Wachtturm ONLINE-BIBLIOTHEK
Wachtturm
ONLINE-BIBLIOTHEK
Deutsch
  • BIBEL
  • PUBLIKATIONEN
  • ZUSAMMENKÜNFTE
  • Streß — „Der Mörder auf leisen Sohlen“
    Erwachet! 1998 | 22. März
    • Streß — „Der Mörder auf leisen Sohlen“

      „Das erste Symptom, das ich bemerkte, war ein heftiger Druck in der Nähe des Brustbeins. Der Schmerz schoß mir in die Schultern, den Nacken und den Kiefer und strahlte dann in beide Arme aus. Mir war, als hätte sich ein Elefant auf mich fallen lassen. Ich rang nach Luft. Mir brach der Schweiß aus. Ich bekam eine Darmkolik, und anschließend wurde mir entsetzlich übel. ... Ich kann mich noch erinnern, daß ich später, als mir die Krankenschwestern ins Bett halfen, verwundert sagte: ‚Ich habe einen Herzinfarkt.‘ Ich war 44 Jahre alt.“

      SO BESCHREIBT Dr. Robert S. Eliot in seinem Buch From Stress to Strength, wie er vor über 20 Jahren dem Tod ins Auge sah. Am Vormittag hatte er noch auf einer Tagung einen Vortrag gehalten, bei dem es ausgerechnet um Herzinfarkt ging. Plötzlich fand sich der Kardiologe Dr. Eliot „in vertauschter Rolle auf der Intensivstation“ wieder, wie er sich ausdrückt. Worauf führt er die unerwartete Krise zurück? „In meinem Innern“, sagt Dr. Eliot, „wirkten sich meine körperlichen Reaktionen auf Streß lebensbedrohlich aus.“a

      Am Beispiel von Dr. Eliot wird deutlich, daß Streß lebensbedrohliche Folgen haben kann. In den Vereinigten Staaten wird Streß mit einigen der führenden Todesursachen in Zusammenhang gebracht. Die Auswirkungen von Streß können sich im Lauf der Zeit unmerklich summieren und dann ohne Vorwarnung an die Oberfläche treten. Nicht ohne Grund hat man Streß einmal als den „Mörder auf leisen Sohlen“ bezeichnet.

      Überraschenderweise ist nicht nur die Typ-A-Persönlichkeit — charakterisiert durch Ungeduld, Aggressivität und Konkurrenzdenken — für gefährliche Streßfolgen anfällig. Auch ein scheinbar gelassener Mensch kann gefährdet sein, vor allem wenn die Ruhe, die er ausstrahlt, nur eine bröckelige Fassade ist, vergleichbar mit einem schlechtsitzenden Deckel auf einem Dampfkochtopf. Dr. Eliot ordnet sich diesem Typ zu. Jetzt sagt er warnend: „Sie können heute tot umfallen, ohne je geahnt zu haben, daß in Ihrem Herzen jahrelang eine Zeitbombe getickt hat.“

      Doch Herzinfarkt und plötzlicher Tod sind nicht die einzigen Phänomene, die mit Streß in Verbindung gebracht werden, wie der folgende Artikel zeigen wird.

  • Streß — „Der Mörder auf leisen Sohlen“
    Erwachet! 1998 | 22. März
    • [Fußnote]

      a Streß kann zwar ein begünstigender Faktor sein, doch in den meisten Fällen von Herzinfarkt sind die Koronararterien durch Atherosklerose erheblich geschädigt. Deshalb wäre es unvernünftig, Symptome einer Herzkrankheit auf die leichte Schulter zu nehmen etwa in der Annahme, die Lösung bestehe einfach in Streßreduzierung. Siehe Erwachet! vom 8. Dezember 1996, Seite 3—13.

  • Streß — „Ein schleichendes Gift“
    Erwachet! 1998 | 22. März
    • Streß — „Ein schleichendes Gift“

      „Wenn man sagt: ‚Überanstrenge dich nicht, sonst wirst du noch krank‘, ist einem meist nicht bewußt, daß es dafür eine konkrete physiologische Grundlage gibt“ (Dr. David Felten).

      JILL, eine alleinerziehende Mutter mit einem Sohn im Teenageralter, einem schrumpfenden Bankkonto und einem gespannten Verhältnis zu ihren Eltern, hatte allerhand Gründe, sich gestreßt zu fühlen. Plötzlich bekam sie einen juckenden, brennenden Ausschlag an einem Arm. Sie nahm Antibiotika, Kortisonsalbe und Antihistamin, aber nichts half. Im Gegenteil, der Ausschlag breitete sich über den ganzen Körper aus, auch über das Gesicht. Der Streß ging ihr buchstäblich unter die Haut.

      Jill wurde in eine Hautklinik überwiesen, in der auch die Gemütsverfassung der Patienten untersucht wird. „Wir versuchen herauszufinden, was sich im Leben der Patienten abspielt“, sagt Dr. Thomas Gragg, Mitgründer der Klinik. Er hat schon oft festgestellt, daß Menschen mit hartnäckigen Hautproblemen neben einer medizinischen Behandlung auch Hilfe bei der Streßbewältigung brauchen. „Wir würden es uns zu einfach machen, wenn wir behaupteten, Hautkrankheiten würden durch Gefühlsreaktionen oder Verhaltensweisen verursacht“, räumt Dr. Gragg ein. „Aber wir können sehr wohl sagen, daß der Gemütszustand bei Hautproblemen oft eine große Rolle spielt, und wir sollten nicht immer wieder Rezepte für Kortikosteroidsalben ausstellen, ohne dem Patienten zu helfen, mit dem Streß in seinem Leben umzugehen.“

      Jill glaubt, daß sie durch das Erlernen von Streßbewältigungsmethoden buchstäblich mit heiler Haut davongekommen ist. „Es tritt noch hin und wieder ein Ausschlag auf“, sagt sie, „aber mit meiner Haut ist es längst nicht mehr so schlimm wie früher.“ Ein Ausnahmefall? Sicher nicht. Viele Ärzte gehen davon aus, daß bei einer Reihe von Hautkrankheiten wie Nesselsucht, Schuppenflechte, Akne und Ekzemen häufig Streß im Spiel ist. Streß wirkt sich allerdings nicht nur auf die Haut aus.

      Streß und das Immunsystem

      Die moderne Forschung zeigt, daß Streß das Immunsystem unterdrücken kann, was einer Anzahl Infektionskrankheiten unter Umständen Tür und Tor öffnet. „Streß macht nicht krank“, erklärt der Virologe Ronald Glaser. „Aber er erhöht durch seine Wirkung auf das Immunsystem das Krankheitsrisiko.“ Speziell dafür, daß Streß mit Erkältungen, Grippe und Herpes in Verbindung steht, gibt es zwingende Beweise. Den entsprechenden Viren ist man zwar ständig ausgesetzt, doch normalerweise wehrt das Immunsystem sie ab. Manche Experten sagen, daß die Abwehrmechanismen versagen können, wenn man unter psychischem Streß steht.

      Die damit zusammenhängenden physiologischen Vorgänge werden noch nicht völlig verstanden, doch einer Theorie zufolge können die Hormone, die in den Blutstrom ausgeschüttet werden, um bei Streß Energien zu aktivieren, die Immunreaktion hemmen. Normalerweise ist das kein Grund zur Sorge, denn diese Hormone haben nur eine vorübergehende Mission zu erfüllen. Nach Ansicht einiger gefährdet allerdings jemand, der unter intensivem Dauerstreß steht, sein Immunsystem in einem solchen Ausmaß, daß er für Krankheiten anfällig wird.

      Damit läßt sich womöglich erklären, warum nach Ansicht kanadischer Ärzte etwa 50 bis 70 Prozent der Patientenbesuche in ihrer Praxis mit Streß in Beziehung stehen. Typische Beschwerden seien Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Erschöpfung und Magen-Darm-Probleme. In den Vereinigten Staaten wird die Zahl auf 75 bis 90 Prozent geschätzt. Dr. Jean King hält es nicht für übertrieben zu sagen: „Dauerstreß wirkt wie ein schleichendes Gift.“

      Weder Alleinursache noch Alleinlösung

      Ungeachtet dessen sind sich Wissenschaftler nicht sicher, ob sich Streß allein in einem medizinisch bedeutsamen Maß auf das Immunsystem auswirkt. Man kann also nicht dogmatisch sagen, daß jeder, der unter Streß, ja selbst unter Dauerstreß steht, krank wird. Umgekehrt läßt sich nicht behaupten, daß das Fehlen von Streß eine Garantie für gute Gesundheit ist. Es wäre unklug, eine medizinische Behandlung abzulehnen in der irregeleiteten Annahme, man könne eine Krankheit durch Optimismus und positives Denken besiegen. Dr. Daniel Goleman gibt zu bedenken: „Dieses Gerede von ‚der richtigen Einstellung, die alles heilt‘, hat vielfach Verwirrung gestiftet und Mißverständnisse darüber erzeugt, in welchem Ausmaß eine Krankheit durch die Seele beeinflußt werden kann. Es hat, was vielleicht noch schlimmer ist, bei manchen bewirkt, daß sie sich schuld daran fühlen, eine Krankheit zu haben, so als sei das ein Zeichen einer moralischen Verfehlung oder spiritueller Unwürdigkeit.“

      Man muß sich somit darüber im klaren sein, daß sich die Ursache einer Krankheit selten auf einen einzigen Faktor begrenzen läßt. Dennoch macht der Zusammenhang zwischen Streß und Krankheiten deutlich, wie vernünftig es ist, die Wirkung dieses „schleichenden Giftes“, wann immer möglich, abzuschwächen.

      Doch bevor wir uns damit befassen, möchten wir uns einmal genauer ansehen, was Streß eigentlich ist und weshalb er uns manchmal sogar guttut.

  • Streß — „Ein schleichendes Gift“
    Erwachet! 1998 | 22. März
    • [Kasten auf Seite 5]

      Leiden, die mit Streß in Zusammenhang gebracht werden

      • Allergien

      • Arthritis

      • Asthma

      • Depressionen

      • Durchfall

      • Erkältungen

      • Grippe

      • Hautleiden

      • Herzbeschwerden

      • Kopfschmerzen

      • Magen-Darm-Beschwerden

      • Magengeschwüre

      • Migräne

      • Rücken-, Nacken- und Schulterschmerzen

      • Schlaflosigkeit

      • Sexuelle Funktionsstörungen

  • Guter Streß, schlechter Streß
    Erwachet! 1998 | 22. März
    • Guter Streß, schlechter Streß

      „Da Streß eine unspezifische Reaktion des Körpers auf irgendeine Beanspruchung ist, steht jeder Mensch jederzeit zu einem gewissen Grad unter Streß“ (Dr. Hans Selye).

      UM AUF einer Geige spielen zu können, müssen die Saiten gespannt sein, allerdings nur bis zu einem gewissen Grad. Sind sie zu fest gespannt, können sie reißen. Sind sie andererseits zu locker, läßt sich kein Ton erzeugen. Die richtige Spannung liegt irgendwo zwischen diesen beiden Extremen.

      Mit Streß verhält es sich ähnlich. Zuviel kann schädlich sein, wie wir bereits gesehen haben. Doch wie lebt es sich ganz ohne Streß? Der Gedanke könnte verlockend klingen, aber Tatsache ist, daß wir Streß brauchen — wenigstens bis zu einem gewissen Grad. Angenommen, wir bemerken beim Überqueren einer Straße plötzlich, daß sich ein Auto mit hoher Geschwindigkeit nähert. Streß versetzt uns in die Lage, der Gefahr auszuweichen, und zwar schleunigst.

      Streß ist allerdings nicht nur in kritischen Situationen nützlich. Man braucht ihn auch, um die tagtäglichen Aufgaben zu bewältigen. Jeder ist jederzeit einem gewissen Maß von Streß ausgesetzt. Wie Dr. Hans Selye sagt, kann man Streß nur vermeiden, wenn man tot ist. Die Aussage, jemand stehe unter Streß, sei genauso unsinnig wie die Aussage, er habe Temperatur. Was man in Wirklichkeit damit meine, sei ein Übermaß an Streß oder eine erhöhte Körpertemperatur. So gesehen, spielt Streß auch beim Ausspannen und Schlafen eine Rolle, denn die Funktion von Herz und Lunge muß aufrechterhalten werden.

      Drei Arten von Streß

      So, wie es unterschiedliche Grade von Streß gibt, gibt es auch unterschiedliche Arten von Streß.

      Akuter Streß resultiert aus den Belastungen des täglichen Lebens. Oft geht es dabei um unangenehme Situationen, die angegangen werden müssen. Da es sich um Ereignisse handelt, die nur temporär sind, ist der Streß normalerweise zu bewältigen. Natürlich gibt es Menschen, die von einer Krise in die andere schlittern und bei denen Chaos ein Persönlichkeitsmerkmal zu sein scheint. Selbst akuter Streß in diesem Ausmaß läßt sich unter Kontrolle bringen. Es kann allerdings sein, daß sich der Betreffende gegen Veränderungen wehrt, bis ihm bewußt wird, wie sich sein turbulenter Lebensstil auf ihn selbst und seine Umgebung auswirkt.

      Während akuter Streß temporär ist, handelt es sich bei chronischem Streß um eine Dauerbelastung. Der Betreffende sieht keinen Ausweg aus der Streßsituation, sei es das Elend der Armut, einer nicht geschätzten Arbeit oder der Arbeitslosigkeit. Chronischer Streß kann auch von andauernden familiären Problemen herrühren. Die Sorge für einen pflegebedürftigen Angehörigen ist ein weiterer Streßauslöser. Was auch immer die Ursache ist, Dauerstreß zehrt Tag für Tag, Woche für Woche und Monat für Monat an seinem Opfer. „Das schlimmste an chronischem Streß ist, daß man sich daran gewöhnt“, heißt es in einem Buch zu dem Thema. „Akuten Streß nimmt man sofort wahr, weil er etwas Neues ist; chronischen Streß ignoriert man, weil er alt, vertraut und manchmal fast angenehm ist.“

      Traumatischer Streß ist die Folge eines entsetzlichen Erlebnisses, wie zum Beispiel einer Vergewaltigung, eines Unfalls oder einer Naturkatastrophe. Viele Kriegsveteranen und KZ-Überlebende leiden unter dieser Art Streß. Zu den Symptomen von traumatischem Streß gehören lebhafte Erinnerungen an das Trauma, auch noch Jahre später, verbunden mit übersensiblen Reaktionen auf unbedeutende Vorfälle. Mitunter wird dann eine posttraumatische Belastungsreaktion diagnostiziert. (Siehe den obenstehenden Kasten.)

      Sensibilität gegenüber Streß

      Nach Ansicht einiger ist die Reaktion auf Streß davon abhängig, wieviel und welche Art Streß man in der Vergangenheit erlebt hat. Traumatische Geschehnisse könnten tatsächlich die chemischen Reaktionsabläufe im Gehirn verändern, so daß man künftig wesentlich sensibler auf Streß reagiere. Wie Dr. Lawrence Brass durch eine Studie mit 556 Veteranen des Zweiten Weltkriegs herausfand, ist das Schlaganfallrisiko unter ehemaligen Kriegsgefangenen 8mal höher als unter den übrigen Veteranen, und das noch 50 Jahre nach dem Trauma. Er stellte fest: „Der Streß der Gefangenschaft war so stark, daß er die späteren Streßreaktionen veränderte. Die Betreffenden wurden sensibler.“

      Streßerlebnisse in der Kindheit sollten, wie Experten sagen, nicht unterschätzt werden, denn sie können beträchtliche Auswirkungen haben. „Die meisten Kinder, die ein Trauma erleiden, werden nicht zum Arzt gebracht“, sagt Dr. Jean King. „Sie durchleben die Krise, führen ihr Leben weiter und erscheinen Jahre später als Erwachsene mit Depressionen oder Herzkrankheiten in unserer Praxis.“ Als Beispiel soll das Trauma dienen, den Vater oder die Mutter zu verlieren. „Streß in dieser Intensität und in sehr jungen Jahren kann die Schaltkreise des Gehirns auf Dauer verändern“, fährt Dr. King fort, „so daß die Fähigkeit, mit normalem Alltagsstreß umzugehen, beeinträchtigt wird.“

      Die Reaktion auf Streß hängt natürlich auch von einer Reihe zusätzlicher Faktoren ab, wozu die körperliche Verfassung und die verfügbaren Bewältigungshilfen zählen. Doch was auch immer die Ursache für Streß ist, er läßt sich bewältigen. Natürlich ist das nicht leicht. Dr. Rachel Yehuda erklärt: „Jemandem, der sensibel auf Streß reagiert, zu sagen, er solle sich einfach entspannen, wäre so, als würde man jemanden, der an Schlafstörungen leidet, auffordern, einfach einzuschlafen.“ Man kann jedoch einiges zur Streßreduzierung tun, wie der anschließende Artikel zeigt.

  • Guter Streß, schlechter Streß
    Erwachet! 1998 | 22. März
    • [Kasten auf Seite 7]

      Berufsstreß — Ein „weltweites Phänomen“

      In einem Bericht der Vereinten Nationen heißt es: „Streß ist eines der schwerwiegendsten Gesundheitsprobleme des 20. Jahrhunderts geworden.“ Seine Präsenz in der Arbeitswelt ist augenfällig.

      • Die Zahl der Ansprüche, die Regierungsbeamte in Australien auf Grund von Streßschädigungen geltend machen, ist in nur drei Jahren um 90 Prozent angestiegen.

      • Eine Umfrage in Frankreich hat ergeben, daß 64 Prozent der Krankenschwestern und 61 Prozent der Lehrer unter den Streßbelastungen in ihrem Arbeitsumfeld leiden.

      • Streßbedingte Krankheiten verursachen in den Vereinigten Staaten Kosten in Höhe von schätzungsweise 200 Milliarden Dollar im Jahr. Man geht davon aus, daß 75 bis 85 Prozent aller Betriebsunfälle mit Streß in Zusammenhang stehen.

      • In einem Land nach dem anderen stellt sich heraus, daß Frauen stärker unter Streß leiden als Männer, sehr wahrscheinlich, weil sie wegen der Doppelbelastung durch Haushalt und Beruf mit mehr Aufgaben jonglieren müssen.

      Berufsstreß ist mit Sicherheit, wie in dem UN-Bericht beschrieben, ein „weltweites Phänomen“.

  • Guter Streß, schlechter Streß
    Erwachet! 1998 | 22. März
    • [Kasten auf Seite 8]

      PTSD — Eine normale Reaktion auf ein unnormales Erlebnis

      „Drei Monate nach unserem Autounfall bekam ich immer noch Weinkrämpfe und konnte nachts nicht durchschlafen. Es machte mir schon angst, nur das Haus zu verlassen“ (Louise).

      LOUISE leidet an einer posttraumatischen Belastungsreaktion oder PTSD (von dem englischen Ausdruck „post-traumatic stress disorder“), einer entkräftenden Störung, die durch im Wach- oder Schlafzustand immer wiederkehrende, sich aufdrängende Erinnerungen an das traumatische Geschehen charakterisiert ist. PTSD kann auch von übertriebenen Schreckreaktionen begleitet sein. So berichtet der Psychologe Michael Davis von einem Vietnamveteranen, der am Tag seiner Hochzeit einen Auspuff knallen hörte und ins Gebüsch floh. „Die ganze Umgebung hätte ihm signalisieren müssen, daß alles in Ordnung ist“, sagt Davis. „Es waren 25 Jahre vergangen; er befand sich in den Vereinigten Staaten, nicht in Vietnam; ... er trug einen weißen Smoking, keine Soldatenuniform. Doch als dieser Stimulus kam, rannte er in Deckung.“

      Ein Kriegstrauma ist nur e i n e Ursache von PTSD. Dem Harvard Mental Health Letter zufolge kann diese Störung auf irgendein „Ereignis oder eine Reihe von Ereignissen zurückgehen, die mit Tod oder Todesgefahr, schwerer Verletzung oder Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit zusammenhängen. Es kann sich um eine Naturkatastrophe, einen Unfall oder um menschliches Einwirken handeln, Geschehnisse wie Überschwemmung, Feuer, Erdbeben, Autounfall, Bombenexplosion, Schießerei, Folter, Entführung, Angriff, Vergewaltigung oder Kindesmißhandlung.“ Allein ein traumatisches Geschehen zu beobachten oder davon zu erfahren — vielleicht durch eindrucksvolle Zeugenaussagen oder durch Fotos — kann PTSD-Symptome erzeugen, vor allem wenn Angehörige oder gute Freunde beteiligt sind.

      Menschen reagieren natürlich ganz unterschiedlich auf Traumen. „Die meisten entwickeln nach einem traumatischen Erlebnis keine ernsten psychischen Symptome, und selbst wenn Symptome auftreten, manifestieren sie sich nicht unbedingt als PTSD“, heißt es in dem Harvard-Mitteilungsblatt. Wie sieht es mit denen aus, deren Streßbelastung zu PTSD führt? Manchen gelingt es im Lauf der Zeit, die mit dem Trauma einhergehenden Gefühle in den Griff zu bekommen, worauf sich ihr Zustand bessert. Andere haben noch nach vielen Jahren mit den Erinnerungen an das traumatische Geschehen zu kämpfen.

      Wie auch immer, wer an PTSD leidet und wer Betroffenen helfen möchte, sollte daran denken, daß die Bewältigung des Problems Geduld erfordert. Die Bibel fordert Christen auf: „Redet bekümmerten Seelen tröstend zu, ... seid langmütig gegen alle“ (1. Thessalonicher 5:14). Louise, die zu Beginn erwähnt wurde, brauchte fünf Monate, bis sie sich wieder ans Steuer setzen konnte. „Trotz der Fortschritte, die ich gemacht habe“, sagt sie vier Jahre nach dem Unfall, „wird das Autofahren nie mehr das schöne Erlebnis sein, das es früher für mich war. Ich muß fahren, also fahre ich. Aber wenn ich daran denke, wie hilflos ich mich nach dem Unfall fühlte, dann habe ich es doch ziemlich weit gebracht.“

  • Streß ist zu bewältigen!
    Erwachet! 1998 | 22. März
    • Streß ist zu bewältigen!

      „Streß wird es immer geben, und statt ihn beseitigen zu wollen, sollten wir uns lieber mit unserer Reaktion darauf befassen“ (Leon Chaitow, bekannter Medizinpublizist).

      IN DER Bibel wurde prophezeit, daß „in den letzten Tagen kritische Zeiten dasein werden, mit denen man schwer fertig wird“. Alles deutet darauf hin, daß wir in dieser Zeit leben, denn die Menschen sind, ganz wie vorhergesagt, „anmaßend, hochmütig, Lästerer, den Eltern ungehorsam, undankbar, nicht loyal, ohne natürliche Zuneigung, für keine Übereinkunft zugänglich, Verleumder, ohne Selbstbeherrschung, brutal, ohne Liebe zum Guten, Verräter, unbesonnen, aufgeblasen vor Stolz“ (2. Timotheus 3:1-5).

      Kein Wunder, daß es so schwierig ist, einigermaßen gelassen zu bleiben! Selbst wer sich bemüht, in Frieden zu leben, bleibt von Schwierigkeiten nicht unbedingt verschont. „Viele sind der Unglücksschläge des Gerechten“, schrieb der Psalmist David (Psalm 34:19; vergleiche 2. Timotheus 3:12). Dennoch kann man viel tun, um Streß abzubauen, so daß man nicht davon erdrückt wird. Es folgen einige Anregungen.

      Auf sich selbst aufpassen

      Auf die Ernährung achten. Zu einer gesunden Ernährung gehören Proteine, Obst, Gemüse, Getreide und Milchprodukte. Von weißem Mehl und gesättigten Fettsäuren ist abzuraten. Es wird empfohlen, den Konsum von Salz, raffiniertem Zucker, Alkohol und Koffein zu begrenzen. Eine bessere Ernährung kann einen für Streß weniger anfällig machen.

      Sich Bewegung verschaffen. „Die Leibesübung ist ... nützlich“, sagt die Bibel (1. Timotheus 4:8). Moderates, aber konsequentes Bewegungstraining — eine Empfehlung lautet, dreimal wöchentlich — stärkt das Herz, verbessert die Durchblutung, senkt den Cholesterinspiegel und mindert das Risiko eines Herzinfarkts. Darüber hinaus wird durch Bewegung die Stimmung aufgehellt, was höchstwahrscheinlich an den Endorphinen liegt, die bei anstrengender Tätigkeit ausgeschüttet werden.

      Für genügend Schlaf sorgen. Schlafmangel führt zu Erschöpfung und setzt die Belastbarkeit herab. Wer unter Schlafstörungen leidet, könnte einmal versuchen, zu geregelten Zeiten ins Bett zu gehen und aufzustehen. Einige raten dazu, ein Nickerchen auf 30 Minuten zu beschränken, damit es sich nicht hinderlich auf die Nachtruhe auswirkt.

      Planvoll vorgehen. Menschen, die ihre Zeit einteilen können, werden mit Streß weitaus besser fertig. Will man sein Leben organisieren, sollte man als erstes festlegen, welche Tätigkeiten Priorität haben. Dann kann man einen Zeitplan aufstellen, damit diese Tätigkeiten nicht ins Hintertreffen geraten. (Vergleiche 1. Korinther 14:33, 40 und Philipper 1:10.)

      Wertvolle Freundschaften pflegen

      Halt suchen. Unter großen Belastungen sind Menschen, die in ein soziales Netz eingebunden sind, wenigstens bis zu einem gewissen Grad davor geschützt, von Streß erdrückt zu werden. Eine einzige Person zu kennen, der man sich anvertrauen kann, macht oft schon viel aus. Ein biblisches Sprichwort lautet: „Ein wahrer Gefährte liebt allezeit und ist ein Bruder, der für die Zeit der Bedrängnis geboren ist“ (Sprüche 17:17).

      Konflikte lösen. „Laßt die Sonne nicht über eurer gereizten Stimmung untergehen“ (Epheser 4:26). Eine Studie mit 929 Herzinfarktpatienten hat gezeigt, wie vernünftig es ist, Differenzen beizulegen, statt Ärger schwelen zu lassen. Menschen mit einem hohen Feindseligkeitspegel sind dreimal mehr gefährdet, innerhalb von zehn Jahren nach dem ersten Infarkt an Herzstillstand zu sterben, als ihre friedlicheren Leidensgenossen. Die Verfasser der Studie weisen darauf hin, daß Wut zwar der größte Faktor zu sein scheint, daß aber jede intensive negative Emotion, die eine starke Ausschüttung von Streßhormonen hervorruft, eine ähnliche Wirkung haben kann. „Eifersucht ... ist Fäulnis für das Gebein“, heißt es in Sprüche 14:30.

      Sich für die Familie Zeit nehmen. Israelitischen Eltern wurde geboten, mit ihren Kindern Zeit zu verbringen, um ihnen rechte Grundsätze ans Herz zu legen (5. Mose 6:6, 7). Dadurch wurde der familiäre Zusammenhalt gefördert — etwas, woran es heute leider mangelt. Bei einer Studie hat sich herausgestellt, daß manche berufstätige Ehepaare im Durchschnitt nur 3,5 Minuten täglich mit ihren Kindern spielen. Doch die Familie kann eine große Kraftquelle sein, wenn man unter Streß steht. „Durch die Familie wird man, ohne Vorbedingungen erfüllen zu müssen, in eine Selbsthilfegruppe aufgenommen, die einen so kennt, wie man ist, und einen trotzdem mag“ wird in einem Buch über Streß gesagt. „Familiäres Teamwork ist eine der besten Möglichkeiten, Streß zu reduzieren.“

      Auf Ausgeglichenheit hinarbeiten

      Vernünftig sein. Wer ständig bis an seine körperlichen und emotionellen Grenzen geht, ist ein Kandidat für Burnout und möglicherweise auch für Depressionen. Der Schlüssel ist Ausgeglichenheit. ‘Die Weisheit von oben ist vernünftig’, schrieb der Jünger Jakobus (Jakobus 3:17; vergleiche Prediger 7:16, 17 und Philipper 4:5). Man sollte lernen, nein zu sagen, wenn Forderungen an einen gestellt werden, die das übersteigen, was man im Rahmen des Vernünftigen leisten kann.

      Sich nicht mit anderen vergleichen. In Galater 6:4 heißt es: „Jeder erprobe sein eigenes Werk, und dann wird er Grund zum Frohlocken im Hinblick auf sich allein und nicht im Vergleich mit einer anderen Person haben.“ Ja, selbst im Bereich der Anbetung zieht Gott keine ungerechten Vergleiche und verlangt nicht mehr, als unsere individuellen Umstände uns erlauben. Was wir geben oder opfern, nimmt er gemäß dem an, ‘was wir haben, nicht gemäß dem, was wir nicht haben’ (2. Korinther 8:12).

      Zeit zum Ausspannen schaffen. Sogar Jesus, der ein hart arbeitender Mensch war, schuf für sich und seine Jünger Zeit zum Ausruhen (Markus 6:30-32). Der inspirierte Verfasser des Bibelbuches Prediger sah wohltuende Entspannung als etwas Gutes an. Er schrieb: „Ich selbst lobte die Freude, weil die Menschen nichts Besseres haben unter der Sonne, als zu essen und zu trinken und sich zu freuen, und daß dies sie begleiten sollte in ihrer harten Arbeit während der Tage ihres Lebens, die der wahre Gott ihnen unter der Sonne gegeben hat“ (Prediger 8:15). Maßvolle Vergnügungen können den Körper beleben und Streß abbauen helfen.

      Streß richtig einordnen

      Wer großen Belastungen ausgesetzt ist, sollte folgendes beachten:

      Nicht folgern, man stehe vor Gott als unbewährt da. Die Bibel spricht davon, daß Hanna, eine treue Frau, jahrelang „bitterer Seele“ war („ganz verzweifelt“, Die Bibel in heutigem Deutsch) (1. Samuel 1:4-11). In Mazedonien wurde Paulus „auf jede Weise niedergedrückt“ (2. Korinther 7:5). Vor seinem Tod geriet Jesus „in Todesangst“, und die Belastung war so groß, daß „sein Schweiß ... wie Blutstropfen [wurde], die zur Erde fielen“ (Lukas 22:44).a Hier ist von treuen Dienern Gottes die Rede. Wenn man Belastungen ausgesetzt ist, besteht somit kein Grund, zu folgern, man sei von Gott verlassen worden.

      Durch belastende Umstände lernen. Paulus schrieb, daß er einen ‘Dorn im Fleisch’ ertragen mußte. Dabei handelte es sich zweifellos um ein Gesundheitsproblem, das ihn schwer belastete (2. Korinther 12:7). Ungefähr fünf Jahre später konnte er jedoch sagen: „In allem und unter allen Umständen habe ich das Geheimnis kennengelernt, sowohl satt zu sein als auch zu hungern, sowohl Überfluß zu haben als auch Mangel zu leiden. Für alles bin ich stark durch den, der mir Kraft verleiht“ (Philipper 4:12, 13). Der ‘Dorn im Fleisch’ bereitete Paulus keine Freude, aber dadurch, daß er ihn ertrug, lernte er, sich noch mehr auf Gottes Kraft zu verlassen (Psalm 55:22).

      Eine geistige Gesinnung entwickeln

      Gottes Wort lesen und darüber nachsinnen. „Glücklich sind die, die sich ihrer geistigen Bedürfnisse bewußt sind“, sagte Jesus (Matthäus 5:3). Gottes Wort zu lesen und darüber nachzusinnen ist äußerst wichtig. Wenn man fleißig in der Bibel forscht, stößt man oft auf genau die ermutigende Aussage, die man braucht, um den Tag durchzustehen (Sprüche 2:1-6). „Als meiner beunruhigenden Gedanken in meinem Innern viele wurden, begannen deine [Gottes] eigenen Tröstungen meine Seele zu liebkosen“, schrieb der Psalmist (Psalm 94:19).

      Regelmäßig beten. Paulus schrieb: „Laßt ... eure Bitten bei Gott bekanntwerden; und der Frieden Gottes, der alles Denken übertrifft, wird euer Herz und eure Denkkraft durch Christus Jesus behüten“ (Philipper 4:6, 7). Ja, der „Frieden Gottes“ ist größer als unsere aufgewühlten Gefühle und kann uns inneren Halt geben, selbst wenn dazu „Kraft, die über das Normale hinausgeht“, notwendig ist (2. Korinther 4:7).

      Christliche Zusammenkünfte besuchen. Die Christenversammlung bietet wertvollen Rückhalt, denn diejenigen, die ihr angehören, werden angehalten, ‘aufeinander zu achten zur Anreizung zur Liebe und zu vortrefflichen Werken und einander zu ermuntern’. Mit gutem Grund forderte Paulus die hebräischen Christen des ersten Jahrhunderts auf, ‘ihr Zusammenkommen nicht aufzugeben’ (Hebräer 10:24, 25).

      Eine sichere Hoffnung

      Will man Streß reduzieren, ist es allerdings meistens nicht mit einem einfachen Patentrezept getan. Oft ist eine grundlegende Änderung im Denken erforderlich. So kann es sein, daß man neue Verhaltensreaktionen erlernen muß, um von Streßsituationen nicht erdrückt zu werden. In manchen Fällen könnte es die Häufigkeit oder die Intensität der Belastungen erforderlich machen, kompetenten ärztlichen Rat einzuholen.

      Natürlich führt heute keiner ein Leben, das von schlechtem Streß völlig frei ist. Die Bibel sichert uns jedoch zu, daß sich Gott bald den Menschen zuwenden und die Verhältnisse beseitigen wird, die ein hohes Maß an schädlichem Streß verursachen. In Offenbarung 21:4 ist zu lesen, daß Gott „jede Träne von ihren Augen abwischen [wird], und der Tod wird nicht mehr sein, noch wird Trauer, noch Geschrei, noch Schmerz mehr sein“. Dann werden treue Menschen in Sicherheit leben. Der Prophet Micha sagte voraus: „Sie werden tatsächlich sitzen, jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum, und da wird niemand sein, der sie aufschreckt; denn der Mund Jehovas der Heerscharen selbst hat es geredet“ (Micha 4:4).

  • Streß ist zu bewältigen!
    Erwachet! 1998 | 22. März
    • [Kasten auf Seite 12]

      Streß und Operationen

      Manche Ärzte berücksichtigen den Streßpegel ihrer Patienten, bevor sie sie in den Operationssaal fahren. Der Chirurg Dr. Camran Nezhat erklärt:

      „Wenn eine Patientin mir an dem Tag, an dem sie zur Operation vorgesehen ist, sagt, daß sie schreckliche Panik hat und sich ihr nicht unterziehen möchte, dann wird nicht operiert.“ Warum nicht? Dr. Nezhat erläutert: „Es ist jedem Chirurgen bekannt, daß extrem verängstigte Patienten bei der Operation furchtbare Probleme machen. Sie bluten zu stark, sie haben mehr Infektionen und Komplikationen. Ihre Genesung dauert länger. Es ist viel besser, wenn sie ruhig sind.“

  • Streß ist zu bewältigen!
    Erwachet! 1998 | 22. März
    • a Es soll schon vorgekommen sein, daß eine außergewöhnlich starke psychische Belastung blutigen Schweiß verursacht hat. Bei Hämathidrose etwa findet eine Ausscheidung von Schweiß statt, der durch Blutfarbstoffe, Blut oder blutige Körperflüssigkeit gerötet ist. Es läßt sich jedoch nicht mit Sicherheit sagen, was bei Jesus der Fall war.

Deutsche Publikationen (1950-2025)
Abmelden
Anmelden
  • Deutsch
  • Teilen
  • Einstellungen
  • Copyright © 2025 Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania
  • Nutzungsbedingungen
  • Datenschutzerklärung
  • Datenschutzeinstellungen
  • JW.ORG
  • Anmelden
Teilen