziegen oder Kühe zu verkaufen hätten. Irgendwie kamen wir dann auf das Königreich zu sprechen. Der KGB bekam das nach einer Weile mit und warnte die Bevölkerung in einem Zeitungsartikel vor den Zeugen. Sie sagten, wir würden von Haus zu Haus gehen und nach Ziegen, Kühen und Hühnern fragen — dabei suchten wir ja eigentlich Schafe!“
Gawriil Liwyj erzählte: „Obwohl der KGB die Brüder genauestens beobachtete, versuchten sie, zu predigen. Das Problem war nur, dass die Leute postwendend die Polizei alarmierten, wenn sie das Thema Religion auch nur witterten. Aber wir ließen uns nicht beirren, auch wenn sich im Gebiet anfangs nicht viel tat. Doch nach einer Weile veränderte die Wahrheit das Leben mancher Menschen dort — zum Beispiel eines Russen, der ein starker Trinker war. Er richtete sein Leben nach biblischen Grundsätzen aus und wurde ein eifriger Zeuge. Einmal fragte ihn einer vom KGB, mit wem er sich da bloß ständig abgäbe, die Zeugen wären doch alles Ukrainer.
Der Bruder meinte nur: ‚Als ich noch getrunken habe und in der Gosse lag, hat kein Hahn nach mir gekräht. Jetzt, wo ich normal und ein guter Staatsbürger geworden bin, passt Ihnen das auf einmal nicht. Viele der Ukrainer werden Sibirien wieder verlassen, aber dank ihrer Hilfe werden etliche Sibirer hier so leben, wie Gott es wünscht.‘ “
Einige Jahre später schrieb ein Funktionär aus Irkutsk nach Moskau: „Mehrere hiesige Arbeiter haben sich dafür ausgesprochen, alle diese Leute [Zeugen Jehovas] hoch in den Norden zu schicken, wo sie isoliert sind und umerzogen werden können.“ Doch weder in Sibirien noch in Moskau wusste man, was zu tun war, um Jehovas Zeugen mundtot zu machen.
„WIR HÄTTEN EUCH ALLE ERSCHOSSEN“
Anfang 1957 setzte eine neuerliche Verfolgungswelle gegen Jehovas Zeugen ein — Brüder wurden beschattet, Wohnungen durchsucht. Viktor Gutschmidt erzählte später: „Als ich eines Tages aus dem Dienst heimkam, hatte der KGB auf der Suche nach Literatur die ganze Wohnung auf den Kopf gestellt. Ich wurde verhaftet und zwei Monate lang verhört. Unsere kleine Tochter Julia war damals 11 Monate alt, unsere große 2 Jahre.
Bei dem Verhör fragte mich der Ermittlungsbeamte: ‚Bist du nicht Deutscher?‘ ‚Deutsch‘ war damals für viele gleichbedeutend mit Faschist und Deutsche wurden gehasst.
Ich gab ihm zur Antwort: ‚Ich bin kein nationalistischer Mensch, aber wenn Sie die Deutschen in den KZs des NS-Regimes meinen, die früher Bibelforscher genannt wurden und heute Zeugen Jehovas heißen — auf die bin ich stolz! Ich bin stolz darauf, dass kein Einziger von ihnen je ein Maschinengewehr oder eine Kanone abgefeuert hat. Auf diese Deutschen bin ich stolz!‘
Der Beamte schwieg, also redete ich weiter: ‚Ich bin mir sicher, dass sich kein einziger Zeuge Jehovas an all den Aufständen und Revolten beteiligt hat. Selbst unter Verbot halten Jehovas Zeugen unbeirrt an ihrer Gottesanbetung fest. Dabei erkennen sie die rechtmäßigen Obrigkeiten an und ordnen sich ihnen unter, solange deren Gesetze nicht mit den übergeordneten Gesetzen des Schöpfers kollidieren.‘
Jetzt fiel er mir ins Wort: ‚Keine Gruppe haben wir derart unter die Lupe genommen wie euch Zeugen. Wenn wir auch nur das Geringste gegen euch gefunden hätten und wenn ihr nur einen einzigen Tropfen Blut vergossen hättet — wir hätten euch alle erschossen.‘
Da dachte ich bei mir: Wir in der Sowjetunion verdanken unser Leben dem beispielhaften Mut unserer Brüder in aller Welt, Jehova zu dienen. Vielleicht würde ja auch unser Dienst für Gott hier etwas Gutes für unsere Brüder woanders bewirken. Dieser Gedanke gab mir zusätzliche Kraft, an Jehova festzuhalten.“
ZEUGEN IN ÜBER 50 LAGERN
Die neutrale Haltung und der Predigteifer der Zeugen Jehovas waren der Sowjetregierung nach wie vor ein Dorn im Auge (Mar. 13:10; Joh. 17:16). Viele unserer Brüder wurden deshalb zu Unrecht mit hohen Freiheitsstrafen belegt.
Zwischen Juni 1956 und Februar 1957 verabschiedeten daher 462 936 Anwesende auf 199 Bezirkskongressen in aller Welt einhellig eine Petition, die dann in schriftlicher Form an den Ministerrat der Sowjetunion in Moskau ging und auszugsweise lautete: „In mehr als fünfzig Lagern [werden Zeugen Jehovas] zurückgehalten ..., und zwar vom europäischen Russland bis nach Sibirien und nordwärts bis zum Nördlichen Eismeer, ja sogar auf der arktischen Insel Nowaja Semlja ... In Amerika und anderen westlichen Ländern sind Jehovas Zeugen als ‚Kommunisten‘ bezeichnet worden und in den Ländern, die unter kommunistischer Herrschaft stehen, als ‚Imperialisten‘ ... Kommunistische Regierungen haben die Anklage gegen sie erhoben, sie seien ‚imperialistische Spione‘, haben sie vor Gericht gestellt und sie bis zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt. Und doch haben sie sich nie an irgendeiner umstürzlerischen Tätigkeit ... beteiligt.“ Leider hat die Petition jedoch nicht viel ausgerichtet.
Besonders schwierig war es für Familien mit Kindern. Das berichtete Wladimir Sosnin aus Moskau, der damals drei Söhne großzog: „Es bestand Schulpflicht, und der Druck auf die Kinder vonseiten der Lehrer und Mitschüler, den kommunistisch ausgerichteten Kinderorganisationen beizutreten, war groß. Wir wollten, dass unsere Kinder die nötige Schulausbildung bekamen, und unterstützten sie beim Lernen. Aber es war nicht einfach, in den Kindern die Liebe zu Jehova wachzuhalten. Die sowjetischen Schulen waren durchsetzt von der Idee, den Sozialismus und Kommunismus aufzubauen. Wir Eltern mussten ungemeine Geduld und Ausdauer aufbringen.“
ANGEBLICH DER TOCHTER DAS OHR ABGERISSEN
Semjon Kostyljew und seine Frau Darja hatten drei Kinder und lebten in Sibirien. Hier ihre Geschichte: „Jehovas Zeugen galten damals als fanatisch. 1961 war Alla, unsere mittlere Tochter, gerade in die Schule gekommen und beim Spielen aus Versehen von einem Kind am Ohr verletzt worden. Als die Lehrerin am nächsten Tag nachfragte, was passiert sei, sagte Alla aber nichts, weil sie niemanden verraten wollte. Die Lehrerin, wohl wissend, dass wir Zeugen Jehovas sind, dachte, wir hätten sie geschlagen, um ihr die biblischen Grundsätze einzubläuen. Die Schule schaltete die Staatsanwaltschaft ein. Sogar die Firma, wo ich arbeitete, wurde mit hineingezogen. Die Ermittlungen dauerten ungefähr ein Jahr, bis wir schließlich im Oktober 1962 eine Vorladung vom Gericht bekamen.
Vor dem Prozess hing am Kulturhaus zwei Wochen lang ein Spruchband: ‚Gefährliche jehovistische Sekte bald vor Gericht‘. Meiner Frau und mir machte man zum Vorwurf, dass wir die Kinder nach der Bibel erzogen. Außerdem bezichtigte man uns der Kindesmisshandlung. Angeblich sollten wir unsere Tochter zum Beten gezwungen und ihr mit einem scharfkantigen Kübel das Ohr abgerissen haben! Die einzige Zeugin wäre Alla gewesen, doch sie hatte man in ein Kinderheim in der Stadt Kirensk gesteckt, 700 Kilometer nördlich von Irkutsk, wo wir lebten!
Im Saal waren jede Menge Komsomolzen. Sowie sich das Gericht zur Beratung zurückzog, entstand ein Tumult. Die Leute schubsten und beschimpften uns. Jemand verlangte, dass wir auf der Stelle unsere ‚sowjetische‘ Kleidung auszogen. Alle schrien wie aus einem Mund, man sollte uns umbringen, und einer wollte gleich Ernst damit machen. Die Gemüter erhitzten sich immer mehr, und von den Richtern war nichts zu sehen! Die Beratung zog sich eine ganze Stunde hin. Als die Meute handgreiflich werden wollte, stellten sich eine Schwester und ihr Mann, der kein Zeuge Jehovas war, beschwörend dazwischen und versuchten ihnen zu erklären, dass wir unschuldig seien und sie uns doch bitte nichts antun sollten. Die beiden haben uns buchstäblich ihren Klauen entrissen.
Endlich tauchte ein Richter mit den Beisitzern des Volksgerichts auf und verkündete das Urteil: Entzug des elterlichen Sorgerechts. Ich wurde unter Arrest gestellt und kam für zwei Jahre in ein Besserungsarbeitslager. Unsere Große wurde ebenfalls in ein Kinderheim geschickt und man erzählte ihr, ihre Eltern seien Mitglieder einer gefährlichen Sekte und hätten einen schädlichen Einfluss auf sie.
Unser Sohn durfte bei Darja bleiben, weil er erst drei war. Zwei Jahre danach kam ich wieder heim. Nach wie vor konnten wir nur informell predigen.“
„WIR WAREN STOLZ AUF UNSERE KINDER“
„Mit 13 kam Alla aus dem Waisenhaus zu uns zurück“, erzählte Semjon weiter. „Unsere Freude war groß, als sie sich Jehova hingab und sich 1969 taufen ließ! Zur gleichen Zeit waren im Kulturhaus erneut Vorträge zum Thema Religion angesetzt. Wir beschlossen, uns anzuhören, was sie diesmal zu sagen hatten. Das Hauptthema waren wie immer Jehovas Zeugen. Einer der Agitatoren hielt einen Wachtturm hoch und meinte, dies sei eine gefährliche und schädliche Zeitschrift, die die staatliche Ordnung untergrabe. Die Mitglieder dieser Sekte würden beispielsweise ihre Kinder dazu zwingen, solcherlei Zeitschriften zu lesen und zu Gott zu beten. In einer Familie habe der Vater seiner kleinen Tochter sogar das Ohr abgerissen, weil sie die Zeitschrift nicht lesen wollte. Alla machte große Augen, saß sie doch mittendrin mit zwei völlig intakten Ohren. Sie blieb aber still, aus Angst, ihre Eltern noch einmal zu verlieren.
Unser Sohn Boris war gerade 13, als er sich taufen ließ. Einmal ging er mit Gleichaltrigen in den Straßendienst, was ja damals noch verboten war. Sie hatten keine Bibeln oder sonstigen Publikationen dabei. Plötzlich hielt ein Wagen neben ihnen und die Jungs wurden zur Miliz gebracht. Man verhörte sie, durchsuchte sie, fand aber nichts außer einige auf Papier gekritzelte Bibeltexte. Also ließ man sie laufen. Zu Hause erzählte Boris freudestrahlend, dass er und die anderen für den Namen Jehovas verfolgt worden waren. Wir waren stolz auf unsere Kinder, zumal Jehova ihnen in einer schwierigen Situation beigestanden hatte. Darja und ich wurden danach mehrmals zum KGB zitiert. Ein Beamter meinte: ‚Diese Kinder gehören in eine Kinderkolonie! Schade, dass sie noch keine 14 sind!‘ Wir erhielten wegen der Predigtaktion unseres Sohnes eine Geldstrafe.
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RusslandJahrbuch der Zeugen Jehovas 2008
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Mama war eifrig im Predigtdienst. Da fast alle Brüder Lagerhaft bekommen hatten, wurde sie sogar Gruppendiener. Ihr Eifer steckte auch mich an.
1950 wurde ich wegen „religiöser Umtriebe“ festgenommen und zu 10 Jahren Lagerhaft verurteilt. Ich kam zusammen mit vier anderen Schwestern nach Ussolje-Sibirskoje, einer Stadt in Sibirien, wo wir ab April 1951 im Eisenbahnbau arbeiteten. Wir schleppten zu zweit schwere Eisenbahnschwellen und verlegten eigenhändig 10 Meter lange metallene Schienengleise, die je 320 Kilogramm wogen. Es war Schwerstarbeit. Einmal schleppten wir uns völlig erschöpft von der Arbeit zurück ins Lager, da hielt neben uns ein Zug mit lauter Gefangenen an. Ein Mann lehnte sich heraus und rief: „Ist eine von euch vielleicht Zeugin Jehovas?“ Unsere Erschöpfung war wie weggeblasen. „Wir sind hier zu fünft“, riefen wir zurück. Die Gefangenen waren doch tatsächlich unsere lieben Brüder und Schwestern, die man aus der Ukraine nach Sibirien verbannt hatte! Der Zug machte eine Weile halt, und sie erzählten uns aufgeregt, was passiert war und wie man sie deportiert hatte. Die Kinder trugen uns Gedichte vor, die die Brüder selbst verfasst hatten. Sogar die Soldaten ließen uns erstaunlicherweise in Ruhe, so konnten wir etwas zusammen sein und uns gegenseitig Mut machen.
Später kamen wir in ein großes Lager bei Angarsk. Dort gab es 22 Schwestern. Sie hatten alles gut organisiert und sogar Gebiete für den Predigtdienst aufgeteilt. Das alles half uns, geistig zu überleben.
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