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  • Der häusliche Bereich: Umgang mit Familienangehörigen
    Fragen junger Leute — Praktische Antworten
    • Teil 1

      Der häusliche Bereich: Umgang mit Familienangehörigen

      „Trautes Heim, Glück allein.“ Dieser bekannte Spruch vermittelt ein Gefühl, das heutzutage hoffnungslos altmodisch anmutet. Unerbittliche Konflikte verwandeln das Zuhause vieler Familien in ein regelrechtes Schlachtfeld. Und oft besteht, was die Kommunikation betrifft, eine tiefe Kluft, an der alle Bemühungen um einen Waffenstillstand scheitern.

      Möchtest du, daß dein Zuhause ein Ort der Ruhe und des Friedens ist statt eine Brutstätte der Feindseligkeit? Es stimmt, auch deine Eltern und deine Geschwister müssen ihren Teil tun. Wenn du aber einige wenige biblische Grundsätze beherrschst, kannst du bei dir zu Hause sehr zum Frieden beitragen.

  • Warum soll ich ‘meinen Vater und meine Mutter ehren’?
    Fragen junger Leute — Praktische Antworten
    • Kapitel 1

      Warum soll ich ‘meinen Vater und meine Mutter ehren’?

      „EHRE deinen Vater und deine Mutter.“ Für viele Jugendliche klingen diese Worte wie etwas aus dem finsteren Mittelalter.

      Veda lehnte sich offen gegen ihren Vater auf. Sie traf sich mit einem Jungen, der Drogen nahm und trank. Auch ging sie aus Trotz bis in die frühen Morgenstunden tanzen. „Ich fand ihn zu streng“, sagt Veda über ihren Vater. „Ich war 18 Jahre alt und dachte, ich wüßte alles. Meiner Ansicht nach war mein Vater gemein und gönnte mir kein Vergnügen. Deshalb ging ich abends weg und machte, was ich wollte.“

      Die meisten Jugendlichen würden Vedas Handlungsweise wahrscheinlich mißbilligen. Doch wenn ihre Eltern ihnen auftragen, ihr Zimmer aufzuräumen, die Hausaufgaben zu machen oder um eine bestimmte Uhrzeit zu Hause zu sein, kochen sie vielleicht vor Wut, oder, was noch schlimmer ist, sie widersetzen sich offen ihren Eltern. Die Ansicht eines Jugendlichen über seine Eltern ist aber letzten Endes nicht nur ausschlaggebend dafür, ob zu Hause Krieg oder Frieden herrscht, sondern entscheidet auch über sein eigenes Leben. Denn das Gebot, ‘die Eltern zu ehren’, stammt von Gott, und er spornt dich mit folgendem Zusatz an, es zu beachten: „Damit es dir gutgeht und du lange Zeit auf der Erde bleibst“ (Epheser 6:2, 3). Es steht viel auf dem Spiel. Wir wollen daher betrachten, was es überhaupt bedeutet, Vater und Mutter zu ehren.

      Was es bedeutet, sie zu „ehren“

      „Ehre“ schließt die Anerkennung rechtmäßig verliehener Autorität ein. Christen wird zum Beispiel geboten: „Ehrt den König“ (1. Petrus 2:17). Stimmt man auch nicht immer mit einem Regenten überein, so muß man doch seine Stellung oder sein Amt respektieren. In der Familie hat Gott den Eltern eine gewisse Autorität verliehen. Das bedeutet, daß du ihr von Gott verliehenes Recht anerkennen mußt, Regeln für dich festzulegen. Andere Eltern sind vielleicht nachsichtiger als deine. Doch deine Eltern haben die Aufgabe, abzuwägen, was für dich am besten ist — andere Familien haben andere Maßstäbe.

      Allerdings können auch die besten Eltern gelegentlich launenhaft oder sogar ungerecht sein. Doch gemäß Sprüche 7:1, 2 sagte ein weiser Vater: „Mein Sohn [oder meine Tochter] . . . Bewahre meine Gebote, und bleibe am Leben.“ Ja, die Regeln oder „Gebote“ deiner Eltern sind gewöhnlich zu deinem Wohl gedacht. Sie sind ein Ausdruck der echten Liebe und Sorge deiner Eltern.

      Johns Mutter beispielsweise hatte ihrem Sohn wiederholt eingeschärft, immer den Fußgängerweg über die sechsspurige Hauptverkehrsstraße zu benutzen, die in der Nähe ihrer Wohnung verlief. Eines Tages aber forderten ihn zwei Mädchen aus seiner Schule auf, die Abkürzung zu nehmen und direkt über die Straße zu laufen. John hörte nicht hin, als sie ihn „Angsthase“ nannten, und benutzte den Fußgängerweg. Auf der Überführung hörte er Reifen quietschen. Als er hinunterschaute, sah er erschrocken, daß die beiden Mädchen angefahren und in die Luft geschleudert wurden. Natürlich geht es bei dem Gehorsam gegenüber den Eltern selten um Leben und Tod. Doch Gehorsam kommt dir meistens zugute.

      ‘Deine Eltern zu ehren’ bedeutet auch, Zurechtweisung anzunehmen und nicht eingeschnappt zu sein oder wütend zu werden, wenn sie erteilt wird. Nur „ein Törichter mißachtet die Zucht seines Vaters“, heißt es in Sprüche 15:5.

      Ehren schließt außerdem mehr ein, als nur formellen Respekt oder widerwilligen Gehorsam zu bekunden. Das ursprüngliche griechische Verb, das in der Bibel mit „ehren“ wiedergegeben wird, bedeutet im Grunde, jemanden als von großem Wert zu betrachten. Du solltest deine Eltern daher als kostbar, achtenswert und liebenswert ansehen. Dazu gehört, innige Gefühle für sie zu empfinden und sie zu schätzen. Einige Jugendliche empfinden aber alles andere als innige Gefühle für ihre Eltern.

      Verdienen es Problemeltern, geehrt zu werden?

      Eine Jugendliche namens Gina schrieb: „Mein Vater trank viel, und oft konnte ich nicht einschlafen, weil sich meine Eltern stritten und anschrien. Dann lag ich im Bett und weinte. Ich konnte ihnen nicht sagen, wie ich empfand, weil mich meine Mutter sonst wahrscheinlich geschlagen hätte. Die Bibel sagt: ‚Ehre deinen Vater.‘ Aber ich kann es nicht.“

      Verdienen es Eltern, die ein hitziges Temperament haben, ein unsittliches Leben führen, sich betrinken oder immer streiten, geehrt zu werden? Ja, denn die Bibel verurteilt es in jedem Fall, die Eltern zu ‘verspotten’ (Sprüche 30:17). Sprüche 23:22 erinnert uns daran, daß unsere Eltern unsere ‘Geburt verursacht haben’. Das allein schon ist ein Grund, sie zu ehren. Gregor, der sich eine Zeitlang sehr respektlos verhielt, sagt nun: „Ich danke Jehova Gott, daß . . . [meine Mutter] mich nicht abtrieb oder nach der Geburt in eine Mülltonne warf. Sie ist eine alleinerziehende Mutter, und wir waren sechs Kinder. Ich weiß, daß sie es schwer hatte.“

      Deine Eltern sind zwar nicht vollkommen, aber sie haben viele Opfer für dich gebracht. „Eines Abends hatten wir nichts weiter zu essen als eine Dose Mais und etwas Haferbrei“, erzählt Gregor. „Meine Mutter machte es für uns Kinder zurecht, aber sie aß nichts. Ich ging satt zu Bett und fragte mich, warum meine Mutter nichts gegessen hatte. Heute, wo ich selbst eine Familie habe, ist mir bewußt, daß sie sich für uns aufgeopfert hat.“ (Eine Untersuchung gibt die Kosten für die Erziehung eines Kindes bis zum Alter von 18 Jahren mit 66 400 Dollar an.)

      Übrigens, wenn deine Eltern auch ein schlechtes Beispiel geben, denke nicht, alles, was sie sagen, sei verkehrt. In den Tagen Jesu waren die religiösen Führer verderbt. Doch Jesus sagte dem Volk: „Alles . . ., was sie euch sagen, tut und haltet, aber handelt nicht nach ihren Taten“ (Matthäus 23:1-3, 25, 26). Kann dieser Grundsatz nicht auch auf manche Eltern angewandt werden?

      Mit Verärgerung fertig werden

      Was aber, wenn du meinst, deine Eltern würden ihre Autorität ernstlich mißbrauchen?a Bleibe ruhig. Du erreichst nichts, wenn du dich auflehnst oder gehässig bist (Prediger 8:3, 4; vergleiche Prediger 10:4). Eine 17jährige ärgerte sich über die Gleichgültigkeit ihrer Eltern, die mit ihren eigenen Streitigkeiten zu tun hatten. Ihr Ärger richtete sich dann gegen die biblischen Grundsätze, die ihre Eltern ihr zu vermitteln versucht hatten. Aus reiner Gehässigkeit ließ sie sich auf Unsittlichkeit und Drogenmißbrauch ein. „Ich hatte das Gefühl, ich müßte meinen Eltern eins auswischen“, erklärte sie bitter. Aber durch ihre Gehässigkeit schadete sie nur sich selbst.

      Die Bibel warnt: „Gib acht, daß Wut dich nicht zu gehässigem . . . [Handeln] verlockt . . . Sei auf der Hut, daß du dich nicht Schädlichem zuwendest“ (Hiob 36:18-21). Denk daran, daß Eltern vor Jehova für ihre Handlungsweise verantwortlich sind und daß sie für grobe Ungerechtigkeiten Rechenschaft ablegen müssen (Kolosser 3:25).

      In Sprüche 19:11 heißt es: „Eines Menschen Einsicht verlangsamt sicherlich seinen Zorn, und es ist für ihn etwas Schönes, Übertretung zu übergehen.“ Oft solltest du am besten versuchen, verletzende Handlungen deiner Eltern zu vergeben und zu vergessen. Achte auf die guten Eigenschaften deiner Eltern, statt über ihre Fehler nachzudenken. Dody zum Beispiel hatte eine gefühlsarme Mutter und einen alkoholkranken Stiefvater. Beachte, wie es ihr durch Einsicht gegenüber den Unzulänglichkeiten ihrer Eltern möglich war, nicht verbittert zu werden. Sie sagt: „Vielleicht hat meine Mutter uns gegenüber nie Liebe gezeigt, weil sie als Kind mißhandelt wurde und es nie gelernt hat, Liebe zu zeigen. Mein Stiefvater interessierte sich für unsere Tätigkeiten, wenn er nüchtern war, aber das war nicht gerade oft der Fall. Doch meine Schwester und ich hatten immer ein Dach über dem Kopf, und es war stets etwas zu essen im Kühlschrank.“

      Glücklicherweise sind launenhafte oder nachlässige Eltern in der Minderheit. Sehr wahrscheinlich sind deine Eltern an dir interessiert und bemühen sich, ein gutes Beispiel zu geben. Dennoch wirst du dich zuweilen über sie ärgern. „Wenn ich manchmal mit meiner Mutter ein Problem erörterte und sie die Sache nicht gleich verstand“, gibt Roger zu, „machte mich das wahnsinnig, und ich sagte etwas aus lauter Bosheit, um ihr weh zu tun. Ich dachte, ich müßte mich auf diese Weise an ihr rächen. Wenn wir aber auseinandergingen, fühlte ich mich elend, und ich wußte, daß es ihr auch nicht besserging.“

      Gedankenloses Reden ist ‘wie Schwertstiche’ und ‘verursacht Schmerz’, aber das Problem wird dadurch nicht gelöst. „Die Zunge der Weisen ist Heilung“ (Sprüche 12:18; 15:1). „Obwohl es mir schwerfiel, ging ich zu ihr und entschuldigte mich“, sagt Roger. „Wir besprachen dann das Problem viel ruhiger und fanden eine Lösung.“

      Ihr Vater hatte recht

      Manche Jugendliche zermürben sich selbst und ihre Eltern, wenn sie sich deren Anordnungen widersetzen, nur um später dann festzustellen, daß ihre Eltern recht hatten. Nehmen wir zum Beispiel Veda, die eingangs erwähnt wurde. Als sie einmal mit ihrem Freund, der von Marihuana und Bier high war, im Auto fuhr, verlor er plötzlich die Kontrolle über das Fahrzeug. Sie rasten mit 100 Stundenkilometern gegen einen Laternenpfahl. Veda überlebte — mit einer klaffenden Wunde an der Stirn. Der Freund floh und besuchte Veda nicht ein einziges Mal im Krankenhaus.

      „Als meine Eltern ins Krankenhaus kamen“, gesteht Veda, „gab ich zu, daß mein Vater in allem, was er gesagt hatte, recht hatte und daß ich schon längst auf ihn hätte hören sollen. . . . Ich hatte einen großen Fehler gemacht, der mich fast das Leben gekostet hätte.“ Danach änderte Veda ihre Einstellung zu ihren Eltern von Grund auf.

      Vielleicht solltest auch du einige Änderungen vornehmen. ‘Deine Eltern zu ehren’ mag dir altmodisch vorkommen. Doch es ist nicht nur das Klügste, was du tun kannst, sondern es ist auch das Rechte in den Augen Gottes. Was aber, wenn du deinen Eltern Respekt zeigen möchtest, dich aber mißverstanden oder eingeengt fühlst? Wir wollen untersuchen, wie du in dieser Hinsicht deine Lage verbessern kannst.

      [Fußnote]

      a Dies bezieht sich nicht auf Fälle von Kindesmißhandlung oder sexuellem Mißbrauch, in denen das Kind womöglich fremde Hilfe in Anspruch nehmen muß.

      Fragen zur Besprechung

      ◻ Was bedeutet es, die Eltern zu ehren?

      ◻ Warum stellen Eltern so viele Regeln auf? Können dir diese Regeln von Nutzen sein?

      ◻ Mußt du deine Eltern auch ehren, wenn ihre Handlungsweise verwerflich ist? Warum?

      ◻ Wie kannst du mit dem Mißmut fertig werden, den du gelegentlich gegenüber deinen Eltern empfindest? Was wäre in dieser Hinsicht töricht?

      [Herausgestellter Text auf Seite 16]

      Meiner Ansicht nach war mein Vater gemein und gönnte mir kein Vergnügen. Deshalb ging ich abends weg und machte, was ich wollte.“

      [Bild auf Seite 12]

      Wie solltest du die Regeln deiner Eltern ansehen?

      [Bild auf Seite 14]

      Muß man auch Eltern ehren, deren Verhalten verwerflich ist?

  • Warum verstehen mich meine Eltern nicht?
    Fragen junger Leute — Praktische Antworten
    • Kapitel 2

      Warum verstehen mich meine Eltern nicht?

      DER Wunsch, verstanden zu werden, ist ganz normal. Und es kann außerordentlich frustrierend sein, wenn deine Eltern an dem, was dir gefällt, oder an dem, was du für wichtig hältst, etwas auszusetzen haben oder sich nicht dafür interessieren.

      Der 16jährige Robert zum Beispiel war der Meinung, daß sein Vater nicht verstand, warum ihm eine bestimmte Musik so gut gefiel. „Er schrie immer nur und befahl: ‚Schalte das aus!‘ “ sagte Robert. „Ich schaltete die Musik aus, schaltete aber auch in bezug auf ihn ab.“ Viele Jugendliche reagieren ähnlich und ziehen sich in ihre eigene Welt zurück, wenn sie sich von ihren Eltern nicht verstanden fühlen. Gemäß einer großangelegten Studie gaben 26 Prozent der befragten Jugendlichen zu: „Ich halte mich sowenig wie möglich zu Hause auf.“

      Somit klafft in vielen Familien ein tiefer Abgrund zwischen Jugendlichen und Eltern. Was ist die Ursache?

      „Kraft“ gegen „graues Haupt“

      In Sprüche 20:29 heißt es: „Die Schönheit der jungen Männer [oder Frauen] ist ihre Kraft.“ Diese Stärke oder „Kraft“ kann allerdings das Fundament für zahlreiche Konflikte zwischen dir und deinen Eltern legen. In den Sprüchen heißt es weiter: „Und die Pracht der Alten ist ihr graues Haupt.“ Deine Eltern mögen buchstäblich kein „graues Haupt“ haben, aber sie sind älter und sehen das Leben wahrscheinlich anders als du. Sie wissen, daß nicht alles im Leben gut endet. Mitunter haben bittere Erfahrungen den Idealismus, den sie in jungen Jahren hatten, gedämpft. Weil sie durch Erfahrung klug geworden sind — sozusagen zufolge ihres ‘grauen Hauptes’ —, teilen sie deine Begeisterung für gewisse Dinge vielleicht einfach nicht.

      Jim, ein Jugendlicher, sagte beispielsweise: „Meine Eltern (aufgewachsen in der Zeit der Weltwirtschaftskrise) stehen auf dem Standpunkt, man solle das Geld sparen, um es für etwas Wichtiges auszugeben. Ich lebe aber doch jetzt. . . . Ich möchte viel reisen.“ Zwischen der eigenen jugendlichen „Kraft“ und dem „grauen Haupt“ der Eltern kann eine tiefe emotionelle Kluft bestehen. Viele Familien sind daher bitter entzweit, was Problembereiche wie Kleidung, Frisur, Verhalten gegenüber dem anderen Geschlecht, Drogen, Alkohol, Ausgehzeiten, Freundeskreis und Beteiligung an der Hausarbeit angeht. Die Kluft kann allerdings überbrückt werden. Bevor du aber von deinen Eltern erwarten kannst, daß sie dich verstehen, mußt du versuchen, sie zu verstehen.

      Eltern sind auch nur Menschen

      „Als ich noch kleiner war, glaubte ich natürlich, meine Mutter sei ‚vollkommen‘ und Schwächen oder Empfindungen, wie ich sie hatte, würde sie nicht kennen“, sagte John. Seine Eltern ließen sich später scheiden, und seine Mutter blieb mit sieben Kindern allein. Johns Schwester April erzählte: „Ich kann mich erinnern, daß sie einmal aus lauter Verzweiflung weinte, weil sie nicht alles schaffte. Da wurde mir bewußt, daß wir Kinder eine falsche Einstellung hatten. Sie konnte einfach nicht alles stets zur richtigen Zeit und auf die richtige Art und Weise tun. Wir sahen, daß sie Gefühle hatte und auch nur ein Mensch war.“

      Wenn dir bewußt wird, daß deine Eltern auch nur Menschen sind und Gefühle haben wie du, so ist dies ein großer Schritt, sie besser zu verstehen. Vielleicht sind sie sich zum Beispiel nicht sicher, ob sie dich richtig erziehen können. Oder da sie sich der vielen Gefahren und Versuchungen bewußt sind, denen du auf sittlichem Gebiet ausgesetzt bist, mögen sie gelegentlich übertrieben reagieren. Sie haben vielleicht mit gewissen gesundheitlichen, finanziellen oder emotionellen Problemen zu kämpfen. Ein Vater mag zum Beispiel seine Arbeit verabscheuen, sich aber nie beklagen. Wenn sein Kind sagt: „Die Schule stinkt mir“, mag er, statt mitfühlend zu reagieren, antworten: „Was ist los mit dir? Ihr Kinder habt’s doch leicht!“

      Bekunde ‘persönliches Interesse’

      Wie kannst du also feststellen, was deine Eltern empfinden? ‘Indem du nicht nur die eigenen Dinge in deinem Interesse im Auge behältst, sondern auch persönlich Interesse zeigst für die der anderen’ (Philipper 2:4). Frage deine Mutter, wie sie als Mädchen war, welche Gefühle und welche Ziele sie hatte. „Wenn sie merkt“, hieß es in der Zeitschrift ’Teen, „daß du dich für sie interessierst und daß du verstehst, warum sie eine bestimmte Auffassung hat, wird sie sich auch bemühen, deinen Standpunkt zu verstehen.“ Das gleiche wird zweifellos auch auf deinen Vater zutreffen.

      Wenn ein Problem entsteht, dann wirf deinen Eltern nicht vorschnell vor, sie seien nicht feinfühlig genug. Frage dich: „Haben sich meine Eltern nicht wohl gefühlt? Oder waren sie über etwas beunruhigt? Habe ich sie durch irgendeine gedankenlose Handlung oder ein achtloses Wort verletzt? Haben sie mich einfach mißverstanden?“ (Sprüche 12:18). Ein solches Mitgefühl zu zeigen ist ein guter Start in dem Bemühen, die Kluft zwischen den Generationen zu überbrücken. Nun kannst du dir zur Aufgabe machen, daß deine Eltern dich verstehen. Viele Jugendliche machen es ihren Eltern jedoch äußerst schwer. Inwiefern?

      Ein Doppelleben

      Die 17jährige Vickie führte ein Doppelleben; gegen den Willen ihrer Eltern traf sie sich heimlich mit einem Jungen. Sie war sicher, ihre Eltern würden ihre Gefühle für ihren Freund nicht verstehen. Natürlich wurde die Kluft zwischen ihr und ihnen größer. „Wir machten uns gegenseitig fertig“, sagte Vickie. „Mir graute davor, nach Hause zu gehen.“ Sie entschloß sich zu heiraten — nur um von zu Hause wegzukommen.

      Viele Jugendliche führen ein Doppelleben — tun hinter dem Rücken ihrer Eltern Dinge, die sie ihnen verboten haben —, und dann beklagen sie sich darüber, daß ihre Eltern „sie nicht verstehen“! Zum Glück wurde Vickie von einer älteren Glaubensschwester geholfen, die zu ihr sagte: „Vickie, denk doch nur einmal über deine Eltern nach . . . Sie haben dich großgezogen. Wenn du mit ihnen nicht zurechtkommst, wie kannst du dann mit einem Gleichaltrigen zurechtkommen, der dir noch nicht 17 Jahre Liebe geschenkt hat?“

      Vickie unterzog sich einer ernsten Selbstprüfung. Sie erkannte bald, daß ihre Eltern recht hatten und ihre eigenen Gefühle verkehrt waren. Sie machte mit ihrem Freund Schluß und unternahm Schritte, um die Kluft zwischen ihr und ihren Eltern zu überbrücken. Wenn auch du einen wichtigen Teil deines Lebens vor deinen Eltern verborgen gehalten hast, wäre es dann nicht an der Zeit, ihnen gegenüber ehrlich zu sein? (Siehe den Beitrag „Wie soll ich es meinen Eltern sagen?“)

      Nimm dir Zeit für das Gespräch

      „Das war die schönste Zeit, die ich je mit meinem Vater verbracht habe“, sagte John nach einem Ausflug mit seinem Vater. „Noch nie in meinem Leben war ich sechs Stunden mit ihm allein gewesen. Sechs Stunden hin, sechs Stunden zurück. Kein Autoradio. Wir haben uns richtig unterhalten. Es war, als hätten wir uns gegenseitig entdeckt. Es steckt viel mehr in ihm, als ich dachte. Seither sind wir Freunde.“ Warum versuchst du nicht, dich regelmäßig mit deiner Mutter oder mit deinem Vater zusammenzusetzen?

      Dies trägt auch dazu bei, mit anderen Erwachsenen Freundschaft zu schließen. Vickie erzählte: „Ich kam mit älteren Leuten überhaupt nicht zurecht. Aber ich nahm mir fest vor, mich meinen Eltern anzuschließen, wenn sie mit anderen Erwachsenen Umgang pflegten. Mit der Zeit schloß ich Freundschaft mit Personen, die im Alter meiner Eltern waren, und das half mir, meinen Gesichtskreis zu erweitern. Mir fiel es leichter, mit meinen Eltern Gespräche zu führen. Die Atmosphäre zu Hause verbesserte sich enorm.“

      Mit Personen Umgang zu pflegen, die sich im Laufe der Jahre Weisheit erworben haben, wird dich auch davor bewahren, dir eine einseitige, sehr begrenzte Ansicht über das Leben zu eigen zu machen, was jedoch passieren könnte, wenn du nur mit Gleichaltrigen zusammen bist (Sprüche 13:20).

      Teile deine Gefühle mit

      „Meine Worte kommen von Herzen, und meine Lippen äußern aufrichtig Erkenntnis“, sagte der junge Elihu (Hiob 33:3, The Holy Bible in the Language of Today von William Beck). Sprichst du so mit deinen Eltern, wenn du mit ihnen über Kleidung, Ausgehzeiten oder Musik uneinig bist?

      Gregor hielt seine Mutter für völlig unvernünftig. Er ging hitzigen Auseinandersetzungen aus dem Weg, indem er so oft von zu Hause wegblieb, wie er nur konnte. Doch schließlich reagierte er auf den Rat einiger christlicher Ältester. Er erzählte: „Ich sagte meiner Mutter, wie ich empfand. Ich sagte ihr, warum ich bestimmte Dinge tun wollte, und nahm nicht einfach an, sie wisse es schon. Oft schüttete ich ihr mein Herz aus und erklärte ihr, daß ich nichts Verkehrtes tun wollte und wie gekränkt ich war, weil sie mich wie ein kleines Kind behandelte. Dann begann sie, mich besser zu verstehen, und langsam wurde alles besser.“

      Du könntest ebenso feststellen, daß ‘Worte, die von Herzen kommen’, dazu beitragen können, eine Reihe Mißverständnisse aus der Welt zu schaffen.

      Meinungsverschiedenheiten beilegen

      Das bedeutet allerdings nicht, daß deine Eltern die Dinge sofort so betrachten werden wie du. Du mußt daher deine Gefühle beherrschen. „All seinen Geist läßt ein Unvernünftiger herausfahren, aber wer weise ist, hält ihn bis zuletzt ruhig“ (Sprüche 29:11). Erörtere in Ruhe die Vorteile deines Standpunkts. Bleibe bei der Sache, statt zu argumentieren: „Die anderen dürfen das doch auch!“

      Manchmal werden deine Eltern nein sagen. Das bedeutet nicht, daß sie dich nicht verstehen. Sie mögen lediglich einem Unglück vorbeugen wollen. „Meine Mutter ist streng mit mir“, gab eine 16jährige zu. „Es macht mir schon etwas aus, wenn sie mir sagt, daß ich dieses oder jenes nicht tun darf oder zu einer bestimmten Zeit zu Hause sein muß. Aber tief in meinem Innern weiß ich, daß sie wirklich an mir interessiert ist.“

      Die Sicherheit und Wärme, die sich durch beiderseitiges Verständnis in der Familie bemerkbar macht, ist mit Worten nicht zu beschreiben. Dadurch wird das Heim zu einem Zufluchtsort in Zeiten der Bedrängnis. Aber es sind echte Anstrengungen aller Beteiligten erforderlich.

      Fragen zur Besprechung

      ◻ Warum kommt es zwischen Jugendlichen und Eltern oft zu Konflikten?

      ◻ Wie wird deine Ansicht über deine Eltern davon beeinflußt, daß du mehr Verständnis für sie hast?

      ◻ Wie kannst du deine Eltern besser verstehen lernen?

      ◻ Warum wird durch ein Doppelleben die Kluft zwischen dir und den Eltern größer?

      ◻ Warum ist es am besten, es den Eltern zu sagen, wenn du ernste Probleme hast? Wie kannst du dabei vorgehen?

      ◻ Was kannst du tun, damit dich deine Eltern besser verstehen?

      [Herausgestellter Text auf Seite 22]

      Wenn sie [deine Mutter] merkt, daß du dich für sie interessierst und daß du verstehst, warum sie eine bestimmte Auffassung hat, wird sie sich auch bemühen, deinen Standpunkt zu verstehen“ (die Zeitschrift ’Teen)

      [Kasten/Bild auf Seite 20, 21]

      Wie soll ich es meinen Eltern sagen?

      Den Eltern einen Fehler zu gestehen ist kein Vergnügen. Der junge Vince sagt: „Ich hatte immer das Gefühl, daß meine Eltern großes Vertrauen in mich setzten, weshalb es mir schwerfiel, mich an sie zu wenden, denn ich wollte sie nicht verletzen.“

      Jugendliche, die versuchen, ihre Fehler zu vertuschen, werden meist von Gewissensbissen gequält (Römer 2:15). Ihre Vergehungen können „eine schwere Last“ werden, die zu schwer für sie ist (Psalm 38:4). Sie sind dann fast unvermeidlich gezwungen, ihre Eltern zu belügen und dadurch weiteres Unrecht zu verüben. Ihr Verhältnis zu Gott wird somit gestört.

      Die Bibel sagt: „Wer seine Übertretungen zudeckt, wird kein Gelingen haben, doch dem, der sie bekennt und läßt, wird Barmherzigkeit erwiesen werden“ (Sprüche 28:13). Treffend erklärte die 19jährige Betty: „Jehova sieht sowieso alles.“

      Wenn die Angelegenheit eine schwere Verfehlung einschließt, dann bitte Jehova um Vergebung und bekenne ihm dein Unrecht im Gebet (Psalm 62:8). Als nächstes erzähle es deinen Eltern (Sprüche 23:26). Sie haben Lebenserfahrung und können dir helfen, Fehler abzulegen und sie nicht zu wiederholen. „Darüber zu reden kann dir wirklich helfen“, berichtet der 18jährige Chris. „Nachher bist du froh, daß du dein Problem losgeworden bist.“ Das Problem ist: Wie sagst du es deinen Eltern?

      Die Bibel spricht von einem „Wort, geredet zur rechten Zeit dafür“ (Sprüche 25:11; vergleiche Prediger 3:1, 7). Wann wäre ein günstiger Zeitpunkt? Chris fährt fort: „Ich warte bis zum Abendessen, und dann sage ich meinem Vater, daß ich ihn sprechen muß.“ Der Sohn einer alleinerziehenden Mutter versuchte es zu einer anderen Zeit: „Gewöhnlich redete ich mit meiner Mutter, kurz bevor wir schlafen gingen. Sie war dann entspannter. Wenn sie von der Arbeit nach Hause kam, war sie völlig erschöpft.“

      Vielleicht könntest du sagen: „Mama und Papa, mich beunruhigt etwas.“ Was aber, wenn deine Eltern anscheinend zu beschäftigt sind, sich um dich zu kümmern? Du kannst zum Beispiel sagen: „Ich weiß, ihr habt viel zu tun, aber etwas beunruhigt mich wirklich. Könnten wir uns darüber unterhalten?“ Dann könntest du fragen: „Habt ihr schon einmal etwas getan und euch dann so geschämt, daß ihr gar nicht darüber sprechen wolltet?“

      Jetzt kommt der schwierigste Teil: deinen Eltern zu sagen, was du falsch gemacht hast. Sei demütig, und „sage die Wahrheit“. Spiele die Schwere deiner Vergehung nicht herunter, und versuche nicht, einige unangenehme Einzelheiten ungenannt zu lassen (Epheser 4:25; vergleiche Lukas 15:21). Sprich eine Sprache, die deine Eltern verstehen, verwende keine Ausdrücke, mit denen nur junge Leute etwas anfangen können.

      Natürlich werden sich deine Eltern zunächst gekränkt fühlen und enttäuscht sein. Sei also nicht überrascht oder aufgebracht, wenn du mit einem emotionsgeladenen Wortschwall überschüttet wirst. Hättest du ihre früheren Warnungen beachtet, wärst du zweifellos nicht in dieser Lage. Bleibe daher ruhig (Sprüche 17:27). Höre deinen Eltern zu, und beantworte jede ihrer Fragen, ungeachtet dessen, wie sie sich äußern.

      Zweifellos wird sie dein ernsthaftes Bemühen, die Sache in Ordnung zu bringen, tief beeindrucken. (Vergleiche 2. Korinther 7:11.) Rechne aber dennoch damit, daß du wohlverdiente Zurechtweisung erhältst. „Allerdings scheint jede Züchtigung für die Gegenwart nicht erfreulich, sondern betrüblich zu sein; nachher aber trägt sie denen, die durch sie geübt worden sind, eine friedsame Frucht ein, nämlich Gerechtigkeit“ (Hebräer 12:11). Denke daran, daß es nicht das letzte Mal sein wird, daß du die Hilfe und den wohlüberlegten Rat deiner Eltern benötigst. Mache es dir zur Gewohnheit, dich auch bei kleinen Problemen deinen Eltern anzuvertrauen, so daß du, wenn große Probleme entstehen, keine Angst hast, dich an sie zu wenden und ihnen zu sagen, was du auf dem Herzen hast.

      [Bild]

      Wähle einen Zeitpunkt aus, zu dem deine Eltern gut gelaunt und zugänglich sind

  • Wie kann ich erreichen, daß meine Eltern mir mehr Freiheit lassen?
    Fragen junger Leute — Praktische Antworten
    • Kapitel 3

      Wie kann ich erreichen, daß meine Eltern mir mehr Freiheit lassen?

      DU MEINST, du bist alt genug, um am Wochenende länger auszubleiben. Sie sagen, du sollst beizeiten zu Hause sein. Du möchtest dir den neuen Kinofilm anschauen, über den alle sprechen. Sie erklären, du darfst ihn nicht sehen. Du sagst, du hast einige nette Jugendliche getroffen, mit denen du etwas unternehmen willst. Sie sagen, sie möchten deine Freunde gern zuerst kennenlernen.

      Als Teenager kommt es einem manchmal vor, als ob die Eltern einen mit eisernem Griff festhielten. Du meinst, jeder Wunsch werde zwangsläufig mit „Nein, das geht nicht!“ abgeschlagen. Die neugierigen Augen deiner Eltern scheinen dir auf Schritt und Tritt zu folgen. Die 15jährige Deborah sagt: „Mein Vater will immer wissen, wo ich bin und wann ich nach Hause komme. Die meisten Eltern verhalten sich so. Müssen sie denn alles wissen? Meine Eltern sollten mir mehr Freiheit lassen.“

      Jugendliche beklagen sich auch darüber, daß ihre Eltern ihnen keine Achtung entgegenbringen. Man vertraut ihnen nicht, sondern sie werden sozusagen ohne Verhandlung für schuldig erklärt, wenn irgend etwas schiefgegangen ist. Statt daß man sie selbst entscheiden läßt, werden sie durch Regeln eingeengt.

      Sie suchten „ganz verzweifelt“

      Behandeln dich deine Eltern manchmal wie ein kleines Kind? Wenn ja, dann denke daran, daß du vor nicht allzu langer Zeit wirklich ein Kind warst. Deine Eltern sehen dich noch als hilfloses Baby vor sich, und dieses Bild verblaßt nicht so leicht. Sie erinnern sich an die kindlichen Fehler, die du früher gemacht hast, und wollen dich daher behüten — ob du dies wünschst oder nicht.

      Der Drang, dich zu behüten, ist sehr ausgeprägt. Vater und Mutter sind nicht nur darum besorgt, dir ein Dach über dem Kopf, Kleidung und Nahrung zu geben, sie versuchen auch, dich so gut wie möglich zu belehren, zu erziehen und auch zu behüten. Du bist ihnen ganz und gar nicht gleichgültig. Deine Eltern sind vor Gott für die Art und Weise verantwortlich, wie sie dich erziehen (Epheser 6:4). Und wenn dein Wohlergehen irgendwie gefährdet ist, machen sie sich Sorgen.

      Denke einmal an die Eltern von Jesus Christus. Nach einem Besuch in Jerusalem machten sie sich ahnungslos ohne ihn auf die Heimreise. Als sie merkten, daß er nicht mitgekommen war, suchten sie in heller Aufregung nach ihm. Schließlich „fanden sie ihn im Tempel“, worauf Jesu Mutter rief: „Kind, warum hast du so an uns gehandelt? Sieh, dein Vater und ich haben dich ganz verzweifelt gesucht“ (Lukas 2:41-48). Wenn Jesu Eltern schon um ihren Sohn — ein vollkommenes Kind — Angst hatten, dann überlege einmal, wie sehr sich deine Eltern um dich Sorgen machen müssen.

      Nehmen wir als Beispiel die unaufhörlichen Diskussionen darüber, wann du zu Hause sein solltest. Du siehst vielleicht keinen Grund dafür, daß dir in dieser Hinsicht Einschränkungen auferlegt werden. Doch hast du die Angelegenheit je vom Standpunkt deiner Eltern aus betrachtet? Die Schüler, die das Buch The Kids’ Book About Parents schrieben, versuchten, das zu tun. Sie stellten eine Liste zusammen, die sie wie folgt überschrieben: „Was Eltern durch den Kopf geht, wenn ihr Kind nicht rechtzeitig zu Hause ist“. Wie aus dieser Liste hervorgeht, malen sich Eltern unter anderem aus, daß ihr Kind Drogen nimmt, in einen Autounfall verwickelt ist, im Park herumlungert, mit der Polizei in Konflikt kommt, sich einen Pornofilm ansieht, Rauschgift verkauft, vergewaltigt oder überfallen wird, im Gefängnis landet oder der Familie Schande macht.

      Nicht alle Eltern würden zu solch anscheinend weit hergeholten Schlußfolgerungen kommen. Aber stimmt es nicht, daß viele junge Leute solche Dinge tun? Solltest du daher die Warnung übelnehmen, daß es dir schaden könnte, zu spät nach Hause zu kommen und schlechten Umgang zu haben? Sogar Jesu Eltern wollten wissen, wo ihr Sohn war.

      Warum sie dich so sehr behüten

      Einige Jugendliche sagen, die Furcht ihrer Eltern, ihnen könnte etwas zustoßen, grenze an Wahnvorstellungen. Denke aber daran, wieviel Zeit und Gefühl sie in dich investiert haben. Der Gedanke, daß du erwachsen wirst und schließlich sogar das Elternhaus verläßt, beunruhigt deine Eltern wahrscheinlich. Eine Mutter schrieb: „Mein einziges Kind, ein Sohn, ist nun 19 Jahre alt, und ich kann den Gedanken kaum ertragen, daß er eines Tages ausziehen wird.“

      Daher neigen einige Eltern dazu, ihre Kinder zu bemuttern und zu sehr zu behüten. Es wäre jedoch grundfalsch, wenn du darauf übertrieben reagieren würdest. Eine junge Frau erinnert sich: „Bis zum 18. Lebensjahr hatte ich eine sehr enge Verbindung zu meiner Mutter. . . . [Doch] als ich älter wurde, kam es zu Problemen. Ich wollte mehr Unabhängigkeit, was sie wiederum als eine Bedrohung unserer Beziehung betrachtet haben muß. Sie versuchte, mich immer mehr festzuhalten, und meine Reaktion war, daß ich mich noch mehr zurückzog.“

      Ein gewisses Maß an Unabhängigkeit ist gut, aber versuche nicht, sie auf Kosten der Familienbande zu erlangen. Wie kannst du erreichen, daß deine Eltern dich eher wie einen Erwachsenen behandeln und dein Verhältnis zu ihnen sich auf gegenseitiges Verständnis sowie beidseitige Toleranz und Achtung gründet? Achtung erzeugt wiederum Achtung. Der Apostel Paulus sagte einmal: „Außerdem hatten wir Väter, die von unserem Fleische waren und uns in Zucht nahmen, und wir erwiesen ihnen stets Respekt“ (Hebräer 12:9). Die Eltern dieser ersten Christen waren nicht unfehlbar. Paulus fuhr fort (Vers 10): „Jene irdischen Väter haben uns . . . erzogen, wie sie es eben für richtig hielten“ (Zink).

      Manchmal irrten sich diese Männer. Dennoch verdienten sie den Respekt ihrer Kinder. Ebenso verhält es sich mit deinen Eltern. Wenn sie zu den Eltern gehören, die ihre Kinder zu sehr behüten, so ist das kein Grund, rebellisch zu sein. Erweise ihnen die gleiche Achtung, die du dir wünschst.

      Mißverständnisse

      Bist du schon einmal zu spät nach Hause gekommen, weil etwas geschehen ist, worauf du keinen Einfluß hattest? Haben deine Eltern übertrieben reagiert? Wenn solche Mißverständnisse entstehen, bietet sich dir eine weitere Gelegenheit, Achtung zu gewinnen. Denke daran, wie Jesus reagierte, als ihn seine aufgeregten Eltern schließlich im Tempel fanden, wo er arglos mit einigen Lehrern über das Wort Gottes sprach. Überschüttete Jesus sie mit einem gefühlsbetonten Wortschwall, oder jammerte er, es sei ungerecht von ihnen, an seinen Beweggründen zu zweifeln? Achte auf seine ruhige Antwort: „Wie habt ihr mich nur suchen können? Wußtet ihr nicht, daß ich im Haus meines Vaters sein muß?“ (Lukas 2:49). Zweifellos waren Jesu Eltern von der Reife beeindruckt, die er hier offenbarte. „Eine Antwort, wenn milde, wendet Grimm ab“, aber nicht nur das, sie kann dir auch helfen, die Achtung deiner Eltern zu gewinnen (Sprüche 15:1).

      Regeln und Vorschriften

      Deine Reaktion auf die Forderungen deiner Eltern wirkt sich darauf aus, wie sie dich behandeln. Manche Jugendliche sind leicht eingeschnappt, lügen oder widersetzen sich ihren Eltern. Versuche, dich ihnen gegenüber mehr wie ein Erwachsener zu benehmen. Wenn du etwas länger von zu Hause wegbleiben möchtest, dann fange nicht an, wie ein Kind zu „betteln“, und klage nicht: „Alle anderen dürfen länger wegbleiben.“ Die Autorin Andrea Eagan rät, den Eltern „soviel wie möglich von dem zu erzählen, was du vorhast, damit sie die Situation wirklich verstehen . . . Wenn du ihnen genau sagst, wohin du gehst, mit wem du zusammen bist und warum es wichtig ist, daß du länger ausbleibst . . ., werden sie vielleicht einfach ja sagen.“

      Und wenn deine Eltern über deine Freunde Genaueres erfahren möchten — was auch richtig ist —, dann reagiere nicht wie ein Kind. In dem Magazin Seventeen wurde empfohlen: „Bringe deine Freunde von Zeit zu Zeit mit nach Hause, damit nicht dein Vater, wenn du sagst, daß du mit Peter ins Kino gehst, aus dem Nebenzimmer rufen muß: ‚Peter? Welcher Peter?‘ “

      ‘Ihm wird mehr gegeben werden’

      Jim lächelt, wenn er von seinem jüngeren Bruder Ronald erzählt. „Zwischen uns besteht nur ein Altersunterschied von 11 Monaten“, sagt er, „aber unsere Eltern behandelten uns ganz unterschiedlich. Mir ließen sie viel Freiheit. Sie ließen mich das gemeinsame Auto der Familie fahren. Einmal durfte ich sogar mit einem meiner jüngeren Brüder nach New York reisen.“

      „Bei Ronald war es anders“, fährt Jim fort. „Er erhielt kaum Freiheit. Vater wollte ihm nicht einmal das Autofahren beibringen, als er volljährig war. Und als Ronald dachte, er sei alt genug, sich mit einem Mädchen zu verabreden, erlaubten es ihm die Eltern nicht.“

      Lag es daran, daß Jim bevorzugt wurde? Nein. Er erklärt: „Ronald neigte dazu, verantwortungslos zu handeln. Es fehlte ihm an Initiative. Wenn man ihn mit etwas beauftragte, tat er es oft nicht. Ich gab meinen Eltern nie freche Antworten, aber Ronald ließ sie wissen, was ihm nicht paßte. Und er erhielt ausnahmslos die Quittung dafür.“ Jesus sagte gemäß Matthäus 25:29: „Denn jedem, der hat, wird mehr gegeben werden, und er wird in Fülle haben; dem aber, der nicht hat, wird selbst das, was er hat, weggenommen werden.“

      Möchtest du mehr Freiheit und Verantwortung? Dann beweise dein Verantwortungsbewußtsein. Nimm alle Aufgaben, die dir deine Eltern zuweisen, ernst. Sei nicht wie der Jugendliche in Jesu Gleichnis, den sein Vater beauftragte: „Kind, geh heute im Weingarten arbeiten“ und der sagte: „ ,Ich will, Herr‘, ging aber nicht hin“ (Matthäus 21:28, 29). Überzeuge deine Eltern, daß alles, worum sie dich bitten, ganz gleich, wie geringfügig es ist, schon so gut wie getan ist.

      „Ich zeigte meinen Eltern, daß ich Verantwortung übernehmen konnte“, erzählt Jim. „Sie schickten mich zur Bank, um Rechnungen zu bezahlen, und sie ließen mich im Supermarkt einkaufen. Und als Mutter außer Haus arbeiten mußte, kochte ich sogar das Essen für die Familie.“

      Die Initiative ergreifen

      Was aber, wenn dir deine Eltern solche Aufgaben einfach nicht geben? Ergreife die Initiative. In der Zeitschrift Seventeen wurde vorgeschlagen: „Biete deinen Eltern an, für die Familie eine Mahlzeit zuzubereiten, und sage ihnen, daß du in Zusammenhang damit alles erledigen möchtest: die Mahlzeit planen, den Einkaufszettel schreiben, die Kosten veranschlagen, einkaufen, kochen und abwaschen.“ Wenn Kochen nicht gerade deine Stärke ist, dann sieh dich um und überlege, was du statt dessen tun könntest. Wenn das Geschirr zu spülen ist, wenn der Boden gefegt werden muß oder wenn Zimmer in Ordnung zu bringen sind, dann mußt du nicht erst auf einen Befehl von deinen Eltern warten.

      Viele Jugendliche verdienen bereits selbst Geld. Hast du, falls das auch auf dich zutrifft, bewiesen, daß du Geld sparen und damit umgehen kannst? Hast du dich bereit erklärt, für Kost und Logis einen Beitrag zu leisten? (Du wirst dich wundern, zu erfahren, wieviel es in deiner Umgebung kostet, ein Zimmer zu mieten.) Das wird für dich wahrscheinlich weniger eigenes Geld bedeuten, aber da deine Eltern beobachten, daß du wie ein Erwachsener mit Geld umgehen kannst, werden sie zweifellos bereit sein, dir mehr Freiheit zu lassen.

      Vom Schürzenzipfel loskommen

      Eltern sollten vertraute Freunde sein, eine Quelle wertvollen Rates. (Vergleiche Jeremia 3:4.) Das bedeutet jedoch nicht, von ihnen zu erwarten, daß sie jede geringfügige Entscheidung für dich treffen. Nur durch den Gebrauch dessen, was die Bibel „Wahrnehmungsvermögen“ nennt, kannst du Vertrauen in deine Fähigkeit erlangen, selbst zu entscheiden (Hebräer 5:14).

      Anstatt beim kleinsten Kummer sofort zu den Eltern zu gehen, solltest du zuerst versuchen, das Problem durch eigene Überlegung zu lösen. Sei nicht in irgendeiner Angelegenheit ‘übereilig’ oder impulsiv, sondern beachte den biblischen Rat, zuerst „auf Erkenntnis [zu] achten“ (Jesaja 32:4). Forsche nach, und das besonders, wenn biblische Grundsätze berührt werden. Wende dich erst an deine Eltern, nachdem du die Angelegenheit ruhig abgewogen hast. Frage nicht immer: „Vati, was soll ich tun?“ oder: „Mutti, was würdest du tun?“, sondern erkläre die Situation. Laß sie wissen, wie du die Angelegenheit durchdacht hast. Und frage sie darauf nach ihrer Meinung.

      Deine Eltern erkennen nun, daß du nicht wie ein Kind redest, sondern wie ein Erwachsener. Wenn du so handelst, hast du sehr dazu beigetragen zu beweisen, daß du erwachsen wirst und ein gewisses Maß an Freiheit verdienst. Deine Eltern werden höchstwahrscheinlich beginnen, dich wie einen Erwachsenen zu behandeln.

      Fragen zur Besprechung

      ◻ Warum legen Eltern oft so viel Wert darauf, ihre Kinder zu behüten und zu wissen, wo sie sich aufhalten?

      ◻ Warum ist es wichtig, den Eltern mit Respekt zu begegnen?

      ◻ Wie kannst du am besten Mißverständnisse zwischen dir und deinen Eltern klären?

      ◻ Wie kannst du dich an die Regeln und Vorschriften deiner Eltern halten und dennoch ein gewisses Maß an Freiheit genießen?

      ◻ Auf welchen Gebieten kannst du deinen Eltern beweisen, daß du verantwortungsbewußt bist?

      [Herausgestellter Text auf Seite 29]

      „Mein Vater will immer wissen, wo ich bin und wann ich nach Hause komme. . . . Müssen sie denn alles wissen?“

      [Bild auf Seite 27]

      Kommt es dir vor, als würden dich deine Eltern einsperren?

      [Bild auf Seite 30]

      Bei Mißverständnissen ruhig zu bleiben ist eine Möglichkeit, Achtung zu gewinnen

  • Warum haben sich meine Eltern getrennt?
    Fragen junger Leute — Praktische Antworten
    • Kapitel 4

      Warum haben sich meine Eltern getrennt?

      „Ich erinnere mich, wie es war, als unser Vater uns verlassen hatte. Wir wußten eigentlich gar nicht richtig Bescheid. Unsere Mutter mußte arbeiten gehen, und so waren wir die ganze Zeit allein. Manchmal saßen wir am Fenster und hatten Angst, sie hätte uns auch verlassen“ (eine Tochter geschiedener Eltern).

      BEI einer Scheidung scheint die Welt zusammenzubrechen; eine Scheidung kommt einem wie eine Katastrophe vor, die immerwährendes Elend hervorruft. Sie löst oft heftige Gefühle aus — Scham, Zorn, Besorgnis, Angst vor Einsamkeit, Schuldgefühle, Depressionen, Verlustgefühle und sogar Rachegedanken.

      Wenn es bei deinen Eltern vor kurzem zu einer Trennung oder einer Scheidung gekommen ist, hast du wahrscheinlich solche Empfindungen. Schließlich hat unser Schöpfer vorgesehen, daß Kinder sowohl von der Mutter als auch vom Vater aufgezogen werden (Epheser 6:1-3). Doch nun mußt du darauf verzichten, einen geliebten Elternteil täglich zu sehen. „Ich habe zu meinem Vater aufgeblickt und wollte bei ihm bleiben“, klagt Paul, dessen Eltern sich trennten, als er sieben Jahre alt war. „Aber wir Kinder wurden meiner Mutter zugesprochen.“

      Warum sich Eltern trennen

      Oft verheimlichen Eltern ihre Probleme. „Ich kann mich nicht erinnern, daß meine Eltern sich je gestritten haben“, sagt Lynn, deren Eltern sich scheiden ließen, als sie noch ein Kind war. „Ich dachte, sie kämen miteinander aus.“ Und selbst wenn sich Eltern häufig in den Haaren liegen, kann es ein Schock sein, wenn sie sich schließlich trennen.

      In vielen Fällen hat sich ein Ehepartner eines sexuellen Fehlverhaltens schuldig gemacht. Gott gestattet dem unschuldigen Teil, sich scheiden zu lassen (Matthäus 19:9). Zuweilen arten „Zorn und Geschrei und lästerliches Reden“ in Gewalt aus, und ein Ehepartner muß um sein Leben und das seiner Kinder fürchten (Epheser 4:31).

      Mitunter lassen sich Ehepaare allerdings aus fadenscheinigen Gründen scheiden. Statt an ihren Problemen zu arbeiten, erwirken manche aus selbstsüchtigen Gründen eine Scheidung, weil sie meinen, sie seien „unglücklich“ und „liebten sich nicht mehr“. Dies mißfällt Gott, denn „er hat Ehescheidung gehaßt“ (Maleachi 2:16). Jesus wies außerdem darauf hin, daß einige ihre Ehe auflösen würden, weil ihr Ehepartner ein Christ geworden sei (Matthäus 10:34-36).

      Was auch immer der Fall ist, daß deine Eltern beschlossen haben, zu schweigen oder dir unklare Antworten auf Fragen nach der Scheidung zu geben, bedeutet nicht, daß sie dich nicht lieben.a Wegen ihrer eigenen verletzten Gefühle fällt es ihnen womöglich einfach schwer, darüber zu sprechen (Sprüche 24:10). Außerdem ist es ihnen höchstwahrscheinlich unangenehm und peinlich, ihre beiderseitigen Fehler zuzugeben.

      Was du tun kannst

      Versuche, den richtigen Zeitpunkt herauszufinden, um mit deinen Eltern in Ruhe deine Sorgen zu besprechen (Sprüche 25:11). Laß sie wissen, wie traurig und verwirrt du wegen der Scheidung bist. Vielleicht werden sie dir eine zufriedenstellende Erklärung geben. Andernfalls verzweifle nicht. Hat nicht auch Jesus seinen Jüngern Informationen vorenthalten, mit denen sie nach seinem Ermessen noch nicht hätten umgehen können? (Johannes 16:12). Und haben deine Eltern nicht ein Recht auf eine Privatsphäre?

      Sei dir außerdem bewußt, daß die Scheidung, aus welchem Grund es auch immer dazu gekommen ist, eine Angelegenheit zwischen ihnen ist — nicht zwischen dir und ihnen. In einer Studie über 60 geschiedene Ehepaare stellten Judith Wallerstein und Joan Kelly fest, daß die Ehepartner einander, ihrem Arbeitgeber, Angehörigen und Freunden die Schuld an der Scheidung gaben. Doch die Forscherinnen sagen: „Interessanterweise schob niemand die Schuld den Kindern zu.“ Die Gefühle deiner Eltern dir gegenüber sind unverändert.

      Die heilende Wirkung der Zeit

      Es gibt „eine Zeit zum Heilen“ (Prediger 3:3). So, wie es bei einer buchstäblichen Verletzung, wie zum Beispiel bei einem Knochenbruch, Wochen oder sogar Monate dauern kann, bis alles völlig verheilt ist, brauchen auch emotionelle Verletzungen Zeit zum Heilen.

      Die Scheidungsforscherinnen Wallerstein und Kelly haben festgestellt, daß bereits nach zwei Jahren „die allgemeinen Ängste, der Kummer, der Schock, verbunden mit Nichtwahrhabenwollen, . . . nachlassen oder ganz verschwinden“. Eine Reihe von Experten ist der Ansicht, innerhalb von nur drei Jahren sei das Schlimmste überstanden. Das mag dir lang vorkommen, aber es muß eben vieles geschehen, bis sich dein Leben wieder stabilisiert.

      Das häusliche Leben beispielsweise — das durch die Scheidung gestört wurde — muß neu geregelt werden. Es wird auch Zeit vergehen, bis deine Eltern ihr inneres Gleichgewicht wiedererlangt haben. Erst dann mögen sie imstande sein, dir die nötige Unterstützung zu gewähren. Während dein Leben allmählich wieder geregelte Formen annimmt, wird es dir nach und nach bessergehen.

      Doch Salomo mahnte: „Sprich nicht: ‚Weshalb ist es geschehen, daß sich die früheren Tage als besser erwiesen haben als diese?‘, denn nicht zufolge von Weisheit hast du danach gefragt“ (Prediger 7:10). Der Vergangenheit nachzuhängen kann dich für die Gegenwart blind machen. Wie sah die familiäre Situation vor der Scheidung aus? „Es gab immer Streit — meine Eltern schrien sich an und gaben sich Schimpfnamen“, gibt Annette zu. Kann es sein, daß du jetzt ein friedliches Zuhause hast?

      „Ich kann sie wieder zusammenbringen“

      Einige Kinder träumen davon, daß sie ihre Eltern wieder zusammenbringen können, und hängen womöglich solchen Phantasien auch dann noch nach, wenn die Eltern bereits einen neuen Ehepartner haben.

      Doch dadurch, daß du die Scheidung nicht wahrhaben willst, ändert sich nichts. Und alle Tränen, alles Bitten und alle Intrigen der Welt könnten deine Eltern sicher nicht mehr zusammenbringen. Quäle dich also nicht damit, daß du deine Gedanken um etwas Unwahrscheinliches kreisen läßt (Sprüche 13:12). Wie Salomo sagte, gibt es „eine Zeit, etwas als verloren aufzugeben“ (Prediger 3:6). Nimm es daher hin, daß die Scheidung eine Realität und etwas Endgültiges ist. Das wird entscheidend dazu beitragen, daß du darüber hinwegkommst.

      Sich mit den Eltern einigen

      Du magst es deinen Eltern zu Recht übelnehmen, daß sie dein Leben durcheinandergebracht haben. Ein junger Mann sagte verbittert: „Meine Eltern waren selbstsüchtig. Sie dachten überhaupt nicht an uns und daran, wie uns ihre Handlungsweise berührte. Sie machten einfach ihre eigenen Pläne.“ Das mag wahr sein. Aber kannst du mit der drückenden Last des Zorns und der Verbitterung durch das Leben gehen, ohne dir zu schaden?

      Die Bibel rät: „Möge alle boshafte Bitterkeit und Wut und Zorn . . . von euch entfernt werden. Werdet aber gütig zueinander, voll zarten Erbarmens, einander bereitwillig vergebend“ (Epheser 4:31, 32). Wie kannst du jemandem vergeben, der dich so tief verletzt hat? Versuche, deine Eltern objektiv zu betrachten — als mit Fehlern behaftete, unvollkommene Menschen. Ja, auch Eltern ‘sündigen und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes’ (Römer 3:23). Dies zu erkennen wird dir helfen, dich mit deinen Eltern zu einigen.

      Sprich über deine Gefühle

      „Ich habe mich nie richtig darüber ausgesprochen, wie mich die Scheidung meiner Eltern berührte“, sagte ein junger Mann, der von uns interviewt wurde. Anfangs war er gelassen, doch dann regten sich immer mehr Gefühle, und es kamen ihm sogar die Tränen, als er über die Scheidung seiner Eltern sprach. Längst begrabene Gefühle kamen zum Vorschein. Überrascht gestand er: „Es hat mir wirklich geholfen, darüber zu sprechen.“

      Auch dir wird es vielleicht helfen, dich jemandem anzuvertrauen, statt dich abzusondern. Teile deinen Eltern deine Gefühle, Ängste und Sorgen mit. (Vergleiche Sprüche 23:26.) Auch reife Christen können eine Stütze sein. Keith beispielsweise erhielt in seinem Zuhause, das durch eine Scheidung auseinandergerissen worden war, kaum oder gar keine Unterstützung. Doch er fand woanders Hilfe. Er sagt: „Die Christenversammlung wurde mir zur Familie.“

      Vor allem dein himmlischer Vater, der „Hörer des Gebets“, wird dir Gehör schenken (Psalm 65:2). Paul erklärt, was ihm half, über die Scheidung seiner Eltern hinwegzukommen: „Ich betete immerzu und spürte stets, daß Jehova eine wirkliche Person ist.“

      Das Leben geht weiter

      Nach einer Scheidung wird nie wieder alles wie zuvor. Das bedeutet jedoch nicht, daß du kein erfolgreiches und glückliches Leben führen kannst. Die Bibel mahnt: „Seid nicht saumselig in euren Geschäften“ (Römer 12:11). Du solltest nicht zulassen, daß du vor Kummer, Schmerz oder Wut wie gelähmt bist, sondern daran denken, daß das Leben weitergeht. Strenge dich in der Schule an. Gehe einem Hobby nach. Sei „reichlich beschäftigt im Werk des Herrn“ (1. Korinther 15:58).

      Anstrengung, Entschlossenheit und Zeit sind erforderlich. Und eines Tages wird sich in deinem Leben nicht mehr alles um die Scheidung deiner Eltern drehen.

      [Fußnote]

      a Die Forscherinnen Wallerstein und Kelly haben festgestellt, daß „vier Fünftel der kleineren Kinder [geschiedener Eltern] weder eine hinreichende Erklärung erhielten noch die Zusicherung, daß weiterhin für sie gesorgt werde. Sie erwachten eines Morgens, und der Vater oder die Mutter war gegangen.“

      Fragen zur Besprechung

      ◻ Aus welchen Gründen trennen sich Eltern?

      ◻ Warum mag es deinen Eltern schwerfallen, darüber zu sprechen? Was kannst du tun, wenn sie sich nicht darüber äußern möchten?

      ◻ Warum ist es sinnlos, der Vergangenheit nachzuhängen oder davon zu träumen, die Eltern wieder zusammenzubringen?

      ◻ Was kannst du Positives tun, um über die Scheidung hinwegzukommen?

      ◻ Wie kannst du mit den Zorngefühlen fertig werden, die du möglicherweise gegenüber deinen Eltern empfindest?

      [Kasten auf Seite 36, 37]

      Wird durch die Scheidung mein Leben ruiniert?

      Nach der Scheidung der Eltern ruinieren manche Jugendliche buchstäblich ihr Leben. Einige treffen übereilte Entscheidungen, zum Beispiel vorzeitig von der Schule abzugehen. Andere reagieren ihre Frustrationen und ihre Wut durch schlechtes Benehmen ab — als wollten sie ihre Eltern für die Scheidung bestrafen. Daniel erinnert sich: „Nach der Scheidung meiner Eltern war ich unglücklich und niedergedrückt. Ich hatte Schwierigkeiten in der Schule und blieb einmal sitzen. Danach . . . wurde ich zum Klassenkasper und geriet in viele Streitereien.“

      Schockierendes Benehmen wird wahrscheinlich die Aufmerksamkeit deines Vaters oder deiner Mutter auf dich lenken. Aber was erreichst du damit, außer daß eine ohnehin schon schlimme Situation noch schlimmer wird? Der einzige, der durch das Fehlverhalten bestraft wird, ist der Betreffende selbst (Galater 6:7). Versuche zu verstehen, daß deine Eltern auch leiden und daß sie es nicht böse meinen, wenn sie dich scheinbar vernachlässigen. Daniels Mutter gibt zu: „Ich habe meine Kinder entschieden vernachlässigt. Nach der Scheidung war ich selbst in einem so schlimmen Zustand, daß ich ihnen einfach nicht helfen konnte.“

      Die Bibel rät in Hebräer 12:13: „Schafft weiterhin gerade Bahnen für eure Füße, damit das Lahme nicht ausgerenkt . . . werde.“ Fehlende Disziplin zu Hause ist keine Entschuldigung für schlechtes Benehmen (Jakobus 4:17). Handle verantwortungsbewußt, und übe dich in Selbstdisziplin (1. Korinther 9:27).

      Vermeide auch übereilte Entscheidungen, beispielsweise von zu Hause wegzulaufen. „Der Kluge achtet auf seine Schritte“ (Sprüche 14:15). Wenn deine Eltern im Moment zu aufgewühlt sind, um dich anzuhören, könntest du über deine Entscheidungen mit einem älteren Bekannten sprechen.

      Dennoch wirst du dir Sorgen über deine Zukunft machen. Wegen der gescheiterten Ehe deiner Eltern machst du dir verständlicherweise Gedanken über deine eigenen Aussichten auf eine glückliche Ehe. Erfreulicherweise ist eine unglückliche Ehe nicht etwas, was man von seinen Eltern erbt, wie zum Beispiel Sommersprossen. Du bist ein Individuum, und wie deine künftige Ehe aussieht, hängt nicht von den Fehlern deiner Eltern ab, sondern davon, inwieweit ihr, du und dein Ehepartner, Gottes Wort anwendet.

      Womöglich sorgst du dich auch um Dinge, die du früher für selbstverständlich genommen hast — Nahrung, Kleidung, Obdach und Geld. Eltern finden jedoch gewöhnlich Mittel und Wege, ihre Kinder nach einer Scheidung zu ernähren, selbst wenn dies bedeutet, daß die Mutter berufstätig sein muß. Dennoch heißt es in dem Buch Surviving the Breakup realistischerweise: „Die Mittel, von denen zuvor eine Familie gelebt hat, müssen nun für zwei Familien reichen, was für jedes Familienglied gezwungenermaßen ein Absinken des Lebensstandards mit sich bringt.“

      Es ist somit gut möglich, daß du dich daran gewöhnen mußt, auf Dinge zu verzichten, die du vorher hattest, zum Beispiel neue Kleidung. Doch die Bibel sagt: „Wir haben nichts in die Welt hineingebracht, und wir können auch nichts mit hinaustragen. Wenn wir also Lebensunterhalt und Bedeckung haben, werden wir mit diesen Dingen zufrieden sein“ (1. Timotheus 6:7, 8). Vielleicht kannst du sogar dabei helfen, das Haushaltsgeld neu einzuteilen. Vergiß auch nicht, daß Jehova „ein Vater von vaterlosen Knaben“ ist (Psalm 68:5). Du kannst sicher sein, daß er um deine Bedürfnisse sehr besorgt ist.

      Jeremia schrieb: „Gut ist es für einen kräftigen Mann, daß er das Joch in seiner Jugend trägt“ (Klagelieder 3:27). Nein, es ist wohl kaum „gut“, die Scheidung der Eltern mitzuerleben. Aber du kannst diese schlechte Erfahrung zu deinem Vorteil wenden.

      Die Forscherin Judith Wallerstein sagt: „Das emotionelle und intellektuelle Wachstum [bei Scheidungskindern], das durch die familiäre Krise beschleunigt wurde, war beeindruckend und manchmal ergreifend. Die Jugendlichen . . . betrachteten die Erfahrungen ihrer Eltern nüchtern und zogen daraus wohlüberlegte Schlußfolgerungen für ihre eigene Zukunft. Sie waren darauf bedacht, Möglichkeiten zu finden, wie sie die Fehler ihrer Eltern vermeiden könnten.“

      Es besteht kein Zweifel darüber, daß die Scheidung deiner Eltern Spuren in deinem Leben hinterlassen wird. Aber ob diese Spuren ein kleiner Kratzer oder eine klaffende Wunde sind, hängt zum großen Teil von dir ab.

      [Bild auf Seite 35]

      Mitzuerleben, wie die Ehe der Eltern scheitert, ist eines der schmerzlichsten Erlebnisse, die man sich vorstellen kann

      [Bild auf Seite 38]

      Erinnerungen nachzuhängen, wie das Leben früher war, wird dich nur deprimieren

  • Wie kann ich mit der Wiederverheiratung meiner Eltern fertig werden?
    Fragen junger Leute — Praktische Antworten
    • Kapitel 5

      Wie kann ich mit der Wiederverheiratung meiner Eltern fertig werden?

      „Der Tag, an dem mein Vater Rita heiratete, war der schlimmste Tag meines Lebens“, erinnert sich Shane. „Ich war wütend. Wütend auf meinen Vater, weil er an meiner Mutter Verrat beging. Wütend auf meine Mutter, weil sie Jura studierte und uns im Stich ließ. Wütend auf die beiden Bälger, Ritas Kinder, die nun in unserem Haus wohnen sollten . . . Aber am meisten war ich auf Rita wütend . . . Ich haßte sie. Und weil ich der Meinung bin, daß es nicht richtig ist, jemanden zu hassen, war ich auch auf mich selbst wütend“ (Stepfamilies—New Patterns in Harmony von Linda Craven).

      DIE Wiederverheiratung eines Elternteils macht die Hoffnung zunichte, daß sich deine Eltern je wieder vereinigen. Sie kann dazu führen, daß du dich verunsichert und hintergangen fühlst und eifersüchtig wirst.

      Eine Wiederverheiratung ist besonders schmerzlich, wenn sie auf den Tod eines geliebten Elternteils folgt. „Der Tod meiner Mutter verbitterte mich“, gesteht die 16jährige Missy. „Ich dachte, die Verlobte meines Vaters würde den Platz meiner Mutter einnehmen, und deshalb war ich sehr gemein zu ihr.“ Deine Treue zu deinem richtigen Vater oder deiner richtigen Mutter kann sogar bewirken, daß du dich schuldig fühlst, wenn du Zuneigung zu einem Stiefelternteil empfindest.

      Kein Wunder, daß viele Kinder und Jugendliche ihren inneren Schmerz auf zerstörerische Weise abreagieren. Manche planen sogar, in die neue Ehe einen Keil zu treiben. Man darf aber nicht vergessen, daß die Ehepartner vor Gott ein Gelübde abgelegt haben. „Was also Gott zusammengejocht hat, bringe kein Mensch [oder kein Kind] auseinander“ (Matthäus 19:6). Selbst wenn du sie auseinanderbringen könntest, werden deine richtigen Eltern dadurch nicht wieder vereinigt.

      Es bringt auch nichts, ständig mit dem Stiefvater oder der Stiefmutter in Streit zu geraten. Sprüche 11:29 mahnt: „Wer sein Haus zerrüttet, wird Wind erben“, das heißt, es führt zu nichts (Zürcher Bibel). Die Abneigung der 15jährigen Gerri gegen ihre Stiefmutter gipfelte in einem bitteren Streit. Was kam dabei heraus? Die Stiefmutter verlangte von Gerris Vater, sich zwischen ihr und seiner Tochter zu entscheiden. Gerri kam schließlich zu ihrer richtigen Mutter zurück — die ebenfalls wieder geheiratet hatte.

      Liebe hilft dir, damit fertig zu werden

      Wie kannst du nun mit der Wiederverheiratung fertig werden? Indem du grundsatztreue Liebe zum Ausdruck bringst, wie sie in 1. Korinther 13:4-8 beschrieben wird:

      Die Liebe „blickt nicht nach ihren eigenen Interessen aus“. Das bedeutet, ‘nicht den eigenen Vorteil zu suchen, sondern den des anderen’ (1. Korinther 10:24). Solltest du es deinem Vater oder deiner Mutter übelnehmen, wenn sie zu dem Schluß gekommen ist, daß sie die Gemeinschaft eines Ehepartners braucht?

      „Die Liebe ist nicht eifersüchtig.“ Oft wollen Kinder und Jugendliche die Liebe ihres Vaters oder ihrer Mutter nicht mit jemand anders teilen. Aber du brauchst nicht zu befürchten, daß die Liebe zu dir abnimmt, denn Liebe kann weit werden. (Vergleiche 2. Korinther 6:11-13.) Dein richtiger Vater oder deine richtige Mutter kann in ihrer Liebe so weit werden, daß sie einen neuen Ehepartner liebt, ohne daß die Zuneigung zu dir nachläßt. Wirst du dein Herz so weit öffnen, daß es einen Stiefvater oder eine Stiefmutter aufnehmen kann? Dies würde auf keinen Fall bedeuten, daß du dem verstorbenen Elternteil untreu wirst.

      Die Liebe „benimmt sich nicht unanständig“. Mit neuen Geschwistern vom anderen Geschlecht unter einem Dach zu leben kann in sittlicher Hinsicht Belastungen mit sich bringen. Wie verlautet, kommt es in 25 Prozent der Stieffamilien zu unerlaubtem Geschlechtsverkehr unter Familiengliedern.

      Nach der Wiederverheiratung von Davids Mutter kamen vier heranwachsende Stiefschwestern ins Haus. Er sagt: „Ich mußte sexuelle Regungen aus meinem Sinn verbannen.“ Du mußt sorgfältig darauf achten, daß keine unangebrachte Vertrautheit aufkommt und daß weder deine Kleidung noch dein Verhalten sexuell provozierend sind (Kolosser 3:5).

      Die Liebe „hält allem stand . . . Sie gibt uns Kraft, alles zu ertragen“ (Charles B. Williams’ Übersetzung). Manchmal mag es dir vorkommen, als sei der Schmerz durch nichts zu lindern. Marla gibt zu: „Ich hatte das Gefühl, ich sei zu Hause im Weg. Ich sagte meiner Mutter sogar, daß ich wünschte, ich wäre nie zur Welt gekommen.“ Marla lehnte sich auf und lief sogar weg. Doch heute sagt sie: „Am besten ist es durchzuhalten.“ Wenn du ebenfalls durchhältst, werden anfängliche Empfindungen wie Verbitterung, Verwirrung und Schmerz allmählich nachlassen.

      „Du bist nicht meine richtige Mutter/mein richtiger Vater!“

      Der Autorität eines neuen Elternteils zu unterstehen ist nicht leicht, und wenn dir der Betreffende etwas aufträgt, ist die Versuchung groß zu sagen: „Du bist nicht meine richtige Mutter/mein richtiger Vater!“ Behalte aber die Aufforderung aus 1. Korinther 14:20 im Sinn: „Im Denken müßt ihr erwachsen sein“ (Die Bibel in heutigem Deutsch).

      Wenn du das Recht deines Stiefvaters oder deiner Stiefmutter anerkennst, dich zurechtzuweisen, beweist du, daß du ‘im Denken erwachsen bist’. Er oder sie erfüllt die Aufgaben eines natürlichen Elternteils und verdient deinen Respekt (Sprüche 1:8; Epheser 6:1-4). In biblischer Zeit wurde Esther nach dem Tod ihrer Eltern von einem Adoptivvater oder „Pfleger“ erzogen. Obwohl Mordechai nicht Esthers richtiger Vater war, ‘trug er ihr Dinge auf’, die sie sogar als Erwachsene befolgte (Esther 2:7, 15, 17, 20). Zurechtweisung von einem Stiefvater oder einer Stiefmutter ist in der Regel ein Ausdruck der Liebe und Sorge dir gegenüber (Sprüche 13:24).

      Dennoch magst du berechtigte Gründe zur Klage haben. Wenn ja, dann beweise, daß du „erwachsen“ bist, indem du den Rat aus Kolosser 3:13 befolgst: „Fahrt fort, einander zu ertragen und einander bereitwillig zu vergeben, wenn jemand Ursache zu einer Klage gegen einen anderen hat.“

      Lerne, zu teilen und Zugeständnisse zu machen

      Als die 15jährige Jamie nur mit ihrer Mutter zusammen wohnte, hatte sie ein eigenes Zimmer und teure Kleidung. Nach der Wiederverheiratung ihrer Mutter befand sich Jamie in einer Familie mit vier Kindern, und es änderte sich alles. „Jetzt habe ich nicht einmal mehr ein eigenes Zimmer“, klagt sie. „Ich muß alles teilen.“

      Vielleicht mußt auch du deine Stellung als ältestes oder einziges Kind abtreten. Lange Zeit warst du, falls du ein Junge bist, womöglich der Herr des Hauses — eine Stellung, die nun dein Stiefvater innehat. Falls du ein Mädchen bist, wart ihr, du und deine Mutter, vielleicht wie Schwestern und habt sogar im selben Zimmer geschlafen, aber jetzt bist du von deinem Stiefvater verdrängt worden.

      „Laßt eure Vernünftigkeit allen Menschen bekanntwerden“, rät die Bibel (Philipper 4:5). Das ursprüngliche Wort dafür bedeutet eigentlich „nachgeben“ und bezeichnete jemanden, der nicht auf seine gesetzlichen Rechte pochte. Versuche daher, nachzugeben und Zugeständnisse zu machen. Mache aus der neuen Situation das Beste, und hänge nicht der Vergangenheit nach (Prediger 7:10). Sei bereit, mit Stiefgeschwistern zu teilen, und behandle sie nicht wie Eindringlinge (1. Timotheus 6:18). Je eher ihr euch wie richtige Geschwister behandelt, desto eher wird eure Zuneigung zueinander wachsen. Und was den neuen Herrn des Hauses betrifft, ärgere dich nicht über ihn. Sei froh, daß er da ist und die Last der häuslichen Aufgaben mitträgt.

      Mit ungleicher Behandlung fertig werden

      Ein Mädchen räumt zwar ein, daß ihr Stiefvater Liebe zum Ausdruck bringt, fügt allerdings hinzu: „Aber es gibt einen Unterschied. Er erwartet von uns mehr als von seinen eigenen Kindern in unserem Alter, bestraft uns mehr und hat weniger Verständnis für uns . . . Das ist ein wunder Punkt bei uns.“

      Sei dir bewußt, daß ein Stiefvater oder eine Stiefmutter gegenüber einem Stiefkind gewöhnlich nicht so empfindet wie gegenüber einem eigenen Kind. Dies liegt nicht so sehr an der Blutsverwandtschaft als vielmehr an bisherigen gemeinsamen Erlebnissen. Es kommt ja auch vor, daß Eltern unter ihren richtigen Kindern das eine mehr lieben als das andere (1. Mose 37:3). Es besteht allerdings ein bedeutsamer Unterschied zwischen gleicher und gerechter Behandlung. Jeder hat eine eigene Persönlichkeit und individuelle Bedürfnisse. Mache dir deshalb nicht allzu viele Gedanken darüber, ob du wirklich genauso behandelt wirst wie die anderen Geschwister, sondern überlege, ob sich dein Stiefvater oder deine Stiefmutter bemüht, deine Bedürfnisse zu befriedigen. Wenn du meinst, daß dies nicht der Fall ist, hast du Grund, dich mit dem Betreffenden darüber auszusprechen.

      Auch deine Stiefgeschwister können die Ursache für Probleme sein. Vergiß aber nicht, daß es ihnen ebenfalls schwerfällt, sich auf die neue Situation einzustellen. Vielleicht betrachten sie sogar dich als den Eindringling. Tue also dein Bestes, nett zu sein und ‘das Böse mit dem Guten zu besiegen’, falls sie barsch zu dir sind (Römer 12:21). Übrigens kommt es ja auch unter leiblichen Geschwistern mitunter zu Reibereien. (Siehe Kapitel 6.)

      Geduld zahlt sich aus

      „Besser ist das nachherige Ende einer Sache als ihr Anfang. Besser ist einer, der geduldig ist, als einer, der hochmütigen Geistes ist“ (Prediger 7:8). Normalerweise dauert es mehrere Jahre, bis so viel Vertrauen entstanden ist, daß sich die Glieder einer Stieffamilie im Umgang miteinander unbefangen fühlen. Erst dann werden die verschiedenen Gewohnheiten und Wertvorstellungen so weit aufeinander abgestimmt sein, daß ein harmonisches Miteinander möglich ist. Sei also geduldig! Erwarte nicht, daß sich sofort Liebe einstellt oder über Nacht ein Familienleben entsteht.

      Als sich Thomas’ Mutter wiederverheiratete, war er beunruhigt, um es gelinde auszudrücken. Seine Mutter hatte vier Kinder, und der Mann, den sie heiratete, hatte drei. „Wir litten unter Streit, Debatten, Zerrissenheit und schlimmen emotionellen Belastungen“, schreibt Thomas. Was brachte schließlich Erfolg? „Durch das Anwenden biblischer Grundsätze wurden Probleme gelöst; das war zwar nicht immer sofort der Fall, aber mit der Zeit und durch das Hervorbringen der Früchte des Geistes Gottes glätteten sich die Wogen“ (Galater 5:22, 23).

      Daß die Anwendung biblischer Grundsätze in einer Stieffamilie zum Erfolg führt, zeigen die Erfahrungen der Jugendlichen, die wir interviewt haben:

      Jugendliche aus glücklichen Stieffamilien

      Interviewer: Wie hast du es vermieden, deinem Stiefvater oder deiner Stiefmutter eine Zurechtweisung übelzunehmen?

      Lynch: Meine Mutter und mein Stiefvater waren sich bei der Bestrafung immer einig. Wenn etwas vorgefallen war, trafen sie gemeinsam eine Entscheidung. Wenn ich also Schläge erhielt, wußte ich, daß es von beiden kam.

      Linda: Am Anfang war es sehr schwer, weil ich fragte: „Hast du überhaupt ein Recht, mir das zu sagen?“ Aber dann dachte ich daran, daß die Bibel sagt, wir sollen Mutter und Vater ehren. Wenn er auch nicht mein leiblicher Vater war, war er dennoch in Gottes Augen mein Vater.

      Robin: Ich wußte, daß es meine Mutter sehr verletzen würde, wenn ich den Mann ablehnte, den sie liebt.

      Interviewer: Wodurch ist ein guter Gedankenaustausch gefördert worden?

      Lynch: Man muß sich für die Beschäftigungen des Stiefvaters oder der Stiefmutter interessieren. Ich half meinem Stiefvater bei seiner beruflichen Tätigkeit. Während wir arbeiteten, führten wir lange Gespräche. Das half mir, seine Denkweise zu verstehen. Andere Male saßen wir einfach zusammen und redeten über Nichtigkeiten.

      Valerie: Meine Stiefmutter und ich verbrachten viel Zeit zusammen, und allmählich verstand ich sie. Wir wurden unzertrennliche Freundinnen.

      Robin: Mein Vater war bei der Wiederverheiratung meiner Mutter erst ein Jahr tot. Ich wehrte mich dagegen, meinem Stiefvater näherzukommen, weil ich nicht wollte, daß er an die Stelle meines Vaters trat. Ich betete, Gott möge mir helfen, über den Tod meines Vaters hinwegzukommen und meinem Stiefvater näherzukommen. Ich betete und betete und betete. Jehova hat diese Gebete wirklich erhört.

      Interviewer: Was habt ihr getan, um einander näherzukommen?

      Valerie: Manchmal bat ich meine Stiefmutter, mit mir eine Aufführung zu besuchen — nur wir beide. Oder wenn ich in der Stadt war, brachte ich ihr Blumen oder eine Vase mit — etwas, was ihr zeigen sollte, daß ich an sie dachte. Sie war dafür sehr dankbar.

      Erik: Man muß nach Gemeinsamkeiten suchen. Das einzige, was mich mit meinem Stiefvater verband, war die Tatsache, daß er mit meiner Mutter verheiratet war und wir unter einem Dach wohnten. Die größte Hilfe war es für mich, daß ich begann, dasselbe Interesse an der Bibel zu bekunden wie er. Während ich Jehova näherkam, kam ich auch meinem Stiefvater viel näher. Jetzt haben wir wirklich etwas gemeinsam.

      Interviewer: Welche Vorteile hast du persönlich verspürt?

      Robin: Als ich mit meiner Mutter allein war, war ich rebellisch und verwöhnt. Es mußte immer alles nach meinem Kopf gehen. Nun habe ich gelernt, auf andere Rücksicht zu nehmen und selbstloser zu sein.

      Lynch: Mein Stiefvater half mir, wie ein Mann zu denken. Er half mir, Fertigkeiten zu erlernen und meine Hände zu gebrauchen. Wenn ich schlimme Zeiten durchmachte und jemanden brauchte, war er für mich da. Ja, er ist der beste Vater, den man haben kann.

      Fragen zur Besprechung

      ◻ Wie empfinden viele Kinder und Jugendliche, wenn sich der Vater oder die Mutter wiederverheiratet? Warum?

      ◻ Wie kann christliche Liebe helfen, damit fertig zu werden?

      ◻ Mußt du von einem Stiefvater oder einer Stiefmutter Zurechtweisung annehmen?

      ◻ Warum ist es wichtig, Zugeständnisse zu machen und teilen zu können?

      ◻ Solltest du erwarten, genauso wie deine Stiefgeschwister behandelt zu werden? Wie steht es, wenn du das Gefühl hast, du wirst ungerecht behandelt?

      ◻ Was kannst du tun, um mit deinem Stiefvater oder deiner Stiefmutter besser auszukommen?

      [Herausgestellter Text auf Seite 45]

      „Ich dachte, die Verlobte meines Vaters würde den Platz meiner Mutter einnehmen, und deshalb war ich sehr gemein zu ihr“

      [Bild auf Seite 43]

      Die Wiederverheiratung eines Elternteils ruft oft Gefühle des Zorns, der Unsicherheit und der Eifersucht hervor

      [Bild auf Seite 46]

      Vorschriften von einem Stiefelternteil werden oft übelgenommen

  • Warum ist es so schwer, mit Geschwistern auszukommen?
    Fragen junger Leute — Praktische Antworten
    • Kapitel 6

      Warum ist es so schwer, mit Geschwistern auszukommen?

      RIVALITÄT unter Geschwistern geht bis auf Kain und Abel zurück. Nicht, daß du deine Geschwister haßt. Ein Jugendlicher gibt zu: „Tief im Innern, im Unterbewußtsein, glaube ich, daß ich meinen Bruder gern habe. Irgendwie schon.“

      Warum kommt es unter Geschwistern so oft zu Feindseligkeit? Die Autorin Harriet Webster zitierte die Familientherapeutin Claudia Schweitzer wie folgt: „Jede Familie verfügt über eine bestimmte Menge an Ressourcen emotionaler und materieller Art.“ H. Webster führte aus: „Wenn sich Geschwister streiten, kämpfen sie oft um diese Ressourcen, sei es um die Liebe der Eltern oder um Geld und Kleidung.“ Kamilla und ihre fünf Geschwister zum Beispiel haben zusammen drei Zimmer. „Ich möchte manchmal für mich sein“, sagt Kamilla, „und würde meine Geschwister am liebsten aussperren, aber sie sind immer da.“

      Auch in Verbindung mit Begünstigungen und mit der Verteilung der Hausarbeit kommt es zu Reibereien. Die älteren Kinder ärgern sich vielleicht darüber, daß man von ihnen erwartet, den Löwenanteil der Hausarbeit zu erledigen. Jüngere Kinder wehren sich dagegen, von älteren Geschwistern herumkommandiert zu werden, oder sind auf deren Begünstigungen eifersüchtig. „Meine Schwester bekommt Fahrstunden und ich nicht“, jammert eine Jugendliche aus Großbritannien. „Ich nehme ihr das übel und versuche, ihr das Leben schwerzumachen.“

      Manchmal ist die Uneinigkeit unter Geschwistern einfach die Folge des Aufeinanderprallens verschiedener Persönlichkeiten. Die 17jährige Diane sagt von ihren Geschwistern: „Wenn man sich immer, tagaus, tagein, sieht . . . und wenn man beobachtet, wie dieselbe Person jeden Tag dieselben Dinge tut, die einen ärgern — das geht einem auf den Wecker.“ André gibt zu: „Zu Hause . . . zeigt man sein wahres Gesicht.“ Leider bedeutet „sein wahres Gesicht“ zu zeigen häufig, daß man auf Höflichkeit, Freundlichkeit und Takt verzichtet.

      Bevorzugung („Du bist Mamas Liebling!“) ist ein weiterer üblicher Zankapfel unter Geschwistern. Lee Salk, Professor für Psychologie, räumte ein: „Es ist Eltern nicht möglich, alle ihre Kinder genau gleich zu lieben, weil sie verschieden sind und die Eltern zwangsläufig zu unterschiedlichen Reaktionen veranlassen.“ Das war schon in biblischen Zeiten so. Der Patriarch Jakob (Israel) „liebte Joseph mehr als alle seine anderen Söhne“ (1. Mose 37:3). Josephs Brüder wurden schrecklich eifersüchtig auf ihn.

      Das Feuer ersticken

      „Wo es kein Holz gibt, geht das Feuer aus.“ So heißt es in Sprüche 26:20. Die Ausbreitung von Waldbränden wird oft durch das Anlegen von Schneisen verhindert. Ein Waldbrand dringt gewöhnlich nur bis zu einer solchen Stelle vor und erlischt dann. Auch du kannst Differenzen mit deinen Geschwistern vorbeugen oder sie zumindest in Grenzen halten. Eine Möglichkeit besteht darin, sich auszusprechen und Zugeständnisse zu machen, bevor ein Streit entbrennt.

      Besteht das Problem beispielsweise in zuwenig Privatsphäre? Wenn ja, dann setzt euch zu einer Zeit, in der eine friedliche Atmosphäre herrscht, zusammen und arbeitet einen Plan aus. („Ich habe an diesen Tagen/zu diesen Zeiten das Zimmer für mich und du an jenen.“) Haltet euch an diese Abmachung. „Euer Wort Ja bedeute einfach ja, euer Nein nein“ (Matthäus 5:37). Man sollte es den anderen im voraus wissen lassen, wenn umdisponiert werden muß, statt ihn einfach vor vollendete Tatsachen zu stellen.

      Streitet ihr über Besitzansprüche? Eine Jugendliche klagt: „Meine Stiefschwester nimmt von allen meinen Sachen, ohne zu fragen. Sie benutzt sogar mein Make-up und bringt es fertig, mir zu sagen, ich hätte nicht das richtige gekauft.“ Ihr könntet letztlich eure Eltern als Schiedsrichter herbeirufen. Besser ist es jedoch, wenn ihr euch in Ruhe zusammensetzt. Seid „bereit zu teilen“, statt auf persönliche „Rechte“ zu pochen (1. Timotheus 6:18). Versucht, euch auf Regeln über das Ausleihen zu einigen, zum Beispiel, daß ihr immer fragt, bevor ihr etwas nehmt. Handelt, wenn nötig, Kompromisse aus! So könnt ihr beobachten, wie das Feuer im Keim erstickt.

      Was aber, wenn dich die Persönlichkeit eines Bruders oder einer Schwester einfach aufregt? Du wirst denjenigen kaum ändern können. Lernt daher, ‘einander in Liebe zu ertragen’ (Epheser 4:2). Statt die Schwächen und Fehler der Geschwister aufzubauschen, solltest du christliche Liebe bekunden, denn sie „deckt eine Menge von Sünden zu“ (1. Petrus 4:8). Sei nicht schroff oder unfreundlich, sondern lege „Zorn, Wut, Schlechtigkeit, Lästerworte“ ab, und ‘laß deine Rede stets gefällig sein’ (Kolosser 3:8; 4:6).

      „Das ist ungerecht!“

      „Meine Schwester bekommt alles, was sie will“, beschwert sich eine Jugendliche. „Aber ich gehe immer leer aus.“ Klingt das vertraut? Beachte jedoch die Extreme — „alles“ und „immer“. Ist die Lage wirklich so extrem? Wahrscheinlich nicht. Und selbst wenn es so wäre, kann man denn realistischerweise erwarten, daß zwei verschiedene Personen völlig gleich behandelt werden? Bestimmt nicht! Deine Eltern behandeln dich wahrscheinlich entsprechend deinen individuellen Bedürfnissen und deinem Temperament.

      Ist es aber nicht ungerecht, wenn Eltern ein bestimmtes Kind bevorzugen? Nicht unbedingt. Du erinnerst dich, daß Jakob seinen Sohn Joseph bevorzugte. Welchen Grund hatte er dafür? Joseph war der Sohn Rahels, Jakobs geliebter Frau, die gestorben war. Ist es nicht ganz und gar verständlich, daß sich Jakob zu diesem Sohn besonders hingezogen fühlte? Jakobs Liebe zu Joseph verdrängte jedoch nicht seine Zuneigung zu seinen anderen Söhnen, da er echte Sorge um ihr Wohlergehen bekundete (1. Mose 37:13, 14). Ihre Eifersucht auf Joseph war unbegründet.

      Deine Eltern fühlen sich womöglich ebenfalls zu einem deiner Geschwister hingezogen, vielleicht wegen gemeinsamer Interessen, einer ähnlichen Persönlichkeit oder wegen anderer Faktoren. Das bedeutet nicht, daß sie dich nicht lieben. Wenn du verärgert oder eifersüchtig bist, dann sei dir bewußt, daß dein unvollkommenes Herz die Oberhand über dich gewonnen hat. Arbeite daran, solche Gefühle zu überwinden. Solange für deine Bedürfnisse gesorgt wird, brauchst du nicht beunruhigt zu sein, wenn einem Bruder oder einer Schwester mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als dir.

      Geschwister — ein Segen

      Das willst du vielleicht nicht wahrhaben — besonders wenn sie dich ärgern. Doch Diane meint: „Es ist schön, Geschwister zu haben.“ Sie hat sieben. „Man hat jemand, mit dem man reden und seine Interessen teilen kann.“

      Anne-Marie und ihr Bruder André sagen: „Man kann zwar mit seinen Freunden ausgehen, aber die Geschwister hat man immer. Sie sind da, wenn man etwas spielen, Sport treiben oder in den Park gehen möchte.“ Donna denkt an einen praktischen Vorteil: „Man kann die Hausarbeit aufteilen.“ Andere beschreiben ihre Geschwister als „besondere Ratgeber und Zuhörer“ und als jemand, der „einen versteht“.

      Im späteren Leben wirst du mit anderen dieselben Probleme haben, die du heute mit deinen Geschwistern hast. Eifersucht, Besitzansprüche, ungleiche Behandlung, zuwenig Privatsphäre, Egoismus, das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Persönlichkeiten — solche Probleme gehören zum Leben. Mit den Geschwistern auszukommen ist eine gute Übung auf dem Gebiet zwischenmenschlicher Beziehungen.

      Der 17jährige André sagt in Einklang mit 1. Johannes 4:20: „Wenn man nicht mit Leuten auskommt, die man sehen kann, wie will man dann mit Jehova auskommen, den man nicht sehen kann?“ Von Zeit zu Zeit wird es zu Meinungsverschiedenheiten zwischen dir und deinen Geschwistern kommen. Doch du kannst lernen zu teilen, Gedankenaustausch zu pflegen und Zugeständnisse zu machen. Was wird die Folge dieser Bemühungen sein? Du magst feststellen, daß es gar nicht so schlecht ist, Geschwister zu haben.

      Fragen zur Besprechung

      ◻ Warum geraten sich Geschwister oft in die Haare?

      ◻ Wie kann man Streit über die Privatsphäre und über Besitzansprüche verhindern?

      ◻ Warum bevorzugen Eltern mitunter ein bestimmtes Kind? Ist das deiner Meinung nach immer ungerecht?

      ◻ Ist ein Einzelkind benachteiligt?

      ◻ Welche Vorteile bringt es mit sich, Geschwister zu haben?

      [Herausgestellter Text auf Seite 52]

      „Es ist Eltern nicht möglich, alle ihre Kinder genau gleich zu lieben, weil sie verschieden sind“ (Lee Salk, Professor für Psychologie)

      [Kasten auf Seite 54]

      „Ich bin ein Einzelkind“

      Falls du dich in dieser Lage befindest, bist du nicht unbedingt benachteiligt. Während andere Jugendliche oft Probleme haben, mit ihren Geschwistern auszukommen, kannst du dir diejenigen, zu denen du eine enge Verbindung hast, selbst aussuchen (mit der Zustimmung deiner Eltern, versteht sich). Du hast wahrscheinlich mehr Zeit zu studieren, nachzusinnen und dir bestimmte Fertigkeiten anzueignen. (Siehe Kapitel 14 über Einsamkeit.)

      Thomas nennt einen weiteren Vorteil: „Als Einzelkind hatte ich die ganze Aufmerksamkeit meiner Eltern.“ Ein Zuviel an elterlicher Aufmerksamkeit kann ein Kind allerdings ichbezogen machen. Doch wenn Eltern darin ausgeglichen sind, kann ihre Aufmerksamkeit dem Kind helfen, schneller reif zu werden und sich im Umgang mit Erwachsenen wohl zu fühlen.

      Da du keine Geschwister hast, mit denen du teilen kannst, besteht die Gefahr, selbstsüchtig zu werden. Jesus riet: „Übt euch im Geben“ (Lukas 6:38). Versuche, mit Freunden und Verwandten zu teilen. Übe dich darin, die Bedürfnisse anderer zu erkennen, und biete deine Hilfe an, wann immer es möglich ist. Andere werden auf deine Großzügigkeit günstig reagieren. Und du wirst feststellen, daß du als Einzelkind nicht einsam bist.

      [Bild auf Seite 53]

      Oft vermisse ich eine Schwester, aber das Alleinsein hat auch Vorteile

  • Sollte ich zu Hause ausziehen?
    Fragen junger Leute — Praktische Antworten
    • Kapitel 7

      Sollte ich zu Hause ausziehen?

      „Liebe Mutti und lieber Vati!

      Nun verlasse ich Euch endgültig. Wie ich Euch schon gesagt habe, gehe ich nicht weg, um Euch zu kränken oder Euch irgend etwas heimzuzahlen. Unter den Einschränkungen, die Ihr mir auferlegt, kann ich nicht glücklich sein. Vielleicht werde ich auf diese Weise auch nicht glücklich, aber das muß ich selbst herausfinden.“

      DAS sind die ersten Worte eines Abschiedsbriefes, den ein 17jähriges Mädchen seinen Eltern zurückließ. In der Bundesrepublik Deutschland wohnt jedes dritte Mädchen und jeder vierte Junge im Alter von 15 bis 24 Jahren außerhalb des Elternhauses. Vielleicht hast auch du schon einmal mit dem Gedanken gespielt, zu Hause auszuziehen.

      Gott sah voraus, daß der Wunsch zu heiraten einen Mann veranlassen würde, „seinen Vater und seine Mutter zu verlassen“ (1. Mose 2:23, 24). Seinen Dienst für Gott auszudehnen ist ein weiterer triftiger Grund, warum jemand sein Elternhaus verläßt (Markus 10:29, 30). Für viele Jugendliche ist das Ausziehen jedoch lediglich eine Möglichkeit, einer Situation zu entkommen, die sie als unerträglich empfinden. Ein Jugendlicher sagt: „Man möchte unabhängig sein. Man empfindet es als unbefriedigend, bei den Eltern zu wohnen. Man gerät immer wieder in Streit, und die Eltern haben kein Verständnis für deine Bedürfnisse. Außerdem fühlt man sich in seiner Freiheit sehr eingeschränkt, wenn man ihnen über jeden Schritt Rechenschaft ablegen muß.“

      Bereit für die Unabhängigkeit?

      Aber bedeutet dein Wunsch nach Unabhängigkeit, daß du auch reif genug bist, unabhängig zu sein? Allein zurechtzukommen ist wahrscheinlich gar nicht so einfach, wie du es dir vorstellst. Die Arbeitsstellen sind oft knapp. Die Mieten sind außerordentlich gestiegen. Und was werden Jugendliche, die in eine wirtschaftliche Zwangslage geraten, notgedrungen tun? Die Autoren des Buches Pulling Up Roots sagen: „Sie kehren nach Hause zurück und erwarten von ihren Eltern, daß sie wieder für ihren Unterhalt aufkommen.“

      Und wie steht es mit deiner verstandesmäßigen, emotionellen und geistigen Reife? Du hältst dich vielleicht für erwachsen, aber deine Eltern beobachten bei dir möglicherweise noch einige Merkmale „eines Unmündigen“ (1. Korinther 13:11). Und können deine Eltern nicht am besten beurteilen, mit wieviel Freiheit du umgehen kannst? Sich gegen ihr Urteil zu stellen und eigene Wege zu gehen kann Unglück heraufbeschwören (Sprüche 1:8).

      „Ich komme mit meinen Eltern nicht zurecht!“

      Trifft das auf dich zu? Wenn ja, dann ist das noch kein Grund für dich, deine Sachen zu packen. Als Jugendlicher brauchst du deine Eltern noch, und in den vor dir liegenden Jahren werden dir ihr Verständnis und ihre Weisheit von Nutzen sein (Sprüche 23:22). Solltest du sie jetzt aus deinem Leben streichen, nur weil du mit ihnen einige Schwierigkeiten hast?

      Karsten aus Deutschland verließ sein Elternhaus, um eine Laufbahn als Vollzeitdiener einzuschlagen. Er sagt: „Geh niemals von zu Hause weg, nur weil du mit deinen Eltern nicht auskommst. Wenn du dich nicht mit ihnen vertragen kannst, wie willst du je in der Lage sein, mit anderen in Frieden zu leben? Dadurch, daß du ausziehst, wird dein Problem nicht gelöst. Im Gegenteil, es beweist nur, daß du noch nicht reif bist, auf deinen eigenen Füßen zu stehen, und es wird zu einer größeren Entfremdung von deinen Eltern führen.“

      Moral und deine Beweggründe

      Jugendliche übersehen auch leicht die sittlichen Gefahren, die es mit sich bringt, das Elternhaus vorzeitig zu verlassen. In Lukas 15:11-32 berichtet Jesus von einem jungen Mann, der unabhängig sein wollte und seine Sachen packte. Da ihm der positive Einfluß seiner Eltern fehlte, begann er, „ein ausschweifendes Leben“ zu führen, und erlag der Versuchung zur Unsittlichkeit. Bald hatte er sein Geld verschwendet. Arbeit war so schwer zu finden, daß er sogar eine Beschäftigung annahm, die die Juden verabscheuten — das Hüten von Schweinen. Der verschwenderische „verlorene“ Sohn kam jedoch wieder zur Vernunft. Er erniedrigte sich, kehrte nach Hause zurück und bat seinen Vater um Vergebung.

      Obwohl dieses Gleichnis erzählt wurde, um Gottes Barmherzigkeit herauszustellen, enthält es doch eine praktische Lektion: Das Elternhaus aus einem unvernünftigen Grund zu verlassen kann zu moralischem und geistigem Schaden führen. Es ist traurig, daß einige christliche Jugendliche einen Weg der Unabhängigkeit gegangen sind und dabei geistig Schiffbruch erlitten haben. Da sie sich finanziell nicht über Wasser halten konnten, haben sie sich zur Verringerung ihrer Auslagen mit Jugendlichen zusammengetan, deren Lebensweise mit den Grundsätzen der Bibel nicht übereinstimmt (1. Korinther 15:33).

      Horst aus Deutschland erinnert sich an einen Jugendlichen in seinem Alter, der zu Hause auszog: „Er lebte mit seiner Freundin zusammen. Sie feierten Partys, bei denen Alkohol in Strömen floß, und am Ende war er oft betrunken. Wenn er noch zu Hause gewohnt hätte, hätten seine Eltern nichts dergleichen erlaubt.“ Horst zieht daraus den Schluß: „Natürlich hat man mehr Freiheiten, wenn man das Elternhaus verlassen hat. Werden sie aber nicht oft, um ganz ehrlich zu sein, als eine Gelegenheit gebraucht, Schlechtes zu tun?“

      Wenn du dich also nach mehr Freiheit sehnst, frage dich: Warum wünsche ich mir denn größere Freiheit? Möchte ich materielle Güter erwerben, oder verspüre ich einen Nachholbedarf an dem, was mir bisher verboten war? Erinnere dich an das, was die Bibel in Jeremia 17:9 sagt: „Das Herz ist verräterischer als sonst irgend etwas und ist heillos. Wer kann es kennen?“

      Wie kann ich erwachsen werden, wenn ich nicht ausziehe?

      In dem Buch Adolescence heißt es: „Einfach aus dem Elternhaus auszuziehen ist keine Garantie für einen erfolgreichen Übergang [zum Erwachsensein]. Und zu Hause zu bleiben muß nicht bedeuten, daß man nicht erwachsen wird.“ Erwachsen zu sein bedeutet mehr, als über das eigene Geld frei verfügen zu können sowie eine Arbeit und eine eigene Wohnung zu haben. Man kann das Leben meistern, indem man Problemen ins Auge sieht. Es nützt nichts, vor Situationen wegzulaufen, die einem nicht zusagen. „Gut ist es für einen kräftigen Mann, daß er das Joch in seiner Jugend trägt“, heißt es in Klagelieder 3:27.

      Nehmen wir zum Beispiel Eltern, mit denen man schlecht auskommt oder die sehr streng sind. Mac, heute 47 Jahre alt, hatte einen Vater, der ihn nach der Schule mit Arbeiten eindeckte. In den Sommerferien, wenn die anderen Kinder spielten, mußte Mac schuften. „Ich hielt ihn für den gemeinsten Menschen, den es gab, weil er uns vom Spielen abhielt und uns keine Freude gönnte“, sagt Mac. „Oft dachte ich: ‚Wenn ich nur hier wegkönnte und meine eigene Wohnung hätte!‘ “ Heute sieht Mac die Sache von einer anderen Warte aus: „Was mein Vater für mich getan hat, ist unbezahlbar. Er hat mich gelehrt, hart zu arbeiten und Härten durchzustehen. Seither habe ich vor weit ernsteren Problemen gestanden, aber ich habe gelernt, sie zuversichtlich anzupacken.“

      Schlaraffenland

      Nur zu Hause zu wohnen ist allerdings keine Garantie für das Erwachsenwerden. Ein Jugendlicher sagt: „Im Elternhaus lebt man wie im Schlaraffenland. Dort wird einem alles gemacht.“ Es gehört zum Erwachsenwerden, daß man lernt, wie man bestimmte Aufgaben selbst erledigen kann. Zugegeben, den Abfalleimer auszuleeren und Wäsche zu waschen macht nicht soviel Spaß, wie die Lieblingsplatte zu hören. Aber was kann dabei herauskommen, wenn du nie lernst, wie man Hausarbeiten verrichtet? Daß du zu einem hilflosen Erwachsenen wirst, der ganz und gar auf seine Eltern oder andere angewiesen ist.

      Bereitest du dich als junger Mann oder als junges Mädchen auf eine eventuelle Unabhängigkeit vor, indem du lernst zu kochen, zu putzen, zu bügeln oder im Haus oder am Auto anfallende Reparaturen zu erledigen?

      Wirtschaftliche Unabhängigkeit

      Jugendliche in wohlhabenden Ländern betrachten Geld häufig als leicht zu erhalten, aber noch leichter auszugeben. Wenn sie selbst Geld verdienen, neigen sie oft dazu, es für Stereoanlagen und Designer-Kleidung auszugeben. Welch ein unsanftes Erwachen gibt es für einige, die sich auf eigene Füße stellen! Horst, der schon zuvor erwähnt wurde, erinnert sich: „Am Monatsende wurde es immer knapp, dann war der Vorratsschrank leer.“

      Lerne daher, mit Geld umzugehen, während du zu Hause wohnst. Deine Eltern haben langjährige Erfahrung im Umgang mit Geld und können dich so manches Mal davor bewahren, in eine Falle zu geraten. In dem Buch Pulling Up Roots wird vorgeschlagen, ihnen folgende Fragen zu stellen: „Wie hoch sind die monatlichen Kosten für Strom, Heizung, Wasser und Telefon? Welche Steuern zahlen wir? Wieviel bezahlen wir für die Miete?“ Du wirst überrascht sein, zu erfahren, daß berufstätige Jugendliche oft mehr Taschengeld zur Verfügung haben als ihre Eltern. Mache daher, falls du berufstätig bist, das Angebot, einen vernünftigen Beitrag zum Unterhalt zu leisten.

      Lerne, bevor du weggehst

      Nein, du mußt nicht zu Hause ausziehen, um erwachsen zu werden. Doch du mußt dich, solange du dort wohnst, anstrengen, um Urteilsvermögen und Vernünftigkeit zu erlangen. Lerne, mit anderen gut auszukommen. Beweise, daß du Kritik, Fehlschläge und Enttäuschungen hinnehmen kannst. Entwickle ‘Freundlichkeit, Güte, Milde und Selbstbeherrschung’ (Galater 5:22, 23). Diese Charakterzüge sind die wahren Merkmale eines erwachsenen Christen.

      Umstände, wie zum Beispiel die Heirat, werden dich früher oder später vermutlich bewegen, das elterliche „Nest“ zu verlassen. Warum solltest du es aber mit dem Wegziehen so eilig haben, bevor es soweit ist? Sprich mit deinen Eltern darüber. Sie werden sich freuen, wenn du bei ihnen bleibst, besonders wenn du einen echten Beitrag zum Wohl der Familie leistest. Mit ihrer Hilfe kannst du zu Hause erwachsen werden und an Erfahrung und Reife zunehmen.

      Fragen zur Besprechung

      ◻ Warum haben es viele Jugendliche eilig, zu Hause auszuziehen?

      ◻ Warum sind die meisten Jugendlichen für einen solchen Umzug noch zu unreif?

      ◻ Welche Gefahren bringt es mit sich, das Elternhaus vorzeitig zu verlassen?

      ◻ Mit welchen Problemen werden Ausreißer konfrontiert?

      ◻ Wie kannst du reif werden, während du noch zu Hause wohnst?

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