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  • Eine Epidemie gestreßter Kinder
    Erwachet! 1993 | 22. Juli
    • Eine Epidemie gestreßter Kinder

      „RANDY!“ schrie Rita, entsetzt über das, was sie sah, als sie auf ihr Haus zuging. Ihr Sohn Randy hing halb aus dem Schlafzimmerfenster im obersten Stock, 8 Meter über der aus Beton gebauten Terrasse. Drinnen hörte Larry die hysterischen Schreie seiner Frau, rannte nach oben ins Schlafzimmer und schnappte sich Randy, um ihn in Sicherheit zu bringen. Randys Eltern wollten sofort wissen, was los sei. „Warum hast du das getan? Warum?“ fragten sie entsetzt. „Du hättest dich verletzen können; du hättest sterben können!“ „Ich wollte sterben“, antwortete Randy gleichgültig. Randy war gerade fünf Jahre alt.

      RANDY schien ein ganz normaler, gesunder Junge zu sein. Niemand hätte gedacht, daß er sich den Tod wünschte. In späteren Beratungsgesprächen stellte sich jedoch heraus, daß Randy unter großem Streß stand.

      Wie Randy leiden heute zahllose Kinder unter einem aufgewühlten Inneren. Einige, die ihren Kummer nicht auf normalem Weg verarbeiten können, versuchen, ihre Ängste zu unterdrücken. Aber angestauter Streß macht sich schließlich Luft. Andere, die nicht über ihre Ängste sprechen können, werden krank oder zeigen ein delinquentes Verhalten. Bei manchen richtet sich der Streß gegen sie selbst, sie handeln selbstzerstörerisch — sie bringen sich Verletzungen bei, leiden unter Eßstörungen, sind suchtmittelabhängig oder begehen Selbstmord. In dem Buch The Child in Crisis heißt es: „Viele dieser Probleme, vor allem Selbstmord, wurden früher Erwachsenen und jungen Menschen zugeordnet. Jetzt scheinen in zunehmendem Maße die ganz jungen davon betroffen zu sein.“

      „Wie kann es dazu kommen?“ fragen sich bestürzte Erwachsene. „Bedeutet Kindheit nicht Spaß und Spiel, Lachen und Fröhlichkeit?“ Etliche Kinder würden diese Frage mit Nein beantworten. „Die Kindheit als Zeit ungetrübter Freude existiert nur in der Vorstellung Erwachsener“, behauptet Dr. Julius Segal. Der Kindertherapeut Joseph Lupo bestätigt diese traurige Tatsache: „Ich therapiere nun schon seit fünfundzwanzig Jahren. Heute kommen viermal so viele bedrückte Kinder und Heranwachsende zu mir wie früher.“

      Warum stehen Kinder in unserer Zeit unter einem dermaßen großen Streß? Welches sind die Alarmzeichen dafür? Und wie kann gestreßten Kindern geholfen werden? Diese Fragen werden in den folgenden Artikeln behandelt.

  • Kleine Leute — großer Streß
    Erwachet! 1993 | 22. Juli
    • Kleine Leute — großer Streß

      „Kinder haben kleine Sorgen, gewiß, doch klein ist auch das Kind“ (Percy Bysshe Shelley).

      BETRACHTEN wir einmal den unten abgebildeten Zylinder. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als sei der Kopf länger, als die Krempe breit ist. In Wirklichkeit aber entspricht die Höhe der Breite. Maße schätzt man schnell falsch ein.

      Ebenso schnell können Erwachsene das Ausmaß der Belastungen für ein Kind falsch beurteilen. „Kindliche Probleme sind so banal“, meinen einige. Solch ein Denken ist jedoch trügerisch. „Erwachsene sollten Probleme von Kindern nicht daran messen, wie groß sie sind“, heißt es warnend in dem Buch Childstress!, „sondern an dem Ausmaß des Kummers, den die Probleme verursachen.“

      In vielen Fällen leidet ein Kind mehr, als Erwachsene annehmen. Das bestätigte das Ergebnis einer Studie, in der Eltern den emotionalen Zustand ihrer Kinder beurteilen sollten. Fast alle gaben an, ihre Kinder seien „sehr glücklich“. Als die Kinder hingegen getrennt von ihren Eltern befragt wurden, sagten die meisten, sie seien „unglücklich“ oder würden sich sogar „jämmerlich“ fühlen. Kinder haben Ängste, die Eltern absolut unterschätzen.

      Im Rahmen einer anderen Studie, die von Dr. Kaoru Yamamoto durchgeführt wurde, mußten mehrere Kinder zwanzig Erlebnisse sieben Streßgraden auf einer Skala zuordnen. Dann sollten einige Erwachsene diese Erlebnisse ebenfalls den verschiedenen Streßgraden zuteilen, und zwar so, wie ihrer Meinung nach die Kinder das getan hatten. Bei 16 von 20 Erlebnissen lagen die Erwachsenen falsch. „Wir denken immer, wir würden unsere Kinder kennen, aber nur allzuoft sehen oder hören oder verstehen wir nicht, was sie bedrückt“, schlußfolgerte Dr. Yamamoto.

      Eltern müssen lernen, das Leben von einem anderen Blickwinkel aus zu betrachten: mit den Augen eines Kindes. (Siehe Kasten.) Das ist vor allem in der heutigen Zeit wichtig. Die Bibel sagte voraus, daß es „in den letzten Tagen gefährliche Zeiten großer Belastungen geben wird ..., mit denen man schwer fertig werden wird und die schwer zu ertragen sein werden“ (2. Timotheus 3:1, The Amplified Bible). Kinder sind gegen diese Belastungen nicht immun; häufig sind sie sogar die Hauptleidtragenden. Einige Belastungen sind zwar „der Jugend eigen“, andere jedoch sind ziemlich ungewöhnlich und verdienen besondere Aufmerksamkeit (2. Timotheus 2:22).

      [Kasten auf Seite 5]

      Mit den Augen eines Kindes

      Tod eines oder beider Elternteile = Schuldgefühle Ein Kind erinnert sich vielleicht daran, daß es auf Vater oder Mutter gelegentlich zornig war, und fühlt sich aufgrund dessen für den Tod desjenigen verantwortlich.

      Scheidung = Gefühl des Verlassenseins Die kindliche Logik kommt zu folgendem Schluß: Wenn Vater und Mutter aufhören können, einander zu lieben, könnten sie auch aufhören, ihr Kind zu lieben.

      Alkoholismus = Druck Die Autorin Claudia Black schreibt: „Der Alltag in einem alkoholsüchtigen Zuhause, der von Angst, Gefühlen des Verlassenseins, von Verleugnung, Instabilität und tatsächlicher oder möglicher Gewalt geprägt ist, ist wohl kaum eine zweckmäßige, förderliche Umgebung.“

      Streitende Eltern = Angst Wie eine Studie mit 24 Schülern ergab, war Streit zwischen den Eltern für die Kinder dermaßen belastend, daß sie unter Brechanfällen, nervösem Gesichtszucken, Haarausfall und Gewichtsverlust oder -zunahme litten oder sogar Magengeschwüre bekamen.

      Leistungsdruck = Frustration „Wo immer sich Kinder hinwenden, scheinen sie in einem von Erwachsenen vorgegebenen Wettlauf um ihr Leben rennen zu müssen“, schreibt Mary Susan Miller. Ein Kind steht unter dem Druck, in der Schule, zu Hause und sogar beim Spielen der Beste zu sein; das Kind gewinnt nie, aber der Wettlauf geht immer weiter.

      Ein Neugeborenes = Gefühle des Verlusts Da sich das Kind nun die elterliche Aufmerksamkeit und Zuneigung mit jemandem teilen muß, hat es mitunter das Gefühl, einen Elternteil verloren zu haben, statt eine Schwester oder einen Bruder dazugewonnen zu haben.

      Schule = Trennungsangst Es war für Amy eine Qual, jeden Morgen ihre Mutter verlassen zu müssen und zur Schule zu gehen.

      Fehler = Demütigung Aufgrund ihres verschwommenen Selbstbilds „neigen Kinder dazu, Belanglosigkeiten einen zu hohen Stellenwert beizumessen“, erklärt Dr. Ann Epstein. Sie fand heraus, daß Demütigung eine der häufigsten Ursachen für Selbstmord unter Kindern ist.

      Behinderung = Enttäuschung Ein körperlich oder geistig behindertes Kind muß wahrscheinlich nicht nur den Spott unbarmherziger Gleichaltriger ertragen, sondern auch ungeduldige Lehrer oder Angehörige, die enttäuscht sind, weil es eine Sache nicht schafft, durch die es sich einfach überfordert fühlt.

      [Bild auf Seite 4]

      Altmodischer Zylinder

  • Mißhandelnde Eltern — Der größte Streßfaktor
    Erwachet! 1993 | 22. Juli
    • Mißhandelnde Eltern — Der größte Streßfaktor

      „Da sie [die Kinder] außerhalb der Familie nur wenige Bezugspunkte haben, werden die Dinge, die sie zu Hause über sich und andere lernen, zu universellen Wahrheiten, die sich ihnen tief einprägen“ (Dr. Susan Forward).

      EIN Töpfer nimmt eine formlose Tonmasse, fügt die richtige Wassermenge hinzu und formt daraus ein wunderschönes Gefäß. Ähnlich können Eltern die Ansichten ihres Kindes über sich und über die Außenwelt formen. Durch Liebe, Anleitung und Zucht entwickelt sich das Kind zu einem charakterfesten Erwachsenen.

      Nur zu oft werden die Eindrücke, die Sinn und Herz eines Kindes erhalten, von mißhandelnden Eltern vermittelt. Seelische und körperliche Mißhandlung sowie sexueller Mißbrauch lassen verdrehte Denkmuster entstehen, die sich tief einprägen und nur schwer umzuformen sind.

      Seelische Mißhandlung

      Worte können schmerzhafter sein als Faustschläge. „Ich kann mich an keinen Tag erinnern, an dem sie [die Mutter] mir nicht sagte, sie wünschte, ich wäre nie geboren worden“, erzählt Jason. Karen berichtet: „Mir wurde ständig zu verstehen gegeben, ich sei böse oder nicht gut genug.“

      In der Regel glauben Kinder das, was gegen sie vorgebracht wird. Wenn man einen Jungen immer wieder als dumm bezeichnet, dann wird er sich wahrscheinlich auch für dumm halten. Sagt man einem Mädchen, es sei nichts wert, dann ist es in seinen Augen auch nichts wert. Ein Kind hat nur eine begrenzte Perspektive und kann oftmals nicht unterscheiden, wann eine Aussage berechtigt oder wann sie übertrieben oder sogar falsch ist.

      Körperliche Mißhandlung

      Joe erzählt, wie sein Vater ihn körperlich mißhandelte: „Dann stieß er mich herum, bis er mich mit dem Rücken zur Wand hatte, und schlug mich so hart, daß ich benommen wurde ... Das schlimmste aber war, daß ich nie wußte, was diese Ausbrüche provozierte.“

      Jake wurde regelmäßig von seinem Vater geschlagen. Einmal brach der Vater ihm dabei einen Arm — Jake war gerade sechs Jahre alt. „Ich weinte weder vor ihm noch vor meinen Schwestern, noch vor meiner Mutter“, erinnert sich Jake. „Das war der einzige Stolz, den er mir gelassen hatte.“

      In dem Buch Strong at the Broken Places wird gesagt, körperliche Mißhandlung in der Kindheit sei etwa so, als wäre man „täglich, wöchentlich oder monatlich in einen Autounfall verwickelt“. Die Mißhandlung lehrt Kinder, daß die Welt unsicher ist und man niemandem trauen kann. Zudem erzeugt Gewalt meistens wiederum Gewalt. „Werden Kinder nicht vor ihrem Mißhandler geschützt“, schreibt die Zeitschrift Time warnend, „dann muß eines schönen Tages die Öffentlichkeit vor dem Kind geschützt werden.“

      Sexueller Mißbrauch

      Einer Schätzung zufolge wird jedes dritte Mädchen und jeder siebte Junge bis zum Erreichen des 18. Geburtstags sexuell mißbraucht. Die allermeisten dieser Kinder leiden still. „Gleich verschollenen Soldaten bleiben sie jahrelang in ihrem persönlichen Dschungel aus Angst- und Schuldgefühlen verschollen“ (The Child in Crisis).

      „Wie abgrundtief haßte ich doch meinen Vater, weil er mich mißbrauchte, und wie schuldig fühlte ich mich gleichzeitig wegen meines Hasses“, sagt Louise. „Ich habe mich so geschämt, weil ein Kind seine Eltern doch lieben sollte, und das tat ich nicht immer.“ Solche verworrenen Gefühle sind verständlich, wenn sich der wichtigste Beschützer des Kindes in den Täter verwandelt. Beverly Engel fragt in ihrem Buch The Right to Innocence: „Wie kann ein Kind sich eingestehen, daß es den eigenen Eltern — die ihr Kind eigentlich lieben und umsorgen sollten — so wenig bedeutet?“

      Sexueller Mißbrauch kann die gesamte Lebensanschauung eines Kindes durcheinanderbringen. „Jeder Erwachsene, der als Kind sexuell mißhandelt wurde, trägt starke Gefühle der Hoffnungslosigkeit, Minderwertigkeit, Wertlosigkeit und Schlechtigkeit mit sich herum“, schreibt Dr. Susan Forward.

      Es verschwindet nicht

      „Nicht nur der Körper des Kindes wird mißbraucht oder vernachlässigt“, sagt die Forscherin Linda T. Sanford. „In Problemfamilien wird auch der Sinn des Kindes mißbraucht.“ Kinder, die seelisch, körperlich oder sexuell mißhandelt werden, wachsen mit dem Gefühl auf, nicht liebenswert, ja wertlos zu sein.

      Jason, der schon erwähnt wurde, hatte als Erwachsener eine so geringe Selbstachtung, daß er als selbstmordgefährdet galt. Er brachte sich unnötigerweise in lebensbedrohliche Situationen und zeigte dadurch, daß er sein Leben so bewertete wie seine Mutter, die ihn gelehrt hatte: „Du hättest nie geboren werden sollen.“

      Nachdem Joe über die Auswirkungen der körperlichen Mißhandlung in seiner Kindheit nachgedacht hatte, sagte er: „Es verschwindet nicht einfach, wenn man fortzieht oder heiratet. Ich habe immer vor irgend etwas Angst und hasse mich deswegen.“ Die angespannte Atmosphäre, in der körperlich mißhandelte Kinder aufwachsen, ruft bei vielen negative Erwartungen und starre Verteidigungsmechanismen hervor, die die Kinder eher einengen als schützen.

      Bei Connie führte Inzest zu einem verzerrten Selbstbild, das sich im Erwachsenenalter noch verfestigte: „Ich glaube immer noch, daß viele Leute in mich hineinsehen und erkennen können, wie ekelhaft ich bin.“

      Jede Form von Mißhandlung vermittelt eine giftige Lektion, die sich bei Erreichen des Erwachsenenalters tief eingegraben hat. Was man einmal gelernt hat, kann man natürlich auch wieder vergessen. Das beweisen zahllose Beispiele von Personen, die sich von Mißhandlungen in der Kindheit erholt haben. Wieviel besser ist es aber, wenn Eltern realisieren, daß sie von der Geburt ihres Kindes an einen großen Anteil daran haben, dessen Vorstellungen von sich und seiner Umwelt zu formen. Das körperliche und seelische Wohlbefinden eines Kindes liegt größtenteils in den Händen der Eltern.

      [Bild auf Seite 7]

      Worte können schmerzhafter sein als Faustschläge

  • Die Streßsignale bei Kindern erkennen
    Erwachet! 1993 | 22. Juli
    • Die Streßsignale bei Kindern erkennen

      „Streßgefühle entstehen selten ganz wider Erwarten: Normalerweise sind sie Reaktionen auf bestimmte Ereignisse oder Umstände“ (Dr. Lilian G. Katz).

      WOHER weiß ein Pilot in einer nebligen Nacht, wohin er fliegt? Vom Start bis zur Landung verläßt er sich auf Signale. Das Armaturenbrett im Cockpit eines großen Flugzeugs besteht aus weit über 100 Instrumenten; jedes Instrument übermittelt lebenswichtige Informationen und weist den Piloten auf mögliche Probleme hin.

      In unserer streßbeladenen Welt aufzuwachsen gleicht einem Flug durch einen Sturm. Wie können Eltern ihrem Kind den Flug — von der Kindheit bis zum Erwachsenwerden — angenehm machen? Da viele Kinder nicht über die Belastungen sprechen, denen sie ausgesetzt sind, müssen Eltern lernen, die Signale oder Symptome zu erkennen.

      Der Körper „spricht“

      Wenn ein Kind unter Streß steht, teilt es dies häufig über den Körper mit. Psychosomatische Reaktionen — Magenprobleme, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schlafstörungen oder Verdauungsprobleme — können ein Indikator dafür sein, daß etwas nicht stimmt.a

      Sharons Gehörverlust war sozusagen der Höhepunkt einer Zeitperiode schrecklicher Einsamkeit. Die Magenkrämpfe, mit denen Amy zur Schule ging, waren auf ihre Angst zurückzuführen, von der Mutter getrennt zu werden. Und John litt an Verstopfung, weil er Zeuge gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen seinen Eltern gewesen war.

      Sexueller Mißbrauch hatte auf die damals 10jährige Ashley körperliche Auswirkungen. „Ich weiß, daß ich eine Woche lang nicht zur Schule ging, weil ich krank war“, erinnert sie sich. Das Buch When Your Child Has Been Molested erklärt: „Sexueller Mißbrauch kann ein Kind dermaßen belasten, daß es krank wird.“ Zu den möglichen physischen Anzeichen eines solchen Traumas gehören Läsionen, Schmerzen beim Ausscheiden, wiederkehrende Magenschmerzen, Kopfschmerzen sowie Knochen- oder Muskelschmerzen ohne erkennbare Ursache.

      Scheint die Krankheit psychosomatischer Natur zu sein, sollten Eltern die Symptome ernst nehmen. „Ob das Kind nun simuliert oder nicht, interessiert nicht“, sagt Dr. Alice S. Honig. „Wichtig ist das ursächliche Problem.“

      Taten reden lauter als Worte

      Eine plötzliche Verhaltensänderung ist oft ein Hilferuf. In dem Buch Giving Sorrow Words heißt es: „Bringt ein guter Schüler plötzlich schlechte Noten nach Hause, sollte man der Sache auf den Grund gehen, ebenso wenn ein Kind, das eigentlich ein kleiner Teufel ist, sich in einen Engel verwandelt.“

      Der 7jährige Timmy begann auf einmal zu lügen, als seine Mutter völlig von ihrer Arbeit in Anspruch genommen wurde. Der 6jährige Adam wurde immer frecher, weil er sich in der Schule überfordert fühlte. Und der 7jährige Carl wurde zum Bettnässer, was anzeigte, wie sehr er sich nach der Anerkennung seiner Eltern sehnte, die in seinen Augen jetzt seiner kleineren Schwester zuteil wurde.

      Besonders beunruhigend ist ein selbstzerstörerisches Verhalten. Die „Unfälle“ der 12jährigen Sara konnten nicht allein auf das Konto ihrer Ungeschicklichkeit gehen. Seit der Scheidung ihrer Eltern versuchte sie unbewußt, durch selbstbeigebrachte Verletzungen die Zuneigung ihres abwesenden Vaters wiederzuerlangen. Aggressionen, die sich durch selbstzerstörerisches Verhalten nach innen richten, sind ein Symptom für extremen Streß — handelt es sich nun um kleinere selbst zugefügte Verletzungen oder um einen Selbstmordversuch.

      Aus dem Herzen gesprochen

      „Aus der Fülle des Herzens redet der Mund“, sagte Jesus Christus (Matthäus 12:34). Ein Herz voller negativer Empfindungen gibt sich bei einem Kind in der Regel durch das zu erkennen, was das Kind redet.

      „Kinder, die nach Hause kommen und sagen: ‚Keiner mag mich‘, meinen in Wirklichkeit, daß sie sich selbst nicht mögen“, sagt Dr. Loraine Stern. Das gleiche kann auf Prahlereien zutreffen. Durch Prahlen mit tatsächlichen oder nur eingebildeten Taten vermittelt ein Kind zwar den Eindruck, hohe Selbstachtung zu besitzen, aber womöglich versucht es lediglich, starke Gefühle der Unzulänglichkeit zu überwinden.

      Natürlich werden alle Kinder einmal krank, benehmen sich gelegentlich daneben oder sind zeitweise von sich selbst enttäuscht. Formen sich diese Probleme jedoch zu einem Muster und ist keine Ursache zu erkennen, dann sollten Eltern über die Bedeutung der Symptome nachdenken.

      Nachdem Mary Susan Miller das Verhaltensmuster studiert hatte, das sechs an einem außergewöhnlich brutalen Überfall beteiligte Jugendliche in ihrer Kindheit an den Tag gelegt hatten, bemerkte sie: „Alle Anzeichen waren vorhanden. Die Jungen zeigten sie bereits jahrelang durch ihr Verhaltensmuster, doch niemand schenkte dem Problem Beachtung. Die Erwachsenen bemerkten es zwar, zuckten aber nur mit den Schultern.“

      Heute müssen Eltern mehr denn je bei ihren Kindern auf Streßsignale achten und dann handeln.

      [Fußnote]

      a Im Gegensatz zu Hypochondrie, bei der sich jemand eine Krankheit einbildet, ist eine psychosomatische Erkrankung eine wirkliche Krankheit. Ihre Ursache ist jedoch eher psychisch als physisch.

      [Kasten auf Seite 8]

      Streß im Mutterleib?

      Selbst ein Fetus nimmt wahr, wenn die Mutter unter Streß steht, ängstlich oder unruhig ist; das wird ihm durch chemische Veränderungen im Blutstrom „mitgeteilt“. „Der sich entwickelnde Fetus spürt jedes bißchen Druck, unter dem die Schwangere steht“, schreibt Linda Bird Francke in dem Buch Growing Up Divorced. „Obwohl zwischen dem Nervensystem der Mutter und dem des Kindes keine direkte Verbindung besteht, existiert eine unzertrennbare einseitige Verbindung.“ Das erklärt möglicherweise, weshalb nach Angaben der Zeitschrift Time schätzungsweise 30 Prozent aller kleinen Kinder im Alter von 18 Monaten und darunter an streßbedingten Schwierigkeiten leiden, die von emotionellen Entzugserscheinungen bis zu akuten Angstzuständen reichen. Linda Bird Francke zieht die Schlußfolgerung: „Unglückliche, verzweifelte Frauen bringen häufig auch unglückliche, verzweifelte Kinder zur Welt.“

      [Kasten auf Seite 9]

      Wenn ein Kind Schluß machen will

      „Was wäre, wenn ich 100 Jahre schlafen würde?“ fragte Lettie ihren Vater. Er hielt dies nur für eine kindische Frage. Aber Lettie machte alles andere als Spaß. Einige Tage später wurde sie ins Krankenhaus eingeliefert, weil sie Schlaftabletten — ein ganzes Fläschchen — geschluckt hatte.

      Was sollten Eltern tun, wenn ihr Kind über Selbstmord nachdenkt oder tatsächlich versucht, sich umzubringen? „In solch einem Fall sollte man sofort bei Experten Hilfe suchen“, wird in dem Buch Depression—What Families Should Know dringend geraten. „Selbstmordkandidaten zu behandeln ist keine Sache für Laien, selbst nicht für diejenigen, die sich besonders um den Betreffenden kümmern. Man denkt, man habe seinem Angehörigen den Selbstmord ausgeredet, wogegen er nur schweigt und all seine Gefühle für sich behält, bis sie irgendwann mit erschreckenden Folgen aus ihm herausplatzen.“

      Für ein Kind, das Schluß machen will, gibt es Hoffnung, wenn es die richtige Behandlung erhält. „Die wenigsten Menschen, die versuchen, sich umzubringen, wollen das in Wirklichkeit auch“, heißt es in dem oben zitierten Buch. „Sie möchten nur nicht länger verletzt werden. Ihr Selbstmordversuch ist ein Hilfeschrei.“ Eltern, die einer Christenversammlung angehören und im Fall von Selbstmordneigungen ihres Kindes ratlos sind, können von den Ältesten liebevolle Unterstützung und guten biblischen Rat erhalten.

  • Kindern helfen, mit Streß fertig zu werden
    Erwachet! 1993 | 22. Juli
    • Kindern helfen, mit Streß fertig zu werden

      „Zahlreiche Kinder finden entweder gar keinen, der ihnen zuhört, wenn sie reden möchten, oder derjenige, den sie finden, ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt“ (Depression—What Families Should Know).

      AUS gutem Grund wurde die Familie einmal als seelisches Labor bezeichnet. Sie ist ein Forschungszentrum, in dem ein Kind seine Ansichten testet, die Ergebnisse beobachtet und beginnt, gewisse Schlüsse über das Leben zu ziehen. Wie können Eltern dafür sorgen, daß ihre Kinder solch wichtige Versuche nicht in einer streßbeladenen, sondern in einer angenehmen Umgebung machen können?

      Zuhören

      In dem Buch The Child in Crisis werden Eltern ermahnt: „Erhaltet die Kommunikation aufrecht.“ Der Dialog ist eine lebenswichtige Verbindung zwischen Eltern und Kind, und er ist besonders dann wichtig, wenn es irgendein traumatisches Ereignis in der Familie gegeben hat. Man sollte niemals annehmen, daß ein Kind, nur weil es ruhig ist, solch ein Ereignis gut verkraftet oder sich einfach anpaßt. Vielleicht unterdrückt es einfach Angstgefühle und leidet still vor sich hin, wie das bei einem 7jährigen Mädchen der Fall war, das in den sechs Monaten nach der Scheidung der Eltern 15 Kilogramm zunahm.

      Das Wort „Dialog“ deutet die Beteiligung von mindestens zwei Sprechern an. Daher sollten die Eltern nicht unaufhörlich reden. Rick und Sue suchten Rat, als ihr 6jähriger Sohn zu Hause ein unkontrollierbares, wildes Verhalten entwickelte. Als der Berater mit der ganzen Familie zusammenkam, konnte er etwas beobachten. „Die Eltern unterzogen vieles einer intellektuellen Betrachtung und gaben lange, oft übertriebene Erklärungen ab“, berichtet er. „Außerdem neigten sie dazu, das Gespräch an sich zu reißen, und ich merkte, daß die Kinder immer ungeduldiger wurden.“ Es ist vorteilhafter, das Kind sich selbst äußern zu lassen. (Vergleiche Hiob 32:20.) Kann ein Kind nicht über auftauchende Probleme reden, dann teilt es dies später wahrscheinlich durch ein entsprechendes Verhalten mit. (Vergleiche Sprüche 18:1.)

      Der Dialog ist ebenfalls von Bedeutung, wenn Zucht nötig ist. Wie denkt das Kind über die Zurechtweisung? Versteht es den Grund dafür? Statt ihm einfach zu sagen, wie es darüber zu denken hat, ist es besser, herauszufinden, was in seinem Herzen ist. Reden wir vernünftig mit ihm, so daß es von sich aus den richtigen Schluß zieht. „Liefere dem Kind Stoff zum Nachdenken, laß es diesen aber selbst verarbeiten“, schreibt Elaine Fantle Shimberg.

      Gefühle zugestehen

      Einige Eltern ersticken den Dialog durch Äußerungen wie: „Hör auf zu weinen!“, „Stell dich doch nicht so an!“ oder: „So schlimm ist es auch wieder nicht.“ Weitaus besser ist es, einem Kind Gefühle zuzugestehen. „Ich merke, daß dich etwas traurig gemacht hat“, „Du siehst wirklich beunruhigt aus“ oder: „Du bist bestimmt enttäuscht.“ Durch solche Äußerungen wird die Kommunikation aufrechterhalten.

      Das Buch Nun hör doch mal zu! Elternsprache — Kindersprache macht zu diesem Thema eine treffende Bemerkung: „Je mehr man versucht, die unglücklichen Gefühle eines Kindes wegzuschieben, desto mehr bleiben sie in ihnen haften. Sobald man aber die schlechten Gefühle akzeptieren kann, fällt es den Kindern viel leichter, von ihnen abzulassen. Ich nehme an, man könnte behaupten, für eine glückliche Familie sollte man lieber bereit sein, starke Empfindungen von Unglück zuzulassen.“ (Vergleiche Prediger 7:3.)

      Einfühlungsvermögen

      „Da die meisten Erwachsenen die Welt eines Kindes von ihrem eigenen Bezugssystem aus beurteilen, können sie sich nur schwer vorstellen, daß nicht nur ihr eigenes Leben stressig ist“, schreibt Mary Susan Miller.

      Ja, wie leicht vergessen Eltern doch den Kummer oder die Ängste, die sie in ihrer eigenen Kindheit durchlebt haben. Daher spielen sie häufig die Belastungen herunter, die ihre Kinder spüren. Eltern müssen daran zurückdenken, wie es war, als sie ein Haustier oder einen Freund durch den Tod verloren oder in eine neue Gegend zogen. Sie sollten sich an ihre eigenen Kindheitsängste erinnern, selbst an die irrationalen. Die Erinnerung ist ein Schlüssel zum Einfühlungsvermögen.

      Das richtige Beispiel geben

      Wie unser Kind mit Streß umgeht, hängt in großem Umfang davon ab, wie wir als Eltern damit umgehen. Versuchen wir, Streß durch Anwendung von Gewalt abzubauen? Dann sollten wir uns nicht wundern, wenn unser Kind seine Ängste auf ähnliche Weise auslebt. Leiden wir still vor uns hin, wenn wir tief beunruhigt sind? Wie können wir da von unserem Kind verlangen, offen zu sein und sich uns anzuvertrauen? Sprechen wir in unserer Familie nur hinter vorgehaltener Hand über Belastungen, so daß es schon an Verleugnung grenzt, statt sie zuzugeben und zu bewältigen? Dann sollte uns der körperliche und seelische Tribut, den dies von unserem Kind fordern kann, nicht überraschen; denn wenn man versucht, Ängste zu unterdrücken, äußern sie sich gewöhnlich nur um so stärker.

      Kinder in einer an Belastungen reichen Welt aufzuziehen stellt Eltern vor besondere Herausforderungen. Ein Studium der Bibel hat vielen geholfen, diese Herausforderungen zu bewältigen. Das kann man auch erwarten, denn der Autor der Bibel ist gleichzeitig der Urheber der Familieneinrichtung. „Gottes Weisheit bestätigt sich an dem, was sie bewirkt“, sagte Jesus Christus (Matthäus 11:19, Die Gute Nachricht). Durch das Befolgen biblischer Grundsätze werden Eltern feststellen, daß die Bibel „nützlich zum Lehren, zum Zurechtweisen, zum Richtigstellen der Dinge, zur Erziehung in der Gerechtigkeit“ ist (2. Timotheus 3:16).

      [Bild auf Seite 10]

      Richtige Kommunikation lindert Streß

      [Bild auf Seite 11]

      Der ältere Junge lacht seinen Bruder aus, weil dieser Milch verschüttet hat; der Vater tröstet ihn jedoch mitfühlend

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