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Dreißig Jahre Übersetzerin im UntergrundErwachet! 2009 | Juni
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Dreißig Jahre Übersetzerin im Untergrund
Erzählt von Ona Mockutė
Im April 1962 saß ich in Klaipeda (Litauen) in einem voll besetzten Gerichtssaal. Man warf mir vor, die Gesellschaftsordnung zu unterwandern. Im Oktober des Vorjahrs hatte man mich wegen sowjetfeindlicher religiöser Umtriebe verhaftet. Mein Verbrechen bestand darin, dass ich Literatur der Zeugen Jehovas ins Litauische übersetzt hatte. Wegen meiner Untergrundtätigkeit kam ich ins Gefängnis.
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Dreißig Jahre Übersetzerin im UntergrundErwachet! 2009 | Juni
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Ich übersetze im Untergrund
Damals waren in Litauen nur eine Handvoll Zeugen Jehovas in Freiheit. Die meisten saßen im Gefängnis oder waren in sibirischer Gefangenschaft. 1959 kamen zwei Zeugen Jehovas aus Sibirien zurück. Sie baten mich, biblische Literatur ins Litauische zu übersetzen. Über diese schöne Aufgabe freute ich mich riesig.
Im März 1960 fing ich mit Übersetzen an und im Juli ließ ich mich zum Zeichen meiner Hingabe an Gott heimlich in der Dubysa taufen. Da mir der sowjetische Geheimdienst KGB das Leben schwer machen wollte, fand ich keine Arbeit, um auf eigenen Füßen stehen zu können. Also wohnte ich bei meinen Eltern, die nichts gegen meinen Glauben hatten, und hütete die Kühe meines Vaters und die einiger Nachbarn. Das Übersetzen lief nebenher. Ich hatte einen idyllischen Arbeitsplatz mit einem alten Baumstumpf als Bürostuhl. Die grüne Wiese war der Teppich und der blaue Himmel über mir die Zimmerdecke. Als Schreibtisch hatte ich meinen Schoß.
Ich merkte allerdings schnell, dass es nicht ganz ungefährlich war, im Freien zu übersetzen. Leicht hätten mich KGB-Mitarbeiter oder Spitzel entdecken können. Als sich die Möglichkeit ergab, irgendwelche Verstecke zu nutzen, zog ich daheim aus. Manchmal arbeitete ich in einer Scheune. Auf der einen Seite des Stalls lärmte das Viehzeug, auf der anderen Seite ratterte meine Schreibmaschine.
Da es keinen Strom gab, konnte ich nur bei Tageslicht arbeiten. Vor einer Scheune war eine Windmühle aufgebaut worden, damit man das Klappern der Schreibmaschine nicht hörte. Sobald es dunkel wurde, aß ich im Bauernhaus mein Abendbrot. Danach ging ich wieder in die Scheune und legte mich zum Schlafen ins Heu.
Im Oktober 1961 flog meine religiöse Tätigkeit auf. Ich wurde zusammen mit zwei anderen Zeugen Jehovas festgenommen. 1962 machte man uns den Prozess. Es war zum Glück ein öffentliches Verfahren, sodass wir unseren Glauben vor vielen Beobachtern verteidigen konnten (Markus 13:9). Ich erhielt eine dreijährige Haftstrafe und kam in Tallinn (Estland) ins Gefängnis. Meines Wissens war ich damals die Einzige, die dort wegen ihrer religiösen Überzeugung einsaß. Ab und zu kam jemand von der Stadtverwaltung zu Besuch, und dann konnte ich immer über meinen Glauben sprechen.
Wieder beim Übersetzen
Nach meiner Freilassung aus dem estnischen Gefängnis im Jahr 1964 kehrte ich nach Litauen zurück. Ich machte da weiter, wo ich aufgehört hatte. Meistens übersetzte ich aus dem Russischen. Das Pensum war gewaltig. Es halfen zwar noch andere mit, aber ich war die Einzige, die ganztags ins Litauische übersetzte. Oft arbeitete ich sieben Tage in der Woche von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Ohne die Hilfe Jehovas hätte ich das nie geschafft.
Da ich wusste, wie wichtig diese Arbeit war, passte ich gut auf, dass ich nicht erwischt wurde. Meine Glaubensbrüder setzten sich und ihre Familie einem Risiko aus, wenn sie mich versteckten und verpflegten. Dass wir alle an einem Strang zogen, schweißte uns sehr zusammen. Während ich arbeitete, hielt immer jemand aus der Familie Wache. Bei Gefahr klopfte er mit einem Gegenstand aus Eisen zweimal ans Heizrohr und ich packte schnell alles Verdächtige weg.
Sobald wir das Gefühl hatten, beobachtet zu werden, wechselte ich meine Bleibe. Damals galt es als schwere Straftat, ohne Genehmigung eine Schreibmaschine zu besitzen. Deshalb brachte jemand anders die Schreibmaschine an den neuen Arbeitsplatz. Ich zog dann meistens im Schutz der Dunkelheit um.
Jehova hat mich definitiv beschützt. Die Behörden wussten, was ich tat, konnten mir aber nie etwas nachweisen. Als 1973 einmal acht Zeugen Jehovas unter Anklage standen, musste ich vor Gericht aussagen. Der Staatsanwalt fragte mich ohne Umschweife: „Wie viel Literatur haben Sie im Lauf der Jahre denn schon hergestellt, Mockutė?“
Ich erwiderte, ich könne zu dieser Frage nichts sagen. Darauf meinte er: „Was für Fragen können Sie denn überhaupt beantworten?“
„Fragen, die nichts mit dieser Arbeit zu tun haben“, entgegnete ich.
Das Blatt wendet sich
Ende der 80er-Jahre änderte sich die Situation in Litauen. Wir mussten uns jetzt nicht mehr verstecken. Ab 1990 gab es dann auch neue Übersetzer. Am 1. September 1992 wurde für sie in Klaipeda ein kleines Übersetzungsbüro eröffnet. In dieser Stadt ließ auch ich mich endgültig nieder.
Insgesamt war ich 30 Jahre lang an 16 verschiedenen Orten Übersetzerin und hatte nie ein eigenes Zuhause. Doch wenn ich mir ansehe, was für gute Früchte all diese Arbeit getragen hat, bin ich einfach nur glücklich. Heute gibt es in Litauen rund 3 000 Zeugen Jehovas. Und die Arbeit, die ich heimlich in Scheunen und auf Dachböden tat, wird inzwischen in dem gut ausgestatteten litauischen Zweigbüro nahe der Stadt Kaunas erledigt.
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Dreißig Jahre Übersetzerin im UntergrundErwachet! 2009 | Juni
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[Bild auf Seite 14, 15]
Biblische Literatur, die ich im Untergrund übersetzte
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Dreißig Jahre Übersetzerin im UntergrundErwachet! 2009 | Juni
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[Bild auf Seite 15]
Eine meiner Schreibmaschinen
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