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Die schlimmste Seuche aller ZeitenErwachet! 2005 | 22. Dezember
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Eine nie da gewesene Seuche
Ein äußerst beängstigender Unterschied war die Plötzlichkeit, mit der diese Grippe zuschlug. Wie plötzlich? John M. Barry zitiert in seinem neuen Buch The Great Influenza einen schriftlichen Bericht aus der Zeit: „In Rio de Janeiro wartete der Medizinstudent Ciro Viera Da Cunha auf die Straßenbahn, als er von einem Mann mit vollkommen normaler Stimme um eine Auskunft gebeten wurde. Der Mann fiel um und war tot. Im südafrikanischen Kapstadt bestieg Charles Lewis eine Straßenbahn, um sich auf seinen fünf Kilometer langen Heimweg zu begeben. Der Schaffner brach zusammen und war tot. Auf diesen fünf Kilometern starben in der Straßenbahn sechs Personen, den Fahrer mitgerechnet.“ Alle waren Grippeopfer.
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Die schlimmste Seuche aller ZeitenErwachet! 2005 | 22. Dezember
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Angst hatte man auch, weil die Grippe wahllos wütete. Aus immer noch ungeklärten Gründen traf die Pandemie von 1919 nicht in erster Linie ältere Menschen, sondern riss robuste junge Leute aus dem Leben. Die Todesopfer der Spanischen Grippe waren mehrheitlich zwischen 20 und 40 Jahre alt.
Außerdem handelte es sich wahrhaftig um eine weltweite Epidemie. Sie erreichte sogar tropische Inseln. Nach Westsamoa (heute Samoa) gelangte die Influenza am 7. November 1918 per Schiff, und innerhalb von zwei Monaten starben 20 Prozent der 38 302 Einwohner. Jedes größere Land der Erde wurde stark in Mitleidenschaft gezogen.
Dann war da noch das ungeheure Ausmaß. In Philadelphia (Pennsylvanien, USA) zum Beispiel grassierte die Krankheit schon zu einem frühen Zeitpunkt und besonders heftig. Mitte Oktober 1918 waren kaum noch Särge zu bekommen. „Ein Hersteller meinte, er könnte innerhalb von zwei Stunden 5 000 Särge loswerden, wenn er sie hätte. Im Leichenschauhaus der Stadt gab es zeitweise zehnmal so viele Leichen wie Särge“, schreibt der Historiker Alfred W. Crosby.
In relativ kurzer Zeit raffte die Grippe mehr Menschen dahin als jede andere Pandemie dieser Art in der Geschichte. Allgemein wurde die weltweite Zahl der Todesopfer auf 21 Millionen geschätzt, doch verschiedene Experten halten diese Angabe mittlerweile für zu niedrig. Manche Epidemiologen gehen inzwischen eher von 50 Millionen oder vielleicht sogar von 100 Millionen Toten aus! Der bereits erwähnte Autor Barry meint dazu: „An der Influenza starben in nur einem Jahr mehr Menschen als am schwarzen Tod des Mittelalters in einem ganzen Jahrhundert. Es starben in nur 24 Wochen mehr Menschen daran als in 24 Jahren an Aids.“
Unvorstellbarerweise forderte die Spanische Grippe in Amerika in nur einem Jahr mehr Todesopfer, als in den beiden Weltkriegen amerikanische Soldaten fielen. Die Autorin Gina Kolata erklärt: „Diese Seuche war so verheerend, dass ein ähnliches Virus heutzutage in nur einem Jahr mehr Menschenleben fordern würde als Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Schlaganfälle, chronische Lungenleiden, Aids und Alzheimer zusammen.“
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