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Was ist der Talmud?Der Wachtturm 1998 | 15. Mai
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Zwei Talmude geschaffen
Irgendwann siedelte das rabbinische Zentrum in Palästina nach Tiberias um. Wichtige Lehranstalten befanden sich auch in Sepphoris, Cäsarea und Lydda. Doch die sich stetig verschlechternde wirtschaftliche Lage, die andauernd instabile politische Situation und letztlich auch der Druck und die Verfolgung durch das abtrünnige Christentum veranlaßten Juden, scharenweise in einen anderen großen jüdischen Siedlungsraum auszuwandern — nach Babylonien im Osten.
Jahrhundertelang waren Thoraschüler aus Babylonien nach Palästina geströmt, um bei den großen Rabbinen an den Lehranstalten zu studieren. Zu diesen Schülern gehörte Abba bar Aibo, auch Abba Aricha (der Hochgewachsene) genannt, den man später nur noch schlicht Rab nannte. Seine Rückkehr nach Babylonien um 219 u. Z., nachdem er unter Jehuda ha-Nassi studiert hatte, wurde zu einem Wendepunkt für den geistlichen Rang des babylonischen Judentums. In Sura, wo es zwar eine große jüdische Bevölkerungsgruppe, aber wenig Gelehrsamkeit gab, gründete er eine Thoraschule. Von seinem Ruf angezogen, besuchten 1 200 reguläre Studenten seine Schule, und viele tausend weitere versammelten sich dort während der jüdischen Monate Adar und Elul. Samuel, ein berühmter Zeitgenosse Rabs, gründete eine Thoraschule in Nehardaa. Weitere bedeutende Lehranstalten wurden in Pumbedita und Machosa gegründet.
Nun war es nicht mehr nötig, nach Palästina zu reisen, denn man konnte bei den großen Gelehrten in Babylonien studieren. Die Redaktion der Mischna als eigenständiger Text ebnete den babylonischen Lehranstalten den Weg in die vollständige Unabhängigkeit. Zwar entwickelten sich in Palästina und Babylonien nun unterschiedliche Stile und Studienmethoden, doch durch enge Kommunikation und den Austausch von Lehrern untereinander wurde die Einheit der Lehranstalten bewahrt.
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Was ist der Talmud?Der Wachtturm 1998 | 15. Mai
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Während die Lehranstalten in Palästina im Niedergang begriffen waren, erreichten die Amoräer Babyloniens die Blüte ihres Schaffens. Abbaje und Raba entwickelten ein Diskussionsniveau ausgeklügelter und scharfsinniger Argumentation, das später zum Muster talmudischer Erörterung wurde. Als nächstes begann Aschi, Leiter der Thoraschule in Sura (371—427 u. Z.), damit, die Ergebnisse der Disputationen zu sammeln und zu edieren. Veranlaßt wurde er dazu, wie Steinsaltz schreibt, durch das „Gefühl, dass das überlieferte mündliche Material nicht genügend zusammengefasst ist und daher im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten und verlorengehen kann“.
Die Textmenge war so überaus umfangreich, daß deren Redaktion nicht von einem Mann, ja nicht einmal von einer Generation vollendet werden konnte. Die Zeitperiode der Amoräer Babyloniens endete im fünften Jahrhundert u. Z., doch die Arbeit an der endgültigen Formulierung des babylonischen Talmuds wurde im sechsten Jahrhundert u. Z. von einer Gruppe Gelehrter fortgesetzt, die Saboräer genannt wurden, nach einem aramäischen Begriff, der „Erklärer“ oder „Meinungsträger“ bedeutet. Diese Gelehrten, die dem babylonischen Talmud seine endgültige Fassung gaben, brachten Tausende von Einzelheiten aus Jahrhunderten rabbinischer Disputationen miteinander in Zusammenhang und verliehen dem Talmud einen Stil und Aufbau, der ihn von allen früheren jüdischen Schriften abhob.
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Was ist der Talmud?Der Wachtturm 1998 | 15. Mai
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Die beiden Talmude im Vergleich
Das hebräische Wort „Talmud“ bedeutet „Studium“ oder „Lehre“. Die Amoräer Palästinas und Babyloniens hatten es sich zur Aufgabe gemacht, die Mischna zu studieren und zu analysieren. Das geschieht in beiden Talmuden, dem palästinischen wie dem babylonischen. Worin unterscheiden sie sich? Jacob Neusner schreibt: „Der erste Talmud analysiert das Offenkundige, der zweite untersucht Voraussetzungen; der erste beschränkt sich völlig auf den betreffenden Fall, der zweite geht weit darüber hinaus.“
Durch gründlicheres und intensiveres Redigieren wurde der babylonische Talmud nicht nur viel umfangreicher, sondern im Denkschema und in der Analyse auch tiefgründiger und scharfsinniger. Wenn vom „Talmud“ die Rede ist, meint man gewöhnlich den babylonischen Talmud. Dieser wurde im Lauf der Jahrhunderte am intensivsten studiert und kommentiert. Nach Meinung von Neusner ist der palästinische Talmud „ein Produkt von Sachverstand“, der babylonische Talmud hingegen „ein Produkt von Genialität“.
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