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  • Wie das Fernsehen die Welt verändert hat
    Erwachet! 1991 | 22. Mai
    • Wie das Fernsehen die Welt verändert hat

      VERGANGENEN Sommer verwandelte das Fernsehen die Welt in eine einzige riesige Sportarena. In Rom waren die Straßen wie leergefegt. Insgesamt sahen sich etwa 25 Millionen Italiener die Fußballweltmeisterschaftsspiele an. Die Straßen von Buenos Aires waren aus gleichem Grund ebenfalls wie ausgestorben. In Kamerun erhellte dasselbe graubläuliche Flimmern die Fenster, als Millionen wie aus einem Mund jubelten. Im kriegsgeplagten Libanon stellten Soldaten Fernseher auf herumstehende Panzer. Als das Turnier seinen Höhepunkt erreichte, sah etwa ein Fünftel der Weltbevölkerung zu, angezogen von dem Kasten wie Motten vom Licht, die Gesichter beleuchtet von seinem fahlen Flimmern.

      Dieses gigantische Fernsehspektakel war kein Einzelfall. 1985 sah sich fast ein Drittel der Weltbevölkerung — etwa 1,6 Milliarden — das Rockkonzert Live Aid an. Ein Dutzend Satelliten strahlten das Programm in etwa 150 Ländern aus, von Island bis Ghana.

      Der Fernseher, dieser allgegenwärtige Kasten, ist der Motor einer schleichenden Revolution. Die Technologie hat sich von den winzigen, flackernden Röhren der 1920er und 1930er Jahre bis zu den heutigen ausgeklügelten Bildschirmen mit ihren lebendigen Farben und ihrer brillanten Schärfe entwickelt und eine gewaltige weltweite Nachfrage angeheizt. 1950 gab es in der ganzen Welt nicht einmal 5 Millionen Fernsehapparate; heute sind es so um die 750 Millionen.

      Ereignisse wie die Weltmeisterschaft zeigen nur auf, welche Macht das Fernsehen eigentlich hat, die ganze Welt zu einem einzigen Informationsnetzwerk zu vereinigen. Das Fernsehen hat die Art und Weise verändert, wie die Menschen etwas über die Welt um sie herum erfahren. Es hat mitgeholfen, Nachrichten, Ideen und sogar Kultur und Wertvorstellungen von einem Land ins andere zu übertragen, und dabei mühelos politische und geographische Grenzen überwunden, die einem solchen Austausch sonst im Weg standen. Das Fernsehen hat die Welt verändert. Und viele sind der Meinung, daß es auch uns ändern kann.

      Johannes Gutenberg hat nach allgemeiner Auffassung die Massenkommunikation revolutioniert, als 1455 die erste Bibel aus der Druckpresse kam. Nun konnte eine bestimmte Botschaft ungleich mehr Menschen in einer weit kürzeren Zeit und zu einem Bruchteil der Kosten erreichen, als das zuvor möglich war. Schon bald erkannten die Regierungen die Macht der Presse und versuchten, sich durch Lizenzgesetze die Kontrolle darüber zu sichern. Aber das gedruckte Wort erreichte immer mehr Leser. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bemerkte der Historiker Alexis de Tocqueville, Zeitungen hätten die außergewöhnliche Macht, an einem einzigen Tag eine Idee in 10 000 Sinne zu pflanzen.

      Doch betrachten wir jetzt das Fernsehen. Es kann die gleiche Idee in Hunderte von Millionen Sinne pflanzen — und alles im selben Augenblick. Im Gegensatz zum Gedruckten setzt es nicht voraus, daß man in der Kunst des Lesens geschult ist, noch muß man seine Vorstellungskraft bemühen, um eigene Bilder im Kopf zu schaffen. Das Fernsehen liefert seine Botschaft mit Ton und Bildern und allen Reizen, die sie hervorrufen können.

      Es dauerte nicht lange, und die Politiker sahen die enormen Möglichkeiten des Fernsehens. In den Vereinigten Staaten benutzte Dwight D. Eisenhower 1952 geschickt das Fernsehen für seinen Präsidentschaftswahlkampf. Gemäß dem Buch Tube of Plenty — The Evolution of American Television gewann Eisenhower die Wahl, weil er sich in den Medien besser verkaufte als sein Gegner. Wie in dem Buch ausgeführt wird, hat das Fernsehen bei dem Sieg von John F. Kennedy über Richard M. Nixon 1960 wohl eine noch größere Rolle gespielt. Als die Kandidaten im Fernsehen miteinander debattierten, sammelte Kennedy bei den Zuschauern mehr Punkte als Nixon. Diejenigen allerdings, die der Diskussion am Radio folgten, waren der Meinung, es habe keinen eindeutigen Sieger gegeben. Wieso dieser Unterschied? Nixon sah blaß und abgespannt aus, während Kennedy gesund und braungebrannt war und außerdem Zuversicht und Vitalität ausstrahlte. Nach der Wahl sagte Kennedy über das Fernsehen: „Ohne diese technische Spielerei hätten wir nicht die geringste Chance gehabt.“

      „Diese technische Spielerei“ hat die Welt weiterhin ihre Macht spüren lassen, so daß man sogar davon als von einer dritten Weltmacht zu sprechen begann. Die Satellitentechnik ermöglicht es den Sendeanstalten, ihre Programme über Ländergrenzen und sogar über Ozeane hinweg zu verbreiten. Die Führer der Welt haben das Fernsehen benutzt, um internationale Anerkennung zu erlangen und ihre Gegner in ein schlechtes Licht zu rücken. Einige Regierungen haben es eingesetzt, um ihre Propaganda ins Feindesland zu übermitteln. Und genauso, wie Regierungen versuchten, Gutenbergs Erfindung zu kontrollieren, sobald sie deren Macht erkannt hatten, so brachten viele Regierungen das Fernsehen fest in ihre Gewalt. Im Jahr 1986 wurden in fast der Hälfte aller Staaten nur behördlich kontrollierte Programme gesendet.

      Allerdings macht die technische Entwicklung eine Kontrolle des Fernsehens immer schwieriger. Heutzutage senden Satelliten Signale, die sogar von relativ kleinen Antennenschüsseln empfangen werden können. Kleine, tragbare Videokameras und -kassetten und eine unüberschaubare Menge von Amateurfotografen sorgen für eine oftmals überwältigende Flut von Bildberichten über fast alle erwähnenswerten Ereignisse.

      Eine amerikanische Nachrichtenorganisation, Turners Fernsehsender CNN (Cable News Network), sammelt Berichte aus circa 80 Ländern und verbreitet sie in der ganzen Welt. Ihre weltweite Berichterstattung rund um die Uhr kann jedes Ereignis fast augenblicklich zum internationalen Gesprächsthema machen.

      Mehr und mehr hat sich das Fernsehen von einem rein passiven Berichterstatter zu einem aktiven Gestalter von Ereignissen gewandelt. Bei den revolutionären Entwicklungen, die 1989 Osteuropa erschütterten, hat es eine entscheidende Rolle gespielt. In Prag forderten die Massen in Sprechchören „Live-Übertragungen“ im Fernsehen. Und während die Aufständischen einst Blut vergossen, um sich Regierungsgebäude, Festungen oder Polizeianlagen zu sichern, kämpften die Revolutionäre des Jahres 1989 zuerst um den Zugang zu den Fernsehsendern. Ja, Rumäniens neue Regierung begann ihre Herrschaft von einem Fernsehsender aus. Wenn also vom Fernsehen als von der dritten Weltmacht gesprochen wird, ist das gar nicht so weit hergeholt.

      Das Fernsehen hat jedoch nicht nur die politische Arena beeinflußt. Gerade jetzt, in unserer Zeit, verändert es die Kultur und die Wertvorstellungen der Welt. Die Vereinigten Staaten werden oft des „Kulturimperialismus“ angeklagt, womit zum Ausdruck gebracht werden soll, daß sie der Welt ihre Kultur durch das Medium Fernsehen aufzwingen. In der zweiten Hälfte der 40er Jahre und in den 50er Jahren schufen sie sich als erstes Land einen Vorrat an profitablen kommerziellen Programmen. So konnten amerikanische Produzenten Programme zu einem Bruchteil dessen ins Ausland verkaufen, was es die Länder gekostet hätte, eigene zu produzieren.

      Ende der 80er Jahre importierte Kenia bis zu 60 Prozent seiner Fernsehserien, Australien 46 Prozent, Ecuador 70 Prozent und Spanien 35 Prozent. Die meisten dieser Importe stammten aus den Vereinigten Staaten. Die amerikanische Serie Unsere kleine Farm wurde in 110 Ländern ausgestrahlt. Und Dallas war in 96 Ländern zu sehen. Häufig wird das weltweit zu beobachtende Verschwinden des Lokalkolorits im Fernsehen sowie die Verbreitung des amerikanischen Verbraucherverhaltens und des Materialismus beklagt.

      Viele Länder regen sich über den „Kulturimperialismus“ auf. In Nigeria beschweren sich die Fernsehleute, die ständige Flut ausländischer Serien untergrabe die nationale Kultur; sie befürchten, daß die nigerianischen Zuschauer mehr über die Vereinigten Staaten und Großbritannien wissen als über Nigeria. Europäer empfinden ähnlich. Kürzlich erklärte der britische Fernsehmogul Robert Maxwell bei einer Anhörung vor dem amerikanischen Kongreß aufgebracht: „Keine Nation sollte es zulassen, daß ihre Kultur von einer anderen unterjocht wird.“ So haben einige Länder angefangen, die Zahl der ausländischen Sendungen, die ihre Fernsehstationen ausstrahlen, zu begrenzen.

      Der „Kulturimperialismus“ kann nicht nur Kulturen schaden, sondern sogar unserem Planeten. Die Einstellung des westlichen Konsumenten, alles sofort haben zu wollen, hat entschieden zu der Verpestung der Luft, der Vergiftung des Wassers und dem allgemeinen Raubbau an der Erde beigetragen. Ein Journalist für den Londoner Independent drückte das so aus: „Das Fernsehen hat der Welt eine glitzernde Aussicht auf materielle Befreiung durch westlichen Wohlstand vermittelt, die allerdings irreführend ist, da dies nur auf Kosten einer irreparablen Schädigung der Umwelt zu erreichen ist.“

      Zweifellos verändert das Fernsehen die heutige Welt — und nicht immer zum Besseren. Doch es hat eine noch viel tiefgreifendere Wirkung auf den einzelnen. Man muß sich fragen: „Bin ich dafür anfällig?“

      [Herausgestellter Text auf Seite 4]

      Zeitungen können an einem einzigen Tag eine Idee in 10 000 Sinne pflanzen

      [Herausgestellter Text auf Seite 5]

      Das Fernsehen kann in einem einzigen Augenblick eine Idee in Hunderte von Millionen Sinne pflanzen

  • Hat das Fernsehen uns persönlich verändert?
    Erwachet! 1991 | 22. Mai
    • Hat das Fernsehen uns persönlich verändert?

      EIN „Fenster zur Welt“. So hat man das Fernsehen bezeichnet. In dem Buch Tube of Plenty — The Evolution of American Television bemerkte Erik Barnouw, daß bis Anfang der 60er Jahre das Fernsehen „für die meisten ihr Fenster zur Welt geworden war. Das, was es zeigte, schien die Welt zu sein. Sie vertrauten auf Richtigkeit und Vollständigkeit des Gezeigten.“

      Ein einfaches Fenster kann jedoch nicht das Bild bestimmen, das es einem bietet, es kann nicht die Beleuchtung oder den Blickwinkel wählen, noch kann es abrupt das Bild wechseln, nur um unsere Aufmerksamkeit zu behalten. Das Fernsehen kann das aber. Solche Faktoren haben einen starken Einfluß darauf, wie wir das Gesehene empfinden und zu welchen Schlußfolgerungen wir kommen, und sie werden von den Leuten gesteuert, die die Sendungen produzieren. Selbst die objektivsten Nachrichtensendungen und Dokumentarfilme unterliegen derartigen Manipulationen, so unbeabsichtigt sie auch sein mögen.a

      Ein meisterhafter Verführer

      Sehr häufig legen es allerdings die Leute, die beim Fernsehen das Sagen haben, direkt darauf an, die Zuschauer zu beeinflussen. In der Werbung beispielsweise haben sie praktisch freie Hand, jegliches zur Verfügung stehende Mittel der Verführung zu verwenden, um uns in Kaufstimmung zu bringen: Farbe, Musik, gutaussehende Menschen, Erotik und phantastische Landschaften. Ihr Repertoire ist gewaltig, und sie verstehen es meisterhaft, damit umzugehen.

      Ein Werbefachmann schreibt über die 15 Jahre, die er auf diesem Gebiet tätig war: „Ich erkannte, daß es möglich ist, durch die Medien [wie z. B. Fernsehen] direkt die Köpfe der Leute zu erreichen und dann dort wie mit übermenschlichen Kräften ein Bild zu erzeugen, das die Menschen veranlassen kann, etwas zu tun, woran sie sonst überhaupt nicht gedacht hätten.“

      Daß das Fernsehen eine solch gewaltige Macht über Menschen ausübt, war schon in den 50er Jahren offensichtlich. Eine Firma, die Lippenstifte herstellte, hatte einen Umsatz von 50 000 Dollar im Jahr, als sie mit Werbung im amerikanischen Fernsehen begann. Innerhalb von zwei Jahren schossen die Umsätze auf jährlich 4,5 Millionen Dollar hoch. Eine Bank wurde plötzlich mit Einzahlungen in Höhe von 15 Millionen Dollar überschwemmt, nachdem sie in einem bei Frauen beliebten Programm für ihre Dienste geworben hatte.

      Heutzutage sieht der Durchschnittsamerikaner 32 000 Werbespots im Jahr. Die Werbung spricht in gewinnender Weise das Gefühl an. Mark Crispin Miller schreibt dazu in dem Buch Boxed In—The Culture of TV: „Es stimmt, daß wir durch das manipuliert werden, was wir sehen. Die Werbung, die unser tägliches Leben durchdringt, beeinflußt uns unablässig.“ Diese Manipulation, so sagt er, „ist gefährlich, insbesondere weil sie oft so schwer zu entdecken ist. Daher wird sie so lange wirkungsvoll bleiben, bis wir lernen, sie zu erkennen.“

      Doch das Fernsehen verkauft mehr als Lippenstifte, politische Ansichten und Kultur. Es verkauft auch moralische Werte — oder eben den Verzicht darauf.

      Fernsehen und Moral

      Die Feststellung, daß im amerikanischen Fernsehen immer mehr sexuelle Handlungen zu sehen sind, dürfte wohl niemanden überraschen. Eine Studie, die 1989 im Journalism Quarterly erschien, zeigte auf, daß in 66 Stunden bester Sendezeit insgesamt 722mal sexuelle Handlungen angedeutet, erwähnt oder wirklich gezeigt wurden. Die Bandbreite reichte von sinnlichen Berührungen bis zum Geschlechtsakt oder zu Masturbation, Homosexualität und Inzest. Im Durchschnitt in jeder Stunde 10,94mal!

      Die Vereinigten Staaten stehen da keineswegs allein. Französische Fernsehfilme zeigen offen sexuellen Sadismus, im italienischen Fernsehen sind Stripteasevorführungen zu sehen, und das Nachtprogramm des spanischen Fernsehens bringt Gewalt- und Erotikfilme. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

      Gewalttaten sind eine andere Form der Unmoral im Fernsehen. In den Vereinigten Staaten lobte ein Fernsehkritiker in der Zeitschrift Time kürzlich den „gräßlich schönen Humor“ in einer Reihe von Horrorprogrammen. In den Serien handelten Szenen von Enthauptungen, Verstümmelungen, Pfählungen und Besessenheit. Die meiste Gewalt im Fernsehen ist natürlich nicht so grausam — wird aber dafür eher geschluckt. Als unlängst in einem abgelegenen Dorf an der Côte d’Ivoire westliches Fernsehen vorgeführt wurde, konnte ein verwirrter alter Mann nur fragen: „Warum gehen die Weißen immer mit Messern, Pistolen und Fäusten aufeinander los?“

      Die Antwort muß sicherlich lauten, daß Fernsehproduzenten und Geldgeber den Zuschauern das zeigen, was diese sehen wollen. Gewalt zieht Zuschauer an. Sex ebenfalls. Daher serviert das Fernsehen beides in reichlich bemessenen Portionen — freilich nicht zuviel und nicht zu schnell, damit sich die Zuschauer nicht abgestoßen fühlen. In dem Buch Prime Time, Our Time schreibt Donna McCrohan: „Die meisten Sendungen gehen so weit wie möglich, was unflätige Sprache, Sex, Gewalt und Themenwahl anbelangt. Wenn sie dann die Grenze erreicht haben, bauen sie die Grenze ab, und schon ist die Öffentlichkeit reif, eine neue, hinausgeschobene Grenze zu akzeptieren.“

      Das Thema Homosexualität lag beispielsweise früher für das Fernsehen jenseits der Grenze des guten Geschmacks. Doch als die Zuschauer sich erst einmal daran gewöhnt hatten, waren sie bereit, noch mehr hinzunehmen. Ein französischer Journalist erklärte: „Kein Produzent würde sich heute wagen, Homosexualität als unnormal darzustellen ... Eher ist es die Gesellschaft und ihre Intoleranz, die seltsam sind.“ Im amerikanischen Kabelfernsehen startete 1990 in elf Städten eine Homosexuellenserie mit Szenen, in denen Männer zusammen im Bett gezeigt wurden. Der Produzent sagte gegenüber dem Nachrichtenmagazin Newsweek, solche Szenen würden von Homosexuellen gemacht, um „das Publikum zu desensibilisieren, damit die Leute verstehen, daß wir wie alle anderen sind“.

      Wunschbild gegen Realität

      Gemäß den Autoren der Studie, über die im Journalism Quarterly berichtet wurde, sind im Fernsehen so gut wie nie die Folgen außerehelichen Geschlechtsverkehrs zu sehen. Das „Sperrfeuer prickelnder sexueller Darstellungen“ komme daher einer Desinformationskampagne gleich. Sie zitieren eine weitere Studie, in der man zu dem Schluß gelangt war, die herausragende Botschaft der Fernsehserien sei: Sex ist für nicht miteinander Verheiratete, und niemand zieht sich dadurch eine Krankheit zu.

      Sieht so die Welt aus, wie wir sie kennen? Vorehelicher Geschlechtsverkehr ohne Schwangerschaften bei Minderjährigen und ohne Geschlechtskrankheiten? Homosexualität und Bisexualität ohne Angst, Aids zu bekommen? Gewalt und Zerstörung, woraus der Held siegreich und der Schurke gedemütigt hervorgeht — beide oft merkwürdigerweise unverletzt? Das Fernsehen zeichnet eine Welt der seligen Unbeschwertheit, in der nichts Konsequenzen nach sich zieht. Das Gesetz des Gewissens, der Moral und der Selbstbeherrschung wird durch das Gesetz der sofortigen Befriedigung ersetzt.

      Offensichtlich ist das Fernsehen kein „Fenster zur Welt“ — zumindest nicht zur wirklichen Welt. Der Titel eines kürzlich erschienenen Buches über das Fernsehen lautet übersetzt: „Die Unwirklichkeitsindustrie“. Nach Ansicht der Autoren ist das Fernsehen „eine der stärksten Kräfte in unserem Leben geworden. Die Folge davon ist, daß das Fernsehen nicht nur die Realität definiert, sondern — was noch weit wichtiger und beunruhigender ist — die Unterschiede, die Grenzlinie zwischen Realität und Unwirklichkeit verwischt.“

      Leute, die der Meinung sind, sie seien immun gegen den Einfluß des Fernsehens, halten diese Aussage vielleicht für Panikmache. „Ich glaube nicht alles, was ich sehe“, argumentieren einige. Es mag schon sein, daß wir dem Fernsehen nicht alles glauben. Doch Fachleute weisen warnend darauf hin, daß diese Art Abwehrreflex uns nicht vor der subtilen Art und Weise schützt, in der das Fernsehen unsere Gefühle ausnutzt. Ein Publizist schrieb dazu: „Einer der besten Tricks des Fernsehens ist es, sich niemals anmerken zu lassen, in welchem Ausmaß es unsere psychischen Mechanismen beeinflußt.“

      Ein Gerät mit Einfluß

      Einem Zeitungsbericht aus dem Jahr 1987 zufolge saßen zwei Drittel der erwachsenen Bürger der Bundesrepublik Deutschland täglich mindestens vier Stunden vor dem Fernsehapparat. Gemäß den etwas vorsichtigeren Angaben in dem Werk Aktuell ’91 nutzt jeder Erwachsene in der Bundesrepublik den Fernseher etwa zweieinhalb Stunden am Tag. Das wären immer noch fast neun Jahre seines Lebens! Wie könnten solche massiven Dosen Fernsehen keinen Einfluß auf die Zuschauer haben?

      Es ist daher kaum überraschend, von Personen zu lesen, die Schwierigkeiten haben, zwischen Fernsehen und Wirklichkeit zu unterscheiden. Einer Studie zufolge, über die in der britischen Zeitschrift Media, Culture and Society berichtet wurde, bringt das Fernsehen wirklich manche dazu, sich eine Scheinwelt aufzubauen. Es wiegt sie in den Glauben, ihre Wunschvorstellung von der Realität sei die Realität selbst. Andere Untersuchungen, wie sie z. B. das Amerikanische Institut für Psychohygiene durchgeführt hat, scheinen diese Erkenntnisse zu bestätigen.

      Wie könnte das Fernsehen die allgemeine Vorstellung von der Realität beeinflussen, ohne gleichzeitig das Leben und die Handlungen der Menschen zu prägen? Donna McCrohan schreibt in Prime Time, Our Time: „Wenn eine beliebte Fernsehsendung Tabus bricht oder sich einer bestimmten Sprache bedient, fühlen wir eine größere Freiheit, dies nachzuahmen. So werden wir beeinflußt, wenn ... Promiskuität als Normalität gezeigt wird oder ein Machotyp von seiner Kondombenutzung spricht. In jedem Fall ist das Fernsehen — wenn auch mit Verzögerung — ein Spiegel dessen, was zu sein wir überzeugt werden können und dann auch im Laufe der Zeit werden.“

      Zweifellos wird der Aufstieg des Fernsehens von einem parallelen Anstieg der Unmoral und der Gewalt begleitet. Nur ein Zufall? Wohl kaum. Gemäß einer Studie ist in drei Ländern nach der Einführung des Fernsehens auch die Kriminalitäts- und Gewalttätigkeitsrate angestiegen. Wo das Fernsehen früher eingeführt wurde, stieg die Kriminalitätsrate ebenfalls früher an.

      Überraschenderweise ist das Fernsehen gar nicht der entspannende Zeitvertreib, als der es von so vielen wohl angesehen wird. Bei einer Studie wurden über einen Zeitraum von 13 Jahren 1 200 Personen beobachtet. Man stellte dabei fest, daß das Fernsehen die Freizeitbeschäftigung ist, bei der man sich am wenigsten entspannt. Statt dessen versetzt es den Zuschauer eher in eine passive, aber gespannte Haltung und hindert ihn daran, sich zu konzentrieren. Besonders nach langem Fernsehen sind die Leute in einer schlechteren Stimmung als zuvor. Im Gegensatz dazu ist das Lesen entspannend, es versetzt den Leser in eine bessere Stimmung und hilft ihm, sich zu konzentrieren.

      Doch ungeachtet wie konstruktiv das Lesen eines Buches ist, das Fernsehen — dieser geschickte Zeitdieb — kann oft mit Leichtigkeit die Bücher verdrängen. Sobald das Fernsehen in New York aufgekommen war, meldeten die öffentlichen Bibliotheken einen Rückgang bei den Ausleihen. Das bedeutet sicherlich nicht, daß die Menschheit dabei ist, das Lesen aufzugeben, aber man sagt, daß die Leute heutzutage mit weniger Geduld lesen und daß ihre Aufmerksamkeit schnell erlahmt, wenn sie nicht mit auffallenden Bildern bombardiert werden. Solche wenig präzisen Befürchtungen werden vielleicht nicht durch Statistiken und Untersuchungen gestützt, doch man sollte sich fragen, inwieweit man oberflächlich wird und an Selbstdisziplin verliert, wenn man sich abhängig macht von der ununterbrochen wohlig rieselnden Fernsehunterhaltung, die dazu geschaffen wurde, selbst diejenigen mit dem kürzesten Konzentrationsvermögen jede Sekunde zu fesseln.

      Kinder der Flimmerkiste

      Wenn es um die Kinder geht, wird das Thema Fernsehen erst wirklich brisant. Was immer Fernsehen bei Erwachsenen bewirken kann, das bewirkt es sicherlich auch bei Kindern — nur in noch stärkerem Maße. Alles in allem neigen Kinder eher dazu, die Scheinwelt des Fernsehens für bare Münze zu nehmen. Im Rheinischen Merkur/Christ und Welt wird eine Untersuchung angeführt, die ergab, „daß Kinder nicht fähig sind, Mattscheibe und Wirklichkeit voneinander zu trennen. Was sie in der fiktiven Fernsehwelt erleben, übertragen sie unkontrolliert in die reale Welt des Alltags.“

      Gut 3 000 Studien in den letzten Jahrzehnten bestätigen, daß gewalttätige Fernsehsendungen einen ungünstigen Effekt auf Kinder und Jugendliche haben. Anerkannte Institutionen wie das Audiovisuelle Forschungszentrum in Hildesheim, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und das Stuttgarter Institut für Gesundheitserziehung sind sich darin einig: Gewaltdarstellung im Fernsehen führt bei Kindern zu aggressivem und unsozialem Verhalten.

      Untersuchungen haben auch andere besorgniserregende Ergebnisse zutage gefördert. Zum Beispiel hat man Übergewicht bei Kindern mit übermäßigem Fernsehkonsum in Verbindung gebracht. Offensichtlich gibt es dafür zwei Ursachen. Zum einen verdrängt passives Vor-der-Glotze-Hocken das aktive Spielen; zum anderen ist die Werbung sehr erfolgreich, wenn es darum geht, Kindern fette Schundnahrung mit geringem ernährungsphysiologischem Wert aufzuschwatzen. Andere Untersuchungen lassen darauf schließen, daß Kinder, die viel fernsehen, in der Schule schlechtere Leistungen bringen. Das Thema wird zwar kontrovers diskutiert, doch gemäß einem Bericht in der Zeitschrift Time geben viele Psychiater und Lehrer dem Fernsehen die Schuld für den allgemeinen Rückgang der Lesefähigkeit und der schulischen Leistungen der Kinder.

      Auch spielt die Zeit hier eine entscheidende Rolle. Der Durchschnittsamerikaner hat bis zu seinem High-School-Abschluß 17 000 Stunden vor der „Röhre“ zugebracht, aber nur 11 000 in der Schule. Für viele Kinder ist das Fernsehen die Hauptfreizeitbeschäftigung, wenn nicht die Hauptbeschäftigung überhaupt. Wie aus dem Buch The National PTA Talks to Parents: How to Get the Best Education for Your Child hervorgeht, bringt die Hälfte aller 10jährigen zu Hause nur 4 Minuten täglich mit Lesen zu, jedoch 130 Minuten mit Fernsehen.

      Im Grunde gibt es wohl nur wenige, die ernsthaft behaupten, das Fernsehen stelle keine echte Gefahr sowohl für Kinder als auch für Erwachsene dar. Doch was bedeutet das? Sollten Eltern zu Hause das Fernsehen verbieten? Sollte man sich selbst vor seinem Einfluß schützen, indem man den Fernseher rauswirft oder ihn in die Abstellkammer oder auf den Dachboden verbannt?

      [Fußnote]

      a Siehe „Kann man den Nachrichten glauben?“ in der Erwachet!-Ausgabe vom 22. August 1990.

      [Herausgestellter Text auf Seite 7]

      „Warum gehen die Weißen immer mit Messern, Pistolen und Fäusten aufeinander los?“

      [Bild auf Seite 9]

      Lieber den Fernseher ausschalten und ein Buch aufschlagen

  • Das Fernsehen kontrollieren, bevor es uns kontrolliert
    Erwachet! 1991 | 22. Mai
    • Das Fernsehen kontrollieren, bevor es uns kontrolliert

      DAS Fernsehen bietet erstaunliche Möglichkeiten. Als die amerikanische Fernsehindustrie das Fernsehen den Entwicklungsländern schmackhaft machen wollte, entwarf sie für sie eine Vision eines Fernseh-Utopias: Ganze Länder würden in Klassenzimmer verwandelt werden; selbst die abgelegensten Fleckchen würden an Schulungsprogrammen über so wichtige Themen wie landwirtschaftliche Methoden, Bodenerhaltung und Familienplanung angeschlossen sein; Kinder könnten etwas über Physik und Chemie lernen und von einem weitreichenden Kulturaustausch profitieren.

      Solche Visionen lösen sich natürlich in der Realität des kommerziellen Fernsehens zum größten Teil schnell in Wohlgefallen auf — aber eben nur zum größten Teil. Selbst Newton Minow, Vorsitzender der amerikanischen Bundeskommission für Kommunikation, der das Fernsehen in einer Rede 1961 „eine riesige Einöde“ nannte, bescheinigte dem Fernsehen bei gleicher Gelegenheit, daß es auf einige großartige Leistungen und auf hervorragende Unterhaltung stolz sein kann.

      Das trifft heute zweifellos immer noch zu. Die Fernsehnachrichten halten uns über die Weltereignisse auf dem laufenden. Natursendungen können uns einen Einblick in Dinge verschaffen, die wir sonst wahrscheinlich nie sehen würden: die Präzision und die Anmut des Kolibriflugs in Zeitlupenaufnahme, wobei der Vogel durch die Luft zu schwimmen scheint, oder das eigenartige Ballett eines Blumenfeldes in Zeitraffer, das in einem Ausbruch an Farbe aus dem Boden schießt. Dann gibt es kulturelle Ereignisse wie Sinfoniekonzerte oder Ballett- und Opernaufführungen. Ferner bringt das Fernsehen Theateraufführungen, Spielfilme und andere Sendungen, von denen einige tiefgehend und aufschlußreich und andere einfach unterhaltsam sind.

      Für Kinder gibt es das Schulfernsehen. Wie das Amerikanische Institut für Psychohygiene berichtete, können Kinder von guten Beispielen im Fernsehen Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit und Selbstbeherrschung lernen, so wie sie von der Gewalt im Fernsehen lernen, aggressiv zu sein. Sendungen über das Verhalten in Notfällen haben sogar schon Kindern das Leben gerettet. Vance Packard schreibt daher in seinem Buch Verlust der Geborgenheit: „Jene Eltern, die aus Ärger oder Besorgnis über das Fernsehprogramm ihr Gerät auf dem Dachboden einmotten, tun damit vermutlich des Guten zuviel.“

      Die Kontrolle übernehmen

      Ob wir nun über Erwachsene oder Kinder sprechen, das Schlüsselwort heißt in jedem Fall Kontrolle. Kontrollieren wir das Fernsehen, oder kontrolliert das Fernsehen uns? Gemäß Packard besteht für manche die einzige Möglichkeit, das Fernsehen zu kontrollieren, darin, das Gerät abzuschaffen. Doch viele andere haben Wege gefunden, ihre Fernsehgewohnheiten unter Kontrolle zu halten und trotzdem die Vorzüge des Mediums zu nutzen. Hier sind einige Empfehlungen:

      ✔ Führt ein oder zwei Wochen lang genau Buch über das Fernsehen in eurer Familie. Addiert zum Schluß die Zeit, die ihr vor dem Fernseher gesessen habt, und fragt euch, ob das Fernsehen die Zeit wert ist, die es frißt.

      ✔ Seht euch Fernsehsendungen an, und seht nicht einfach nur fern. Informiert euch in einer Programmvorschau, ob es etwas gibt, was es wert ist, angesehen zu werden.

      ✔ Reserviert Zeit für Gespräche im Familienkreis und für das Zusammensein als Familie.

      ✔ Einige Fachleute warnen davor, Kindern oder auch Jugendlichen, die noch nicht das entsprechende Alter haben, einen eigenen Fernseher ins Zimmer zu stellen. Für die Eltern könnte es dann schwerer sein, zu kontrollieren, was sich ihr Kind ansieht.

      ✔ Eventuell ist ein Videorecorder eine Hilfe, sofern ihr ihn euch ohne weiteres leisten könnt. Indem ihr euch gute Videokassetten ausleiht oder gute Sendungen aufnehmt, um sie anzuschauen, wenn ihr Zeit habt, könnt ihr mit Hilfe des Videorecorders bestimmen, was auf eurem Bildschirm erscheint — und wann euer Gerät eingeschaltet ist. Aber ein Wort zur Vorsicht: Wird ein Videorecorder nicht kontrolliert benutzt, vermehrt er nur die Zeit, die man vor der „Röhre“ verbringt, und macht den Weg frei für unmoralische Videokassetten.

      Wer ist unser Lehrer?

      Ein Mensch ist eine echte „Lernmaschine“. Unsere Sinne saugen ständig Informationen auf und leiten dem Gehirn eine Flut von über 100 Millionen Informationseinheiten pro Sekunde zu. In gewissem Maße können wir den Inhalt dieser Informationsflut durch die Entscheidung beeinflussen, was wir unseren Sinnen anbieten. Wie die Geschichte des Fernsehens anschaulich zeigt, kann der menschliche Geist genauso leicht durch das, was man sieht, verseucht werden wie der Körper durch das, was man ißt oder trinkt.

      Wie erfahren wir etwas über die Welt um uns herum? Welche Informationsquellen wählen wir uns aus? Wer ist unser Lehrer? Jesus Christus äußerte dazu folgenden nachdenklich stimmenden Gedanken: „Der Schüler steht nicht über seinem Lehrer; jeder, der ausgelernt hat, ist wie sein Lehrer“ (Lukas 6:40, Rießler). Wenn wir zuviel Zeit mit dem Fernsehen als unserem Lehrer verbringen, fangen wir möglicherweise an, es nachzuahmen, das heißt, die Wertmaßstäbe, für die es steht, zu übernehmen. In Sprüche 13:20 heißt es: „Wer mit Weisen wandelt, wird weise werden, wer sich aber mit den Unvernünftigen einläßt, dem wird es schlecht ergehen.“

      Selbst wenn das Fernsehen keine dummen oder unmoralischen Charaktere in unser Haus bringt, läßt es dennoch etwas Wichtiges vermissen. Nur sehr wenig von dem, was im Fernsehen zu sehen ist, befriedigt auch nur ansatzweise spezielle Bedürfnisse, die alle Menschen haben, nämlich die geistigen Bedürfnisse. Das Fernsehen ist wohl sehr gut darin, uns zu zeigen, in welch beklagenswertem Zustand die Welt ist. Doch inwieweit erklärt es uns, warum die Menschen sich offensichtlich nicht selbst regieren können? Es leistet Hervorragendes, uns die Schönheit der Schöpfung vor Augen zu führen. Aber was unternimmt es, um uns unserem Schöpfer näherzubringen? Es nimmt uns mit in die entlegensten Winkel der Erde. Kann es uns jedoch sagen, ob die Menschen dort je in Frieden leben werden?

      Kein „Fenster zur Welt“ ist komplett, wenn es nicht auf solch wichtige Fragen eingeht. Das genau ist es, was die Bibel so wertvoll macht. Sie bietet ein Bild der Welt aus der Perspektive unseres Schöpfers. Sie wurde geschrieben, damit wir verstehen, wozu wir da sind, und um uns eine zuverlässige Hoffnung zu vermitteln. Zufriedenstellende Antworten auf die brennendsten Lebensfragen sind darin ohne weiteres zugänglich. Man braucht nur nachzulesen in dem immer wieder aufs neue faszinierenden Buch — der Bibel.

      Doch wenn wir unsere Fernsehgewohnheiten nicht unter Kontrolle halten, wie werden wir dann die Zeit dafür finden?

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