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Selbstmord — Junge Menschen in NotErwachet! 1998 | 8. September
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Selbstmord — Junge Menschen in Not
ALS ob Krieg, Mord und Grausamkeiten nicht genügen würden, um das Leben Jugendlicher kaputtzumachen, kommt noch Selbstzerstörung hinzu: Immer mehr Jugendliche nehmen sich das Leben. Drogen- und Alkoholmißbrauch richten Psyche und Körper Jugendlicher zugrunde und fordern viele Todesopfer. Häufige Todesursache: Überdosis — ob absichtlich oder versehentlich, bleibt dahingestellt.
Die Zeitschrift Morbidity and Mortality Weekly Report schrieb in ihrer Ausgabe vom 28. April 1995, daß „Selbstmord unter den Todesursachen bei 15- bis 19jährigen in den Vereinigten Staaten an dritter Stelle steht“. Dr. J. J. Mann erklärte in der Publikation The Decade of the Brain: „Unter Amerikanern kommt es jedes Jahr zu über 30 000 [1995 waren es 31 284] Selbstmorden. Tragischerweise sind oft Jugendliche die Opfer ... Zehnmal mehr als diese 30 000 überleben einen Selbstmordversuch. ... Festzustellen, welche Patienten selbstmordgefährdet sind, ist eine große Herausforderung, denn Ärzte können bei Patienten mit starken Depressionen nur schwer abschätzen, wer einen Selbstmordversuch unternehmen wird und wer nicht.“
Simon Sobo, Leiter der Psychiatrie am New-Milford-Krankenhaus (Connecticut, USA) sagte: „In diesem Frühjahr [1995] hat es mehr Suizidversuche gegeben, als ich in den 13 Jahren, die ich hier bin, gesehen habe.“ In den Vereinigten Staaten versuchen jährlich Tausende von Teenagern, sich das Leben zu nehmen. Jeder Selbstmordversuch ist ein Hilfeschrei und ein Ruf nach Aufmerksamkeit. Wer ist da, um Beistand zu leisten, ehe es zu spät ist?
Ein weltweites Problem
In vielen anderen Teilen der Welt zeigt sich ein vergleichbares Bild. Nach Angaben der Zeitschrift India Today begingen in Indien 1990 etwa 30 000 Jugendliche Selbstmord. In Finnland, Frankreich, Israel, Kanada, Neuseeland, den Niederlanden, der Schweiz, Spanien und Thailand ist die Selbstmordrate unter jungen Leuten angestiegen. Ein Bericht des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF) von 1996 gibt für Finnland, Lettland, Litauen, Neuseeland, Rußland und Slowenien die höchsten Suizidraten bei Jugendlichen an.
Auch Australien meldet eine der höchsten Selbstmordquoten der Welt. Wie einem Bericht der Zeitung The Canberra Times zu entnehmen war, handelte es sich 1995 in diesem Land bei 25 Prozent aller Todesfälle unter jungen Männern und 17 Prozent der Todesfälle unter jungen Mädchen um Selbstmord. Die Rate der vollendeten Selbstmorde bei australischen Jungen liegt fünfmal höher als bei den Mädchen. In den meisten Ländern sieht das Verhältnis ähnlich aus.
Liegt das daran, daß Jungen eher einen Selbstmordversuch unternehmen als Mädchen? Nicht unbedingt. Die verfügbaren Daten lassen in der Häufigkeit der Selbstmordversuche kaum einen Unterschied zwischen den Geschlechtern erkennen. Doch „nach den neuesten Zahlen der WHO [Weltgesundheitsorganisation] begehen in den Industrieländern ungefähr viermal so viele junge Männer Selbstmord wie Frauen“ (UNICEF, The Progress of Nations).
Allerdings geben diese erschreckenden Statistiken nicht das volle Ausmaß des Problems wieder. Statistiken über Jugendsuizid lassen sich in ihrer medizinischen und analytischen Ausdrucksweise überraschend leicht lesen. Oft ist jedoch nicht zu erkennen, was sich hinter den nackten Zahlen verbirgt — zerstörte Familien und der Kummer, das Elend, der Schmerz und die Verzweiflung der Hinterbliebenen auf ihrer Suche nach Gründen.
Lassen sich Tragödien wie der Selbstmord eines Jugendlichen verhindern? Man hat einige Schlüsselfaktoren herausgefunden, die helfen könnten, das traurige Geschehen abzuwenden.
[Kasten auf Seite 5]
Motive für Selbstmord
Über die Motive für Selbstmord gibt es etliche Theorien. „Suizid resultiert aus der Reaktion auf ein als überwältigend wahrgenommenes Problem, etwa soziale Isolation, Tod eines Angehörigen (vor allem des Ehepartners), Kindheit in einer zerrütteten Familie, schwere körperliche Krankheit, das Altern, Arbeitslosigkeit, finanzielle Probleme und Drogenmißbrauch“ (The American Medical Association Encyclopedia of Medicine).
Dem Soziologen Emile Durkheim zufolge gibt es vier Hauptformen des Selbstmords:
1. Egoistischer Selbstmord: Man geht davon aus, daß er „von der fehlenden Integration des Individuums in die Gesellschaft herrührt. Im großen und ganzen sich selbst überlassen, haben Opfer des egoistischen Selbstmords weder eine Verbindung noch ein Abhängigkeitsverhältnis zur Gemeinschaft.“ Sie tendieren zum Einzelgängertum.
2. Altruistischer Selbstmord: „Das Individuum ist so stark in eine Gruppe integriert, daß ihm kein Opfer zu groß erscheint.“ Beispiele dafür sind die japanischen Kamikazepiloten im Zweiten Weltkrieg und religiöse Extremisten, die sich beim Töten ihrer vermeintlichen Feinde selbst in die Luft sprengen. Weiter wären Menschen zu nennen, die ihr Leben um einer Sache willen opfern, auf die sie die Aufmerksamkeit lenken wollen.
3. Anomischer Selbstmord: „Das Opfer des anomischen Selbstmords ist nicht in der Lage, rational mit einer Krise umzugehen, und wählt den Selbstmord als Problemlösung.“ Dazu kommt es, „wenn sich die gewohnten gesellschaftlichen Beziehungen des Individuums plötzlich und in schockierender Weise verändern“.
4. Fatalistischer Selbstmord: Für die Ursache hält man „exzessive gesellschaftliche Regulation, die die Freiheit des Individuums radikal einschränkt“. Die Opfer „sehen für sich keine reale Zukunft“ (Alan L. Berman und David A. Jobes, Adolescent Suicide: Assessment and Intervention).
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Wenn es mit Hoffnung und Liebe aus istErwachet! 1998 | 8. September
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Wenn es mit Hoffnung und Liebe aus ist
EIN 17jähriges kanadisches Mädchen schrieb die Gründe auf, warum sie sterben wollte. Unter anderem zählte sie folgendes auf: „Einsamkeit und Angst vor der Zukunft. Minderwertigkeitsgefühle gegenüber meinen Kollegen. Atomkrieg. Die Ozonschicht. Ich bin so häßlich, daß ich nie einen Mann finde und allein bleibe. Ich denke, es gibt nicht viel, wofür es sich zu leben lohnt. Warum also darauf warten, es zu entdecken? Ich werde keinem mehr zur Last fallen. Niemand wird mich mehr kränken.“
Könnten das einige der Gründe sein, warum sich junge Menschen das Leben nehmen? In Kanada „ist Selbstmord nach Verkehrsunfällen die häufigste Todesursache unter jungen Leuten“ (The Globe and Mail).
Professor Riaz Hassan von der Flinders-Universität in Südaustralien erklärte in seinem Aufsatz „Ungelebtes Leben: Trends beim Suizid Jugendlicher“: „Es gibt mehrere soziologische Gründe, die zum Tragen kommen und den Anstieg des Suizids Jugendlicher offenbar wesentlich beeinflußt haben. Dazu gehören die hohe Jugendarbeitslosigkeit; Veränderungen in der australischen Familienstruktur; vermehrter Drogenkonsum und -mißbrauch; zunehmende Gewalt unter Jugendlichen; der psychische Gesundheitszustand und ein stärker werdender Kontrast zwischen ‚theoretischer Freiheit‘ und dem, was Jugendliche als Selbständigkeit erleben.“ Wie es in dem Aufsatz weiter hieß, lassen mehrere Studien eine pessimistische Zukunftshaltung erkennen und verraten, daß „ein Großteil der jungen Menschen mit Angst und Beklommenheit an ihre Zukunft und die der Welt denkt. Sie sehen eine durch Atomkriege, Umweltverschmutzung und Umweltzerstörung ruinierte Welt vor sich, eine entmenschlichte Gesellschaft, in der die Technologie außer Kontrolle geraten ist und die Arbeitslosigkeit überhandnimmt.“
Laut einer Gallup-Umfrage unter 16- bis 24jährigen sind weitere Selbstmordursachen die sich weitende Kluft zwischen Arm und Reich, die steigende Zahl von Einelternhaushalten, die sich ausbreitende Waffenkultur, Kindesmißhandlung und ein allgemein „mangelnder Glaube an Morgen“.
Die Newsweek berichtete, daß in den Vereinigten Staaten „das Vorhandensein von Schußwaffen möglicherweise der Schlüsselfaktor [für Selbstmorde unter Jugendlichen] ist. Eine Studie verglich jugendliche Selbstmordopfer, die anscheinend nicht an einer Gemütskrankheit gelitten hatten, mit Jugendlichen, die keinen Selbstmord begingen, und stellte nur einen Unterschied fest: eine geladene Waffe im Haus. Soviel zu der Ansicht, Waffen würden keine Menschen töten.“ Und in Millionen Haushalten gibt es geladene Waffen!
Angst und eine gleichgültige Gesellschaft können verletzliche Jugendliche schnell an den Rand des Selbstmords bringen. Man muß bedenken, daß an den 12- bis 19jährigen im Verhältnis mehr als doppelt so viele Gewaltverbrechen verübt werden als an der Allgemeinheit. „Bei jungen Mädchen zwischen 14 und 24 Jahren ist die Wahrscheinlichkeit, überfallen zu werden, am größten“, kommentierte das Magazin Maclean’s die Ergebnisse von Studien. „Am häufigsten werden Frauen von Personen angegriffen und ermordet, die behaupten, sie zu lieben.“ Wozu führt das? Die dadurch entstehenden Ängste „unterhöhlen das Vertrauen und das Sicherheitsgefühl dieser Mädchen“. Eine Studie ergab, daß sich fast ein Drittel der interviewten Vergewaltigungsopfer mit Selbstmordgedanken getragen hatte.
Ein Bericht aus Neuseeland betrachtet den Suizid Jugendlicher aus einer anderen Perspektive. Darin heißt es: „Die geltenden materialistischen, weltlichen Werte, die Erfolg mit Reichtum, Schönheit und Macht gleichsetzen, geben vielen jungen Menschen das Gefühl, ziemlich wertlos zu sein und von der Gesellschaft verstoßen zu werden.“ Die Zeitschrift The Futurist erläutert: Jugendliche „haben einen starken Drang nach der unmittelbaren Befriedigung von Bedürfnissen, sie wollen alles und wollen es schnell. Ihre Lieblingsfernsehsendungen sind Unterhaltungsserien. Sie möchten mitten unter diesen gutaussehenden, topmodisch gekleideten Leuten leben, die eine Menge Geld und Prestige besitzen und nicht allzuhart arbeiten müssen.“ Allein das hohe Ausmaß solcher unrealistischen, unerfüllbaren Erwartungen scheint eine gewisse Verzweiflung hervorzurufen und kann zum Selbstmord führen.
Eine lebensrettende Eigenschaft?
Shakespeare schrieb: „Die Liebe nährt, wie Sonnenschein nach Regen“. In der Bibel heißt es: „Die Liebe versagt nie“ (1. Korinther 13:8). In dieser Eigenschaft liegt der Schlüssel zum Problem selbstmordgefährdeter junger Menschen: die Sehnsucht nach Liebe und Kommunikation. Die American Medical Association Encyclopedia of Medicine erklärt: „Suizidgefährdete fühlen sich meist hoffnungslos einsam, und schon allein die Möglichkeit, mit einem einfühlsamen, verständnisvollen Zuhörer zu reden, kann die Verzweiflungstat manchmal verhindern.“
Jugendliche haben oft ein stark ausgeprägtes Bedürfnis nach Liebe und Geborgenheit. Dieses Bedürfnis ist in einer lieblosen und destruktiven Welt mit jedem Tag schwerer zu befriedigen — eine Welt, auf die sie wenig oder gar keinen Einfluß haben. Das Gefühl, wegen zerrütteter Familienverhältnisse oder Scheidung von den Eltern zurückgewiesen zu werden, kann Selbstmordabsichten fördern. Und diese Zurückweisung hat viele Gesichter.
Ein Beispiel sind Eltern, die selten zu Hause bei ihren Kindern sind. Es kann sein, daß sie völlig von ihrer Arbeit in Anspruch genommen werden oder in einer Freizeitbeschäftigung aufgehen, von der ihre Kinder ausgeschlossen sind. Was den Kindern indirekt mitgeteilt wird, läuft auf eine recht unverhohlene Zurückweisung hinaus. Der namhafte Journalist und Forscher Hugh Mackay meinte dazu, daß „die Eltern immer ichbezogener werden. Darauf bedacht, ihren Lebensstil beizubehalten, denken sie zuerst an sich. ... Um es einmal kraß zu sagen: Kinder sind aus der Mode gekommen. ... Das Leben ist hart, und man ist einigermaßen mit sich selbst beschäftigt.“
In manchen Kulturkreisen möchten Männer mit einem betont männlichen Selbstbild womöglich nicht in einer fürsorgenden Rolle gesehen werden. Die Journalistin Kate Legge drückte es treffend aus: „Männer, die zu Helferberufen tendieren, bevorzugen im allgemeinen den Beruf des Lebensretters oder des Feuerwehrmanns vor den fürsorgenden Berufen ... Ihnen ist das starke, stille Heldentum des Kampfes gegen äußere Gewalten lieber als Aufgaben, die intensiven persönlichen Kontakt mit sich bringen.“ Und natürlich ist die Aufgabe, die den intensivsten persönlichen Kontakt erfordert, das Elternsein. Die Elternrolle zu vernachlässigen läuft auf eine Zurückweisung des Kindes hinaus. Der Sohn oder die Tochter kann dadurch ein negatives Selbstbild entwickeln und im Herausbilden sozialer Verhaltensweisen nachhinken. Das Magazin The Education Digest bemerkte dazu: „Ohne ein positives Selbstbild haben die Kids keine Basis, Entscheidungen zu ihrem Besten zu treffen.“
Mögliche Folge: Hoffnungslosigkeit
Forscher halten Hoffnungslosigkeit für einen Hauptfaktor bei Selbstmord. Gail Mason, die über Jugendsuizid in Australien schrieb, erklärte: „Man geht davon aus, daß Hoffnungslosigkeit stärker mit Selbstmordgedanken in Wechselbeziehung steht als Depressionen. Hoffnungslosigkeit wird zuweilen als ein Symptom der Depression bezeichnet. ... Meistens handelt es sich um ein generelles Gefühl der Verzweiflung und Mutlosigkeit Jugendlicher angesichts ihrer Zukunft, insbesondere ihrer wirtschaftlichen Zukunft, und weniger um ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit angesichts der Weltlage.“
Das schlechte Beispiel in puncto Ehrlichkeit, das führende Persönlichkeiten geben, regt Jugendliche nicht gerade dazu an, ihre Moral zu heben. Sie entwickeln die Haltung: „Was soll’s?“ Harper’s Magazine schrieb über die Fähigkeit Jugendlicher, Heuchelei zu durchschauen: „Die jungen Leute mit ihrem feinen Gespür für Heuchelei sind Experten im Lesen — aber nicht von Büchern. Was sie so scharfsinnig entziffern, sind die sozialen Signale, die die Welt aussendet, in der sie sich behaupten müssen.“ Und was sind das für Signale? Die Autorin Stephanie Dowrick meinte dazu: „Noch nie sind wir so sehr mit Informationen über die richtige Lebensweise eingedeckt worden. Wir sind noch nie so reich und gebildet gewesen, und doch herrscht überall Verzweiflung.“ Zudem sind gute Rollenvorbilder in den oberen Etagen der politischen und religiösen Gesellschaft dünn gesät. Stephanie Dowrick fragte zu Recht: „Wie sollen wir durch sinnloses Leid Einsicht und Widerstandskraft gewinnen oder darin einen Sinn erkennen? Wie sollen wir in einem Klima des Egoismus, der Grobheit und der Gier Liebe hervorbringen?“
Die — womöglich überraschenden — Antworten gibt der nächste Artikel.
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Wenn Hoffnung und Liebe zurückkehrenErwachet! 1998 | 8. September
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Wenn Hoffnung und Liebe zurückkehren
ELTERN, Lehrern und anderen, die mit Heranwachsenden zu tun haben, ist klar, daß weder sie selbst noch die Jugendlichen, noch sonst irgendein Mensch die Welt verändern kann. Es sind Kräfte am Werk, die sich ähnlich wie manche Flutwellen nicht zurückhalten lassen. Allerdings können wir alle entscheidend dazu beitragen, daß Jugendliche glücklicher und gesünder sind und sich in der Gesellschaft zurechtfinden.
Zumal Vorbeugen besser ist als Heilen, sollten Eltern gründlich darüber nachdenken, wie ihr Lebensstil und ihre Prioritäten die Ansichten und das Verhalten ihrer Kinder formen. Eine von Liebe und Geborgenheit geprägte häusliche Atmosphäre vermittelt eine Sicherheit, die der beste Schutz vor selbstzerstörerischem Verhalten ist. Was junge Menschen mit am dringendsten brauchen, ist jemand, der ihnen zuhört. Hören die Eltern nicht zu, dann tut es vielleicht jemand, bei dem der Jugendliche nicht in den besten Händen ist.
Was bedeutet das für Eltern heute? Es bedeutet, den Kindern Zeit zu widmen, wenn sie diese brauchen — wenn sie jung sind. Vielen Eltern fällt das nicht leicht. Sie müssen sich abplagen, um für den Unterhalt zu sorgen, und oft läßt es sich nicht vermeiden, daß beide arbeiten gehen. Eltern, die bereit und imstande sind, Opfer zu bringen, um mehr Zeit für ihre Kinder zu haben, erleben oft die Freude, daß ihre Söhne und Töchter im Leben besser zurechtkommen. Doch wie schon erwähnt, verursachen Kinder mitunter schwerwiegende Probleme, obwohl sich die Eltern alle Mühe geben.
Hilfe von Freunden und anderen Erwachsenen
Erwachsene, denen wirklich etwas an Jugendlichen liegt, sind besonders gefordert, wenn es Schäden zu beheben gilt, die durch Krieg, Vergewaltigung oder Mißhandlung angerichtet wurden. Es kommt vor, daß Jugendliche, die durch solche negativen Erlebnisse traumatisiert worden sind, auf Hilfsangebote nicht ansprechen. Unter Umständen muß man viel Zeit und Mühe investieren. Sicher wäre es unklug und lieblos, ihre Nöte herunterzuspielen oder sie kurz abzufertigen. Können wir unser emotionales Potential etwas besser ausschöpfen und die Liebe und Güte zeigen, durch die man Zugang zu gefährdeten Jugendlichen findet?
Nicht nur die Eltern, sondern auch Freunde und Geschwister sollten ihren Blick schärfen, um Tendenzen für eine labile und möglicherweise gestörte Geistesverfassung zu entdecken. (Siehe den Kasten „Fachkundige Hilfe angezeigt“, Seite 8.) Sind Anzeichen dafür vorhanden, darf man nicht zögern, jungen Leuten ein hörendes Ohr zu schenken. Wenn möglich, sollte man versuchen, beunruhigte Jugendliche mit freundlichen Fragen aus der Reserve zu locken, um ihnen deutlich zu machen, daß man ein echter Gefährte ist. Vertraute Freunde und Verwandte können den Eltern eventuell helfen, mit schwierigen Situationen umzugehen, aber sie tun gut daran, nicht die Elternrolle zu übernehmen. Sehr oft sind die Selbstmordabsichten Jugendlicher eine verzweifelte Bitte um Aufmerksamkeit — elterliche Aufmerksamkeit.
Eins der besten Geschenke, die man Jugendlichen machen kann, ist eine sichere Hoffnung auf eine glückliche Zukunft, eine Motivation zum Leben. Viele Jugendliche sind zu der Überzeugung gelangt, daß die biblischen Verheißungen eines nicht mehr fernen besseren Weltsystems wahr sind.
Vor einem möglichen Selbstmord bewahrt
Eine junge Japanerin, die häufig mit dem Gedanken an Selbstmord spielte, berichtet: „Wie oft wollte ich schon diesen Weg gehen! Als kleines Mädchen bin ich von jemandem, dem ich vertraut habe, sexuell mißbraucht worden. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich in der Vergangenheit geschrieben habe: ‚Ich will sterben.‘ Inzwischen bin ich eine Zeugin Jehovas geworden und diene als Vollzeitpredigerin, doch von Zeit zu Zeit drängen sich mir immer noch Selbstmordgedanken auf. ... Jehova hat dafür gesorgt, daß ich noch lebe, und er scheint mir liebevoll zu sagen: ‚Bleib am Leben!‘“
Ein 15jähriges Mädchen aus Rußland erzählt: „Als ich acht Jahre alt war, begann ich, mir überflüssig vorzukommen. Da meine Eltern keine Zeit für mich hatten, versuchte ich, meine Probleme allein in den Griff zu bekommen. Ich kapselte mich ab. Ständig lag ich mit meinen Angehörigen im Clinch. Dann hatte ich Selbstmordgedanken. Ich bin so froh, daß ich Zeugen Jehovas kennengelernt habe!“
Und die ermutigenden Äußerungen der Australierin Cathy, die mittlerweile Anfang 30 ist, zeigen, daß sich Verzweiflung in Hoffnung verwandeln kann. Sie sagt: „Ich träumte immerzu von verschiedenen Methoden, mir das Leben zu nehmen, und unternahm schließlich auch einen Selbstmordversuch. Ich wollte weg aus dieser leeren Welt, die einen nur kränkt und wütend macht. Durch meine Depressionen fiel es mir schwer, aus dem ‚Spinnennetz‘ zu entkommen, in dem ich mich gefangen fühlte. Deshalb erschien mir Selbstmord damals als Ausweg.
Als ich zum erstenmal von der Möglichkeit hörte, daß die Erde zu einem Paradies wird, in dem alle ein friedliches, glückliches Leben führen, sehnte ich mich richtiggehend danach. Aber es kam mir wie ein unerfüllbarer Traum vor. Nach und nach verstand ich dann jedoch, wie Jehova über das Leben denkt und wie kostbar jeder von uns in seinen Augen ist. Ich kam allmählich zu der Überzeugung, daß es eine Zukunftshoffnung gibt. Endlich konnte ich mich aus dem ‚Spinnennetz‘ befreien. Doch das war gar nicht so einfach. Zeitweise überfielen mich wieder Depressionen, und ich war schrecklich verwirrt. Aber dadurch, daß ich Jehova Gott in den Mittelpunkt meines Lebens rückte, war ich ihm sehr nah und fühlte mich sicher. Ich danke Jehova für alles, was er für mich getan hat.“
Keine Jugendlichen mehr, die sterben
Durch ein Studium der Bibel kann einem jungen Menschen klarwerden, daß er etwas Besseres zu erwarten hat — das, was der christliche Apostel Paulus das „wirkliche Leben“ nannte. Er riet dem jungen Timotheus: „Gib denen, die reich sind ..., Weisung, ... ihre Hoffnung nicht auf unsicheren Reichtum zu setzen, sondern auf Gott, der uns alle Dinge reichlich darbietet zum Genuß; Gutes zu wirken, reich zu sein an vortrefflichen Werken ..., indem sie für sich sichere Schätze sammeln als vortreffliche Grundlage für die Zukunft, damit sie das wirkliche Leben fest ergreifen“ (1. Timotheus 6:17-19).
Der Rat des Paulus beinhaltet, daß man mit anderen Kontakt aufnimmt und ihnen zu einer festen Zukunftshoffnung verhilft. Das „wirkliche Leben“ ist das, was Jehova für die neue Welt versprochen hat — „neue Himmel und eine neue Erde“ (2. Petrus 3:13).
Viele ehemals gefährdete Jugendliche haben eingesehen, daß Drogenmißbrauch und ein unmoralischer Lebensstil nichts weiter sind als ein langer, kurvenreicher Weg zum Tod — mit Selbstmord als Abkürzung. Ihnen ist bewußt geworden, daß die heutige Welt mit ihren Kriegen, ihrem Haß, ihrem destruktiven Verhalten und ihrer Lieblosigkeit bald abtreten wird. Sie haben erfahren, daß das gegenwärtige Weltsystem nicht mehr zu retten ist. Sie sind tief im Innern überzeugt, daß Gottes Königreich die einzige reale Hoffnung ist, weil dadurch eine neue Welt geschaffen wird, in der Jugendliche und überhaupt alle gehorsamen Menschen nicht mehr sterben müssen — und auch keiner mehr sterben will (Offenbarung 21:1-4).
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