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Spiritismus — Warum wächst das Interesse?Der Wachtturm 1987 | 1. September
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Spiritismus — Warum wächst das Interesse?
FRANZ ist eine Säule der protestantischen Ortsgemeinde. Wenn in der Kirche Not am Mann ist, ist er als erster zur Stelle. Wilhelmina ist nicht weniger gottesfürchtig. „Man muß in die Kirche gehen“, sagt sie; und sie geht auch. Esther besucht ebenfalls regelmäßig die Kirche und verrichtet täglich ihr Gebet. Aber alle drei haben noch etwas gemeinsam: Sie sind Geistermedien.
Eine Ausnahme bilden diese drei Surinamer jedoch nicht. In der ganzen Welt wächst das Interesse am Spiritismus. Allein in den Vereinigten Staaten gibt es etwa 30 Zeitschriften mit einer Gesamtauflage von über 10 000 000, die verschiedene Gebiete der parapsychischen Phänomene behandeln. In England interessieren sich schätzungsweise 2 000 000 für dieses Thema. Eine Umfrage, die vor kurzem in den Niederlanden durchgeführt wurde, ergab, daß besonders Großstadtbewohner, Akademiker und junge Leute für das Okkulte empfänglich sind. In zahlreichen Ländern ist der Spiritismus ein fester Bestandteil des täglichen Lebens geworden, wie Afrikaner, Asiaten und Lateinamerikaner bezeugen können. Deshalb überrascht es nicht, daß John Weldon und Clifford Wilson in ihrem Buch Occult Shock and Psychic Forces zu dem Schluß kommen: „Viele verschiedene Kommentatoren glauben, daß der Okkultismus in unserer Zeit einen beispiellosen Aufschwung genommen hat.“
Ja, der Okkultismus — in Form von Spiritismus, Astrologie, Hypnotismus, Parapsychologie, außersinnlicher Wahrnehmung, Zauberei, Traumdeutung usw. — ist anziehend für Menschen aus allen sozialen Schichten. Warum?
Ein Grund besteht darin, daß einige Kirchen der Christenheit nicht gegen den Spiritismus sind, ja ihn sogar gutheißen. Sie behaupten, daß der Kontakt mit Geistern lediglich eine andere Möglichkeit sei, Gott näherzukommen.
Isaak Amelo, ein 70jähriger Kaufmann aus Surinam, ist ein Beispiel dafür. Sieben Jahre lang war er ein hochgeachtetes Mitglied des Kirchenrates und gleichzeitig ein bekanntes Geistermedium. Er erinnert sich: „Der gesamte Kirchenrat versammelte sich jeden Samstag außerhalb des Dorfes, um die Geister zu befragen. Wir brachten jeweils die ganze Nacht damit zu. Gegen Morgen schaute der Diakon immer wieder auf die Uhr, und ungefähr um fünf Uhr gab er das Zeichen zum Aufhören. Wir nahmen dann ein Bad, wechselten die Kleider und eilten in die Kirche — gerade noch rechtzeitig für den sonntäglichen Gottesdienst. All die Jahre hörten wir kein mißbilligendes Wort vom Pastor.“
Der Niederländer Professor R. van Lier untersuchte die Verbindung zwischen dem Spiritismus und den surinamischen Kirchen und kam zu dem Schluß, daß in Surinam viele im Spiritismus eine „Zusatzreligion“ sehen. In einer Studie, die vor kurzem von der Universität Leiden veröffentlicht wurde, schreibt er, daß der Spiritismus „als Teil eines umfassenden religiösen Bereiches gilt, in dem er neben dem Christentum steht“.
Vielleicht fragst du dich jetzt: Bedeutet die Tatsache, daß verschiedene Kirchen der Christenheit nichts gegen den Spiritismus einzuwenden haben, daß auch Gott ihn gutheißt? Kommt man durch den Kontakt mit Geistern Gott näher? Was sagt die Bibel über den Spiritismus?
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Isaak Amelo berichtet, daß ein gesamter Kirchenrat zu spiritistischen Sitzungen zusammenkam
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Spiritismus — Wie Gott ihn beurteiltDer Wachtturm 1987 | 1. September
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Spiritismus — Wie Gott ihn beurteilt
„DASSELBE wollen und nicht wollen, das erst ist feste Freundschaft“, schrieb der römische Historiker Sallust. Ein Freund ist jemand, mit dem man viel Gemeinsames hat, eine Person, der man vertrauen kann. Gott betrachtet uns auch als Freunde und erlaubt uns, ein inniges Verhältnis zu ihm zu haben, sofern wir „dasselbe wollen und nicht wollen“ wie er. Das bedeutet, daß wir von göttlichen Persönlichkeitsmerkmalen wie Liebe, Frieden, Freundlichkeit und Güte angezogen werden und uns ernsthaft bemühen, sie in unserem Leben ebenfalls zu entfalten (Galater 5:22, 23).
Um herauszufinden, ob Gott den Spiritismus gutheißt, müssen wir zuerst seine Früchte untersuchen (Matthäus 7:17, 18). Hilft er uns, ansprechende göttliche Merkmale zu entwickeln? Und um das festzustellen, möchten wir uns mit zwei Beispielen aus dem Leben befassen.
Wahrsagerei, Belästigungen und Tod
Asamaja Amelia, eine Surinamerin in mittlerem Alter, war 17 Jahre alt, als sie die ersten Kontakte mit Wahrsagerei hatte. Sie wurde in ihrer Gemeinde hochgeachtet, weil ihre Voraussagen jeweils eintrafen und ihr Rat ihren Klienten dienlich war. (Vergleiche Apostelgeschichte 16:16.) Doch etwas beunruhigte sie.
„Die Geister, die durch mich sprachen, waren liebenswürdig zu den Menschen, die ihre Hilfe beanspruchten“, sagt sie, „gleichzeitig aber machten sie mir das Leben zur Hölle. Nach jeder Sitzung hatte ich das Gefühl, geprügelt worden zu sein, und konnte mich kaum bewegen. Ich hoffte jeweils, wenigstens nachts in Ruhe gelassen zu werden, doch die Geister ließen mich auch dann nicht unbehelligt. Sie belästigten mich, sprachen mit mir und hielten mich wach. Und was sie alles sagten!“ Sie seufzt, blickt zu Boden und schüttelt sich dabei voller Abscheu. „Mit Vorliebe sprachen sie über Sex und bestanden darauf, mit mir Verkehr zu haben. Es war entsetzlich. Ich war doch verheiratet und wollte meinem Mann treu bleiben. Ich sagte ihnen das auch. Es half nicht. Einmal wurde ich von einer unsichtbaren Macht übermannt, sie faßte mich an, drückte mich und biß mich sogar. Ich hatte ein scheußliches Gefühl.“
„Die Geister sollen die geschlechtliche Unmoral fördern? Das ist ein bißchen weit hergeholt“, magst du sagen. Sind diese Geister wirklich so verdorben?
„Sie sind noch weit schlimmer“, sagt der bereits erwähnte Isaak. „Eines Abends holte man uns zu einer Kranken, die von einem Geist geplagt wurde. Der Anführer unserer Gruppe — das Medium eines stärkeren Geistes — versuchte, den Geist auszutreiben. Einen ganzen Tag lang flehten wir seinen Geist an, uns zu helfen. Wir tanzten und trommelten, und allmählich ging es der Kranken besser. Er befahl ihrem Geist auszufahren, worauf dieser tatsächlich ausfuhr. ‚Wir haben gesiegt‘, triumphierte der Anführer. Dann setzten wir uns hin und ruhten uns aus.“
Isaaks gestikulierende Arme ruhen einen Moment, während er eine bedeutungsvolle Pause macht. Schließlich fährt er fort: „Eine Zeitlang war alles bestens, aber dann zerriß plötzlich ein Schrei die Stille. Wir stürzten zu dem Haus, wo der Schrei herkam: Es war die Frau des Anführers. Nun weinte sie hysterisch. Im Haus lag ihr Töchterchen mit umgedrehtem Hals. Man hatte die Kleine so getötet, wie man ein Huhn tötet — offenbar die Rache des ausgetriebenen Geistes. Es ist zum Erbrechen. Diese Geister sind sadistische Mörder.“
Spiritismus und „die Werke des Fleisches“
Verderbtheit, sexuelle Unmoral und Mord — Merkmale des Spiritismus, wie die beiden Erfahrungen gezeigt haben — stehen in direktem Widerspruch zu Gottes Persönlichkeit. Das zeigt deutlich, wer diese Geister eigentlich sind. Sie mögen so tun, als wären sie Boten Gottes, aber ihre unmoralischen und todbringenden Werke verraten, daß sie den Feind Gottes, Satan, den Teufel, den ersten Mörder der Geschichte, nachahmen (Johannes 8:44). Er ist ihr Anführer. Sie sind seine Gehilfen — böse Engel, d. h. Dämonen (Lukas 11:15-20).
Du magst jetzt fragen: „Kommt es beim Spiritismus nur selten vor, daß sich solche satanischen Merkmale zeigen? Könnte mich der Spiritismus in der Regel mit guten Geistern in Verbindung bringen, die mir helfen, Gott näherzukommen?“ Nein, in der Bibel wird die „Ausübung von Spiritismus“ neben anderen „Werken des Fleisches“ aufgezählt, die in deutlichem Gegensatz zu christlichen Eigenschaften stehen (Galater 5:19-21).
In Offenbarung 21:8 werden „solche, die Spiritismus ausüben“ („die okkulte Praktiken ausüben“, Hoffnung für alle), auf die gleiche Stufe gestellt wie „die Ungläubigen und die ..., die zufolge ihrer Unsauberkeit abscheulich sind, und Mörder und Hurer ... und Götzendiener und alle Lügner“. Wie betrachtet Jehova vorsätzliche Lügner, Hurer, Mörder und solche, die Spiritismus ausüben? Er haßt ihre Taten (Sprüche 6:16-19).
Wer sich mit Spiritismus abgibt, liebt daher etwas, was Jehova Gott haßt. Er verwirft sozusagen Jehova, wechselt in das Lager Satans über und hält es mit Gottes Erzfeind und dessen Gehilfen. Frage dich: „Möchte ich ein vertrautes Verhältnis zu jemandem haben, der es mit meinen Feinden hält?“ Natürlich nicht. Du würdest eine solche Person vielmehr meiden. Es ist klar, daß auch Jehova Gott so reagiert. Sprüche 15:29 sagt: „Jehova ist fern von den Bösen.“ (Siehe auch Psalm 5:4.)
Spiritismus führt zum Tod
Wer sich mit Spiritismus beschäftigt, gefährdet auch sein Leben. Im alten Israel bestimmte das göttliche Gesetz, daß Personen, die Spiritismus trieben, mit dem Tod bestraft wurden (3. Mose 20:27; 5. Mose 18:9-12). Daher sollte es nicht überraschen, daß auch keiner, der Spiritismus ausübt, Gottes Königreich ererben wird (Galater 5:20, 21). Sein Teil wird vielmehr „in dem See sein, der mit Feuer ... brennt“, das bedeutet „den zweiten Tod“, d. h. ewige Vernichtung (Offenbarung 21:8). Heute mögen zwar einige Kirchen der Christenheit den Spiritismus tolerieren, aber der Standpunkt der Bibel hat sich nicht geändert.
Was ist jedoch zu tun, wenn du dich bereits auf spiritistische Praktiken eingelassen hast? Dann solltest du sofort damit aufhören und dich davon distanzieren. Beherzige den von Gott inspirierten Rat, den der Prophet Jesaja den Israeliten gab. Sie handelten ähnlich wie Menschen von heute, die verderbte Sitten und Bräuche ausüben und denken, sie würden Gott anbeten. Wir können somit aus ihrer Erfahrung lernen.
Beachte Jesajas Warnung
Das erste Kapitel im Buch Jesaja zeigt, daß die Israeliten „Jehova verlassen“ und sich „rückwärts gewandt“ hatten (Vers 4). Obschon sie abtrünnig geworden waren, fuhren sie fort zu opfern, religiöse Feste zu feiern und zu beten. Doch das nützte ihnen nichts. Weil sie nicht den Herzenswunsch hatten, ihrem Schöpfer zu gefallen, sagte Jehova: „[Ich] verhülle ... meine Augen vor euch. Auch wenn ihr viele Gebete vorbringt, höre ich nicht zu.“ Diese Israeliten hatten gegen ihn rebelliert, indem sie verderbte Sitten und Bräuche eingeführt hatten, ja sie hatten ‘ihre Hände sogar mit Blutvergießen gefüllt’ (Vers 11-15).
Unter welchen Bedingungen konnten sie für Jehova wieder annehmbar werden? Man beachte die Forderung aus Jesaja 1:16: „Wascht euch; reinigt euch.“ Wenn wir diesen Rat ernst nehmen, werden wir verderbte Praktiken wie den Spiritismus, der zu den „Werken des Fleisches“ gehört, aufgeben oder unterlassen. Wir werden einen Haß dagegen entwickeln, weil wir wissen, daß der böse Geist hinter dem Spiritismus Satan, der Teufel, ist.
Dann sollten wir uns auch von allen Gegenständen trennen, die etwas mit Spiritismus zu tun haben. Isaak hat das getan. Er sagt: „Eines Tages trug ich sämtliche spiritistischen Gegenstände vors Haus, griff zur Axt und schlug alles kurz und klein. Meine Nachbarin zeterte, ich würde das schon noch bereuen. Während sie zeterte, übergoß ich den Haufen mit Benzin und verbrannte alles. Nichts als Asche blieb übrig.“
Das war vor 28 Jahren. Hat Isaak seine Handlungsweise bereut? Ganz und gar nicht. Heute ist er ein glücklicher Diener Jehovas und ist als ein christlicher Prediger mit einer der Versammlungen der Zeugen Jehovas verbunden.
In Jesaja 1:17 finden wir ferner den Rat: „Lernt Gutes tun.“ Das erfordert, daß man die Bibel, Jehovas Wort, studiert, um zu ermitteln, „was der gute und annehmbare und vollkommene Wille Gottes ist“ (Römer 12:2). Und die Anwendung dieser neuen Kenntnisse wird wohltuende Segnungen mit sich bringen. Diese Erfahrung hat Asamaja gemacht.
Obschon die Verwandten und Nachbarn Asamaja heftigen Widerstand leisteten, studierte sie mutig mit Jehovas Zeugen die Bibel und brach nach kurzer Zeit mit dem Spiritismus. Dann gab sie sich Jehova hin und wurde auf einem Kongreß getauft. Jetzt, zwölf Jahre später, sagt sie dankbar: „Nach meiner Taufe bin ich nicht mehr von Geistern belästigt worden.“ Und sie erzählt, verschmitzt lächelnd: „In der Nacht nach meiner Taufe schlief ich so fest und ungestört, daß ich am nächsten Morgen den Anfang des Kongreßprogramms verpaßte.“
Segensreiche Auswirkungen, die von Dauer sind
Isaak und Asamaja können von ganzem Herzen den Worten des Psalmisten Asaph zustimmen: „Es [ist] gut für mich, Gott zu nahen“ (Psalm 73:28). Daß sie sich Gott genaht haben, hat sich für sie in der Tat körperlich und seelisch günstig ausgewirkt. Vor allem aber haben sie dadurch inneren Frieden erlangt und erfreuen sich jetzt eines engen Verhältnisses zu Jehova.
Diese segensreichen Auswirkungen übertreffen bei weitem all die Mühen und die Anstrengungen, die mit dem Abschütteln des Jochs des Spiritismus verbunden sind. Die Befreiung vom Spiritismus kann aber auch eine Tortur bedeuten. Diese Erfahrung machte die Surinamerin Lintina van Geenen. Wir werden nun einiges von ihrem jahrelangen Kampf und ihrem schließlichen Sieg erfahren.
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Asamaja Amelia erzählt: „Die Geister ... machten ... mir das Leben zur Hölle. ... Und was sie alles sagten!“
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Wie ich das Joch des Spiritismus abschüttelteDer Wachtturm 1987 | 1. September
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DAS Unglück brach über unsere Familie herein, als ich 14 Jahre alt war. Damals begann ein gemeiner Mörder, meine Angehörigen zu liquidieren. Seine ersten Opfer waren die Kinder meiner Schwester — alle neun. Dann kam ihr Mann an die Reihe. Kurz danach tötete er auch eine meiner Schwestern. Es folgten meine anderen vier Geschwister, so daß nur noch meine Mutter und ich übrigblieben. Ich hatte entsetzliche Angst.
Diese Angst verfolgte mich in den darauffolgenden Jahren Tag für Tag, ganz gleich, ob ich aß, arbeitete oder schlief. Ich fragte mich: „Wann wird er wieder zuschlagen? Wer wird der nächste sein — Mutter oder ich?“
Meine Vorgeschichte
Ich möchte meine Vorgeschichte erzählen, damit man besser versteht, was später geschah. Im Jahre 1917 wurde ich als Angehörige des Buschnegerstammes der Paramakka auf einer Insel im Maroni, einem Fluß in Surinam, geboren. Meine Vorfahren waren den lowenengre, d. h. Negersklaven, die sich in den Busch geflüchtet hatten, um dort ein hartes, jedoch freies Leben zu führen. Nun waren wir nicht mehr den Menschen versklavt, dafür aber den Dämonen.
In unserem Dorf wurde das Leben von der Dämonenanbetung und der Ahnenverehrung beherrscht. Manche Leute bedienten sich der wisi, der Schwarzen Magie, um andere mit einem Bann zu belegen und ihre Mitmenschen krank zu machen oder zu töten. Oder sie engagierten einen koenoe (ausgesprochen kunu), einen Plagegeist. Die Plagegeister sollen Personen gewesen sein, die von einem Familienmitglied schlecht behandelt wurden. Nach ihrem Tod sollen sie zu ihrer Familie zurückkehren und sich rächen. In Wirklichkeit sind es unreine Geister, Dämonen, die die Menschen zwingen, sie anzubeten.
Da ich der Evangelischen Brüderkirche angehörte, lernte ich auch einiges über Gott kennen. Aber man ließ mich im dunkeln darüber, wie er angebetet werden sollte. Der Regenwald um mich herum legte jedoch ein beredtes Zeugnis davon ab, daß Gott überaus großzügig ist und reichlich gibt. Ich dachte: „Einen guten Gott möchte ich anbeten, nicht aber einen bösen Geist, der den Menschen Leiden zufügt.“ Ich wußte, daß die Plagegeister ihre Opfer, die sich ihnen widersetzen, nur zu gern zu Tode quälen.
Man kann sich vorstellen, wie entsetzt ich war, als ich herausfand, daß Feinde unserer Familie uns einen koenoe gesandt hatten. Ich war 14 Jahre alt, als er seinen tödlichen Auftrag auszuführen begann. Sechsundzwanzig Jahre später waren nur noch Mutter und ich übriggeblieben.
Meine erste Begegnung
Meine Mutter war eine fleißige Frau. Eines Tages wurde sie auf dem Weg zu ihren Feldern zu Boden geworfen und konnte nicht mehr aufstehen. Der koenoe hatte sich meine Mutter vorgenommen. Ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehends, ja sie hatte sogar Lähmungserscheinungen. Nun bedurfte sie der Hilfe — meiner Hilfe. Ich liebte meine Mutter, doch gleichzeitig fürchtete ich mich vor dem Dämon, von dem sie besessen war. Während der Angriffe des koenoe schrie sie derart vor Schmerzen, daß ich es nicht mehr länger ertragen konnte und ihren Kopf in meinen Schoß legte, um ihr Erleichterung zu verschaffen. Dann beruhigte sie sich jeweils, aber ich hatte ein Gefühl, als ob „Hände“ meinen Körper zusammenpreßten.
Wenn ich weglaufen wollte, schrie meine Mutter wieder. Um ihretwillen blieb ich daher und ertrug meine erste grausige Begegnung mit dem Killer. Damals war ich 40 Jahre alt.
Verstärkte Angriffe
Dann starb meine Mutter. Nur drei Tage später hörte ich eine freundliche Stimme sagen: „Lintina, Lintina, hörst du mich? Ich rufe dich.“ Damit begann für mich ein solches Martyrium, daß ich mir den Tod wünschte.
Anfänglich belästigte mich der Dämon nur, wenn ich schlafen wollte. Sobald ich einschlummerte, weckte mich die Stimme und sprach von Grüften und vom Tod. Der Mangel an Schlaf zehrte an meinen Kräften. Ich sorgte aber weiter für meine Kinder.
Später verstärkte der Dämon seine Angriffe. Ich hatte mehrmals das Gefühl, er würde mich würgen. Ich wollte weglaufen, doch ich konnte nicht; es war, als würde ich von einem schweren Gewicht niedergedrückt. Ich wollte schreien, aber ich brachte keinen Laut heraus. Trotzdem weigerte ich mich, meinen Angreifer anzubeten.
Wenn ich mich nach einem solchen Angriff erholt hatte, begann ich wieder zu arbeiten — ich baute Maniok und Zuckerrohr an und verkaufte die Ernte auf dem Markt einer Kleinstadt an der Küste. Es wurde etwas leichter, den Lebensunterhalt zu verdienen, doch das Schlimmste stand mir noch bevor.
Die Suche nach Heilung
Eines Tages kündigte der Dämon drohend an: „Ich will deinen Leib aufblähen wie eine Kugel.“ Einige Zeit später war etwas Hartes in meinem Leib, das größer und größer wurde, bis ich wie eine Schwangere aussah. Voller Angst fragte ich mich: „Kann Gott, der Schöpfer, mir helfen, von diesem koenoe freizukommen? Kann er einen guten und stärkeren Geist senden, der ihn verjagt?“ Um das herauszufinden, suchte ich einen bonoeman, d. h. einen Medizinmann, auf.
Der erste Medizinmann gab mir tapoes oder Amulette, aber sie halfen nicht. Entschlossen, geheilt zu werden, konsultierte ich einen bonoeman nach dem andern — ohne Erfolg. Zwischen den Konsultationen ging ich wieder meiner Arbeit nach, damit ich Geld hatte für das Bier, den Wein, den Sekt und das Tuch für Lendenschurze, die ich den Medizinmännern als Honorar geben mußte. Häufig rieten sie mir: „Knie dich vor dem koenoe nieder. Sprich ihn als deinen Herrn an. Bete ihn an, und er wird von dir ablassen.“ Aber wie konnte ich vor einem Geist niederknien, der mich quälte und mich töten wollte? Ich konnte einfach nicht.
In meiner Verzweiflung tat ich sonst alles, was die Medizinmänner sagten. Einer von ihnen behandelte mich fünf Monate lang. Er badete mich in Kräutern und preßte mir den Saft von elf verschiedenen Pflanzen in die Augen. „Um sie zu reinigen“, sagte er, als ich vor Schmerzen schrie. Nach der Behandlung ging ich nach Hause — ohne einen Pfennig in der Tasche, mißhandelt und kränker denn je.
„Das ist dein Ende“
Mein Sohn, der in den Niederlanden wohnt, schickte mir Geld, damit ich die Suche nach Heilung fortsetzen konnte. Ich ging in die Hauptstadt und konsultierte einen richtigen Arzt. Als er mich untersucht hatte, sagte er zu mir: „Ich kann Ihnen nicht helfen. Gehen Sie zu einem bonoeman.“ Daher machte ich einen Versuch mit einem Geistermedium indischer Herkunft. Doch auch dieses Medium konnte mir nicht helfen. Ich wollte nach Hause, kam aber nur bis in die Hauptstadt, wo ich gerade noch das Haus einer meiner Töchter erreichte. Dort brach ich zusammen — physisch und materiell am Ende. Vergeblich hatte ich siebzehn Jahre lang Heilung gesucht und 15 000 Gulden (8 300 US-Dollar) dafür ausgegeben. Ich war nun 57 Jahre alt.
Dann drohte der Dämon: „Mit dir bin ich jetzt fertig. Das ist dein Ende.“
„Aber du bist nicht Gott, und du bist nicht Jesus“, schrie ich.
„Nicht einmal Gott hält mich auf“, antwortete der Dämon. „Deine Tage sind gezählt.“
Die letzten Kämpfe
Einige Wochen vergingen. Meena, eine Nachbarin meiner Tochter und Vollzeitpredigerin der Zeugen Jehovas, fragte meine Tochter, wie es mir gehe, und sagte: „Das einzige, was Ihrer Mutter helfen kann, ist die Bibel.“ Ich bekam ihre Unterhaltung mit und wollte zu den beiden gehen. Doch bevor ich sie erreichte, wurde ich zu Boden geworfen. Meena kam gerannt und sagte: „Der Dämon will Sie nicht in Ruhe lassen. Ihnen kann nur Jehova helfen, niemand sonst.“ Darauf betete sie mit mir zu Jehova Gott, und von da an besuchte sie mich regelmäßig. Doch je öfter sie mich besuchte, desto schlimmer wurden die Angriffe des Dämons. Nachts zitterte ich so heftig am ganzen Körper, daß niemand im Haus schlafen konnte. Ich aß nicht mehr, und manchmal war ich von Sinnen.
Es wurde so schlimm mit mir, daß meine Söhne aus dem Landesinnern kamen und mich in mein Dorf zurückbringen wollten, damit ich dort sterben könne. Da ich für die Reise zu schwach war, lehnte ich ab. Ich merkte aber, daß der Tod nahte, und ließ die Zeugin Jehovas holen, um ihr Lebewohl zu sagen. Meena erklärte mir anhand der Bibel, daß ich die Hoffnung auf eine Auferstehung haben könne, wenn ich sterben sollte.
„Auferstehung? Was meinen Sie damit?“
„Gott kann Sie, wenn das Paradies da ist, auferwecken“, entgegnete sie. Ein Hoffnungsstrahl!
Doch in jener Nacht ergriff der Dämon wieder Besitz von mir. In einem Trancezustand sah ich den koenoe, gefolgt von einer Menschenmenge. Er sagte spottend: „Sie glaubt, sie würde auferstehen.“ Darauf schüttelten sich die Leute vor Lachen. Dann tat ich etwas, was ich noch nie getan hatte. Ich schrie: „Jehova! Jehova!“ Das war das einzige, was ich herausbrachte. Und der Dämon verließ mich.
Meine Söhne kamen wieder und sagten bittend: „Mama, stirb nicht in der Stadt. Wir wollen dich in dein Dorf zurückbringen.“ Aber ich wollte nicht, denn jetzt war mir daran gelegen, noch mehr über Jehova zu erfahren. „Schon gut, vielleicht werde ich doch noch sterben“, sagte ich zu ihnen, „aber dann habe ich wenigstens dem Schöpfer gedient.“
Wie ein starker Turm
Meena und auch andere Zeugen besuchten mich weiter. Sie lehrten mich, zu Jehova zu beten. Unter anderem sagten sie mir auch, daß zwischen Jehova und Satan eine Streitfrage besteht und welche Leiden der Teufel über Hiob brachte, um ihn zu veranlassen, sich von Gott abzuwenden. Das alles stärkte meinen Entschluß, den Dämon niemals anzubeten. Einer der Bibeltexte, die mir die Zeugen vorlasen, wurde mir besonders lieb: „Der Name Jehovas ist ein starker Turm. Der Gerechte läuft hinein und wird beschützt“ (Sprüche 18:10).
Langsam kam ich wieder zu Kräften. Als einer meiner Söhne mich besuchte, sagte ich, er solle draußen warten. Ich zog mich an und steckte die Bluse in den Rock, um ihm zu zeigen, daß die Schwellung beinahe verschwunden war. Dann ging ich nach draußen.
„Ist das Mama Lintina?“ stieß mein Sohn ungläubig hervor.
„Ja, ich bin es — das habe ich Jehova, meinem Gott, zu verdanken.“
Ich beziehe Stellung
Sobald ich wieder etwas gehen konnte, suchte ich den Königreichssaal der Zeugen Jehovas auf. Dort wurde ich von den Brüdern so ermuntert, daß ich von da an immer hinging. Einige Monate später begleitete ich die Zeugen in den Predigtdienst. Und kurz danach ließ ich mich taufen und wurde eine Dienerin Jehovas, meines liebevollen Retters. Damals war ich 58 Jahre alt.
Doch etwas blieb noch zu tun. Vor Jahren hatte ich in meiner Hütte in meinem Dorf einen Altar gebaut, auf dem ich meinen Ahnen geopfert hatte. Im Interesse der geistigen Reinheit mußte ich ihn beseitigen. Ich bat Jehova um Hilfe, denn meine Tat konnte unter den Dorfbewohnern einen Aufruhr hervorrufen. Als ich zu meiner Hütte kam und die Tür öffnete, schrie jemand: „Pingos!“ (Wildschweine!) Eine Herde durchquerte die Insel und warf sich dann in den Fluß, um ihn zu passieren. Alt und jung rannte davon, um der leichten Beute habhaft zu werden. Hochbeglückt kniete ich nieder und dankte Jehova für diese Wende. Eilends schleppte ich den Altar ins Freie, übergoß ihn mit Benzin und zündete ihn an. Der Altar war ein Häufchen Asche, ehe die Dorfbewohner zurückkamen. Natürlich fanden sie heraus, was ich getan hatte, aber nun war nichts mehr zu machen. Mit Frieden im Herzen kehrte ich in die Hauptstadt zurück.
Leiden verwandeln sich in Glück
Ich wurde noch mehr gesegnet. Mein Sohn, der in den Niederlanden wohnt, glaubte nicht, was er über mich hörte, und bestieg ein Flugzeug nach Surinam, um mit eigenen Augen zu sehen, wie es mir ging. Er war so glücklich, mich gesund anzutreffen, daß er mir in der Hauptstadt ein schönes Haus kaufte, in dem ich jetzt wohne. Welch ein Wandel war mit mir vor sich gegangen — von einer verarmten Sklavin der Dämonen zu einer gutsituierten Dienerin Jehovas!
Jetzt, elf Jahre nach meiner Taufe, habe ich noch mehr Grund, dankbar zu sein. Die vielen Segnungen, die ich empfangen habe, weckten bei drei von meinen Kindern und bei einem meiner Schwiegersöhne das Interesse an der biblischen Wahrheit, und schließlich gaben auch sie sich Jehova hin. Außerdem haben mich die Brüder und Schwestern schon oft zu ihren Heimbibelstudien mitgenommen, wo ich meine Erfahrung mit dem Dämonismus den Leuten erzählen mußte, denen der Mut fehlte, sich vom Dämonismus loszusagen. So sind diese furchtbaren Jahre bei der Verkündigung der Königreichsbotschaft noch von einem gewissen Wert.
Mir fehlen die Worte, um Jehova, meinem Gott, meine Dankbarkeit auszudrücken. Seine allmächtige Hand hat Großes für mich getan. Jehova ist wirklich gut zu mir gewesen. (Vergleiche Psalm 18:17-19.)
[Bild auf Seite 7]
Lintina van Geenen, die mit dem Spiritismus gebrochen hat, machte die Erfahrung, daß ‘der Name Jehovas ein starker Turm ist’
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Im Innern von Surinam sind noch viele dem Spiritismus versklavt
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