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Aberglaube — Wie verbreitet ist er heute?Erwachet! 1999 | 22. Oktober
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Aberglaube — Wie verbreitet ist er heute?
ES KANN einem überall passieren: am Arbeitsplatz, in der Schule, in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf der Straße. Man muß niesen, und Passanten — Menschen, die man nie zuvor gesehen hat — sagen: „Gesundheit!“ Eine solche Erwiderung ist in vielen Sprachen üblich. In Amerika hört man meist: „God bless you.“ Araber sagen: „Yarhamak Allah“, und unter manchen polynesischen Völkern des Südpazifiks hört man gewöhnlich: „Tihei mauri ora.“
Vielleicht haben wir uns nie gefragt, warum die Menschen so reagieren, weil wir dachten, es sei einfach nur eine Frage der üblichen Höflichkeit, der in der Kultur verwurzelten gesellschaftlichen Umgangsformen. In Wirklichkeit jedoch rührt dieses Verhalten vom Aberglauben her. Moira Smith, Bibliothekarin am Institut für Volkskunde der Universität von Indiana in Bloomington (Indiana, USA), sagt darüber: „Der Ursprung ist die Vorstellung, man niese sich die Seele aus dem Leib.“ Mit der Reaktion „God bless you“ („Gott segne Sie“) soll Gott gewissermaßen gebeten werden, einem die Seele wieder zurückzugeben.
Freilich würden die meisten Menschen die Vorstellung, beim Niesen verlasse die Seele den Leib, als vernunftwidrig abtun. Interessanterweise wird der englische Begriff für „Aberglaube“ in Webster’s Ninth New Collegiate Dictionary unter anderem definiert als „ein Glaube oder Brauch, der von Unwissenheit herrührt, von Furcht vor dem Unbekannten, Vertrauen auf Magie oder Glück, einer falschen Vorstellung von Ursache und Wirkung“.
Kein Wunder, daß ein Arzt im 17. Jahrhundert die abergläubischen Vorstellungen seiner Zeit als „volkstümlichen Irrglauben“ der Ungebildeten bezeichnete! Angesichts der mit dem Anbruch des 20. Jahrhunderts einhergehenden wissenschaftlichen Fortschritte sah die Encyclopædia Britannica von 1910 zuversichtlich die Zeit nahen, da die „Zivilisation vom letzten Gespenst des Aberglaubens befreit“ würde.
So verbreitet wie eh und je
Diese optimistische Einschätzung vor knapp einem Jahrhundert hat sich als falsch erwiesen, denn abergläubische Vorstellungen scheinen so tief verwurzelt zu sein wie eh und je. Ein typisches Merkmal des Aberglaubens ist seine Langlebigkeit. Das Wort „Aberglaube“ ist die Übersetzung des lateinischen Ausdrucks superstitio, der sich aus super, was „über“ bedeutet, und stare, „stehen“, zusammensetzt. Tatsächlich nannte man Krieger, die eine Schlacht überstanden, superstites, denn sie überlebten ihre Kameraden, „standen“ also buchstäblich „über“ ihnen. In Anlehnung an den so abgeleiteten Wortsinn heißt es in dem Buch Superstitions: „Die heute noch existierenden abergläubischen Vorstellungen ‚stehen über‘ den Jahrhunderten, in denen versucht wurde, sie auszumerzen.“ Betrachten wir einige Beispiele dafür, wie hartnäckig sich abergläubische Vorstellungen halten:
◻ Nachdem der Oberbürgermeister einer Metropole in Asien überraschend gestorben war, forderte das verunsicherte Personal seines Amtssitzes den Nachfolger auf, sich parapsychologisch beraten zu lassen. Ein Medium empfahl, einiges in und um den Amtssitz zu verändern, und dadurch würde nach Ansicht des Personals Unglück abgewendet.
◻ Die Präsidentin einer millionenschweren Firma in den Vereinigten Staaten trägt ständig einen besonderen Stein bei sich. Seit ihrer ersten erfolgreichen Verkaufsausstellung verläßt sie ihr Haus nicht mehr ohne diesen Stein.
◻ Vor Abschluß wichtiger Geschäfte ziehen leitende asiatische Unternehmensvertreter häufig Wahrsager zu Rate.
◻ Ein Athlet, der intensiv trainiert hat, schreibt seinen Erfolg gleichwohl einem Kleidungsstück zu. Deshalb trägt er dasselbe Kleidungsstück bei künftigen Wettkämpfen, ohne es zwischenzeitlich zu waschen.
◻ Ein Schüler verwendet bei einer Prüfung einen bestimmten Stift und bekommt eine gute Note. Daraufhin betrachtet er den Stift als „Glücksbringer“.
◻ Eine Braut achtet sorgfältig darauf, an ihrem Hochzeitstag „etwas Altes, etwas Neues, etwas Geborgtes und etwas Blaues“ zu tragen.
◻ Jemand schlägt wahllos die Bibel auf und liest den Text, auf den sein Blick als erstes fällt, in dem Glauben, durch diese Worte die konkrete Anleitung zu erhalten, die er gerade benötigt.
◻ Während ein Jumbo-Jet beschleunigt und von der Startbahn abhebt, bekreuzigen sich etliche Passagiere. Ein Passagier umklammert während des Fluges ein Medaillon des „heiligen“ Christophorus.
Aberglaube ist tatsächlich auch heute noch weit verbreitet. Stuart A. Vyse, außerordentlicher Professor für Psychologie am Connecticut College, erklärt sogar in seinem Buch Believing in Magic—The Psychology of Superstition: „Obwohl wir in einer technologisch fortschrittlichen Gesellschaft leben, ist der Aberglaube so weit verbreitet wie eh und je.“
Der Aberglaube ist nach wie vor so tief verwurzelt, daß die Bemühungen, ihn auszumerzen, gescheitert sind. Woran liegt das?
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Aberglaube — Warum so hartnäckig?Erwachet! 1999 | 22. Oktober
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Aberglaube — Warum so hartnäckig?
BEKANNTLICH gibt es nach wie vor viele, die es für ein böses Omen halten, wenn ihnen eine schwarze Katze über den Weg läuft, oder die sich davor fürchten, unter einer Leiter hindurchzugehen. Viele halten auch Freitag, den 13., für einen Unglückstag und den 13. Stock eines Gebäudes für einen gefährlichen Ort. So vernunftwidrig diese abergläubischen Vorstellungen auch sind, halten sie sich doch hartnäckig.
Fragen wir uns: Warum tragen manche eine Hasenpfote bei sich, oder warum klopfen sie auf Holz, wenn sie einer bestimmten Hoffnung Ausdruck verleihen wollen? Tun sie es nicht deshalb, weil sie — ohne vernünftige Beweise dafür zu haben — glauben, das bringe ihnen Glück? In dem Buch A Dictionary of Superstitions wird hierzu festgestellt: „Wer abergläubische Vorstellungen hegt, glaubt, bestimmte Gegenstände, Orte, Tiere oder Handlungen seien Glücksbringer (gute Omen), andere (schlechte Omen) hingegen brächten Unglück.“ (Vergleiche Galater 5:19, 20.)
Bemühungen, Aberglauben in China auszumerzen
Abergläubische Vorstellungen haben offensichtlich auch neuere Versuche überlebt, sie auszumerzen. 1995 erließ zum Beispiel der Volkskongreß von Schanghai eine amtliche Regierungsverordnung, nach der Aberglaube als rückständiges Überbleibsel aus der Vergangenheit der Nation zu ächten sei. Man beabsichtigte damit, „den feudalistischen Aberglauben auszurotten, Begräbnisbräuche zu reformieren und den Aufbau einer zivilisierteren Hauptstadt zu fördern“. Was war die Folge?
Gemäß einem Bericht setzten die Einwohner von Schanghai ihre abergläubischen Praktiken unbeirrt fort. Dem amtlichen Verbot des chinesischen Brauchs, an Grabstätten der Ahnen unechtes Papiergeld zu verbrennen, zum Trotz sagte der Besucher einer Grabstätte: „Wir haben 19 Milliarden Yuan [etwa drei Milliarden Dollar] verbrannt.“ Er fügte hinzu: „Das ist die Tradition. Es freut die Götter.“
Wie unwirksam das Verbot ist, unterstrich die einflußreiche Zeitung Guangming Daily mit dem Hinweis, es gebe gut und gern „fünf Millionen berufsmäßige Wahrsager in China im Vergleich zu insgesamt nur zehn Millionen in Wissenschaft und Technologie Beschäftigten“. Die Zeitung stellte fest: „Der Trend geht offenbar klar zugunsten der Wahrsager.“
In der internationalen Ausgabe der Encyclopedia Americana wird der Umstand, daß sich abergläubische Vorstellungen so hartnäckig halten, wie folgt kommentiert: „In allen Kulturen gibt es gewisse Bräuche, die nicht nur beibehalten, sondern auch umgedeutet und neu interpretiert werden.“ In einer neueren Ausgabe der New Encyclopædia Britannica wird eingeräumt: „Selbst in unserer sogenannt modernen Zeit, wo objektive Beweise einen so hohen Stellenwert haben, gibt es kaum jemand, der nicht auf hartnäckige Nachfrage hin zugeben würde, insgeheim der einen oder anderen vernunftwidrigen oder abergläubischen Vorstellung anzuhängen.“
Zweierlei Maß
Offenbar messen viele mit zweierlei Maß, weil sie nicht bereit sind, öffentlich zu dem zu stehen, was sie im Privaten praktizieren. Ein Publizist sagte, man halte sich diesbezüglich zurück, weil man befürchte, sonst nicht mehr ernst genommen zu werden. Aus diesem Grund bezeichnen manche ihre abergläubischen Praktiken lieber als Routine oder Gewohnheit. Sportler zum Beispiel umschreiben ein solches Verhalten gern als psychologische Wettkampfvorbereitung.
Ein Journalist machte kürzlich eine hintergründige Bemerkung über einen Kettenbrief — ein Brief, der vom Empfänger abgeschrieben und an möglichst viele andere weitergeschickt werden soll. Häufig wird dem, der einen solchen Brief weiterschickt, Glück versprochen, für jemand hingegen, der die Kette unterbricht, soll dies böse Folgen haben. Daher wurde der Journalist ein neues Glied in der Kette und sagte: „Sie müssen wissen, daß ich das nicht tue, weil ich abergläubisch bin. Ich will nur kein Pech haben.“
Anthropologen und Volkskundler halten schon allein den Begriff „abergläubisch“ für zuwenig objektiv; sie scheuen davor zurück, bestimmte Verhaltensmuster so abzustempeln. Statt dessen gebrauchen sie lieber die „umfassenden“, aber schönfärberischen Ausdrücke „Volksglauben und -brauchtum“, „Folklore“ oder „Glaubenssystem“. Dick Hyman macht in seinem Buch Lest Ill Luck Befall Thee—Superstitions of the Great and Small die unverblümte Bemerkung: „Wie für die Sünde und die Erkältung gibt es auch für den Aberglauben wenig Befürworter, aber viele Fachleute.“
Dessenungeachtet hält sich der Aberglaube hartnäckig, ganz gleich, welchen Namen man ihm gibt. Woran liegt das, da wir doch in einem technologisch und wissenschaftlich fortschrittlichen Zeitalter leben?
Warum so hartnäckig?
Manche sagen, der Aberglaube sei für den Menschen einfach normal. Einige gehen sogar so weit, zu behaupten, die Veranlagung zum Aberglauben liege in den Genen. Die Ergebnisse von Forschungen belegen jedoch das Gegenteil. Allen Erkenntnissen nach werden Menschen auf Grund dessen abergläubisch, was man sie lehrt.
Professor Stuart A. Vyse erklärt: „Abergläubisches Verhalten wird ebenso wie die meisten anderen Verhaltensmuster im Lauf des Lebens erworben. Wir klopfen nicht von Geburt an auf Holz; man bringt uns das bei.“ Wie man sagt, lernen Menschen als Kinder, an Magie zu glauben, und bleiben dann, noch lange nachdem sie „die Vernunft eines Erwachsenen angenommen“ haben, für abergläubische Vorstellungen empfänglich. Und woher stammen viele dieser Vorstellungen?
Zahlreiche abergläubische Vorstellungen sind eng mit liebgewordenen religiösen Lehren verknüpft. Aberglaube gehörte beispielsweise zur Religion der Menschen, die vor den Israeliten im Land Kanaan lebten. Wie die Bibel sagt, war es bei den Kanaanitern Brauch, sich mit Wahrsagerei zu beschäftigen, Magie zu treiben, sich auf Omen oder Zauberei zu verlassen, andere mit einem Bannspruch zu binden sowie Geistermedien oder berufsmäßige Vorhersager von Ereignissen und sogar die Toten zu befragen (5. Mose 18:9-12).
Die Religion des antiken Griechenland war ebenfalls dafür bekannt, mit Aberglauben durchsetzt zu sein. Die Griechen glaubten — nicht anders als die Kanaaniter — an Orakel, Wahrsagerei und Magie. Die Babylonier beschauten die Leber eines Opfertieres, weil sie so herauszufinden glaubten, wie sie vorgehen sollten (Hesekiel 21:21). Sie waren auch dafür bekannt, dem Glücksspiel zu frönen, und suchten Hilfe bei dem in der Bibel erwähnten „Gott des ‚Glücks‘“ (Jesaja 65:11). Der Aberglaube von Glücksspielern ist noch heute geradezu sprichwörtlich.
In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, daß eine Reihe Kirchen gewohnheitsmäßiges Glücksspiel nachgerade fördern. Ein Beispiel dafür ist die katholische Kirche, die etwa dem Bingospielen Vorschub leistet. Auf den Umstand Bezug nehmend, daß viele Spieler sehr abergläubisch sind, bemerkte ein Spieler: „Ich bin sicher, daß die katholische Kirche diese Eigenschaften der Glücksspieler kennt, denn in der Nähe des Rennplatzes hielten sich stets Nonnen mit Sammelbüchsen auf. Wie könnte ein Katholik — und viele von uns waren Katholiken — an einer ‚Schwester‘ vorübergehen und dennoch erwarten, bei einer Rennwette Erfolg zu haben? Wir gaben also eine Spende. Und wenn wir an jenem Tag gewannen, waren wir besonders großzügig, in der Hoffnung, daß der Erfolg dadurch anhalten würde.“
Wie eng Religion und Aberglaube zusammengehören, wird an den abergläubischen Vorstellungen deutlich, die mit Weihnachten verknüpft sind, einem Fest, für das die Kirchen der Christenheit werben. Zum Beispiel hofft man, jemand unter einer Mistel zu küssen werde zu einer Heirat führen, und auch den Nikolaus umranken zahlreiche abergläubische Vorstellungen.
In dem Buch Lest Ill Luck Befall Thee wird erklärt, der Aberglaube sei in dem Bemühen entstanden, „in die Zukunft zu spähen“. Wie von jeher befragen heutzutage sowohl einfache Menschen als auch führende Politiker Wahrsager und andere, die vorgeben, über magische Kräfte zu verfügen. Dazu heißt es in dem Buch Don’t Sing Before Breakfast, Don’t Sleep in the Moonlight: „Es war den Menschen ein Bedürfnis, an die Wirksamkeit von Amuletten und Zaubersprüchen zu glauben, die sie vor den Schrecken des Bekannten wie des Unbekannten schützen konnten.“
Somit soll den Menschen durch gewisse abergläubische Handlungen das Gefühl vermittelt werden, sie könnten ihre Ängste kontrollieren. Das Buch Cross Your Fingers, Spit in Your Hat sagt dazu, Menschen verließen sich heutzutage aus demselben Grund auf abergläubische Vorstellungen wie schon in der Vergangenheit. Sähen sie sich mit Situationen konfrontiert, über die sie keine Gewalt hätten — in denen sie also vom Zufall oder vom „Glück“ abhängig seien —, vermittle ihnen der Aberglaube „größere Sicherheit“.
Obwohl das Leben der Menschen durch die Wissenschaft in vielerlei Hinsicht verbessert worden ist, fühlen sie sich nach wie vor unsicher. Ihre Unsicherheit hat sogar zugenommen angesichts der Probleme, die die Wissenschaft verursacht hat. Professor Vyse bemerkt diesbezüglich: „Aberglaube und der Glaube an das Übersinnliche gehören untrennbar zu unserer Kultur ..., denn die Welt, in der wir leben, verstärkt unser Gefühl der Unsicherheit.“ Und die World Book Encyclopedia kommt zu dem Schluß: „Abergläubische Vorstellungen werden wahrscheinlich so lange im Leben der Menschen eine Rolle spielen, wie sie ... Zukunftsängste haben.“
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß sich abergläubische Vorstellungen deshalb hartnäckig halten, weil sie in Ängsten wurzeln, die den Menschen gemein sind, und weil sie von zahlreichen liebgewordenen religiösen Ansichten gestützt werden. Sollte man daraus schließen, der Aberglaube sei nützlich, da er den Menschen helfe, mit ihren Ängsten fertig zu werden? Ist Aberglaube harmlos? Oder ist er etwas Gefährliches, etwas, wovor man sich hüten sollte?
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Allein in China gibt es gut und gern fünf Millionen berufsmäßige Wahrsager
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Viele Kirchen haben dem Aberglauben Vorschub geleistet, indem sie das Bingospielen ermöglichten
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Weihnachtsbräuche, wie etwa das Küssen unter einer Mistel, wurzeln im Aberglauben
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Aberglaube — Warum so gefährlich?Erwachet! 1999 | 22. Oktober
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Aberglaube — Warum so gefährlich?
KANN der Aberglaube uns schaden? Mancher hält das für abwegig oder schätzt die Gefahr als geringfügig ein. Doch Professor Stuart A. Vyse schreibt warnend in seinem Buch Believing in Magic—The Psychology of Superstition: „Aberglaube kann die Lebensqualität beeinträchtigen, wenn jemand viel Geld ausgibt, um Wahrsager, Numerologen oder Kartenleger zu befragen, oder wenn durch abergläubische Rituale die Spielsucht gefördert wird.“ Es kann noch weitaus gravierendere Folgen haben, sein Leben von Aberglauben beherrschen zu lassen.
Wie bereits festgestellt, haben viele abergläubische Vorstellungen den Zweck, Zukunftsängste zu zerstreuen. Aber es ist wichtig, den Unterschied zu kennen zwischen Aberglauben und zuverlässigen Auskünften darüber, was die Zukunft bringt. Betrachten wir ein Beispiel.
Ein Blick hinter die Kulissen
Nach monatelanger Entdeckungsfahrt entlang der Küste Mittelamerikas gelang es Christoph Kolumbus 1503, mit seinen letzten beiden Schiffen die Insel zu erreichen, die heute als Jamaika bekannt ist. Anfänglich teilten die Eingeborenen großzügig ihre Nahrung mit den gestrandeten Entdeckungsreisenden. Weil sich die Seeleute aber schlecht benahmen, hörten die Eingeborenen nach einiger Zeit auf, sie mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Die Lage spitzte sich zu, da es noch geraume Zeit dauern sollte, bis ein anderes Schiff kommen und sie retten würde.
Dem Bericht zufolge bemerkte Kolumbus, als er seinen Almanach durchsah, daß am 29. Februar 1504 eine totale Mondfinsternis eintreten werde. Auf den Aberglauben der Eingeborenen spekulierend, warnte er sie, der Mond werde sein Licht nicht mehr geben, wenn sie seine Mannschaft nicht mit Nahrungsmitteln versorgen würden. Die Eingeborenen ignorierten die Warnung — bis die Mondfinsternis einsetzte. Dann eilten sie, „mit Lebensmitteln beladen, klagend und jammernd aus allen Richtungen auf die Schiffe zu“. Für die verbleibende Zeit ihres Aufenthalts hatten die Entdeckungsreisenden genug zu essen.
In den Augen der Inselbewohner hatte Kolumbus einen mächtigen Zauber vollbracht. Diese Annahme aber resultierte lediglich aus ihrem Aberglauben. In Wirklichkeit stützte sich die „Vorhersage“ auf die zuverlässigen Bewegungsabläufe von Erde, Mond und Sonne. Astronomen können Himmelsphänomene wie eine Sonnen- oder Mondfinsternis lange im voraus zuverlässig berechnen, und solche Angaben erscheinen in Kalendern. Außerdem bewegen sich die Himmelskörper so exakt, daß Astronomen ihre genaue Position zu jedem beliebigen Zeitpunkt vorausberechnen können. Wenn man daher in der Zeitung liest, um wieviel Uhr die Sonne auf- oder untergehen wird, nimmt man das als Tatsache hin.
Der eigentliche Urheber aller Informationen, die über den Zeitpunkt von Eklipsen sowie von Sonnenauf- und -untergang veröffentlicht werden, ist der große Schöpfer der Himmelskörper. Hingegen stammen die Voraussagen von Wahrsagern, Magiern, Kartenlegern und solchen, die in die Kristallkugel schauen, aus einer ganz anderen Quelle, einer, die im Widerstand zum allmächtigen Gott steht. Worum handelt es sich?
Eine gefährliche Quelle
In Apostelgeschichte 16:16-19 berichtet die Bibel über ein „gewisses Dienstmädchen“ in der alten Stadt Philippi, das seinen Herren mittels seiner „Kunst der Voraussage“ viel Gewinn einbrachte. Wie der Bericht allerdings deutlich hervorhebt, war nicht der allmächtige Schöpfer die Quelle ihrer Voraussagen, sondern ‘ein Wahrsagerdämon’. Als daher Paulus den Dämon austrieb, verlor das Dienstmädchen die Fähigkeit, etwas vorauszusagen.
Darum zu wissen, daß solche Voraussagen aus einer dämonischen Quelle stammen, hilft uns verstehen, warum es in Gottes Gesetz für die Israeliten hieß: „Es sollte sich in dir nicht jemand finden, ... der sich mit Wahrsagerei beschäftigt, der Magie treibt, oder jemand, der nach Omen ausschaut, oder ein Zauberer oder einer, der andere mit einem Bannspruch bindet, oder jemand, der ein Geistermedium befragt, oder ein berufsmäßiger Vorhersager von Ereignissen ... Denn jeder, der diese Dinge tut, ist für Jehova etwas Verabscheuungswürdiges“ (5. Mose 18:10-12). Unter diesem Gesetz stand auf solche Praktiken sogar die Todesstrafe (3. Mose 19:31; 20:6).
Vielleicht überrascht es uns zu erfahren, daß hinter vielen scheinbar harmlosen abergläubischen Bräuchen böse Mächte stecken. Doch die Bibel sagt: „Der Satan selbst nimmt immer wieder die Gestalt eines Engels des Lichts an“ (2. Korinther 11:14). Satan und die Dämonen, über die er herrscht, sind imstande, gefährliche Praktiken als harmlos oder gar nützlich hinzustellen. Mitunter können sie Vorzeichen fabrizieren und sie dann eintreffen lassen, so daß Beobachter getäuscht werden und denken, das Omen stamme von Gott. (Vergleiche Matthäus 7:21-23; 2. Thessalonicher 2:9-12.) Das erklärt, warum gewisse Voraussagen von Personen, die vorgeben, besondere Kräfte zu besitzen, manchmal eintreffen.
Natürlich sind viele, wenn nicht die meisten derer, die besondere Kräfte zu besitzen vorgeben, Betrüger, reine Scharlatane, die gutgläubigen Menschen das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Ob es sich aber um Betrüger handelt oder nicht — sie alle benutzt Satan auf wirkungsvolle Weise, um Menschen gegen Jehova aufzubringen und sie für die ‘herrliche gute Botschaft’ zu verblenden (2. Korinther 4:3, 4).
„Glücksbringer“ und Götzendienst
Wie steht es mit den „Glücksbringern“ und abergläubischen Ritualen, deren sich Menschen bedienen, um Sicherheit zu gewinnen und zufällige Ereignisse in ihrem Leben kontrollieren zu können? Auch damit sind eine Reihe heimtückischer Gefahren verbunden. Zum einen überläßt der abergläubische Mensch womöglich unsichtbaren Mächten praktisch die Kontrolle über sein Leben. Er schlägt Logik und Vernunft in den Wind und gibt sich statt dessen vernunftwidrigen Ängsten hin.
Auf eine weitere unterschwellige Gefahr macht ein Publizist mit folgenden Worten aufmerksam: „Verläßt sich jemand auf einen Glücksbringer zu seinem Schutz und der Glücksbringer versagt, neigt der Betreffende vielleicht dazu, die Schuld für sein Pech in dem Verhalten anderer zu suchen, statt selbst die Verantwortung zu übernehmen.“ (Vergleiche Galater 6:7.) Der Essayist Ralph Waldo Emerson sagte interessanterweise einmal: „Flache Menschen glauben an Glück ... Starke Menschen glauben an Ursache und Wirkung.“
Das in unserem Leben wirksame Prinzip von Ursache und Wirkung ist häufig mit Zufällen verbunden: „Zeit und unvorhergesehenes Geschehen“ trifft uns alle (Prediger 9:11). Zufälle sind nicht auf die „Launen des Schicksals“ zurückzuführen. Christen wissen, daß abergläubische Gewohnheiten und Zaubermittel keinen Einfluß haben auf den Ausgang zufälliger Ereignisse. Treten solche Zufälle ein, erinnert das daran, wie wahr die biblische Aussage ist, nach der „ihr nicht wißt, was euer Leben morgen sein wird. Denn ihr seid ein Dunst, der für eine kleine Weile erscheint und dann verschwindet“ (Jakobus 4:14).
Wahre Christen sind sich außerdem bewußt, daß Glücksbringern und abergläubischen Ritualen oder Gewohnheiten häufig eine Aufmerksamkeit geschenkt wird, die mit Verehrung gleichzusetzen ist. Daher betrachten Christen all dies als eine Form des Götzendienstes, und dieser wird in Gottes Wort deutlich verurteilt (2. Mose 20:4, 5; 1. Johannes 5:21).
Wie können wir erfahren, was die Zukunft bringt?
Das soll nicht heißen, daß Christen nicht an der Zukunft interessiert sind. Im Gegenteil! Der gesunde Menschenverstand sagt einem, daß es höchst wertvoll ist, zu wissen, was vor einem liegt. Wissen wir im voraus, was geschehen wird, können wir uns entsprechend darauf einstellen, zu unserem eigenen Nutzen und zum Nutzen derer, die uns lieb sind.
Allerdings kommt es entscheidend darauf an, diesen Aufschluß aus der richtigen Quelle zu beziehen. Der Prophet Jesaja mahnte zur Vorsicht: „Die Leute werden euch auffordern: ‚Befragt doch die Geister der Verstorbenen, die Wahrsagegeister ...! ‘ Haltet euch an die Weisungen des Herrn und an meine Warnungen! Das ist die einzig gültige Antwort. Gegen Gottes Ankündigungen richten Beschwörungen nichts aus!“ (Jesaja 8:19, 20, Die Gute Nachricht).
Die richtige Quelle für zuverlässige Informationen über die Zukunft ist der Autor der Bibel (2. Petrus 1:19-21). Dieses inspirierte Buch enthält eine Fülle von Beweisen dafür, daß Prophezeiungen, die der allmächtige Gott, Jehova, geäußert hat, zuverlässig sind — genauso zuverlässig wie die Bewegungen der Himmelskörper, die in zahllosen Kalendern „vorhergesagt“ werden. Betrachten wir ein Beispiel dafür, wie genau die biblische Prophetie bis in die Einzelheiten ist. Nehmen wir an, eine bekannte Persönlichkeit wendet sich heute mit einer Voraussage an die Öffentlichkeit, die in 200 Jahren eintreffen soll, also im Jahr 2199. Im einzelnen sagt der Betreffende folgendes voraus:
◻ Eine große militärische Auseinandersetzung wird zwischen Nationen entstehen, die erst noch rivalisierende Weltmächte werden, und die Folgen werden den Lauf der Geschichte verändern.
◻ Zu der dabei angewandten Strategie gehört eine gewaltige technische Meisterleistung, durch die der Lauf eines großen Flusses verlegt werden wird.
◻ Der Name des Eroberers wird genannt, und zwar viele Jahre bevor er überhaupt geboren wird.
◻ Das endgültige Geschick des Verlierers wird beschrieben, so daß die Voraussage noch viele weitere Jahrhunderte in die Zukunft reicht.
Träfen all diese Vorhersagen ein, würde das die Menschen dann nicht dazu bewegen, andere Dinge, die der Betreffende über die Zukunft gesagt hat, in Betracht zu ziehen?
Was wir hier beschrieben haben, hat sich tatsächlich ereignet. Etwa 200 Jahre vor dem Sturz Babylons durch die Meder und Perser sagte Jehova durch den Propheten Jesaja folgendes voraus:
◻ Eine große militärische Auseinandersetzung würde zwischen Medo-Persien und Babylon entstehen (Jesaja 13:17, 19).
◻ Teil der Strategie wäre es, einen Fluß auszutrocknen, der der Stadt als Verteidigungsgraben diente. Außerdem würden die Tore der befestigten Stadt offengelassen (Jesaja 44:27 bis 45:2).
◻ Der Name des Eroberers würde Cyrus lauten — das wurde 150 Jahre vor dessen Geburt vorausgesagt (Jesaja 45:1).
◻ Babylon würde im Laufe der Zeit zur vollständigen Einöde (Jesaja 13:17-22).
All diese Voraussagen trafen ein. Wäre es angesichts dessen nicht lohnend, auch die anderen Prophezeiungen in Betracht zu ziehen, die Jehova in seinem Wort aufzeichnen ließ?
Gott hat eine großartige Zukunft verheißen
Was sagt die Bibel vorher? Die Bibel verheißt, daß in der neuen Welt, die Gott schaffen wird, niemand mehr unter Zukunftsangst leiden wird. Beachten wir, was Gott seinen Dienern zusichert, die zu jener Zeit leben werden: „Da wird niemand sein, der sie aufschreckt“ (Micha 4:4).
Die Bibel sagt weiter voraus, Gott werde ‘seine Hand öffnen und das Begehren alles Lebenden sättigen’ (Psalm 145:16). Wird sich diese Verheißung erst in ferner Zukunft erfüllen? Nein! Lange im voraus sagte die Bibel genau die Verhältnisse, die wir heute auf der Erde beobachten, als Beweis dafür vorher, daß wir in den „letzten Tagen“ des gegenwärtigen bösen Systems leben (2. Timotheus 3:1-5).
Bald wird unser liebevoller Schöpfer diesen bösen Verhältnissen ein Ende machen. Alle Kriege — Ursachen für Unsicherheit und Leid auf der ganzen Welt — wird er aufhören lassen. Mehr noch: Haß, Selbstsucht, Verbrechen und Gewalt werden für immer der Vergangenheit angehören. Die Bibel verspricht: „Die Sanftmütigen aber werden die Erde besitzen, und sie werden wirklich ihre Wonne haben an der Fülle des Friedens“ (Psalm 37:10, 11).
Zu den vielen Segnungen, die die Menschen in der neuen Welt genießen werden, gehört auch eine gute Gesundheit. Sogar den Tod und all den damit verbundenen Kummer wird es nicht mehr geben. Gott selbst sagt: „Siehe! Ich mache alle Dinge neu“ (Offenbarung 21:4, 5).
Dann wird niemand mehr den Zufällen unterworfen sein, die heutzutage jemandes Leben verändern oder gar zerstören können. Auch die bösen Dämonen und Satan, der Urheber aller abergläubischen Ängste und bösen Lügen, werden nicht mehr dasein. Diese begeisternden Wahrheiten sind in der Bibel zu finden.
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Aberglaube und spiritistische Praktiken sind eng miteinander verknüpft
[Bildnachweis]
Except woman inside crystal ball: Les Wies/Tony Stone Images
[Bild auf Seite 10]
In Gottes neuer Welt wird es keinen Aberglauben mehr geben
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