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Uns wurde eine Perle von hohem Wert anvertrautDer Wachtturm 1995 | 1. Juni
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Im zweiten Monat gab es vormittags keine Veränderung, aber nachmittags predigten wir von Haus zu Haus. Man stelle sich das vor: Mit unseren geringen Sprachkenntnissen — nur mit einer auswendig gelernten Einleitung, die auf einer Karte stand — gingen Rita und ich ganz allein von Haus zu Haus!
Ich erinnere mich, wie ich in Vallecas, einem Arbeiterviertel von Madrid, an einer Tür klopfte. Mit meiner Karte in der Hand (die mir helfen sollte, falls ich steckenbleiben würde) sagte ich auf spanisch: „Guten Tag. Wir verrichten ein christliches Werk. In der Bibel heißt es ... [Wir lasen einen Text.] Diese Broschüre möchten wir Ihnen gern zurücklassen.“ Die Dame schaute uns nur an und nahm die Broschüre entgegen. Beim Rückbesuch bat sie uns herein, und während wir redeten, schaute sie uns wieder nur an. Wir richteten ein Bibelstudium ein und studierten mit ihr, so gut wir konnten. Beim Studium hörte sie zu und schaute uns an. Nach einer gewissen Zeit gestand sie schließlich, daß sie nicht verstanden habe, was wir bei unserem ersten Besuch gesagt hatten. Nur das Wort Dios (Gott) hatte sie verstanden, und das hatte ihr genügt, um zu wissen, daß es sich um etwas Gutes handeln müsse. Sie nahm beständig an Erkenntnis zu und ließ sich schließlich als Zeugin Jehovas taufen.
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Uns wurde eine Perle von hohem Wert anvertrautDer Wachtturm 1995 | 1. Juni
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Wunderbare Erfahrungen in Madrid
Das Predigen von Haus zu Haus wurde mit großer Umsicht durchgeführt. Ein Vorteil dabei war das geschäftige Treiben in Madrid, denn dadurch waren wir sozusagen abgeschirmt und fielen nicht weiter auf. Wir bemühten uns, weder durch unsere Kleidung noch durch unser Verhalten als Ausländer Aufmerksamkeit zu erregen. Unsere Predigtmethode von Haus zu Haus sah so aus: Wir betraten ein Mehrfamilienhaus und klopften an einer Tür; nachdem wir mit dem Wohnungsinhaber gesprochen hatten, verließen wir nicht nur das Gebäude, sondern auch die Straße und das Gebiet. Man mußte stets damit rechnen, daß der Wohnungsinhaber die Polizei rufen würde, und daher war es nicht weise, sich länger in der Nachbarschaft aufzuhalten. Obwohl Paul und Evelyn Hundertmark nach dieser vorsichtigen Predigtmethode vorgingen, wurden sie verhaftet und 1960 des Landes verwiesen. Sie gingen in das Nachbarland Portugal und verbrachten dort einige Jahre, wobei sich Paul um die Arbeiten im Zweigbüro kümmerte, die im Untergrund getan werden mußten. Derzeit ist er Stadtaufseher von San Diego (Kalifornien).
Doch schon bald kam es zu einem Ausgleich, von dem wir profitierten. Nur wenige Monate später mußten sechs Missionare, die Portugal zugeteilt worden waren, das Land verlassen. Das führte zu einer positiven Entwicklung. Eric und Hazel Beveridge — mit denen wir zusammen die Gileadschule besucht hatten — mußten Portugal verlassen und durften in Spanien einreisen. So kam es, daß wir uns im Februar 1962 wieder zum Hotel Mercador begaben, diesmal, um Eric und Hazel willkommen zu heißen.
In dieser Anfangszeit in Madrid erlebten Rita und ich, wie heuchlerisch es in religiösen Kreisen zugehen kann. Wir führten ein Bibelstudium mit einem Ehepaar durch, Bernardo und Maria. Sie wohnten in einer armseligen Hütte, die Bernardo aus allen möglichen Baumaterialien, die er finden konnte, zusammengezimmert hatte. Wir studierten spätabends, und danach boten sie uns gewöhnlich Brot, Wein und etwas Käse an oder was sie gerade hatten. Ich stellte fest, daß der Käse amerikanischem Käse glich. Eines Abends nach dem Studium sahen wir die Dose, in der der Käse aufbewahrt wurde. Darauf stand in großer Schrift in englischer Sprache: „Vom amerikanischen Volk für das spanische Volk — unverkäuflich“. Wie kam diese bedürftige Familie zu dem Käse? Durch die katholische Kirche verteilte die Regierung den Käse an die arme Bevölkerung. Doch der Priester verkaufte ihn!
Produktiver Dienst bei Angehörigen des Militärs
Nicht lange danach ereignete sich etwas Erfreuliches, das sich nicht nur für uns, sondern auch für einige andere als segensreich erweisen sollte. Vom Zweigbüro erhielten wir die Mitteilung, daß wir einen jungen Mann namens Walter Kiedaisch besuchen sollten, der beim Stützpunkt der amerikanischen Luftwaffe in Torrejón, einige Kilometer außerhalb von Madrid, stationiert war. Wir besuchten ihn und seine Frau und begannen nicht nur mit den beiden, sondern auch mit einem zweiten Ehepaar, das bei der Luftwaffe arbeitete, die Bibel zu studieren.
Damals führte ich durchschnittlich fünf Bibelstudien mit Angehörigen der Luftwaffe durch — natürlich alle auf englisch. Sieben Personen aus diesen Studien ließen sich später taufen, und nachdem sie in die Staaten zurückgekehrt waren, wurden vier der Männer zu Ältesten ernannt.
Wegen des Verbots gab es damals nur wenige Möglichkeiten, Bücher, Zeitschriften und Bibeln ins Land zu bekommen. Doch einiges an Literatur gelangte durch Touristen und unsere amerikanischen Kuriere nach Spanien. Das Zweigbüro hatte mir die Verantwortung für ein geheimes Literaturdepot übertragen. Es befand sich in einem Lagerraum hinter einem Schreibwarengeschäft in Vallecas. Die Frau des Besitzers war eine Zeugin Jehovas. Der Besitzer war zwar kein Zeuge, doch er schätzte unser Werk und gestattete mir trotz des damit verbundenen großen Risikos für sich und sein Geschäft, in diesem hintersten Winkel die Literatur versandfertig zu machen, damit sie in verschiedene Städte des Landes geschickt werden konnte. Da dieser Raum, in dem allerlei Gerümpel sowie viele Kartons herumstanden, stets als ein Lagerraum erkennbar sein mußte, mußte ich einen Packtisch und Bücherregale bauen, die ich in Sekundenschnelle aufstellen und ebensoschnell wieder verschwinden lassen konnte. Am Abend wartete ich, bis niemand mehr im Geschäft war, und machte mich dann schnell mit den Paketen davon.
Es war wirklich ein Vorrecht, daran beteiligt zu sein, biblischen Lesestoff wie den Wachtturm und das Erwachet! sowie andere Literatur an die Versammlungen im ganzen Land zu schicken. Das waren aufregende Zeiten.
Rita hatte die Freude, mit 16 Personen die Bibel zu studieren; etwa die Hälfte von ihnen ließen sich später als Zeugen Jehovas taufen. Da war zum Beispiel Dolores, eine junge verheiratete Frau, die wegen einer Herzkrankheit die kalten Winter im Bett zubrachte. Im Frühling konnte sie aufstehen und sich etwas betätigen. Dolores hatte einen starken Glauben. Als daher die Zeit für den Bezirkskongreß in Toulouse (Frankreich) herankam, wollte sie unbedingt mitfahren. Der Arzt führte ihr vor Augen, wie unweise es in Anbetracht ihrer Herzbeschwerden sei mitzufahren. Nur in ihrem Hauskleid, mit Pantoffeln an den Füßen und natürlich ohne Gepäck ging sie mit zum Bahnhof, um sich von ihrem Mann, ihrer Mutter und von anderen zu verabschieden. Sie kämpfte mit den Tränen, und weil sie es nicht ertragen konnte, daß die anderen ohne sie wegfahren wollten, bestieg sie kurz entschlossen den Zug und fuhr mit nach Frankreich. Rita hatte keine Ahnung, was vorgefallen war. Wie überrascht war sie daher, als sie die strahlende Dolores auf dem Kongreß entdeckte!
Ein außergewöhnliches Bibelstudium
Der Bericht über unsere Zeit in Madrid wäre unvollständig, würden wir Don Benigno Franco, el profesor, unerwähnt lassen. Ein einheimischer Zeuge nahm mich mit zu einem älteren Herrn, der mit seiner Frau in einem ziemlich verfallenen Mehrfamilienhaus wohnte. Ich begann ein Bibelstudium mit ihm. Nachdem wir etwa eineinhalb Jahre studiert hatten, bat er darum, als ein Zeuge Jehovas getauft zu werden.
Dieser ältere Herr, Don Benigno Franco, war der Cousin von Francisco Franco, dem damaligen Diktator von Spanien. Don Benigno war offenbar immer ein freiheitsliebender Mensch gewesen. Während des spanischen Bürgerkrieges sympathisierte er mit der Republik und war gegen seinen Cousin, den General, der den Krieg schließlich gewann und eine katholische Diktatur einführte. 1939 wurde Don Benigno das Recht zu arbeiten aberkannt, und er erhielt nur das Nötigste für den Lebensunterhalt. So wurde also der Cousin des Generalissimus Francisco Franco, Caudillo von Spanien, ein Zeuge Jehovas.
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