Aberglaube — Wie verbreitet ist er heute?
ES KANN einem überall passieren: am Arbeitsplatz, in der Schule, in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf der Straße. Man muß niesen, und Passanten — Menschen, die man nie zuvor gesehen hat — sagen: „Gesundheit!“ Eine solche Erwiderung ist in vielen Sprachen üblich. In Amerika hört man meist: „God bless you.“ Araber sagen: „Yarhamak Allah“, und unter manchen polynesischen Völkern des Südpazifiks hört man gewöhnlich: „Tihei mauri ora.“
Vielleicht haben wir uns nie gefragt, warum die Menschen so reagieren, weil wir dachten, es sei einfach nur eine Frage der üblichen Höflichkeit, der in der Kultur verwurzelten gesellschaftlichen Umgangsformen. In Wirklichkeit jedoch rührt dieses Verhalten vom Aberglauben her. Moira Smith, Bibliothekarin am Institut für Volkskunde der Universität von Indiana in Bloomington (Indiana, USA), sagt darüber: „Der Ursprung ist die Vorstellung, man niese sich die Seele aus dem Leib.“ Mit der Reaktion „God bless you“ („Gott segne Sie“) soll Gott gewissermaßen gebeten werden, einem die Seele wieder zurückzugeben.
Freilich würden die meisten Menschen die Vorstellung, beim Niesen verlasse die Seele den Leib, als vernunftwidrig abtun. Interessanterweise wird der englische Begriff für „Aberglaube“ in Webster’s Ninth New Collegiate Dictionary unter anderem definiert als „ein Glaube oder Brauch, der von Unwissenheit herrührt, von Furcht vor dem Unbekannten, Vertrauen auf Magie oder Glück, einer falschen Vorstellung von Ursache und Wirkung“.
Kein Wunder, daß ein Arzt im 17. Jahrhundert die abergläubischen Vorstellungen seiner Zeit als „volkstümlichen Irrglauben“ der Ungebildeten bezeichnete! Angesichts der mit dem Anbruch des 20. Jahrhunderts einhergehenden wissenschaftlichen Fortschritte sah die Encyclopædia Britannica von 1910 zuversichtlich die Zeit nahen, da die „Zivilisation vom letzten Gespenst des Aberglaubens befreit“ würde.
So verbreitet wie eh und je
Diese optimistische Einschätzung vor knapp einem Jahrhundert hat sich als falsch erwiesen, denn abergläubische Vorstellungen scheinen so tief verwurzelt zu sein wie eh und je. Ein typisches Merkmal des Aberglaubens ist seine Langlebigkeit. Das Wort „Aberglaube“ ist die Übersetzung des lateinischen Ausdrucks superstitio, der sich aus super, was „über“ bedeutet, und stare, „stehen“, zusammensetzt. Tatsächlich nannte man Krieger, die eine Schlacht überstanden, superstites, denn sie überlebten ihre Kameraden, „standen“ also buchstäblich „über“ ihnen. In Anlehnung an den so abgeleiteten Wortsinn heißt es in dem Buch Superstitions: „Die heute noch existierenden abergläubischen Vorstellungen ‚stehen über‘ den Jahrhunderten, in denen versucht wurde, sie auszumerzen.“ Betrachten wir einige Beispiele dafür, wie hartnäckig sich abergläubische Vorstellungen halten:
◻ Nachdem der Oberbürgermeister einer Metropole in Asien überraschend gestorben war, forderte das verunsicherte Personal seines Amtssitzes den Nachfolger auf, sich parapsychologisch beraten zu lassen. Ein Medium empfahl, einiges in und um den Amtssitz zu verändern, und dadurch würde nach Ansicht des Personals Unglück abgewendet.
◻ Die Präsidentin einer millionenschweren Firma in den Vereinigten Staaten trägt ständig einen besonderen Stein bei sich. Seit ihrer ersten erfolgreichen Verkaufsausstellung verläßt sie ihr Haus nicht mehr ohne diesen Stein.
◻ Vor Abschluß wichtiger Geschäfte ziehen leitende asiatische Unternehmensvertreter häufig Wahrsager zu Rate.
◻ Ein Athlet, der intensiv trainiert hat, schreibt seinen Erfolg gleichwohl einem Kleidungsstück zu. Deshalb trägt er dasselbe Kleidungsstück bei künftigen Wettkämpfen, ohne es zwischenzeitlich zu waschen.
◻ Ein Schüler verwendet bei einer Prüfung einen bestimmten Stift und bekommt eine gute Note. Daraufhin betrachtet er den Stift als „Glücksbringer“.
◻ Eine Braut achtet sorgfältig darauf, an ihrem Hochzeitstag „etwas Altes, etwas Neues, etwas Geborgtes und etwas Blaues“ zu tragen.
◻ Jemand schlägt wahllos die Bibel auf und liest den Text, auf den sein Blick als erstes fällt, in dem Glauben, durch diese Worte die konkrete Anleitung zu erhalten, die er gerade benötigt.
◻ Während ein Jumbo-Jet beschleunigt und von der Startbahn abhebt, bekreuzigen sich etliche Passagiere. Ein Passagier umklammert während des Fluges ein Medaillon des „heiligen“ Christophorus.
Aberglaube ist tatsächlich auch heute noch weit verbreitet. Stuart A. Vyse, außerordentlicher Professor für Psychologie am Connecticut College, erklärt sogar in seinem Buch Believing in Magic—The Psychology of Superstition: „Obwohl wir in einer technologisch fortschrittlichen Gesellschaft leben, ist der Aberglaube so weit verbreitet wie eh und je.“
Der Aberglaube ist nach wie vor so tief verwurzelt, daß die Bemühungen, ihn auszumerzen, gescheitert sind. Woran liegt das?