Die katholische Wallfahrt — Stützt sie sich auf Tatsachen oder auf Mythen?
Von unserem Korrespondenten in Spanien
JEDEN Sommer sind in Europa Massen von Pilgern unterwegs. Mit Bussen, Autos und Flugzeugen schwärmen sie auf der Suche nach Sonne und Meer in Richtung Süden. Ihr bevorzugtes Mekka? Die Strände Spaniens. Doch die meisten Sonnenhungrigen wissen nicht, daß eine Anzahl der Touristen dieselbe Strecke zurücklegen wie ihre katholischen Vorfahren vor Jahrhunderten.
Natürlich waren die mittelalterlichen Pilger ein anderer Menschenschlag. Ihr Ziel war ein Heiligengrab, nicht die südliche Sonne; und als Lohn erhofften sie sich göttliche Gnade, nicht Sonnenbräune. Zu Tausenden zogen Bauern, Fürsten, Soldaten und Schurken rund 1 000 Kilometer durch den Norden Spaniens auf dem Weg nach Santiago de Compostela, einer kleinen verregneten Stadt am fernen Nordwestende der Iberischen Halbinsel.
Was betrachteten diese Leute als so verehrungswürdig, daß sie sich Hunderte von Kilometern über schneebedeckte Berge und durch ausgedörrte Ebenen schleppten und dabei Straßenräubern, Krankheiten, dem Hunger und dem Tod trotzten? Es war das vermeintliche Grab von Santiago — d. h. von „Sankt“ Jakobus —, dem Schutz„heiligen“ Spaniens. Seine „heiligen Gebeine“ übten auf die Gläubigen aus dem ganzen mittelalterlichen Europa eine außergewöhnliche Anziehungskraft aus. Heute steht über dem Grab eine Kathedrale. Wie nahmen die Wallfahrten dorthin ihren Anfang?
Eine Stadt, erbaut aufgrund einer Erscheinung
Es fing mit einer dieser übernatürlichen Erscheinungen an, wie sie in der spanischen Geschichte oft auftauchen. Eines Abends im Jahr 813 u. Z. sah der Einsiedler Pelagius eine Himmelserscheinung. Pflichtgetreu rief er den Bischof herbei, und es wurde ein Marmorgrab entdeckt. Die darin liegenden Gebeine stammten angeblich von niemand anders als von dem Apostel Jakobus und von zweien seiner Jünger. Alfons der Keusche, der König von Asturien, besuchte die Stätte, erklärte die sterblichen Überreste für echt und rief Jakobus zum „Schutzpatron Spaniens“ aus.
Der Schutz„heilige“ des Landes war geboren. Der Zeitpunkt dieser Entdeckung kam für die von Muslimen umgebenen „christlichen“ Enklaven in Nordspanien gelegen. Die Reliquie war genau das, was sie als Ausgleich für den in Córdoba (Südspanien) aufbewahrten „Arm des Propheten Muḥammad“ brauchten, der die Mauren unbesiegbar machen sollte. Der „heilige“ Jakobus wurde bald zum Bannerträger, um den man Leute scharen konnte zum Kampf gegen die Mauren, die den Großteil der Halbinsel besetzten.
Im 11. Jahrhundert wurde über dem Grab eine Kathedrale errichtet, und an der Stelle, wo Pelagius die Sternenerscheinung hatte, entstand die Stadt Santiago de Compostela (wörtlich: „Sankt Jakobus vom Sternenfeld“). Innerhalb kurzer Zeit wurde Santiago nach Jerusalem und Rom zum bedeutendsten Wallfahrtsort der Christenheit. Warum aber wurden die vermeintlichen Gebeine dieses Apostels so berühmt?
Das Aufkommen des Mythos
Eine merkwürdige Mischung aus Legende und Mythos weist dem „heiligen“ Jakobus in der spanischen Geschichte eine Sonderstellung zu. Nach einigen katholischen Historikern war dieser Apostel der erste christliche Missionar in Spanien. Er soll kurz nach Jesu Tod mehrere Jahre in Galicien (Nordwestspanien) gepredigt haben. Aus seiner Tätigkeit seien allerdings nur neun Bekehrte hervorgegangen. Offenbar durch den kläglichen Erfolg entmutigt, sei er ostwärts weitergezogen. Aufgrund einer beeindruckenden Erscheinung Marias, der Mutter Jesu (die jedoch in Palästina noch am Leben war), habe er wieder Mut geschöpft. Sie sei ihm in der römischen Stadt Caesaraugusta (später Zaragoza) im Nordosten der Halbinsel auf einer Marmorsäule „körperlich“ erschienen. Der Legende zufolge blieb die Säule nach Marias Verschwinden stehen, und Jahrhunderte später wurde sie zu einem Wallfahrtsheiligtum.a
Kurz nach dem Erlebnis sei Jakobus nach Jerusalem zurückgekehrt; dort erlitt er durch die Hand des Königs Herodes den Märtyrertod (Apostelgeschichte 12:1-3). Gemäß der Legende retteten seine Jünger den Leichnam, brachten ihn zur Küste und gingen in Jaffa an Bord eines Wunderschiffes aus Stein. Nach einwöchiger Fahrt erreichten sie (das 5 000 Kilometer entfernte!) Galicien, begruben ihren Meister in einem nicht gekennzeichneten Grab, dessen Lage schließlich in Vergessenheit geriet.
Jahrhunderte vergingen, bis das vermeintliche Grab von dem Einsiedler wiederentdeckt wurde. Der Mythos wurde für die „christlichen“ Soldaten zur Wirklichkeit. Schon bald sah man „Jakobus“ auf der Seite der „Christen“ kämpfen. Laut Überlieferung erschien er in der Entscheidungsschlacht von Clavijo und half, auf einem weißen Roß reitend, die Mauren zu besiegen. Nach diesem Sieg galt er unter dem Volk als Santiago Matamoros (Sankt Jakobus, der Maurentöter). (Vergleiche Matthäus 26:52.)
Man schrieb ihm auch Wunderkräfte zu, die von einer eher gütigen Wesensart zeugten. Eine Legende erzählt von einem jungen Mann, der auf dem Weg zu seiner künftigen Braut die Küste entlangritt. Plötzlich ergriff ihn eine riesige Welle und spülte ihn fort. Seine Verlobte rief den „heiligen“ Jakobus an, und dieser rettete den jungen Mann gütigerweise aus dem Meer. Seine Kleider waren mit weißen Muscheln bedeckt, und so wurde die Muschel zum Symbol des Schutz„heiligen“ Spaniens und derer, die zu seinem Grab pilgerten.
Die Zauberkraft hinter dem Mythos
Fast das ganze Mittelalter hindurch spielten Reliquien berühmter „Heiliger“ im Leben von Monarchen und gewöhnlichen Sterblichen eine wichtige Rolle. Fromme glaubten, durch sie vor Schaden bewahrt zu werden. Wilhelm der Eroberer hatte während der Schlacht von Hastings, bei der er König Harold von England besiegte, mehrere Reliquien um den Hals hängen. Pilgern wurde zugesichert, die Berührung „heiliger“ Gebeine biete ihnen die Gewähr für göttliche Gunst.
Reliquien waren mehr wert als Gold, und keine Kathedrale der Christenheit war ohne sie vollständig. Ein blühender Reliquienhandel setzte ein, und es gab Fälle von offenkundigem Betrug. Ein Abt, der im 12. Jahrhundert lebte, beanstandete, daß der Kopf Johannes’ des Täufers in zwei verschiedenen Kirchen aufbewahrt wurde: Entweder habe Johannes zwei Köpfe gehabt oder einer sei eine Fälschung.
Dennoch glaubte das Volk an die Reliquien und focht für sie. Im Namen des „heiligen“ Jakobus kämpften die spanischen Heere gegen andere europäische Mächte und gegen die Mauren. In seinem Namen kolonisierten sie die Neue Welt. Städte, die Santiago genannt wurden, schossen in ganz Lateinamerika aus dem Boden.
Reisen im Mittelalter
Ein Historiker schrieb, daß im Mittelalter „Wallfahrten zu bedeutenden Reliquien ... zum Hauptgrund für das Reisen wurden“. Es überrascht nicht, daß das vermeintliche Grab eines Wunderwirkers wie des „heiligen“ Jakobus Gläubige von nah und fern anzog. Spanien erlebte also in der mittelalterlichen Blütezeit Santiagos seinen ersten Ansturm von Reisenden.
„Könige und Knechte, Bischöfe und Mönche, Heilige und Sünder, Ritter und Junker“ — eine halbe Million im Jahr — strömten von ganz Europa nach Santiago und machten den „Weg St. Jacobi“ zu einer der belebtesten Straßen Europas. Es war eine gewaltige Zahl, wenn man bedenkt, daß die Gesamtbevölkerung Europas im 11. Jahrhundert nur rund 30 Millionen zählte und die Reise durch Spanien mehrere Monate beanspruchte.
Von Frankreich aus mußten die Pilger nach dem Überqueren der Pyrenäen noch 1 000 Kilometer über die rauhen Berge und durch die staubigen Ebenen Nordspaniens ziehen. Wer dieses Marathon durchhielt, bot sein letztes bißchen Kraft für ein abschließendes Rennen auf. Der erste, der die Türme der Kathedrale von Santiago erblickte, rief: „Mi gozo!“ (Meine Freude!) und wurde zum König der Reisegruppe auserwählt. So wurde der Nachname vieler Familien geprägt. Manch einer, der King, König, Rey, Leroy oder Rex heißt, verdankt seinen Nachnamen womöglich einem fernen Vorfahren, der auf dem Weg nach Santiago nach mehreren Monaten Fußmarsch noch die Kraft zum Rennen und Rufen hatte.
Einige bewundern heute vielleicht den Mut dieser zähen Wallfahrer, die so viel Zeit, Energie und Geld für eine Reise einsetzten, die für etliche die letzte sein sollte. Zweifellos wurden die meisten von aufrichtigem Glauben angetrieben, dem Glauben an eine Reliquie, die sie nie sahen — die Gebeine waren hinter Gittern in einem reich verzierten Kasten eingeschlossen. Und 300 Jahre lang waren sie überhaupt nicht in dem Schrein. Sie wurden versteckt, als er in Gefahr war, und erst 1879 wieder zurückgebracht.
Grundlage für den wahren Glauben
Jesu Apostel machten weite Reisen, aber nicht, um Heiligengräber entstehen zu lassen oder zu besuchen, sondern um das Evangelium zu predigen. Sie widmeten dem Studium des Wortes Gottes viel Zeit, wodurch sie die Grundlage für einen festen Glauben legten. Ein solcher Glaube, der sich auf genaue Erkenntnis stützt, ist ein Schutz vor der Täuschung durch Mythen und Traditionen von Menschen, an denen heute noch viele irrigerweise festhalten (Matthäus 15:9; 1. Timotheus 2:3, 4).
Religiöse Traditionen und Legenden können noch so ansprechend sein, sie sind kein Ersatz für den wahren Glauben. Die Bibel gibt keinen Anhaltspunkt dafür, daß Jakobus je Spanien besuchte. (Siehe Kasten.) Doch selbst wenn das der Fall gewesen wäre und er in Santiago beerdigt worden wäre, gäbe es keinen Grund, seine Gebeine zu verehren. Die Bibel fordert uns auf, an den lebendigen, unsichtbaren Gott und an sein Wort, die Bibel, zu glauben und nicht auf Reliquien zu vertrauen (2. Korinther 5:7; 1. Thessalonicher 1:9; vergleiche Matthäus 23:27, 28).
[Fußnote]
a „Nuestra Señora del Pilar“ wird in Spanien und in lateinamerikanischen Ländern noch von vielen verehrt. Einige katholische Werke räumen aber ein, daß dieses Heiligtum im Schrifttum der ersten sieben Jahrhunderte u. Z. überhaupt nicht vorkommt.
[Kasten auf Seite 24, 25]
War Jakobus je in Spanien?
1. In der Bibel gibt es keinen Hinweis darauf, daß der Apostel Jakobus je außerhalb von Palästina predigte. Es war Paulus, der 49 u. Z. mit dem Missionardienst begann und als „ein Apostel für die Nationen“ bekannt wurde — nicht Jakobus (Römer 11:13; siehe auch Apostelgeschichte 9:15; Galater 2:7).
2. Im Jahr 55 u. Z. schrieb Paulus an die Christen in Rom, er habe sich „das Ziel gesetzt, die gute Botschaft nicht dort zu verkündigen, wo der Name Christi bereits genannt worden war“. Doch er hatte vor, nach Spanien zu reisen, weil es für ihn in Kleinasien und Griechenland „kein unberührtes Gebiet“ mehr gab. Daraus kann man schließen, daß Spanien zu diesem Zeitpunkt die christliche Botschaft noch nicht in bedeutendem Maße empfangen hatte (Römer 15:20, 23, 24).
3. In seinem Werk Historia de la Iglesia Católica (Geschichte der katholischen Kirche) schreibt der Jesuit Professor Bernardino Llorca über den Aufenthalt des Jakobus in Spanien: „Daß es vor Ablauf von sechs Jahrhunderten keine verläßlichen Angaben darüber gab, spricht gegen die Echtheit des Berichts“ (Seite 122, 123).
[Karte auf Seite 24]
(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)
SPANIEN
Paris
Vézelay
Poitiers
Limoges
Arles
Toulouse
Pamplona
Burgos
Astorga
Santiago de Compostela
Atlantischer Ozean
[Bilder auf Seite 23]
Kathedrale von Santiago de Compostela und Jakobus auf einem weißen Roß (kleines Bild)
[Bildnachweis]
Foto: Godo-Foto