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Deine GefühlsweltFragen junger Leute — Praktische Antworten
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Teil 4
Deine Gefühlswelt
Einsam, deprimiert, schlecht gelaunt, entmutigt — fühlst du dich die meiste Zeit so? Sicher nicht. Wie die meisten Jugendlichen fühlst du dich wahrscheinlich einigermaßen wohl in deiner Haut. Doch hin und wieder hat jeder von uns negative Gefühle. Auf den nächsten Seiten erfährst du, wie du deine Gefühle besser verstehen und einordnen kannst.
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Warum kann ich mich selbst nicht ausstehen?Fragen junger Leute — Praktische Antworten
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Kapitel 12
Warum kann ich mich selbst nicht ausstehen?
„ICH fühle mich in meiner Haut einfach nicht wohl“, klagte Louise. Kommt es auch bei dir gelegentlich vor, daß du dich selbst nicht ausstehen kannst?
Jeder braucht eine gewisse Selbstachtung. Sie „verleiht“, wie einmal gesagt wurde, „der menschlichen Existenz ihre Würde“. Außerdem heißt es in der Bibel: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Matthäus 19:19). Wenn du von dir selbst keine gute Meinung hast, denkst du wahrscheinlich auch über andere nicht sehr gut.
„Ich mache alles falsch!“
Woher könntest du diese negative Einstellung über dich selbst haben? Zum einen magst du wegen der Grenzen, die dir gesetzt sind, frustriert sein. Du wächst heran, und häufig gibt es eine Periode der Unbeholfenheit, in der man täglich peinliche Erfahrungen macht, weil man Gegenstände fallen läßt oder umstößt. Auch hast du einfach noch nicht so viel Erfahrung wie ein Erwachsener, um Enttäuschungen verkraften zu können. Da dein „Wahrnehmungsvermögen“ noch nicht genügend „durch Gebrauch geübt“ ist, triffst du womöglich nicht immer die weisesten Entscheidungen (Hebräer 5:14). Zeitweise magst du das Empfinden haben, du könntest gar nichts richtig machen.
Eine weitere Ursache für mangelnde Selbstachtung könnte sein, daß du den Erwartungen deiner Eltern nicht gerecht wirst. „Wenn ich in der Schule ein ,fast sehr gut‘ bekommen habe“, sagt ein Jugendlicher, „werde ich zu Hause gefragt, warum es kein ,sehr gut‘ geworden ist, und ich werde als Versager hingestellt.“ Eltern haben es nun einmal so an sich, ihre Kinder anzuspornen, ihr Bestes zu geben. Wenn du vernünftige Erwartungen nicht erfüllst, kannst du sicher sein, daß deine Eltern es dich spüren lassen. Die Bibel rät: „Höre, mein Sohn [oder meine Tochter], auf die Zucht deines Vaters, und verlaß nicht das Gesetz deiner Mutter“ (Sprüche 1:8, 9). Fasse Kritik positiv auf, und lerne daraus, statt dich entmutigt zu fühlen.
Was aber, wenn deine Eltern unfaire Vergleiche anstellen? („Wieso kannst du nicht wie dein älterer Bruder Andreas sein? Er war immer ein sehr guter Schüler.“) Solche Vergleiche — wie verletzend sie im Moment auch erscheinen mögen — weisen oft auf einen wichtigen Punkt hin. Deine Eltern möchten lediglich dein Bestes. Falls du meinst, daß sie zu streng sind, sprich doch einfach in Ruhe mit ihnen darüber.
Selbstachtung fördern
Wie kannst du fehlende Selbstachtung ausgleichen? Als erstes betrachte ehrlich deine Plus- und Minuspunkte. Du wirst feststellen, daß viele deiner „Minuspunkte“ nicht sehr bedeutsam sind. Wie steht es mit schwerwiegenden Schwächen wie Jähzorn oder Selbstsucht? Bekämpfe solche Schwächen ganz bewußt! Das wird deine Selbstachtung fördern.
Verschließe außerdem die Augen nicht vor der Tatsache, daß du auch Pluspunkte hast. Vielleicht denkst du, kochen zu können oder zu wissen, wie man einen Reifen wechselt, sei nichts. Doch jemand, der hungrig ist oder eine Reifenpanne hat, wird dich wegen solcher Fähigkeiten sehr schätzen. Denke auch an deine guten Seiten. Bist du lernbegierig, geduldig, mitfühlend, freigebig oder gütig? Solche Eigenschaften wiegen kleinere Schwächen bei weitem auf.
Es mag hilfreich sein, folgende Anregungen zu beachten:
Setze dir realistische Ziele: Wenn du immer nach den Sternen greifst, kannst du bittere Enttäuschungen erleben. Setze dir erreichbare Ziele. Wie wäre es, wenn du gewisse Fähigkeiten wie z. B. Maschineschreiben erlernen würdest? Erlerne ein Instrument oder eine Fremdsprache. Lies mehr, und verbessere dein Lesen. Selbstachtung ist ein nützliches Nebenerzeugnis des Erreichten.
Leiste gute Arbeit: Verrichtest du deine Arbeiten liederlich, wirst du mit dir selbst unzufrieden sein. Gott hatte Freude an seiner schöpferischen Tätigkeit und bezeichnete das, was er in den Schöpfungsperioden gemacht hatte, als „gut“ (1. Mose 1:3-31). Auch du kannst an jeder Arbeit — ob zu Hause oder in der Schule — Freude finden, wenn du sie gut und gewissenhaft erledigst. (Siehe Sprüche 22:29.)
Tue etwas für andere: Man erwirbt keine Selbstachtung, wenn man sich hinten und vorn bedienen läßt. Jesus riet: „Wer immer unter euch groß werden will, soll . . . [für andere ein] Diener“ oder „Sklave“ sein (Markus 10:43-45).
Die 17jährige Kim verbrachte beispielsweise in ihren Sommerferien monatlich 60 Stunden damit, anderen zu helfen, die biblischen Wahrheiten kennenzulernen. Sie sagt: „Ich bin Jehova in dieser Zeit nähergekommen. Auch habe ich durch diese Tätigkeit gelernt, die Menschen wirklich zu lieben.“ Es ist sehr unwahrscheinlich, daß es dieser glücklichen Jugendlichen an Selbstachtung fehlt.
Wähle deine Freunde sorgfältig aus: „Ich habe wenig Selbstvertrauen“, sagt die 17jährige Barbara. „Wenn ich mit Leuten zusammen bin, die mir etwas zutrauen, sind meine Leistungen gut. Bin ich aber mit Personen zusammen, die mich nur als fünftes Rad am Wagen behandeln, versage ich.“
Hochmütige oder beleidigende Menschen können in einem wirklich Minderwertigkeitskomplexe hervorrufen. Wähle dir daher Personen zu Freunden aus, die wirklich an deinem Wohl interessiert sind und die dich stärken (Sprüche 13:20).
Mache Gott zu deinem vertrautesten Freund: „Jehova ist meine Felsenkluft und meine Feste“, erklärte der Psalmist David (Psalm 18:2). Er vertraute nicht auf seine eigenen Fähigkeiten, sondern auf seine enge Freundschaft mit Jehova. Als ihn später ein Unglück traf, verlor er daher nicht seine Fassung, obwohl er hart kritisiert wurde (2. Samuel 16:7, 10). Auch du kannst dich ‘Gott nahen’ und dich dann ‘rühmen’ — nicht wegen deiner eigenen Verdienste, sondern „in Jehova“ (Jakobus 2:21-23; 4:8; 1. Korinther 1:31).
Sackgassen
Ein Autor schrieb: „Manchmal versucht ein Jugendlicher, der eine schwache Persönlichkeit und eine geringe Selbstachtung hat, eine Fassade aufzubauen, mit der er der Welt begegnen kann.“ Die verschiedenen Rollen sind uns zumeist gut bekannt: der „harte Typ“, der Playboy und der abstoßend gekleidete Punker. Doch hinter der Fassade haben diese Jugendlichen immer noch mit ihren Minderwertigkeitsgefühlen zu kämpfen (Sprüche 14:13).
Betrachte solche, die sich sexuell betätigen, um die „Gefühle der Depression zu vertreiben, die Selbstachtung zu erhöhen (durch das Gefühl, erwünscht zu sein), eine enge Beziehung aufzubauen und — im Falle einer Schwangerschaft — die Liebe und bedingungslose Anerkennung eines anderen Menschen, des Kindes, zu bekommen“ (Coping With Teenage Depression). Eine ernüchterte Jugendliche schrieb: „Ich suchte Trost in intimen Beziehungen, statt zu versuchen, ein enges Verhältnis zu meinem Schöpfer zu entwickeln. Ich erreichte nichts weiter als Einsamkeit, Leere und noch mehr Depressionen.“ Hüte dich daher vor solchen Sackgassen.
Ein Wort zur Vorsicht
Interessanterweise warnt uns die Bibel häufig davor, zu hoch von uns zu denken. Warum? Weil wir in dem Bemühen, Selbstvertrauen zu gewinnen, oft über das Ziel hinausschießen. Viele werden egoistisch und prahlen mit ihren Fähigkeiten. Einige erhöhen sich selbst, indem sie andere herabsetzen.
Im ersten Jahrhundert konkurrierten in einer Christenversammlung in Rom die Juden mit den Heiden (Nichtjuden). Daher erinnerte Paulus die Heiden daran, daß sie nur durch Gottes „Güte“ in eine Stellung göttlicher Gunst „eingepfropft“ worden waren (Römer 11:17-36). Auch die selbstgerechten Juden mußten zugeben, daß sie unvollkommen waren. „Denn“, sagte Paulus, „alle haben gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes“ (Römer 3:23).
Paulus beraubte sie jedoch nicht der Selbstachtung, sondern er schrieb: „Denn durch die unverdiente Güte, die mir verliehen worden ist, sage ich jedem, . . . nicht höher von sich zu denken, als zu denken nötig ist“ (Römer 12:3). Ein gewisses Maß an Selbstachtung ist also „nötig“, aber man sollte nicht in Extreme verfallen.
Es ist so, wie Dr. Allan Fromme schreibt: „Wer ein angemessenes Selbstwertgefühl hat, ist nicht schwermütig, muß aber auch nicht ,unsagbar‘ glücklich sein. . . . Er ist nicht pessimistisch, aber auch nicht grenzenlos optimistisch. Er ist weder tollkühn noch frei von bestimmten Befürchtungen. . . . Er ist sich darüber im klaren, daß er weder der erfolgreichste Mensch aller Zeiten noch ein ständiger Versager ist.“
Sei daher bescheiden. „Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber erweist er unverdiente Güte“ (Jakobus 4:6). Sei dir deiner Werte bewußt, aber ignoriere auch nicht deine Fehler. Arbeite vielmehr an ihnen. Dennoch wirst du von Zeit zu Zeit an dir zweifeln. Du hast jedoch keinen Grund, an deinem eigenen Wert zu zweifeln oder daran, daß Gott sich um dich kümmert. Denn „wenn . . . jemand Gott liebt, so ist dieser von ihm erkannt“ (1. Korinther 8:3).
Fragen zur Besprechung
◻ Warum haben einige Jugendliche eine negative Einstellung zu sich selbst? Kannst du dies nachempfinden?
◻ Wie könntest du mit den Anforderungen, die deine Eltern an dich stellen, fertig werden?
◻ Welche Möglichkeiten gibt es, seine Selbstachtung
zu stärken?
◻ Was sind einige der Sackgassen auf dem Weg zur Selbstachtung?
◻ Warum mußt du aufpassen, nicht zu hoch von dir zu denken?
[Herausgestellter Text auf Seite 98]
Die Selbstachtung „verleiht“, wie gesagt wurde, „der menschlichen Existenz ihre Würde“
[Bild auf Seite 99]
Fühlst du dich mutlos und minderwertig? Es gibt einen Ausweg.
[Bild auf Seite 101]
Angebereien oder Prahlereien sind keine Mittel gegen mangelnde Selbstachtung
[Bild auf Seite 102]
Hast du manchmal das Empfinden, du könntest gar nichts richtig machen?
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Warum bin ich so deprimiert?Fragen junger Leute — Praktische Antworten
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Kapitel 13
Warum bin ich so deprimiert?
Melanie hatte immer der Idealvorstellung ihrer Mutter entsprochen — bis sie siebzehn wurde. Dann blieb sie Schulveranstaltungen fern, nahm keine Einladungen mehr an und schien sich nicht einmal etwas daraus zu machen, daß sie in der Schule um mehrere Noten absackte. Als ihre Eltern sich vorsichtig erkundigten, was denn nicht in Ordnung sei, stürmte sie mit den Worten „Laßt mich in Ruhe! Es ist alles in Ordnung“ aus dem Raum.
Der 14jährige Markus war impulsiv, feindselig und aufbrausend. In der Schule war er unruhig und destruktiv. Wenn er frustriert oder wütend war, jagte er mit seiner Maschine durch das Gelände oder raste mit seinem Skateboard steile Hänge hinunter.
MELANIE und Markus litten an der gleichen Krankheit: der Depression. Dr. Donald McKnew vom amerikanischen Institut für psychische Gesundheit erklärte, daß vielleicht 10 bis 15 Prozent aller Schulkinder Stimmungsschwankungen unterworfen seien und daß ein geringer Prozentsatz unter schweren Depressionen leide.
Manchmal ist das Problem physischer Natur. Zu den Auslösern von Depressionen gehören verschiedene infektiöse und endokrine Erkrankungen, hormonelle Veränderungen in Verbindung mit der monatlichen Regel, Hypoglykämie, bestimmte Medikamente, giftige Metalle und Chemikalien, Allergien, unausgeglichene Ernährung und Anämien.
Zwänge als Ursache von Depressionen
Emotioneller Streß liegt jedoch oft in der Jugend an sich begründet. Wegen seiner Unerfahrenheit im Umgang mit den Hochs und Tiefs des Lebens könnte ein Jugendlicher den Eindruck haben, es kümmere sich niemand um ihn, und so wegen relativ unbedeutender Dinge sehr deprimiert sein.
Es könnte auch sein, daß man niedergeschlagen ist, weil man nicht den Erwartungen der Eltern, Lehrer oder Freunde gerecht wird. Donald meinte, er müsse in der Schule herausragende Leistungen bringen, um seinen sehr gebildeten Eltern zu gefallen. Da er das nicht schaffte, war er deprimiert und dachte an Selbstmord. „Ich mache alles falsch. Ich habe immer alle enttäuscht“, klagte er.
Daß dieses Gefühl des Versagens Depressionen verursachen kann, geht aus dem Fall des Epaphroditus hervor. Dieser treue Christ des ersten Jahrhunderts wurde mit der besonderen Mission betraut, dem inhaftierten Apostel Paulus beizustehen. Aber als er bei ihm ankam, wurde er krank — Paulus mußte sich um ihn kümmern, statt umgekehrt! Du kannst dir vorstellen, warum sich Epaphroditus als Versager gefühlt haben mag und „niedergeschlagen“ war. Offensichtlich hatte er all das Gute übersehen, was er vor seiner Krankheit geleistet hatte (Philipper 2:25-30).
Verluste
Francine Klagsbrun schrieb in ihrem Buch Too Young to Die—Youth and Suicide: „Die Ursache vieler seelisch bedingter Depressionen ist der Verlust liebgewonnener Objekte.“ Die Wurzel einer Depression kann also der Verlust von Vater oder Mutter (durch Tod oder Scheidung) sein, der Verlust einer Stellung oder Arbeit oder auch der körperlichen Gesundheit.
Das schlimmste für einen jungen Menschen ist allerdings der Verlust an Zuneigung, das Gefühl, unerwünscht zu sein und vernachlässigt zu werden. „Als meine Mutter uns verließ, fühlte ich mich verraten und allein gelassen“, bekannte Marie. „Meine Welt erschien mir plötzlich wie ein großes Durcheinander.“
Stell dir vor, wie die Gefühle junger Menschen durcheinandergeraten und wie schmerzlich es für sie ist, wenn sie mit Familienproblemen konfrontiert werden wie Scheidung, Alkoholismus, Blutschande, Mißhandlung der Mutter, Kindesmißbrauch oder einfach Gleichgültigkeit eines Elternteils, der nur mit seinen eigenen Problemen beschäftigt ist. Wie recht doch die Bibel hat, wenn sie sagt: „Hast du dich entmutigt gezeigt am Tag der Bedrängnis? Deine Kraft [einschließlich der Fähigkeit, gegen Depressionen anzukämpfen] wird karg sein.“ (Sprüche 24:10)! Der Jugendliche könnte sich sogar fälschlicherweise selbst die Schuld für die Familienprobleme geben.
Die Symptome erkennen
Es gibt verschiedene Grade der Depression. Ein junger Mensch könnte wegen einiger bedrückender Ereignisse vorübergehend entmutigt sein. Doch diese Tiefs verschwinden gewöhnlich nach verhältnismäßig kurzer Zeit.
Aber wenn die depressive Stimmung anhält und der Betreffende eine allgemeine negative Stimmung mit einem Gefühl der Wertlosigkeit, der Furcht und des Zorns hat, dann kann sich daraus eine, wie die Ärzte es nennen, leichte chronische Depression entwickeln. Wie die vorhin erwähnten Berichte über Markus und Melanie zeigen, können die Symptome äußerst unterschiedlich sein. Der eine leidet unter Ängsten, der andere ist vielleicht dauernd müde, hat keinen Appetit, leidet unter Schlafstörungen, nimmt ab oder hat mehrere Unfälle hintereinander.
Einige Jugendliche versuchen, ihre Depression zu überspielen, indem sie sich in Vergnügungen stürzen: eine Feier nach der anderen, ungebundener Geschlechtsverkehr, Vandalismus, der Griff zur Flasche usw. „Ich weiß eigentlich nicht, warum ich immer weggehen muß“, bekannte ein 14jähriger. „Ich weiß nur, daß ich, wenn ich allein bin, merke, wie unwohl ich mich fühle.“ Es ist genauso, wie es die Bibel beschreibt: „Auch beim Lachen kann das Herz Schmerz empfinden“ (Sprüche 14:13).
Wenn es mehr als nur ein seelisches Tief ist
Wenn gegen eine leichte chronische Depression nichts unternommen wird, kann daraus eine ernsthaftere Störung werden: eine schwere Depression. (Siehe Seite 107.) „Ich hatte immer das Gefühl, innerlich ,tot‘ zu sein“, erklärte Marie, die unter schweren Depressionen litt. „Ich hatte einfach keine Empfindungen mehr und lebte ständig in Furcht.“ Bei schweren Depressionen hält die gedrückte Stimmung unvermindert und möglicherweise monatelang an. Infolgedessen spielt diese Form der Depression die wichtigste Rolle bei Selbstmorden von Jugendlichen — in vielen Ländern heutzutage als „heimliche Seuche“ bezeichnet.
Das anhaltendste mit schweren Depressionen verbundene — und am häufigsten zum Tod führende — Gefühl ist die tiefe Hoffnungslosigkeit. Professor John E. Mack schrieb einen Bericht über die 14jährige Vivienne, die an schweren Depressionen litt. Äußerlich war sie eine vollendete junge Dame mit fürsorglichen Eltern. Doch in ihrer völligen Verzweiflung erhängte sie sich! Professor Mack schreibt: „Viviennes Unfähigkeit, vorauszusehen, daß sie wieder aus ihrer Depression herauskommen würde, daß die Hoffnung bestand, von ihrem Schmerz schließlich erlöst zu werden, spielte bei ihrer Entscheidung, Hand an sich zu legen, eine wichtige Rolle.“
Personen, die an schweren Depressionen leiden, glauben, es werde nie mehr besser, es gebe kein Morgen. Diese Hoffnungslosigkeit treibt, gemäß Fachleuten, viele zum Selbstmord.
Selbstmord ist jedoch sicherlich nicht die richtige Lösung. Marie, deren Leben der reinste Alptraum geworden war, gestand: „Ich dachte auch an Selbstmord. Aber ich sagte mir, solange ich mich nicht umbringe, ist noch Hoffnung.“ Man löst bestimmt keine Probleme, indem man allem ein Ende setzt. Unglücklicherweise können viele junge Leute in ihrer Verzweiflung keine Alternative oder Möglichkeit eines guten Ausgangs sehen. Marie versuchte, vor ihren Problemen zu fliehen, indem sie sich Heroin spritzte. Sie sagte: „Ich war voller Selbstvertrauen — bis die Wirkung nachließ.“
Mit leichteren Depressionen fertig werden
Man kann vernünftige Schritte gegen Depressionen unternehmen. „Manche Leute werden depressiv, weil sie hungrig sind“, schrieb Dr. Nathan S. Kline, ein New Yorker Spezialist auf dem Gebiet der Depressionen. „Jemand, der nicht gefrühstückt und aus irgendeinem Grund das Mittagessen ausgelassen hat, mag sich dann im Laufe des Nachmittags wundern, warum er sich nicht wohl fühlt.“
Entscheidend ist auch, was man ißt. Debbie, eine junge Frau, die oft in gedrückter Stimmung war, gestand: „Mir war nicht bewußt, daß sich minderwertige Nahrung so verheerend auf meine Stimmung auswirkte. Ich aß eine Menge solcher Sachen. Jetzt habe ich festgestellt, daß es mir bessergeht, wenn ich weniger Süßes esse.“ Gewisse sportliche Übungen heben möglicherweise die Stimmung und sind so eine Hilfe. In einigen Fällen wäre es gut, sich gründlich untersuchen zu lassen, da Depressionen das Symptom einer körperlichen Krankheit sein können.
Den Kampf gegen falsches Denken gewinnen
Häufig werden Depressionen durch negative Gedanken über sich selbst hervorgerufen oder verschlimmert. „Wenn man von allen Seiten kritisiert wird“, klagte die 18jährige Evelyn, „denkt man schließlich, man sei nichts wert.“
Beachte jedoch: Steht es wirklich anderen zu, deinen Wert als Mensch zu beurteilen? Der christliche Apostel Paulus wurde ebenfalls kritisiert. Einige sagten, er sei ein Schwächling und ein schlechter Redner. Hatte Paulus deshalb das Gefühl, nichts wert zu sein? Ganz und gar nicht! Er wußte, daß es wichtig war, Gottes Normen zu entsprechen. Er konnte sich dessen rühmen, was er mit Gottes Hilfe erreicht hatte — ganz gleich, was andere sagten. Wenn du ebenso im Sinn behältst, daß du ein gutes Verhältnis zu Gott hast, wird deine gedrückte Stimmung meistens verschwinden (2. Korinther 10:7, 10, 17, 18).
Was ist, wenn du wegen einer Schwäche oder wegen einer Sünde, die du begangen hast, deprimiert bist? Gott versicherte den Israeliten: „Wenn sich eure Sünden auch wie Scharlach erweisen sollten, werden sie so weiß werden wie Schnee“ (Jesaja 1:18). Ignoriere nie das Mitgefühl und die Geduld unseres himmlischen Vaters (Psalm 103:8-14). Doch kämpfst du auch angestrengt gegen dein Problem? Du mußt deinen Teil dazu beitragen, wenn du deine Schuldgefühle mindern möchtest. In den Sprüchen heißt es: „Dem, der sie [seine Übertretungen] bekennt und läßt, wird Barmherzigkeit erwiesen werden“ (Sprüche 28:13).
Eine andere Möglichkeit, gegen Depressionen zu kämpfen, besteht darin, sich realistische Ziele zu setzen. Du mußt nicht Klassenbester sein, um ein erfolgreiches Leben zu führen (Prediger 7:16-18). Finde dich mit Enttäuschungen als Bestandteil des Lebens ab. Statt in solchen Situationen zu denken: „Es ist doch allen egal, wie es mir geht, niemand wird sich je dafür interessieren“, sage dir lieber: „Ich werde schon darüber hinwegkommen.“ Und es ist nichts Verkehrtes dabei, sich einmal richtig auszuweinen.
Unternehmungsgeist
„Verzweiflung verschwindet nicht von alleine“, erklärt Daphne, die schon so manche Entmutigung überwunden hat. „Man muß eine andere Denkrichtung einschlagen oder etwas unternehmen. Man muß etwas tun.“ Betrachte Linda, die sich tapfer bemühte, ihre düstere Stimmung zu verscheuchen, und die sagte: „Ich habe gerade einen Nähfimmel. So kann ich meine Garderobe aufbessern, und allmählich vergesse ich, was mich bedrückt. Es hilft wirklich.“ Wenn du etwas tust, was du gut beherrschst, förderst du deine Selbstachtung — etwas, wovon in einer depressiven Phase gewöhnlich nicht viel übrig ist.
Es ist auch nützlich, sich mit etwas zu beschäftigen, was einem Spaß macht. Versuche es mit einem Einkaufsbummel, betätige dich sportlich, koche dein Lieblingsgericht, stöbere in einem Buchladen, gehe essen, lies etwas oder löse Rätsel, wie sie beispielsweise in Erwachet! erscheinen.
Debbie wurde mit ihrer depressiven Stimmung fertig, indem sie Ausflüge plante oder sich etwas vornahm. Die beste Medizin für sie war jedoch, jemand anders zu helfen. „Ich traf eine junge Frau, die sehr unter Depressionen litt, und fing an, mit ihr die Bibel zu studieren“, erzählte sie. „Bei unseren wöchentlichen Gesprächen hatte ich Gelegenheit, ihr zu sagen, wie sie ihre Depressionen überwinden konnte. Aus der Bibel schöpfte sie neuen Mut. Das half auch mir.“ Es war so, wie Jesus sagte: „Beglückender ist Geben als Empfangen“ (Apostelgeschichte 20:35).
Sprich dich aus
„Angstvolle Besorgtheit im Herzen eines Mannes wird es niederbeugen, aber das gute Wort erfreut es“ (Sprüche 12:25). Wenn ein verständnisvoller Mensch ein ‘gutes Wort’ für dich hat, sieht alles vielleicht schon ganz anders aus. Niemand kann lesen, was in deinem Herzen ist. Schütte es deshalb jemandem aus, dem du vertraust und der dir helfen kann. „Der Freund erweist zu jeder Zeit Liebe, als Bruder für die Not ist er geboren“, heißt es in Sprüche 17:17 (Einheitsübersetzung). „Spricht man sich nicht aus, so ist es, als trüge man eine schwere Last ganz allein“, sagte der 22jährige Evan. „Aber alles wird leichter, sobald man sich jemandem anvertraut, der in der Lage ist, einem zu helfen.“
„Das habe ich bereits versucht“, magst du sagen, „doch ich bekam nur zu hören, daß ich positiver denken soll.“ Wo kann man denn jemanden finden, der nicht nur ein verständnisvoller Zuhörer, sondern auch ein sachlicher Ratgeber ist? (Sprüche 27:5, 6).
Hilfe finden
Zuerst einmal ‘gib’ deinen Eltern ‘dein Herz’ (Sprüche 23:26). Kein Mensch kennt dich besser, und oft können sie dir helfen, wenn du sie läßt. Wenn sie zu dem Schluß kommen, daß es ein ernsteres Problem ist, mögen sie sogar für ärztliche Hilfe sorgen.a
Glieder der Christenversammlung können ebenfalls Hilfe bieten. „Jahrelang hatte ich mich so gegeben, daß niemand ahnte, wie deprimiert ich war“, verriet Marie. „Doch dann vertraute ich mich einer der älteren Frauen in der Versammlung an. Sie verstand mich, denn sie hatte ebenfalls solche Erfahrungen hinter sich. Mir wurde klar, daß andere Leute ähnliche Phasen durchlebt und gut überstanden haben.“
Marie ging es nicht mit einem Mal besser. Doch sie vertiefte ihr Verhältnis zu Jehova, und allmählich gelang es ihr, ihre Emotionen zu bewältigen. Auch du kannst unter den wahren Anbetern Jehovas Freunde und „Familienangehörige“ finden, die aufrichtig an deinem Wohl interessiert sind (Markus 10:29, 30; Johannes 13:34, 35).
Kraft, die über das Normale hinausgeht
Die stärkste Hilfe im Kampf gegen eine depressive Stimmung ist jedoch das, was Paulus als die „Kraft, die über das Normale hinausgeht“ und von Gott kommt, bezeichnet (2. Korinther 4:7). Wenn du dich auf Gott verläßt, kann er dir helfen, die Depressionen zu bekämpfen (Psalm 55:22). Durch seinen heiligen Geist gibt er uns Kraft, die über das Normale hinausgeht.
Die Freundschaft mit Gott beruhigt. „Wenn ich niedergeschlagen bin“, sagte Georgia, „bete ich viel. Ich weiß, daß Jehova einen Ausweg schafft, ganz gleich, wie groß mein Problem ist.“ Daphne teilte ihre Meinung und fügte hinzu: „Man kann Jehova alles sagen. Man schüttet ihm einfach das Herz aus, weil man weiß, daß er, selbst wenn es keinem Menschen möglich ist, einen versteht und an einem interessiert ist.“
Bete daher zu Gott, wenn du deprimiert bist, und wende dich an jemanden, der erfahren und verständnisvoll ist, jemand, dem du deine Gefühle offenbaren kannst. In der Christenversammlung wirst du ‘ältere Männer’ finden, die gute Ratgeber sind (Jakobus 5:14, 15). Sie sind bereit, dir zu helfen, deine Freundschaft mit Gott zu bewahren; denn Gott versteht uns wirklich und lädt uns ein, alle unsere Sorgen auf ihn zu werfen, ‘denn er sorgt für uns’ (1. Petrus 5:6, 7). Ja, die Bibel verheißt: „Der Frieden Gottes, der alles Denken übertrifft, wird euer Herz und eure Denkkraft durch Christus Jesus behüten“ (Philipper 4:7).
[Fußnote]
a Die meisten Fachleute raten dazu, sich bei schweren Depressionen in ärztliche Behandlung zu begeben, da die Gefahr des Selbstmordes besteht. Es mögen auch Medikamente notwendig sein, die nur von Ärzten verschrieben werden können.
Fragen zur Besprechung
◻ Was sind einige Ursachen für Depressionen? Hast du so etwas schon erlebt?
◻ Kannst du die Symptome einer leichten chronischen Depression nennen?
◻ Weißt du, woran eine schwere Depression zu erkennen ist? Wieso ist diese Krankheit so schwerwiegend?
◻ Nenne einige Möglichkeiten, Depressionen zu bekämpfen. Haben dir irgendwelche dieser Empfehlungen schon geholfen?
◻ Warum ist es so wichtig, dich bei jemandem auszusprechen, wenn du schwere Depressionen hast?
[Herausgestellter Text auf Seite 106]
Schwere Depressionen spielen die wichtigste Rolle bei Selbstmorden von Jugendlichen
[Herausgestellter Text auf Seite 112]
Eine persönliche Freundschaft mit Gott kann dir helfen, mit schweren Depressionen fertig zu werden
[Kasten auf Seite 107]
Ist es eine schwere Depression?
Bei jedem mag ab und zu eines oder mehrere der folgenden Symptome auftreten, ohne daß es zu einem ernsten Problem kommt. Wenn aber mehrere Symptome anhaltend vorhanden sind oder wenn ein Symptom so schwerwiegend ist, daß es deine normalen Tätigkeiten behindert, dann könntest du (1.) körperlich krank sein und solltest dich gründlich untersuchen lassen, oder du könntest (2.) an einer ernsten seelischen Störung — an einer schweren Depression — leiden.
Nichts macht dir Freude. Tätigkeiten, die dir früher Freude gemacht haben, sagen dir nichts mehr. Du hast das Gefühl, von der Wirklichkeit losgelöst zu sein, als würdest du dich in einem Nebel befinden und alles nur noch mechanisch tun.
Gefühl der völligen Wertlosigkeit. Du meinst, durch dein Leben nichts Wertvolles leisten zu können und es sei völlig unnütz. Du magst voller Schuldgefühle sein.
Drastische Gemütsänderung. Bist du früher aus dir herausgegangen, so bist du jetzt vielleicht verschlossen, oder umgekehrt. Du magst häufig weinen.
Völlige Hoffnungslosigkeit. Du glaubst, alles sei schlecht, du könntest nichts ändern und es würde sich nie bessern.
Der Wunsch zu sterben. Die Qual ist so groß, daß du häufig denkst, es wäre besser, tot zu sein.
Konzentrationsunfähigkeit. Du gehst etwas immer und immer wieder durch oder liest etwas immer und immer wieder, ohne es zu begreifen.
Veränderte Eßgewohnheiten und Verdauungsstörungen. Appetitlosigkeit oder Heißhunger; periodische Verstopfung oder Durchfall.
Veränderte Schlafgewohnheiten. Du schläfst schlecht oder zuviel. Du hast vielleicht häufig Alpträume.
Körperliche Beschwerden. Kopfschmerzen, Krämpfe und Schmerzen im Unterleib oder in der Brust. Du magst ohne erkennbare Ursache dauernd müde sein.
[Bild auf Seite 108]
Wenn ein Jugendlicher den Erwartungen der Eltern nicht gerecht wird, kann das bei ihm zu Depressionen führen
[Bild auf Seite 109]
Mit anderen zu reden und ihnen sein Herz auszuschütten ist eines der besten Mittel, mit dem Problem fertig zu werden
[Bild auf Seite 110]
Etwas für andere zu tun ist ebenfalls eine Möglichkeit, gegen Niedergeschlagenheit anzukämpfen
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Wie kann ich meine Einsamkeit überwinden?Fragen junger Leute — Praktische Antworten
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Kapitel 14
Wie kann ich meine Einsamkeit überwinden?
Es ist Samstagabend. Der Junge sitzt allein in seinem Zimmer.
„Ich hasse das Wochenende!“ schreit er. Doch in seinem Zimmer ist niemand, der ihn hört. Er blättert in einer Zeitschrift und sieht ein Bild mit einer Gruppe junger Leute, die sich am Strand amüsieren. Er schleudert das Heft gegen die Wand. Tränen treten ihm in die Augen. Er beißt sich auf die Lippen, aber die Tränen rollen ihm unaufhörlich über die Wangen. Da er nicht dagegen ankämpfen kann, läßt er sich aufs Bett fallen und schluchzt: „Warum werde ich immer übergangen?“
KOMMST du dir auch manchmal so vor — von der Welt abgeschnitten, einsam, zu nichts nütze und leer? Wenn ja, dann verzweifle nicht. Einsamkeit ist zwar nicht schön, doch man stirbt auch nicht daran. Einfach ausgedrückt, ist Einsamkeit ein Warnsignal. Der Hunger mahnt dich zum Essen. Die Einsamkeit mahnt dich zu Gemeinschaft, menschlicher Nähe und Vertrautheit. Wir brauchen Nahrung, damit unser Organismus richtig funktioniert. Und wir brauchen Gemeinschaft, um uns wohl zu fühlen.
Hast du schon einmal glühende Kohlen beobachtet? Wenn man eine Kohle von dem Haufen wegnimmt, hört die einzelne Kohle auf zu glühen. Aber legt man sie zurück auf den Haufen, so glüht sie wieder. Ebenso können wir Menschen isoliert nicht lange „glühen“ oder gut zurechtkommen. Es ist ganz natürlich, sich Gemeinschaft zu wünschen.
Allein, aber nicht einsam
Wilhelm von Humboldt schrieb: „Die wenigsten Menschen verstehen, wie unendlich viel in der Einsamkeit liegt.“ Stimmst du ihm zu? „Ja“, sagt Bill (20 Jahre). „Ich liebe die Natur. Manchmal fahre ich mit meinem kleinen Boot hinaus auf einen See. Ich bin dann stundenlang ganz allein. So habe ich Zeit, darüber nachzudenken, was ich mit meinem Leben anfangen will. Das ist herrlich.“ Der 21jährige Stefan ist ebenfalls dieser Meinung. „Ich wohne in einem großen Apartmenthaus“, sagt er, „und manchmal gehe ich auf das Dach des Gebäudes, um allein zu sein. Dort kann ich in Ruhe nachdenken und beten. Das tut gut.“
Ja, wenn man von Zeiten des Alleinseins guten Gebrauch macht, können sie einen mit tiefer Zufriedenheit erfüllen. Auch Jesus genoß es, hin und wieder allein zu sein: „Frühmorgens, als es noch dunkel war, stand er auf und begab sich hinaus und ging weg an einen einsamen Ort, und dort begann er zu beten“ (Markus 1:35). Jehova hatte nicht gesagt: „Es ist für den Menschen nicht gut, daß er vorübergehend allein sei.“ Nein, er hatte erklärt, es sei für den Menschen nicht gut, „weiterhin“ allein zu sein (1. Mose 2:18-23). Längere Zeit allein zu sein kann zu Einsamkeit führen. Die Bibel warnt: „Wer sich absondert, wird nach seinem eigenen selbstsüchtigen Verlangen trachten; gegen alle praktische Weisheit wird er losbrechen“ (Sprüche 18:1).
Vorübergehende Einsamkeit
Mitunter ist man allerdings umständehalber allein, wie zum Beispiel wegen eines Umzugs, durch den man von guten Freunden getrennt worden ist. Stefan erzählt: „An meinem früheren Wohnort waren James und ich Freunde; wir standen uns näher als Brüder. Ich wußte, daß ich ihn nach dem Umzug vermissen würde.“ Stefan hält inne, als würde er den Abschied in Gedanken nochmals durchleben. „Als ich an Bord des Flugzeugs gehen mußte, hatte ich einen Kloß im Hals. Wir umarmten uns, und dann ging ich. Ich hatte das Gefühl, etwas Kostbares verloren zu haben.“
Wie ist Stefan in seiner neuen Umgebung zurechtgekommen? „Es war hart“, sagt er. „An meinem alten Wohnort mochten mich meine Freunde, aber hier gaben mir einige meiner Arbeitskollegen das Gefühl, ich sei nichts wert. Ich erinnere mich, daß ich manchmal auf die Uhr schaute, vier Stunden zurückzählte — das war der Zeitunterschied — und überlegte, was James und ich wohl jetzt getan hätten. Ich fühlte mich einsam.“
Wenn alles nicht so läuft, wie man möchte, ist man oft geneigt, der Vergangenheit nachzutrauern. Doch die Bibel sagt: „Sprich nicht: ‚Weshalb ist es geschehen, daß sich die früheren Tage als besser erwiesen haben als diese?‘ “ (Prediger 7:10). Warum dieser Rat?
Die Dinge können sich zum Besseren wenden. Darum sprechen Forscher oft von „vorübergehender Einsamkeit“. Stefan hat seine Einsamkeit überwunden. Wie? Er berichtet: „Ich habe mich mit jemand ausgesprochen, der Verständnis für mich hatte. Das hat mir geholfen. Man kann nicht in der Vergangenheit leben. Ich habe mich gezwungen, andere anzusprechen, Interesse an ihnen zu zeigen. Es hat geklappt; ich habe neue Freunde gefunden.“ Und wie steht es mit James? „Ich habe mich geirrt. Durch den Umzug ist unsere Freundschaft nicht auseinandergegangen. Neulich habe ich ihn angerufen. Wir redeten und redeten, eineinviertel Stunden lang!“
Chronische Einsamkeit
Doch mitunter hält das quälende Gefühl der Einsamkeit an. Sie zu überwinden scheint unmöglich zu sein. Ronny, ein Schüler, erzählt: „Acht Jahre gehe ich nun in diese Schule, aber während der ganzen Zeit habe ich keinen einzigen Freund gefunden . . . Niemand weiß, was in mir vorgeht, niemand gibt sich mit mir ab. Manchmal ist es für mich unerträglich.“
Wie viele Teenager verspürt auch Ronny die sogenannte chronische Einsamkeit. Sie ist gravierender als vorübergehende Einsamkeit. Fachleute meinen sogar, daß beide Arten sich so deutlich „voneinander unterscheiden wie eine Erkältung von einer Lungenentzündung“. Doch ebenso, wie eine Lungenentzündung kuriert werden kann, so kann man auch etwas gegen die chronische Einsamkeit tun. Aber was? Der erste Schritt ist, die Ursache der Einsamkeit zu ermitteln (Sprüche 1:5). Was die 16jährige Rhonda sagt, trifft die üblichste Ursache der chronischen Einsamkeit genau: „Mir scheint, man fühlt sich einfach deshalb einsam, weil man keine Freunde haben kann, wenn man sich selbst nicht mag. Und ich kann mich vermutlich selbst nicht besonders leiden“ (Lonely in America).
Rhondas Einsamkeit hat innere Ursachen. Ihre geringe Selbsteinschätzung versperrt ihr wie eine Schranke die Möglichkeit, gegenüber anderen aufgeschlossen zu sein und Freundschaften zu schließen. Ein Experte erklärte: „Bei chronisch Einsamen sind Aussprüche wie ‚Ich bin nicht anziehend‘, ‚An mir ist nichts interessant‘, ‚Ich bin nichts wert‘ gang und gäbe.“ Der Schlüssel zur Überwindung der Einsamkeit liegt darin, an Selbstachtung zu gewinnen. (Siehe Kapitel 12.) Wenn du die in der Bibel erwähnte „neue Persönlichkeit“ anziehst, die sich durch Güte, Demut und Milde auszeichnet, wird sich deine Selbstachtung gewiß nach und nach steigern (Kolosser 3:9-12).
Außerdem werden deine Eigenschaften auf andere anziehend wirken, je mehr du es lernst, dich selbst leiden zu mögen. Doch ebenso, wie man die volle Farbenpracht einer Blüte erst sieht, wenn sie sich völlig entfaltet hat, so können andere deine Eigenschaften nur erkennen, wenn du sie ihnen erschließt.
Das Eis brechen
Für Einsame ist es gemäß einer Publikation des amerikanischen Instituts für psychische Gesundheit das beste, unter Menschen zu gehen. Diese Empfehlung stimmt mit dem biblischen Rat überein, ‘das Herz weit zu öffnen’ und „Mitgefühl“ oder Einfühlungsvermögen zu bekunden (2. Korinther 6:11-13, Die Bibel in heutigem Deutsch; 1. Petrus 3:8). Das hat sich bewährt. An anderen Interesse zu zeigen lenkt von der Einsamkeit ab und veranlaßt andere außerdem, sich dir zuzuwenden.
Die 19jährige Natalie faßte den Entschluß, die Hände nicht in den Schoß zu legen und nicht abzuwarten, daß jemand sie begrüßt. „Auch ich muß freundlich sein“, sagt sie. „Womöglich hält man mich sonst für hochnäsig.“ Beginne mit einem Lächeln. Vielleicht lächelt der andere zurück.
Der nächste Schritt ist, eine Unterhaltung anzufangen. Lillian, 15 Jahre alt, gibt zu: „Personen, die ich nicht näher kannte, das erstemal anzusprechen war für mich wirklich schrecklich. Ich befürchtete, sie würden mich nicht akzeptieren.“ Wie beginnt Lillian eine Unterhaltung? Sie sagt: „Ich stelle einfache Fragen, wie zum Beispiel: ‚Woher bist du?‘ ‚Kennst du diesen oder jenen?‘ Möglicherweise gibt es jemanden, den wir beide kennen, und schon entwickelt sich ein Gespräch.“ Freundliche Taten und Freigebigkeit werden auch dir helfen, wertvolle Freundschaften aufzubauen (Sprüche 11:25).
Denke auch daran, daß du einen Freund haben kannst, der dich niemals enttäuscht. Jesus sagte zu seinen Jüngern: „Ihr werdet mich allein lassen; und doch bin ich nicht allein, denn der Vater ist bei mir“ (Johannes 16:32). Jehova kann auch dein engster Freund werden. Lerne seine Persönlichkeit kennen, indem du die Bibel liest und seine Schöpfung beobachtest. Festige deine Freundschaft mit ihm durch das Gebet. Bald wirst du feststellen, daß die Freundschaft mit Jehova Gott das beste Mittel gegen Einsamkeit ist.
Wenn du dich dennoch von Zeit zu Zeit einsam fühlst, dann sei nicht beunruhigt. Das ist vollkommen normal. Was aber, wenn du extrem schüchtern bist und du deshalb keine Freunde findest und nicht mit anderen zusammen bist?
Fragen zur Besprechung
◻ Ist es unbedingt etwas Nachteiliges, allein zu sein? Hat die Einsamkeit Vorteile?
◻ Warum ist Einsamkeit meist vorübergehend? Hast du dies bei dir auch festgestellt?
◻ Was ist chronische Einsamkeit, und wie kannst du sie bekämpfen?
◻ Welche Möglichkeiten gibt es, zwischen dir und anderen „das Eis zu brechen“? Was hat sich bei dir bewährt?
[Herausgestellter Text auf Seite 119]
Für Einsame ist es gemäß dem amerikanischen Institut für psychische Gesundheit das beste, unter Menschen zu gehen
[Bilder auf Seite 116, 117]
Freunde können in Verbindung bleiben, auch wenn sie weit voneinander entfernt wohnen
[Bild auf Seite 118]
Zeiten des Alleinseins können Freude bereiten
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Warum bin ich so schüchtern?Fragen junger Leute — Praktische Antworten
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Kapitel 15
Warum bin ich so schüchtern?
„ALLE sagen mir, wie gut ich aussehe“, schrieb eine junge Frau in einer Leserzuschrift an eine Zeitung. Doch dann fügte sie hinzu: „Es fällt mir schwer, mit anderen zu reden. Wenn ich jemandem beim Reden in die Augen schaue, läuft mein Gesicht rot an, und der Hals ist mir wie zugeschnürt . . . An meiner Arbeitsstelle hat man mir schon oft nachgesagt, ich sei hochnäsig, weil ich mit keinem rede. . . . Ich bin nicht hochnäsig, ich bin nur schüchtern.“
Eine Umfrage hat ergeben, daß 80 Prozent aller Befragten irgendwann in ihrem Leben schüchtern gewesen sind, und 40 Prozent halten sich gegenwärtig für schüchtern. Schon in frühesten Zeiten hatten Menschen mit dem Problem der Schüchternheit zu kämpfen. Die Bibel berichtet, daß Moses es wegen seiner Schüchternheit ablehnte, der Nation Israel als Sprecher Gottes zu dienen (2. Mose 3:11, 13; 4:1, 10, 13). Anscheinend war auch der christliche Jünger Timotheus schüchtern und zögerte, freiheraus zu reden und von seiner Autorität Gebrauch zu machen (1. Timotheus 4:12; 2. Timotheus 1:6-8).
Was Schüchternheit ist
Schüchternheit äußert sich darin, daß man sich in Gegenwart anderer unwohl fühlt. Dabei kann es sich um Fremde handeln, um Autoritätspersonen, um Personen vom anderen Geschlecht oder um Gleichaltrige. Schüchternheit ist eine extreme Befangenheit, die auf verschiedene Weise zutage tritt. Einige werden verlegen; sie stehen da mit gesenktem Blick und klopfendem Herzen und bringen kein Wort heraus. Andere verlieren die Fassung und reden unaufhörlich. Wieder anderen fällt es schwer, offen zu sprechen und ihre Meinung zu äußern.
Tatsächlich hat eine gewisse Schüchternheit aber auch ihre guten Seiten. Sie ist verwandt mit Bescheidenheit und Demut; und ein Verhalten, das Gott erwartet und empfiehlt, ist, daß man ‘bescheiden mit ihm wandelt’ (Micha 6:8). Es hat seine Vorteile, zurückhaltend und bescheiden und nicht anmaßend und arrogant zu erscheinen. Ein schüchterner Mensch wird oft als guter Zuhörer geschätzt. Doch wenn uns Schüchternheit hemmt und uns daran hindert, unsere Persönlichkeit voll zu entfalten, und sich auf unsere zwischenmenschlichen Beziehungen, unsere Arbeit und unsere Gefühle schädlich auswirkt, ist es Zeit, etwas zu unternehmen.
Das Problem zu verstehen ist ein guter Anfang (Sprüche 1:5). Schüchternheit beschreibt nicht, was du bist; sie beschreibt dein Verhalten, deine Reaktion auf Situationen, das Verhaltensmuster, das du erworben hast und das auf vergangenen Erlebnissen mit anderen beruht. Du bildest dir ein, andere würden schlecht über dich denken und könnten dich nicht leiden. Du meinst, andere seien besser oder normaler veranlagt als du. Du redest dir ein, alles ginge schief, wenn du versuchtest, zu anderen eine Beziehung aufzubauen. Du erwartest, daß eine Sache schlecht ausgeht, und oft geht sie tatsächlich schlecht aus — weil du voller Spannung bist und gemäß deiner negativen Einstellung handelst.
Wie sich Schüchternheit auf dein Leben auswirkt
Dadurch, daß du dich zurückziehst, nicht offen redest oder derart mit dir selbst beschäftigt bist, daß du anderen gar nicht die richtige Aufmerksamkeit schenken kannst, hält man dich womöglich für hochnäsig und unfreundlich oder denkt, du langweiltest dich oder seist vielleicht sogar gleichgültig oder ungebildet. Wenn deine Gedanken um dich selbst kreisen, wird es dir schwerfallen, dich auf ein Gespräch mit anderen zu konzentrieren. Du achtest weniger auf das, was andere dir sagen. Und dann passiert das, was du am meisten befürchtest — du machst einen dummen Eindruck.
Du schließt dich gewissermaßen in den Gefängnismauern der Schüchternheit ein und wirfst den Schlüssel weg. Du läßt dir gute Gelegenheiten entgehen. Du nimmst Dinge an oder akzeptierst Situationen, die dir gar nicht recht sind — nur weil du Angst hast, offen zu reden und deine Meinung zu äußern. Dir entgeht auch die Freude, neue Bekanntschaften und Freundschaften zu schließen oder Dinge zu tun, die das Leben bereichern. Aber auch anderen entgeht etwas. Sie lernen dich nie richtig kennen.
Schüchternheit überwinden
Eine Verhaltensweise zu ändern erfordert Zeit und Mühe. Lebe zunächst nicht immer in dem Gedanken, daß dich ein anderer kritisch beobachtet. Vermutlich ist er viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt und damit, was er sagen und tun möchte. Und falls der andere kindische Witze über dich macht, dann sei dir bewußt, daß er ein Problem hat. „Wer verächtlich über andere redet, hat keinen Verstand“ (Sprüche 11:12, Die Bibel in heutigem Deutsch). Wer deine Freundschaft verdient, wird dich nicht nach dem äußeren Anschein beurteilen, sondern nach deiner Persönlichkeit.
Bemühe dich auch, positiv zu denken. Niemand ist vollkommen; jeder hat Stärken und Schwächen. Vergiß nicht, daß man verschiedener Auffassung sein kann und daß es unterschiedliche Vorlieben gibt. Eine unterschiedliche Auffassung bedeutet nicht, daß du als Mensch abgelehnt wirst.
Lerne außerdem, andere nicht falsch einzuschätzen. Ein junger Mann, der früher schüchtern war, sagt heute: „Ich stellte fest, daß ich zwei falsche Vorstellungen hatte . . . Erstens war ich zu ichbezogen. Ich dachte zuviel an mich und fürchtete mich zu sehr davor, daß andere meine Äußerungen negativ beurteilen würden. Und zweitens unterschob ich meinen Mitmenschen schlechte Beweggründe — ich hatte kein Zutrauen zu ihnen und glaubte, sie würden auf mich herabblicken.“
Der junge Mann besuchte eine Zusammenkunft der Zeugen Jehovas. „Dort hörte ich einen Vortrag, der mir eine echte Hilfe war“, erzählt er weiter. „Der Redner wies darauf hin, daß jemand, der Liebe hat, aus sich herausgeht und von seinem Nächsten nichts Schlechtes, sondern Gutes denkt. Deshalb bemühte ich mich, meinen Mitmenschen keine schlechten Beweggründe mehr zu unterschieben. Ich sagte mir: ‚Sie werden Verständnis haben, sie werden freundlich und rücksichtsvoll sein.‘ Ich fing an, den Menschen zu vertrauen. Mir war zwar klar, daß mich einige vermutlich falsch beurteilten, aber ich dachte, daß das eben ihr Problem ist.
Ich begriff auch, daß ich beginnen mußte, meine Liebe durch Taten zu bekunden — ich mußte anderen Gutes erweisen. Zuerst versuchte ich es bei den Jüngeren. Später begann ich, andere in ihrer Wohnung zu besuchen. Ich lernte, ein Gefühl für ihre Bedürfnisse zu entwickeln, darüber nachzudenken, wie ich ihnen helfen könnte.“ Er erkannte, wie wahr Jesu Worte aus Lukas 6:37, 38 sind: „Hört . . . auf zu richten, und ihr werdet bestimmt nicht gerichtet werden; und hört auf zu verurteilen, und ihr werdet bestimmt nicht verurteilt werden. . . . Übt euch im Geben, und man wird euch geben. . . . Denn mit dem Maß, mit dem ihr meßt, wird euch wieder gemessen werden.“
Einen Anfang machen
Gewöhne dir an, freundlich zu sein, dem anderen einen guten Tag zu wünschen und mit ihm ein paar Worte zu wechseln. Es kann einfach eine Bemerkung über das Wetter sein. Vergiß nicht: Du trägst nur 50 Prozent der Verantwortung. Die übrigen 50 Prozent trägt der andere. Versprichst du dich einmal, dann denke nicht, du hättest dich jetzt unglaublich blamiert. Wenn andere lachen, lache mit. Sag: „Das war nicht ganz richtig!“ So kommst du besser über den Lapsus hinweg und kannst das Gespräch fortsetzen.
Kleide dich so, daß du dich wohl fühlst, und achte darauf, daß die Kleidung sauber und gebügelt ist. Du bist weniger gehemmt, wenn du weißt, daß deine äußere Erscheinung in Ordnung ist, und kannst dich besser auf das Gespräch mit anderen konzentrieren. Deine Körperhaltung sollte aufrecht, aber dennoch locker und natürlich sein. Schau den anderen nett an. Bemühe dich, einen freundlichen Augenkontakt mit ihm aufrechtzuerhalten, und nicke ab und zu, während er spricht, oder äußere ein paar kurze Worte dazu.
Bei einer schwierigen Situation, zum Beispiel wenn du vor anderen reden mußt oder zu einem Vorstellungsgespräch erscheinen sollst, solltest du dich so gut wie möglich vorbereiten. Übe im voraus, was du sagen willst. Auch Schwierigkeiten beim Sprechen kann man durch Übung überwinden oder auf ein Minimum beschränken. Das wird Zeit erfordern wie alles, was man erlernen möchte. Sobald du jedoch die guten Ergebnisse siehst, wirst du angespornt werden, deine Bemühungen fortzusetzen.
Man darf auch nicht vergessen, daß Gott einem helfen kann. Saul, der erste König des Volkes Israel, war am Anfang sehr schüchtern (1. Samuel, Kapitel 9 und 10). Doch als er handeln mußte, wurde „der Geist Gottes . . . über Saul wirksam“, und er errang mit dem Volk einen Sieg (1. Samuel, Kapitel 11).
Heute haben christliche Jugendliche die Verantwortung, anderen zu helfen, etwas über Gott und seine verheißene Welt der Gerechtigkeit zu erfahren (Matthäus 24:14). Als Vertreter der höchsten Autorität im Universum anderen die gute Botschaft zu überbringen wird dir Selbstvertrauen geben und dir helfen, nicht soviel an dich selbst zu denken. Dann kannst du sicher sein, daß Gott dich segnet und dir hilft, deine Schüchternheit zu überwinden, vorausgesetzt, du dienst ihm treu.
Fragen zur Besprechung
◻ Was ist Schüchternheit, und wie verhält sich ein schüchterner Mensch in Gegenwart anderer? Trifft das in einem gewissen Maße auch auf dich zu?
◻ Warum verliert ein schüchterner Mensch sein Selbstvertrauen, wenn er mit anderen zusammen ist?
◻ Inwiefern geht einem durch Schüchternheit etwas verloren?
◻ Wie kann man Schüchternheit überwinden? Haben dir irgendwelche dieser Anregungen geholfen?
[Herausgestellter Text auf Seite 121]
Einem schüchternen Menschen entgehen neue Freundschaften und gute Gelegenheiten
[Kasten auf Seite 124]
Du kannst deine Schüchternheit überwinden, wenn du . . .
dich ändern willst und du überzeugt bist, daß es wirklich möglich ist;
anstatt negativ zu denken, positiv handelst;
dir realistische und sinnvolle Ziele setzt;
lernst, dich zu entspannen und deine Befangenheit
zu überwinden;
dich auf eine Situation vorbereitest;
durch Erfolgserlebnisse Selbstvertrauen gewinnst;
daran denkst, daß unterschiedliche Meinungen bestehen und daß auch andere sich irren können
dich in deinen Fertigkeiten verbesserst und Neues erlernst;
dich bemühst, anderen Liebe zu erweisen und ihnen zu helfen;
dich sauber und ordentlich kleidest und sicher auftrittst;
dich auf die Hilfe verläßt, die Gott zugesichert hat;
christliche Zusammenkünfte besuchst und mit anderen über deinen Glauben sprichst.
[Bilder auf Seite 123]
Wer schüchtern ist, bildet sich ein, andere würden ihn geringschätzig beurteilen
[Bild auf Seite 125]
Lerne, freundlich zu sein, zu lächeln, andere zu begrüßen und ein Gespräch zu führen
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Ist meine Traurigkeit normal?Fragen junger Leute — Praktische Antworten
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Kapitel 16
Ist meine Traurigkeit normal?
MITCHELL sagt über den Tag, an dem sein Vater starb: „Ich stand unter einem Schock. . . . ,Das kann nicht wahr sein‘, sagte ich mir immer wieder.“
Vielleicht ist jemand, der dir viel bedeutete, gestorben — ein Elternteil, ein Bruder, eine Schwester oder ein Freund. Du empfindest nicht nur Traurigkeit, sondern auch Zorn, Verwirrung und Angst. So sehr du dich auch bemühst, du kannst die Tränen nicht zurückhalten. Oder du frißt den Schmerz in dich hinein.
Es ist ganz natürlich, auf den Tod eines geliebten Menschen mit heftigen Gefühlen zu reagieren. Selbst Jesus Christus „brach in Tränen aus“ und „seufzte“, als er vom Tod eines guten Freundes erfuhr (Johannes 11:33-36; vergleiche 2. Samuel 13:28-39). Zu wissen, daß es anderen ähnlich ergangen ist, kann dir helfen, mit dem Verlust besser fertig zu werden.
Es nicht wahrhaben wollen
Zuerst bist du vielleicht wie betäubt. Möglicherweise hoffst du, daß es sich nur um einen bösen Traum handelt und daß jemand kommt, der dich aufweckt, und alles so wie früher ist. Cindys Mutter starb an Krebs. Cindy sagt: „Ich habe mich noch nicht damit abgefunden, daß sie nicht mehr da ist. Wenn etwas geschieht, worüber ich sonst mit ihr gesprochen hätte, sage ich mir unwillkürlich: ,Das muß ich Mutti erzählen.‘ “
Hinterbliebene neigen dazu, den Todesfall nicht wahrhaben zu wollen. Sie mögen sogar denken, sie hätten den Verstorbenen plötzlich auf der Straße, in einem vorbeifahrenden Bus oder in der Untergrundbahn gesehen. Irgendeine flüchtige Ähnlichkeit kann die Hoffnung anfachen, es sei vielleicht alles ein Irrtum gewesen. Der Mensch wurde eben von Gott geschaffen, um zu leben, nicht um zu sterben (1. Mose 1:28; 2:9). Es ist also ganz normal, daß wir den Tod schwer hinnehmen können.
„Wie konnte sie mir das antun?“
Wundere dich nicht darüber, wenn du hin und wieder über einen Verstorbenen sogar Ärger empfindest. Cindy erinnert sich: „Als Mutter starb, gab es Zeiten, wo ich dachte: ,Du hast uns nicht gesagt, daß du sterben würdest. Du bist einfach weggegangen.‘ Ich fühlte mich im Stich gelassen.“
Der Tod eines Bruders oder einer Schwester kann ebenfalls solche Gefühle hervorrufen. „Es ist nahezu lächerlich, über einen Menschen, der gestorben ist, zornig zu werden“, erzählt Karin, „aber als meine Schwester starb, reagierte ich so. ,Wie konnte sie sterben und mich allein lassen? Wie konnte sie mir das antun?‘ Ständig gingen mir solche Gedanken durch den Sinn.“ Einige sind womöglich auf den Verstorbenen ärgerlich, weil sein Tod großen Schmerz bereitet hat. Andere fühlen sich vernachlässigt und grollen gar, weil dem kranken Bruder oder der kranken Schwester vor ihrem Tod viel Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Trauernde Eltern, die aus Furcht, ein weiteres Kind zu verlieren, plötzlich überängstlich werden, können ebenfalls feindselige Gefühle gegenüber dem Verstorbenen wecken.
„Hätte ich doch nur . . .“
Schuldgefühle sind ebenfalls eine häufige Reaktion. Fragen und Zweifel jagen einem durch den Kopf. „Hätten wir noch mehr tun können? Hätten wir einen anderen Arzt aufsuchen sollen?“ Und dann kommen die Vorwürfe: „Hätte ich doch nur . . .“ „Hätten wir doch nur nicht so oft gestritten!“ „Hätte ich mich doch nur netter verhalten!“ „Wäre ich doch nur an seiner Stelle einkaufen gegangen!“
Mitchell sagt: „Ich wünschte, ich wäre geduldiger und verständnisvoller mit meinem Vater umgegangen. Vielleicht hätte ich im Haus auch mehr mit anpacken sollen, so daß er es nach Feierabend leichter gehabt hätte.“ Und Elisa bemerkt: „Als Mutter krank wurde und so plötzlich starb, blieben viele Konflikte ungelöst. Jetzt quälen mich Schuldgefühle. Mir kommt all das in den Sinn, was ich ihr hätte sagen sollen, all das, was ich nicht hätte sagen sollen — alles, was ich falsch gemacht habe.“
Unter Umständen gibst du dir die Schuld für alles, was vorgefallen ist. Cindy erinnert sich: „Ich hatte Schuldgefühle wegen der Meinungsverschiedenheiten, die ich mit Mutter gehabt hatte, und wegen all des Kummers, den ich ihr bereitet hatte. Ja, ich hatte das Empfinden, daß ich durch all die verursachten Sorgen vielleicht zu ihrer Krankheit beigetragen hatte.“
„Was sage ich meinen Freunden?“
Eine Witwe berichtet über ihren Sohn: „Jonny wollte anderen Kindern nicht erzählen, daß sein Vater tot ist. Es machte ihn verlegen, und es ärgerte ihn, daß er verlegen wurde.“
In dem Buch Death and Grief in the Family wird erklärt: „ ,Was sage ich meinen Freunden?‘ lautet eine für viele Kinder äußerst wichtige Frage. Häufig haben sie das Gefühl, daß ihre Freunde nicht verstehen, was sie durchmachen. Bei dem Versuch, den großen Verlust zu beschreiben, sieht man mitunter in verständnislose Gesichter oder erntet seltsame Blicke. . . . Es kann daher sein, daß ein Kind sich zurückgesetzt und einsam fühlt und sich manchmal sonderbar vorkommt.“
Sei dir bewußt, daß andere manchmal einfach nicht wissen, was sie sagen sollen, und sich daher nicht äußern. Dein Verlust erinnert sie daran, daß es auch ihnen so ergehen könnte. Da sie nicht daran erinnert werden möchten, gehen sie dir vielleicht aus dem Weg.
Die Trauer durchleben
Das Bewußtsein, daß Trauer etwas ganz Normales ist, ist eine große Hilfe, sich damit auseinanderzusetzen. Hingegen wird die Trauerphase hinausgezögert, wenn man das Geschehen fortgesetzt leugnet. Manchmal läßt eine Familie bei den Mahlzeiten einen bestimmten Platz frei, als ob der Verstorbene zum Essen käme. Eine Familie ging jedoch anders vor. Die Mutter sagt: „Wir haben uns nie mehr in der gleichen Anordnung an den Küchentisch gesetzt. Mein Mann setzte sich auf Davids Platz, was eine Hilfe war, die Lücke zu schließen.“
Es ist auch eine Hilfe, zu erkennen, daß es zwar Dinge gibt, die man hätte sagen oder nicht sagen sollen, doch diese sind gewöhnlich nicht der Grund gewesen, weshalb ein Angehöriger gestorben ist. Außerdem sagt uns die Bibel: „Wir alle straucheln oft“ (Jakobus 3:2).
Teile deine Gefühle anderen mit
Dr. Earl Grollman empfiehlt: „Es genügt nicht, seine widersprüchlichen Gefühle zu erkennen; man muß sich offen mit ihnen auseinandersetzen. . . . Es ist eine Zeit, anderen seine Gefühle mitzuteilen.“ Deshalb sollte man sich in dieser Zeit nicht von anderen Menschen absondern (Sprüche 18:1).
Über unterdrückte Trauer sagt Dr. Grollman: „Man verlängert nur die Leidenszeit und zögert den Prozeß des Trauerns hinaus.“ Er rät: „Suche dir einen guten Zuhörer, einen Freund, der versteht, daß deine vielen Gefühle normale Reaktionen auf deine tiefe Trauer sind.“ Eltern, Geschwister, Freunde oder Älteste in der Christenversammlung bieten oft echten Beistand.
Was aber, wenn dir zum Weinen zumute ist? Dr. Grollman fügt hinzu: „Bei einigen sind Tränen die beste Therapie für emotionale Belastungen. Das gilt für Männer genausogut wie für Frauen und Kinder. Weinen ist eine natürliche Art und Weise, Schmerz und Leid zu lindern oder sich davon zu befreien.“
Als Familie zusammenhalten
Deine Eltern können in Zeiten der Trauer eine große Hilfe für dich sein — und du für sie. Zum Beispiel verloren Jane und Sarah aus England ihren 23jährigen Bruder Darrall. Wie überwanden sie ihre Trauer? Jane antwortet: „Weil wir nun zu viert waren, machte ich alles zusammen mit Papa, und Sarah machte alles zusammen mit Mama. So waren wir nicht allein.“ Jane erzählt weiter: „Ich habe Papa vorher noch nie weinen sehen. Er weinte mehrere Male, und einerseits war es gut. Wenn ich zurückblicke, bin ich froh, daß ich da war, um ihn zu trösten.“
Eine stärkende Hoffnung
Der junge David aus England verlor seine 13jährige Schwester Janet, die an der Hodgkinschen Krankheit starb. Er sagt: „Was mir sehr geholfen hat, war ein Schrifttext, der in der Beerdigungsansprache zitiert wurde. Er lautet: ,Er [Gott] hat einen Tag festgesetzt, an dem er die bewohnte Erde in Gerechtigkeit richten will . . ., und er hat allen Menschen eine Gewähr dafür gegeben, indem er ihn [Jesus] von den Toten zur Auferstehung gebracht hat.‘ Der Redner betonte in Verbindung mit der Auferstehung den Ausdruck ,Gewähr‘. Das war für mich nach der Beerdigung eine große Kraftquelle“ (Apostelgeschichte 17:31; siehe auch Markus 5:35-42; 12:26, 27; Johannes 5:28, 29; 1. Korinther 15:3-8).
Die biblische Auferstehungshoffnung schließt Trauer nicht aus. Du wirst den verstorbenen Angehörigen nie vergessen. Doch viele haben in den biblischen Verheißungen echten Trost gefunden und sich dadurch allmählich von dem schmerzlichen Verlust eines geliebten Menschen erholt.
Fragen zur Besprechung
◻ Empfindest du es als natürlich, um einen verstorbenen Angehörigen zu trauern?
◻ Welche Gefühle durchlebt ein Trauernder, und warum?
◻ Wie kann sich ein trauernder Jugendlicher mit seinen Gefühlen auseinandersetzen?
◻ Wie kannst du einen Freund trösten, der einen geliebten Menschen verloren hat?
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