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„Mein Königreich ist kein Teil dieser Welt“Der Wachtturm (Studienausgabe) 2018 | Juni
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„Mein Königreich ist kein Teil dieser Welt“
„Dazu bin ich in die Welt gekommen, damit ich für die Wahrheit Zeugnis ablege“ (JOH. 18:37)
1, 2. (a) Welcher Trend ist weltweit zu beobachten? (b) Welche Fragen werden in diesem Artikel beantwortet?
„VON Kindheit an habe ich ständig Unrecht erlebt“, erinnert sich eine Schwester aus Südeuropa. „Darum lehnte ich das politische System meines Landes ab und unterstützte Vorstellungen, die viele als radikal bezeichnet hätten. Jahrelang war ich sogar mit einem Terroristen zusammen.“ Auch ein Bruder aus Afrika hielt früher Gewalt für gerechtfertigt. „Ich dachte, mein Stamm sei allen anderen überlegen, und ich schloss mich einer politischen Partei an“, sagt er. „Uns wurde beigebracht, Gegner mit Speeren zu töten — sogar unsere eigenen Stammesangehörigen, wenn sie für eine andere Partei waren.“ Eine Schwester aus Mitteleuropa räumt ein: „Ich hatte Vorurteile und hasste jeden, der eine andere Nationalität oder einen anderen Glauben hatte.“
2 Diese Aussagen spiegeln einen weltweiten Trend wider: Gewaltbereite Unabhängigkeitsbewegungen haben Zulauf, Gräben zwischen politischen Lagern werden tiefer und in vielen Ländern erleben Ausländer immer größere Feindseligkeit. Wie vorausgesagt sind die Menschen in den letzten Tagen „für keine Übereinkunft zugänglich“ (2. Tim. 3:1, 3). Wie können Christen die Einheit bewahren, während die Konflikte in der Welt immer mehr zunehmen? Auch Jesus lebte in einem politisch aufgeheizten Klima. Warum hielt er sich konsequent aus Unabhängigkeitsbestrebungen heraus? Wie zeigte er, dass Diener Gottes in politischen Fragen neutral sein sollten? Und wie machte Jesus deutlich, dass Gewalt gegen andere keine Option ist?
WIE JESUS ZU UNABHÄNGIGKEITSBEWEGUNGEN STAND
3, 4. (a) Welche politischen Erwartungen hatten die Juden zur Zeit Jesu? (b) Welchen Einfluss hatte der Zeitgeist auf die Erwartungen der Jünger?
3 Viele Juden, denen Jesus predigte, sehnten sich nach Unabhängigkeit von Rom. Zeloten, also jüdische Nationalisten, förderten dieses Denken. Einige von ihnen griffen sogar zu Gewalt. Viele dieser Extremisten waren Anhänger von Judas, dem Galiläer, einem falschen Messias des ersten Jahrhunderts, der viele irreführte. Der jüdische Historiker Josephus sagte über ihn, er verleite „seine Landsleute zum Abfall, indem er es für schmachvoll erklärte, wenn sie noch fernerhin Abgaben an die Römer entrichten“. Judas wurde schließlich von den Römern hingerichtet (Apg. 5:37).
4 Auch weniger radikal eingestellte Juden erwarteten sehnsüchtig einen politischen Messias. Er sollte sie von den Römern befreien und ihrer Nation zu Ruhm verhelfen (Luk. 2:38; 3:15). Viele glaubten, der Messias würde als König in Israel regieren. Millionen zerstreut lebender Juden würden dann in ihr Heimatland zurückkehren. Beispielsweise fragte Johannes der Täufer Jesus einmal: „Bist du der Kommende, oder sollen wir einen anderen erwarten?“ (Mat. 11:2, 3). Vielleicht wollte Johannes wissen, ob jemand anderes die Hoffnung der Juden erfüllen würde. Nach seiner Auferstehung traf Jesus auf dem Weg nach Emmaus zwei Jünger. Auch ihre Erwartungen an den Messias hatten sich nicht erfüllt. (Lies Lukas 24:21.) Und kurz darauf fragten die Apostel Jesus: „Herr, stellst du in dieser Zeit für Israel das Königreich wieder her?“ (Apg. 1:6).
5. (a) Warum wollten die Galiläer Jesus zum König machen? (b) Wie korrigierte Jesus ihre Denkweise?
5 Diese Vorstellung vom Messias führte offensichtlich dazu, dass die Galiläer Jesus zum König machen wollten. Man kann sich vorstellen, warum sie ihn für den idealen Herrscher hielten: Er war ein herausragender Redner, konnte Kranke heilen und Hungrige mit Nahrung versorgen. Als Jesus einmal über 5 000 Menschen gespeist hatte, bemerkte er, „dass sie im Begriff waren, . . . ihn zum König zu machen“. Deshalb „zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein“ (Joh. 6:10-15). Am nächsten Tag hatte ihre erste Begeisterung vermutlich etwas nachgelassen. Jetzt erklärte Jesus der Volksmenge den eigentlichen Grund seiner Tätigkeit: Er war gekommen, um dem Volk geistig zu helfen, nicht materiell. „Wirkt nicht für die Speise, die vergeht“, sagte er, „sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt“ (Joh. 6:25-27).
6. Wie machte Jesus deutlich, dass er kein Interesse an politischem Einfluss hatte? (Siehe Anfangsbild.)
6 Kurz vor seinem Tod dachten einige seiner Jünger, Jesus würde einmal als König in Jerusalem regieren. Um das richtigzustellen, erzählte er das Gleichnis von den Minen. Darin vergleicht sich Jesus mit einem „Menschen von vornehmer Geburt“, der für lange Zeit in ein fernes Land reiste (Luk. 19:11-13, 15). Auch vor Vertretern des Römischen Reiches bekräftigte Jesus seine Neutralität. Pontius Pilatus fragte ihn: „Bist du der König der Juden?“ (Joh. 18:33). Pilatus befürchtete wohl, Jesus könnte einen Aufstand verursachen. Jesus entgegnete: „Mein Königreich ist kein Teil dieser Welt“ (Joh. 18:36). Er ließ sich nicht in die Politik hineinziehen. Sein Königreich würde im Himmel sein. Er erklärte Pilatus, er sei auf die Erde gekommen, um „für die Wahrheit Zeugnis abzulegen“. (Lies Johannes 18:37.)
Konzentrierst du dich auf die Probleme dieser Welt oder auf Gottes Königreich? (Siehe Absatz 7)
7. Was macht es manchmal schwer, neutral zu bleiben?
7 Jesus hatte seinen Auftrag klar vor Augen. Wenn es bei uns genauso ist, sympathisieren wir nicht mit irgendeiner Unabhängigkeitsbewegung — auch nicht in Gedanken. Das kann schwierig sein. „In unserer Gegend werden die Leute immer radikaler“, berichtet ein reisender Aufseher. „Nationalistisches Denken ist weitverbreitet. Viele sind sich sicher, politische Unabhängigkeit würde ihre Situation verbessern. Wie gut, dass sich die Brüder auf das Predigen der guten Botschaft konzentrieren und so die Einheit bewahren. Sie vertrauen darauf, dass Gott Ungerechtigkeit beseitigen und auch alle anderen Probleme lösen wird.“
WIE JESUS MIT POLITISCHEN FRAGEN UMGING
8. Worunter hatten die Juden im ersten Jahrhundert zu leiden?
8 Ungerechtigkeit bewirkt oft, dass sich Menschen für politische Themen engagieren. Im ersten Jahrhundert waren Steuern ein brisantes Thema. Zum Beispiel kam es zu dem bereits erwähnten Aufstand von Judas, dem Galiläer, als die Römer dazu aufriefen, sich für die Steuern zu registrieren. Jesu Zuhörer mussten viele verschiedene Steuern zahlen, unter anderem auf Waren, Grundbesitz und Häuser. Und die Korruption der Steuereinnehmer verschlimmerte die Lage noch. Damals erwarben Steuereinnehmer das Recht Steuern einzutreiben bei öffentlichen Auktionen und bereicherten sich dann an den Einnahmen. Zachäus, der Obersteuereinnehmer von Jericho, war durch Erpressung reich geworden (Luk. 19:2, 8). So war es vermutlich bei vielen Steuereinnehmern.
9, 10. (a) Wie versuchten Jesu Feinde, ihn in eine politische Streitfrage zu verwickeln? (b) Was lernen wir aus Jesu Antwort? (Siehe Anfangsbild.)
9 Einmal versuchten die Parteianhänger des Herodes, Jesus eine Falle zu stellen. Sie wollten ihn dazu bringen, in einer Steuerfrage Partei zu ergreifen. Es ging um die Kopfsteuer von einem Denar, die jeder Einwohner des römischen Reiches zahlen musste. (Lies Matthäus 22:16-18.) Diese Steuer erinnerte die Juden an die römische Besatzung und war ihnen deshalb ein besonderer Dorn im Auge. Hätte sich Jesus gegen die Steuer ausgesprochen, hätte man ihn der Anstiftung zum Aufruhr beschuldigen können. Wäre er für die Steuer gewesen, hätte er vielleicht seine Anhänger verloren.
10 Jesus blieb bei diesem Thema absolut neutral: „Zahlt . . . Cäsars Dinge Cäsar zurück, Gottes Dinge aber Gott“, sagte er (Mat. 22:21). Er wusste natürlich, wie verbreitet Korruption unter Steuereinnehmern war. Trotzdem ließ er sich nicht ablenken, sondern behielt die wirkliche Lösung im Blick, Gottes Königreich. Damit gab Jesus seinen Nachfolgern ein Beispiel. Auch sie sollten sich nicht in politische Fragen hineinziehen lassen, ganz gleich wie gerecht oder ehrenwert ein Ziel zu sein scheint. Statt sich eine feste Meinung zu gewissen Ungerechtigkeiten zu bilden und sich gegen solche auszusprechen, suchen Christen Gottes Königreich und seine Gerechtigkeit (Mat. 6:33).
11. Was ist die beste Möglichkeit, sich für Gerechtigkeit einzusetzen?
11 Viele Zeugen Jehovas haben es geschafft, eine tief sitzende politische Meinung aufzugeben. „Durch die Soziologiekurse an der Uni entwickelte ich radikale Ansichten“, sagt eine Schwester aus Großbritannien. „Ich wollte die Rechte von Schwarzen verteidigen, weil wir so viel Ungerechtigkeit erlitten haben. Oft gewann ich Streitgespräche, war hinterher aber trotzdem frustriert. Ich verstand nicht, dass die Ursache von Rassismus im Herzen der Menschen liegt und dass diese zuerst beseitigt werden musste. Als ich dann die Bibel studierte, erkannte ich: Ich musste mit meinem eigenen Herzen anfangen. Letztendlich war es eine weiße Schwester, die mich auf meinem Weg begleitete. Heute bin ich Pionier in einer gebärdensprachigen Versammlung und lerne, den unterschiedlichsten Menschen zu helfen.“
„STECKE DEIN SCHWERT WIEDER AN SEINEN PLATZ“
12. Wovor sollten sich Jesu Jünger in Acht nehmen?
12 Zur Zeit Jesu vermischten sich oft Religion und Politik. In dem Buch Er kam in sein Eigentum. Die Umwelt Jesu wird bemerkt, „daß die religiösen Sekten, in die die Juden aufgespalten waren, im großen und ganzen dem entsprachen, was wir politische Parteien nennen“. Darum warnte Jesus seine Jünger: „Haltet eure Augen offen, nehmt euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und dem Sauerteig des Herodes in Acht“ (Mar. 8:15). Jesus erwähnte hier verschiedene politische Lager. Mit „Herodes“ bezog er sich wohl auf seine Parteianhänger. Er nannte auch die Pharisäer, die für die jüdische Unabhängigkeit waren. Wie Matthäus berichtet, erwähnte Jesus in diesem Gespräch außerdem die Sadduzäer. Sie wollten, dass alles so blieb, wie es war. Viele von ihnen hatten unter der römischen Verwaltung großen politischen Einfluss. Jesus bezeichnete die Lehren dieser drei Lager als Sauerteig. Er warnte seine Nachfolger eindringlich davor, sich von ihnen beeinflussen zu lassen (Mat. 16:6, 12). Interessant ist: Diese Unterhaltung fand kurz nach dem Versuch statt, Jesus zum König zu machen.
13, 14. (a) Wie führte die Vermischung von Religion und Politik zu Gewalt? (b) Warum rechtfertigt Ungerechtigkeit keine Gewalt? (Siehe Anfangsbild.)
13 Die Mischung aus Religion und Politik führt leicht zu Gewalt. Jesus lehrte seine Jünger, unter allen Umständen neutral zu bleiben. Das war ein Grund dafür, warum ihn die Pharisäer und die Oberpriester umbringen wollten. Sie betrachteten ihn als politischen und religiösen Rivalen. „Wenn wir ihn so gewähren lassen“, befürchteten sie, „werden sie alle an ihn glauben, und die Römer werden kommen und sowohl unsere Stätte als auch unsere Nation wegnehmen“ (Joh. 11:48). Darum trieb der Hohe Priester Kaiphas das Komplott gegen Jesus voran (Joh. 11:49-53; 18:14).
14 Kaiphas schickte Soldaten, um Jesus bei Nacht festzunehmen. Weil Jesus das wusste, wies er seine Jünger beim letzten gemeinsamen Essen an, Schwerter mitzunehmen. Zwei wären genug für eine wichtige Lektion (Luk. 22:36-38). Später in jener Nacht verteidigte Petrus Jesus mit einem dieser Schwerter — so aufgebracht war er über die ungerechte nächtliche Verhaftung (Joh. 18:10). Aber Jesus sagte zu ihm: „Stecke dein Schwert wieder an seinen Platz, denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen“ (Mat. 26:52, 53). Das passte zu seinem vorherigen Gebet: Die Jünger sollten kein Teil der Welt sein. (Lies Johannes 17:16.) Gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen ist Gottes Sache.
15, 16. (a) Wie hat die Bibel das Leben von Menschen verändert? (b) Was sieht Jehova heute in der Welt, und was bei seinen Dienern?
15 Die eingangs erwähnte Schwester aus Südeuropa lernte die gleiche Lektion. „Ich habe gesehen, dass Gewalt keine Gerechtigkeit bringt“, bemerkt sie. „Viele, die zu Gewalt gegriffen haben, sind heute tot. Andere sind verbittert. Ich war so glücklich, aus der Bibel zu erfahren, dass nur Gott für wahre Gerechtigkeit auf der Erde sorgen kann. Seit 25 Jahren ist das meine Botschaft.“ Der Bruder aus Südafrika hat seinen Speer gegen „das Schwert des Geistes“, die Bibel, getauscht. Er spricht jetzt mit seinen Mitmenschen über eine Botschaft des Friedens, ganz egal, zu welchem Stamm sie gehören (Eph. 6:17). Die Schwester aus Mitteleuropa heiratete nach ihrer Taufe einen Bruder aus einer Volksgruppe, die sie früher hasste. Alle drei änderten sich, weil sie sein wollten wie Jesus.
16 Solche Änderungen sind lebenswichtig. Die Bibel vergleicht die Menschheit mit einem aufgewühlten Meer, das nie zur Ruhe kommt (Jes. 17:12; 57:20, 21; Offb. 13:1). Durch politische Konflikte werden Menschen aufgewiegelt, entzweit und zu sinnloser Gewalt verleitet. Aber wir arbeiten weiter an Einheit und Frieden. Wie sehr sich Jehova doch freut, die Einheit seiner Diener in dieser zerstrittenen Welt zu sehen! (Lies Zephanja 3:17.)
17. (a) Wie können wir unsere christliche Einheit bewahren? (b) Worum geht es im nächsten Artikel?
17 Wie können wir also Einheit fördern? Wir haben drei Schlüssel besprochen: 1. Wir vertrauen darauf, dass Gottes Königreich für Gerechtigkeit sorgen wird. 2. Wir ergreifen in politischen Angelegenheiten niemals Partei. 3. Wir sagen Nein zu Gewalt. Unsere Einheit kann auch durch Vorurteile gefährdet werden. Der nächste Artikel zeigt, wie Christen im ersten Jahrhundert damit umgingen und was wir von ihnen lernen können.
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Eins sein, wie Jehova und Jesus eins sindDer Wachtturm (Studienausgabe) 2018 | Juni
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Eins sein, wie Jehova und Jesus eins sind
„Ich bitte . . ., damit sie alle eins seien, so wie du, Vater, in Gemeinschaft bist mit mir“ (JOH. 17:20, 21)
1, 2. (a) Worum betete Jesus an seinem letzten Abend mit den Aposteln? (b) Warum war Jesus womöglich um die Einheit besorgt?
AN SEINEM letzten Abend mit den Aposteln war Jesus um die Einheit unter seinen Jüngern besorgt. Er betete darum, dass sie eins seien, so wie er und sein Vater eins sind. (Lies Johannes 17:20, 21.) Ihre Einheit würde kraftvoll bezeugen, dass Jesus von Gott gesandt worden war, um dessen Willen zu tun. Jesu Nachfolger wären an ihrer Liebe zu erkennen und diese würde sie vereinen (Joh. 13:34, 35).
2 Warum legte Jesus so viel Wert auf Einheit? An seinem letzten Abend mit den Aposteln bemerkte er Unstimmigkeiten unter ihnen. Wieder einmal diskutierten sie darüber, „wer von ihnen der Größte zu sein scheine“ (Luk. 22:24-27; Mar. 9:33, 34). Bei einer anderen Gelegenheit hatten Jakobus und Johannes Jesus um die besten Plätze im Königreich gebeten — links und rechts von ihm (Mar. 10:35-40).
3. Was mag zur Uneinigkeit unter den Jüngern beigetragen haben, und was besprechen wir jetzt?
3 Nicht nur der Wunsch nach mehr Ansehen hätte der Einheit unter Christi Nachfolgern schaden können. Sie lebten in einer Gesellschaft, die durch Vorurteile und Feindseligkeit tief gespalten war. Jesu Jünger mussten anders sein. Wie brachte Jesus seinen Nachfolgern bei, unparteiisch und wirklich vereint zu sein? Wie begegnete er Vorurteilen? Und wie helfen uns seine Lehren und sein Beispiel, vereint zu sein?
VORURTEILE GEGENÜBER JESUS UND SEINEN NACHFOLGERN
4. Welche Vorurteile gab es Jesus gegenüber?
4 Jesus wurde selbst Opfer von Vorurteilen. Wie reagierte Nathanael zum Beispiel, als ihm Philippus erzählte, dass er den Messias gefunden hatte? Er entgegnete: „Kann aus Nazareth etwas Gutes kommen?“ (Joh. 1:46). Anscheinend kannte Nathanael die Prophezeiung aus Micha 5:2 und wusste, dass der Messias in Bethlehem geboren werden sollte. Nazareth war ihm wohl zu unbedeutend, um die Heimat des Messias zu sein. Auch angesehene Judäer verachteten Jesus, weil er aus Galiläa war; viele Judäer fühlten sich den Galiläern nämlich überlegen (Joh. 7:52). Andere Juden versuchten Jesus zu beleidigen, indem sie ihn „Samariter“ nannten (Joh. 8:48). Die Samariter hatten eine andere Herkunft und Religion als die Juden. Judäer und Galiläer mieden sie deshalb (Joh. 4:9).
5. Welche Vorurteile gab es Jesu Jüngern gegenüber?
5 Die religiösen Führer der Juden verachteten auch Jesu Nachfolger. Beispielsweise bezeichneten die Pharisäer sie als „verfluchte Leute“ (Joh. 7:47-49). Wer nicht auf den Rabbinerschulen studiert hatte und sich nicht an die Traditionen hielt, galt als gewöhnlich und verachtenswert (Apg. 4:13). Die Vorurteile, die Jesus und seine Jünger erlebten, entsprangen einer Gesellschaft, die religiös, sozial und ethnisch gespalten war. In diesem Umfeld gelang es auch Jesu Jüngern nicht, vorurteilsfrei zu bleiben. Um vereint zu sein, mussten sie umdenken.
6. Welche Beispiele zeigen, wie sich Vorurteile auf uns auswirken können?
6 Auch heute sind vorgefasste Meinungen weitverbreitet. Vielleicht wird man Opfer von Vorurteilen oder man hat selbst welche. Eine Schwester aus Australien, die heute Pionier ist, berichtet: „Je mehr ich mich damit beschäftigt habe, was man den Aborigines früher angetan hat und noch antut, umso mehr habe ich Weiße gehasst.“ Sie fügt hinzu: „Was ich selbst erlebt habe, hat diesen Hass noch verstärkt.“ Ein kanadischer Bruder beschreibt, welche Vorurteile er früher gegenüber anderen Sprachgruppen hatte: „Wer Französisch spricht, war meiner Meinung nach anderen überlegen.“ Er gibt zu: „Ich entwickelte eine starke Abneigung gegen Leute, die Englisch sprechen.“
7. Wie ging Jesus mit Vorurteilen um?
7 Schon zur Zeit Jesu saßen Vorurteile tief. Wie ging er damit um? Zum einen war er selbst vorurteilsfrei und unparteiisch. Er predigte jedem, ob arm oder reich, Pharisäer oder Samariter — sogar Steuereinnehmern und Sündern. Zum anderen brachte er seinen Jüngern durch sein Lehren und sein eigenes Beispiel bei, Misstrauen und Intoleranz abzulegen.
LIEBE UND DEMUT BESIEGEN VORURTEILE
8. Welche Grundwahrheit trägt zur christlichen Einheit bei?
8 Jesus nannte eine grundlegende Wahrheit, die maßgeblich zu unserer Einheit beiträgt. Er sagte zu seinen Jüngern: „Ihr [seid] alle Brüder.“ (Lies Matthäus 23:8, 9.) Natürlich stammen wir alle von Adam ab und sind daher Brüder (Apg. 17:26). Aber nicht nur das: Jesu Jünger waren auch deshalb Brüder und Schwestern, weil sie Jehova als ihren gemeinsamen Vater anerkannten (Mat. 12:50). Außerdem waren sie Teil einer großen geistigen Familie geworden, die in Liebe und Glauben verbunden ist. Daher bezeichneten die Apostel in ihren Briefen andere Jünger oft als ihre Brüder und Schwestern (Röm. 1:13; 1. Pet. 2:17; 1. Joh. 3:13).a
9, 10. (a) Warum hatten die Juden keinen Grund, auf ihre Herkunft stolz zu sein? (b) Mit welcher Erzählung half Jesus anderen, Vorurteile zu überwinden? (Siehe Anfangsbild.)
9 Nachdem Jesus erklärt hatte, dass wir Brüder und Schwestern sind, betonte er die Wichtigkeit von Demut. (Lies Matthäus 23:11, 12.) Schließlich war es Stolz, der unter den Aposteln zu Unstimmigkeiten geführt hatte. Vielleicht waren sie als Nachkommen Abrahams stolz auf ihre Herkunft. Viele Juden fühlten sich aus diesem Grund anderen überlegen. Aber Johannes der Täufer sagte ihnen, Gott hätte die Macht, Abraham sogar aus „Steinen Kinder zu erwecken“ (Luk. 3:8).
10 Jesus verurteilte Nationalstolz. Bei einer Gelegenheit fragte ihn ein Schriftgelehrter: „Wer ist in Wirklichkeit mein Nächster?“ Daraufhin erzählte Jesus die Geschichte von einem Samariter, der sich um einen ausgeraubten Reisenden — einen Juden — kümmerte. Andere Juden gingen an diesem hilfsbedürftigen Mann einfach vorbei. Doch der Samariter half ihm. Jesus forderte den Schriftgelehrten auf, sich an dem Samariter ein Beispiel zu nehmen (Luk. 10:25-37). Damit zeigte er: Sogar von einem Samariter konnten die Juden etwas über wahre Nächstenliebe lernen.
11. Warum mussten Christi Nachfolger unvoreingenommen sein, und wie vermittelte Jesus ihnen das?
11 Um ihren Auftrag zu erfüllen, mussten Jesu Jünger Stolz und Vorurteile ablegen. Bevor Jesus in den Himmel auffuhr, beauftragte er sie, „in ganz Judäa und Samaria und bis zum entferntesten Teil der Erde“ seine Zeugen zu sein (Apg. 1:8). Um sie auf diese gewaltige Aufgabe vorzubereiten, hatte Jesus mehrfach auf gute Eigenschaften von Ausländern hingewiesen. Zum Beispiel lobte er einen ausländischen Offizier für seinen außergewöhnlichen Glauben (Mat. 8:5-10). In seiner Heimatstadt Nazareth sprach Jesus davon, wie gut Jehova zu Ausländern war, beispielsweise zu der phönizischen Witwe aus Zarephath und zu dem syrischen Aussätzigen Naaman (Luk. 4:25-27). Auch predigte Jesus einmal einer Samariterin. Mehr noch: Weil das Interesse der Menschen in dieser samaritischen Stadt so groß war, verbrachte er zwei Tage dort (Joh. 4:21-24, 40).
DER KAMPF GEGEN VORURTEILE IM ERSTEN JAHRHUNDERT
12, 13. (a) Wie reagierten die Apostel, als Jesus einer Samariterin predigte? (Siehe Anfangsbild.) (b) Was zeigt, dass Jakobus und Johannes nicht ganz verstanden hatten, was Jesus ihnen begreiflich machen wollte?
12 Für die Apostel war es nicht leicht, ihre Vorurteile abzubauen. Als Jesus einmal mit einer samaritischen Frau sprach, waren sie überrascht (Joh. 4:9, 27). Die religiösen Führer der Juden hätten in der Öffentlichkeit nie mit einer Frau gesprochen, schon gar nicht mit einer Samariterin mit fragwürdigem Ruf. Als die Apostel Jesus aufforderten, etwas zu essen, machte er deutlich, dass ihm das Gespräch wichtiger war. Zu predigen — auch einer Samariterin — war der Wille seines Vaters und für Jesus wie Nahrung (Joh. 4:31-34).
13 Jakobus und Johannes hatten diesen wichtigen Punkt nicht verstanden. Einmal reisten sie mit Jesus durch Samaria, wo man sich weigerte, sie über Nacht aufzunehmen. Jakobus und Johannes schlugen verärgert vor, Feuer vom Himmel herabzurufen und das ganze Dorf zu zerstören. Jesus wies sie streng zurecht (Luk. 9:51-56). Ob Jakobus und Johannes wohl genauso reagiert hätten, wenn es sich um ein Dorf in Galiläa gehandelt hätte, ihrer Heimat? Ihre Feindseligkeit hing wohl mit Vorurteilen zusammen. Gut möglich, dass der Apostel Johannes seinen Wutausbruch später bereute, als er den Samaritern predigte und viele von ihnen die Wahrheit annahmen (Apg. 8:14, 25).
14. Wie löste man einen Fall von Diskriminierung?
14 Kurz nach Pfingsten 33 gab es einen Fall von Diskriminierung. Man hatte griechischsprachige Witwen bei der Essensausteilung übergangen (Apg. 6:1). Hatte man vielleicht Vorurteile gegen sie? Die Apostel reagierten jedenfalls sofort. Sie setzten geeignete Männer für die Austeilung ein. Interessanterweise hatten diese reifen Brüder durchweg griechische Namen. Vielleicht wollte man so den benachteiligten Witwen entgegenkommen.
15. Wie lernte es Petrus, unparteiischer zu werden? (Siehe Anfangsbild.)
15 Im Jahr 36 wurde das Predigtwerk noch internationaler. Der Apostel Petrus hatte bis dahin nur mit Juden Umgang gehabt. Doch nachdem Jehova ihm deutlich gezeigt hatte, dass Christen nicht parteiisch sein dürfen, predigte Petrus dem römischen Soldaten Kornelius. (Lies Apostelgeschichte 10:28, 34, 35.) Von da an verbrachte Petrus Zeit mit nichtjüdischen Christen und aß auch mit ihnen. Doch Jahre später, in Antiochia, hielt er sich auf einmal von ihnen fern (Gal. 2:11-14). Paulus wies ihn dafür zurecht und Petrus nahm sich das offensichtlich zu Herzen. In seinem ersten Brief an jüdische und nichtjüdische Christen in Kleinasien betonte Petrus später, wie wichtig Liebe zur ganzen Bruderschaft ist (1. Pet. 1:1; 2:17).
16. Welchen guten Ruf haben sich die ersten Christen erworben?
16 Die Apostel lernten also von Jesus, „Menschen von allen Arten“ zu lieben (Joh. 12:32; 1. Tim. 4:10). Mit der Zeit schafften sie es umzudenken. Bald waren die ersten Christen dafür bekannt, einander zu lieben. Tertullian, ein Schriftsteller aus dem zweiten Jahrhundert, schrieb, was andere über die Christen sagten: „Seht, . . . wie sie sich gegenseitig lieben . . . und wie sie füreinander zu sterben bereit sind.“ Die Christen kleideten sich mit der „neuen Persönlichkeit“ und lernten, alle Menschen so zu sehen, wie Gott sie sieht. Vor ihm sind alle gleich (Kol. 3:10, 11).
17. Erkläre anhand von Beispielen, wie man Vorurteile abbauen kann.
17 Auch heute dauert es vielleicht eine gewisse Zeit, bis wir unsere Vorurteile vollständig abgebaut haben. Eine Schwester in Frankreich beschreibt ihren Kampf so: „Jehova hat mir gezeigt, was Liebe ist, was es heißt zu teilen, Menschen von allen Arten zu lieben. Ich muss immer noch gegen meine Vorurteile ankämpfen. Das ist nicht immer leicht. Ich bitte Jehova regelmäßig um Hilfe.“ Einer Schwester aus Spanien geht es ähnlich: „Es kommt vor, dass ich einer gewissen Volksgruppe gegenüber feindselige Gefühle habe. Meistens komme ich dagegen an. Aber ich weiß, ich muss weiterkämpfen. Ich bin froh, zu einer vereinten Familie zu gehören und danke Jehova dafür.“ Hören wir doch einmal in uns hinein. Haben wir vielleicht auch noch das ein oder andere Vorurteil?
VORURTEILE SCHWINDEN, WO LIEBE WÄCHST
18, 19. (a) Warum heißen wir jeden willkommen? (b) Wie können wir aufeinander zugehen?
18 Vergessen wir nicht: Wir alle waren einmal „Fremde“ oder Ausländer, fern von Gott (Eph. 2:12). Aber Jehova hat uns „mit den Stricken der Liebe“ zu sich gezogen (Hos. 11:4; Joh. 6:44). Und Christus hat uns willkommen geheißen. Er hat uns trotz unserer Unvollkommenheiten gewissermaßen die Tür zu Gottes Familie geöffnet. (Lies Römer 15:7.) Wie könnten wir da irgendjemand zurückweisen?
Jehovas Diener lassen sich von göttlicher Weisheit leiten und sind in Liebe vereint (Siehe Absatz 19)
19 Unstimmigkeiten, Vorurteile und Feindseligkeiten werden in einer Welt, die dem Ende entgegengeht, zweifellos zunehmen (Gal. 5:19-21; 2. Tim. 3:13). Doch als Diener Jehovas lassen wir uns von der Weisheit von oben leiten. Sie ist unparteiisch und fördert den Frieden (Jak. 3:17, 18). Wir schließen gern Freundschaften mit Brüdern aus anderen Ländern, sind offen für kulturelle Unterschiede und lernen vielleicht sogar eine neue Sprache. Wenn wir das tun, wird unser „Frieden so werden wie ein Strom“ und die Gerechtigkeit wie die Wellen des Meeres (Jes. 48:17, 18).
20. Wie wirkt es sich aus, wenn wir unser Herz und unseren Sinn von Liebe formen lassen?
20 „Die Schleusen wahrer Erkenntnis wurden mir geöffnet“, sagt die bereits erwähnte australische Schwester. Sie erklärt, wie sehr ihr das Studium der Bibel geholfen hat: „Mein Herz und mein Sinn wurden umgeformt. Die tief sitzenden Vorurteile schmolzen vor meinen Augen dahin.“ Der kanadische Bruder sagt, er verstehe jetzt, „dass die Wurzel von Rassismus oft Unwissenheit ist und dass die Eigenschaften eines Menschen nicht von seinem Geburtsort abhängen“. Er heiratete sogar eine englischsprachige Schwester. Ja, christliche Liebe bezwingt Vorurteile. Sie ist ein vollkommenes Band der Einheit (Kol. 3:14).
a Die Bezeichnung „Brüder“ kann sich auch auf Frauen beziehen. Paulus schrieb an die „Brüder“ in Rom und dachte dabei offensichtlich auch an Schwestern, denn einige von ihnen nennt er mit Namen (Röm. 16:3, 6, 12). Im Wachtturm werden Mitgläubige schon lange als „Brüder und Schwestern“ bezeichnet.
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