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Fehleinschätzungen mit fatalen FolgenErwachet! 2009 | August
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Zwei Schüsse, die die Welt veränderten
Bedingt durch lange bestehende Rivalitäten hatten sich die Spannungen zwischen den europäischen Großmächten schon vor 1914 sehr verschärft. Es waren zwei gegeneinandergerichtete Bündnisse entstanden: der Dreibund (Deutsches Reich, Österreich-Ungarn und Italien) und die Triple-Entente (Großbritannien, Frankreich und Russland). Zudem waren die Bündnispartner mit einer Reihe anderer Nationen politisch und wirtschaftlich verbunden — auch mit den Balkanländern.
Der Balkan war damals ein Unruheherd. Die Unzufriedenheit mit der Herrschaft der Großmächte nahm zu. Überall gab es Geheimbünde, die die Unabhängigkeit auf ihre Fahnen geschrieben hatten. In diesem Umfeld plante ein Kreis junger Männer, den österreichischen Erzherzog Franz Ferdinand während seines Besuchs in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo am 28. Juni umzubringen.a Das geringe Polizeiaufgebot erleichterte ihnen die Ausführung ihres Plans. Allerdings waren die potenziellen Attentäter nicht besonders gut ausgebildet. Einer warf eine kleine Bombe, die aber das Ziel verfehlte. Die anderen traten gar nicht erst in Aktion, als die Reihe an ihnen war. Gavrilo Princip gelang schließlich das Attentat — allerdings nur durch reinen Zufall.
Als Princip sah, dass der Erzherzog nach dem Bombenattentat unverletzt vorbeifuhr, versuchte er zum Wagen vorzudringen, jedoch ohne Erfolg. Entmutigt ging er über die Straße in ein Kaffeehaus. Später beschloss der Erzherzog, empört über das versuchte Bombenattentat, die Fahrtroute zu ändern. Da der Chauffeur über die veränderten Pläne nicht im Bilde war, bog er an der falschen Stelle ab und musste zurücksetzen. Genau in dem Moment kam Princip aus dem Kaffeehaus. Er sah sein Opfer förmlich auf dem Präsentierteller vor sich: Keine drei Meter entfernt saß Franz Ferdinand in einem offenen Wagen. Princip ging auf den Wagen zu, feuerte zwei Schüsse ab und tötete damit den Erzherzog und seine Frau.b Der blauäugige serbische Nationalist ahnte wohl kaum, welche Lawine er damit lostrat. Doch man kann ihm nicht die Alleinschuld für die entsetzlichen Gräuel geben, die folgen sollten.
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Die Lawine rollt
Wenngleich sich bei einer offiziellen Untersuchung des Attentats auf den Erzherzog eine Mittäterschaft der serbischen Regierung nicht nachweisen ließ, war Wien entschlossen, der slawischen Propaganda im Reich nun ein für alle Mal ein Ende zu bereiten. Wie der Historiker J. M. Roberts sagt, musste aus österreichischer Sicht „Serbien eine Lektion erteilt werden“.
Der russische Botschafter in der serbischen Hauptstadt, Nikolaj Hartwig, arbeitete an einer eventuellen Kompromisslösung, um die Lage zu entschärfen. Er starb jedoch völlig unerwartet an einem Herzanfall — mitten in einer Besprechung mit dem österreichischen Gesandten. Am 23. Juli stellte Österreich Serbien schließlich eine Liste von Forderungen zu, die einem Ultimatum gleichkam. Da Serbien nicht alle Forderungen annehmen konnte, brach Österreich umgehend die diplomatischen Beziehungen ab. In diesem entscheidenden Moment versagte die Diplomatie.
Es gab zwar schon noch Vermittlungsversuche. Zum Beispiel sprach sich Großbritannien für eine internationale Konferenz aus. Und der deutsche Kaiser ersuchte den russischen Zaren dringend, von einer Mobilmachung abzusehen. Aber die Lage geriet außer Kontrolle. „Staatsmänner, Generäle und ganze Völker wurden vom Ausmaß der Entwicklung der Ereignisse schier überrollt“, schreibt das Buch The Enterprise of War.
Mit deutscher Rückendeckung erklärte der österreichische Kaiser am 28. Juli Serbien den Krieg. Russland, das Serbien unterstützte, versuchte den Zugriff Österreichs abzuwenden, indem es die Entsendung von rund einer Million Soldaten an die russisch-österreichische Grenze bekannt gab. Da dadurch allerdings die russisch-deutsche Grenze ungeschützt gewesen wäre, ordnete der Zar, wenn auch widerstrebend, die Generalmobilmachung an.
Der Zar bemühte sich noch, dem deutschen Kaiser zu versichern, dass er es nicht auf Deutschland abgesehen habe, doch durch die russische Mobilmachung war die Umsetzung der deutschen Kriegspläne nicht mehr zu bremsen. Am 31. Juli begann Deutschland nach dem Schlieffen-Plan vorzugehen: Am 1. August erklärte es Russland und zwei Tage später Frankreich den Krieg. Der Plan sah vor, durch Belgien zu marschieren. Nun drohte Großbritannien damit, Deutschland den Krieg zu erklären, falls es die belgische Neutralität tatsächlich verletzte. Am 4. August zogen deutsche Truppen in Belgien ein. Damit waren die Würfel gefallen.
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b Neben dem Erzherzog hatte es Princip eigentlich auf den Gouverneur von Bosnien, General Potiorek, abgesehen, der mit dem Thronfolgerpaar im selben Wagen saß. Princip verfehlte jedoch sein Ziel und traf die Ehefrau des Erzherzogs.
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[Bild auf Seite 19]
Das Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand
[Bildnachweis]
© Mary Evans Picture Library
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