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  • Frauen — Werden sie heute respektiert?
    Erwachet! 1992 | 8. Juli
    • Frauen — Werden sie heute respektiert?

      „WIE kann man nur solch eine Frage stellen!“ sagen einige Männer vielleicht überrascht. Betrachtet man jedoch, wie Frauen im Laufe der Geschichte behandelt wurden und heute noch weltweit behandelt werden, führen ein paar einfache Fragen zur Antwort.

      Wer ist in zwischenmenschlichen Beziehungen meistens das Opfer und wer der Unterdrücker? Wer wird in einer Ehegemeinschaft vorwiegend geschlagen? Männer oder Frauen? Wer wird sowohl in Friedens- als auch in Kriegszeiten vergewaltigt? Wer wird in der Kindheit hauptsächlich mißbraucht? Jungen oder Mädchen? Wer wird häufig durch Verordnungen, die von Männern erlassen werden, zu Bürgern zweiter Klasse degradiert? Wem wird das Wahlrecht verweigert? Wer hat nur begrenzte Bildungschancen? Männer oder Frauen?

      Der Fragenkatalog könnte fortgesetzt werden, aber die Tatsachen sprechen für sich. Elisabeth Bumiller schreibt in ihrem Buch May You Be the Mother of a Hundred Sons, das sich auf Erfahrungen stützt, die sie in Indien machte: „Die ‚typische‘ Inderin lebt auf dem Dorf; das trifft auf etwa 75 Prozent der vierhundert Millionen Frauen und Mädchen Indiens zu. ... Obwohl sie gern möchte, kann sie weder lesen noch schreiben und ist selten weiter als 30 km von ihrem Geburtsort entfernt gewesen.“ Das Bildungsdefizit ist nicht nur in Indien ein Problem, sondern weltweit.

      In Japan werden wie auch in vielen anderen Ländern immer noch Unterschiede auf dem Gebiet der Bildung gemacht. Gemäß dem Asahi Yearbook für 1991 absolvierten 1 460 000 Studenten ein vierjähriges Studium an der Universität, wogegen sich die Zahl der Studentinnen auf 600 000 belief. Zweifellos können Frauen auf der ganzen Erde bezeugen, daß ihre Bildungsmöglichkeiten begrenzter sind. „Bildung ist etwas für Jungen“ — mit dieser Meinung sahen sie sich konfrontiert.

      Susan Faludi stellt in ihrem kürzlich erschienenen Buch Backlash—The Undeclared War Against American Women einige passende Fragen über den Status der Frauen in den Vereinigten Staaten. „Wenn Amerikanerinnen wirklich gleichberechtigt sind, warum machen sie dann zwei Drittel aller armen Erwachsenen aus? ... Wieso sind es immer noch bei weitem mehr Frauen als Männer, die in ärmlichen Verhältnissen leben, nicht krankenversichert sind, geschweige denn eine Rente beziehen?“

      Frauen müssen sehr viel mehr leiden als Männer. Sie sind zur Zielscheibe von Demütigungen, Beleidigungen, sexuellen Belästigungen und Verachtung seitens der Männer geworden. Die schlechte Behandlung beschränkt sich durchaus nicht auf sogenannte Entwicklungsländer. Der Rechtsausschuß des US-Senats stellte vor kurzem einen Bericht über Gewalt gegen Frauen zusammen. Er enthüllte erschütternde Tatsachen. „Alle 6 Minuten wird eine Frau vergewaltigt; alle 15 Sekunden wird eine Frau geschlagen. ... Keine Frau in diesem Land ist gegen Gewaltverbrechen gefeit. Von 4 Frauen werden 3 zumindest einmal Opfer eines Gewaltverbrechens.“ In einem Jahr wurden drei bis vier Millionen Frauen von ihrem Mann mißhandelt. Diese bedauernswerte Situation führte 1990 zur Einführung des „Violence Against Women Act“ (Gesetz über Gewalt gegen Frauen) (Senate Report, The Violence Against Women Act of 1990).

      Betrachten wir nun einige Situationen, in denen Frauen auf der ganzen Welt Mangel an Respekt seitens der Männer ertragen müssen. In den letzten beiden Artikeln dieser Serie wird schließlich behandelt, wie sich Männer und Frauen in jeder Lebenslage gegenseitig Respekt erweisen können.

  • Frauen — Werden sie in der Familie respektiert?
    Erwachet! 1992 | 8. Juli
    • Frauen — Werden sie in der Familie respektiert?

      „Eine nach der anderen fand einen grausamen Tod. ... Sie starben zwar auf verschiedene Weise, aber die Begleitumstände waren dieselben: Die Polizei in Quebec [Kanada] teilte mit, daß die Frauen von ihrem ehemaligen oder jetzigen Mann oder Geliebten getötet wurden. In diesem Jahr [1990] fielen insgesamt 21 Frauen einer ständig zunehmenden Gewalt in der Ehe zum Opfer“ (Maclean’s, 22. Oktober 1990).

      HÄUSLICHE Gewalt, von einigen die „Schattenseite des Familienlebens“ genannt, hinterläßt zerrüttete Familien und Kinder, die ein verzerrtes Bild von der Ehegemeinschaft haben. Sie sind hin und her gerissen, wem gegenüber sie loyal sein sollen, und versuchen herauszufinden, warum Vati Mutti schlägt. (Weniger häufig stellt sich die Frage, warum Mutti so gemein zu Vati ist.) Häusliche Gewalt zeitigt oft Söhne, die später selbst Frauen schlagen. Das väterliche Beispiel hat bei ihnen schwere psychologische Probleme sowie Persönlichkeitskonflikte bewirkt.

      In der Veröffentlichung der Vereinten Nationen The World’s Women—1970-1990 heißt es: „Häusliche Angriffe von Männern auf Frauen werden zu den am seltensten angezeigten Verbrechen gerechnet — teilweise deshalb, weil diese Art Gewalt als soziale Krankheit und nicht als Verbrechen betrachtet wird.“

      Welches Ausmaß hat die Mißhandlung von Ehepartnern in den Vereinigten Staaten angenommen? In dem Senatsbericht ist zu lesen: „Der Begriff ‚häusliche Gewalt‘ hört sich vielleicht harmlos an, doch das Verhalten, für das er steht, ist alles andere als das. Statistiken vermitteln ein erschreckendes Bild, wie schwerwiegend, ja sogar tödlich die Mißhandlung des Ehepartners sein kann. Jährlich sterben zwischen 2 000 und 4 000 Frauen aufgrund von Mißhandlungen. ... Im Gegensatz zu anderen Verbrechen ist die Mißhandlung des Ehepartners ein Fall von ‚chronischer‘ Gewalt. Es handelt sich um eine ständige Einschüchterung und wiederholte körperliche Schädigung.“

      Die Zeitschrift World Health schreibt: „Gewalt gegen Frauen existiert in jedem Land und jeder sozioökonomischen Schicht. In vielen Kulturkreisen wird es als Recht des Mannes angesehen, seine Frau zu schlagen. Nur allzuoft ist man der Meinung, wiederholtes Schlagen und Vergewaltigen von Frauen und Mädchen sei eine ‚Privatangelegenheit‘, die andere nichts angehe — seien es Rechtsvertreter oder Beschäftigte im Gesundheitswesen.“ Die Gewalt in der Familie kann schnell auf die Schule übergreifen.

      Das zeigte ein Vorfall, der sich im Juli 1991 in einem kenianischen Internat für Jungen und Mädchen ereignete. Gemäß der New York Times wurden „71 Schülerinnen von Schülern vergewaltigt, und 19 weitere starben bei einer nächtlichen Gewaltorgie in den Schlafsälen, die, wie es heißt, ... ohne Eingreifen der Ortspolizei oder der Lehrer fortdauerte“. Wie ist diese Eskalation sexueller Gewalt zu erklären? „Die Tragödie hat deutlich gemacht, daß die Gesellschaft in Kenia von einem abstoßenden männlichen Chauvinismus beherrscht wird“, schreibt Hilary Ng’Weno, Chefredakteur der bekanntesten Zeitschrift in Kenia, The Weekly Review. „Das Los der Frauen und Mädchen in unserem Land ist beklagenswert. ... Wir erziehen unsere Jungen dazu, wenig oder gar keine Achtung vor Mädchen zu haben.“

      Darin liegt weltweit der Kern des Problems — Jungen werden häufig dazu erzogen, Mädchen und Frauen als minderwertige Geschöpfe zu betrachten, die man ausnutzen kann. In ihren Augen sind sie schutzlos und leicht zu beherrschen. Dann ist es nur ein kleiner Schritt zur Verachtung der Frauen und zum ausgesprochenen Chauvinismus und ein genauso kleiner Schritt zur Vergewaltigung einer Bekannten oder Freundin. Man sollte bedenken, daß eine Vergewaltigung zwar „in ein paar Augenblicken vorüber ist, aber ein Leben lang nachwirkt“ (Senatsbericht).

      Viele Männer sind unbewußt Misogynen oder Frauenhasser, auch wenn sie Frauen nicht unbedingt körperlich mißhandeln. Statt dessen bedienen sie sich der psychischen oder verbalen Mißhandlung. Dr. Susan Forward schreibt in ihrem Buch Liebe als Leid: „Nach den Beschreibungen ihrer Partnerinnen waren sie oft charmant und sogar liebevoll, aber auch fähig, sich von einem Augenblick zum anderen grausam, kritisch und beleidigend zu verhalten. Dieses Verhalten wies eine große Bandbreite auf, von offensichtlicher Einschüchterung und Drohungen zu subtileren und verdeckten Angriffen in Form von ständigen Herabsetzungen oder vernichtender Kritik. Die Ergebnisse waren jedoch immer die gleichen. Der Mann gewann Macht und Kontrolle, indem er die Frau zermürbte. Diese Männer weigerten sich zudem, Verantwortung dafür zu übernehmen, wie sich ihre Partnerinnen nach derartigen Angriffen fühlten.“

      Die zierliche Japanerin Yasukoa, die bereits 15 Jahre verheiratet ist, berichtet dem Erwachet!-Korrespondenten von ihrem Zuhause: „Regelmäßig prügelte und mißhandelte mein Vater meine Mutter. Er trat nach ihr, boxte sie, zog sie an den Haaren und warf sogar mit Steinen nach ihr. Und warum? Weil sie sich erdreistet hatte, ihn auf seine Untreue anzusprechen. In Japan ist es nämlich früher völlig normal gewesen, daß manche Männer eine Geliebte hatten. Meine Mutter war ihrer Zeit voraus und wollte das nicht einfach hinnehmen. Nach 16 Jahren Ehe, aus der vier Kinder hervorgegangen waren, ließ sie sich scheiden. Mein Vater zahlte ihr keinen Pfennig Unterstützung.“

      Selbst wenn den zuständigen Stellen bekannt ist, daß eine Frau geschlagen wird, kann oft nicht verhindert werden, daß ein rachsüchtiger Mann seine Frau umbringt. Häufig erweisen sich Gesetze als unzureichend, eine bedrohte und terrorisierte Frau zu schützen, so z. B. in den Vereinigten Staaten. „Eine Studie enthüllte, daß bei über der Hälfte der Fälle, bei denen Männer ihre Frau umgebracht hatten, die Polizei im Jahr zuvor fünfmal gerufen worden war, um einer Beschwerde wegen häuslicher Gewalt nachzugehen“ (Senatsbericht). In einigen extremen Fällen hat die Frau ihren Mann umgebracht, um weiteren Mißhandlungen zu entgehen.

      Häusliche Gewalt, deren Opfer meistens die Frau ist, nimmt viele verschiedene Formen an. In Indien ist die Zahl der bekanntgewordenen „Mitgift-Morde“ (Männer töten ihre Frau, weil sie mit der von der Familie der Frau gezahlten Aussteuer unzufrieden sind) angestiegen: von 2 209 im Jahre 1988 auf 4 835 im Jahre 1990. Diese Angaben sind jedoch nicht vollständig, da etliche Todesfälle als Unfälle im Haus ausgegeben werden — gewöhnlich werden die Frauen vorsätzlich mit Hilfe von Kerosin angezündet, das man zum Kochen verwendet. Hinzu kommen noch die Selbstmorde von Frauen, die das häusliche Elend nicht mehr aushalten.

      Söhne oder Töchter?

      Frauen werden von der Geburt an und sogar vor der Geburt diskriminiert. Inwiefern? Erwachet! interviewte die Inderin Madhu aus Bombay, die sich wie folgt äußerte: „Wird in einer indischen Familie ein Junge geboren, herrscht Freude. Die Mutter hat nun nichts mehr zu befürchten. Jetzt haben die Eltern einen Sohn, der im Alter für sie sorgen kann. Ihre ‚Sozialversicherung‘ ist garantiert. Bekommt sie aber eine Tochter, sieht man auf sie als Versagerin herab. Es ist, als hätte sie lediglich eine weitere Last zur Welt gebracht. Die Eltern werden eine hohe Mitgift aufbringen müssen, um sie zu verheiraten. Gebiert eine Mutter laufend Mädchen, ist sie ein Nichtsnutz.“b

      Die Zeitschrift Indian Express schreibt über indische Mädchen: „Ihr Überleben gilt nicht als wichtig für den Fortbestand der Familie.“ Die gleiche Quelle berichtet von einer in Bombay durchgeführten Umfrage, die ergab, daß „von 8 000 Fetussen, die nach Geschlechtsbestimmungstests abgetrieben wurden, 7 999 weiblichen Geschlechts waren“.

      Elisabeth Bumiller schreibt: „Die Lage einiger Inderinnen ist so verzweifelt, daß, wenn ihnen die gleiche Beachtung geschenkt werden würde wie ethnischen und rassischen Minderheiten in anderen Teilen der Welt, ihr Fall von Menschenrechtsgruppen aufgegriffen werden würde“ (May You Be the Mother of a Hundred Sons).

      Frauen geht die Arbeit nie aus

      Oft wird gesagt, daß Frauen die Arbeit nie ausgeht. Darin liegt eine Wahrheit, die Männer häufig übersehen. Eine Frau, die Kinder hat, kann sich im Gegensatz zu Männern den Luxus einer festen Arbeitszeit von 8 bis 17 Uhr nicht leisten. Wer kümmert sich um das Baby, wenn es nachts schreit? Wer putzt, wäscht und bügelt? Wer bereitet und serviert dem Mann seine Mahlzeit, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt? Wer wäscht nach dem Essen ab und macht die Kinder fürs Bett fertig? Von wem wird außerdem in vielen Ländern erwartet, Wasser herbeizuschaffen und sogar mit dem Baby auf dem Rücken auf dem Feld zu arbeiten? Normalerweise immer von der Mutter. Sie arbeitet nicht nur 8 oder 9 Stunden am Tag, sondern meistens 12 bis 14 oder noch mehr. Die Überstunden bekommt sie allerdings nicht bezahlt — und nur allzuoft hört sie nicht einmal ein Dankeschön!

      Gemäß der Zeitschrift World Health wird in Äthiopien von vielen Frauen verlangt, „16 bis 18 Stunden täglich zu arbeiten, und sie erhalten dermaßen wenig Lohn, daß sie weder sich noch ihre Familie ernähren können. ... Der Hunger ist ihr täglicher Begleiter; in der Regel bekommen sie [Brennholzsammlerinnen und -trägerinnen] nur einmal täglich eine unzureichende Mahlzeit und verlassen ihr Zuhause, ohne gefrühstückt zu haben.“

      Siu, die aus Hongkong stammt und seit 20 Jahren verheiratet ist, meint: „Bei den Chinesen diskriminieren Männer gern Frauen, indem sie sie entweder als Haushaltshilfe und Kindergebärerin betrachten oder als Geliebte, Spielzeug oder Lustobjekt. Wir Frauen möchten aber, daß man mit uns wie mit intelligenten Geschöpfen umgeht. Wir möchten, daß Männer uns zuhören, wenn wir sprechen, und uns nicht lediglich als Dummerchen behandeln!“

      Es ist daher nicht verwunderlich, daß man in dem Buch Mann und Frau lesen kann: „Überall, selbst dort, wo Frauen gesellschaftlich sehr anerkannt sind, werden die von Männern ausgeübten Tätigkeiten höher eingeschätzt als diejenigen, die Frauen ausüben. Dabei ist es vollkommen belanglos, wie die Rollen- und Aufgabenverteilung in der jeweiligen Gesellschaft aussieht; was Männer machen, zählt in den Augen der Gemeinschaft einfach mehr.“

      Tatsache ist, daß die häusliche Rolle der Frau gewöhnlich für selbstverständlich gehalten wird. Im Vorwort des Buches The World’s Women—1970-1990 heißt es: „Im allgemeinen fällt es nicht auf, was Frauen für die Familie, die Wirtschaft und im Haushalt tun und unter welchen Bedingungen sie leben. Viele Statistiken werden erstellt, die die Lebensbedingungen und Beiträge von Männern, nicht von Frauen, wiedergeben oder die das Geschlecht einfach ignorieren. ... Ein Großteil der von Frauen verrichteten Arbeit wird noch immer als von keinem wirtschaftlichen Nutzen betrachtet — und wird gar nicht erst gewertet.“

      Der nordamerikanische Autor Gerald W. Johnson gab 1934 wieder, wie man damals über Frauen am Arbeitsplatz dachte: „Oftmals erhalten Frauen den Arbeitsplatz eines Mannes, aber nur selten auch dessen Lohn. Das liegt daran, daß ein Mann jede alltägliche Arbeit besser erledigt als eine Frau. Die bekanntesten Schneider und Hutmacher sind Männer ... Die berühmtesten Köche sind durchweg Männer. ... Gerade heutzutage ist es eine Tatsache, daß jeder Arbeitgeber einem Mann für die gleiche Arbeit bereitwillig mehr Geld zahlt als einer Frau, weil er allen Grund zu der Annahme hat, daß der Mann sie besser ausführen wird.“ Dieser wenn auch etwas hintergründige Kommentar spiegelt die damaligen Vorurteile wider, die jedoch immer noch im Kopf vieler Männer vorherrschen.

      Verachtung — ein weltweites Problem

      In jeder Kultur sind gewisse Meinungen und Vorurteile hinsichtlich der Rolle der Frau in der Gesellschaft entstanden. Doch erhebt sich die Frage: Ist in solchen Denkmustern Platz für die gebührende Achtung vor der Würde der Frau? Oder spiegeln sie die über Jahrhunderte währende männliche Vorherrschaft wider, die aufgrund der kräftemäßigen Überlegenheit des Mannes entstanden ist? Wo ist die Achtung vor der Würde der Frau, wenn sie wie eine Sklavin behandelt und ausgenutzt wird? In den meisten Kulturkreisen wird die Rolle der Frau unterminiert und ihre Selbstachtung mehr oder weniger untergraben.

      Als ein Beispiel von vielen diene folgendes aus Afrika: „Bei den Yoruba-Negern in Afrika [Nigeria] müssen die Frauen in Gegenwart ihrer Männer Dummheit und Ergebenheit an den Tag legen, und wenn sie ihnen das Essen servieren, müssen sie zu ihren Füßen knien“ (Mann und Frau). In anderen Teilen der Welt kommt diese Unterwürfigkeit auf vielerlei Weise zum Ausdruck: Eine Frau darf ihrem Mann nur in einem gewissen Abstand folgen; während ihr Mann auf einem Pferd oder Maultier reitet, muß sie zu Fuß gehen; sie muß Lasten tragen, wogegen ihr Mann nichts trägt; sie muß getrennt von ihrem Mann essen usw.

      Edwin Reischauer, der in Japan geboren und aufgewachsen ist, schreibt in seinem Buch The Japanese: „In Japan ist der männliche Chauvinismus offensichtlich. ... Einen doppelten Moralkodex, der dem Mann mehr Freiheiten läßt als der Frau, gibt es heute noch. ... Eine verheiratete Frau darf im Gegensatz zu ihrem Mann auf keinen Fall untreu werden.“

      Wie in vielen anderen Ländern ist auch in Japan sexuelle Belästigung ein Problem, vor allem zur Hauptverkehrszeit in der überfüllten U-Bahn. Yasuko, die aus Hino, einem Vorort von Tokio, stammt, erzählte gegenüber Erwachet!: „Als junge Frau fuhr ich immer nach Tokio hinein. Das war furchtbar unangenehm, weil manche Männer die Situation ausnutzten und einen kniffen und begrapschten, wo es nur ging. Was konnten wir Frauen schon dagegen machen! Wir mußten es ertragen. Aber es war so peinlich. Morgens in der Stoßzeit gab es einen speziellen Wagen für Frauen, so daß wenigstens einige den Demütigungen entkommen konnten.“

      Sue, die früher in Japan lebte, verhinderte solche Zudringlichkeiten auf die ihr eigene Art. Sie pflegte mit lauter Stimme zu sagen: „Fuzakenai de kudasai!“, was soviel wie „Hören Sie auf damit!“ bedeutet. Sie sagt: „Das wirkte sofort. Keiner wollte vor all den anderen sein Gesicht verlieren. Plötzlich faßte mich kein einziger mehr an!“

      Daß Frauen in der Familie respektlos behandelt werden, ist offensichtlich ein weltweites Problem. Wie werden sie jedoch am Arbeitsplatz behandelt? Wird ihnen dort mehr Respekt und Anerkennung zuteil?

      [Fußnoten]

      a Die Befragten baten darum, anonym zu bleiben. Daher sind die Namen in den Artikeln geändert.

      b Männer nehmen fast immer an, daß die Frau schuld daran ist, wenn sie Mädchen bekommt. Dabei lassen sie das Vererbungsgesetz völlig außer acht. (Siehe Kasten auf dieser Seite.)

      [Kasten auf Seite 6]

      Wodurch wird das Geschlecht eines Kindes bestimmt?

      „Das Geschlecht des ungeborenen Kindes wird im Augenblick der Befruchtung festgelegt. Dabei spielt die Samenzelle des Vaters die entscheidende Rolle. Jede von der Frau produzierte Eizelle ist weiblich in dem Sinn, daß sie ein X-Chromosom enthält; denn dies ist das weibliche Geschlechtschromosom. Von den Samenzellen des Mannes enthalten dagegen nur 50 Prozent ein X-Chromosom. Die andern enthalten ein Y-Chromosom. Dieses ist das männliche Geschlechtschromosom.“ Treffen daher zwei X-Chromosomen zusammen, entwickelt sich ein Mädchen; stößt ein männliches Y-Chromosom auf ein weibliches X-Chromosom, wird das Baby ein Junge. Ob eine Frau ein Mädchen oder einen Jungen bekommt, hängt also vom Chromosom in der männlichen Samenzelle ab (Mein Körper — mein Leben: 1000 Fragen und Antworten). Es ist somit völlig absurd, wenn ein Mann seiner Frau die Schuld dafür gibt, daß sie nur Töchter bekommt. Keinem sollte die Schuld in die Schuhe geschoben werden. Es ist einfach ein Zufallsprodukt der Fortpflanzung.

      [Kasten/Bild auf Seite 8]

      Eine Tragödie großen Ausmaßes

      Elizabeth Fox-Genovese schreibt in ihrem Buch Feminism Without Illusions: „Es gibt guten Grund zu der Annahme, daß viele Männer ... versuchen, ihre Kraft in zunehmendem Maße dort einzusetzen, wo sie ihnen offensichtliche Vorteile verschafft — in der Beziehung zu Frauen. Wenn sich mein Verdacht bestätigt, sehen wir uns einer Tragödie großen Ausmaßes gegenüber.“ In dieser Tragödie großen Ausmaßes sind die Millionen Frauen eingeschlossen, die täglich unter einem brutalen Ehemann, Vater oder einem anderen Mann zu leiden haben — einem Mann, der nicht weiß, was „Objektivität und Gerechtigkeit“ bedeuten.

      „In dreißig Staaten [der Vereinigten Staaten] ist es gesetzlich erlaubt, daß ein Mann seine Frau vergewaltigt; nur in zehn Staaten existieren Gesetze, wonach im Falle häuslicher Gewalt eine Festnahme erfolgen kann ... Frauen, denen kein anderer Ausweg bleibt, als wegzulaufen, stellen fest, daß das auch keine Alternative ist. ... Ein Drittel der 1 Million geschlagenen Frauen, die eine Zuflucht suchen, finden keine“ (Vorwort zu Backlash—The Undeclared War Against American Women von Susan Faludi).

      [Bild]

      Für Millionen ist häusliche Gewalt die Schattenseite des Familienlebens

      [Bild auf Seite 7]

      Hunderte von Millionen leben in einem Zuhause ohne fließendes Wasser, Abwasserentsorgung oder Strom — wenn sie überhaupt ein Zuhause haben

  • Frauen — Werden sie am Arbeitsplatz respektiert?
    Erwachet! 1992 | 8. Juli
    • Frauen — Werden sie am Arbeitsplatz respektiert?

      „Die Mehrheit der Männer betrachtete Frauen als Freiwild — ob diese ledig oder verheiratet waren“ (Jenny, die früher als Rechtsanwaltssekretärin gearbeitet hat).

      „Krankenhäuser sind als Ort für sexuelle Belästigungen und Mißhandlungen von Frauen bekannt“ (Sara, eine Krankenschwester).

      „Immer wieder wurden mir bei der Arbeit unsittliche Anträge gemacht“ (Jean, eine Krankenschwester).

      SIND diese Fälle Ausnahmen, oder geschieht so etwas häufiger? Ein Erwachet!-Korrespondent interviewte eine Anzahl Frauen, die schon manche Erfahrungen am Arbeitsplatz gesammelt haben. Behandelten ihre Arbeitskollegen sie respektvoll und mit Würde? Es folgen einige ihrer Kommentare:

      Sara, eine Krankenschwester aus New Jersey (USA), die neun Jahre in amerikanischen Militärkrankenhäusern gearbeitet hat, sagt: „Als ich in San Antonio (Texas) arbeitete, wurde in der Abteilung für Nierendialyse eine Stelle frei. Ich fragte eine Gruppe von Ärzten, was ich tun müßte, um die Stelle zu bekommen. Einer grinste und sagte: ‚Geh mit dem Chefarzt ins Bett.‘ Ich erwiderte: ‚Wenn das so ist, verzichte ich auf die Stelle.‘ So etwas passiert oft, wenn es um Beförderung oder Stellenvergabe geht. Die Frau muß den Wünschen des sexgierigen Mannes, der das Sagen hat, nachgeben.

      Bei einer anderen Gelegenheit war ich gerade auf der Intensivstation und legte einem Patienten eine Infusion an, als der Arzt kam und mich in den Hintern kniff. Ich lief wütend in ein Nachbarzimmer, er kam aber hinterher und sagte etwas Unanständiges. Ich schlug ihn, so daß er beim Mülleimer landete! Daraufhin ging ich sofort zum Patienten zurück. Es erübrigt sich wohl zu sagen, daß der Arzt mich nie wieder belästigte.“

      Miriam, eine verheiratete Frau aus Ägypten, die früher in Kairo als Sekretärin gearbeitet hat, beschreibt die Situation der Frauen im moslemischen Ägypten: „Die Frauen kleiden sich bescheidener als in westlichen Kreisen. Mir ist nicht bekannt, daß an meinem Arbeitsplatz jemand sexuell belästigt wurde. Dafür ist es in der Kairoer U-Bahn so schlimm, daß der erste Wagen jetzt ausschließlich für Frauen reserviert ist.“

      Jean, eine ruhige, aber entschlossene Frau, die 20 Jahre Krankenschwester war, erzählt: „Ich achtete streng darauf, nie mit einem Arbeitskollegen auszugehen. Aber trotzdem, ob ich nun mit einem Arzt oder einem Krankenpfleger zu tun hatte, immer wurde ich belästigt. Sie dachten stets, sie seien psychologisch im Vorteil. Gingen wir Krankenschwestern nicht auf die sexuellen Wünsche der Krankenpfleger ein, dann waren sie plötzlich nicht aufzufinden, wenn sie uns helfen sollten, einen Patienten aufs Bett zu heben oder so.“

      Jenny arbeitete sieben Jahre als Rechtsanwaltssekretärin. Sie schildert, was sie im Umgang mit Rechtsanwälten beobachtete. „Die Mehrheit der Männer betrachtete Frauen als Freiwild — ob diese ledig oder verheiratet waren. Sie waren der Meinung: ‚Als Rechtsanwälten steht uns eine Menge zu, auch Frauen.‘“ Offensichtlich ist man in anderen Berufsständen derselben Meinung. Was kann eine Frau daher tun, um weniger belästigt zu werden?

      Darlene, eine schwarze Amerikanerin, die als Sekretärin und als Empfangsdame in einem Restaurant gearbeitet hat, meint: „Wenn man nicht genau festlegt, wie weit man gehen sollte, kann es böse enden. Fängt ein Mann plötzlich das Necken an, und man geht darauf ein, geraten die Dinge vielleicht sehr schnell außer Kontrolle. Ab und zu mußte ich deutlich meine Meinung sagen, zum Beispiel: ‚Ich würde es schätzen, wenn Sie nicht auf diese Weise mit mir sprechen würden.‘ Oder: ‚Ich finde es ungehörig, wenn Sie mit mir als verheirateter Frau so sprechen, und ich glaube nicht, daß es meinem Mann gefallen würde.‘

      Es ist wichtig, sich den Respekt zu verdienen. Meiner Meinung nach tut eine Frau das nicht dadurch, daß sie versucht mitzuhalten, wenn Männer, wie ich es nenne, Umkleideraum-Gespräche führen: sich schmutzige Witze erzählen oder zweideutige Bemerkungen loslassen. Läßt man zu, daß die Grenze zwischen ordentlichem und ungehörigem Reden und Benehmen verwischt, werden einige Männer versuchen, sich darüber hinwegzusetzen.“

      Der Tyrann

      Connie, die 14 Jahre als Krankenschwester gearbeitet hat, berichtet von einer anderen Form der Belästigung, die vielerorts plötzlich auftreten kann. „Ein Arzt machte mit mir eine ganz normale Visite, um bei den Patienten die Verbände zu wechseln. Ich befolgte alle herkömmlichen Regeln, die ich gelernt hatte. Über alles, was mit Keimfreiheit zu tun hat, weiß ich gut Bescheid. Aber diesem Arzt konnte ich nichts recht machen. Er blaffte mich an und kritisierte meine Arbeit immer mehr. Es kommt sehr oft vor, daß Frauen auf diese Art herabgesetzt werden. Gewisse Männer haben Persönlichkeitsprobleme, und anscheinend müssen sie in der Zusammenarbeit mit Frauen ihre Autorität ausnutzen.“

      Sara, die schon zuvor angeführt wurde, hat über dieses Thema auch noch etwas zu berichten. „Ich überprüfte die Lebenszeichen eines Patienten, der operiert werden sollte. Mir war klar, daß seine Verfassung das nicht erlaubte, denn die Form des EKG war absolut unregelmäßig. Ich machte den Fehler und sagte dies dem Chirurgen. Er antwortete wütend: ‚Krankenschwestern sollten sich um Bettpfannen kümmern, nicht um EKGs.‘ Also teilte ich es kurz dem Chefanästhesisten mit, und er erwiderte, daß sein Team unter diesen Umständen nicht mit dem Chirurgen zusammenarbeiten würde. Daraufhin wandte sich der Chirurg unvermittelt an die Frau des Patienten und erzählte ihr, ich sei daran schuld, daß ihr Mann noch nicht operiert worden sei. In solch einer Situation kann eine Frau nichts mehr machen, da sie unabsichtlich eine Bedrohung für das männliche Ego war.“

      Frauen sind am Arbeitsplatz eindeutig Belästigungen und demütigenden Behandlungen ausgesetzt.

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